Hearts Of Ice And Fire

GeschichteRomanze / P16 Slash
Balto Boris Jenna Steele
27.05.2015
27.05.2015
3
6.617
1
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
27.05.2015 2.291
 
„Drei, vier, fünf, sechs...“. Wie immer war ich damit beschäftigt, für das große Schlittenrennen in Nome zu trainieren. Schon seit ich denken kann, ist es mein größter Traum, einmal als Sieger daraus hervorzugehen. Und für diesen Traum gebe ich wirklich alles: Ich trainiere, wann immer ich kann, um in Höchstform zu kommen. Denn es heißt ja schließlich nicht umsonst: Ohne Fleiß kein Preis. Bereits seit einigen Jahren versuche ich, das Rennen zu gewinnen, doch bisher bin ich leider jedes Mal gescheitert. Das liegt keineswegs daran, dass ich nicht in Form bin – ganz im Gegenteil: Ich bemühe mich jedes Jahr wirklich, so gut ich kann und trainiere jeden einzelnen Tag mindestens vier bis sechs Stunden. Der Grund dafür, dass ich noch niemals gewonnen habe, ist – oder besser gesagt: heißt – Steele. Wer das ist? Um es kurz zu machen: Mein größter Rivale und nebenbei gesagt der egozentrischste, rücksichts- und skrupelloseste Schlittenhund in ganz Nome. Er tut alles, und ich meine wirklich alles dafür, dass ich das Rennen verliere. Dabei ist ihm keine Methode zu heikel oder riskant. Letztes Jahr zum Beispiel hat er die Zügel meines Schlittens durchtrennt, sodass wir erst verspätet starten konnten. Und das war noch harmlos. Vor drei Jahren hat er sogar einmal eine Bärenfalle auf meiner Seite der Rennstrecke ausgelegt. Glücklicherweise habe ich sie noch rechtzeitig bemerkt und konnte so das schlimmste verhindern. Ich sage ja, er tut alles für den Sieg. Ob ich mich dabei lebensgefährlich oder sogar tödlich verletzen kann, das ist ihm natürlich herzlich egal. Hauptsache, er geht als Sieger hervor. Selbstverständlich habe ich die Sache mit der Bärenfalle nicht einfach so auf mir sitzen lassen und ihn zur Rede gestellt. Aber, so wie jedes Jahr zuvor, wusste er natürlich von überhaupt nichts. Und selbstverständlich hat er gründlichst alle Spuren verwischt, sodass ich ich ihm wie immer nicht das geringste nachweisen konnte. Klar. Ich weiß wirklich beim besten Willen nicht, warum ihm der Sieg dieses Rennens so unheimlich wichtig ist. Schließlich geht es dabei nicht darum, wer gewinnt oder verliert, sondern darum, Geld für hilfsbedürftige Menschen zu sammeln. Ich habe wohl vergessen zu erwähnen, dass diese Rennen für einen guten Zweck veranstaltet werden. Jeder Mitbürger von Nome kann auf einen Schlittenhund setzen – entweder auf Steele oder auf mich – und das eingezahlte Geld kommt stets einer Hilfsorganisation zugute. Mir persönlich ist es nicht wichtig, ob ich gewinne oder verliere, auch wenn es mein größter Traum ist, einmal Sieger des Rennens zu sein. Natürlich gebe ich immer voll und ganz mein Bestes, aber nicht, um zu gewinnen, sondern um möglichst viel Geld zusammenzubekommen. Steele dagegen will immer nur eines: Gewinnen, gewinnen und noch einmal gewinnen. Dass mit dem Erlös aus den Wetten für dieses Rennen hilfsbedürftigen Menschen geholfen wird, das ist ihm genauso egal wie die Tatsache, dass ich mich an den Fallen, die er mir ständig stellt, ernsthaft verletzen kann. Aber so ist er: Kaltherzig und egoistisch. Das war er schon immer. Ich glaube, man kann gut erahnen, wie sympathisch ich ihn finde, stimmt's? Aber ich sollte wohl besser mal am Anfang ansetzen: Mein Name ist Balto, ich bin hier, in diesem friedlichen, idyllischen Örtchen namens Nome in Alaska aufgewachsen. Meine Zeit vertreibe ich mir am liebsten mit Sport oder mit Boris, meinem besten Freund und engstem Vertrauten. Mit ihm kann man wirklich über alles reden, egal wie verworren oder peinlich einem das Thema auch vorkommen mag. Wir sind schon ewig befreundet, auch wenn wir unterschiedlicher nicht sein könnten: Während Boris meistens auf der faulen Haut liegt und alles dafür gibt, sich vor anstrengenden Tätigkeiten zu drücken, bin ich das genaue Gegenteil: Ehrgeizig, zielstrebig und selbstbewusst. Eine Kämpfernatur eben. Deshalb liebe ich das jährliche Schlittenrennen in Nome über alles, denn hier kann ich meine sportlichen Qualitäten unter Beweis stellen. Nicht, um vor den anderen damit anzugeben, sondern um mir selbst zu zeigen, was ich kann. Gerade, als ich mein Trainingsprogramm fortsetzen wollte, kam Boris auf mich zugestürmt. „Balto! Balto!“, rief er, als er außer Atem bei mir ankam. „Guten Morgen“, sagte ich und lächelte ihn an. „Endlich hab ich dich gefunden“, erwiderte er, bemüht, wieder zu Atem zu kommen. „Ist was passiert?“, wollte ich wissen. „Du wirkst so hektisch“. „Das kann man wohl sagen“, antwortete er. „Ich habe den Verdacht, dass Steele wieder irgendetwas ausheckt, um dich zu sabotieren“. „So?“, erwiderte ich und lachte auf. „Balto, ich mein's ernst“, beharrte Boris. „Steele führt wieder irgendwas im Schilde, darauf verwette ich all meine Federn“. Hatte ich vergessen, zu erwähnen, dass Boris eine Gans ist? „Steele führt immer etwas im Schilde“, entgegnete ich, während ich mein Trainingsprogramm fortsetzte. „Aber, aber...“, setzte er an, doch ich hob meine Pfote, um ihn zu unterbrechen. „Lass gut sein“, sagte ich. „Dieses Jahr wird er keine Gelegenheit dazu bekommen, mich zu sabotieren“. „Wie meinst du das?“, wollte Boris verwundert wissen. „Warts ab“, antwortete ich mit einem breiten Grinsen. „Das wirst du dann schon sehen“.

Noch knappe zwei Stunden. Dann würde das Rennen starten. Ich wartete so wie jedes Jahr auf Boris, um mich mit ihm dann auf den Weg zur Rennstrecke zu machen. In den letzten Tagen hatte ich so gut wie jede Minute damit zugebracht, für das Rennen zu trainieren, während er mir ständig damit im Ohr lag, dass Steele sich wieder etwas ausgedacht hatte, um mich auch in diesem Jahr zu sabotieren. Er hatte zwar keine eindeutigen Beweise für seine Vermutung – kein Wunder, denn Steele geht viel zu geschickt vor, als dass man Beweise gegen ihn sammeln könnte – doch er hörte wie immer auf sein Bauchgefühl und seine Intuition. Und auf Boris' Intuition kann man sich stets verlassen. Wenn er vermutet, dass etwas nicht stimmt, dann bewahrheitet sich diese Vermutung über kurz oder lang immer. Einmal zum Beispiel hatte er die Vorahnung, dass sich zeitnah eine Naturkatastrophe ereignen wird und bereits drei Tage darauf hat eine Lawine unser kleines Städtchen erschüttert. Ich sagte ja, auf sein Bauchgefühl kann man sich in der Regel verlassen. Trotzdem machte ich mir in diesem Jahr wegen Steele keine allzu großen Gedanken, so wie all die Jahre zuvor. Denn ich hatte herausgefunden, dass ich, jedes Mal, wenn ich mir wegen Steeles Plänen den Kopf zerbrach, schlussendlich auch gegen ihn verlor. Vielleicht lag der Schlüssel darin. Ich durfte einfach nicht über ihn nachdenken, dann konnte ich auch nicht gegen ihn verlieren. Ziemlich naiv, ich weiß. Aber einen Versuch war es doch zumindest wert, oder? Während ich mich noch mental auf das Rennen vorbereitete – nachdem ich mich in den letzten Monaten körperlich fit gehalten hatte – sah ich Boris auf mich zulaufen, naja, besser gesagt zuwatscheln. Ich hatte ein paar Tage zuvor mit ihm vereinbart, dass er mich am Tag des Rennes ja nicht auf das Thema Steele und seine Pläne, meinen Sieg zu durchkreuzen, ansprechen solle. Ich wollte keinen Gedanken an ihn zulassen und mich voll und ganz auf das Rennen konzentrieren. So musste es mir einfach gelingen, nicht nervös oder gar hektisch zu werden. Jedenfalls hoffte ich das. „Hey“, sagte ich zu Boris, als er bei mir ankam. „Hey, Champ“, erwiderte er meinen Gruß mit einem gewinnenden Lächeln im Gesicht. Ich schmunzelte. Genau das ist es, was ich so an ihm mag. Seine positive Ausstrahlung und seine – wenn auch manchmal übertriebenen – Versuche, mich zu ermutigen und zu bestärken. Egal worum es geht, er findet immer die richtigen Worte, um mich aufzubauen, wenn ich erschöpft oder mich zu trösten, wenn ich traurig bin. „Na, aufgeregt?“, wollte er wissen und legte mir seinen Flügel auf die Schulter. „Nee“, antwortete ich. „Alles gut“. „Wirklich?“, fragte er und zog die Augenbrauen hoch. Er wusste natürlich, dass ich keineswegs so entspannt war wie ich vorgab, zu sein. Auch das ist etwas, das er gut kann. Er durchschaut es augenblicklich, wenn man versucht, ihm etwas vorzumachen. „Naja...“, setzte ich an. „Ein bisschen nervös bin ich schon“. „Wusste ich's doch“, entgegnete er und grinste. „Aber keine Sorge. Du bist gut vorbereitet und ich weiß, dass du das schaffst“. „Meinst du?“, fragte ich, jetzt ein bisschen unsicher. „Klar“, antwortete er. „Wenn nicht du, wer denn bitte dann?“.

Fünf Minuten. Noch exakt fünf Minuten bis zum Start. Fünf Minuten, um noch einmal richtig durchzuschnaufen, bevor es losging. Fünf Minuten, um sich noch einmal voll und ganz auf das Rennen einstellen zu können. Mein Herz klopfte, während ich mich auf den Weg zur Startlinie machte. Natürlich war Steele bereits anwesend und grinste mir spöttisch entgegen, als ich meinen Platz einnahm. Ich schenkte ihm keinerlei Beachtung. Ich konzentrierte mich voll und ganz auf das Rennen. Schaltete alles andere um mich herum ab. Ließ keinen anderen Gedanken zu. „Sieh mal an“, rief Steele, während wir auf das Startsignal warteten. „Der Verlierer nimmt auch wieder teil“. Ich würdigte ihn keines Blickes. Ich schaute stur geradeaus. „Bist du es nicht langsam leid, immer gegen mich zu verlieren, Balto?“, fragte er in gewohnt spöttischem Tonfall. „Hast du nicht langsam genug davon, dich jedes Jahr aufs Neue zu blamieren?“. Ich stieß ein Knurren aus. Auch wenn ich es mir fest vorgenommen hatte, war es mehr als kompliziert, ruhig und entspannt zu bleiben. „Gib auf“, raunte er mir zu. „Du bist ein mieser, kleiner, dreckiger Verlierer. Und genau das wirst du auch für immer bleiben“. Jetzt hatte ich genug. Egal was ich mir vorgenommen hatte, das schlug dem Fass den Boden aus. Ich stieß ein weiteres tiefes Knurren aus stürzte mich dann auf ihn. „Nimm das zurück. Nimm das auf der Stelle zurück!“, brüllte ich ihn an und packte ihn am Kragen. „Sonst was?“, entgegnete er kalt und versuchte angestrengt, sich aus meinem Griff zu befreien. „Balto!“. Boris rief mir von der Zuschauerseite aus zu. „Balto, komm, lass dich nicht provozieren“. Er hatte recht. Ich löste meinen Griff um Steeles Hals und nahm dann wieder meinen Platz ein. Ich war so unglaublich wütend. So unglaublich geladen. Fühlte mich aggressiv. Jetzt verabscheute ich Steele nicht nur, ich hasste ihn regelrecht. Und jetzt wollte ich ihn erst recht schlagen. Um alles auf der Welt.
Gleich hatte ich es geschafft. Nur noch eine Runde. Dann war ich am Ziel. Dann hatte ich Steele geschlagen. Dann war ich endlich einmal der Sieger. Ich lief so schell ich konnte, konzentrierte mich auf nichts anderes mehr als die Ziellinie. Ich schaltete alles um mich herum ab und raste so schnell wie der Wind. Sah die Massen von anderen Hunden, die mich von der Seite aus beobachteten. Mir zuriefen. Mich anfeuerten. Doch ich nahm das, was sie riefen, kaum wahr. Meine Gedanken konzentrierten sich nur auf die Ziellinie. Steele lag ein Stück hinter mir und bemühte sich nach Leibeskräften, mich einzuholen. Doch ich lief zu schnell. Schneller, als ich es mir je hätte träumen lassen. Mein Herz raste. Mein gesamter Körper bebte. Meine Atmung war schwer. Gleich hatte ich es geschafft. Noch ein paar Meter. Um mich herum ertönten hunderte von Stimmen, die meinen Namen riefen. „Balto, Balto, Balto!“. Das spornte mich an, noch schneller zu laufen. Mein Herzschlag raste noch schneller, als ich schließlich die Ziellinie überquerte. Ich hielt abrupt an und ließ mich in den eiskalten Schnee fallen. Mein gesamter Körper vibrierte noch immer, als ich mich schließlich vorsichtig wieder aufrappelte. Alle um mich herum jubelten, applaudierten und riefen im Chor immer wieder meinen Namen. Bevor ich richtig realisierte, dass ich tatsächlich gewonnen hatte, kam Boris auf mich zugeflattert und fiel mir euphorisch um den Hals. „Herzlichen Glückwunsch, Champ“, rief er und klopfte mir mehrmals auf den Rücken. „Wow“, rief ich aus, da ich immer noch nicht richtig begreifen konnte, dass ich der Gewinner des Rennes war. „Ich wusste, dass du es packst, Junge“, sagte Boris mit einem Lächeln und klopfte mir noch einmal auf den Rücken. „Ein dreifaches Hoch auf den Sieger!“, fügte er nach kurzer Pause hinzu und alle um mich herum stimmte in sein Rufen mit ein. Während ich von allen bejubelt wurde, sah ich, wie Steele sich – völlig erschöpft und außer Atem – abmühte, die Ziellinie zu überqueren. Knappe zwei Meter davor klappte er erschöpft zusammen. Er atmete schwer, bekam kaum noch Luft. Er griff sich mehrmals an den Hals und versuchte erfolglos, sich wieder aufzurappeln. In diesem Moment tat er mir wirklich Leid. Auch wenn wir schon seit ich denken kann verfeindet waren. Auch wenn er stets absolut alles versuchte, um mich zu sabotieren oder dumm dastehen zu lassen. Jetzt tat er mir ehrlich Leid. Außerdem machte ich mir ernsthaft Sorgen um ihn, denn er griff sich immer wieder an den Hals und an die Brust und schaffte es auch nach fünf Versuchen nicht, sich aufzusetzen. Ich ging intuitiv zu ihm hinüber. „Steele. Steele, alles okay?“, fragte ich ernsthaft besorgt. „Du!“, stieß er keuchend hervor und versuchte, mich an der Hinterpfote zu packen, doch ich wich ihm aus. „Du mieser Hurensohn! Ich bringe dich um!“. Er rappelte sich auf und versuchte abermals, mich zu packen, doch ich wich erneut aus. „Du dreckiger Mistköter!“, schrie er mich an. „Ich bringe dich um!“. Ein lautes Grollen ertönte. Alle, die um uns herumstanden, fingen an, wie wild zu knurren. Erst dachte ich, sie wollen mir an den Kragen, bis mir klar wurde, dass sie mich verteidigten. Sie rückten bedrohlich auf Steele zu und stießen dabei immer wieder Knurrlaute aus. „Du...“, rief Steele noch einmal, wandte sich aber schließlich ab. „Dafür wirst du bezahlen, Balto!“, rief er mir zu und rannte in Windeseile davon. Als er außer Sichtweite war, verstummte sich das Knurren augenblicklich und alle fingen wieder an, im Chor meinen Namen zu rufen. „Danke“, sagte ich und lächelte scheu, während ich über Steeles Worte nachdachte. Er hatte damit gedroht, mich umzubringen. Aber ich wusste, dass das wieder nur einer seiner leeren Sprüche gewesen war. Ich hatte ja keine Ahnung, dass er diese Drohung wahrmachen und ich eine Seite an ihm entdecken würde, die ich noch gar nicht kannte.
Review schreiben