In the Pines

von Jaeger
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12
28.05.2015
28.05.2015
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Aaaaaaaaaaaaloha, Freunde!
Und herzlich Willkommen zur aller ersten Fanfiktion, gewidmet dem Buch Raven Cycle von Maggie Stiefvater.
Dies ist eine Partner-FF mit der lieben milchbroetchen und handelt nach dem ersten Buch Raven Boys (Wen der Rabe ruft).
Wir hoffen, dass sich noch viele weitere Fans der Buchreihe einfinden, die das Projekt hier unterstützen und noch viele weitere FF zum Buch liefern, damit es seine eigene Rubrik hier bekommt! :D

Und damit geht es auch schon los  =  v  =


P.S. Während ich so die Bücher gelesen habe, tauchte immer wieder dieses Lied auf, das mir einfach so passend für die Buchreihe vorkommt <D
Kiss the Sky

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o1

Die [Raben] schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnein —
Wohl dem, der keine Heimat hat!



FRIEDRICH WILHELM NIETZSCHEE, »Der Freigeist. Abschied«





Man konnte mich aus Henrietta bringen, aber Henrietta nicht aus mir.
Es hatte ganze vier Jahre gebraucht, bis ich verstand, was meine Granny damit meinte.
Nachdem wir die gesamte Zeit in der Großstadt Pittsburgh gelebt hatten, jeden Tag umgeben von gewaltigen Häusern aus Beton und Glas, war es mir beim Einfahren der Ortschaft Henrietta vorgekommen, als betraten wir eine andere Welt. Henrietta hatte sich seit meiner Abwesenheit kein bisschen verändert und Nostalgie sowie Erinnerungen überfluteten mein Inneres. Hier schien die Zeit tatsächlich still zu stehen, das Örtchen schnitt sich von der Außenwelt ab, ohne der Moderne zu folgen. Die Wiesen erschienen mir grüner, die Bäume gesünder und der Himmel blauer.
Auch als wir die Einfahrt zu meinem alten Familienhaus hinaufgelaufen waren, konnte ich nicht die geringste Veränderung am Haus sehen. Die Bewohner, die sich währenddessen darum gekümmert hatten, hatten wohl keinen Wunsch dafür verspürt, etwas an der Fassade, dem Eingang oder dem Garten zu ändern. Als wäre ich nie fort gewesen, begrüßte mich das vertraute Gebäude aus dunklen Ziegelsteinen, staubbedeckten Fenstern und dunklen Korridoren. Granny hatte sich große Mühe gegeben, alles für unsere Ankunft vorzubereiten.
Während ich in der sonnendurchfluteten Küche stand und geistesabwesend aus dem Fenster auf unseren Garten sah, lauschte ich. Bis auf einen Traktor, der in der Ferne das Feld bearbeitete, war es still. Für jemanden wie mich war die Stille ein unbezahlbares Gut, denn wenn man morgens aufstand und das Haus von der sanften Melodie, die aus dem Radio drang, erfüllt war und vor den eigenen Augen verschiedene Farben und Formen und Dinge tanzten, dann verspürte man hin und wieder tatsächlich den Wunsch, blind geboren zu sein.
Denn ich konnte die Stimme der Stille hören. Ich konnte die Farben und Geschichten der Musik sehen. Die verschiedenen Begegnungen und schmerzhafte Erfahrungen. Es war wunderschön und furchterregend zugleich. Denn plötzlich wusste man, was die Leute wirklich dachten und das war beängstigend.
Die ›Gabe‹ Musik sehen zu können, hatte sich bis heute noch nicht wirklich als Segen herausgestellt.
Aber auch nicht als Fluch, nagte eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf, als ich nach einem kleinen Notizblatt griff, auf dem in Eile mit unsauberer Schrift nieder gekritzelt stand, wann ich heute bei Nino's anfangen sollte. Obwohl Granny oft genug sagte, dass ich keinen Job nehmen brauchte, konnte ich mir durchaus vorstellen, dass sie insgeheim dankbar dafür war, die Kosten nicht allein tragen zu müssen und Tatsache war nun einmal, dass Nino's einen angemessenen Preis bezahlte, dem man nur schwer widerstehen konnte.
Während ich mit zusammengekniffenen Augen versuchte die Zahlen zu entziffern, betrat Granny den Raum und gab ein schweres Seufzen von sich, was mich automatisch aufblicken ließ.
Die Jahre hatten sie deutlich gezeichnet.
Sie war einen ganzen Kopf kleiner als ich und bewegte sich mit sorgsamer Vorsicht, als könnte sie die kleinste Erschütterung zerbrechen. Trotz vor Erschöpfung hängender Schultern und zitternden Händen, schaffte sie es immer noch die meiste Zeit über zu lächeln, was sie jünger aussehen ließ. Granny setzte sich an den Tisch und stieß ein erneutes Seufzen aus, als herrschte seit Tagen Dauerregen, obwohl draußen die Sonne schien.
»Ich muss sagen, deine Mutter ist eine sture Frau«, sprach sie dann mit der kleinen Andeutung eines Kopfschüttelns. Sofort fiel meine Laune und ein Kloß bildete sich in meinem Hals. Ich verzog den Mund und zwang mich dazu, dem Schnauben nicht all zu viel Abneigung beizusetzen.
»Ich weiß. Scheint wohl in der Familie zu liegen.« Granny lachte leicht und murmelte etwas, aber es war so leise, dass ich es nicht hören konnte. Erneut befasste ich mich mit dem Zettel und allmählich schienen sich die liederlichen Linien als Zahlen zu entziffern. Noch eine Stunde.
»Liebes, bist du aufgeregt?«
Als ich aufsah, traf ich Grannys Blick. Sie lächelte zuversichtlich und aufbauend und obwohl sie mich durchschaut hatte, hob ich nur betont beiläufig (was eher ziemlich steif aussehen musste) die Schultern und antwortete: »Ich bin keine fünfzehn mehr. Ich glaube, ich krieg das schon hin.« Bevor sie etwas erwidern konnte, knüllte ich den Zettel zusammen und beförderte das Knäuel in Richtung Mülleimer. Ich sagte mir: Wenn er trifft, wird es ein super Tag. Wenn er trifft, wird alles wie am Schnürchen laufen.
Der Ball traf den Rand, schien sich zu überlegen, ob er in den Eimer fiel und entschied sich dann für das Gegenteil. Mit einem sanften thud landete er auf dem Fußboden. Großartig.
Zufall, reagierte mein Kopf sofort, während ich mich daran machte, den Müll zu beseitigen, du warst sowieso noch nie eine gute Schützin, Lillian.
Hinter mir hörte ich Granny lachen: »Komisch, dabei triffst du sonst immer.«
Ich zuckte nur mit den Achseln und vergaß es im nächsten Moment schon wieder, als ich Grannys sanften, nachdenklichen Blick auf mir bemerkte. Sie sprach leise, als richtete sie ihre Worte mehr an sich als an mich.
»Ich frage mich, ob ich demnächst wieder die Gelegenheit bekomme, Blaubeerkuchen zu backen.«
Ein bitterer Geschmack breitete sich in meinem Mund aus und ich musste schwer schlucken. Ich wusste natürlich, was sie damit andeutete und wen sie meinte. Ich dachte zurück an das Mädchen mit den schwarzen Haaren, an die unzähligen, herrlichen Sommer und eine Tarotkarte mit fünf Kelchen.
Ohne ihre Frage zu beantworten, verabschiedete ich mich mit einem Nuscheln und holte meine Sachen, um zu Nino's zu gehen.



✗✗✗




Als Ronan im Traum die Augen aufschlug, lag er auf einer Wiese.
Über ihm schwand das Blau des Himmels und driftete allmählich in ein helles Grau. Die Wolken besaßen Formen, die Ronan nicht erkannte und dann wiederum glaubte er doch alles mögliche in ihnen zu sehen. Er spürte den Wind sanft über sein Gesicht streichen, als begrüßte ihn der Ort mit liebevoller Sorgfalt. Er befand sich auf einer Anhöhe mitten in einem Feld voller Löwenzahn, dass sich sachte in der Brise bewegte und sich an seine Beine schmiegte. Zumindest glaubte Ronan, dass es Löwenzahn war. Die gelben Blüten schienen sich grell von dem Gras abzuheben wie tausend kleine Sonnen oder Edelsteine auf grünem Samt.
Er musste in Cabeswater sein.
Natürlich konnte er nur in Cabeswater sein. Doch dieser Abschnitt war anders als der sonstige Wald, den er in seinen Träumen besuchte. Als gehörte er zu Cabeswater und gleichzeitig auch nicht.
Ronan setzte sich auf, blieb aber noch einen weiteren Moment sitzen und betrachtete die weiten Wiesen in der Ferne und den See im Tal. Links von ihm war ein Wald, dessen Bäume dunkle Blätter in sattem  Grün trugen. Es musste Sommer sein, stellte Ronan nüchtern fest, als die nächste warme Brise über seinen Körper strich.
Ohne einen bestimmten Grund blieb er noch weitere Minuten dort und lauschte in die Stille, hörte dem leisen Rascheln der Bäume zu, wie sie zu ihm flüsterten und mit ihm sprachen.
Ecce et audi qua de causa audi et ecce.
Sieh und höre und deshalb höre und sehe.
Ronan sah sich um.
Am Horizont glühte die untergehende Sonne in einem weichen, warmen Orange. Es war friedlich, so friedlich, dass Ronan sich vorstellte, dass es auch in der realen Welt vielleicht irgendwann einmal so friedlich sein könnte, wie in Cabeswater.
Schwachsinn, dachte er sich sofort im nächsten Augenblick, wer an eine friedliche Welt glaubt, hat sie nicht mehr alle. Er stand auf.
Oder ist blind.
Unten am See bemerkte Ronan wie sich das Wasser in sachten Wellen bewegte. Etwas schwamm auf der Oberfläche, aber aus der Entfernung konnte er nicht ausmachen, was es war. Ronan war allein, wie auch sonst, wenn er sich in seinem Traum befand und dass er wieder hier war, hatte einen Grund.
Er marschierte in Richtung Wald.
Dort war es kühler und die Schatten der Tannen warfen bizarre Formen auf den unebenen Boden. Ronan schlenderte wahllos zwischen den Kiefern umher und zur selben Zeit hatte er das Gefühl, dass ihn etwas zu einem bestimmten Ort hinzog. Über ihm schossen Vögel aus den Baumkronen und erhoben sich mit kräftigen Flügelschlägen in die Luft. Dieses Mal folgte er den Raben. Es stellte sich als gute Entscheidung heraus, denn er fand sich auf einer Lichtung wieder, in dessen Mitte sich ein alter Pick-Up befand, umgeben von hohem Gras und den umstehenden Kiefern, die hoch in den Himmel ragten — jedoch nicht bedrohlich sondern viel mehr beschützend und geborgen. Ein Rückzugsort, voller Sicherheit und für einen Moment fühlte sich Ronan tatsächlich frei und erleichtert, als hätte man ihm eine schwere Last von den Schultern genommen. Es war das erste Mal, dass er Derartiges in einem Traum spürte, wo ihn für gewöhnlich Alpträume jagten und ihm keine Ruhe ließen. Doch hier, zwischen den hohen Kiefern, unter dem Himmel mit der untergehenden Sonne und der warmen Luft, war es anders. Das schwache Zirpen der Zikaden drang an seine Ohren, weit entfernt und sanft wie das das leise Spielen einer Schallplatte.
Er trat näher an den Pick-Up. Rost verriet das Alter und den Zustand des Wagens und dass er seit langer Zeit vergessen hier lag. Die Räder fehlten komplett und die Fenster waren eingeschlagen. So konnte Ronan auch direkt in den Fahrerraum sehen, wo ihm eine kleine Box auf dem Fahrersitz auffiel. Er brauchte sich nicht umsehen und ohne sich weitere Gedanken zu machen, riss er die Fahrertür auf und sah hinein. Ihm fiel nichts Außergewöhnliches auf. Innen war es unspektakulär eingerichtet, lediglich die Sitze mit den alten, teils zerrissenen Überzügen könnten dafür sorgen, dass sich Ronan Gedanken darüber machte, was genau sie in den miserablen Zustand versetzt hatte. Aber er tat es nicht. Stattdessen griff er nach der Box, ließ sich auf den Sitz sinken und betrachtete sie genauer. Sie war gefertigt aus dunklem Holz, Ebenholz vermutete Ronan und weil es sein Traum war, bestand die Box aus Ebenholz. Das Holz war kühl und glatt in seinen Fingern und verschiedene Muster waren eingeschnitzt. So erkannte Ronan kleine Kronen und Schwerter,  die mit besonderer Sorgfalt eingearbeitet wurden und Vögel, die Ronan nicht genauer betrachten brauchte, um zu wissen, dass es Raben waren.
Und weil es Raben waren, wusste er, dass es mit Glendower zu tun hatte.
Und weil es mit Glendower zu tun hatte, wusste er, dass er diese Box mitnehmen musste, auch wenn er noch keine Ahnung hatte, wofür sie überhaupt da war.
Aber für Gansey nahm er sie mit.



✗✗✗




Blue wunderte sich noch immer, wieso sie bei Nino's arbeitete. Dann erinnerte sie sich an den Gehaltscheck am Ende des Monats und ihre Frage war beantwortet. Da konnte sie die Anwesenheit der Aglionby-Jungs auch durchaus ertragen und ihre Schicht mit einem plastischen Lächeln wie in ihr Gesicht gemalt überstehen. Es war keine Überraschung, dass sie die Schüler der Aglionby Academy nicht leiden konnte, waren sie doch mit ihrem Geld und ihrer Arroganz richtige Mistkerle, denen man unter keinen Umständen über den Weg laufen wollte. Blue wollte es zumindest nicht.
Lediglich gegenüber vier Jungs hatte sich ihre Meinung binnen weniger Monate geändert, was mit hoher Wahrscheinlichkeit daran lag, dass das Schicksal seinen eigenen Plan mit den fünf Jugendlichen hatte. Daher war es nun also nicht allzu merkwürdig, als sie sich dem runden Tisch in der Ecke näherte, an dem eben Erwähnte saßen.
Sie erreichte den Tisch und wie sie erwartet hatte, hoben zwei Personen erwartungsvoll den Kopf. Sie verübelte es weder Ronan, noch Noah, dass sie ihre Ankunft nicht bemerkten, denn von Ronan hatte sie nichts anderes erwartet und Noah war mit Ronan beschäftigt.
»Ah, da bist du ja, Jane«, begrüßte Gansey sie wie selbstverständlich mit dem Namen, den er ihr gegeben hatte und richtete sich auf. »Interesse an dem nächsten Gerät, das Ronan aus seinen Traum geholt hat?« Ohne lange zu warten, beugte sie sich über den Tisch und betrachtete die kleine, quadratische Box, die in der Mitte lag und ziemlich deutlich die Aufmerksamkeit aller auf sich ruhen hatte. Es war ein schönes Stück, das man sich vermutlich irgendwo hin stellte, wo man es auch immer im Blickfeld hatte.
Die Frage, die nun alle beschäftigte, war, was es mit der Box auf sich hatte.
»Sieht aus wie ein Schmuckkästchen?«, schlug Blue nachdenklich vor, als sie sich über den Tisch beugte und es näher betrachtete.
»Ein Schmuckkästchen, das Glendower gehörte?« Gansey hob eine Augenbraue. »Nicht unwahrscheinlich, aber ich vermute, es steckt mehr dahinter.«
»Es steckt immer mehr dahinter«, erwiderte Ronan, jedoch ohne einen gereizten oder genervten Unterton. Es war einfach ein Fakt, den die anderen nur allzu gut kannten.
Ein Angestellter Ninos näherte sich der Gruppe. Als Blue Freaky Pete, den Koch, bemerkte, wunderte sie sich einen Augenblick, ob er sie dafür zurecht weisen würde, dass sie hier herum stand und sich mit den Jungs unterhielt. Aber sie verwarf den Gedanken schnell wieder, denn Pete wirkte auf sie nicht zornig oder wütend. Eher schwer beschäftigt und genervt. Als er den Tisch erreichte, wandte er sich mit einer ungeduldigen Handbewegung an Blue, ohne die Jungs anzusehen.
»Neue Aufgabe, Sargent. 'Ham 'ne Neue 'n du sollst 'se einführ'n.«
Erst da bemerkte Blue das Mädchen hinter Pete, der mit seiner breiten Körperstatur völlig das Bild von ihr einnahm. Andererseits hatte es gleichzeitig auch den Anschein, als versteckte sich das Mädchen geflissentlich hinter dem Küchenchef. Blue starrte die neue Angestellte an und ein Knoten formte sich in ihrem Magen, während verschwommene Bilder aus der Vergangenheit vor ihren Augen aufblitzten: ein Feld, ein Kiefernwald, ein vierzehnjähriges Mädchen mit den Haaren und dem Lachen der Sonne, fantastische Geschichten und ein leeres Haus. Plötzlich glaubte sie den Sommer riechen zu können.
Das Mädchen starrte zurück und schenkte ihr dann ein langsames, zähes Lächeln, als hätte sie spitze Nadeln geschluckt.
»Hi, Blue.«
Lillian Oren hatte sich kein bisschen verändert, stellte Blue mit leerem Gefühl fest. Blondes Haar, das ihr in wirren Locken über die Schultern fiel, blasse Lippen und eine dezente Nase, die von blassen Sommersprossen übersät war. Selbst die braunen Augen erinnerten sie wie damals an eine heiße Tasse Schokolade an einem kalten Winterabend. Sie verstand, dass sich eine Person binnen vier Jahren äußerlich vielleicht nicht gravierend verändern würde, aber wie sah es im Inneren aus? Und wichtiger, wieso war sie wieder hier?
Blue musste ihr Gegenüber vermutlich mit derartiger Verwirrung betrachtet haben, dass es selbst die anderen bemerkt hatten. Jemand berührte sie am Handgelenk. Sie hörte Adams Stimme, aber seine Worte erreichten sie nicht. Stattdessen trat sie einen Schritt weg und sprach zu Lillian: »Dann komm mal mit.«
Als sie an ihr vorbei in Richtung Tresen marschierte, konnte sie für einen Moment schwören, so etwas wie Enttäuschung in ihren braunen Augen aufflackern zu sehen, aber es war genauso schnell verschwunden, wie es gekommen war. Achselzuckend folgte ihr das Mädchen einfach und Pete zog sich mit einem Grunzen zurück in die Küche, um Bestellungen fertig zu machen. Es verstand sich von selbst, dass seiner Meinung nach die Neue Blues ›Problem‹ war.
Blue führte sie zur Theke und kramte in einem kleinen Schrank nach einer weiteren Schürze für Lillian. Ihre Finger schlossen sich um den rauen Stoff und sie überreichte es Lillian wortlos, während sie sich umsah. Was sollte sie erklären? Was sollte sie sagen? Oder sollte sie fragen, wie es der jungen Oren die Jahre ergangen war? Doch statt diese Frage zu formen, sprudelten andere Worte aus ihrem Mund.
»Irgendwelche Erfahrungen im Kellnern?«
Lillian nickte langsam und band sich die Schürze hinter dem Rücken zu. Für sie musste das Wiedersehen genauso unangenehm sein wie für Blue. Zumindest hoffte Blue es.
»Dann kannst du für heute erst einmal die Getränke aufnehmen. Alles was du brauchst, findest du hier.« Obwohl Blue am liebsten sofort wieder gegangen wäre, zeigte sie pflichtbewusst die Regale, in denen die Gläser und Getränke waren und erklärte ihr, wie man den speziellen und berühmten Eistee Nino's machte. Nachdem sie fertig war, fiel ihr nichts mehr ein, was sie der Blonden noch sagen sollte. Also ging sie wieder zum Tisch, wo ihre Raben-Jungs saßen.
Noch ehe sie diese vollkommen erreichte, spürte sie die Blicke auf ihr und richtete ihren eigenen daher in eine andere Richtung. Auf die Box.
»Ich nehme an, du wirst uns nicht diesen peinlichen Anstarrwettbewerb von gerade erklären, Jane?«, wagte Gansey als Erster zu sprechen. Dabei war es kaum verwunderlich, andernfalls wäre er nicht Richard Campbell Gansey III. Blue ignorierte seine Frage.
»Können wir die Box nicht einfach öffnen?«
»Wenn wir sie einfach öffnen könnten, denkst du nicht, einer von uns hätte es bereits getan?«
Ronan warf ihr einen herausfordernden Blick zu. Wäre es ein anderer Tag und hätte Blue nicht Lillian Oren getroffen, hätte sie sich mit ihm angelegt. Doch dieses Mal nicht. Dieses Mal schenkte sie auch ihm keine weitere Beachtung und griff stattdessen nach der Holzbox. Mit interessiertem Blick inspizierte sie die eingearbeiteten Figuren, den Deckel und die Unterseite. Keine Öffnungen, keine versteckten Mechanismen. Blue hatte zumindest ein winziges Schlüsselloch erwartet oder derartiges. Nichts.
»Wir können ja probieren, es ins Wasser zu legen?« Mit dem Hauch eines Lächelns sah Blue in die Runde. Nur Adam entwich ein kurzes Lachen und resigniert ließ Blue die Schultern hängen. Man sollte meinen, dass Bücher Schichten übergreifend waren.
»Also, wenn Jane dann fertig ist mit ihrer Idee, unseren Schatz im See zu ertränken, könnten wir uns ja auch weitere Gedanken darüber machen, wie das Kästchen funktioniert«, fuhr Gansey unbeirrt fort. Blue gab ein leises Seufzen von sich. Das Geheimnis um Glendower ging also weiter.



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Hätte ich gewusst, wen ich hier antreffe, hätte ich mich niemals bei Nino's beworben. Es war so ziemlich der letzte Ort, an dem ich Blue Sargent erwartet hatte, denn ich hatte noch gut in Erinnerung, dass sie nicht sonderlich gut auf die Aglionby-Jungs anzusprechen war, die die Mehrheit der Gäste des Diners umfassten. Sie wiederzusehen, war einem Herzstillstand gleich gekommen. Vier Jahre waren seit unserem letzten Treffen vergangen. Vier Jahre, in denen ich mich nicht gemeldet hatte und auch keine Nachricht von ihr erhielt.
So viel zum Thema ›Beste Freunde auf Lebzeiten‹.
Da hatten wir wohl beide andere Vorstellungen diesbezüglich gehabt.
Kopfschüttelnd wandte ich mich an die Arbeit. Ein letztes Mal checkte ich, wo die ganzen Sachen waren, die ich brauchte, dann widmete ich mich den Gästen. Gerade eben war eine kleine Gruppe eingetreten, drei Jungs und ein Mädchen. Sie setzten sich an einen Tisch am Fenster, aus dem man den ganzen Parkplatz überblicken konnte. Eilig ging ich rüber und nahm die Bestellungen auf. Tatsächlich war darunter der Eistee, den Blue zuvor erklärt hatte und so erforderte es meine gesamte Konzentration, diesen bloß nicht zu vermasseln. Es lenkte mich ab von den Gedanken an Blue, eine zerbrochene Freundschaft und an die Fehler, die ich begangen hatte. Mit einem Tablett beladen mit Getränken, machte ich mich auf den Weg zurück zum Tisch. Dort angekommen sah ich, wie das Mädchen sich weit zu dem Jungen neben ihr beugte und ihm etwas ins Ohr raunte. Es war durchaus logisch, dass das Mädchen neben ihm seine Freundin war, so wie sie halb auf seinem Schoß saß und ihn anstarrte, als wäre er das letzte Stückchen Brot auf der Erde. Wortlos stellte ich erst den Eistee ab, dann die restlichen Gläser und öffnete die Wasserflasche, um einzugießen.
Ein Handy klingelte.
Es war ein schriller, kratziger Ton und sorgte dafür, dass wie aus dem nichts eine scharlachrote Wolke entstand, die grelle Blitze in alle Richtungen warf. Überrascht sprang ich zurück und der Inhalt der Flasche ergoss sich auf die zwei Turteltauben, die rechts saßen.
Das Mädchen sprang mit einem Kreischen auf, während der Jung ein wenig wie ein Fisch starrte. Mit Sicherheit hätte ich ein wenig darüber lachen können, wenn ich nicht damit beschäftigt gewesen wäre, mit riesigen Augen zuzusehen, wie die rote Wolke sich durch den schmalen Spalt des offenen Fenster hindurch quetschte und dann draußen in den Himmel emporstieg.
Vermutlich war ich diejenige, die wie ein Fisch aussah.
Das Mädchen, die verzweifelt mit den Händen herumfuchtelte, um das Wasser von ihrer Haut zu bekommen, funkelte mich mit einem vernichtenden Blick an und ich befürchtete, sie würde sich jeden Augenblick auf mich stürzen und mir die Augen auskratzen.
»Was war das?!« Ihre Stimme war schrill und hoch, fast so wie der Klingelton von dem Jungen. »Wenn du nicht in der Lage dazu bist, Gäste ordentlich zu bedienen, solltest du dir einen neuen Job suchen!«
Ich öffnete meinen Mund und schloss ihn dann wieder.
Der Kommentar erstarb auf meiner Zunge und ich musste wie der letzte Vollidiot aussehen. Die Szene wurde auch nicht besser, als eine hellblaue, schlangenartige Figur an dem Kopf des Mädchens vorbei  schwirrte und wie eine Neonreklame flimmerte. Plötzlich war der Raum erfüllt mit Musik, die, wie ich später bemerkte, aus der Anlage hinter dem Tresen kam. Irgendjemand musste sie wohl eingeschaltet haben.
»Wie wäre es, wenn du dich zumindest bei uns entschuldigst?«, forderte sie und wirbelte dann zu ihrem Freund herum. »Sieh dir deinen Pullover an, Declan!«
Der Junge, Declan, fuhr sich mit den Händen über den feuchten Stoff und lächelte. Er lächelte einfach nur. Aber ich mochte dieses Lächeln nicht, denn es sah aus wie Gefahr.
»Beruhige dich, Ashley«, wies er seine Freundin mit samtiger Stimme an, »Fehler passieren.«
Dann sah er zu mir auf und in seinen Augen war nicht der Funken von Vergebung zu sehen, den seine Stimme und seine Worte andeuteten.
»Ich hätte gesagt, dass die Sache ganz einfach geklärt wäre, wenn du uns die Reinigung bezahlt hättest. Aber ein Blick reicht und ich weiß, dass das bei deinen Verhältnissen unmöglich ist.«
Die Scham kam schneller, als ich erwartet hatte und ich spürte praktisch, wie mein Gesicht in Flammen aufging. Ashley kicherte hinter hervor gehaltener Hand und die anderen Jungs prusteten.
Ich erinnerte mich an das Papierknäuel, das ich nicht schaffte, gezielt in den Eimer zu befördern. Zufall, purer Zufall.



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