Das also lieber Freund bin ich: Patrick!

GeschichteAllgemein / P16 Slash
29.05.2015
14.01.2016
17
19855
3
Alle
20 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
 
Lieber Freund,

Charlie meinte….also, Charlie ist mein Freund. Nein, nicht so ein Freund, einfach nur ein Freund. Ein guter Freund – mein bester Freund.
Also, Charlie meinte, dass ich dir schreiben soll. So, wie er es getan hat. Dass du gut zuhörst und dich nicht weiter einmischst. Dass ihm das geholfen hat.
Damals.
Als es so schwer für ihn war.
Und er denkt, dass es auch schwer für mich war. Einige Zeit, bevor ich Charlie kennen lernte und noch einige Zeit danach. Eigentlich immer noch. Es ist schwer.
Schwer, ich zu sein. Und dabei wollte ich nie was anderes, als ich zu sein.
Hey, ich war immer der Clown. Der, über den sie lachten. Der, den sie „Nichts“ nannten.
Klar, es ist cool, sie zum Lachen zu bringen. Und man sieht dabei aus, als könnte einem nichts und niemand wehtun.
Aber so einfach ist es nicht.
Brad…
Es tat richtig weh. Tut es immer noch. Verdammt scheiße weh.

Wer ist Brad, wirst du jetzt fragen.
Wo soll ich anfangen? Ich würde viel lieber von Charlie erzählen, das tut nicht so weh.
Eigentlich tut es überhaupt nicht weh. Er ist mein bester Freund und das sollte verdammt noch mal nicht wehtun.
Aber, es gibt da diesen feinen Unterschied – zwischen Liebe und Freundschaft.
Klar könnte ich Charlie lieben…er ist ein wirklich liebenswerter Freund. Aber er ist nun mal nicht so, was auch gut ist. Deshalb glaube ich, dass wir für immer Freunde bleiben können.
Nicht so, wie Brad und ich.
Brad hat mich verraten. Aufs Übelste.
Immer und immer wieder. Deshalb tut es auch so weh.

Wir waren damals zusammen auf dieser Party. Nicht zusammen dort, aber beide gleichzeitig anwesend. Brad, der Football-Crack, der vorlaute Brad, auf den die Mädchen durchaus ein Auge geworfen hatten oder mehr…
Na ja, die Party neigte sich dem Ende zu und der Alkohol auch, was bedeutete, dass wir denselbigen intus hatten.

Alle wussten das über mich. Und die, die es nicht wussten, ahnten es, oder bekamen es von denen, die es wussten, gesagt. Es war also ein „offenes Geheimnis“. Und ich tat nicht gerade viel dafür, es zu verstecken.
Von Brad wusste es niemand. Ahnte es noch nicht mal irgendwer. Nicht mal ich.
Doch nach diesem Abend wusste ich es. Nach der ersten, mehr zufälligen Berührung und einem alles andere als zufälligen Kuss.

Ich konnte gut damit umgehen. Brad überhaupt nicht. Und klar, sein Vater…
Das Übliche halt. Dass er ihn erschießen würde, oder zumindest verprügeln usw.
Ich hatte das schon gehört. Aber ich kannte es nicht aus meinem Leben. Meine Familie war anders. Liberaler. Liebevoller. Es war einfach kein Thema bei uns. Jedenfalls kein Negatives. Es wurde als selbstverständlich akzeptiert. Auch von Sam.
Sam? Sie ist meine Stiefschwester und oh Mann….wenn ich jemals eine Schwester haben wollte, dann so eine wie Sam. Sie ist so unglaublich….und sie weiß es nicht.
Ist ständig mit irgendwelchen Typen zusammen, die ihr nicht gut tun. Die sie nicht verdient haben. Und immer wieder geht es ihr schlecht dabei.
Aber, was soll ich sagen…mir geht’s mit Brad genauso. Mir ging es mit ihm genauso.

Also, seit jenem Abend auf dieser Party waren wir sozusagen „zusammen“. Wenn man das wirklich so nennen kann. Auch, wenn unser „zusammen“ völlig anders aussah, als Sams Zusammensein.
Wir waren nur heimlich zusammen. Immer nur heimlich.
Heimlich und betrunken. Heimlich und bekifft. Betrunken und bekifft. Was Brad betraf.
Nicht mich. Es war, als könnte er das Ganze nur im berauschten Zustand ertragen.
Am Anfang bekam ich es nicht wirklich mit, erst im Laufe der Zeit.
Immer zuerst was trinken, oder rauchen, dann das Andere. Irgendwann fiel es mir wie Schuppen von den Augen, dass ich Brad nur im angetrunkenen Zustand küssen durfte, nur zugedröhnt anfassen durfte.
Das war doch kein echtes zusammen Sein. Zuerst leugnete er, was nicht zu übersehen war, dann schließlich gab er es zu. Und versprach, sich zu ändern.
Himmel, ich litt  wie ein Hund. Ganz ehrlich.
Oder wie soll man sich dabei schon fühlen?
Aber gut, es besserte sich. Er besserte sich. Wenigstens dahingehend.
Die Heimlichkeiten hörten davon zwar nicht auf, aber ich fühlte mich ein wenig besser.

Brad überraschte mich noch in weiterer Hinsicht…
Das ist ein wenig schwierig zu erklären, lieber Freund. Na ja, wie soll ich sagen, es ist ein wenig intim.
Brad, dieser grob gestrickte Klotz, der gern ein wenig angab, vor seinen Freunden, vor den Mädels und überhaupt…
Scheiße, ich kann das einfach nicht schreiben..

Charlie, Hilfe, warum hab ich mir das angetan? An diesen Freund zu schreiben…
Was hast du mir da nur empfohlen? Verdammt!

Brad….Brad, dieser unsensible Mistkerl…er wollte, ja genau, ER wollte es. Du weißt schon…nicht ich war es, der es wollte, nein er bestand darauf. Ganz ehrlich!
Ich lag oben. Das erstaunte mich am meisten.
Damit hätte ich nie im Leben gerechnet. Dass einer so spielen kann. Im wirklichen Leben immer so auf hart und tough macht und dann das….
Und noch viel mehr überraschte ich mich selbst. Ich, der Clown, das „Nichts“, hey, ich fand es gut. Ich bestimmte. Ich gab den Ton an. Wusste nicht, dass das in mir steckte.
Und ja, es machte mir Spaß. Unglaublichen Spaß!

Sorry, vielleicht willst du das gar nicht hören. Aber Charlie meinte, ich kann dir ruhig alles erzählen, dass du gut zuhören kannst und es dich nicht stört. Kein bisschen, meinte Charlie.
Dass er dir auch so einiges erzählt hätte. Na ja, war ja auch viel los bei ihm, im letzten Jahr.

Bei mir ja auch….

Das mit Brad ging ein paar Monate. So richtig glücklich war ich über unsere Heimlichkeiten nicht, aber was sollte ich schon tun. Er wäre niemals zu mir gestanden. Wirklich niemals! So war er einfach nicht. Das konnte er nicht. Wollte er nicht und konnte er nicht. Und nicht nur wegen seines Vaters – aber eben auch wegen seines Vater.
Und seinen Kumpels hätte er es auch niemals erzählt. Er wollte einfach nicht so sein – aber gut, wer will schon freiwillig schwul sein? Wärst du bestimmt auch nicht, lieber Freund.
Mir, mir macht es weniger aus, ich bin schon immer so, so lange ich mich erinnern kann. Hab mich daran gewöhnt. Und die meisten, die es wissen, auch.

Aber Brad? Gar nicht dran zu denken. Never!

Tja, bis zu dem Tag, an dem sein Dad zu früh nach Hause kam.

Ich dachte, er erschlägt Brad. Wirklich, das dachte ich. Alles was ich sagte, half kein bisschen – nein, es brachte ihn noch mehr in Rage. Er schlug nur so auf Brad ein. Unglaublich heftig und unglaublich lange. Und dann warf er mich hinaus.

Brad kam danach tagelang nicht  zur Schule. Ich dachte schon, sie wären umgezogen.
Und als er dann wieder erschien, war er ein anderer geworden.
Nicht nur äußerlich. Er sah verdammt scheiße aus: geschwollenes Gesicht und überall Blutergüsse und irgendein dumpfer, brütender Gesichtsausdruck. Und gebrochen.
Er sah mich nicht mal an. Kein einziges Mal. Kein einziger Blick. Da war mir klar, dass es vorbei war. Ein für alle Mal.

Und es kam noch schlimmer.

Als ich versuchte, mit Brad zu reden, nannte er mich lautstark eine „Schwuchtel“ und er wiederholte es noch lauter, als ich: „wie Bitte“ sagte. Und dann ging ich auf ihn los. Was dann passierte, weiß ich nicht mehr so genau. Brads Kumpels schlugen wohl alle auf mich ein, auch, als ich schon am Boden lag. Und  dann kam Charlie und machte sie fertig. Ja, Charlie schlug sie förmlich in die Flucht. Unglaublich. Er hat mir sonst was gerettet. Vielleicht die Nieren oder die Leber, oder beides zusammen, vielleicht auch mein ganzes verdammtes Leben.

Und das ist schon ein Ding, wenn man das einem Freund verdient.
Sogar Brad hat sich bei ihm bedankt, dass er seine Kumpels gestoppt hat.
Aber mit mir hat er nie wieder auch nur ein Wort gesprochen. Das war vorbei.
Bittere Lektion. Echt bitter.

Na ja, ich bin jetzt an der Universität und Charlie muss noch weiter zum College gehen. Und ich weiß nicht, für wen das schlimmer ist. Ich schätze, für ihn.
Denn wir alle durften in die weite Welt hinaus gehen und er sitzt ohne uns noch seine Zeit ab. Nur mit den Erinnerungen an ein echt tolles Jahr.

Richtig toll und ja, richtig schmerzhaft. Auch für Charlie.

Aber das ist eine andere Geschichte. Eine verdammt traurige. Eine, die einen echt wütend macht. Was Charlie passiert ist, übertrifft sogar das mit Brad. Wirklich übel.
Mir tut die Sache mit Brad noch ziemlich weh, aber wenn ich an Charlie denke…
Hey Kumpel, dann könnte ich heulen.
Ich erzähl es dir im nächsten Brief. Dir wird’s genauso gehen, das verspech ich dir.

Patrick
Review schreiben
 
'