It's okay, I know someday I'm gonna be with you

von kuyami
GeschichteRomanze / P18 Slash
Ardy Taddl/Meatcake
28.05.2015
10.07.2015
10
62.747
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28.05.2015 4.872
 
Titel: It's okay, I know someday I'm gonna be with you
Fandom: Youtuber
Pairing: Ardy / Taddl
Rating: P18-Slash

Anmerkungen:
1) Dieser Teil stellt eine Fortsetzung meiner anderen bisherigen Storys dar und bildet deren Abschluss - kann jedoch auch eigenständig gelesen werden. Wer dennoch in die anderen Storys reinlesen möchte, findet diese auf meinem Profil =)
2) Eigentlich halte ich es für unnötig, auf sowas extra hinzuweisen, aber da das glaube ich nicht alle so sehen wie ich: Viele haben bestimmt schon gemerkt, dass ich mir bei meinen Storys  sowas wie meine eigene kleine „Tardy-Welt“ aufgebaut habe, die nichts mit der Realität zu tun hat. Fiktion lautet das Stichwort ;) Ähnlichkeiten zur Realität sind unbeabsichtigt und stehen teilweise auch schon länger in dieser Story festgeschrieben, ehe sie wirklich passiert sind.

Mich würde es wirklich sehr interessieren, was ihr von dieser Story haltet. Also bevor ihr euch für euch allein ärgert, was ich denn bitte in dieser Story angestellt habe, hinterlasst mir doch ein Review ;)


Viel Spaß! =)



Beschädigte Traumwelt – nicht nur beschädigt, sondern mehr als zerstört


Maybe we’ll meet again,
when we are slightly older
and our minds less hectic,
and I’ll be right for you and
you’ll be right for me.
But right now
I am chaos to your thoughts
and you are poison to my heart.
(Unknown)





Irgendwann hatte es ja passieren müssen – das versuchte er sich die ganze Zeit zu sagen. Versuchte sich dadurch einzureden, dass es schon alles richtig so war wie es war. Aber es tat dadurch nicht weniger weh, so sehr er es sich auch wünschte.

Sich von seinem Freund zu trennen war vermutlich nie schön. Außer, er hatte einen verletzt, natürlich. Aber Taddl hatte ihm nicht weh getan. Ganz im Gegenteil. Er hatte mit ihm Schluss gemacht, weil er das Beste für ihn wollte.
Wie verdammt bescheuert das klang... aber mittlerweile verstand er es. Und trotzdem tat es weh.

Denn irgendwann war der Punkt gekommen, an dem er sich hatte entscheiden müssen. Entscheiden, was er mit seinem Leben machen wollte.
Seit Wochen, Monaten hatte er schon keine Videos mehr produziert und wenn er ehrlich zu sich selbst gewesen wäre, dann hätte er schon viel früher damit aufgehört – oder sich zumindest eingestanden, dass er das nicht weiter machen wollte.

So hatte es jedoch lange gedauert und er hatte viel nachgedacht. Laut, leise, allein und zu zweit. Doch am Ende war er zu dem Schluss gekommen, die einzig richtige Entscheidung zu treffen indem er Youtube an den Nagel zu hängte.

Der Spaß, weswegen er damals angefangen hatte, Videos zu produzieren - gemeinsam mit Tommy -  war schon sehr sehr lange Zeit verschwunden. Er erinnerte sich nicht einmal mehr daran, wann er bei der Aufnahme eines Videos das letzte Mal Spaß gehabt hatte.
Die Videos mit Tommy waren lustig gewesen. Qualitativ absolut unterirdisch, aber dennoch für die damalige Zeit nicht schlecht. Und vor allem waren sie einfach genau das gewesen, was er hatte machen wollen. Es hatte Spaß gemacht, sich ein Konzept auszudenken, gemeinsam zu planen, wie sie das am besten umsetzen konnten und dann mit seinen schlechten Schauspielleistungen vor der Kamera zu stehen.
Er hatte sich sogar immer gerne an die Bearbeitung der Videos gesetzt, hatte sein ganzes Herzblut in die Effekte und den Schnitt gesteckt. Doch irgendwo und irgendwann auf diesem langen Weg von den alte MirrorzFX-Videos über die 'Did you know'-Folgen bis hin zu den LetsPlays war das auf der Strecke geblieben.

Es war langsam aber sicher demontiert und zerstückelt, schließlich ersetzt worden von den tagtäglichen Entscheidungen, was er vor der Kamera sagen konnte und was er später herausschneiden musste. Was er anziehen konnte, das zwar ihm selbst gefiel, das ihn aber auch möglichst jung aussehen ließ, um die junge Zielgruppe anzusprechen. Welchen Content er in seinen Videos verarbeiten durfte, der zwar ihm selbst einigermaßen gefiel, aber auch möglichst viele Zuschauer ansprach. Und ständig in seinem Hinterkopf die nagende Frage, ob er das wirklich tun konnte. Denn so stellte er das Geld verdienen über seine Authentizität.

Authentizität war überhaupt das große Stichwort... tagtäglich hatte er damit zu kämpfen. Er wollte nicht lügen, wollte der Community kein falsches Bild von sich vermitteln. Doch es war gar nicht so einfach und er rutschte schneller hinein, als ihm bewusst war.

Manche Teile seines Privatlebens breitete er groß aus, teilte davon Bilder auf Instagram und kurze Gedanken auf Twitter. Andere Dinge, die einen großen Teil seines Lebens ausmachten, versteckte er komplett – einfach nur, um die breite Masse zu bedienen. Seine Beziehung beispielsweise. Taddl und er hatten sich immer verstecken müssen. Und das war so hart gewesen. Er war so jung gewesen und so verdammt verliebt. Verliebt wie noch nie. Da nach außen hin immer nur den besten Freund zu mimen war mit der anstrengendste Teil seines Tages geworden.

Und das war auch eigentlich nie das, was er gewollt hatte. Er hatte machen wollen, was ihm gefiel und wenn das auch jemand anderem gefiel, war es gut. Wenn nicht, dann eben nicht.
Doch irgendwann war dann sogar der Zeitpunkt gekommen, als er Ewigkeiten damit verbrachte, die Facecam richtig einzustellen, so dass man weder zu viel von seinem Zimmer, seiner Zuflucht, noch zu viel von ihm, seiner Persönlichkeit, sah.

Mehrmals die Woche hatte er sich die Frage stellen müssen, welches Produtplacement-Angebot er nun annehmen um damit möglichst viel Geld zu verdienen, aber seinen Zuschauern dabei vielleicht direkt oder indirekt etwas empfehlen würde, von dem er selbst eigentlich gar nicht überzeugt war. Einfach nur aus purem Egoismus. Denn es war nun wirklich nicht so, dass er es nötig gehabt hätte, noch mehr Geld anzusparen. Davon hatte er eigentlich genug.
Aber das Spiel ging weiter, immer weiter.
Youtube war kein Spaß mehr, kein lustiges Hobby zum Zeitvertreib. Es war sein Job geworden, mit dem er sich seinen Lebensstil finanzierte.

Und irgendwann war er sich nicht mehr sicher gewesen, ob er nun die Zuschauer belog oder sich selbst. Machte er das alles nur, um Geld zu verdienen oder verkaufte er damit auch schon sich und seine Seele? Hatte er die Grenze vielleicht schon lange überschritten?

Als all die Gedanken ihn zu ersticken drohten, beschloss er, dass Youtube nichts mehr war, das ihn irgendwie glücklich machen konnte. Es brachte keine Erfüllung mehr, war nur noch ein ekelhafter Zwang. Also hatte er sich entschieden. Gegen Youtube. Für sich.

Die Reaktionen darauf hätten unterschiedlicher nicht sein können. Die Zuschauer waren schockiert und wütend. Denn egal, wie lange er davor nichts mehr veröffentlicht hatte, sie hatten dennoch an dem Glauben festgehalten, dass bald wieder neue Videos kommen würden.
Seine Freunde reagierten zum Teil eher gleichgültig, hatten es teilweise schon lange geahnt und waren jetzt einfach nur in ihrer Vermutung bestätigt worden.
Und Taddl... Taddl war glücklich. Nicht, weil er mit Youtube aufgehört hatte, sondern weil er sich entschieden hatte, das zu tun, was ihm gut tat.


Einige Wochen genoss er seine neu gewonnene Freiheit; die bösen Stimmen auf sozialen Netzwerken ignorierend. Sein Tag verlief nicht viel anders als zuvor und dadurch, dass er mit Taddl nicht nur zusammen war, sondern auch mit ihm zusammen lebte, hatten sie eh immer denselben Tagesablauf.
Irgendwann merkte er jedoch, dass es das nicht sein konnte. Dass das Leben doch noch irgendwie mehr für ihn bereit halten musste, als mittags aufzustehen, mit Taddl zu frühstücken, nachmittags in Taddls Bett zu liegen und ihm beim Aufnehmen der LetsPlays zuzuhören und ihm abends dabei zuzusehen, wie er die Videos bearbeitete und hochlud.
Es musste mehr geben, als danach noch irgendwelche stumpfsinnigen Serien anzuschauen und dann vielleicht nach ein bisschen Sex kaputt einzuschlafen. Geschafft vom nichts tun. Das konnte es nicht sein. Er hatte doch wirklich mehr drauf.

Also hatte er angefangen, nach Alternativen zu suchen, was er jetzt mit seinem Leben so anfangen könnte.
Und auch, wenn er es zu der Zeit nie zugegeben hätte, so wusste er jetzt, dass Taddl Recht gehabt hatte. Denn er hatte sich dabei komplett an Taddls Worten orientiert.
Hatte Taddl ihm diesen oder jenen Vorschlag gemacht, war er plötzlich dafür Feuer und Flamme gewesen. Entdeckte Taddl daran etwas Negatives, ließ er die Idee wieder fallen.

Ob er es getan hatte, weil ihm selbst nichts anderes eingefallen war, weil er Taddl hatte gefallen wollen oder weil er einfach nur immer denselben Weg hatte einschlagen wollen wie sein Freund, wusste er nicht.
Doch Taddl war irgendwann sehr genervt davon gewesen.
Sie hatten stundenlange Gespräche darüber geführt, dass er doch seine eigenen Entscheidungen treffen sollte, die nichts mit ihm zu tun hatten. Hatten sich deswegen so heftig gestritten, dass sie tagelang nicht miteinander gesprochen hatten.

Und dennoch hatte er einfach nicht gewusst, wie er es anders machen sollte, als sich an den Worten seines Freundes zu orientieren. Irgendwie hatte er es auch schon immer so gemacht. Denn an seiner Seite war immer jemand gewesen, an dem er sich hatte orientieren können. Erst Tommy und Chan, dann Taddl. Nur sehr selten hatte er den Mut gehabt, etwas komplett für sich zu entscheiden.

Damit schürte er die negative Stimmung zwischen Taddl und ihm jedoch mit jedem Tag mehr. Dessen war er sich bewusst, konnte es jedoch auch nicht abstellen. Er hatte es noch nie anders gemacht und jetzt, wo er seinen Weg ändern sollte, fühlte er sich furchtbar verloren und blieb lieber auf sicheren Pfaden. Bei Taddl.

Mit jedem Streit war es schlimmer geworden. Es war keine wirkliche Distanz zwischen ihnen entstanden, dafür waren sie sich viel zu nah und hatten viel zu viel Versöhnungssex. Aber es hatte sich immer mehr heraus kristallisiert, dass er keine Ahnung hatte, wo er mit seinem Leben hin wollte und auf Anweisungen von Taddl wartete. Und dass Taddl genau damit überhaupt nicht klar kam.

Das war so lange mehr oder weniger gut gegangen, bis Taddl irgendwann in sein Zimmer gekommen war, ihn mitgenommen hatte, ganz ruhig und unaufgeregt. Hatte ihn ins Wohnzimmer geführt und sich mit ihm auf die Couch gesetzt. Hatte seine Hand gehalten und dann die Worte ausgesprochen, die immer noch in seinen Ohren klangen:
„Ach Ardy... so geht das doch nicht weiter mit uns.“
Und dann... hatten sie sich getrennt. Einfach so. Ganz ruhig und unaufgeregt.
Vielleicht hatte er damals schon gewusst, dass es das Richtige war, vielleicht hatte er ab einem gewissen Zeitpunkt resigniert oder vielleicht war er auch einfach nur so leer gewesen, dass er gar nicht gewusst hatte, was er dazu noch hätte sagen sollen.

Das Gespräch, das sie führten, war vermutlich das ehrlichste, das sie jemals gehabt hatten. Es zerstörte die einen Hoffnungen und schürte die anderen, verpasste ihm schmerzhafte Tritte in die Magengegend und lullte sein Herz in einen Wattebausch ein.
Denn es war keine Trennung, weil sie sich nicht liebten. Das war nicht das Problem, war es noch nie gewesen. Das stellten sie auch nochmal beide klar.
Es ging darum, dass Ardy sich nicht auf sein eigenes Leben, seine eigenen Wünsche konzentrieren konnte, während er so an Taddl hing.
Und Taddl ging es dabei ähnlich, da er ebenfalls ständig im Hinterkopf hatte, wie Ardy wohl dieses oder jenes finden würde oder ob er ihm im einen oder anderen Bereich gerne nacheifern würde.

Sie liebten sich so, wie sie waren. Und das sollte nicht dadurch zerstört werden, dass sie sich irgendwie an den anderen anpassten, so dass genau das eines Tages als großer Knackpunkt zwischen ihnen stehen würde. Dass sie sich gegenseitig für getroffene Entscheidungen oder verpasste Chancen verantwortlich machten, weil sie sich nicht getraut hatten, auf sich selbst zu hören, anstatt auf ihren Partner - das wollten sie nicht.

Aber sie hatten eine feste Abmachung, an die er sich klammerte, wie ein Ertrinkender an die rettende Boje. Sie gingen jetzt beide ihren eigenen Weg – allein, getrennt voneinander.
Das ging so lange, bis sie wussten, was sie selbst noch von ihrem Leben wollten, in welche Richtung sie gehen, welchen Pfad sie einschlagen wollten. Das galt vor allem für Ardy.
Und dann würde er sich bei Taddl melden – wann immer ihm danach war und egal, wie lange es dauerte.
Und dann, ja dann würden sie sehen, ob sich zwischen ihnen etwas verändert hatte, oder ob sie sich immer noch wollten, sich immer noch liebten, wenn jeder etwas anderes machte und vielleicht alles in seinem Leben verändert hatte.
Das war die Abmachung gewesen. Eine Trennung, aber mit der offenen Hintertür, durch die er jederzeit gehen konnte, wenn er dazu bereit war.
Und das war es auch schon gewesen. Keine Tränen, kein Drama.
Nur ein letzter, langer und viel zu intensiver Kuss.
Dann war er gegangen.


Sein erster Weg hatte ihn zu Damir geführt, der mittlerweile mit seiner Freundin eine Wohnung bezogen hatte. Ein, zwei Tage lang hatte er gar nichts gefühlt. Hatte nicht gesprochen, weil er nicht gewusst hatte, was er sagen sollte. Hatte nicht gelacht und nicht geweint, weil er nicht gewusst hatte, was das Richtige war.
Und dann war er wütend geworden. So verdammt wütend.
Auf Taddl, weil er diese Worte ausgesprochen hatte. Auf sich selbst, weil er es nicht getan hatte.

Nach einiger Zeit hatte jedoch auch seine Wut nachgelassen und er hatte es verstanden. Hatte Taddls Beweggründe verstanden und fand es fast noch schlimmer. Er wollte wirklich nur das Beste für ihn und genau das brach ihm das Herz.

Doch er fing tatsächlich an, sich Gedanken darüber zu machen, was er eigentlich wollte. Wie wollte er weiter machen? Was wollte er von seinem Leben? Wie wollte er seinen Tag gestalten, wie Geld verdienen? Was machte ihm eigentlich Spaß? Wo wollte er leben? Welche Freunde wollte er noch behalten und von welchen hatte er vielleicht schon lange genug?

Auf die meisten Fragen fand er zunächst keine Antwort. Er wusste nur eines, nämlich dass er absolut nichts mehr tun wollte, bei dem er in der Öffentlichkeit stand.
Er wollte sich nicht mehr lauter fremden Menschen präsentieren, die dann meinten, sich ein Urteil über ihn und sein Leben bilden zu können. Er hatte keine Lust darauf, irgendwelche Bilder aus seinem Leben mit der Öffentlichkeit zu teilen oder überhaupt noch irgendetwas preis zu geben. Auf gewisse Art und Weise verschloss er sich vielleicht, aber auf der anderen Seite war es etwas, das er wirklich wollte.
Und so verbrachte er eine komplette Nacht damit, all seine öffentlichen Kanäle zu löschen. Er löschte sein Twitter-Profil, jedes einzelne Foto auf Instagram, anschließend den ganzen Account, Tumblr. Einfach alles. Das Einzige, was er ließ war sein Youtube-Kanal. Dass er sich von Youtube distanzierte, hatte er schon länger mit seinen Zuschauern kommuniziert. Aber weil viele darum gebeten hatten und weil er außerdem der Meinung war, dass es einfach irgendwie zu seinem Leben dazu gehörte, zu seinem gemeinsamen Leben mit Taddl, hatte er die Videos online gelassen. Das war alles.

Am darauf folgenden Morgen, nachdem er in dieser Nacht keine einzige Minute geschlafen hatte, hatte er es dann endlich geschafft, seine Mutter anzurufen und ihr zu sagen, was passiert war.
Und als sie „Ihr kriegt das wieder hin, oder Ardian?“ gesagt hatte, da wusste er, wieso er es so lange hinaus gezögert hatte. Und nachdem er aufgelegt hatte, hatte er das erste Mal geweint.
Scheiße, wie lange hatte er schon nicht mehr geweint? Er konnte sich nicht wirklich nicht mehr daran erinnern. Andererseits wusste er auch wirklich nicht, wann das letzte Mal etwas so weh getan hatte.

Danach war dar nur diese unglaubliche Leere. Stundenlang. Tagelang.
Ihm wurde erst jetzt so richtig bewusst, dass er nie auch nur einen einzigen Gedanken daran verschwendet hatte, was er tun wollte, wenn er nicht mehr auf Youtube unterwegs war. Und noch weniger hatte er sich jemals ein Leben ohne Taddl vorgestellt. Doch genau das war es gerade. Er hatte im Moment einfach nichts mehr.
Keine Wohnung, keinen Job, kaum Freunde, die nichts mit Youtube zu tun hatten, keinen Freund, keinen besten Freund, keinen Mitbewohner, keine Perspektive.

Es dauerte lange, bis er das als Neustart, als etwas Positives sehen konnte. Er war so frei wie nie, abhängig von nichts und niemandem und konnte tun und lassen was er wollte. Es dauerte, aber er kam wieder besser zurecht.
Er passte sich dem Tagesrhythmus von Damir und seiner Freundin an, stand morgens auf, frühstückte, verbrachte den Vormittag mit Recherche im Internet, was er überhaupt für Möglichkeiten für die Zukunft hatte, aß zur Mittagszeit Mittag, verbrachte nachmittags viel Zeit mit seinem Longboard und ging nachts trotzdem zu spät ins Bett. Immer so spät, dass er kaum noch die Augen offen halten konnte. So, dass er gleich einschlief, sobald er auf seinem provisorischen Bett lag und ja nicht nachdachte. Vor allem nicht über Taddl.

Als Damir ihm dann irgendwann beim Zocken zu zweit steckte, dass es gerade mit seiner Freundin sextechnisch nicht so gut lief, weil sie sich schämte, wenn Ardy mit in der Wohnung war, machte er sich am nächsten Tag sofort daran, sich eine Wohnung zu suchen. Das Letzte, das er wollte war,mit seinem zersplitterten Leben auch noch ein anderes zu zerstören.

Aber so schnell fand er keine Wohnung – zumal er ja nicht Mal wusste, wohin er eigentlich ziehen wollte. Damir und seiner Freundin noch länger zur Last fallen wollte er allerdings auch nicht. Freunde, bei denen er hätte unterkommen können und die nichts mit Taddl zu tun hatten, hatte er nicht. Also wählte er die vorerst einzige Option und fragte seine Mutter, ob er nicht vorerst wieder zu ihr kommen könnte.
Sie hatte damit natürlich kein Problem, doch alles in ihm sträubte sich dagegen, mit 24 tatsächlich wieder bei seiner Mutter und seinen kleinen Geschwistern zu wohnen. Aber was hatte er gerade schon für eine Wahl?
Vielleicht kam er hier, so weit weg von Köln, ja wenigstens zur Ruhe und konnte sich mal darüber klar werden, in welche Richtung sein Leben verlaufen sollte.

Doch er musste feststellen, dass sein Leben nicht mit der exponentiell steigenden Kurve verlief, mit der es in der Zeit bei Damir begonnen hatte.
Ihm fiel es schon schwer, wieder in seinem alten Bett zu schlafen, weil er hier das erste Mal mit Taddl gekuschelt, das erste Mal mit ihm geschlafen hatte. Hier hatte alles angefangen und ihm tat alles weh.
Also versuchte er sein Zimmer umzustellen, schob alles hin und her und warf sein altes Regal auf den Sperrmüll. Doch es waren nicht mehr als klägliche Versuche. Er hatte trotz alledem keine Lust, sich mit seiner Zukunft zu beschäftigen, wo er doch eh nicht wusste, wo sie ihn hinführen sollte. Also verbrachte er die Vormittage meist im Bett, schlief viel zu lange und sah sich viel zu viele Videos an. Vor allem viel zu viele von Taddl.
Nachdem sie sich getrennt hatten, waren von Taddl einige Zeit lang keine Videos mehr gekommen. Doch trotz all der Nachfragen der Zuschauer hatte er nie darauf geantwortet. Was hätte er auch sagen sollen? Dass er so eben eine Beziehung beendet hatte, von der keiner gewusst hatte? Eher nicht.
Aber irgendwann hatte er mit einem neuen LetsPlay angefangen und Ardy sog jede Minute gierig auf. Es war alles, was er von Taddl gerade eben noch hatte und was er bekommen konnte.
Und so suhlte er sich in seinem Selbstmitleid. Stundenlang, tagelang. Mittlerweile fast seit Wochen.

Dass ausgerechnet Luan ihn da wieder heraus holen würde, hätte er nie gedacht. Doch er war nach Hause gekommen und hatte Ardy in seinem Bett gefunden. Er hatte sich noch nicht einmal die Mühe gemacht, seine Schlafklamotten zu wechseln oder zu duschen. Saß einfach nur seit Stunden in seinem Bett und sah sich alte Brudicraft-Folgen an. So erbärmlich, wie er eben nur sein konnte.
Ohne zu klopfen war Lu in sein Zimmer gekommen und hatte einen kurzen Blick auf seinen Laptopbildschirm geworfen. Danach hatte er ausgeholt und Ardy so hart mit der Faust gegen seine Schultern geschlagen, dass ihm kurz etwas schlecht geworden war.
„Jetzt hör endlich auf, so ne verkackte Pussy zu sein, verdammte Scheiße! Heb deinen hässlichen Arsch und tu endlich was! Ansonsten kriegst du da nämlich nie wieder seinen Schwanz rein!“
Er hatte ihn eindringlich angesehen, fast schon wütend. Und hatte trotz seiner eindeutigen Wortwahl relativ ruhig gesprochen.
Und danach war er wieder gegangen. Einfach so. Hatte sogar die Tür ganz leise und vorsichtig hinter sich geschlossen.
Noch Tage später hatte er Schmerzen in der Schulter und sie war geziert von einem großen blauen Fleck. Aber Lus Schlag hatte seine Wirkung nicht verfehlt.
Denn er fing wieder an, nachzudenken. Über seine Zukunft.

Auch wenn er es ihm gegenüber nicht zugeben würde, hatte Lu Recht gehabt. Wenn er nichts änderte und nicht heraus fand, was er tun wollte, wie sollte er dann zu Taddl zurück? Sich einfach melden mit den Worten „Achja, ich hab zwar nichts geändert, wie es eigentlich abgemacht war und werde einfach weiterhin alles machen, was du auch machst, aber ich komm dann Mal wieder zu dir zurück, ja?“
Eher nicht.
Aber solange er sich mit Taddl beschäftigte, konnte er sich nicht auf sein eigenes Leben konzentrieren, das war ihm schmerzlich bewusst geworden.

Also legte er sich selbst ein paar Regeln auf, was seinen Freund... Ex-Freund anging. Und allein schon über ihn als Ex-Freund zu denken tat weh. Doch das bestärkte ihn nur noch darin.
Er durfte keine neuen Informationen von Taddl bekommen. Das hieß, er durfte weder seine Videos anschauen, noch ihm auf irgendwelchen anderen sozialen Netzwerken folgen oder nach Informationen von ihm suchen. Kein Instagram, kein Twitter, kein Youtube. Nichts.
Außerdem durfte er nur noch einmal am Tag auf WhatsApp sehen, wann Taddl das letzte Mal online gewesen war. Vorerst. Auch das wollte er noch reduzieren.
Und als er in seinem Kopf eine Liste mit all den verbotenen Dingen erstellte, kam er sich vor wie ein trockener Alkoholiker, der sich selbst Regeln aufstelle, an die er sich halten musste, sobald er das erste Mal wieder von der Therapie nach Hause kam. Und es fühlte sich so verdammt erbärmlich an. Er fühlte sich erbärmlich.
Aber keine neuen Informationen von Taddl zu erhalten war ihm wirklich wichtig. Er verbot sich auch selbst, mit ihren gemeinsamen Freunden über ihn zu sprechen. Dass sie beide sich getrennt hatten, wussten mittlerweile alle und schon jetzt kristallisierte sich heraus, wer den Kontakt mit ihm trotzdem noch hielt und wer wohl nur wegen Taddl mit ihm befreundet gewesen war. Hörte das denn nie auf, dass man falsche Freunde aussortieren musste?
Das einzige, was erlaubt war, waren alte Fotos und Videos zu sehen. Aber nur manchmal. Nur dann, wenn es ganz besonders schlimm war und er es gar nicht mehr aushielt. Ansonsten verschob er sie in einen Ordner auf seinem Laptop, der nur auf besonders kompliziertem Wege zu erreichen war. Nicht, dass er es sich mit einem „Hoppla, falsch geklickt“ selbst zu einfach machte, gegen seine Regeln zu verstoßen.
Das Wichtigste und auch Schwierigste war jedoch, sich nicht bei Taddl zu melden.

So war ihre Abmachung gewesen. Sie meldeten sich nicht beieinander, außer es ging einfach nicht anders. Wenn irgendetwas passierte, wo man ohne seinen besten Freund nicht weiter kam, dann würden sie da sein. Das hatten sie sich versprochen. Ansonsten würde er sich erst wieder bei ihm melden, wenn er bereit war und wenn sie dann gemeinsam herausfinden konnten, ob ihre Interessen, ihrer beider Leben noch zueinander passten – ob sie noch zueinander passten und sich immer noch genauso liebten.
Bis dahin herrschte Stille. Und das war am Schwersten.
Aber vermutlich war es das Beste.
So, wie alles hier wohl das Beste war, wenn er ehrlich war.


Und so dauerte es zwar, aber er kam voran. Irgendwie. Die Gedanken an Taddl wurden immer weniger und er beschäftigte sich immer mehr mit sich selbst. Die Zeit verging viel zu schnell.
Und so versuchte es erst mit einigen Praktika, dann sogar mit einer Ausbildung.
Es dauerte lange, bis er damit klar kam, einen geregelten Tagesablauf und jemanden zu haben, der ihm sagte, was er zu tun hatte.
Noch länger dauerte es, sich einzugestehen, dass auch sein erstes halbes Ausbildungsjahr verschwendete Zeit gewesen war.
Das war es nicht, was er wollte. Es machte ihm keinen Spaß, gefiel ihm nicht. Auch, wenn die Kollegen alle nett waren, wollte er nicht so weiter machen.
Also bewarb er sich für ein Studium, gerade noch rechtzeitig. Und wurde angenommen.
Universität Köln, Medienwissenschaften. Wintersemester 2017/2018.

Die Entscheidung, sich einzuschreiben, traf er sofort, nachdem die Bescheinigung bei ihm eingetroffen war. Er musste keine Sekunde überlegen. Vielleicht war das Studium nicht das, was er sich drunter vorstellte, das mochte sein. Aber er wollte es. Wollte Neues ausprobieren, lernen und dabei doch das nutzen, das er vielleicht eh schon kannte und konnte. Außerdem musste er hier raus. Er hatte hier schon viel zu lange gewohnt.
Und es war Köln, da musste er nicht lange überlegen.

Mittlerweile hatte er da allerdings nicht mehr viel. Zu viel Zeit war vergangen, viel hatte sich geändert. Er hatte sich verändert.
Wenn er jetzt zurück dachte an die Zeit mit Taddl, hatte er zugegebenermaßen relativ große Zweifel daran, ob es zwischen ihnen jemals wieder funktionieren konnte.
Denn ihr Leben damals... es war im Vergleich zu seinem jetzigen Leben so verdammt anders, so aufgedreht, so provozierend und auch verdammt abgehoben gewesen.

An irgendeinem Punkt hatte er tatsächlich gedacht, er hätte es geschafft und wäre besser als alle anderen. Und warum? Wegen ein paar hunderttausend Abonnenten auf Youtube, Twitter oder Instagram? Wegen dem Geld auf seinem Bankkonto?

Mittlerweile wusste er es wesentlich besser, aber damals hatte er geglaubt, er wäre ganz anders als alle anderen. Und genau das hatte er dann auch mit seinen Klamotten ausdrücken wollen. Immer anders als die anderen, immer extremer. Und im Grund war er doch genauso gewesen, wie jeder andere auch, den er auf der Straße getroffen hatte. Doch das wusste er erst jetzt, nachdem viel Zeit vergangen war.
Und ja, vielleicht auch nur, weil er jetzt nicht mehr 24 Stunden am Tag mit Taddl zusammen hing und sie in ihrer eigenen kleinen Welt schwebten, in der sie immer die Hauptpersonen gewesen waren.
Und in dieser Welt hatten sie sich angezogen, wie sie es toll fanden, hatten sich verhalten, wie sie es wollten. Und irgendwie und irgendwann hatten sie dabei dann die Bodenhaftung verloren.

Sie waren so oft in den Urlaub gefahren, dass er es schon gar nicht mehr hatte zählen können. Hatten dabei so viel Geld ausgegeben, dass ihm jetzt ganz schlecht wurde beim bloßen Gedanken daran. Doch wurden sie danach gefragt, hatten sie tatsächlich erzählt, es wäre gar nicht viel gewesen. Nicht, weil sie lügen wollten. Sondern weil es einfach in ihrer Welt, ihrer eigenen kleinen Welt, eben nicht viel Geld war.
Wenn er jetzt daran dachte, an einem einzigen Tag 600 Euro auszugeben, wurde ihm schon ganz anders. Wenn er sich dann wieder bewusst machte, dass er so viel Geld beispielsweise für eine einzige Goldkette ausgegeben hatte, die eigentlich kein Mensch wirklich brauchte, widerte er sich selbst schon fast an.
Doch es war weiter gegangen. Immer weiter.

Und in ihrer Welt benutzte man auch irgendwann keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr, sondern fuhr selbst die kleinsten Strecken mit dem Taxi - einfach, weil man es sich leisten konnte.
Kochen musste man nie lernen, wozu konnte man denn jeden Tag essen gehen? Auch das waren in ihrer Welt nur kleine Geldbeträge gewesen. Für andere viel Geld, für sie beide eine Selbstverständlichkeit.
Nicht Mal ihre eigene Wohnung mussten sie in Schuss halten. Wozu gab es denn schließlich Putzfrauen?
Heute spannte sich alles in ihm an, wenn er nur daran dachte, jemand Fremden überhaupt in seine Wohnung zu lassen und dann auch noch zu wollen, dass sie ihm seinen Dreck hinterher räumte. Nicht, weil er so beschäftigt gewesen wäre, dass er nach einer 45-Stunden-Woche nach Hause gekommen und platt gewesen wäre. Nein. Einfach nur, weil er zu faul gewesen war und sie es sich hatten leisten können. Warum auch nicht?
Nicht ein Mal ihr verdammter Schlafrhythmus war zu irgendeinem Zeitpunkt normal gewesen. nachmittags aufzustehen, abends zu Frühstücken und nachts Mittag zu essen hatte nicht viel mit dem Leben der restlichen Gesellschaft gemein. Aber genau davon hatten sie sich ja abheben wollen, also war es schon genau richtig so gewesen.

Sah er jetzt auf diese Zeit zurück, konnte er nur mit dem Kopf schütteln. Und er hatte Angst. Angst, dass Taddl und er nur so gut zusammen gepasst hatten, weil sie in ihrer eigenen Welt gelebt hatten. Weil ihnen alles andere einfach nur egal gewesen war.
Und er hatte Angst, dass das zwischen ihnen nicht deshalb so gut gewesen war, weil sie einfach zueinander passten. Weil es genau so sein musste. Taddl und Ardy. Ardy und Taddl. Sondern weil sie ab irgendeinem Zeitpunkt auch gar niemand anderen mehr gesehen hatten.

An alledem zweifelte er mittlerweile. An ihrer Beziehung, ihrer Freundschaft und manchmal sogar an ihrer Liebe.

Denn heute konnte er sich mit alledem von damals einfach nicht mehr identifizieren. Damals war es echt gewesen, er war so gewesen, sie waren so gewesen. Er war glücklich gewesen. Wirklich glücklich.

Aber würde man heute, zwei Jahre später, versuchen, ihn in dieses alte Leben zurück zu drängen, würde er sich mit Händen und Füßen dagegen wehren.
Jetzt war das nicht mehr er. Er hatte sich verändert, hatte sich weiter entwickelt.

Und jetzt ging es für ihn zurück nach Köln.
Nicht, um mit seinen besten Freunden in einem Haus zu wohnen und den meisten Tag Quatsch zu machen. Sondern um dort zu studieren. Um seine Zukunft in Angriff zu nehmen. Um sein Leben zu leben.
Köln hatte ihn wieder.
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