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Shadowrun - Seewasser

GeschichteSci-Fi / P16 / Gen
28.05.2015
28.05.2015
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71.482
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Dieses Kapitel
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28.05.2015 3.419
 
Die Zukunft ist schon da - sie ist nur nicht gerade gleichmäßig verteilt.

                                       William Gibson 31.8.1993



















An erster Stelle möchte ich Sonja danken, meinem liebsten Schatz. Danke dass du daran geglaubt hast dass dieses Buch fertig wird. Natürlich gebührt auch großer Dank allen Autoren die bisher dazu beigetragen haben das das Shadowrununiversum zu dem geworden ist was es ist. Danke für viele Stunden Spielspaß und Lesevergnügen.






















Vereinigte Kanadische und Amerikanische Staaten, Seattle










                                              1

Es war bereits zwei Uhr in der Nacht. Die flackernden Lichter der Leuchtreklame gegenüber eines für meinen Geschmack viel zu kleinen Appartements in der Nähe der 28. Straße brachen durch die halbruntergelassene Jalousie und zeichneten ein groteskes Schattenspiel an der Wand gegenüber. Mein Blick richtete sich auf den Monitor des Trids an der Wand. "Drek, zwei Uhr und drei Minuten" Ich starrte auf den Sekundenzähler und dann wieder auf die Temperaturanzeige, immer noch 36 Grad, Drek. Wieso war es noch so verdammt heiß, obwohl es schon stockdunkel war? Es fühlte sich in dieser Nacht an, als ob man in einem riesigen Backofen langsam gegart würde. Sicherlich trug die Tatsache, dass die Wände aus dünnem Fibreplast  das mit einer Art Aluminiumlegierung beschichtet war dazu bei.  Vandalismussicher! Ja klar. Was hatte der Gebäudetechniker, ein ziemlich fetter Zwerg im blauen Arbeitsanzug, dessen sehr unangenehmer Körpergeruch mir als einziges sowohl in meiner Erinnerung als auch in meiner Bude geblieben war, gesagt? Viele Klimaanlagen gingen bei diesen ekelhaft hohen Temperaturen kaputt. Sie seien unter der Dauerbelastung einfach störungsanfälliger Ecetera Drekcetera und Ersatzteile wären durch die Welle defekter Geräte inzwischen Mangelware. Er erklärte mir noch irgendetwas von einem Spezialfilter, den ich benötigte und der seit 15 Jahren nicht mehr produziert wird aber er würde sich schon darum kümmern. Warum zum Teufel hatte ich ihm nicht einen Kredstick hingehalten und versucht die Reparatur zu beschleunigen, ein paar Nuyen hätten seine Bemühungen sicher intensiviert.
Es war aber in der Mittagshitze einfach zu heiß gewesen, um mit diesem nach Zwergenschweiß und einer Mischung diverser Schmier- und Kühlflüssigkeiten stinkenden Techniker freundlich zu verhandeln. "Endlich" war mein erster Gedanke, als ich das melodische Piepen des Trids vernahm und mein zweiter war wohl "bitte lass es zur Abwechslung mal gute Nachrichten sein". Schnell richtete ich den Blick auf meinen an das Trid angeschlossenen Taschencomputer. Die Telekomüberwachungssoftware war genauso illegal wie teuer - und Chummer- sie war bisher jeden einzelnen Nuyen wert. Das Farbdisplay zeigte mehrere grüne Zahlen an und dies wiederum bedeutete, mein gemietetes kaltes Relais war aktiv und seinerseits sauber. Mein Finger glitt über das Icon auf dem Teleschirm."Ja, Mr. Jones ich hoffe sie haben gute Nachrichten für mich." Mein Johnson hieß Jones, nicht sehr kreativ dachte jedes Mal, wenn ich mit ihm sprach. Er ist ein Troll, dessen Gesicht, Hals und Hände so vernarbt und mit sich ablösenden grauen Hautfetzen übersät waren (den Rest seines Körpers habe ich ehrlich gesagt nie gesehen), dass man denken konnte, er komme direkt aus dem Yucatán-Krieg und hatte Begegnung mit einem toxischen Geist oder vielmehr mit einer nuklearen Wolke. Auf der Straße hieß es, er hätte einen Schatten namens Mark Ponter abgezockt und der hätte einen Schamanen bezahlt, der ihn mit einem Fluch daran erinnern sollte, dass er den falschen Mann betrogen hatte. Neulich in Jims Bar hörte ich jemanden sagen, Ponter hätte ihn sogar selbst verflucht. Andere behaupten, es wäre die Abstoßungsreaktion auf eine billige, schlecht gemachte und noch dazu von Laien implantierte Dermalpanzerung. Dieselben Leute sagten meist noch im gleichen Atemzug, dass sie einen sehr guten Doc kennen würden, bei dem so etwas garantiert nie passiert und den könnten sie natürlich gegen eine kleine Gebühr vermitteln. Ist klar.  Aber die Wahrheit ist längst nicht so aufregend, er leidet einfach unter einer sehr seltenen, genetisch bedingten Hautkrankheit, die vor allem unter Trollen und anderen Dickhäutern vorkommt.
Mr. Jones, der sich inzwischen auf dem Sichtschirm des Trids manifestiert hatte, sagte mit einer Stimme, die an eine Gerölllawine, die einen Berghang hinab rast, erinnerte: "Guten Abend Matt, ich habe leider keine guten Nachrichten für sie". Seine Augen, graue Pupillen, an den Rändern leicht blutunterlaufen, schienen förmlich aus seinem Gesicht zu quellen, als er mich fixierte, um meine Reaktion zu sehen."Schlechte Nachrichten, noch schlechter als die letzten?", grinste ich, in der Annahme dass es ein Scherz von ihm war. "Ja, der Auftraggeber ist abgesprungen" erwiderte er. "Ich hatte schon gewisse Ausgaben" schnaubte ich ihm entgegen (mal davon abgesehen das ich mich schon zu einem gewissen Maß exponiert hatte)." Ich fasse mal die Ereignisse der letzten Woche zusammen" brüllte ich:
"Am Montag früh riefen sie mich an, stellten mir einen lukrativen Job in Aussicht und gaben mir die Information, dass es wichtig wäre, dass ich die nächsten zehn Tage keine anderen Jobs annehme und im Appartement auf Abruf bereitstehe. Am Dienstag sagten sie mir, sie würden den Kontakt zum Auftraggeber herstellen und nannten mir die Kontaktadresse und einen Treffpunkt mit genauer Zeit für Mittwoch. Natürlich war ich zu besagter Zeit am Treffpunkt,  ihr Kontakt war nicht da. Donnerstag meldeten sie mich und sagten ich solle warten sie würden versuchen einen neuen Treffpunkt zu vermitteln und heute nach fünf Tagen sagen sie mir, er sei abgesprungen? Ich will eine Entschädigung" bellte ich zum Abschluss meiner Ausführung. Jones Miene verfinsterte sich und er grollte zurück:" Matt, er hat sie beim ersten Treffen observiert, durchgecheckt und ist abgesprungen, weil er sie nach seiner Überprüfung für ungeeignet hielt." Ein kalter Schauer lief über meinen Rücken. Das war gruselig. Dieser Dreksack hatte mich also beschattet und ich ein Profi der mit solcher Art Arbeit seine Nuyen verdiente hatte es nicht gemerkt.  "Ach ja?" fragte ich und hörte dabei meine eigene Unsicherheit in der Stimme." Natürlich zahle ich ihnen keine Entschädigung oder kennen sie einen Schieber auf diesem Planeten, der treuhänderisch arbeitet? Ich muss sie natürlich auch von meiner Aktiven-Liste nehmen. Wenn sich diese Sache in den Schatten rumgesprochen hat, kann ich sie sowieso höchstens noch als Türsteher  vermitteln". Ich dachte  "rumgesprochen", was soll sich in einer so paranoiden und verschwiegenen Gemeinde rumsprechen? Drek. Nein, er hatte schon Recht, in den dunklen Kneipen und Bars, in denen sich meine "Kollegen" rumtrieben, wurde mehr getratscht als irgendwo sonst. Ich war erledigt, fuhr es mir durch den Körper. Der Troll pellte sich einen fingergroßen, trockenen Hautfetzen vom Hals und legte nach: "Ich werde sie nicht mehr kontaktieren Matt, es tut mir leid" Ich fühlte wie mein Gesicht immer heißer wurde, mein Hals zu zucken begann und ich kaum noch Luft bekam, presste mir aber dennoch ein paar Worte heraus: "Ist auch besser so". Ich wusste dass er mein einziger, wenigstens einigermaßen zuverlässiger Kontakt war. Wenn es Zuverlässigkeit bei solchen Meta(menschen) überhaupt gab. Schieber, immer hielten sie später noch wichtig werdende  Details zurück oder dachten, weil sie Kontakte vermittelten, wären sie in irgendeiner Art einflussreich. Drek, dabei rippten die meisten ihre Kundschaft einfach nur ab. Ja, ich hatte wirklich verbitterte Gedanken in dieser Nacht. Ich brachte es nicht fertig, auch nur ein versöhnliches oder vielleicht diplomatisches Wort zu sagen, stattdessen wandte ich meinen Kopf ein Stück näher an das kleine Kameraauge am Trid und sagte mit meinem grimmigsten Gesicht: "Dreksack, möge Ponters Fluch dich erledigen."Jeder, der Jones kannte, wusste, dass er die Geschichte mit Ponter und das Gerede darum wirklich hasste. Statt mir irgendein Schimpfwort an den Kopf zu werfen, setzte er ein kühles Managergesicht auf und sagte: "Um die noch offenen Rechnungen zu begleichen, habe ich bereits jemanden geschickt, der ihr Fahrzeug abholt. Ach ja und da ich keinen persönlichen Groll gegen sie hege, gebe ich ihnen eine Nummer, wo sie vielleicht einige Jobs an Land ziehen können, sicher nichts Großes, nur damit sie über Wasser bleiben bis die Dinge für sie besser laufen"
" Mein Fahrzeug abholt", ich wiederholte diese Worte gerade, als Jones die Verbindung beendete. Der Tridschirm wurde schwarz und ich sah nur ein mattes Spiegelbild von mir. Ich fixierte mein Spiegelbild und musste in ein Gesicht blicken, das von tiefen Sorgenfalten zerfurcht war. Einzelne Schweißperlen rannen durch diese tiefen Furchen wie Abwasser durch ein Rinnsal. Ja, ich hatte noch einige Kreds bei Jones offen, aber mir das Auto wegzunehmen? Naja genau genommen hatte er es mir erst kürzlich besorgt und ich es noch nicht mal zu einem Achtel  abbezahlt. Er wollte den ausstehenden Betrag regelmäßig  von meinen Gagen abziehen. Drek, ich sah wirklich fertig aus. Warum verdammt war es so heiß hier drinnen? Ich war erst einmal aus dem Geschäft, ohne Johnsons gab es keine Aufträge und damit kein Geld. Glaubt mir Chummer, ich kapiere nicht, welche Sache sich da rumsprechen soll. Seit fünf Jahren lebte ich in den Schatten, seit ebenso langer Zeit hatte ich jeden Job, der mir vernünftig erschien (gut, über das Wort "vernünftig" könnten wir jetzt streiten), angenommen und alles zur Zufriedenheit der Kunden erledigt, bis auf das das Ding in Portland, aber die Sache ist doch nun schon vier Jahre her, das interessierte hier niemanden mehr. Nein, irgendwas lief schief - gewaltig schief. Meine Schläfen begannen zu schmerzen. Drek, bei der Hitze konnte kein Meta(mensch) denken, es fühlte sich an, als schwitzte man sein Gehirn während es angestrengt arbeitetete, Zelle für Zelle, Gedanken für Gedanken  aus. Dieser Sommer, diese Temperatur war absolut nicht normal. Wieder sah ich zu den nicht gerade inspirierenden kahlen Aluminiumwänden meiner Bude und hörte auf die typischen Stadtgeräusche, die durchs Fenster drangen, sogar nachts, eine dumpfe Mischung aus entfernten Motoren, Sirenen, vereinzelten Schüssen und darauf folgenden Schreien, abermals gefolgt von  Sirenen, als wäre es ein Kreislauf. Bizarr. Trotz des nervenden Lärms (sonst von mir mit einem Lächeln einfach "Sound der Straße" genannt),  zwang ich mein Gehirn sich zu konzentrieren. Wieso ließ mein Schieber mich fallen? Was wäre das für ein Job gewesen? Eigentlich unwichtig. Oder? Ich bin absolut unbedeutend, ein ganz kleiner Schatten. Das ist vielleicht ein wenig untertrieben nach einer Reihe erfolgreicher Jobs, aber heute Nacht empfand ich so.
Hatte ich irgendetwas falsch gemacht, als ich am Mittwoch auf meinen Kontakt gewartet habe? Der Tag baute sich Bild für Bild in meinem Kopf auf, ähnlich wie eine Diashow, die ich als Kind im Museum für Geschichte  gesehen hatte. Meinen Kontakt beschrieb mir Jones als einen durchtrainiert aussehenden Zwerg mit hellblonden sehr kurzgeschorenen Haaren. Als Erkennungszeichen sollte er in der Anzugtasche ein blaues Taschentuch tragen. Er würde mir alle Details zum Job, von dem ich nur grob wusste, dass er etwas mit Schulden und dem Eintreiben selbiger zu tun hätte geben. Des Weiteren erhielt ich von Jones noch ein Wochenticket für das Gold Lion Parkhaus. Dieser Parkschein hatte mich sehr gefreut, da ich wusste, dass die nächste gute Parkmöglichkeit etwa 25 Minuten strammen Fußmarsch bedeutet hätte. Mein Enthusiasmus zu Fuß zu laufen, beschränkte sich doch in der Regel auf Strecken, die äquivalent zur Länge meines Fahrzeugs sind. Das Parkticket war an einen genau definierten Stellplatz gebunden, Ebene -3, Box 397.
Der Treffpunkt befand von hier aus fast am anderen Ende der Stadt. Es sollte eine alte Parkbank genau gegenüber vor dem Eingang des Gold Lion Hotel sein. Mitten in der Öffentlichkeit, ein Umstand, der mich auf Grund möglicher Bloßstellung wenig begeisterte. Nachdem ich also meinen Peugeot auf dem Stellplatz abgestellt hatte, benötigte ich etwa 7 Minuten, um zum Haupteingang zu gelangen. Ein wirklich erstklassiges Hotel  dachte ich mir, als ich das ganze weiße Marmor und Blattgold erblickte, mit dem sowohl an der Fassade als auch im Foyer nicht gespart wurde. Um die Wartezeit zu geeken, spielte ich das alte Spiel "Schätz die Kleidung der Pinkel". Also taxierte ich jeden, der ins Hotel ging und addierte meine jeweilige Schätzung .Während eines Zeitraums von 10 Minuten kam ich auf einen Betrag von 12000 Nuyen. Drek, soviel kostet meine Karre. Schlussfolgerung: Offensichtlich eine Absteige für Konzernangestellte der mittleren Führungsebene,  die hier im angeschlossenen Conference Center ihre Schulungen oder sonstigen Meetings abhielten.
Ich war bereits eine halbe Stunde eher in die Nähe des Treffpunkts gegangen, hatte aufmerksam alles beobachtet, nach Dingen gesucht, die nicht normal (wieder so ein Wort) aussahen. Aber eigentlich, selbst jetzt, wo ich es mit Abstand Revue passieren lasse, sieht immer noch alles in Ordnung aus. Irgendwie vermutete ich, dass mein Kontakt im Hotel wohnen würde. Das war auch der Grund, warum ich es betrat, um an der Rezeption zu fragen, ob für mich Nachrichten abgegeben wurden. Die Hotellobby war ein wenig mit Marmor und Blattgold überladen und wie üblich mit allerlei Anzugträgern gefüllt. Die meisten telefonierten oder tippten wild auf ihren PDA´s herum. Meine Aufmerksamkeit galt natürlich allen Zwergen im Anzug ich zählte fünf. Drei befanden sich vor dem Hotel, zwei in der Lobby. Einer von ihnen hatte blonde Haare, aber keiner trug ein blaues Taschentuch. Chummer, investiert in eine gute Cyberoptik, das lohnt sich, wenn man nach Taschentüchern suchen muss ohne dabei auszusehen wie ein Kaufhausdetektiv bei Lacy´s. Kein Gefühl beobachtet zu werden, auch kein unterbewusstes Gefühl Blicke von irgendwo zu spüren, nichts. Natürlich benutzte ich den Namen, den Jones immer für mich auswählte  Matt Snyder. Ich hatte mich an den Namen gewöhnt und irgendwie mochte ich ihn auch, "damit ist es nun auch vorbei", gluckste ich vor mich hin.  Die Frau an der Rezeption hatte mich sanft angelächelt,  während sie gleichzeitig im Hotelcomputer zu suchen begann. "Einen Moment bitte", sagte Sie. Eine Elfe, die blonden Haare so hochgesteckt und zu einer kunstvollen Skulptur geformt, dass man ihre spitzen Ohren erst auf den zweiten Blick sah. Es schien so aus, als waren die Ohren irgendwie Teil der Frisur. Sie trug ein schwarzes, ziemlich spitz, aber tief ausgeschnittenes Businesskostüm. Das haarfeine Glasfaserkabel, das sich aus ihrer Datenbuchse hinunter zum Tresen schlängelte, war fast nicht zu bemerken, auch hier leistete ihre Frisur gute Tarnarbeit. Das Lächeln der Dame war in dem Augenblick verschwunden, als sie mir mitteilte, dass sie keine Nachricht für mich hätte und sie mich auch nicht als Hotelgast auf ihrer Liste finden könne. Oh, da hatte ich ihr doch glatt vergessen zu sagen, dass ich nicht Gast des Hotels war. Ich war vielmehr fest davon ausgegangen, dass sie diese Tatsache selbst schlussfolgern würde, da ich mit meinen Jeansklamotten von der Stange und meinen langen, zusammengebundenen Haaren mit ausrasierten Schläfen so ganz und gar nicht in dieses Etablissement gepasst hätte. Dann war ich wieder rausgegangen,  schaute mich noch einmal um, machte mich auf den Weg zurück zur Parkbox 397, setzte mich ins Auto und fuhr zurück zu meiner Bude... Das war es, mehr nicht.  Nichts ergab Sinn - gar nichts.  

Einen Drink, dachte ich und griff zu einer Flasche auf dem Fensterbrett, auf der die Worte "Korolenko Wodka" zu lesen waren. Für einen Moment überlegte ich, ob der Name des Wodkas etwas mit Arkady Korolenko, dem derzeitigen Generalsekretär der Russischen Republik, zu tun haben könnte. Geschichte ist so eine Art Hobby von mir, das hieß, ich studierte das nicht oder las sehr viel, sondern dudelte immer wieder dieselben Geschichtsdokus auf dem Historykanal runter. Chummer, ohne Drek, das hilft beim Einschlafen. Dem Geschmack dieser gelben Plörre nach zu urteilen, würde man etwas, das im Wesentlichen nach Waschbenzin riecht und nach Nanofarbverdünner schmeckt, nicht nach einem Staatspräsidenten benennen, der immerhin schon fünfzehn Jahre im Amt war. Hoffte ich zumindest. Genauso wie ich hoffte, dass das, was ich trank, zumindest ein wenig was mit Wodka zu tun hatte. Hmm, einen ordentlicher Schluck und jedes Organ im Körper gab eine sofortige, durch stechenden Schmerz ausgedrückte Kurzmitteilung von sich:"Ja wir leben noch". Mit einem kräftigen Schwung stand ich auf und ging genau zweieinhalb Schritte, um das Fenster zu öffnen. Vielleicht hatte ich die Hoffnung, ein wenig Luft kühle frische Luft zu erhaschen, aber Fehlanzeige. Die Aussicht aus dem 7.Stock war bescheiden, da die Häuser dieser Straße im Schnitt fünfzehn Etagen hatten, aber ich versuchte trotzdem, meinen kleinen roten Peugeot 11e Elektro immer so zu parken, dass ich ihn von hier oben sehen konnte. Aber da, wo er heute am frühen Abend noch stand, sah ich nun das Hardtop einer schwarzen Limousine. Man, der hat sich wirklich beeilt, die Karre abzuholen. Jones musste eine Backdoor programmiert haben, ein Loch im Fahrzeugsicherheitssystem, damit er Zugriff hatte, denn ich änderte meinen Alarmcode regelmäßig. Das nachgerüstete Sicherheitssystem war auch nicht das Schlechteste, man hätte zumindest Aufwand betreiben müssen, ihn heil zu entwenden, mehr Aufwand, als die Karre wert war. Merkwürdig. Dachte ich wirklich für einen Moment, ich könnte in Windeseile das Haus verlassen und noch schnell das Auto irgendwo verstecken? Blödsinn!  Mein Blick schweifte von der ehemaligen Parklücke meines Autos etwa zwanzig Meter rüber zu Jim´s Bar, aus der sich gerade eine Gruppe halbstarker Orks lautstark verabschiedete, so betrunken, dass es keinem von ihnen mehr gelang, geradeaus zu gehen. Noch einige Meter weiter sah ich einen Lonestar Streifenwagen langsam um die Ecke biegen. Insgesamt machte die Straße in dieser Nacht einen recht friedlichen Eindruck, so taumelte ich zurück auf den Schlafsessel, mein einziges gepolstertes Möbelstück, nahm noch einen kräftigen Schluck vom Waschbenzin und zwang mich, unter dem pulsierenden Hämmern meiner Gedanken endlich müde zu werden. Ein Programm auf dem Taschencomputer zeigte mir den aktuellen Kontostand: 1124 Nuyen. Abzüglich der 400 Steine für Miete, die ich diesen Monat noch nicht überwiesen hatte und der Schulden beim Lebensmittelhändler, ich glaube da waren noch etwa 150 Nuyen bei Allensons Groceries offen. Der Typ der seinen Verdienst sparte  war ich nun wirklich nicht, ich war der Typ der seine Einnahmen direkt in den Körper steckte. Chummer, ich spreche von Chrom, Hardware. Andere investierten in Unternehmen ich in meinen Körper. Drek drauf, fuhr es mir durch den Kopf, mein Name, meine Reputation, meine Identität, alles auf einen Schlag Geschichte. Nachdem ich einen Mundvoll "Wodka oh mein Gott" in den Mund genommen hatte, genau genommen so viel wie rein passt, würgte ich es abermals mit einem Schluck herunter und wartete gespannt auf den Kommentar meiner Gedärme. Mein Magen knurrte. Verdammtes Zeug . Mein Leben ist im Arsch.  Ach es geht auch weiter, war mein nächster Gedanke. Aber es kann erst weiter gehen, wenn ich sicher bin, dass nichts mehr offen ist, keine Geheimnisse, die mich später einholen könnten. Diese Hitze. Es ist unmöglich zu schlafen, unmöglich zu denken. Ich verspürte spontan das Verlangen, diese Geschichte jemanden zu erzählen. Genauso übermüdet, durchgeschwitzt und so völlig  ausgebacken, genauso wach fühlte ich mich in diesem Augenblick.
Mit einem Ruck schwang ich mich vom Sessel, nahm die Flasche mit dem widerlichen Gesöff und trank den verblieben viertel Liter in zwei großen Zügen aus. Was weg ist, kommt nicht wieder. Mein Rachen war taub. Leicht benommen steckte ich einen Kredstick in die linke  und mein Vibromesser mit Halfter tief in die Rechte Hosentasche, so dass etwa vier Zentimeter des Griffs sichtbar waren. Beim Verlassen und Sichern meines Appartements zerrte ich mein leicht klammes Shirt in Form, da es wie eine zweite Hautschicht am Körper lag und somit sichtbare Implantate mehr als nur betonte.
Als sich die Fahrstuhltür öffnete, suchte ich verzweifelt
nach dem Schild mit der Aufschrift "Urinal". Natürlich gibt es kein Schild mit einer solchen Aufschrift. Der Geruch, der aus der Kabine kam, hätte dies aber durchaus gerechtfertigt. Beim Einsteigen hielt ich die Luft an und fuhr fünfundvierzig quälende Sekunden ins Foyer,  ich habe sie gezählt. Beim Austeigen dachte ich Drek, falls jemand die neue Bluthund-301b Cybernase mit 8-fach Geruchsverstärker implantiert hätte, wäre derjenige während  einer solchen Fahrstuhlfahrt gestorben. Ein kurzer Rundumblick im Foyer offenbarte keine Graffitis (der Anstrich oder besser die Bemalung des Treppenhauses ändert sich hier wöchentlich), die es gestern noch nicht gab. Also schob ich mich schwungvoll durch die ursprünglich einmal verglaste Doppelflügeltür. Ich stieg durch den Rahmen, der früher das Glas hielt und hörte dabei das Knirschen einiger nicht weggefegter Glasscherben auf dem Boden. Verdammte Gangs.
Eine Hitzewand schlug mir draußen entgegen. Mindestens drei Grad wärmer als in meiner Bude und die  Luft hier unten ist auch widerlich schlecht, seufzte ich und steuerte Jim´s  Bar auf der anderen Seite der Straße an.
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