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Im Zeichen des Rukh

von Erenya
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Aladdin Alibaba Saluja Judar Morgiana OC (Own Character) Sinbad
27.05.2015
01.01.2017
26
219.342
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14.06.2015 4.835
 
Auch wenn die Wege in Balbadd noch dieselben waren, wie am Tag zuvor, fühlte ich mich nicht mehr sicher. Jeder der Menschen, an denen ich vorbei lief, schien ein potentielles Mitglied der Nebelbande zu sein und selbst die Verhüllung meines Gesichtes schien meine Identität nicht zu verschleiern. Einen kurzen Augenblick fragte ich mich, ob es nicht vielleicht besser war, doch nach Kou aufzubrechen und Kouha nach einer sicheren Route zu fragen, aber eine innere Stimme verbot mir das. Die Stimme meines Stolzes, die mir sagte, dass ich mich von den Menschen, meinen Freunden und auch Fremden, nicht zu abhängig machen durfte. Diese Ansicht kollidierte mit der Stimme der Vernunft, die mich immer wieder an meine Schulter erinnerte, die Schonzeit brauchte. Eine lange Wanderung oder zumindest eine Reisetasche auf der Schulter gehörte sicher nicht zu den schonendsten Dingen, die ich kannte.
Ich musste aber nur bis zu einem Schiff durchhalten, danach konnte ich mich sicher ausruhen. Es war der einzige tröstliche Gedanke, den ich noch finden konnte. Zwar hatte ich mich von den Mädchen verabschiedet, aber nicht von Kouha, oder von Sadiq, wo auch immer er gerade war, und Assad, der mir wohl besser aus dem Weg ging. Kurz verweilte ich an Ort und Stelle und blickte gen Himmel. Vielleicht sollte ich mich doch noch von Kouha verabschieden, mit einem Brief. So schwer sollte es nicht sein, einfach einen Brief abzugeben. Allerdings lagen Hotel und Hafen in zwei unterschiedlichen Richtungen. Die Gefahr, plötzlich auf diesem Weg von der Nebelbande gefasst zu werden, war einfach zu groß. Mir blieb damit nur der direkteste Weg zum Hafen.
Die Atmosphäre in der Stadt war alles andere als gefasst. Überall waren Wachen positioniert und ließen ihre misstrauischen Blicke durch die Menschenmengen streifen. Aufmerksam, prüfend. Ich versuchte bestmöglich meinen Blick von ihnen abzuwenden, so dass sie nicht merkten, wie ich sie beobachtete. Ob sie auch Sadiq suchten? Hoffentlich hatte er die Stadt schnellstmöglich verlassen.
Erneut interessierte mich die Frage, was Sadiq getan hatte. Wie ich ihn kannte, hätte er nun damit geprotzt, irgendetwas aus dem Palast gestohlen zu haben, immerhin war er ein Dieb. Stunden später hätte er dann behauptet ein versuchtes Attentat auf den König ausgeführt zu haben, immerhin war er ein Assassine. Wer war er? Was hatte er getan?
„Und wie lange müssen wir hier stehen?“, hörte ich beim Vorbeigehen zwei Wachen, die scheinbar alles andere als begeistert von ihrer Aufgabe waren. Ehrlich, wer wäre von dieser Aufgabe begeistert gewesen? Hier zu stehen in der Hitze und der Sonne.
„Bis Sonnenuntergang. Dann wird Ausgangssperre ausgerufen. Wer sich dann noch auf der Straße aufhält, wird umgehend verhaftet.“
Bis Sonnenuntergang? Es gab ein Zeitlimit für mich? Verdammt. Unter diesen Umständen musste ich mich wirklich beeilen. Ich musste hier weg. Bevor die Ausgangssperre aktiv wurde, oder die Nebelbande mich in ihre Finger bekam. Ich war hier nicht länger sicher, in dem Punkt hatte Suleika Recht.

Ich spürte wie ich paranoid wurde, denn ich mied die Gassen, durch die ich schneller zum Hafen gekommen wäre, da ich in jeder die Gefahr spürte, entdeckt zu werden. Noch einmal konnte ich sicher nicht gegen die Nebelbande bestehen und mein Dolch... lachhaft. Als würde ich mich mit diesem Stück Metall verteidigen können. Ich wollte mir nicht einmal in meinem schlimmsten Albträumen ausmalen, was Kassim mit mir tun würde, wenn er mich erneut in die Finger bekam.
Das Rauschen des Meeres holte mich allerdings wieder in die Gegenwart zurück. Ich war gerade um die letzte Abzweigung gebogen und erkannte den Hafen. Mein sicheres Becken. Mein Herz klopfte wie wild, denn ich war meinem Reiseziel damit so nahe. So nahe, dass ich es fast schon greifen konnte. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, welches der Schiffe nach Sindria führte.
„Was denkt sich der König?“
Geschäftig wie immer war das Leben am Hafen. Die Händler boten ihre Waren feil, die Menschen unterhielten sich und zwischen all den Gesprächen und Wortfetzen, die ich aufschnappte, merkte ich, dass es wieder einmal um den König selbst ging. Ein gewohntes Thema in Balbadd. Wen wunderte es? Mit Sicherheit hatte sich der Überfall durch die Nebelbande vom vergangenen Abend schon herum gesprochen.
„Alles nur wegen Kou...“, sagten andere und am liebsten hätte ich sie korrigiert. Nein, das war nicht alles die Schuld von Kou. Der Aufstand... er war vielleicht nicht falsch, aber die Durchführung war alles andere als richtig. Das Land war krank. Doch weder der aktuelle König noch die Nebelbande waren die Medizin, die dieses Land brauchte.
'Ich hoffe sie werden durchhalten...' Meine Gedanken galten meinen Freundinnen. Meiner Familie, die ich hier gefunden hatte. Sie waren in diesem kranken Land und mussten täglich um ihr Überleben kämpfen.
'Assad wird sie beschützen... Das rate ich ihm zumindest.'
Auch wenn Assad ein Mitglied der Nebelbande war, würde er die Mädchen beschützen. Wie eine Löwenmutter ihre Junge. Wenn ich wiederkommen würde, würden sie alle noch leben, ich könnte ihnen von meinen Erlebnissen in Sindria erzählen. Ja. Dieser Gedanke wäre es, der mich weiterhin durchhalten ließe. Ich würde zurückkommen.
„Entschuldigung...“
Meine Stimme wurde etwas von dem Stoff erstickt, mit dem ich mein Gesicht bestmöglich getarnt hatte. Als ich aber bemerkte, dass man mich durch diesen Stoff kaum hörte, schob ich ihn runter und sah den Seemann an, mir einen fragenden Blick schenkte.
„Verzeihen sie, aber welches der Schiffe hier fährt nach Sindria?“
Der Seemann musterte mich argwöhnisch. So als glaubte er, dass hinter meiner Frage mehr steckte, als sie den Anschein hatte. Keine Ahnung, was in seinem Kopf vor sich ging. Letzten Endes war mir das auch egal, solange er mir meine Frage beantwortete.
„Keines der Schiffe wird in nächster Zeit irgendwohin fahren. Befehl von König Ahbmad. Du kannst dein Glück aber gerne mal bei den Händlern versuchen. Vielleicht haben die ja eine Sondergenehmigung.“
„Was?“ Ich konnte nicht anders als meinem Entsetzen lauthals Luft zu machen.
„Wieso?“, fragte ich den Seefahrer der nur mit den Schultern zuckte, als würde es ihn nicht interessieren. Dabei sollte es ihn besser interessieren, immerhin war das sein Job.
„Es gab einige Tumulte bei dem Botschafter aus Kou. König Ahbmad will wohl sichergehen, dass keiner der Täter das Land über den Seeweg verlässt.“
Das sah nicht gut aus. So ganz und gar nicht gut. Allerdings, wenn der Seefahrer mir schon die Händler empfahl, dann gab es vielleicht doch noch eine Chance, dass ich wirklich über den Seeweg nach Sindria kommen konnte. Geld regierte die Welt, auch hier. Jetzt musste ich nur noch einen Händler finden, der vermögend genug aussah um die Wachen oder vielleicht sogar den König selbst zu schmieren. Leicht war das aber nicht, denn viele Händler schienen bereits den Seeweg aufgegeben zu haben und wandten sich dem Gehen zu.
„Hey... Du solltest es den anderen gleichtun. Die Stadttore im Norden und Ostern werden noch offen bleiben. Allerdings ist selbst das nur eine Frage der Zeit. Du solltest dich also beeilen.“
Der Seefahrer schien bemerkt zu haben, wie mein Blick in der Gegend umhergeschweift war. Er selbst sah wohl keine Hoffnung mehr für mich, dass ich über den Seeweg gehen konnte. Damit entmutigte er mich, nahm mir alle Hoffnung und stieß mich ein Stück in die Ratlosigkeit, was ich nun tun sollte. Wenn ich die Wahl zwischen zwei Toren hatte, war nun noch die Frage, welches der beiden wohl die beste Variante bot. Nur wie sollte ich verdammt noch mal nach Sindria kommen? Über den Landweg... Ich mutierte nicht einfach mal so zu Moses und teilte das Meer, so dass ich einen Weg auf festen Boden wagen konnte. Wäre auch zu einfach gewesen. Warum einfach wenn es schwer ging?
„Ich empfehle das Osttor... Es ist zwar eine etwas längere Reise, aber wählt man das Osttor, hat man eher die Möglichkeit an anderen Hafenstädten vorbei zukommen.“
Die Worte des Seefahrers klangen mehr danach, als hätte er mit sich gesprochen und ich nur die wichtigen Informationen aufgeschnappt. Er hatte das aber definitiv wegen mir gesagt, wahrscheinlich weil man mir meine Ratlosigkeit viel zu deutlich angesehen hatte.
„Danke!“
Ich wandte mich von dem Seefahrer ab und lief in die Richtung, die mich eindeutig zu dem Osttor führen würde. Ein Monat hatte immerhin gereicht um mich besser in Balbadd zurecht zu finden, auch wenn mein Orientierungssinn nicht der beste war. Allerdings hatte ich mir bei jedem einzelnen Weg diverse Dinge gemerkt, prägnant, nur für diesen Weg, die mir dann als Wegweiser dienten.
Dennoch, der Weg bist zum Osttor war nicht gerade der kürzeste. Ich spürte wieder den Schmerz in meiner Schulter, der mich zwingen wollte, eine Pause zu machen. Eine Pause stand aber nicht zur Debatte. Nicht dann, wenn mir der Zeitdruck und eine Gruppe von Rebellen im Nacken lagen.
Ich beobachtete, wie die Händler mit ihren Wagen von dannen zogen, der sonst so lebendige Hafenmarkt schien heute seine Zelte vorzeitig abzubrechen. Wen wunderte es. Die Ungewissheit ob sie morgen hier noch Handel betreiben durften, blieb weiterhin bestehen. Da war es besser, wenn man früh loszog, in eine Stadt, die sich nicht wegen eines Überfalls abschottete.
Im Vergleich zu meiner Ankunft hier, war Balbadd wirklich gefährlich geworden und vielleicht sollte ich dankbar über diese ganzen Ereignisse sein. Über alles, wie es sich ergeben hatte. Wie lange wäre ich sonst hier geblieben? Sicher lange genug um entweder zu sterben, oder um die blutige Revolution mitzuerleben.

Auch wenn ich es nicht geplant hatte, war ich doch dank meiner Schulter zu einer kleinen Pause gezwungen gewesen. Diese hatte ich bei einem der letzten Stände am Hafen verbracht. Dort hatte ich mir die zweite Mahlzeit des Tages organisiert und dem Standbetreiber beim Abbau seines Ladens beobachtet.
„Das Osttor also?“, sagte der Ladenbetreiber, der meiner Geschichte gelauscht hatte. Zumindest den Part das ich nach Sindria wollte, hatte ich erzählt, die Gründe dafür aber verschleiert. Es musste niemand wissen, dass ich auf der Flucht war.
„Ja, einer der Seefahrer meinte, dass ich, wenn meine Reise von dort beginnen würde, ich wohl eher die Chance darauf hätte einen Weg zu einem anderen Hafen zu finden.“ Der Händler nickte und packte seine Stoffplane, die bunt genug war, um Aufmerksamkeit zu erregen, auf einen kleinen Wagen, den er vor ein Pferd spannte.
„Ein Mädchen allein auf Reisen, dass ist nicht gerade ungefährlich. Aber vielleicht findest du am Osttor noch Handelskarawanen die andere Häfen ansteuern. Wenn du willst, nehme ich dich bis dahin mit.“
Das war wirklich Glück im Unglück. Wie konnte ich bei so einem Angebot nein sagen? Gut einfach Nein, aber nicht wenn meine Schulter so angeschlagen war. Ich würde wahrscheinlich alle Kräfte auf dem nächsten Teil meiner Reise brauchen und warum sollte ich da nicht auf einem Wagen sitzend etwas ruhen?
„Das wäre wirklich nett, danke. Wie viel wollen Sie dafür?“ Es war nur logisch aus meiner Sicht, dass ich dem Mann einen kleinen Obolus gegeben hätte, doch er winkte ab und verwies dabei auf das Obst in meinen Händen.
„Immerhin diese Früchte werden nicht schlecht. Das ist Lohn genug.“
Er schuf mir Platz auf seinem Wagen, auf den ich sofort stieg. Zutiefst dankbar, dass ich so wohl doch noch vor der Ausgangssperre zum Osttor kam. Gefangen wollte ich hier in der Schlangengrube auch nicht sein. Ebenso wenig wollte ich mich bei Kouha verkriechen und hoffen, dass Kassim mich vergaß. Dafür müssten Jahre ins Land gehen, vielleicht auch nur Monate. Aber nein. Das wollte ich nicht.
Der Mann setzte sich auf sein Pferd, welches er mit einem Peitschenschlag, der nur durch die Luft schallte, aber nicht den Körper des Tieres galt, in Bewegung setzte. Die Fahrt ging langsam los und sonderlich schneller wurden wir auch nicht. Überall liefen Menschen herum, Wachen standen auf ihren Posten und beäugten misstrauisch jeden, der an ihnen vorbei lief. Sie waren alle potentielles Rebellen.
Ich war froh, bald in Sicherheit zu sein und fühlte mich auf dem Wagen sicher, bis... ich sie sah. Zaynab, die sich scheinbar suchend umsah. Sie war aus dem Adelsviertel gekommen, wahrscheinlich hatte sie vermutet, dass sich dort noch etwas finden ließ. Kouha oder ich. Sofort zog ich mir wieder den Stoff vors Gesicht und nahm eine gekrümmte Haltung an. Es war unmöglich, dass sie mich so bemerkte, auch wenn sie auf den Wagen sah. Ihr Blick war genauso schnell von diesem gewichen, wie sie ihn ins Visier genommen hatte. Erleichtert atmete ich auf, behielt meine gekrümmte Haltung aber bei, bis Zaynab wirklich außer Sichtweise war.
Immerhin dieses Hindernis hatte ich überstanden. Dachte ich. Die ganze Stadt schien vor Nebelbandenmitglieder zu wimmeln. Einige liefen in Gruppen, befragten scheinbar Menschen, während andere sich alleine umsahen. Von einigen war ich mir nicht einmal sicher, ob sie wirklich zur Nebelbande gehörten, aber ich war wie gesagt sehr paranoid geworden. Dennoch, einige von ihnen erkannte ich durch den Überfall, auch wenn der Nebel nicht sonderlich viel Sicht geboten hatte. Schlangengrube... diese Bezeichnung war wirklich prägend gewesen.
„Pass auf dich auf... Kouha...“, wisperte ich leise. Mein schlechtes Gewissen nagte an mir, doch vielleicht, wenn er wirklich noch einmal ins Freudenhaus ging, würden Suleika und die anderen ihn aufklären, so dass ihm klar war, in was für einer Lage ich mich befand. Ob er mir aber böse sein würde, dass ich nicht nach Kou wollte? Kou... vielleicht... nein, ich durfte nicht zweifeln. Unter keinen Umständen.

Es waren mindestens drei Stunden vergangen, zumindest fühlte es sich so für mich an, als wir endlich das Osttor erreichten. Auch hier waren Wachen positioniert, welche einzelne Personen scheinbar nach Namen und Herkunft befragten. Suchten sie nach Sadiq? Nein, sie befragten auch Frauen. Dunkel erinnerte ich mich daran, dass sie auch nach mir suchten, doch bisher hatte mich keine Wache angesprochen. Richtig... im Gegensatz zur Nebelbande wussten sie vielleicht nicht mehr als meinen Namen. Zur Not konnte ich also auf die Schnelle einen neuen Namen nennen. Oder brauchte ich vielleicht Papiere? Verdammt, ich hatte keine Papiere. Gab es hier so etwas wie einen Ausweis?
Mein Kopf war mit einem Mal wie leer gefegt und ich faltete meine Hände wie zum Gebet. Wenn es hier einen Gott gab, ich glaube er hörte auf den Namen Solomon, hatte er mich gefälligst zu erhören, denn ich musste nach Sindria.
Der Wagen stoppte aber nicht und fuhr ohne langes Zögern über die Grenze, raus aus der Stadt, vor die Tore, an denen sich die Händler versammelten und scheinbar miteinander Gruppen bildeten. Sicher, man kam in großen Gruppen langsamer voran, war aber dafür besser gewappnet gegen Angriffe.
„So, bis hier her kann ich dich mitnehmen.“
Ich nickte und stieg von dem Wagen, als dieser zum Stillstand gekommen war. Meine Tasche schulterte ich wieder auf und sah zu dem Mann.
„Viel Glück bei deiner Reise.“
Ein weiteres Nicken.
„Danke...“, nuschelte ich unter dem dichten Stoff hervor. Ich wagte mich nicht, hier bei den Wachen meine Schutz abzulegen. Was, wenn hier vielleicht auch noch Nebelbandenmitglieder waren? Zumindest, wäre das der cleverste Schachzug gewesen. Sicher ahnten sie, dass ich fliehen würde, sollte ich Wind davon bekommen, dass sie nach mir suchten. Besser war es also, wenn ich schnell eine Reisegruppe fand, die an einem Hafen vorbeikam und mich dort unter gegebenen Umständen absetzen konnte.
Mein Blick schweifte über die Massen an Händler. Ich hatte freie Wahl.
„Entschuldigung?“ Ich hatte allen meinen Mut zusammengefasst und war auf einen Händler zugegangen, der gerade Waren von einem Wagen auf einen anderen verlud. Ein Brummen von ihm war alles, was ich als Antwort bekam. Unsicher, ob ich sprechen sollte oder nicht, sah ich ihm zu, entschied aber, besser mit der Sprache herauszurücken.
„Fahren sie und ihre Begleiter in Richtung eines anderen Hafen? Ich muss nach Sin-“
„Verschwinde! Lass bloß deine Pfoten von den Waren!“
Entsetzt wich ich zurück, als der Mann mich so anfuhr. Ich verstand nicht, was er hatte, denn er war scheinbar nicht einmal gewillt meine Bitte vollständig zu hören. Oder er war einfach zu beschäftigt. Keine Ahnung woran es lag. Zurückgewiesen, aber nicht vollständig entmutigt, versuchte ich es daher bei einem anderen Wagen. Auch hier hektisches Treiben. Scheinbar hatte sich eines der Seile gelöst, mit denen die Waren fest verzurrt gewesen war, sodass die Wagenbesitzer alle Hände voll zu tun hatten, die gestapelten Kisten wieder ins Gleichgewicht zu bringen und ordentlich zu befestigen.
„Entschuldigung...“, erneut sprach ich einen der beiden Beschäftigten an. Wieder wurde mir keinerlei Beachtung geschenkt. Stattdessen schob mich die Frau, neben welcher ich gestanden hatte, harsch zur Seite, als sie mir ihrem Seilteil auf die andere Seite gehen wollte.
„Geh aus dem Weg... Das hier schnürt sich nicht von alleine.“
Es war schon sehr entmutigend, doch ich konnte nicht anders als hartnäckig bleiben.
„Tut mir leid... Aber... uhm... Hätten Sie vielleicht noch Platz für mich? Ich muss zu einem Hafen und wenn das kein Umweg für sie wäre... Ich werde auch helfen... und ich kann die Reise zahlen.“
Ja, Geld regierte auch in Magi die Welt. In der Regel half es um Menschen etwas milde zu stimmen. Doch nicht diese beiden.
„Als ob jemand wie du wirklich Geld hätte... Noch dazu fahren wir nach Quishan... Also such dir jemand anderen.“
Ein Fehlschlag. Aber was meinte die werte Dame mit „Jemand wie du?“ Meine Kleidung war zwar nicht aus feinster Seide, aber immerhin sauber. Sie war schließlich von Suleika und diese hätte mich sicher nicht in Lumpen herumlaufen lassen, selbst wenn es darum ging mich zu tarnen.
„Danke dennoch...“, nuschelte ich verwirrt und wandte mich der nächsten Karawane zu.

An dieser Stelle muss ich, denke ich nicht erwähnen, dass meine Suche erfolglos war. Die meisten antworteten gar nicht erst, oder warfen mir Blicke zu, als wäre ich irgendetwas absonderliches. Hätte ich gewusst, was ich falsch machte, hätte ich das sicher erklären können. Vielleicht waren sie auch alle nur zu beschäftigt um mir vernünftig zuzuhören, immerhin ging es hier zu, als hätte man in einen Ameisenhaufen gestochen. Alle packten um, grübelten über Karten und versuchten so die bestmögliche Route zu finden. Merkwürdig war nur, dass andere Reisende, die durch dieses Tor gekommen waren, schneller eine Reisemöglichkeit gefunden hatten, als ich.
Es waren nicht mehr viele Händler, die ich fragen konnte, ob sie mir vielleicht halfen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich einen Plan B brauchte, bestand also. Plan B wäre dann, alleine zu reisen und mir am besten einfach nur die Information zu besorgen, zu welchen Hafen, in welche Richtung ich gehen müsste. Immerhin hatte ich ja schon festgestellt, dass ich Sindria wohl eher nicht im Stile Moses erreichen würde. Nur was wäre die einfachste Route über den Landweg zu einem Hafen? Was wäre überhaupt der nächstgelegene Hafen? Gott, meine Geographiekenntnisse waren genauso wie in meiner Welt gar nicht vorhanden. Noch eine Sache, die mir hier nicht fremd war. Langsam sammelten sich die Gemeinsamkeiten.
Bevor ich jedoch wirklich Gebrauch von Plan B machte, wollte ich noch eine Person fragen. Nur noch eine Person, die mir vielleicht, wenn sie mich nicht mitnahm, dann aber wenigstens half und einen Weg zum nächstgelegenen Hafen wies. Mein Blick streifte über den Vorplatz des Tores und haftete schließlich auf einer sehr gemischten Gruppe. Ich erkannte jemanden mit der Kleidung von Kou. Ein Zeichen. Das war definitiv ein Zeichen. Die Frage war nur, wen ich ansprechen konnte, ohne gleich wieder eine vielbeschäftigte Ameise zu erwischen, die mich ignorierte. Just in diesem Moment, stach etwas anderes hervor. Ein rot-blonder Schopf. Ich muss gestehen, es war das erste Mal, dass ich so eine Haarfarbe sah. Sicher ein Exot unter all den hier lebenden Menschen, mit ihren ungewöhnlichen Farben. Doch es waren nicht nur seine Haare. Auch sein Äußeres, zumindest was ich von meiner Seite aus sehen konnte, war schon, für Balbadd-Verhältnisse ungewöhnlich. Er wirkte wie ein Römer in seiner Tunika. Mit Sicherheit trug er auch noch eine purpurne Toga. Bei dem Gedanken musste ich mir ein Grinsen verkneifen.
'Fragen kostet nichts', dachte ich mir, als ich näher auf den „Römer“ zuging. Noch dazu, konnte mir diese Person vielleicht bei Plan B helfen, sollte man mich auch nicht in dieser Reisegruppe dabei haben wollen.
„Entschuldigen Sie?“
Anders als bei den anderen, nahm der „Römer“ mich wahr, als ich ihn ansprach, auch wenn meine Stimme erneut erstickt durch den Stoff meiner Tarnung drang. Er wandte sich zu mir um und sein Blick ließ mir jetzt schon das Blut in den Adern gefrieren. Ich kam einfach nicht mit ernst oder böse drein blickenden Menschen klar. Er gehörte aktuell zur ersten Gruppe. Ernst. Wahrscheinlich war aber die Tatsache, dass seine Augenbrauen ebenso rot-blond wie seine Haare waren, erschreckender. Ich wusste nicht, ob er nun rothaarig gewesen war, oder doch eher blond. Die Farben gingen so ineinander über, als müsste es sein.
„Was ist?“
Mir war erst jetzt aufgefallen, wie ich ihn angestarrt hatte. Wie unhöflich. Aber so ein Römer mit gefärbten Haar war eben eine kleine Rarität.
„Äh... Ich bin auf der Reise nach Sindria...“, setzte ich an und überlegte, wie ich meine Frage oder vielmehr meine Bitte formulierte. „Ich muss zu einem anderen Hafen und kenne mich hier ehrlich gesagt gar nicht aus. Deswegen... uhm... Wenn ein Hafen auf ihrem Weg liegt, würden Sie mich mitnehmen?“
Ohne einen Laut von sich zu geben, musterte mich der Mann und schien über irgendetwas nachzudenken. War es die Route? Oder ob ich irgendeine Gegenleistung erbringen konnte? Ich tippte auf zweiteres und zog aus meiner Tasche den kleinen, klappernden Geldbeutel, den Suleika mir gegeben hatte. Im Nachhinein würde dieses Startkapital doch noch nützlich sein, auch wenn ich es nur ungerne angenommen hatte. Wahrscheinlich war Suleika das bewusst gewesen, weswegen sie es einfach so in die Tasche gepackt hatte. Im Nachhinein musste ich Suleika dafür wohl wirklich danken.
„Ich bezahle auch.“
Immer noch Schweigen und Starren. Gedanklich verabschiedete ich mich damit auch schon von diesem Händler. Mit Sicherheit würde er Nein sagen. Was sollte sonst dieses lange Schweigen bedeuten?
„W-Wenn... Sie nicht auf diesem Weg reisen, würde es mir auch schon helfen, wenn Sie mir eine Route empfehlen...“ Da die Angst tief wog, dass der junge Mann mich gleich ignorierte, bot ich ihm die Alternative an, die ich auch gerne entgegen genommen hätte.
„Du siehst aus wie ein stümperhafter Dieb...“
Die ersten Worte die er mir widmete waren keine Antwort auf meine Bitte und ließen mir doch die Gesichtszüge entgleiten, was dank dem Stoff vor meinem Gesicht nicht wirklich ersichtlich war.
„Wie bitte?“, fragte ich, nur um sicher zu gehen, dass ich mich nicht verhört hatte. Irgendwie war ich mir aber sicher, dass dies nicht der Fall gewesen war. Mein Gehör war gut, auch wenn meine Mutter, aufgrund des hohen Lautstärkepegels, mit dem ich meine Musik hörte, anderer Meinung war.
„Diese Verkleidung... Wenn du unauffällig oder nicht erkannt werden willst, scheiterst du damit kläglich. Es grenzt schon an ein Wunder, dass die Wachposten dich durchgelassen haben.“
Mal davon abgesehen, dass ich keinen Spiegel hatte um zu sehen, wie auffällig ich wirklich wirkte, musste ich dem Mann glauben, auch wenn mir sein Ton nicht gefiel. Wobei er mich in dieser Art irgendwie an Assad erinnerte. Dieser hatte mir auch nicht gerade freundliche Komplimente bei unserer ersten Begegnung gemacht. Zwar war er im Laufe der Zeit doch noch netter geworden, zumindest redete ich mir das ein, aber dennoch, soviel Ehrlichkeit war unerträglich. Noch dazu konnte ich mich nicht darüber aufregen, schließlich wollte ich etwas von diesem Mann, der immer noch nicht auf meine Frage geantwortet hatte.
„Fährt ihre Reisegruppe in Richtung eines Hafens?“, fragte ich noch einmal und machte damit im Prinzip klar, dass ich nun doch gerne eine Antwort hätte.
„Ich garantiere, dass ich harmlos bin. Ich trage nur einen Dolch zum Selbstschutz bei mir und mein Reisegepäck. Ich werde kaum auffallen und nicht im Weg stehen, dass verspreche ich. Und wie gesagt, ich zahle auch dafür.“
Erneut hielt ich den Beutel hoch und zog mit der anderen Hand, die ich frei hatte, nachdem ich mein Gepäck für die Suche nach dem Geld abgestellt hatte, den Stoff von meinem Gesicht, so dass nur noch meine Haare verdeckt waren.
„Selbstverständlich wirst du zahlen. Alles im Leben hat seinen Preis. Verpflegung, Transport, Unterbringung und Schutz ebenso. Und das wird nicht günstig.“
Ohne mir eine Chance zu geben, einen passenden Preis vorzuschlagen, nahm er mir meinen Geldbeutel aus der Hand und öffnete diesen. Er blickte schätzend in diesen hinein und schüttelte schließlich die Hälfte, vielleicht auch mehr, in seine hohle Hand. Der gut gefüllte Beutel lag hinterher zumindest ziemlich schlaff in meiner Hand und ich musste mich arg beherrschen, dem Geld nicht nachzutrauern.
„Mo-Moment! Ich bezahle nur, wenn Sie mich zu einem Hafen bringen können! Wofür sollte ich sonst zahlen?“
Sein stechender Blick visierte mich an und erneut zuckte ich innerlich zusammen. Hatte ich etwa etwas dummes gesagt?
„Natürlich zahlst du nur dafür, dass du mit uns bis nach Aza reisen kannst. Du hast Glück. Wir sind auf dem Weg zum Tenzan-Plateau und Aza liegt auf dem Weg. Von dort legen garantiert noch Schiffe nach Sindria ab.“
Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Nach all der Ablehnung, sah ich wieder etwas Licht am Horizont. Der Gedanke doch nicht alleine und unwissend durch die Welt reisen zu müssen, war doch schon sehr beruhigend. Dennoch fragte ich mich, ob das wirklich so viel kostete. Schließlich war das mein halbes Startkapital, dem ich irgendwie nun doch nachtrauerte.
„Du kannst dich unterwegs gerne nützlich machen. Das würde dir nicht zum Nachteil werden, denn jede hilfreiche Hand wird bei mir auch honoriert.“
Mich nützlich machen? Ich war mir nicht sicher, wie er das meinte. Es wäre immerhin meine erste Karawane gewesen, der ich folgen durfte. Somit war mir nicht einmal klar, was es für Aufgaben auf einer Reise zu erledigen gab. Nachtwachen vielleicht, aber die durften aufgrund der Spätschicht in meiner Welt und diversen durchzechten Nächten auch keine Probleme mehr sein. Außer... ich musste dann den Tag über noch laufen und bekam meinen Schlaf erst um 24 Stunden verzögert. Ein Grauen, aber gut, wenn es sein musste, würde ich wohl auch das überleben.
„Darf ich fragen, wie lange wir nach Aza reisen?“ Es war schon die Unwissenheit, die gerade entgegenschlug. Immerhin wusste ich nichts über diese Welt und stand kurz davor, wieder etwas mehr von ihr kennenzulernen. Vielleicht war der Landweg bis zum nächsten Hafen doch nicht so schlimm. Immer positiv denken.
„Zwei Wochen. Allerdings können es bei einem guten Reisetempo auch einige Tage weniger sein. Oder mehr. Das hängt von unserem Vorankommen ab.“
Zwei Wochen. Alleine diese Antwort trübte meine Freude. Zwei Wochen musste ich mich wohl gedulden um erst einmal auf einem Schiff nach Sindria zu kommen. Danach hätte ich noch eine Fahrt von einigen Tagen vor mir. So schnell würde ich Balbadd wohl nicht wiedersehen, außer Ahbmad war kurz davor die Handelsbeziehungen zu Sindria stoppen zu lassen. Wenn wir schon so nahe im Teil der Geschichte waren, dann würde Sindbad sicher ebenfalls bald aufbrechen. Vielleicht verpasste ich ihn dann... Wobei, warum interessierte mich das? Ich wollte nicht wegen Sindbad nach Sindria. Nein, aber ich hätte Sindbad dann nur zu gerne benutzt, um zurück nach Balbadd zu kommen.
„Dann werde ich mein Bestes geben, dass ich euch kein Klotz am Bein bin.“
Ich zog mir das Tuch, welches wie ein Teil meines Umhanges wirkte, vom Kopf und packte dieses in die Reisetasche.
„Kann ich mein Gepäck noch irgendwo verstauen? Ich brauch nicht viel Platz.“
Ich hob mein Reisegepäck an, welches wirklich nicht groß war. Es waren immerhin nicht viele persönliche Sachen darin verstaut. Lediglich das Geld, Kleidung, die Empfehlungsschreiben und noch ein paar andere Dinge, bei denen ich Suleika nicht genau gefragt hatte, was sie da hinein packte.
„Auf den Wagen dort. Pass aber auf, dass die Waren nicht beschädigt werden.“
Ich nickte. Mit Sicherheit würde ich auf die Waren achten, ich hatte immerhin keine Lust auch diese noch zu bezahlen und damit neben meinem Restkapital meine Seele zu verkaufen. Als Sklavin wollte ich ja nun doch nicht enden. Oder als Handlanger eines Händlers der vom Aussehen her, fast noch ein „Kind“ war. So wie Kouha. Hier schien es echt keine Jugendschutzgesetze zu geben, aber scheinbar war ich schon abgestumpft genug, so dass es mir irgendwie egal war. Vielleicht hatte mich die Begegnung mit Kouha aber auch noch die ein oder andere Sache bezüglich der Magi-Welt gelehrt. Auch wenn ich nicht wusste was.
Ich ging zu dem Wagen, den mir der Händler gezeigt hatte und suchte zwischen den Kisten einen sicheren Standplatz für mein Gepäck. Es gab wirklich eine Lücke zwischen zwei Kisten, in die ich meine Tasche verfrachtete. Sie war dort fest genug platziert, egal wie stark der Wagen bremsen musste, sie würde nicht kippen oder auch nur eine Kiste umwerfen. Das hatte ich sicher gestellt.
„Beeil dich...“, hörte ich den Ruf des Mannes. Es war deutlich, dass die Reisegruppe aufbrechen wollte. Das Gepäck schien auf allen Wagen sicher verstaut und da die Sonne noch nicht untergegangen war, wollten sie scheinbar noch eine kleine Distanz zurücklegen, um ihrem Endziel näher zu kommen. Das war mir nur ganz Recht, auch wenn mein Körper bereits jetzt erneut erschöpft war. Ich durfte mir das aber nicht anmerken lassen, denn ich hatte versprochen, dass ich kein Klotz am Bein sein würde.

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Und das wars mit dem Glauben eine schnelle Reise XD Naja gut, sehen wir es positiv, ich sehe etwas von der Welt. *nick*
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