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Im Zeichen des Rukh

von Erenya
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
Aladdin Alibaba Saluja Judar Morgiana OC (Own Character) Sinbad
27.05.2015
01.01.2017
26
219.342
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03.06.2015 8.190
 
Der erste Gedanke den ich in Lapis und Koreans Unterschlupf hatte, war, wie sie das bezahlten. Sie teilten sich gemeinsam eine Art Wohnung oder Zimmer, das sich in einer kleinen Steinhütte, nicht unweit vom Vergnügungsviertel befand. Sie hatten mich auf einem Stuhl platziert und kramten in ihren Kisten, während ich mich umsah. Es war spärlich, fast schon spartanisch eingerichtet und die kleine Feuerstelle, die wohl als Kochbereich diente, schien nicht häufig in Nutzung zu sein.
„Sagt mal, Lapis und Korean, woher kennt ihr diesen Assad eigentlich?“
Es war schon merkwürdig, dass zwei Damen wie Lapis und Korean diesen, man nannte es in meiner Welt wohl Zuhälter, kannten. Wobei war er ein Zuhälter? Keine Ahnung. Dennoch, es wirkte seltsam, denn Assad schien mir nicht wie der Typ Mensch zu sein, der viele weibliche Freundinnen hatte. Im Gegenteil.
„Wir haben damals eine Zeit lang bei ihm gearbeitet. Das Geschäft sozusagen aufgebaut. Indirekt arbeiten wir auch heute noch mit ihm. Lapis hier arbeitet für einen Obsthändler, der Assad immer beliefert und ich komme regelmäßig vorbei und helfe seinen Mädchen gut auszusehen. Wenn ich das nicht gerade tue, arbeite ich in einer kleinen Schneiderei. Nicht gerade der beste Lohn, aber Assad gibt mir regelmäßig etwas für meine Dienste, so das Lapis und ich immer genug zum Leben haben. Auch wenn Assad nicht so wirkt, hat er doch ein gutes Herz.“
Ich stützte meine Arme auf meinen Oberschenkeln ab und sah zu Korean und Lapis, die während unserer Unterhaltung scheinbar die richtigen Sachen für mich heraussuchten. Ich konnte immer noch nicht glauben, dass Assad wirklich so ein gutes Herz hatte, allerdings waren da diese Lichtvögel gewesen... Hätten sie mich wirklich in die Fänge eines schlechten Menschen geschickt? Oder hatte ihr Erscheinen bei Assad eine andere Bedeutung gehabt?
„Ah, das hier passt garantiert!“
Triumphierend hielt Lapis einen Fetzen blauen Stoffes hoch, der mehr wie ein einzelner BH aussah, als etwas zum Anziehen. Zweifelnd hob sich eine meiner Augenbrauen, als sie mir stolz das „Oberteil“ präsentierte.
„Jetzt guck nicht so. Es ist vielleicht nicht so edel, aber alle Mal besser als das was du gerade trägst.“
Wiederworte von mir waren bei Lapis eindeutig nicht erwünscht. Wobei ich gestehen musste, dass sie Recht hatte. Der schmutzige Lumpen hätte sicher keine Kundschaft hinter dem Herd hervorgelockt. Dieser blaue BH hingegen schon.
„Habt ihr nichts, was mehr bedeckt? Ich bin nicht der Typ, der gerne viel Haut zeigt.“
Es war ein Versuch die beiden zu überzeugen, mir doch etwas mehr zu geben. Denn ehrlich, ich lief in meiner Welt gerne gut bedeckt herum und daran wollte ich jetzt nichts ändern.
„Du weißt schon, wo du arbeiten wirst, oder? Da gibt es eine Kleidungsvorschrift. Noch dazu ist dein Aussehen dein Kapital. Zier dich also nicht so.“ Harsche Worte von Korean. Aber ja, ich wusste wo ich arbeiten würde. In einem Amüsierbetrieb.
„Ich werde Geschichten erzählen oder singen, aber keine Männer verführen.“ Das war zumindest mein Plan. Was Assad plante, war mir aber nicht gewiss. Mal ehrlich, wozu musste sich eine Geschichtenerzählerin sexy kleiden? Anfassen war sowieso verboten.
„Du wirst aber nicht lange Geschichten erzählen und singen, wenn die Männer deinen Anblick grässlich finden. Und nun hör auf zu diskutieren und zieh endlich diese Lumpen aus. Wir haben nicht viel Zeit für Sonderwünsche.“
Sowohl Lapis als auch Korean ließen keine Widerrede zu. Damit war ich wohl überstimmt.
„Aber ich zeige nicht zu viel von meinen Beinen.“ Es war die einzige Forderung die ich noch anbringen konnte, auch wenn ich bereits jetzt ahnte, dass sie vergebens war. Ich hatte einfach keine Chance und mit Sicherheit würde man merken, wenn ich mich unwohl fühlte.

Ich spürte, wie die Schamesröte mir einfach nicht aus den Wangen weichen wollte. Der BH oder das Oberteil, oder wie auch immer man das in Balbadd nannte, verdeckte gerade einmal meine Brüste, wobei oben herum der Ausschnitt tief genug war, dass Männer mit Sicherheit nicht genug Fantasie entwickeln konnten. Hier schien weniger wirklich mehr zu sein. Wäre ich doch nur in Kou gelandet, dort hätte man mich nicht in diese Sachen gesteckt... wobei in Kou hätte man mich wohl nicht einmal in Freiheit herumlaufen lassen. Verdammt.
Immerhin hatten beide auf einen Rock verzichtet und mir stattdessen so etwas wie ein paar hellblauer Hosen gegeben, die aufgeplustert an mir hinab hingen und nur noch die Knöchel zeigten. Das war wirklich orientalisch und das einzige Kleidungsstück, welches mir gefiel.
„Also am Dekolleté sieht sie noch so... leer aus“, merkte Lapis an und sah zu Korean, die selbst nachdenklich zu mir sah und um mich herum lief.
„Und die Haare... so können wir das nicht lassen... Assad wird sie so sicher nicht nehmen.“
Irgendwie verärgerte es mich schon, dass die beiden so taten, als würde meine Aufnahme im Amüsierbetrieb wirklich nur von meinem Aussehen abhängen. Sicher, beide hatten mehr Erfahrung bei so etwas als ich, aber ich hatte nicht vor, mit meinem Aussehen zu glänzen.
„Hier, was meinst du, Lapis?“
Ich sah zu Korean, die aus einem kleinen Schmuckkästchen eine Kette mit bläulichen Steinen gezogen hatte. Das Thema war also klar, blau wie das Meer. Das Meer, das mich beinahe ertränkt hätte. Wenn Kassim nicht gewesen wäre... Wo der wohl nun war?
Ich versank in meinen Gedanken. In was für einer Zeit der Storyline befand ich mich eigentlich gerade? Gab es die Nebelbande schon? Oder wurden sie erst noch gegründet? Bisher hatte ich noch nichts davon gehört. Fest stand nur, Balbadd ging es schon schlecht. Demnach hatte Ahbmad schon sein bestmögliches getan um die Wirtschaft tüchtig in die Tiefen zu reißen. Oder war Balbadd schon immer so verarmt gewesen? Ob ich Lapis und Korean fragen sollte? Ich war mir unsicher, da ich die beiden so gut wie gar nicht kannte. Jetzt schon solche Fragen zu stellen, hätte mich vielleicht den Kopf oder eher um meine Arbeit bringen können.
„Ich hab hier noch ein paar Ohrringe, meinst du die passen ihr?“
Ich seufzte leise, denn das Make-Over, das die beiden mir verpassten schien immer noch kein Ende zu haben.
Sie werkelten an meinen Haaren herum, kämmten sie und schienen selbst zu überlegen, wie sie diese besser in Szene setzen konnten. Schließlich einigten sie sich darauf, dass ein geflochtener Zopf wohl das beste aus meinem äußeren herausholen würde, zumindest in Verbindung mit der Steinkette.
„Seid ihr fertig?“, fragte ich nach einiger Zeit vollkommen am Ende meiner Kräfte und entnervt. Ich wollte, dass es endlich ein Ende hatte, denn noch mehr Aufhübschung vertrug ich nicht.
„Fertig. Ich denke, ein wenig Aufmerksamkeit wirst du damit auf dich ziehen können. Deine blasse Haut lässt dich zerbrechlich wirken. Einige der Männer stehen auf so etwas. Sie werden ganz nett und behutsam bei dir sein.“
Ein verheißungsvolles Lächeln lag auf Koreans Lippen. Das gefiel mir gar nicht. Sie hatte sicher den ein oder anderen Hintergedanken, dass ich mehr tun würde als nur zu singen und Geschichten zu erzählen. Für Assad wäre das sicher ein guter Grund mich dann doch als seine Angestellte zu behalten, aber für mich... Ich wollte mir das gar nicht ausmalen.
„Keine Sorge, Assad wird ein Auge auf dich haben. So wie auf alle Mädchen. Und wenn Assad gerade beschäftigt ist, kümmert sich sicher Cecilia um dich.“
Cecilia? Fragend sah ich die beiden an, die einfach breit grinsten. Das war dieses 'Du wirst sehr überrascht sein'-Grinsen. Oder eines mit einer noch diabolischeren Bedeutung. Doch irgendwie glaubte ich den beiden sogar. Assad würde aufpassen und diese Cecilia. Dennoch, es beruhigte mich kein bisschen, dass ich trotz alledem einer Horde Männer ausgesetzt war. Wenn solche wie Aladdin darunter waren... dann Prost Mahlzeit.
'Bloß nicht daran denken, dass macht dich nur noch nervöser', mahnte ich mich und schluckte meine Sorgen weitest gehend runter. Ja. Bloß nicht daran denken, am besten gar nicht denken und einfach meine Arbeit machen. Das hatte mir auch in meiner Welt oft geholfen.

Ehrlich gestanden hatte ich mir ein Freudenhaus immer anders vorgestellt. Auch hier warben die Damen um Männer, aber alles schien gesitteter vonstatten zu gehen. Die Männer aßen, während sie sich von den Mädchen vorschwärmen ließen, wie stattlich sie waren oder die Mädchen überhäuften sie mit Berührungen und Küssen. Etwas, dass ich mir nicht zutraute. Dennoch fragte ich mich, ob es nur dabei blieb und hoffte darauf, dass die Antwort Ja lautete.
„So, dann viel Erfolg bei der Arbeit. Wenn du zu versteift bist, frag nach Ameen, er ist hier für die Küche zuständig und gibt dir dann sicher etwas zur Auflockerung.“
Lapis klopfte mir aufmunternd auf die Schulter, bevor sie fast schon fluchtartig das Freudenhaus verließ. So ganz verstand ich nicht wieso, aber wenn ich es recht bedachte, war mir auch nur noch danach so schnell wie möglich wieder hier heraus zu kommen. Leider hatte ich im Gegensatz zu Lapis keine andere Wahl.
„Und was jetzt?“, fragte ich mich leise und sah mich um. Ich wusste gar nichts, weder wo ich hin sollte, noch wann ich anfing genau zu arbeiten, oder wo Assad war.
„Sie haben dich immerhin ein wenig herausputzen können.“
Ich zuckte zusammen, als ich die kühle Stimme Assads neben mir vernahm. Damit hatte ich nun weiß Gott nicht gerechnet. Wo war der auf einmal hergekommen? Unsicher lugte ich an ihm vorbei, doch hinter ihm war nichts außer einer Wand vor der ein roter Vorhang, seitlich festgebunden war. Einen Geheimgang, sollte es so etwas hier geben, schloss ich also aus.
„Komm mit, ich zeige dir erst einmal alles hier.“
Ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen, lief Assad an mir vorbei, geradewegs in die Richtung, in der einige Gäste mit den Mädchen des Hauses Spaß hatten. Sie schienen sich nicht daran zu stören, dass Assad diesen Rundgang machte und mir alles erklärte. Wie ich es schon in Magi gesehen hatte, befanden sich auch hier Tische und breite Sitzgelegenheiten. Doch anders als ich es in Erinnerung hatte, waren hier auch Sitzplätze, die ausschließlich aus angehäuften Kissen bestanden. Weichen Kissen, wenn ich das richtig sah. Zumindest verführten sie dazu, sich hineinzuwerfen und sich darin zu versenken. Allerdings gehörte das Privileg den Gästen, ebenso die köstlichen Früchte, die an jedem Sitzplatz in einer großen Schüssel aufgetürmt waren. Schon der Anblick ließ mir das Wasser im Mund zusammenlaufen und erinnerte meinen Magen daran, dass er noch vor wenigen Stunden randaliert hatte. Ich konnte nicht verhindern, dass ein lautes Grummeln ertönte, ebenso wenig konnte ich verhindern, vor Verlegenheit rot anzulaufen.
„Wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?“ Peinlich, dass Assad das gehört hatte. Nun konnte er sich ja ein Bild davon machen, wie dringend ich diese Arbeit brauchte.
„Weiß ich nicht... Mir fehlen ein paar Erinnerungen und ich habe... das Zeitgefühl verloren.“ Es war halb wahr. Ich hatte in der Tat keine Ahnung, wie viel Zeit zwischen meiner Ankunft bei Ugo und meinem Tagesablauf vergangen war. Vermutlicherweise weniger als einen Tag. Wahrscheinlich waren es aber auch nur ein paar Stunden gewesen. Dank den fehlenden Erinnerungen wusste ich es nicht.
„Du solltest für diese Mahlzeit dann heute besonders hart arbeiten.“
Bei einer „Tür“ mit großen Bogen, blieb Assad stehen und sah mich an. Verdeckt war die Tür nur mit einem lilafarbenen Tuch, was sich deutlich von den roten Tüchern und Vorhängen an den anderen Wänden anhob. Ein kurzer Blick durch den Raum zeigte mir auch, wieso. Überall wo Türen waren, hingen lilafarbene Tücher davor. Die Wände hingegen waren einfach nur mit rot bedeckt und wenn sie nicht mit Tüchern bedeckt waren, zeigten sich erstaunlich, schön herausgearbeitete Mosaike.
Ein Räuspern Assads holte mich wieder zurück zum eigentlichen Thema. Der Besitzer des Freudenhauses schob den Vorhang zur Seite und wies mit einer eindeutig befehlenden Geste an, dass ich den Raum betreten sollte. Ohne diesen stummen Befehl zu verweigern, betrat ich den kleinen Raum, mit den vielen Schränken, einem Herd und einer Art Waschbecken, auf dessen Ablagen sich das schmutzige Geschirr stapelte.
„Hier ist die Küche. Wenn ein Kunde Bestellungen aufgibt, geben die Mädchen diese hier ab und holen sie auch von hier. Wir sind nicht so gut besetzt, dass wir uns so etwas wie eine Bedienung leisten könnten. Wenn du also merkst, dass gerade eine Hand benötigt wird und du hast gerade nichts zu tun, wirst du deine Hand bieten, verstanden?“
Seine Worte waren harsch und erlaubten keine Widerrede, soviel wurde mir bewusst, weswegen ich nickte. Gut, kellnern bekam ich sicher noch irgendwie hin, auch wenn ich mich im Restaurant und Eiscafé sehr dämlich angestellt hatte, weil ich einfach keine zwei Teller auf einer Hand tragen konnte.
„AMEEN!“ Ungewollt wich ich von Assad weg, als er seine Stimme erhob, so dass seine Stimme an den Wänden und dem Geschirr widerhallte. Er klang nicht erfreut, was mich nicht verwunderte, denn das schmutzige Geschirr stapelte sich bereits wie in meiner Küche. Gut, Ameen war mir schon jetzt sympathisch.
„Hör auf zu schreien, Assad. Irgendwann kommst du heiser zur Arbeit, wenn du Stunde um Stunde nur dabei bist mich anzubrüllen.“ Hinter einem der Geschirrberge ertönte eine Stimme, die müde klang. Sie war dicht gefolgt von einem paar Arme, deren Teint ebenso gebräunt war wie Assads. Doch anders als bei dem Besitzer des Freudenhauses, erhob sich kein schwarzhaariger Schopf, sondern ein Schneeweißer. Ebenso waren die Züge des Gesichtes weicher und freundlicher, nicht so hart wie die meines Chef in Spes.
„Es ist bald Abend und du hast immer noch nicht den Dreck hier beseitigt? Bist du lebensmüde? Soll ich die Gäste vom Boden essen lassen?“
Es war deutlich zu hören, dass Assad über dieses Chaos nicht sehr erfreut war. Wäre ich als Chef auch nicht gewesen, immerhin brauchte das Etablissement sauberes Geschirr und wenn diese Berge alles an Geschirr war, was sie besaßen, dann war der Boden wohl die einzige, nicht gerade ideale Alternative.
„Ich wette deine Mädchen könnten selbst das deinen Kunden schmackhaft machen.“
Ein breites, sorgloses Grinsen lag auf dem Gesicht des Mannes, der aller Wahrscheinlichkeit nach Ameen hieß.
„Red keinen Blödsinn und räume gefälligst diesen Dreck weg!“
Eindeutig, Assad duldete keine Wiederworte, was Ameen scheinbar reichlich egal war. Auch wenn er nachgab und anfing einen Stapel Geschirr neben eine große Metallschüssel zu stellen und diesen Teller um Teller zu reinigen. Wie oft das Wasser in dieser Metallschüssel gewechselt wurde, wollte ich dabei gar nicht wissen. Auch wenn es befremdlich für mich war, dass inmitten der Küche, etwas weiter links von Assads Standplatz eine Art Wasserpumpe aus dem Boden ragte. Gab es so etwas überhaupt in Magi Zeiten?
„Wer ist überhaupt die Dame neben dir? Erweitern wir jetzt unser Geschäft und nehmen auch Frauen als Gäste? Dann brauchen wir aber ganz viele männliche Mitarbeiter. In den Slums dürftest du da nicht fündig werden.“ Etwas Spottendes lag in Ameens Stimme und schien Assad, dessen Wut immer noch nicht vollständig verraucht war, erneut anzustacheln. Dieses Mal jedoch verschränkte Assad die Arme und versuchte ruhig Blut zu bewahren.
„Sie ist heute auf Probe hier. Ich weiß noch nicht ob sie überhaupt für uns geeignet ist, deswegen werden wir einfach mal ihre Talente auf die Probe stellen. Allerdings kann sie das nicht auf leeren Magen, deswegen...“
„Du musst nichts sagen. Ich kriege das Küken schon satt. Sie wird gestärkt ihrer Arbeit nachgehen können, verlass dich auf mich.“
Verächtlich stieß Assad einen Laut der nach einem „Tze“ klang aus, als Ameen ihm ins Wort fiel und mich breit angrinste, während er einen Teller nach dem anderen abwusch. Es war seltsam, wie geschickt und schnell er dabei war, so erschien es mir sogar noch unglaublicher, dass er nicht eher damit begonnen hatte. Ich brauchte selbst für einen viertel Teil des hier angehäuften Geschirrs Stunden.
„Schick sie vor, wenn ihr fertig seid.“ Assad schien genug von dem Anblick der Küche, oder viel mehr von Ameen, zu haben und verließ diese. Fast schon erleichtert seufzte ich auf, versteifte mich allerdings, als ich ein belustigtes Lachen von Ameen vernahm.
„Er mag zwar streng sein, aber er ist ein guter Kerl. Daran wirst du dich schon gewöhnen.“ Das klappern, dass durch das Erledigen des Abwasches durch die Küche gehallt war, verstummte augenblicklich, kaum dass Assad den Vorhang hinter sich zufallen lassen hatte.
„Nur unter der Prämisse, dass er mit meinen Fähigkeiten zufrieden ist. Irgendwie glaube ich aber nicht, dass er mir sonderlich viel zutraut.“ Verübeln konnte ich es ihm nicht, nachdem mein kurzes Bewerbungsgespräch eine einzige Blamage gewesen war. Selbst ich glaubte nicht einmal daran, dass meine Begabungen ausreichen würden.
„Ach keine Sorge. Er wird dir heute wie ein Dämon erscheinen. Wenn das wofür du hier bist nicht klappt, wird er dir eine Aufgabe nach der anderen geben, bis er etwas geeignetes für dich gefunden hat. Assad ist nicht der Typ, der jemanden nur Probe arbeiten lässt und denjenigen dann auf die Straße setzt. Vertrau ihm einfach. Oder viel eher, vertrau auf das was du kannst.“ Während Ameen gesprochen hatte, hatte er unter einer Ablage einen Schemel gezogen und ihn für mich vor eben dieser Ablage platziert.
„Wie du sicher schon mitbekommen hast, bin ich Ameen. Wie heißt du?“ Ameen zog einen Topf aus einem unteren, steinernen Schrank hervor und griff zu einem der abgewaschenen Teller. Nur schwer konnte ich erahnen was darin war, alles was ich wusste, war das mein Magen schon nach dessen Inhalt schrie. Doch ich musste mich beherrschen.
„Erenya... Lapis hatte dich vorhin erwähnt. Sie meinte, wenn ich etwas Auflockerung brauche, sollte ich nach dir fragen.“
Soviel hatte ich mir immerhin gemerkt. Auch wenn mir nicht klar war, wie Ameen mich auflockern sollte. Vielleicht machte er ja Witze oder sorgte in einem Gespräch dafür. Zumindest schien er eher der Typ Mensch zu sein, dessen Lächeln jegliches Unbehagen davon schmelzen konnte.
„Brauchst du denn Auflockerung?“ Ein schelmisches Grinsen lag auf Ameens Lippen, als nachfragte. Jetzt wollte ich nicht mehr wissen, wie er mir Auflockerung verschaffen sollte.
„Nein. Gerade nicht. Eher etwas zu essen. Danke.“
Kaum dass ich das Wort 'Essen' erwähnt hatte, stand auch schon der Teller gefüllt mit etwas... undefinierbaren vor mir. Misstrauisch beäugte ich die Mahlzeit vor mir und fragte mich, ob ich mit meinem knurrenden Magen wirklich wählerisch sein sollte. Allerdings, war mein Magen bereit für das, was man in Balbadd servierte.
„Guck nicht so, dass ist wirklich gut. Bisher ist noch kein Gast wegen meiner Kochkünste gestorben.“
Eines war eindeutig... Wegen Ameens Kochkünste kamen die Gäste mit Sicherheit auch nicht her, wenn das alles so aussah. Ich meine, vor mir stand ein tiefer Teller, in dem irgendein weißer Brei vor sich hin vegetierte. Darin befanden sich grüne und rote Flecken, vermutlich Gemüse oder... Gewürze? Aber gut, ich hatte Hunger und in der Not fraß der Teufel Fliegen.
Ich nahm den Löffel, den mir Ameen gereicht hatte und tunkte diesen in den Brei, der nur ein wenig nachgab und sich dem Löffel übergab. Mir zitterte schon die Hand, als ich mir den Löffel zum Mund führte.
'Bitte sei essbar... bitte essbar...' Ich flehte innerlich, dass das was ich nun essen würde, auch wirklich verdaulich für mich war, denn scharfes Essen lag mir so gar nicht und wenn dann nur schwer im Magen.
Ich schloss meine Augen und brachte es einfach hinter mich, stellte aber im Nachhinein fest wie dämlich das war, denn es schmeckte wirklich.
„Und, ist es so schlimm?“, fragte Ameen spottend, als er sah, wie ich mein erstes Zögern überwunden hatte und nun deutlich tapferer Bissen um Bissen zu mir nahm.
„Es ist sogar essbar...“, antwortete ich glücklich und leerte auch schon den nächsten Löffel, wobei mich Ameen entsetzt ansah.
„Was heißt hier 'es ist sogar essbar'? Ich bin nicht ohne Grund der Koch hier. Außerdem habe ich bereits gesagt, dass noch keiner wegen meiner Kochkünste gestorben ist.“
Ich befreite den Teller von seinem letzten Bissen und seufzte erleichtert auf. Was für ein schönes Gefühl, wenn diese Leere einer angenehmen Fülle wich.
„Tut mir leid. Da wo ich herkomme, sieht die Nahrung bissfester und der Brei, abgesehen von Milchreis und Grießbrei, nicht ganz so weiß aus.“
Nun war es Ameen, der sein Gesicht verzog, als er die Worte Grießbrei und Milchreis vernahm. Anscheinend aß man so etwas hier nicht.
„Klingt... widerlich.“
Mir klappte der Mund auf, als ich dieses Urteil hörte. Hatten alle in Balbadd hier ihr Herz auf der Zunge oder was?
„Das ist nicht widerlich... na gut abgesehen von Grießbrei. Aber Milchreis mit Kirschen, sauren Kirschen, ist echt lecker. Wobei man kann den auch mit Pflaumen essen. Dadurch bekommt das ganze eine echt geniale Komponenten.“ Ich schwor eben auf Sauerkirschen mit Milchreis und mit Sicherheit würde ich auch noch nach dieser Reise darauf schwören. Außer man servierte mir etwas ähnlich gutes.
„Du kommst also nicht von hier. Wo liegt denn deine Heimat? In Rem? Kou?“ Ameen schien selbst kein Interesse daran zu haben die Essensdebatte weiter zu führen, weswegen er das Thema in eine ungeahnt gefährliche Richtung wechselte. Verdammt. Wo kam ich her? Ich meine ich kam aus Deutschland, aber meines Wissens nach, gab es dieses Land nicht in Magi. Gab es überhaupt eine Stadt oder ein Land, dass meiner Heimat nahe kam? Sicher nicht.
„Gute Frage. Ich weiß es nicht. Ich wurde auf meiner Reise von Räubern überfallen. Durch den Schlag auf den Kopf, hab ich einige Erinnerungen verloren. Andere wiederum sehe ich so klar und deutlich vor mir. Aber meine Heimat...“
Innerlich betete ich, dass Ameen mir glaubte. Ich meine so ganz unglaubwürdig war es nicht. Dennoch, der Blick Ameens gefiel mir nicht. Er beäugte mich so misstrauisch.
„Ameen, Assad sagt, ich soll dir bei dem Abwasch helfen.“
Erleichterung machte sich in mir breit, als Ameen zur Tür aufblickte, durch die ein Frau kam. Sie war leicht bekleidet wie die Anderen auch, strahlte aber etwas edleres aus. Sie war eindeutig kein Freudenmädchen. Woran ich das genau festmachte? Nun, an ihren Hüften, an der eine goldene Kette hing, die einen dünnen weißen Stoff hielt. Ebenso lag ein genauso dünner, fast durchsichtiger weißen Stoff um ihre Ellenbogen gebunden und ihre blonden Haare, waren mit einem dicken Zopf hochgesteckt. Dennoch reichte ihr Haar bis zu Hüfte. Offen waren sie sicher noch länger, wenn das nicht einfach nur ein Fake-Zopf war.
„Welch Ehre, dass du mir in meiner Küche helfen willst, Suleika.“
Erneut hatte Ameen wieder sein Lächeln aufgesetzt und nahm sogleich den Teller, welcher leer vor mir stand, um diesen auf einen Stapel zu stellen. Mit einem Seufzen betrachtete die Frau das Chaos, welches trotz eines bereits abgewaschenen Stapels Geschirr immer noch herrschte.
„Deine Küche sollte dir eine Ehre sein, nicht meine Hilfe. Assad macht das nicht mehr lange mit.“
„Ach was, ach was. Du weißt doch, Assad würde nie jemanden raus werfen, mich schon gar nicht. Wer soll sonst für alle hier kochen?“
„Vielleicht die Neue. Du, Neue, kannst du kochen?“
Der Blick der Frau ruhte auf mir und augenblicklich versteifte sich mein Körper, denn ihre blauen Augen schienen mich förmlich zu durchbohren.
„Damit würde sich Assad keinen Gefallen tun. Sie kommt aus einem anderen Land und weiß nichts von den Speisen wie man sie hier bei uns zubereitet. Uns würde die Kundschaft noch schneller weglaufen als du tanzen oder die anderen Mädchen sich ausziehen können.“
Mir war nicht ganz klar, ob Ameen die Arbeit der Frauen da draußen respektierte. Zumindest war es nicht das erste Mal, dass er sie als Argumentationshilfe benutzte.
„Wie dem auch sei, ich werde dir helfen. In Zukunft machst du deine Arbeit aber alleine.“ Suleika ergab sich einfach Ameen. Wieder jemand, der einer größeren Diskussion mit ihm aus dem Weg zu gehen schien. Oder war das hier normal?
„Und dafür danke ich dir. So, Erenya, du bist dann hoffentlich bereit für deinen Auftritt. Assad wartet sicher schon. Husch, husch raus aus meinem Reich.“
Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie Ameen mich am Handgelenk gepackt, zur Tür verfrachtet und im wahrsten Sinne des Wortes aus seiner Küche geworfen hatte. Verwundert blickte ich zurück und fragte mich, was das nun sollte.

Es war als hätte Assad bereits auf mich gewartet, denn kaum dass ich aus der Tür trat, konnte ich ein Räuspern von der Wand zu meiner Rechten hören. Nicht überraschend.
„Ich dachte schon, Ameen lässt dich gar nicht mehr gehen. Komm mit, ich zeige dir noch den Rest des Hauses.“ Die Tour war also noch nicht beendet gewesen, aber gut ich hatte auch nicht erwartet, dass bei der Küche Schluss war. Sicher, irgendwo mussten sich die Damen ja auch umziehen, oder sich von Korean aufhübschen lassen. Das taten sie mit Sicherheit nicht in dem Bereich wo sie Gäste empfingen.
„Hier ziehen sich die Mädchen um.“ Assad schob einen der vielen lilafarbenen Vorhänge zur Seite und gewährte mir so Einblick in den Raum, in dem bereits zwei Mädchen saßen und sich fertig machten, zusammen mit einer sehr großen und etwas maskulineren Kollegin.
„Cecilia, was meinst du, steht diese Farbe mir?“
Die angesprochene, maskuline Dame, wandte sich zu einem der Mädchen und musterte sie ausgiebig mit ihren kleinen Augen. Wäre Ali Baba hier gewesen, er wäre wohl auf der Stelle in seiner Bewegung erstarrt, denn mit Sicherheit war das eine Verwandte von Elizabeth.
„Ich präsentiere dir Cecilia. Sie ist bei den Kunden sehr beliebt und so gesehen der Stolz des Ladens. Wenn du also länger als einen Tag hier sein willst, halte dich an sie.“
Zweifelnd sah ich Assad an. Mal ehrlich, Cecilia war ein Mannsweib, ich war ein Weibweib. Körperlich gesehen war an mir mehr Frau dran als an Cecilia und Assad hatte mich beim Bewerbungsgespräch als nicht sonderlich hübsch bezeichnet. Was lief in dieser Welt nur falsch, wenn man jemanden wie Cecilia als hübsch ansah?
„Sie ist sehr talentiert und hat auch eine einnehmende Persönlichkeit. Dennoch ist sie ein sehr zerbrechliches und fragiles Seelchen. Pass also auf was du sagst, nicht dass sie es sich zu sehr zu Herzen nimmt.“
Alles was Assad sagte, konnte ich nicht so recht glauben. Ich meine, wenn sie wie Elizabeth war, köpfte sie einen Krug mit ihrer Handkante, wie sollte sie da ein fragiles Seelchen sein? Wirklich sehr seltsam.
„Assad! Komm doch rein. Ist das die Neue?“
Ich erstarrte augenblicklich, als Cecilia uns erkannte und Assad in den Raum winkte. War das normal das der Chef die Umkleiden einfach so betreten durfte und sogar noch erwünscht war?
„Ob sie die Neue ist, entscheidet sich. Sollte sie Probleme haben, greift ihr unter die Arme.“
Assad hatte eine Hand an meinen Rücken gelegt und schob mich harsch in das Zimmer hinein, so dass mich die anderen nun in voller Gänze sehen konnten. Schneller als mir lieb war, stand ich vor Cecilia die von der Größe her mich um mindestens drei Köpfe überragte. Ihre Muskeln waren deutlich ausgeprägter als meine, ebenso ihre Nase, die spitz nach vorne zu ging und wahrscheinlich anderen ein Auge hätte ausstechen können, wenn sie nur nah genug an dieses heran kam.
„Keine Sorge, Assad. Sie wird sich hier sicher wohl fühlen. Hier fühlte sich doch bisher jede wohl.“
„Abgesehen von Thymia...“, erwiderte eines der Mädchen, dass mit Cecilia hier gesessen hatte.
Ein Blick zu Assad verriet mir, dass dieses Thema wie ein wunder Punkt für ihn war. Selbst die Mädchen verstanden das und wechselten augenblicklich das Thema.
„Wir werden uns gut um sie kümmern, Assad. Mach dir keine Sorgen.“
Ich wusste nicht genau, was es war, aber die Mädchen schienen wirklich besorgt um ihren Boss zu sein, was ein deutliches Zeichen dafür war, dass er wohl doch kein schlechter Mann war. Das deckte sich nur mit den Aussagen, die die anderen mir gegenüber bereits getroffen hatten.
„Ich zeige ihr noch den Rest des Hauses, macht euch also fertig. Ich bringe sie in ein paar Minuten runter. Haltet ihr einen Platz mittig bei den Kissen frei.“
Erfreut nickten die Mädchen auf Assads Forderung. Scheinbar war sein Befehlston hier gerne gesehen, zumindest zeugte alles, was ich bisher gesehen hatte, abgesehen von Ameens Küche, davon, dass alles hier seine Ordnung hatte. Schon bewundernswert.
Ich dachte darüber nach, was ich bisher noch nicht für Seiten bei Assad gesehen hatte, die aber die anderen kannten. Wahrscheinlich waren Äußerlichkeiten doch nicht so prägend wie man mir zu meiner Zeit, in meiner Welt glauben machen wollte. Wobei, eigentlich wollte man mich das nicht glauben lassen, immerhin hatten wir dieses Thema irgendwann in der vierten Klasse der Grundschule gehabt. Äußerlichkeiten sagten nichts über einen Menschen aus. Das traf auch auf Cecilia zu. Wahrscheinlich war sie nicht durch ihr Äußeres charmant, sondern durch das was sie als Person ausmachte.
„Dort oben findest du die privaten Zimmer. Einige unserer Kunden ziehen sich gerne mit ein oder zwei Mädchen dahin zurück um ungestört zu sein. Für dich werden diese Zimmer aber nicht in Frage kommen, also musst du sie nicht sehen. Ich zeig dir noch das Bad.“
Assad lief mit mir an der Treppe vorbei, die im Hauptbereich nach oben führte.
„Ihr habt ein Bad?“
An sich hätte ich gedacht, dass man hier in diesen warmen Gebieten versuchte Wasser zu sparen, immerhin war dies ein wertvolles Gut, doch Assad schien nicht viel davon zu halten. Wobei, Balbadd lag am Meer. Demnach Wasserknappheit sollte wohl hier noch kein Thema sein.
„Nun, wir hatten ein Bad. Momentan ist es nicht in Betrieb.“ Erneut schob Assad einen Vorhang zur Seite und präsentierte mir das Bad, welches wie ausgestorben wirkte. Ich sah steinerne Brunnen, aus denen wohl zu besseren Zeiten in ein tiefes Becken, Wasser gesprudelt war. Neben der Tür standen tönerne Krüge die allesamt leer waren. Aber ich war mir sicher, dass sie einst eine wirklich große Bedeutung für dieses Bad inne gehalten hatten.
„Warum ist es nicht in Betrieb?“ Die Neugier war geweckt, denn wenn es nicht an Wasser mangelte, gab es doch keinen Grund das Bad zu schließen.
„Wir haben in diesem Bad immer ein paar Zusätze hinzugegeben. Allerdings ist das nicht länger bezahlbar. Daher ist es nicht in Betrieb. Und ich bezweifle, dass es jemals wieder in Betrieb genommen wird.“
Nicht bezahlbar, dass zeigte wohl deutlich, in was für einer Lage sich Balbadd wirklich befand, wenn selbst die Freudenhäuser auf Sparflamme laufen mussten. Dabei schienen sie noch am besten zu verdienen. Der Adel und Reisende schienen sich hier dennoch niederzulassen. Wer brauchte auch ein Bad, solange es Mädchen gab?
Da wurde es doch fraglich, in wieweit meine Fähigkeiten reichen würden um die Männer zu unterhalten. Vielleicht war es aber auch gerade das, was die Menschen jetzt brauchten. Unterhaltung und Ablenkung.
„Damit hast du alles gesehen. Es wird Zeit, dass du tust, wofür du hier bist. Ich behalte dich im Auge, also streng dich an und zeig, dass du unverzichtbar bist.“
Kaum dass mich Assad wieder daran erinnert hatte, weswegen ich eigentlich hier war, wurde mir ganz anders zumute. Ich hatte mich immerhin schon sehr weit aus dem Fenster gelehnt und gemeint, dass ich die besten Geschichten überhaupt erzählte. Gerade jetzt fiel mir aber keine ein, abgesehen von denen, die aus meiner Welt kamen. Nur ob die für die Männer hier wirklich unterhaltsam waren? Es kam auf einen Versuch an.
„Wenn du noch etwas brauchst, geh in das Umkleidezimmer der Mädchen, sie werden dir sicher helfen.“
Was auch immer Assad andeutete, ich würde diese Hilfe sicher nicht in Anspruch nehmen müssen. Ich war mehr oder minder eingekleidet, hatte gegessen und war somit bereit um zu singen oder irgendetwas zu erzählen, was mir aus meiner Welt von Geschichten und Märchen noch geläufig war.

Wie es Assad gesagt hatte, wurde mir ein Platz ziemlich mittig im Gästebereich bereit gestellt. Er wirkte wie eine kleine Insel, bestehend aus verschiedenfarbigen Kissen. Allerdings war diese Insel nicht zu vergleichen mit den Sitzecken, da hier keine Obstschale stand oder sich Gäste darauf tummelten. Sie war viel mehr mein eigener kleiner Bereich, mein eigenes Reich, durch das ich zwar sichtbar für alle drapiert war, aber dennoch unerreichbar wirkte. Irgendwie beruhigte mich diese kleine Insel, sie gebot mir Sicherheit und ich vergaß sogar für den Moment, als ich mich in sie versank, dass Assads wachsame Augen auf mir lagen.
Nun war die Frage, was ich erzählen konnte. Was würden die Besucher gerne hören? Was wäre gut für das Geschäft von Assad? Es war schwer sich ein Bild von dem ganzen zu machen, doch da das Portfolio meiner Welt gewaltig war, konnte ich auch aus allen Vollen schöpfen und von jeder Geschichte etwas ausprobieren.
„Sehr geehrte Besucher, heute stelle ich euch Erenya vor. Sie ist eine Geschichtenerzählerin aus weiter Ferne und ist heute nur für euch hergekommen, um Geschichten aus ihrer Heimat mit euch zu teilen, auf dass ihr euren eigenen Alltag und unserer Welt entgleitet und euch für wenige Minuten selbst verliert.“
Zweifelnd sah ich zu Assad, als er mich dem Publikum vorstellte. Wahrscheinlich würde das meine Präsentation sein, die exotische Fremde aus weiter Ferne. Sicher. Das würde ihm jeder hier abkaufen.
Einen kurzen Moment ließ ich Assads Vorstellung bei den Kunden sacken und blickte schließlich in die Menge. Wieso fiel mir ausgerechnet jetzt die wohl gruseligste Sache ein, die mir mein Horst erzählt hatte? Verdammter Hamster. Zur Erklärung, Horst ist ein Menschenmädchen und kein Hamster. Sie stand nur einfach darauf, wenn ich sie in Geschichten einbrachte und als Horst der Superhamster oder dergleichen bezeichnete.
„Wisst ihr, in meiner Welt gibt es viele düstere Geschichten und Legenden. Viele von ihnen sind erfunden, viele von ihnen aber auch wahr. Eine von ihnen, hat sicher jeder schon einmal erlebt.“ Ich versuchte soviel mysteriösen und dunklen Charme wie möglich in meine Stimme zu legen. Ob dies gelang, keine Ahnung, aber die Aufmerksamkeit der Zuhörer lag vollends bei mir.
„Einmal erzählte mir eine Freundin folgendes. 'Wenn du Nachts, zwischen zwei und drei Uhr grundlos wach wirst, liegt es meist daran, dass du beobachtet wirst. Selbst dann, wenn du ganz alleine bist.'“
Noch immer schüttelte es mich bei dem Gedanken, wenn ich früh morgens zwischen zwei und drei wach wurde. Danach zog ich mir die Decke über den Kopf und erinnerte mich an den Film Ju-On, in dem das so null funktioniert hatte. Ein Graus alleine zu leben.
Die Menge hingegen blieb unbeeindruckt. Klar. Es war Balbadd. Wie sollte ich also diese Erzählung noch retten? Gar nicht. Ich setzte daher ein Lächeln auf und räusperte mich.
„Natürlich kann euch hier in diesem Land nichts passieren. Es sind schließlich Geschichten und Legenden aus meiner Heimat. Es gibt aber eine Legende in meiner Heimat, die hört man überall auf der Welt. Zwar nicht in dieser Form, aber in verschiedenen Variationen. Legenden von Frauen mit übernatürlicher Stimme. Eine von diesen Frauen war Lorelei.“
Lorelei. Ja, irgendwann hatten wir ihre Geschichte im Deutschunterricht behandelt. Es gab die verschiedensten Versionen zu ihrer Geschichte. Einmal war sie eine Sirene, einmal eine Hexe, dann ein tragisches Opfer, welches Rache üben wollte.
„Loreleis Freund, ein Seemann, kam nicht mehr zurück. Sein Schiff war gesunken, ohne dass dies jemals zu Lorelei vordrang. Seit dem sitzt sie Tag für Tag auf diesem Felsen und singt ihr Lied, welches voller Sehnsucht nach ihrem Seemann ruft. Die meisten Seefahrer, die sonst immer so vorsichtig in diesem Gebiet mit seiner starken Strömung sind, erliegen dem Zauber ihrer Stimme und ihre Schiffe sind dazu verdammt in den Tiefen zu versinken.“
Diese Geschichte schien schon eher nach Balbadd zu passen. Zumindest war es in einer Welt voller Magie wohl nicht unmöglich, dass eine Frau solch eine Wirkung mit ihrer Stimme erzeugen konnte. Gleichzeitig schienen die Mädchen und Frauen, die hier arbeiteten zutiefst ergriffen zu sein. Wer wusste schon, wie viele von ihnen ein ähnliches Schicksal wie Lorelei erfahren hatten?
„Sollten Seemänner unter euch sein, die selbst schon von solchen Frauen gehört haben, so bitte ich euch inständig, verschließt eure Ohren mit Wachs, wenn ihr durch solche Gefilde fahrt. So kann der Zauber nicht zu euch vordringen. Der Seefahrer Odysseus hat dies entdeckt, auf seiner langjährigen Heimreise nach Ithaka.“
Fließend ging ich zur nächsten Geschichte über. Ohne allerdings die Namen der Länder zu erwähnen. Städte waren in Ordnung, denn in vielen Geschichten war von Städten die Rede, die längst untergegangen waren. Warum sollte das also nicht auch auf die Städte in meinen Erzählungen zutreffen? Es schien auch niemanden zu stören, dass sie diese Städte nicht kannten. Im Gegenteil, sie lauschten dem Abenteuer des Odysseus und waren damit nicht die ersten, die mit dem tapferen Seefahrer, der es sich mit dem Gott des Meeres verscherzt hatte, mit fieberten.
Nachdem dieses Abenteuer erzählt war, spürte ich, wie meine Kehle trocken wurde. Das viele Reden hatte an den Kräften gezerrt und ich brauchte eine kleine Pause, um zu überlegen, welche Geschichte ich noch zum Besten geben konnte.
„Hier trinkt.“
Ich sah verwundert auf, als mir ein Becher mit roter Flüssigkeit, von einem älteren Mann mit grauen Bart, gereicht wurde. Seine Augen waren klein und dunkel, fast schon unheimlich, doch ich hatte ja gelernt, dass man Menschen nicht nach ihrem Äußeren bewerten sollte oder auf Grundlage ihrer Augen.
„Danke...“
Vorsichtig nahm ich den Becher entgegen und schnupperte dennoch daran. Ich roch deutlich, dass es Wein war. Für einen Moment würde der sicher meine Kehle befeuchten, allerdings würde der Durst hinterher tödlich sein.
„Nur keine Sorge. Das ist einfacher Wein.“
Einfacher Wein. Das roch selbst ich, allerdings lag etwas in der Stimme des Mannes, was mir nicht gefiel. Ebenso wenig gefiel mir, dass er sich auf meiner Insel niederließ, als sei es das normalste der Welt. Bisher hatte sich das niemand getraut, weswegen ich etwas zurück rutschte um genug Abstand halten zu können.
„Ihr kommt also aus einem entfernten Land? Die Geschichten die Ihr hier zum besten gebt, sind in der Tat sehr befremdlich, wobei die Geschichte des Odysseus doch schon stark an die Reisen König Sindbads erinnern.“ Die Reisen Sindbads? Ich lauschte dem älteren Mann, dessen Kleidung nicht zerschlissen waren, sondern aus besonders edlen Stoff zu sein schienen. Sicher ein Adelsmann oder ein reicher Geschäftsmann. Da war es nicht verwunderlich, dass er von Sindbads Reisen gehört hatte, wobei es wohl kaum einen Menschen gab, der den König Sindrias nicht kannte.
„Sagt, woher kommt Ihr genau?“
Ich nippte vorsichtig an dem Becher Wein und überlegte, was ich antworten sollte. Schon bei Ameen hatte die Geschichte mit der vergessenen Erinnerung an den Namen meiner Heimat nicht funktioniert. Noch dazu wirkte es unglaubwürdig, wenn ich so viele Geschichten aus meiner Welt erzählte.
Ich schwieg also und versuchte den Blicken des Mannes auszuweichen. Er sollte nicht die Unsicherheit in meinen Augen sehen, doch er rückte näher an mich heran, ergriff mit seinen Daumen und Zeigefinger mein Kinn und zwang mich, ihn anzusehen.
„Nur nicht so schüchtern. Ich möchte doch nur mehr über Euch erfahren.“
Da ich den Becher Wein in den Händen hielt, hatte ich nicht mehr viele Optionen diesem Mann auszuweichen, auch wenn mir gerade anders zumute wurde. Doch es schwand genauso schnell wie es gekommen war, als die Hand des Mannes von mir weg gezerrt wurde.
„Dhakar... Als Kunde hast du nichts in der Nähe von Erenya zu suchen. Du kannst dir gerne jedes Mädchen hier aussuchen, aber sie ist einzig zum Geschichten erzählen hier.“
Dankbar sah ich zu Assad, der den alten Mann von mir und meinem eigenen kleinen Bereich wegzog. Ein Umstand, der Dhakar nicht zu gefallen schien.
„Assad, mein Lieber, ich dachte alle Mädchen hier seien zum Amüsement der Kunden da. Selbst Suleika geht hin und wieder mit dem ein oder anderen Gast auf Tuchfühlung.“
Assads wütender Blick wurde nicht weicher, im Gegenteil, das Feuer der Wut schien noch mehr angeheizt zu sein.
„Noch dazu, ich habe mich doch nur nett mit deiner neusten Errungenschaft unterhalten und ihr etwas von meinem Wein angeboten. Du hast also keinen Grund so zu reagieren, oder willst du sie genauso schnell verlieren wie Thymia und die anderen Mädchen? Wie waren ihre Namen? Lapis und Korean?“
Assad ballte seine Hände zu Fäusten, als Dhakar so plötzlich in einer tief sitzenden Wunde zu bohren schien. Seltsam. Vor allem wenn man bedachte, dass Dhakar auch Lapis und Korean angesprochen hatte. Sicher, beide waren hier einmal angestellt gewesen, aber waren sie das nicht mehr wegen Assad? Dabei machten sie nicht den Eindruck als würden sie sich von ihm fernhalten wollen. Noch dazu hatten sie mich an ihn vermittelt.
„Sie ist einfach nicht für solche Dienste hier, Dhakar, und nun geh!“
Unwirsch entriss mir Assad den Becher Wein und drückte diesen Dhakar in die Hand, der ihn erbost fixierte, weil etwas von der roten Flüssigkeit auf seine Kleidung getropft war.
„Pass nur auf, Assad. Du solltest dir nicht die falschen Menschen zum Feind machen.“
Ohne einen weiteren Wortwechsel zu erlauben, wandte sich Dhakar von Assad ab und lief zu einer leeren Sitzgelegenheit, auf der er sich sogleich niederließ. Zweifelnd sah ich zu Assad. Wenn Dhakar wirklich so einflussreich als Kaufmann, oder was auch immer er machte, war, dann konnte er Assad wohl wirklich gewaltig Ärger machen.
„Keine Sorge. Er verbreitet nur heiße Luft. Ameen brauch Hilfe in der Küche, du hast genug erzählt für heute.“
Misstrauisch sah ich Assad an. Mal davon abgesehen, dass er Dhakar irgendwie zu leicht nahm, wusste ich nicht, wie ich seine Worte bezüglich meines nun befohlenen Küchendienstes verstehen sollte. War er mit meinen Geschichten nun nicht zufrieden gewesen, oder doch? Wenn doch, wieso sollte ich dann in der Küche helfen.
„Geh!“, forderte er nachdrücklich, weswegen ich mich ohne Wiederworte erhob und in Richtung der Küche ging. Diese Reaktion hatte definitiv Diskussionsbedarf. Vielleicht konnte mir ja Ameen helfen.

Suleika hatte es wirklich geschafft die Berge an dreckigen Geschirr wegzuwaschen. Die Ablagen waren frei und dort türmten sich stattdessen Teller mit Gerichten, die für die Gäste waren. Es herrschte reges Treiben, denn meine Kolleginnen trugen einen Teller nach dem anderen weg, so dass auch bald wieder genug Platz für mehr Teller war.
„Ameen?“
Vorsichtig rief ich den Namen des Kochs, der hinter seiner Kochstelle stand und eine Pfanne mit Reis und Gemüse schwenkte, während ein großer Topf auf der hintersten Stelle vor sich hin köchelte, wahrscheinlich mit irgendeiner Suppe.
„Schnapp dir ein Messer und schneide das Fleisch.“ Ameen wusste also schon Bescheid und war gleich dazu übergegangen mir Befehle zu erteilen. Zeit genaueres zu erfragen hatte ich damit nicht. Ich griff also nach einem Messer und ging zu dem Braten auf der Ablage, zu der Ameen gewiesen hatte. Keine Ahnung, wie man Fleisch ordentlich filetierte. Ich tat einfach das, was ich immer tat. Loslegen, denn Ameen schien gerade zu beschäftigt, um es mir zu zeigen.

Neben dem Fleisch hatte ich noch viel mehr schneiden dürfen. Gemüse, Obst und Fisch. Wobei letzteres wirklich eine Qual war, denn ich hatte gelernt, dass ich eine Abneigung gegen rohen Fisch hatte, der so frisch war, dass er sich noch wehren konnte.
Der Ansturm war allerdings genauso schnell vorbei gegangen wie er gekommen war, so dass Ameen mir eine Pause gestattet hatte, während er einen tiefen Teller mit Suppe füllte und diesen auf die Anrichte stellte.
„Also erzähl mal... Wie hast du das Geschichten erzählen verbockt, dass du nun hier Strafdienst schieben darfst?“
Also doch ein Strafdienst? Verdammt. Mit Sicherheit hatten die Geschichten Assad nicht überzeugt. Damit konnte ich mir also gleich wieder Gedanken um einen neuen Job machen.
„Keine Ahnung? Ich hatte eher das Gefühl, dass den Kunden die Geschichten gefallen haben.“ Ich fragte mich wirklich, was ich falsch gemacht hatte. Gut, die erste Geschichte war nun nicht so ideal gewesen, aber man musste sich eben vorsichtig ans Publikum herantasten.
„Was hast du denn erzählt?“
Ohne zu zögern erzählte ich Ameen die Geschichten die ich auch der Kundschaft zum Besten gegeben hatte, woraufhin mich der Koch doch schon eher überrascht und verwundert ansah.
„Dann liegt es nicht an den Geschichten...“, meinte er schließlich und verschränkte gedankenverloren die Arme.
Wenn es also nicht an den Geschichten lag, woran dann? War es doch mein Aussehen? Hatte ich nicht genug von mir gezeigt? Oh Gott, hatten Lapis und Korean wirklich recht mit dem Erscheinungsbild?
„Mach dir keine Sorgen. Hier trink einen Saft.“
Mit einem breiten Grinsen reichte mir Ameen einen Becher Saft. Anders als bei dem gereichten Wein, trank ich nun mutiger einen Schluck aus dem Becher. Es war Saft kein Wein, als konnte ich mich damit nicht um den Verstand saufen.
„Sag mal... Was war eigentlich mit dieser Thymia?“ Der Name Thymia war hier scheinbar allgegenwärtig und schien besonders für Assad ein rotes Tuch zu sein. Nur zu gerne hätte ich gewusst, wieso.
„Thymia? Sie hat hier mal gearbeitet. Und naja... Hat sich in einen reichen Gast verliebt. Er hat ihr ganz schön den Hof gemacht. Gerüchten zufolge hat sie schließlich Assads Gutmütigkeit ausgenutzt und ihm viel Geld aus den Rippen geleiert, damit sie mit diesem Gast ein neues Leben anfangen kann. Jeder weiß, dass Assad den Mädchen hier ein neues Leben finanziert, wenn sie etwas besseres gefunden haben. Das hat er damals bei Lapis und Korean gemacht und bei vielen anderen auch. Einige sagen, dass sei Schweigegeld, weil hinter verschlossenen Türen noch mehr als nur seine Barmherzigkeit läuft. Sonst würde Assad das nichts ausmachen, aber bei Thymia... mh... Wer weiß was genau vorgefallen ist. Meide das Thema am besten.“
Das Thema meiden. Das war wohl der klügste Rat den ich befolgen konnte, denn das was Thymia zurückgelassen hatte, schien mir doch schon tiefer zu gehen, als es auf den ersten Blick den Anschein hatte. Ob an den Gerüchten etwas dran war? Hatte sie ihn ausgenutzt? Oder war es Schweigegeld gewesen? Der einzige der das sicher wusste, war Assad.

Da Ameen nicht länger Verwendung für mich in der Küche hatte und ich eher im Weg stand, als wirklich hilfreich zu sein, hatte ich auf eigene Faust entschieden, nach Assad zu suchen und mir so vielleicht eine neue Aufgabe geben zu lassen. Gelangweilt herum zusitzen ohne etwas zu tun, hatte ich mehr als genug in meiner Welt.
Als ich die Küche verließ, hörte ich bereits angeregte Unterhaltungen von Männern, die eindeutig schon zu tief in ihre Becher geblickt hatten.
„Die Nebelbande wieder... Pah! Sollen diese Ratten doch kommen. Meine Wächter gehören zu den besten, die man im ganzen Königreich finden kann. Sie könnten sogar, ohne einen Kratzer den Palast von König Ahbmad stürmen. Was hat der König schon?“
Lautes Gelächter wurde laut. Wahrscheinlich nahmen noch nicht genug Adlige die Nebelbande ernst. Wobei, wie lange gab es diese Gruppe schon? Wurden sie vielleicht schon von Ali Baba angeführt?
Ohne das es jemand bemerkte, versteckte ich mich hinter einem der roten Vorhänge, der nahe genug am Geschehen dran war, so dass die Adelsmänner mich nicht sehen konnten.
„Was tut Ahbmad schon gegen das Gesindel. Seine Soldaten sind nutzlos! Er versteckt sich hinter seinen Palastmauern wie ein kleines unreifes Kind und verschleudert unsere Steuern. Soll die Nebelbande ihn doch mal einen Besuch abstatten, statt uns rechtschaffenen Bürgern.“
Rechtschaffen? Na gut, wenn das ihre Ansicht war, meine war es nicht. Rechtschaffene Bürger hätten sicher nicht nur zugesehen, wie die Ärmsten der Armen noch schlimmere Not litten. Sie waren keinen Deut besser als Ahbmad, der sich selbst im Mittelpunkt seiner kleinen Welt sah.
„Wir wissen ja nun, wann es passiert... Wenn der Nebel kommt. Diese Ratten können sich darin also nicht mehr verstecken“, lachte einer der Männer und hob dabei seinen Becher, als wäre das was er wohl plante schon längst beschlossene Sache.
Klar. Wenn der Nebel kam. Wie dumm musste man sein um zu glauben, dass sie eine Chance hatten? Es war ja nicht nur ein Nebel. Aber so weit waren die Informationen wohl nicht zu diesen Idioten vorgedrungen.
„Lauschen schickt sich nicht“, flüsterte eine vertraute Stimme neben mir plötzlich.
Ich zuckte zusammen, als ich neben mir plötzlich Assads Stimme vernahm. War der Typ eine Katze, oder warum konnte er sich so an schleichen? Vor allem wie hatte er mich entdeckt? Ich war doch so vorsichtig dabei gewesen mich zu verstecken und nicht einmal die Gäste hatten meine Anwesenheit in diesem Raum mitbekommen.
„Ach was lauschen. Ich hab nach dir gesucht und wollte nicht noch einmal diesem gruseligen Dhakar über den Weg laufen.“
Es war die schnellste und wohl glaubwürdigste Ausrede, die mir eingefallen war. Allerdings schien Assad wie Ameen zur misstrauischen Sorte zu gehören, denn sein Blick sprach Bände. Und wie schon Ameen, beließ er es dabei ohne mir zu sagen, ob er glaubte was ich sagte oder nicht.
„Dann wirst du dich wohl an Dhakars Anblick gewöhnen müssen. Er ist immer hier, wenn er gerade in Balbadd ist. Jeden Tag, bis er ablegt. Und er ist nicht der einzige, der so aufdringlich ist. Du solltest dich ab morgen also vorsehen.“
Es dauerte einige Zeit, bis ich realisierte, was Assad gerade indirekt, direkt zu sagen versuchte. Wenn ich mich am nächsten Tag vorsehen sollte... War ich aufgenommen?
„Die Geschichten waren gut?“, fragte ich daher, nur um noch einmal sicher zu gehen.
„Nicht nur deine Geschichten. Ameen ist mit den Bestellungen schneller als gewohnt hinterher gekommen. Du wirst ihm also nach deinen Geschichten immer in der Küche zur Hand gehen. Mach also weiter so.“
Ich konnte es immer noch nicht glauben, was Assad da gesagt hatte. Ich war genommen. Mein erster Job und ich hatte ihn gleich bekommen. Und das nicht nur wegen meiner Geschichten. Obwohl, vielleicht hatte Ameen auch noch das ein oder andere gute Wort für mich eingelegt. Aber wenn das, was ich getan hatte, wirklich ausreichend gewesen war, dann hatte ich wohl alles richtig gemacht. Selbst beim Fleisch.
„Ich danke dir, Assad. Ich werde weiterhin mein bestes geben.“
Es war ein Versprechen, dass ich ihm hier so offen gab. Ich wollte wirklich mein Bestes geben, denn wer wusste schon, wie lange ich hier bleiben würde. Weitreichend gedacht, war so wenigstens die Grundlage für einen längeren Aufenthalt geschaffen.
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