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Im Zeichen des Rukh

von Erenya
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Aladdin Alibaba Saluja Judar Morgiana OC (Own Character) Sinbad
27.05.2015
01.01.2017
26
219.342
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01.01.2017 8.835
 
Ich bemühte mich so gut es ging, die Soldaten beim abladen nicht zu stören. Ich suchte lediglich noch die letzten Papiere zusammen, bevor ich von Bord ging. Zwischen den Arbeitenden und einigen anderen ehemaligen Gefangenen der Piraten fand ich schließlich auch Varius und Hinata, die vor mir von Bord gegangen waren. Es war vielleicht das letzte Mal, dass ich sie gemeinsam sehen würde. Besonders Varius würde ich vermissen, allerdings, wenn Hayato das Angebot nur mir gemacht hatte, wäre es doch unverschämt gewesen Varius und Hinata zu fragen, oder? Andererseits wusste Hinata mehr von den Sitten des Kaiserreiches als ich und hätte mir eine große Hilfe sein können. Varius hingegen war mir schon so sehr ans Herz gewachsen, dass ich ihn gerne noch etwas länger in meiner Nähe gewusst hätte.
Die Frage war nun also, wollte ich unverschämt sein, oder wollte ich den beiden einfach nur kurz erklären, dass ich eingeladen worden war? Ich holte tief Luft und seufzte leise, bevor ich mich zu den beiden auf machte. Irgendwie würde ich das schon schaffen. Den Abschied oder die Bitte mich zu begleiten.
„Beeil dich, Erenya. Wir warten nicht ewig hier!“, rief mir Hinata zu, die mich bereit entdeckt hatte. Die Ungeduld war deutlich aus ihrer Stimme zu hören. Wahrscheinlich konnte sie es kaum erwarten endlich der Armee zu folgen und ihrem Idol nahe zu sein. Wie nahe würde sie ihm im Palast sein? Sicher näher als irgendein Krieger.
Aber was sollte Varius dort? Varius gehörte zu einer anderen Gruppe. Er hatte eine feste Heimat, seine Freunde und Kameraden, die er suchen musste. Ich hingegen war kein Mitglied dieser Gruppe. Ich hatte mich hinein gekauft. Mehr aber auch nicht.
„Ich komme.“
Auch wenn noch keine Entscheidung gefallen war, ging ich die Planke hinab und lief direkt auf meine beiden Freunde und Gefährten zu. Sie lächelten und schienen nicht einmal zu ahnen, in was für einem Zwiespalt ich gerade war. Wahrscheinlich ging es ihnen aber auch wie mir und sie versuchten ihre Unsicherheit zu überspielen.
„Da sind wir nun also. Nantou. Unsere Reise scheint ein Ende zu haben. Was macht ihr nun?“
Selbst wenn mir bereits klar war, was die beiden tun würden, wollte ich einfach sicher gehen. Vielleicht hoffte ich, dass einer von beiden jetzt sagte, dass sie mir folgen würden, bis ich mich sicher fühlte. Nur war die Frage wann ich mich jemals sicher fühlen würde.
„Ich werde der Armee beitreten und auch direkt anpacken. Morgen werde ich wieder mit dem Training beginnen. Unsere Wege werden sich also hier trennen.“
„Schade“, flüsterte ich und wusste damit, dass ich Hinata wohl nicht fragen brauchte, ob sie mich begleiten würde.
„Und du, Varius? Gehst du die anderen suchen?“
„Das kommt drauf an, was du vor hast, Kleines.“
Varius war eben doch ein Herz und eine Seele. Er setzte mich vor seine eigenen Wünsche und zeigte deutlich, dass er sich darum sorgte, was ich nun tun würde.
„Nun ja. Ich wurde gebeten, dem Hohepriester noch etwas Gesellschaft zu leisten.“
„Dem Hohepriester? Du meinst den Typen, der dich die ganze Zeit genervt hat?“
Gequält lächelte ich Varius an. Er hatte es also während unserer Reise mitbekommen. Doch scheinbar hatte er sich nicht getraut etwas zu sagen. Bis jetzt. In seiner Stimme waren auch deutliche Zweifel herauszuhören. Ihm schien es wirklich aufgefallen zu sein, wie gestresst ich alleine von Judars Anwesenheit gewesen war.
„Genau der. General Ii hat mich gebeten ihn zum Palast zu begleiten, da der Hohepriester sich gut von mir unterhalten fühlte. Außerdem ist das die Chance noch das ein oder andere in Sachen Magie zu lernen. Wer könnte ein besserer Lehrmeister sein, als ein Magi?“
Ich mühte mir ein Lächeln ab, einfach um zu zeigen, dass ich wohl alleine zurecht kam. Varius sollte schließlich nicht seine eigenen Pläne über den Haufen werfen, weil er glaubte, ich sei so hilflos wie seine Schwester. Doch meine Worte schienen nicht zu fruchten. Er sah mich mit diesem besorgten Blick an, als wollte er sagen, dass er es für keine gute Idee hielt.
„Moment, Ii-sama hat dich in den Palast gebeten?“
Hinata war für mich vollkommen in Vergessenheit geraten. Doch ihr Ausruf sorgte dafür, dass ich mich wieder an sie erinnerte. Stimmt, da war ja was. Sie war ein Fangirl.
„Richtig. Und ich habe zugesagt. Es besteht also kein Grund zur Sorge.“
„Kein Grund zur Sorge? Und ob wir uns Sorgen machen müssen. Du hast keinerlei Ahnung von der Hofetikette, geschweige denn von den Umgangsformen unserer Welt. Dich alleine in den Palast zu lassen ist als würde man einen Sinbad in eine Grube voller nackter Damen werfen. Nein. Das kann ich nicht erlauben.“
„Was? Das man Sinbad in eine Grube voller nackter Damen wirft, oder das Eri in den Palast geht.“
„Beides, wobei ersteres hoffentlich niemals in Erwägung gezogen wird!“
„Es ist sogar fast mal passiert. Auf seinen Abenteuern. Nur dass in der Grube keine nackten Damen waren“, scherzte ich und sah zu Hinata, die mir sanft gegen die Stirn schnippte.
„Nur damit wir uns verstehen, Erenya, ich komme mit. Ich lasse nicht zu, dass du respektlos der kaiserlichen Familie gegenüber bist.“
Auch wenn Hinatas Worte mehr einer Beleidigung glichen als einem Scherz, war ich erleichtert, dass sie mit mir kommen wollte, ohne das ich gefragt hatte. Damit blieb nur noch Varius. Hoffnungsvoll sah ich zu dem Fanalis, der seine Hand sanft auf meinen Kopf legte und mir über das Haar strich.
„Dann ist das für uns drei doch kein Abschied, Kleines. Ich werde dich noch nicht alleine lassen. Ich denke du fühlst dich wohler, wenn du ein paar Vertraute bei dir hast, die die Wahrheit kennen. Außerdem können wir zu zweit deine Stütze sein. Dir helfen und mehr von unserer Welt beibringen. Dann fällt das 'Lügen' nicht mehr ganz so auf.“
Das Varius nun auch sagte, dass er bei mir bleiben würde, nahm mir die wohl größte Last von meiner Schulter. Mit zwei vertrauten Freunden an meiner Seite fühlte ich mich doch schon wesentlich ruhiger. Noch dazu drohte mir etwas mehr Wissen über diese Welt, was ich sehr gut gebrauchen konnte. Das hatte selbst ich verstanden.
„Ich danke euch. Sehr sogar.“

Es schien fast so als hätte Hayato bereits alles bedacht. Er war nicht sonderlich überrascht, als ich mit Hinata und Varius zu ihm stieß. Ebenso schienen die Krieger die ihn begleiteten nicht überrascht zu sein.
„Wie mir scheint, hast du alles geklärt.“
Ich nickte schweigend auf Hayatos Worte und sah zu Hinata und Varius, die respektvoll zu dem General sahen. Ihre Haltung war anders als mir gegenüber. Gefestigter, strenger. War vielleicht meine Haltung schon vollkommen falsch?
„Dann können wir zum Palast gehen.“
Als hätten alle die ihn begleiteten, Diener, Kämpfer und andere Menschen deren Rang oder Aufgabe mir nicht ganz bewusst war, auf sein Zeichen gewartet, reihten sie sich hinter ihm ein, und folgten den General durch die Straßen. Ich hatte da mehr mit etwas komfortableren gerechnet, als einen Fußmarsch durch die Stadt.
„Nantou ist nicht sonderlich groß. Der kleine Marsch wird dir wie ein Spaziergang vorkommen. Außerdem kannst du so etwas von der Stadt sehen“, flüsterte mir Hinata zu, die scheinbar meine Bedenken mitbekommen hatte. Dass sie mit ihren Worten Recht behielt, merkte ich schnell, immerhin waren wir schon mit wenigen Schritten aus dem Hafen raus. So groß wie Balbadd war der eben nicht, dennoch hatte er größere Ausmaße als Bitroun. Hier fanden genug Kriegsschiffe platz, welche die Soldaten ausluden.
Nicht unweit von uns sah ich auch eine weitere Gruppe, unter denen ich einige der früheren Gefangenen Saams entdeckte. Sie wurden von Soldaten angeführt und in Richtung von Häusern geführt, die mehr danach aussahen, als seien sie unbewohnte Häuser, die noch ein paar Bewohner beherbergen konnten. Hayato hielt also Wort und würde sich um jene kümmern, die sich hier in Nantou niederlassen wollten. Für die meisten war es wahrscheinlich eine glückliche Fügung, immerhin hatten einige von ihnen alles in Bitroun verloren. Familie, Heimat und das bisschen, was sie als Vermögen deklarierten. Hätte Hayato mir nicht das Angebot unterbreitet ihn in den Palast zu folgen, wäre ich aller Wahrscheinlichkeit nach auch bei ihnen gelandet und hätte mich erst einmal gesammelt um wieder zu wissen, was ich wollte.
Nun konnte ich das ja im Palast erledigen. Gleichzeitig freute ich mich für die Menschen, die nun ihre Qual von drei Monaten hinter sich lassen konnten, auch wenn es einige Zeit dauern würde sich hier einzuleben.
„Ich frage mich, ob die Schatzsucherin auch unter ihnen ist... oder die Kinder...“, flüsterte, als ich mich an jene erinnerte, denen ich versucht hatte die Flucht zu ermöglichen. Seit dem Vorfall, hatte ich sie nicht mehr gesehen, allerdings war es auch nicht sonderlich einfach gewesen auch nur ein bekanntes Gesicht zu erblicken, wenn man nicht gezielt danach suchte. Und ich hatte sie nicht gesucht.
„Keine Sorge. Jeder der bei den Piraten war und nicht gerade das zeitliche Gesegnet hat, ist bei ihnen. Und es wird genug Platz für alle geben. Sieh nur.“
Hinata hatte mitbekommen, was ich geflüstert hatte und stupste mich daher mit ihrem Ellenbogen in die Seite, sie dass ich auf sie aufmerksam wurde. Sie verwies auf ein Haus, welches sich gerade in Aufbau befand und nicht nur dieses eine, halbfertige schien im Aufbau zu sein. Neben den alltäglichen Arbeiten die hier verrichtet wurden, wie das Abhalten des Marktes, wurde an so ziemlich jeder Ecke gebaut. Eine neue Brücke, die über den Fluss führen sollte, war erkennbar in Kontruktion und auf der anderen Seite wurden weitere Bauten wie Häuser bereits in Angriff genommen.
Ein Krachen ertönte hinter uns und ich konnte nicht anders als mich umzudrehen, da mir bei diesem Geräusch doch schon das Herz in die Hose rutschte. Ich fürchtete, diese Idylle genauso schnell und unerwartet wieder zu verlieren, wie ich sie gewonnen hatte. Meine Befürchtungen blieben allerdings unbegründet. Es schien so, dass man die Mauer einriss, zumindest jene Stellen, an denen die Steine dunkler und von der Zeit gezeichnet waren. Das erklärte nun auch, warum an einigen Stellen die Steine wesentlich heller waren. Hier in Nantou wollte man wohl wirklich dafür sorgen, dass sich die Bevölkerung nicht sorgen musste und eine erneuerte Mauer sollte dafür sorgen.
„Keine Sorge, Kleines. Auch wenn ich nicht gerade der beste Freund vom Kaiserreich Kou bin, so kann ich dir versichern, dass dies wohl der letzte Ort ist, an dem dir etwas schlimmeres als eine Erkältung passieren wird. General Ii ist nicht nur ein aufrichtiger Mann, sondern auch ein starker Krieger hinter dem eine ebenso starke Armee steht. Das habe ich im Kampf gesehen und auf dem Schiff.“
Auch wenn Varius Worte mich wohl beruhigen sollten, so taten sie es nicht. Ich tat mich wirklich schwer, nach all dem was passiert war, so etwas wie ein Gefühl der Sicherheit zuzulassen. Ich hatte immerhin verstanden, wie schnell ich alles verlieren konnte, was ich besaß. Mir war es schon zweimal passiert. Ein drittes Mal hatte ich nicht vor mich um meine Habe zu bringen. Allerdings...
Mir wurde etwas bewusst. Es würde wieder passieren, wenn ich weiter in meinen Verhaltensmustern stagnierte. Varius hatte es schon einmal richtig erkannt, ich war nicht für den Kampf geeignet und dass ich bisher bestanden hatte, verdankte ich etwas Glück, meinem Borg und den magischen Fähigkeiten die mir Ugo mitgegeben hatte. Aber auf Dauer konnte ich mich darauf nicht ausruhen. Irgendwann musste ich offensiver werden oder zumindest meinen Weg finden zu kämpfen, ohne zu töten.
Mehr Blut sollte wirklich nicht mehr an meinen Händen kleben. Neben den drei Piraten aus Bitroun und der Gefangenen, die an Unterernährung dahin geschieden war, hatte ich sicher noch ein paar mehr Menschen auf dem Gewissen, wenn man bedachte, wie das Piratenschiff gebrannt hatte. Mindestens die Person die das Feuer versucht hatte zu löschen war den Flammen zum Opfer gefallen. Wäre ich stark gewesen, hätte ich auch nur einmal den Mut gehabt in die Offensive zu gehen, oder darauf zu vertrauen, dass ich eine Magierin war, ich hätte einige Tode vielleicht verhindern können. Irgendwie. Und selbst wenn ich mich nun hinter starken Mauern befand, ich konnte so nicht weitermachen. Mich hinter Mauern zu verstecken war gleichbedeutend damit, mich selbst in einen Käfig zu sperren. Noch dazu würde es mich nicht weiter bringen. Ich musste endlich herausfinden, warum ich hier war und wie ich wieder zurück in meine Welt kam. Selbst wenn ich wohl Gefahr lief, dass ich in meiner Welt kein Leben mehr hatte. Aber wenn ich es hier schaffte von null an alles wieder neu aufzubauen, dann würde ich das doch auch in meiner Welt schaffen.
„Varius... Ich habe eine Bitte an dich.“
Ich sah zu dem Wächter, der mich verwundert anblickte. Er schien wohl nicht erwartet zu haben, dass ich mit ihm die Konversation in diesem Moment suchen würde. Wenn meine Gedanken sich nicht so überschlagen hätten, wäre es wohl auch nie passiert. Dann hätte ich mir einfach weiter die Umgebung angesehen, die an uns vorbeizog. Vielleicht hätte ich mir dann ein paar Flecken gemerkt, die ich später aufsuchen, oder eben nicht aufsuchen würde. Aber im Moment gab es ein viel wichtigeres Problem.
„Ich weiß, dass du gesagt hast, dass ich für den Kampf nicht geeignet bin. Das ich zu sehr zögere und mich deswegen besser irgendwo niederlasse und ein friedliches Leben friste. Wahrscheinlich sollte ich das wirklich tun, denn ich bin ein Feigling, habe immer Angst verletzt zu werden und ja, ich bin wohl auch zu naiv in manchen Punkten, aber ich kann das nicht. Nicht in dieser Welt. Ich kann mich nicht einfach zurücklehnen und hoffen, dass alles gut wird. Dass das was ich beherrsche reicht um mir ein Leben hier zu ermöglichen. Deswegen... Versuchen wir es noch einmal. Bring mir jede Kampftechnik bei, die du kennst. Waffenlos und mit Waffen. Es reicht, wenn es die Grundlagen sind.“
Die Grundlagen. Das musste einfach reichen. Zumindest um mich zu verteidigen. Gegebenenfalls auch um einen Gegner zurück zu schlagen.
„Bist du dir sicher, Kleines? Du musst nicht kämpfen, wenn es dir widerstrebt. Was ich meine... Wenn du es wirklich ernst meinst, bringe ich dir einige Dinge bei. So etwas wie den Umgang mit dem Dreizack oder einem Speer, aber du solltest dich nicht gezwungen fühlen, das zu tun. Du hast andere Stärken die du nutzen kannst um hier zu überleben. Zum Beispiel den Hohepriester unterhalten. Wenn du diesen Job gut machst, dann kannst du am Hofe sicher eine gute Anstellung bekommen.“
Ich seufzte leise, denn wenn ich ehrlich war, schien mir Varius meinen Plan ausreden zu wollen. Dabei hatte ich es bereits entschieden. Ich wusste momentan sowieso nichts mit mir anzufangen und wenn neben dem Erlernen von wichtigen Fähigkeiten für diese Welt konnte ich so sicher auch etwas Selbstsicherheit und Selbstbewusstsein lernen. Zumindest das von der Sorte, dass sich nicht nur aktivierte, wenn mein Kopf unter dem Beil eines Schafottes lag. Oder die Lage aussichtslos war.
„Varius! Ich meine das ernst. Ich will mich nicht mehr schwach und nutzlos fühlen. Ich will nicht mehr einfach nur mit dem was ich kann überleben. Ich will mehr als nur überleben. Verstehst du das? Selbst wenn ich mich jetzt zurücklehne und einfach in Sicherheit lebe, irgendwann kommt der Tag an dem das vorbei ist. Irgendwann holt mich der Grund meiner Anwesenheit ein und ich bin machtlos. Das geht einfach nicht mehr. Ich kann nicht erwarten, dass es immer jemanden gibt, der mich beschützt und meinen Kopf aus der Schlinge zieht.“
Sein Blick ruhte immer noch ernst auf mir, während er sich meine Worte durch den Kopf gehen lassen schien. Einen kurzen Augenblick glaubte ich zu wissen, dass er meine Bitte ablehnte, doch schließlich zeigte sich auf seinen Gesichtszügen ein sanftes Lächeln.
„Dann werde ich dir helfen. Vielleicht findest du so deinen Weg.“
„Und ich werde dich natürlich auch unterrichten. Je mehr Kampfrichtungen du kennst, desto wahrscheinlicher ist es, dass die findest, die dir am besten steht.“
Ich wandte meinen Blick zu Hinata, die mich breit angrinste, als hätte sie nur auf diesen Moment gewartet. Ich war beiden dankbar, dass sie mich unterrichten wollten. Jetzt musste ich also nur noch Judar überzeugen, mein temporärer Lehrmeister zu sein. Mit etwas Glück fand ich ein paar Pfirsiche und konnte ihn so bestechen. Oder ich bekam Zugang zur Küche und konnte ihm etwas backen oder zubereiten. Einen Weg gab es sicher.

Auch wenn ich mir den Palast doch ganz anders in seiner Gesamtheit vorgestellt hatte, war das, was ich vor mir sah einfach nur pompös. Der Palast war nicht ganz so groß wie der in der Hauptstadt, zumindest ging ich davon aus, aber er war schon jetzt für meinen Geschmack zu groß. Mit genug Pech würde ich mich darin verlaufen und müsste immer wieder nach dem Weg fragen. Oder aber Judar fand mich und dann konnte ich nicht mehr fliehen. Denn bei dieser Flucht würde ich mich definitiv verlaufen.
Just in diesem Moment, als ich den Palast sah, wusste ich, dass mein gigantischer, temporärer Käfig gerade nicht nur golden gefärbt wurde, sondern auch kleiner. Auch wenn ich zugeben musste, dass alles hier wesentlich größer war als meine kleine Wohnung. Die Größe war aber wohl notwendig, wenn ich es nämlich richtig sah, waren hier einige Diener und Soldaten angestellt, die wie jene Menschen in der Stadt, ihren Aufgaben nachgingen.
Wo meine Aufgabe sich im Moment befand, fragte ich mich allerdings. Wahrscheinlich war er aber bereits voraus geflogen. Wie sehr ich ihn doch beneidete. Ich hätte nur zu gerne den Levitationszauber gekannt. Nie wieder zu Fuß gehen... Wobei, es war wohl besser wenn ich noch etwas zu Fuß ging, sonst endete ich mit einer körperlichen Konstitution die Judar gerecht wurde. Demnach war es eine gute Idee mir nebenbei etwas Kampftraining anzutun. Vielleicht konnte ich so auch meinen inneren Schweinehund mal überwinden. Immerhin plante ich bereits seit Jahren jeden morgen joggen zu gehen. Das ich es noch nicht tat... naja war eigentlich klar. Die Trägheit hatte mich fest im Griff und es grenzte an ein Wunder, dass mich der Himmelschor noch nicht in die Hölle gestoßen hatte. Aber in der Welt von Magi hatte sich ja schon einiges verändert, wenn ich es recht bedachte.
„Worüber denkst du nach, Kleines?“, fragte Varius flüsternd und verhinderte damit, dass ich ein ordentliches Resümee der letzten Monate hier ziehen konnte.
„Nur darüber, wie unglaublich riesig das hier ist. Ich meine in meiner Vorstellung war der Palast noch etwas gigantischer. Aber das hier, ja ich glaube das hier ist schon groß genug um sich verlaufen zu können.“
Ein trockenes, leises Lachen kam von Varius, der nur mit dem Kopf schüttelte. Scheinbar sah er das ganze anders als ich. Aber er kam immerhin auch aus dieser Welt.
„Das Kolloseum ist noch viel größer. Genauso wie Scheherazades Palast. Glaub mir, Kleines, wenn du mal auf Reisen gehst, wirst du Bauten sehen, die diesen Palast bei weitem übertreffen. Aber ja, hier ist es angenehm, man hat genug Bewegungsfreiraum und wenn deine Schulter wieder in Ordnung ist, finden wir sicher auch einen Platz zum trainieren.“
Die Schulter... Ich hatte das verdammte Ding doch tatsächlich vergessen. Ohne die Erinnerung von Varius, wäre es wohl wirklich passiert, dass ich mich schon jetzt ins Training gestürzt hätte. Solange ich keine Heilzauber beherrschte, brauchte ich wohl besser gar nicht erst ans Training zu denken. Schade eigentlich. Da hatte ich schon den Entschluss gefasst endlich mal was zu tun und ich musste wegen eines nervigen Kratzers warten.
„Aber wehe dir du trainierst ohne mich. Das wäre absolut inakzeptabel“, murrte ich, um Varius deutlich zu machen, dass mir meine Verletzung missfiel. Ein gutes Zeichen, wenn man es psychologisch betrachtete, denn vielleicht würde ich dadurch endlich besser aufpassen.
Von Varius hingegen kam nur ein kehliges Lachen, welches die Angestellten um uns herum zusammenzucken und zu uns blicken ließ. Während es Varius nicht störte, trieb es mir schon wieder die Verlegenheit ins Gesicht. Gott war das peinlich? Waren alle Fanalis so laut, wenn sie nicht gerade so schweigsam waren wie Masrur und Morgiana? Ich hoffte, dass mein Alexander sich nicht dahingehend entwickeln würde. Und ja, ich war der festen Überzeugung, dass Alexander noch lebte, sonst hätte ich ihn wahrscheinlich auf dem Sklavenmarkt wiedergefunden. Er musste also noch frei sein und wahrscheinlich waren Panthea und Nel bei ihm. Oh mein Gott, sie würden meinen kleinen süßen Alexander verderben.
Ich machte mir erst relativ spät bewusst, dass ich in Gedanken gerade abgetriftet war, als Hinata mich liebevoll in die Seite stupste und ich bemerkte, dass wir fast alleine waren. Die meisten Krieger waren bereits von Hayatos Seite gewichen, wahrscheinlich um anderen, ihnen zugeteilten Aufgaben zu erledigen. Es mussten immerhin noch ein paar Sachen weggeschafft werden und andere Soldaten am Hafen brauchten mit Sicherheit auch noch etwas Hilfe.
Ich für meinen Teil wusste gar nicht, was ich tun sollte. Sicher, meine Aufgabe bestand darin Judar zu unterhalten, aber im Moment schien Hayato nicht zu verlangen das ich es tat. Noch dazu wusste ich sowieso nicht, wo der Magi war. Aber wie ich ihn einschätzte, suchte er nach der langen Schiffreise nach einem ganzen Sack voller Pfirsiche.
Wir waren bereits im Innenhof des Palastes angekommen und das Wetter war gnädig genug um einer Frau mit wohlvertrauten roten Haar ein paar Stunden in der Sonne zu gönnen. Sie saß im Hof auf einer Bank, neben dem ein Sonnenschirm aufgestellt war, doch sie hatte jene Seite bevorzugt, die von der Sonne begünstigt war.
„Sie trainieren hier also auch schon die Jungen. Gute Sache. Man kann nie früh genug den Umgang mit den Waffen lernen.“
Verwundert sah ich zu Varius, der mich von der Frau ablenkte, die ich wahrscheinlich gerade so permanent angestarrt hatte, als hätte ich noch nie jemanden gesehen der sich sonnte.
„Wie bitte?“, fragte ich verdattert, da mir sein Kommentar nichts sagte.
„Hast du es nicht gesehen? Etwas weiter dort hinten trainieren die Kleinen mit Holzschwertern. Ich sag dir, sollte ich eine Familie gründen, werden sie von mir in der Kunst des Speerkampfes und des Schwertkampfes unterrichtet. Und natürlich auch in der waffenlosen Kampfkunst.“
„Du kannst auch ohne Waffe kämpfen?“
„Na hör mal, Kleines. Natürlich. Wo ich hinschlage, wächst kein Gras mehr.“
Varius lachte wieder sein freies Lachen, welches ich so oft am Lagerfeuer mit den anderen gehört hatte. Es schien ihm wirklich besser zu gehen, so in Freiheit und auch wenn er sich wahrscheinlich seine Freunde vermisste, so merkte man es ihm nicht an. Das war eines der Dinge, für die ich ihn beneidete, dass man eben nicht merkte, dass es ihm nicht gut ging.
„Varius, sei ruhig, du störst Ren Kouren-sama!“
Varius Lachen verstummte wieder, als Hinata ihn erbost um Ruhe bat. Mein Blick wandte sich wieder zu der Frau, die uns mit strengen Blick bedachte. Allerdings kommentierte sie nichts von dem was wir taten. Im Gegenteil sie blieb sitzen und wartete darauf das Hayato sich ihr näherte. Ich erkannte zum ersten Mal ein kurzes Lächeln auf seinen Lippen, eines das mir sagte, dass diese Frau ihm soviel mehr bedeutete, als wahrscheinlich alle anderen Menschen.
„Hayato, es ist gut dich wieder zu sehen.“
Vor ihr blieb Hayato stehen und hielt ihr die Hand entgegen. Sie nahm sie und erhob sich langsam und elegant, wie es sich für eine wahre Königin oder Herrscherin geziemte.
„Keine Sorge, die Piraten waren zwar nicht schwach, aber ohne Disziplin und Organisation.“
Ihr Blick glitt zu Hayatos Arm, der nicht gerade sehr davon zeugte, dass die Piraten unorganisiert waren, doch sie schwieg darüber und blickte ihn wieder an.
„Kourin und dein Bruder sind in der Nacht ebenfalls hier eingetroffen. Ich habe die Diener angewiesen ihnen ein Zimmer bereit zu machen. Ich denke sie werden heute mit uns zu Abend essen.“
Das Lächeln welches ich zuvor bei Hayato bemerkt hatte, erschien mir immer verständnisloser. Mir war absolut nicht klar, in was für einer Beziehung die beiden zueinander standen. Ich meine er war der General und sie augenscheinlich die Herrscherin. Hieß das, er war ihr Untergebener?
„Ich danke dir. Ich möchte dir jemanden vorstellen. Ich habe sie als Gast zu uns an den Hof gebeten.“
Hayato wandte sich zu uns um und ich erstarrte förmlich als er mich zu sich und der Ren winkte. Alles in mir sträubte sich loszugehen, doch Hinata versetzte mir einen Schubs in die Richtung des Generals, so dass ich stolpernd auf die beiden zuging.
„Kouren, ich stelle dir Erenya vor. Sie hat sich bereit erklärt dem Hohepriester etwas die Langeweile zu nehmen.“
„Sie?“
Unglauben war deutlich in Kourens Stimme zu hören. Sicher, ich sah jetzt nicht gerade fähig aus, aber man konnte auch nicht behaupten eine Banane die gerade war, schmeckte schlechter als eine Krumme.
„Keine Sorge, der Hohepriester hat sich bereits an Bord des Schiffes gut von ihr unterhalten gefühlt.“
Hayato sah zu mir und irgendwie hatte ich gerade eher das Gefühl nicht wirklich anwesend zu sein, so wie man über mich sprach.
„Erenya, darf ich vorstellen, meine Gemahlin Ren Kouren. Zweite Prinzessin des Kaiserreichs Kou und Herrscherin über Nantou.“
Nun erklärte sich das Lächeln. Sie war also seine Frau. Wobei, musste man so lächeln wenn man verheiratet war?
Mein Blick glitt zu Kouren und ich versuchte zu erkunden, was sie fühlte, was sie dachte oder wie sie zu Hayato stand, denn momentan wirkte sie mehr distanziert und so als sei sie mit ihm verheiratet worden ohne, dass da Gefühl im Spiel waren. Allerdings wäre das im Magi-Fandom auch nicht sonderlich neu oder verwunderlich gewesen.
„S-Sehr erfreut, Ren Kouren-sama...“, stotterte ich und sah zu Hinata, die alles mit anhören konnte und mir wahrscheinlich schon für den kleinsten Fehler Feuer unterm Hintern gemacht hätte. Und das ich bereits einen Fehler begangen hatte, konnte ich ihm am Gesicht ablesen. Sie gestikulierte und imitierte die Begrüßung wie ich sie von Hakuryuu gegenüber Sinbads gesehen hatte. Musste ich das etwa auch tun?
Mein Blick glitt zu Kouren, die mich erwartungsvoll ansah. Scheinbar, war da wirklich etwas, dass ich tun sollte.
Es ratterte in meinem Kopf und schließlich, ging ich vor ihr auf die Knie und ahmte die Bewegung Hinatas nach.
„Es ist mir eine Ehre hier sein zu dürfen“, erklärte ich, um das unangenehme Schweigen zu durchbrechen, welches meine zögernde, richtige Begrüßung heraufbeschworen hatte.
„Und die zwei da hinten?“, fragte Kouren ohne auf mich näher einzugehen. Scheinbar wollte sie meinen Fehler einfach übergehen und zu den nächsten wichtigen Dingen kommen.
„Sie sind die Begleiter von Erenya. Hinata-san möchte ihren Herren wiederfinden und ist solange bereit unserer Armee beizutreten. Ich empfehle sie vorerst, solange sie als Begleiterin Erenyas hier ist, sie hier im Palast einzustellen. Varius hingegen kommt aus Rem und hat seine Karawane verloren zu der auch Erenya gehörte.“
„Wird der Fanalis unserer Armee beitreten?“
„Ich glaube nicht, Kouren. Auch wenn ich seine Kampfkraft in unseren Reihen sehr begrüßen würde.“
Kouren schien das Interesse an mir nun vollständig verloren zu haben. Kein Wunder, wenn sie mir schon nicht zutraute, dass ich Judar irgendwie ablenken konnte. Ich betrachtete sie und bemerkte von nahem, eine kleine Wölbung an ihrem Bauch. Es war keine Wölbung, wie ich sie in meiner Welt hatte, im Gegenteil, sie wirkte strukturierter und irgendwie schöner. Genauso wie bei einer Frau die schwanger war.
Mir fiel es wie Schuppen von den Augen. Deswegen also sollte ich Judar ablenken, um ihre Nerven zu schonen, um ihr den wohl größten Streß vom Leib zu halten, der sich derzeit in Nantou befand. Für alles andere hatte sie ja sicher noch die Hilfe ihres Mannes, aber wenn es um Judar ging, schien nicht einmal Hayato genug Nervendraht aufweisen zu können. Die Frage war nur, ob ich genug Nerven für den Magi hatte.
„Ich werde mein bestes geben Judar zu beschäftigen. Er wird euch nicht stören... zumindest nicht ständig.“
Warf ich ein und erntete damit einem doch schon sehr ernsten Blick von Kouren, der mir sagte, dass ich in meiner geistigen Abwesenheit nicht bemerkt hatte, wohin das Gespräch abgedriftet war. Es ging gar nicht mehr um mich und meine Begleiter.
„Warum stehst du dann noch hier wenn du weißt was deine Aufgabe ist?“
Wenn Blicke töten könnten, dann wäre ich auf der Stelle tot umgefallen. Hilfesuchend sah ich hinter mich, in der Hoffnung, Varius und Hinata zu sehen, doch beide standen nicht mehr da. Ich hatte mich damit wohl gehörig ins Fettnäpfchen gesetzt. Doch die Peinlichkeit über diese Tatsache währte nicht lange, als ein Tor sich im Innenhof öffnete und Pferdehufe deutlich hörbar den Untergrund erbeben ließen. An vorderster Spitze der Soldaten ritt eine rothaarige Frau hinein. Sie trug die wohl königliche Kleidung einer Prinzessin, deren Stoff aber alles andere als reinlich wirkte. Im Gegenteil, er war an einigen Stellen abgewetzt und abgetreten und zeugte davon, dass diese Dame nicht ganz dem Ideal einer Prinzessin oder Herrscherin entsprach, wie es Kouren tat.
„Schwester!“
Vor Hayato und Kouren blieb das Pferd der Frau stehen. In einer fließenden Bewegung, die sie scheinbar schon häufiger getan hatte, sprang sie von dem Tier und warf sich Kouren förmlich in die Arme. Wobei auch sie, deutlich sichtbar, vorsicht, wegen Kourens Bauch, walten ließ.
„Kourin, ich dachte du bist bei deinem Lehrer.“
„Ach weißt du... mir war langweilig und da dachte ich, dass ich ein wenig ausreite. Und als wir schon so dabei waren, haben wir auch gleich ein kleines Wettreiten veranstaltet.“
Genauso schnell wie sie ihren Weg in Kourens Arme gefunden hatte, löste sie sich aber wieder um sich Hayato zuzuwenden, der die Soldaten, die nach Kourin eingeritten kamen, begutachtete.
„Du hättest besser eine Rüstung zum Reiten getragen“, erwiderte er, während er begutachtete, was der wilde Ritt mit Kourins Kleidung angestellt hatte.
„Verzeiht, Ii-sama. Es war ein sehr spontaner Entschluss und meine Schwester wünscht, dass ich diese Tracht im Palast trage. Ich werde beim nächsten Mal besser Acht geben.“
Respektvoll, als wäre Hayato auch ihr General, verbeugte sich Kourin vor ihm und blies sich noch während dieser Verbeugung eine lästige Haarsträhne aus dem Gesicht. Scheinbar war diese aus dem hochgesteckten Zopf gerutscht, der dem von Kouren ähnelte, aber in seiner Machart wesentlich schlampiger war.
„Dann solltest du dich umziehen, Kourin.“
„Jawohl!“
Als hätte Hayato ihr einen Befehl gegeben, wandte sie sich zu den Soldaten um und gab ihnen ein Zeichen dafür, dass sie wegtreten sollten. Auch für mich war das ein Zeichen, dass ich hier wohl nicht mehr gebraucht wurde, auch wenn ich nicht einmal wusste wohin ich sollte. Ein Anfang wäre aber sicher gewesen, Judar zu suchen. Immerhin hatte ich einen Auftrag zu erledigen.

Judar hatte ich nicht gefunden, dafür hatte mich eine Dienerin entdeckt, die scheinbar nach mir gesucht hatte. Ohne das ich die Chance bekommen hätte es abzulehnen, hatte sie mich dazu überredet ihr zu folgen und als ich sah, wohin, verschlug es mir die Sprache. Ein Zimmer, ein wirklich eigenes Zimmer, das erst einmal mein persönliches Reich darstellte. Und es war gigantisch, mehr oder weniger. Denn wenn ich ehrlich war, wusste ich nach meiner Reise auf dem Piratenschiff nicht einmal mehr, ob diese Größe von vielleicht 15 Quadratmetern als gigantisch gelten konnte. Jedenfalls hatte dieser Raum ein großes Bett, vor dem eine Truhe stand, ein Fenster mit schöner Aussicht und eine Tischchen mittig im Raum, auf dem ich bereits einen Stapel Papier und Schreibzeug vorfand.
„Ii-sama hat euch dieses Gästezimmer zugeteilt. Ihre Sachen können Sie in der Truhe lagern und weil... naja weil sie nicht viele Habe hatten, haben wir ihnen auch ein paar Kleider in den Schrank getan. Wenn Sie möchten, können Sie sich gerne vor dem Abendessen umziehen. Wir haben ihnen auch eine Schüssel mit warmen Wasser bereit gestellt, falls sie sich waschen möchten.“
Überfordert mit der ganzen Situation, vor allem mit der Tatsache, wie mich die Dienerin ansprach, sah ich zu dieser.
„Und wenn Ihr noch etwas braucht, gebt uns Bescheid.“
„Ähm, danke. Ich... Uhm... Ich glaube ich bin ganz zufrieden, im Augenblick?“
Ich hoffte zumindest das ich es war, denn mehr Luxus konnte ich wahrscheinlich nicht vertragen. Mal ehrlich, eine Dienerin behandelte mich, als wäre ich jemandes besonderes. Dabei war ich auf gesellschaftlicher Ebene eher mit ihr gleichauf. Es fühlte sich daher nicht einmal gut an, so behandelt zu werden.
„Wobei... Haben Sie Judar gesehen?“
Es war das wohl einzige worum ich bitten konnte. Ein paar mehr Augen um den Schelm zu finden hätte sicher nicht geschadet. Wie sonst hätte ich ihn von Kouren fernhalten und so beweisen sollen, dass ich zu etwas gut war?
„Der ehrenwerte Hohepriester zieht den Obsthain im westlichen Teil des Schlosses als seinen Rückzugsort vor. Wenn Ihr ihn sucht, werdet Ihr ihn dort sicher finden.“
„Und wo befinde ich mich gerade?“
Verblüfft sah mich die Dienerin an, denn scheinbar hätte ich das wissen müssen. Allerdings war ich in Sachen Orientierung nicht gerade die beste, so dass ich wirklich nicht wusste, wo ich mich gerade befand.
„Im östlichen Flügel des Palastes. Wenn ihr zum westlichen Teil wollt, braucht ihr nur quer über die Terrasse gehen. Sie führt in den Innenhof. Seid aber vorsichtig, denn manchmal trainieren die Soldaten Ii-samas dort.“
Sie verwies mit einer Handbewegung zu einer Schiebetür, deren Sichtschutz aus Reispapier bestand. Ich hätte sie eiskalt für einen Schrank gehalten, aber scheinbar war es eher ein Weg ins Freie. Gut zu wissen.
„Danke vielmals. Ich denke ich komme nun zurecht.“
Ich lächelte ermutigende, erntete allerdings wie bei Kouren einen zweifelnden Blick. Ich fragte mich wirklich, wieso man mich jedes Mal so zweifelnd ansah. Was wusste man hier über mich? Oder viel eher, was wusste man nicht?
„Wirklich. Ich werde mich später noch umsehen. Wenn ich einmal alles gesehen habe, ist alles in Ordnung.“
Ich bemühte mich wirklich, es so klingen zu lassen, als würde alles in Ordnung sein. Ich meine, an sich war es das ja auch. Abgesehen davon dass ich von den zwei Ren-Prinzessinnen wesentlich verschreckter war als von Kouha. Aber Kouha war sowieso eine Nummer für sich. Und irgendwie vermisste ich ihn gerade. Ich meine ich wusste wie abgedreht er sein konnte, aber irgendwie hätte er mir hier sicher helfen können. Vor allem bei Judar.
'Ganz ruhig, du schaffst das schon', sprache ich mir im Geiste selbst Mut zu. Richtig. Ich konnte es schaffen. Ich hatte es ja auch bereits. Warum sollte ich also dieses Mal scheitern?
'Sieh es positiv, Judar ist momentan der Einzige, der dir vielleicht etwas über Magie beibringen kann. Also nutz das aus. Eine Hand wäscht die andere.'
Ich schmunzelte bei diesem absurden Gedanken. Sicher. Ich konnte Judar vielleicht damit erpressen mein Lehrmeister zu werden, wenn er unbedingt ein anderes Ende für Loki wollte. Die Frage war nur, würde er sich darauf einlassen oder würde er durch diese Erpressung das Interesse an den Geschichten verlieren? Ich musste das ganze sorgfältig durchdenken.
'Vielleicht sollten wir uns, solange wir darüber nachdenken, einfach umsehen.'
Das war doch in der Tat ein guter Vorschlag. Bevor ich mich auf dem Weg zum Obsthain verlief, war es wohl wirklich besser die Umgebung erst einmal zu studieren. Schaden konnte es auf alle Fälle nicht.

Es war eigentlich lächerlich, aber die Küche war das erste, was ich gefunden hatte. Wahrscheinlich wollte mein Schicksal mir damit irgendetwas sagen. So etwas wie „Hier gehörst du hin“, oder „Hey, beginne jede deiner neuen Umgebungen am besten mit der Küche.“ Vielleicht war es auch einfach nur der Wink mit dem Zaunpfahl, dass ich hier meinen kulinarischen Horizont erweitern konnte. Sicherlich gab es auch in Nantou ein paar leckere Gerichte die ich später Ameen beibringen konnte. Freuen würde es ihn garantiert.
Doch anders als in Ameens Küche, merkte ich deutlich, dass ich hier nicht erwünscht war. Man erlaubte zwar, dass ich mich hier aufhielt, schielte mich aber schief von der Seite an, als versuchte über die Schulter der Köche zu blicken und so zu sehen, was in den Töpfen brutzelte. Das Ende vom Lied war, dass man mich liebevoll raus warf. Ins Freie.
Draußen, nicht unweit von der Küche, fand ich schließlich auch die Ställe. Neben den Pferden, von denen ich einige bereits bei Kourins Ankunft hatte bewundern können, entdeckte ich auch ein paar dicke Schweine und Hühner. Das niedlichste waren aber wohl die Kaninchen, die in ihrem kleinen Zwinger umherhüpften, oder an an Karotten knabberten, die man ihnen zum Essen reingelegt hatte. Sie waren alle so quickfidel und ich musste schon in gewisser Weise dem Drang widerstehen einfach eines dieser flauschigen Knäule aus dem Zwinger zu holen und zu knuddeln. Und ja, sie waren flauschig. Eines von ihnen sah sogar aus wie ein aufgeplatztes Sofakissen und machte es nur noch knuddelswerter.
„Gewöhn dich bloss nicht an ihren Anblick.“
Während ich in den Zwinger sah, hatte sich meine Welt nur noch auf die flauschigen Bälle beschränkt, so dass ich den jungen Mann neben mir gar nicht mitbekommen hatte. Andererseits hatte ich mich aber auch nicht erschrocken, sondern sah zu ihm mit diesem fragenden Blick.
„Oh, du weißt es also nicht. Da wo du her kommst isst man wohl keine Kaninchen.“
Ich wusste nicht, was an seiner Aussage mich mehr stören sollte, dass man bei mir wohl keine Kaninchen aß, was wir eindeutig taten, oder dass es ausgerechnet diese süßen, niedlichen, treu schauenden Kaninchen waren, die auf dem Speiseplan standen.
„Die Kaninchen hier werden gegessen?“
„Natürlich, wofür sind sie sonst da?“
„Ich dachte das sind Haustiere.“
Ein Lachen erschallte im Stall, als meine Aussage bei dem jungen Mann durchgesickert war.
„Natürlich, genauso wie die Schweine unsere Haustiere sind.“
„Und die Pferde?“
„Pff... Man isst keine Pferde, außer sie taugen nichts mehr. Wobei man alte Pferde nicht essen sollte. Die sind zäh wie die Schleifriemen der Krieger.“
Meine Gesichtszüge verzogen sich unweigerlich, als ich das hörte. Denn Pferdefleisch mit Schleifriemen zu vergleichen war mir doch etwas zu absurd. Woher wollte dieser junge Mann noch dazu wissen, dass Schleifriemen zäh schmeckten?
„Wie ist dein Name?“, fragte er schließlich nach einiger Zeit und griff in den Zwinger um das aufgeplatzte Sofakissen hervorzuholen.
„Erenya“
Meine Antwort blieb kurz angebunden. Noch dazu sah ich ihn zweifelnd an, denn er hielt mir das Kaninchen entgegen. Es war seltsam. Erst hatte er mir gesagt, dass ich mich nicht zu sehr an sie gewöhnen sollte und nun schien er sogar zu wollen, dass ich ein noch tieferes Band mit dem flauschigen Etwas einging.
„Ah, Ii-donos Gast von den Piraten. Einer der Soldaten hat mir erzählt, dass du ein Piratenschiff in Brand gesteckt hast.“
„Naja nicht direkt. Ich habe nur die Vorbereitungen getroffen, dass es brennt. Jemand anderes hat den Kleinbrand nur verschlimmert.“
Erneut ertönte ein Lachen von dem Jungen, der ein weiteres Kaninchen aus dem Zwinger fischte, es dieses Mal aber selbst behielt und streichelte.
„Dennoch, eine großartige Leistung. Auch wenn du damit vielleicht etwas in Ii-donos Plan reingefuscht hast. Glücklicherweise ist alles gut gegangen. Sag, hast du Ii-dono kämpfen sehen? Ist er nicht unglaublich?“
Euphorisch sah der Junge zu mir. In seinen Augen funkelten Erwartungen, die ich nicht erfüllen konnte, denn ich hatte Hayato nicht kämpfen sehen. Von dem Kampf selbst hatte ich kaum was erlebt. Dank meiner Ohnmacht.
„Äh, ja, ich glaube schon das er unglaublich ist.“
Es war das einzige was was ich wohl einigermaßen Wahrheitsgemäß rausbringen konnte. Ich meine, der Mann war mit einer Ren verheiratet. Und noch dazu ertrug er Judar. Um so etwas zu schaffen musste man wohl einigermaßen unglaublich sein, auch wenn seine Unglaublichkeit der von Sinbad um einiges hinterhinkte. Und ganz im ernst, ich würde Sinbad das niemals auf die Nase binden, dass ich das dachte.
„Ich beneide Ren Kourin-sama, die von ihm so vieles lernt. Oder seinen Sohn.“
„Er hat schon einen Sohn?“
„Das wusstest du nicht? Yuuta Ii ist der fünfjährige Sproß von Ren Kouren-dono und Ii-dono. Er wird sicher mal bei seinem Vater in die Lehre gehen und dann unsere Armeen verstärken. Ii-dono hat ein Gespür dafür. Nicht ohne Grund ist selbst die Armee die Ren Kourin-sama als Offizierin leitet so erfolgreich.“
Ich sah zu dem Kaninchen und strich sanft über sein flauschiges Fell. Es war schon eine Menge was ich nun über diese Menschen erfuhr aber dennoch, so interessant es war, ich konnte mich dieser Euphorie für die Armee einfach nicht anschließen, geschweige denn mich darauf einlassen. Allerdings wurde mir nun auch bewusst, warum Hinata immer so respektvoll von den Menschen des Königshauses sprach. Wahrscheinlich hätte sie sich nach diesen Informationen die Finger geleckt, wenn sie die nicht sogar schon kannte. Letzteres bezweifelte ich nicht einmal.

Nachdem ich das arme flauschige Häschen zurück in seinen Zwinger gesetzt und mich von dem Jungen verabschiedet hatte, war ich meiner mir auferlegten Aufgabe den Palast zu erkunden weiter nachgegangen. Neben einigen Räumen die für Gäste wie mich tabu waren und daher niemals betreten werden durften, hatte ich noch in Erfahrung bringen können, dass der Palast selbst eine Bibliothek haben dürfte. Jackpot. Ich hatte so also tatsächlich die Chance mich mal ausgiebig über diese Welt zu erkunden. Da ich allerdings keinen Zutritt zu dieser Bibliothek hatte, würde ich wohl auf die nächste Chance warten müssen, bis ich mit Hayato oder seiner Frau reden konnte. Wobei ich ehrlich gesagt Hayato bevorzugte. Kouren wirkte mir so ernst fast schon grimmig und wenn ich ehrlich war, machte mir das Angst. Hayato hingegen lächelte zwar auch nicht, aber ich hatte ihn bisher als einen sehr freundlichen und zuvorkommenden Mann kennengelernt. Ich meine, wer gab einer Magierin mit pyromanischer Veranlagung schon Alkohol? Allein durch diese Tatsache ging ich davon aus, dass er mir wenigstens ein kleines bisschen vertraute. Noch dazu traute er mir ja auch zu, dass ich Judar ablenken konnte.
Wo wir wieder beim eigentlichen Grund meiner Erkundung waren. Nachdem ich nämlich den größten Teil des Palastes erkundet hatte, beschloss ich mich auf dem Weg zum Obsthain zu machen. Sicherlich suchte Judar immer noch Pfirsiche, oder schlug sich den Wanst mit ihnen voll, wenn er sie gefunden hatte.
Ich ging um die letzte Ecke die mich zu der Tür führen sollte, die in den Obsthain verwies, als ich einen Mann erblickte. Komplett in gelber Kleidung, mit einem äußerst dämlichen Hut und heimlichtuerisch. Mir kam diese schmale Statur bekannt vor und das gelb und die Heimlichtuerei.
'Ka Koubun?'
Ich hielt in meinen Schritten inne und versuchte mich bestmöglich zu verbergen, so dass mich der Berater und das spätere Hausgefäß von Kougyoku nicht erblickte. Leider war meine Entfernung zu groß, so dass ich nicht einmal hören konnte, was er ausheckte. Das er es tat, daran zweifelte ich in keinster Weise, denn er tat alles, damit Kougyoku an Macht kam und er dadurch auch bedeutend in seinem Rang aufstieg. Diese Seite an ihm fand ich widerwärtig, doch selbst ich musste mir eingestehen, dass er wahrscheinlich auch nur gutes für Kougyoku im Sinn hatte. Zumindest in den späteren Phasen. Er hatte sie schließlich aufwachsen sehen, wusste um ihre Schwächen und Ängste und vielleicht sah er sich selbst in Kougyoku wieder. Vollkommen angewidert von ihm sein konnte ich also nicht. Doch ich wollte ihn auch nicht unbedingt kennenlernen. Persönlich. So von weitem reichte mir schon voll und ganz.
Es dauerte einige Zeit bis der Mann, den ich für Ka Koubun hielt, seinen Weg in die entgegengesetzte Richtung des Obsthains fortgesetzt hatte. Damit war die Luft für mich rein und ich konnte mich dem widmen, was ich vor hatte. Judar finden. Und ehrlich, ich glaubte immer noch nicht, dass ich ihn wirklich freiwillig suchte. Nur zu gut erinnerte ich mich an seine penetrante Nervigkeit, aber schön, ich wollte etwas. Mehr Zauber, mehr Tipps wie ich mich als Magierin verhalten könnte. Wenn ich schon vorerst nicht mit Varius trainieren konnte, dann wenigstens die Magie. So schädlich sollte die für meine Schulter nicht sein. Und wenn ich doch zu starke Schmerzen spürte, dann hatte ich immer noch den Zauber, den mir der Magier an Bord von Hayatos Schiff beigebracht hatte.
Entschlossener denn je, Schritt ich durch die Tür und erblickte zu allererst Obstbäume in Massen. Erstaunt machte ich meinen ersten Schritt in diese so anders wirkende Welt des Palastes und erblickte zu meiner Linken unzählige Kirschbäume. Zumindest hoffte ich, dass es mal Kirschen sein sollten. Die Andeutungen dafür waren offensichtlich.
Zu meiner Rechten hingegen waren die Bäume bereits vollbehangen mit reifen, fruchtig wirkenden Pfirsichen. So wie ich sie aus den Animes kannte. Rosa und in der ähnlichen Form eines Herzens, baumelten sie an den Ästen und warteten darauf gepflückt zu werden. Der Anblick war zwar eintöntig, aber doch auf seine Weise schön.
„Ein Hain voller Herzen...“, murmelte ich und musste schmunzeln. Es wirkte wirklich so, auch wenn nicht jeder Pfirsich die perfekte Herzform hatte. Es war irgendwie beruhigend zu wissen, dass auch hier nicht alles perfekt geformt war. Noch beruhigender war, dass die EU keinen dieser Pfirsiche vernichten musste, weil sie nicht zu deren Kriterien passten. Selbst wenn das Magi-Universum auch ein gewisses Schönheitsideal hatte, ich hatte es zwar noch nicht offensichtlich wahrgenommen, würde jeden, vor allem Judar, nur interessieren, dass diese Pfirsiche auch wie Pfirsiche schmeckten.
Mein Weg entlang der Bäume hätte ruhig noch ein wenig länger dauern können. Ich fühlte mich gut dabei hier entlang zu laufen und mich von der Natur inspirieren zu lassen. Es fühlte sich an, als würden meine Lebensgeister ein Stückchen mehr erwachen und aufblühen. Ich genoss dieses Gefühl der Wohligkeit, dass mir sagte, dass es nichts gab wovor ich mich fürchten musste. Im Nachhinein betrachtet gab es das vielleicht auch nicht. Ich hatte den Angriff auf das Hotel überlebt, war Kassims Fängen entkommen, denen der balbaddischen Soldaten, hatte den Angriff der Piraten auf Bitroun überlebt und war ihnen schließlich auch irgendwie entkommen. So im Nachhinein betrachtet grenzte das alles an ein Wunder oder viel eher an erstaunlichen Kräften. Kräften von denen ich nicht wusste, woher sie kamen, die aber wohl irgendwo in mir schlummerten und die ich, wenn auch nicht kontrolliert auslassen konnte. Wenn ich sie kontrollieren konnte... wer wusste schon wozu ich fähig war. Wozu ich noch in meiner Welt fähig sein würde. Selbst in der hatte ich mit meiner Stärke so einiges geschafft. Das Abitur, obwohl ich daran gedacht hatte es einfach hinzuwerfen, später das Studium. Ich hatte mich sogar irgendwie bei den Vodafonekunden durchgewrungen und hatte es eine lange Zeit ausgehalten und würde es vielleicht auch noch, wenn ich zurückkam und man mich nicht unehrenhaft entlassen hatte. Vielleicht konnte ich aber auch Ugo darum bitten, dass er die Zeit zurückdrehte. Irgendeine Möglichkeit würde es schon geben.
Mein Blick glitt weiter über die Bäume im Obsthain. Selbst einen Apfelbaum, auch wenn er ziemlich einsam schien, stand hier und ein Magi-Bau- Ich stockte als ich die schwarzen Sachen des dunklen Magis in einem der Pfirsichbäume ausmachte. Er lag gemütlich auf einen Ast, ließ ein Bein herabbaumeln und hatte einen Arm hinter seinem Kopf verschränkt, während er mit dem anderen einen Pfirsich hielt den er sich zu Gemüte führte. Er genoß diese Frucht ausgiebig und kleckerte auf sein Oberteil und den Bauch. Scheinbar hatte Al-Thamen verpennt ihm ein paar Tischmanieren beizubringen.
„Hier steckst du also, Judar. Ich hab dich schon überall gesucht.“
Unter dem Baum, auch wenn das wohl keine gute Idee war, blieb ich stehen und sah zu Judar hinauf, der kurz nach unten blickte und ein klein wenig überrascht schien. Allerdings war dieser Anflug von Überraschung nur so kurz, dass man ihn kaum bis gar nicht bemerkt hätte, wenn man ihm nicht so nahe gewesen wäre.
„Du bist auch hier, Nebelkrähe.“
„Hayato hat mich eingeladen. Außerdem dachte ich dich interessiert wie Lokis Geschichte ausgeht. Oder du willst mehr von ihm hören. Ich hab da noch ein paar auf Lager.“
„Wirklich?“
Judar biss von dem Pfirsich ab und glitt von seinem Ast, so dass dieser wackelte und mich ein reifer Pfirsich haarscharf verfehlte. Es war wirklich nicht gut gewesen sich direkt unter diesen Baum zu stellen. Wobei es wohl allgemein nicht gut war in einem Obsthain zu stehen, in dem Judar genug Munition für ein Attentat fand.
„Wirklich. Allerdings... Möchte ich für meine Dienste als Geschichtenerzählerin bezahlt werden.“
„Dann rede mit Hayato.“
„Er kann mir aber nicht geben, was ich will.“
Vor mir kam Judar auf dem Boden auf, nachdem er sich abwärts gleiten lassen hatte, dank seiner Levitationsmagie. Ich musste diesen Mist unbedingt lernen, denn es war einfach zu cool.
„Und was willst du?“
„Ich will zaubern lernen. Bisher beherrsche ich nur Har Har Infigar und Flash. Außerdem habe ich einen Zauber gelernt der Schmerzen bei offenen Wunden lindert, aber auf die Dauer wird das nicht viel bringen.“
Und schon hatte ich Judars Interesse verloren. Er wandte sich von mir ab und lief auf eine Stelle zu, an der ein Pfirsich auf dem Boden stand.
„Dann frage Hayato... er hat in seinem Gefolge auch den ein oder anderen Magier, der dir sicher etwas beibringen kann.“
„Ich will es aber nicht von irgendwem lernen, sondern von dir.“
„Keine Lust.“
„Dann bekommst du auch keine Geschichten von Loki.“
Schweigen trat ein. Scheinbar hatte ich Judar irgendwie in einen kindlichen Zwiespalt getrieben. Einerseits wollte er mir nichts beibringen, andererseits wollte er aber auch alles über Loki wissen.
„Und warum muss es dann unbedingt ich sein?“
Er hatte wirklich keine Lust aber immerhin, ich hatte ihn am Haken, ich musste ihn nur noch ans Land ziehen.
„Weil du zum einen schwarzes Rukh hast, wie ich. Du kannst mir also sicher zeigen, wie ich das zu meinem Vorteil nutzen kann. Noch dazu weißt du über schwarzes Rukh mit Sicherheit mehr als ich. Außerdem bist du ein mächtiger Magi. Warum sollte ich mich mit einem zweit- oder drittklassigen Magier abfinden, wenn ich von einem mächtigen Magi etwas lernen kann.“
Judar wandte sich wieder zu mir und biss in den Pfirsich. Ich konnte förmlich sehen wie es in seinem Kopf ratterte. Noch dazu kämpfte gerade sein Stolz gegen die Unlust an. Ich wusste das. Mir wäre es wohl nicht anders gegangen als ihm.
„Außerdem, wenn wir diesen Deal hätten, würde ich dir auch jede Geschichte umschreiben, die dir nicht gefällt.“
Mein Grinsen wurde breiter. Sicher, mir schmeckte es nicht eine Geschichte umzuändern, aber für so etwas wertvolles wie das Wissen um die Magie, die hier meine Fähigkeit war, würde ich es tun. Ich musste es tun.
„Na schön. Wenn du mir aber keine Geschichten erzählst wenn ich eine will, ist der Deal geplatzt.“
„Und nach jeder Geschichte bringst du mir etwas bei, auch wenn es länger dauert?“
Er schwieg. Unglaublich eigentlich, dass er gerade versucht hatte mich zu veräppeln. Da musste er aber früher aufstehen. Ich war vielleicht naiv aber nicht blöd.
„In Ordnung. Ich rate dir aber schnell zu lernen.“
Sieg. Das war es, was Judars Andeutung bedeutete. Ich würde also von ihm etwas über die Magie und schwarzes Rukh lernen. Das war immerhin ein Anfang.

**~~**


Nach der ersten Geschichtsstunde mit Judar und der ersten Zauberstunde die darauf folgte, fühlte ich mich so gemattert wie nach einem Marathonlauf. Judar war einfach nur anstrengend und das in vielerlei Hinsicht. Als Zuhörer war er ein Kind, als Verhandlungspartner eine Nervensäge und als Lehrmeister der Horror.
Irgendwie schien es Judar einfach nicht auf die Reihe zu bekommen, dass ich, selbst mit meinem schwarzen Rukh die Macht eines Magis haben konnte, ich aber dennoch ein einfacher Magier war. Er schien von mir zu erwarten, nur weil ich nun seine Schülerin war, dass ich ebenso machtvolle Zauber sprechen konnte wie er.
In meiner ersten Stunde hatte er mir beigebracht wie ich die Macht meines Flashs vergrößern oder verkleinern konnte, indem ich mein schwarzes Rukh nutzte. Ich war sang- und klanglos gescheitert. Das bedeutete also nur, dass ich bis zur nächsten Geschichte üben musste.
Ein Glück würde das nicht jetzt sein. Judar hatte sich zurückgezogen, etwas schmollend, aber dennoch nicht gelangweilt. Ich ging also davon aus, dass er Kouren in Ruhe lassen würde. Noch dazu war ich mir sicher, dass er mich aufsuchen würde, wenn ihm langweilig wurde. Denn das Ende von Loki hatte ihm alles andere geschmeckt und ich hatte ihm versprochen es umzuschreiben. Und ja, dieses Versprechen wollte ich auch einhalten. Es hing immerhin einiges davon ab. Deswegen wollte ich mich nun auch mein Zimmer zurückziehen und mich an das Tischchen mit dem Papier setzen.
Da ich mich kurzzeitig aber auch verlaufen hatte, ja mein Orientierungssinn war nun wirklich nicht das wahre, hatte ich einen anderen Weg zurückgenommen, sodass ich durch einen der vielen Innenhöfe, die für mich alle gleich aussahen, lief. Ich war schon kurz davor aufzugeben, als ich Kourin entdeckte. Unschlüssig ob ich zu ihr gehen sollte, näherte ich mich ihr einfach doch ich hielt inne, denn sie war nicht allein. Im Gegenteil, bei ihr war ein Mann in Rüstung, der seine schwarzen Haaren zu einem Zopf trug, der eine gewisse Ähnlichkeit mit dem von Hayatos hatte. Ebenso, auch wenn er von der Statur eher athletischer war und wesentlich jünger wirkte, ähnelte er ihm dezent.
Ich hielt in meinen Schritten inne und beobachtete das Geschehen, aus sicherer Entfernung, so dass man mich nicht entdeckte. Kourin wirkte nicht erfreut, im Gegenteil, sie gestikulierte erbost und auf ihrem Gesicht waren deutlich Falten des Zornes zu sehen. Es war daher wohl wirklich besser auf Abstand zu sein, auch wenn die Neugier in mir nur zu gerne erfahren hätte, worum es in diesem Gespräch ging. Da ich aber nichts hören konnte und es auch besser nicht riskierte noch näher an sie heranzugehen, würde ich es wohl nie erfahren. Mit etwas Glück, würde ich höchstens erfahren, wer dieser Mann war. Doch ob dem so sein würde, stand noch in den Sternen.
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