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Im Zeichen des Rukh

von Erenya
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
Aladdin Alibaba Saluja Judar Morgiana OC (Own Character) Sinbad
27.05.2015
01.01.2017
26
219.342
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25.01.2016 6.447
 
Ich hatte meine Umhängetasche ziemlich schnell zusammen gepackt, sodass ich noch ein paar andere Sachen erledigen konnte. Dabei achtete ich darauf, dass man mich nicht beobachtete. Und das mein Handeln nicht zu auffällig war. Das Töpfchen mit dem Fettbrand war daher leicht platziert. Mit Deckel, in dem sich Löcher befanden. Sicher würde der Deckel die Hitze nicht lange durchmachen. Aber das war mir egal. Er musste nur vielleicht ein bis zwei Stunden halten. Lange genug, bis alle von Bord waren.
Damit ich nicht zu viel Misstrauen erweckte, schloss ich mich schnell den Piraten an Deck an. Wie gewohnt würdigten sie mich keines Blickes, zumindest keines offensichtlichen. Dennoch, eine gewisse Nervosität schwang mit. Gleichzeitig, sprach ich das Mantra in meinen Gedanken. 'Es wird alles gut gehen.' Auch wenn ich nicht wusste, ob das der Wahrheit entsprach, ich wollte es unbedingt für die Anderen.
Suchend, sah ich mich unter den Piraten, die mit Saam von Bord gehen würden, um. Etwas weiter erkannte ich Hinata, voll bepackt mit einigen Sachen. Sie würde sicher noch häufiger laufen müssen, denn mit Sicherheit war das nur eine gefühlte handvoll von den Schätzen, die hier an Bord schlummerten. Noch dazu war sie auch nicht die einzige, die diverse Frachtgüter trug. Auch einige der Piraten waren dazu verdammt, doch ihnen schien das nichts auszumachen.
„Hier bist du.“
Ich zuckte zusammen und fühlte mich wie ein Kind, das man bei einer schlimmen Tat erwischt hatte, als mich Ruriel von der Seite ansprach. Mit dem unschuldigsten Blick, den ich auffahren konnte, sah ich zu ihm. Dabei prüfte ich, ob ich etwas in seinen Augen lesen konnte, das mir verriet, in welcher Gemütslage er sich befand. Dabei war das, gerade bei ihm, immer so schwer. Ruriel zeigte nicht viele Emotionen. Nicht einmal, wenn er angetrunken war. Im Gegenteil, er wirkte immer so steif und pflichtbewusst. Ich redete mir aber ein, dass dies durch seine Vergangenheit kam, von der er mir an einem äußerst feuchtfröhlichen Abend der Piraten erzählt hatte. Noch mehr redete ich mir aber ein, dass ihn genau diese Vergangenheit zu meinem wohl gefährlichsten Gegner machte, wenn ich den Fluchtplan geheim halten wollte.
„Du hast lange gebraucht.“
Da war es, dieses Misstrauen in seiner Stimme. Er ahnte vielleicht wirklich etwas, oder schien zu glauben, dass ich die potentiell Größte Gefahr war. Auch wenn ich nicht wusste, wie er darauf kam.
„T-Tut mir leid. Die Tasche ist schwer. Es ist so warm, da habe ich lieber etwas mehr Wasser mitgenommen“, erklärte ich und öffnete die Tasche, sodass er in ihr Inneres blicken konnte. Er sah nichts anderes außer vier Tonfläschchen und den Schreibkram. Dennoch, als ahnte er etwas, zog er eine der Flaschen heraus, betrachtete diese misstrauisch und entkorkte sie. Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als er es an seine Nase hob und daran schnupperte.
„Willst du jetzt ernsthaft an jeder Wasserflasche schnüffeln? Glaubst du, ich klau euch euren Alk? Sorry, das, was ihr trinkt, ist mir zuwider.“
Es war nicht gelogen. Das Zeug, welches die Piraten tranken, hätte ich nicht einmal mit der Zungenspitze berühren wollen. Es war zu starker Alkohol und noch dazu ekliger. Ich blieb bei Wein und würde diesen auch in dieser Welt bevorzugen.
Immerhin veranlasste mein Gezetter Ruriel dazu, davon abzusehen nun jede Flasche zu überprüfen, indem er daran schnupperte. Er verkorkte stattdessen die Flasche, die er genommen hatte, wieder und steckte sie zurück in meine Tasche.
„Komm mit.“
Fest, aber nicht brutal, ergriff Ruriel meinen Oberarm und zog mich durch die Reihen weiter nach vorne. Scheinbar war er sehr darauf aus, mich im Auge zu behalten. Oder zumindest nahe bei Saam, denn er zog mich in dessen unmittelbare Nähe. Wohl war mir bei der Sache nicht. Dennoch, solange ich mir nichts anmerken ließ, war alles in Ordnung, auch wenn ich mir sicher war, dass Ruriel mich keine Sekunde aus den Augen lassen würde.
Auf Saams Signal hin setzte sich die Gruppe in Bewegung und lief über die Planke hinab auf einen Steg, der ächzende Laute unter uns zum Besten gab. Ein wirklich sicheres Gefühl hatte ich bei dem Steg nicht, denn ich spürte, wie das Holz unter meinen Füßen dezent nachgab. Es war alt und sicher waren schon hunderte von Menschen über diesen Steg gelaufen. Auf einmal war ich froh, dass ich diesen Steg nicht oft überqueren musste.
Obwohl mir der Steg Sorgen bereitete, sah ich mich gut um. Dieser Hafen wirkte wie ein alter, ungenutzter Fischerhafen. Fischernetze standen auf Rahmen aufgespannt etwas weiter von uns entfernt. Allerdings hatten diese Netze sicher schon bessere Zeiten gesehen, denn Löcher machten es eher sinnlos sie in Nutzung zu halten. Wenn ich es recht sah, war dies aber nicht nötig, denn viele andere Schiffe lagen hier vor Anker. Schiffe von Piraten, glaubte ich zumindest an der Kleidung zu erkennen, die jene Seefahrer trugen. Von den Flaggen selbst konnte ich das ablesen. Na toll. Mein genialer Fluchtplan würde also an einem Umschlagplatz von Piraten ausgeführt werden. Unter anderen Umständen hätte ich mir nun vielleicht überlegt, ob ich meinen Plan wirklich ausführen wollte, allerdings waren die Vorbereitungen bereits getroffen und ein Zurück gab es damit nicht mehr.
Viel weiter konnte ich allerdings auch nicht sehen, als ein paar Meter. Die Nebelsuppe vom Morgen hatte sich immer noch nicht gelichtet und hatte dies auch scheinbar nicht so schnell vor. Vielleicht würde der Nebel mir nützlich sein? Es ließ sich sicher gut darin verstecken und Ruriel konnte ja auch nicht die ganze Zeit so nahe bei mir sein. Sicher hatte er auch noch andere Aufgaben.
Vorsichtig sah ich zu Ruriel, der neben mir lief. An ihm vorbei konnte ich einige Stände sehen, hinter denen fragwürdige Gestalten ihre Ware anboten. So stellte ich mir Drogendealer in meiner Welt vor. Grimmiger Blick, Narben im Gesicht, und eine Aura, die förmlich Warnsignale aussendete.
„Denk nicht einmal daran.“
Ich sah zu Ruriel auf, mit großen Fragezeichen im Blick. Woher wollte der Kerl bitte wissen, woran ich dachte? Na gut, mal davon abgesehen, dass er mir sowieso nicht vertraute, schien er wirklich zu ahnen, dass ich an die Flucht dachte. Dennoch, bloß nichts anmerken lassen und dumm stellen. Das war meine Devise ihm gegenüber.
„Woran soll ich nicht denken?“
„Das der Nebel dir guten Sichtschutz liefert. Du kannst von mir aus soviel über Flucht nachdenken wie du willst, solange du nur daran denkst. Saam dürfte euch ja heute daran erinnert haben, was passiert, wenn ihr es versucht und erwischt werdet.“
„Dann sollte ich mich einfach nicht erwischen lassen, oder?“
Ein Seufzen kam von Ruriel. Ein resignierendes Seufzen.
„Ich dachte du wärst klüger, nachdem du dich in Bitroun ergeben hast. Scheinbar habe ich mich getäuscht. Lass mich dir den Rat geben, es dennoch nicht zu versuchen, denn wir werden dich erwischen.“
'Das werden wir ja sehen', war der Gedanke, den ich nur zu gerne ausgesprochen hätte, doch ich verkniff ihn mir. Wer wusste schon, wie Ruriel ihn deuten würde. Im Gegensatz zu ihm konnte ich nämlich keine Gedanken lesen.
„Danke für deinen Rat, Ruriel. Aber ich denke, ich bin erwachsen genug, um zu wissen was ich tue.“
Ich spürte förmlich Ruriels zweifelnden Blick. Er glaubte mir nicht. Kein Wunder, ich hatte nicht einmal gesagt, dass ich auf ihn hören würde. Wobei, selbst das hätte er mir nicht abgekauft. Damit wäre es egal gewesen, was ich gesagt hätte.
„Wo sind wir hier überhaupt?“
Auch wenn Ruriel mir nicht vertraute, war er doch derjenige, der mir immer alles erklärte und mir jede Frage beantwortete, die ich hatte. Es war schon eine seltsame Art von Verhältnis, die wir zueinander hatten. Dennoch war es angenehmer als zu Leuten wie Sarim.
„Nicht so wichtig. Es reicht, wenn du weißt, dass wir hier unsere Waren verkaufen. So schaffen wir Platz für die nächste Reise. Außerdem gibt es danach weniger Mäuler, die gefüttert werden müssen.“
Mir drehte sich der Magen förmlich um, als Ruriel das sagte. Es bedeutete doch wirklich, dass sie die Gefangenen verkaufen wollten. Es wurde höchste Zeit. Ich musste etwas tun. Irgendwie.
„Verstehe.“
Es war alles, was ich sagen konnte. Doch mit dieser Antwort schien Ruriel nicht gerechnet zu haben. Scheinbar hatte er sich etwas Anderes von mir erhofft. Schade dass ich keine Gedanken lesen konnte, sonst hätte ich ihm vielleicht die gewünschte Antwort geben können.
„Beeil dich und schließ zu Saam auf. Ich hab wichtigeres zu tun, als dich die ganze Zeit zu bespaßen.“
Ich verdrehte die Augen, denn irgendwie schien es Ruriel zu gefallen, so widersprüchlich zu sein. Erst war er nett, dann war er grummelig, scheinbar wusste er selbst nicht, in welche Richtung er gehen wollte. Eines war mir aber klar, ich tat besser, was er sagte, weswegen ich einen Schritt zulegte und zu Saam aufschloss. Die Stände, an denen ich dabei vorbei lief, verkauften bereits ihre Waren, oder viel eher ihr Diebesgut.
Dieser ganze Ort, der früher eindeutig kein Schwarzmarkt für Piraten gewesen war, zumindest verrieten mir alte Fischernetze, Scherben von Tonkrügen und anderen Dingen, wie zum Beispiel einer Schreinerbank, dass dies hier mal ein ganz normales Dorf gewesen war, hatte alles von seinem Glanz verloren und erschien nur noch zwielichtig und dunkel. Aber heute zweckentfremdete dieses Pack die Ruinen des Dorfes. Wer wusste schon, wie lange das ging? Außerdem fragte ich mich, warum noch niemand diese Insel gefunden hatte? Gab es wirklich niemanden, der Interesse daran hatte, ein paar Piraten das Handwerk zu legen? Okay, sicher nicht. Vielleicht warfen die Piraten genug für die Wirtschaft des entsprechenden Landes ab, sodass dieses einfach wegsah. Genau nach demselben Prinzip funktionierte Politik auch in meiner Welt.
Während ich mir die heruntergekommenen Häuser ansah, bemerkte ich, dass wir immer weiter ins Zentrum des Dorfes gingen. Die Stände der Piraten waren bald nicht nur vereinzelt zu sehen, sondern standen dicht an dicht. Von Waffen bis hin zu Schriftrollen war alles hier zu finden. Scheinbar stahlen Piraten wirklich alles, was nicht niet- und nagelfest war. Seltsam war nur, dass sie sich ihre Ware untereinander verkauften. Wozu? Wahrscheinlich entbehrte das jeglicher Logik. Meiner Logik.
Auch wenn mich der Anblick faszinierte und gleichzeitig abschreckte, hatte ich schnell zu Saam aufgeschlossen. Er hatte vor einem Stand innegehalten, was für mich ein klares Zeichen war, endlich das Schreibzeug herauszunehmen.
Ich platzierte mich direkt neben Saam, zog die Listen, die er angefertigt hatte und auf denen die Preise für diverse Stoffe, Juwelen, Bilder und was es nicht noch alles gab, standen, hervor. Ich würde die Aufgabe haben, auszurechnen, wie viel sie für die gesamte Ware eingenommen hatten. Auch wenn Saam so eine gewisse preisliche Vorstellung von dem hatte, was er gerne hätte, machte er doch hin und wieder Abstriche, die sich aber ausglichen, da manche Waren für einen höheren Wert weggingen. Es hing eben ganz davon ab, wie groß das Interesse an dem entsprechenden Gegenstand war. Meine Aufgabe war es, nachdem Saam einige der Waren bereits angepriesen und Interessenten gefunden hatte, dies den Männern am Schiff zu melden. Wie gut, dass ich mir den Weg gemerkt hatte, oder zumindest einige Stände, die ich sehen musste.
Eines musste man Saam lassen, er hatte entweder verdammt großes Glück, oder einen wirklich guten Riecher dafür, wann Markttag war. Da gerade jetzt einige Besucher und Piraten den Markt besuchten, ging ich davon aus, dass Saam einiges an Waren loswerden würde und an Sklaven, wenn sich die Gefangenen nicht rechtzeitig befreien konnten. Oder ich nicht rechtzeitig eingriff. Doch ein Eingreifen war gefährlich. Mit Sicherheit würden nicht nur Saams Leute versuchen uns aufzuhalten, sondern auch die anderen Piraten. In dem ganzen Nebel, würde das alles im Chaos versinken. Gute Sache.
„Pst, sag Saam, dass es einen Interessenten für die balbaddische Rüstung gibt.“
„Wie viel?“, flüsterte ich. Denn Gott bewahrte mich davor, dass ich jetzt wie von der Ratte gebissen Saam ansprach. Vorerst würde ich auf meine Liste schauen, gucken ob die Preisvorstellungen Saam entsprachen und dann Saams Befehle ausführen, nämlich sagen ob es reichte oder nicht.
Die balbaddische Rüstung... Sie war nicht einmal eine Rüstung. Sie war lediglich eine Soldaten-Garnitur, da es aber schon reichte so etwas zu sein, um als Rüstung bezeichnet zu werden, bitte sollte mir recht sein.
„Zwölf Huang.“
Ich sah auf meine Liste und fand sie. Zwölf Huang... das lag unter dem Wert, den Saam angedacht hatte. Kein Wunder. Mit so einer Garnitur konnte man sicher einiges an Ärger in Balbadd machen, oder nahe Balbadds.
Ich nickte verstehend und wandte mich Saam zu, der meine Bewegung wahrnahm und mich sofort durch seine rot glühenden Guppyaugen heraus ansah. Ich erschauderte jedes Mal bei seinem Blick, einfach weil ich ihn nie zu deuten wusste und immer gleich irgendwelche niederträchtigen Beweggründe hinter ihnen vermutete.
„Die balbaddische Garnitur wird angefragt. Die Interessenten bieten zwölf Huang. Auf der Liste steht es aber für 17 Huang.“
„Sie sollen ihn auf 15 Huang hochhandeln, und den Preis klar bei 17 Huang ansetzen. Unter 15 Huang verkaufen wir nicht.“
Ich nickte und notierte mir den Preis, den wir alternativ statt den 17 Huang nehmen wollten, bevor ich mich an den Piraten wandte, obwohl er die Antwort Saams eigentlich selbst gehört haben sollte. Schließlich stand Saam nicht zu weit von ihm entfernt. Dennoch wiederholte ich brav, was man mir aufgetragen hatte und sah zu, wie der Pirat die Beine in die Hand nahm und verschwand.

Die ersten Botengänge nutzte ich, um mir das Dorf doch etwas genauer anzusehen. Wie schon bei meinem ersten Blick waren die Häuser wirklich heruntergekommen, auch wenn die chinesische Architektur, vielleicht war sie auch japanisch, das Ganze noch recht edel erscheinen ließ. Einige von ihnen waren sogar durch Bretter vernagelt worden. An sich erinnerte das Dorf, wenn man all die Piraten ignorierte, an eine Geisterstadt. Verlassen und heimgesucht von Geistern. Für unwahrscheinlich hielt ich letzteres nicht, denn hier gab es sicher viele geschundene Seelen, die diesen Ort nicht verlassen konnten.
Das einzig Interessante, das ich erkennen konnte, war ein Gehweg in nordöstliche Richtung, der aus dem Dorf führte. Halb zerstört aber doch noch gut intakt. Durch den Nebel konnte ich nur noch den Bambuswald erahnen, aber nicht sehen, wohin der Weg genau führte. Es war eine Schande. So schnell würde sich der Nebel allerdings auch nicht verziehen. Der Fluss, der sich durch das Dorf wand, schien die Brutstätte dieses Nebels zu sein. Ein seltsames, wenn auch natürliches Spiel, immerhin sah es so aus, als würde der Fluss kochen.
Wirklich länger auf die Umgebung konnte ich mich allerdings nicht konzentrieren. Ich spürte mich bereits den Blicken eines „Wächters“ ausgesetzt. Wenn ich länger darauf verzichtete, diesen Botengang zu beenden, um die Umgebung auszukundschaften, würde es Ärger geben. Großen Ärger. Jetzt konnte ich wenigstens noch behaupten, mich verlaufen zu haben, aber wenn ich solche Ausflüge noch häufiger tat, würde diese Ausrede nicht mehr ziehen.
Die ersten drei Male wurden mit viel Glück geduldet und die hatte ich mit diesem kleinen Ausflug ausgereizt. Für so dämlich hielt mich dieses Piratenpack doch nicht. Leider. Sonst wäre das häufigere Verlaufen noch erklärbar gewesen. Trotz alledem machte ich mich auf den Weg zurück zum Hafen. Die Botschaft war noch in mein Hirn eingebrannt. Glücklicherweise war ich noch nicht alt genug, um zu behaupten, dass ich Alzheimer hatte.
Meine Sightseeing-Tour hatte mich nicht weit vom Hafen entfernt. Ich brauchte damit nicht lange, um das Schiff wieder zu finden. Einer der Piraten stand dort Wache oder schien viel mehr auf mich zu warten. Er war zumindest derjenige, der alle Anweisungen gab. Dementsprechend war er mein Mann, auch wenn er mich ignorierte. Dreist so etwas.
„Entschuldige.“
Mein Unterton hatte schon etwas entnervtes, als ich den Piraten ansprach. Dieser würdigte mich nun doch endlich mal eines Blickes. Scheinbar hatte er verstanden, dass ich nicht zum Spaß hier war. Das hätte ihm eigentlich schon wesentlich früher bewusst sein müssen.
„Saam schickt mich. Ihr sollt die Vorräte auffüllen. Getrocknetes Fleisch, Obst, Fladenbrote, wenn möglich noch ein paar Hühner und Schafe. Außerdem will er, dass ihr ihm die rubinrote Truhe bringt.“
Ich sah auf mein Papier, während ich sagte, was mir Saam mitgeteilt hatte. Nicht, das ich wirklich ablas, aber so konnte ich irgendwie an den Typen vorbeischielen zum Schiff. Es war ruhig an Bord und ich fragte mich, ob mein kleines Feuer noch unentdeckt geblieben war. An sich, wenn sie es entdeckt hätten und alles nach Plan lief, hätte es brennen müssen, irgendwo. Aber nichts war.
„Was? Soll ich es dir aufschreiben?“, fragte ich den Piraten, der mich mit diesem Blick bedachte, der mir sagte, dass er null verstanden hatte. Da ich wusste, dass er auch nicht lesen konnte, war mein Kommentar eher unsinnig.
„Oder soll ich es noch einmal langsam wiederholen?“
Der Blick des Piraten wurde grimmig. Kein Wunder, selbst ein Idiot wie er musste bemerken, dass ich ihn gerade verarschte. Immerhin gab es für so etwas noch keine Strafe von Saam. Gegen mein vorlautes Mundwerk oder etwas Zynismus konnte ich nichts machen.
„Nochmal, Vorräte auffüllen. Wir brauchen neben ein paar Hühnern und Schafen...“
Ich wiederholte die ganze Prozedur, machte dazwischen aber genug Pausen, damit mein Gesprächspartner sich auch wirklich alles merken konnte. Es mutete aber mehr einer Tortur an, als einem Botengang. Ruriel oder Sarim hätten die Anweisungen besser befolgt und auch schneller verstanden. Es graute mir schon davor, ihm noch die letzte Nachricht zu überbringen. Ich befürchtete, dass diese seine kleines Hirn überfordern würde.
„Gut da wir das haben, ich suche außerdem jemanden namens Xu? Ich soll ihm noch eine Nachricht von Saam bringen.“
„Der alte Xu ist dort.“ Mein Gegenüber wies mir noch die Richtung, bevor er sich von mir abwandte. Dort war ein breitgefächerter Begriff. Ich sah mir die Stände genauer an und erblickte schließlich den alten Xu. Er stach mit seinem schlohweißen Haar wirklich aus der Menge hervor. Niemand hatte so viele Falten wie er. Zielstrebig lief ich auf den alten Mann zu, der sich gerade eine Vase ansah. Ich hatte keine Ahnung, was er damit wollte, denn letzten Endes brauchte das Schiff kein Nippes. Solange es sein Geld war, das er damit ausgab, sollte es mir aber egal sein.
„Xu?“
„TSCHU!“
Ich blinzelte ungläubig, als ich über mir etwas hörte. Ein Echo? Nein, wohl eher ein sehr niedliches Niesen.
„Gesundheit“, murmelte ich, sah aber nach oben. Nichts. Seltsam, denn ich war mir sicher, dass ich mir dieses „tschu“ nicht eingebildet hatte. Und wie ein Echo hatte es auch nicht geklungen. Dafür war die Stimme viel zu tief gewesen. Zumindest tiefer als meine. Vielleicht bekam ich doch langsam Halluzinationen.
„Wie bitte, Liebes, sprich lauter!“
Mein Blick wandte sich zu Xu. Was auch immer ich gehört hatte, es war nicht mehr da und für den Moment Nebensache. Stattdessen musste ich mich um Xu kümmern, oder viel mehr um die Nachricht, die Saam für ihn hatte.
„Xu, Saam will dich zum frühen Nachmittag im Gasthaus treffen.“
Wie der Ochs vorm Berg sah Xu mich an. Ein Blick den ich bei allen Piraten gewohnt war. Dabei gehörte Xu zu der gebildeteren Klasse der Piraten.
„Wie bitte, Liebes?“
Richtig, ich hatte ganz vergessen, dass der alte Xu echt schwerhörig war. Toll. Das war einfach nur herrlich. Wenn mein Job in meiner Welt mir nicht die Stimme ruinierte, dann würde es über kurz oder lang diese Welt tun.
„SAAM WILL DICH AM FRÜHEN NACHMITTAG IM GASTHAUS TREFFEN!“
Ich schrie ihn förmlich an, denn anders hätte er es wohl nicht verstanden. Zumindest hatte ich bis heute noch nicht herausgefunden, wie laut ich sprechen musste, damit Xu mich verstand.
„Du musst nicht so schreien, Liebes, ich verstehe dich klar und deutlich.“
Genau deswegen wusste ich das nie. Ich fühlte mich wie in einem Klischee und das war traurig, denn eigentlich mochte ich Klischees. Aber dieses hier wurde auf die Dauer langweilig. Immerhin hatte er nun die Nachricht bekommen und mein Auftrag war damit ausgeführt.
„Sag, Saam, dass ich die Nachricht bekommen habe.“
Etwas anderes hätte ich sowieso nicht gesagt, nachdem ich es war, die die Nachricht überbracht hatte. So viel gewissenhafte Arbeit traute ich mir doch noch zu. Ich nickte nur zum Zeichen, dass ich es Saam sagen würde und wandte mich wieder von dem alten Xu ab.
Ich lief los, in die Richtung aus der ich einst gekommen war, dennoch blickte ich einmal zurück. Dieses Niesen. Es lies mir keine Ruhe. Irgendetwas kam mir spanisch vor. Ich wusste nur nicht, wie ich dieses Gefühl richtig in Worte fassen sollte. Auf die weibliche Intuition konnte ich es schon einmal nicht schieben, denn mit Sicherheit wäre so manch anderem dieses Ereignis seltsam vorgekommen.
„Lasst die Finger von mir!“
Ich war gerade an einer Bühne vorbeigelaufen, die zur Präsentation von Sklaven gedacht war. Mir kam die Stimme bekannt vor, die sich über alle anderen erhob. Da stand sie, die Schatzsucherin. Mir wurde heiß und kalt, denn wenn bereits jetzt die Gefangenen von Saam verkauft wurden, war ich vielleicht schon zu spät. Aber ich konnte noch nicht halten. Das Piratenschiff war noch zu ruhig. Das Feuer brannte noch nicht so, wie es geplant war.
Ich fühlte mich wie ein Lügnerin. Immerhin hatte ich versprochen, dass ich sie alle befreien würde. Wobei, ich konnte es vielleicht. Meine Hand glitt wie von selbst zu der Tasche, in der sich die Wasserflaschen befanden. Es brauchte nur eine davon und einen Zauber. Die Feder würde zwar nicht mehr aushalten, vielleicht zwei wenn ich Glück hatte. Aber darauf wollte ich mich nicht verlassen. Ich war wirklich unschlüssig.
'Denk nicht dran, du hast genug für sie getan, wenn sie das nicht einzusetzen wissen, haben sie es nicht besser verdient.'
Ich seufzte leise. Meine Vernunft hatte wohl Recht. Ich hatte ihnen vieles an Möglichkeiten gegeben. Ausnahmsweise musste ich wohl darauf vertrauen, dass sie es einzusetzen wussten. Wahrscheinlich hatten sie schon einen Plan, wie sie die Mittel nutzen wollten. Sie passten nur, genauso wie ich, den richtigen Augenblick ab. Noch dazu war die Schatzsucherin sicher nicht dumm. Sie würde sich um die Kleinen und die Anderen kümmern. Genau das würde sie tun, ohne Frage.
Ich schüttelte daher alle meine Zweifel ab und ging weiter, wobei ich auf die Kinder, die in der Reihe standen, nicht mehr achten konnte. Wahrscheinlich hätte ich sonst doch noch eingegriffen. Doch meine Waffen waren ebenso kostbar wie die Freiheit.
Meine Schritte wurden schneller, denn ich wollte schnell weg vom Ort des Geschehens. Erst als ich die Bühne wirklich hinter mir gelassen hatte, nahm ich wieder ein normales Schritttempo an und sah mich um. Irgendwo hier versteckte sich sicher auch mein Aufpasser. Wenn er denn noch da war. In dem Nebel war das allerdings nicht leicht auszumachen. Ich selbst konnte nicht weiter sehen als ein paar Meter, daher wollte ich gar nicht wissen, wie nahe mir derjenige war, der ein waches Auge auf mich werfen sollte. Umso glücklicher konnte ich sein, dass ich am „Sklavenstand“ nicht eingegriffen hatte.
TOCK!
Ich stolperte, spürte etwas feuchtes an meinem Hinterkopf und konnte meinen Gleichgewicht nur wieder finden, weil ich mich an einem Stand abstützte. Eines war mir klar, irgendjemand hatte irgendetwas auf mich geworfen und auch noch getroffen. Ich konnte froh sein, dass es kein Ziegelstein gewesen war. Dennoch, ich wollte wissen, was mich erwischt hatte, denn mit einem Griff an meinen Hinterkopf konnte ich es nicht ausmachen. Alles, was ich fühlte war nasses Haar. Eklig nasses Haar.
Vorsichtig sah ich hinter mich. Kein Täter in Sicht. Verdammt. Vielleicht waren es ja doch Geister. Poltergeister. Nur was hatte ich ihnen getan? Keine Ahnung. Der einzige Beweis, dass ich mich nicht irrte und wirklich etwas auf mich geworfen worden war eine gelbe Frucht. Sie hatte die Größe eines Apfels und die Beule, die ich deutlich sehen konnte, erinnerte sehr stark an die Form meines Hinterkopfes. Das war also der Übeltäter. Erneut sah ich in die Richtung, aus der diese Nashibirne, ja so nannte man dieses Obst, gekommen sein musste, doch ich sah nichts. Seltsam. Wirklich sehr seltsam.
Ich seufzte und sah zu dem Stand, der meinen Sturz verhindert hatte. Da stand er, der Stab von Nel. Mein temporärer Zauberstab. Er lag wirklich hier, bereit zum Verkauf. Nur eine Armlänge, eigentlich nur eine halbe, von mir entfernt. Noch dazu war der Händler selbst gerade abgelenkt. Wahrscheinlich würde er es nicht einmal merken, wenn ich mir einfach so diesen Stab nehmen würde. Dann könnte ich diesem Piratenpack einheizen. Die Gefangenen würden in die Freiheit kommen. Alles, was ich brauchte, war dieser Stab. Sein Kristall würde wieder so schön blutrot leuchten, wenn ich Har Har Infigar sprach. Mit etwas Glück würden einige der Waren hier in Flammen aufgehen. Ablenkung vom Feinsten.
Wie von selbst streckte sich meine Hand nach dem Stab aus. Ich musste ihn nur noch mit meiner Hand umschließen. Gerade, als ich das aber tun wollte, spürte ich, wie mich jemand packte. Ich folgte dem Arm, der zu der Hand gehörte und sah in Ruriels ernstes Gesicht.
„Versuch es nicht, oder ich schneid dir höchstpersönlich die Hand ab.“
Selbst, wenn ich es gewollt hätte, Ruriels Griff war so fest um meinem Handgelenk, dass ich die Hand kaum bewegen konnte. Ich hätte diesen Stab nicht einmal ergreifen können.
„Ihr verkauft ernsthaft MEINEN Stab?“
„Unseren Stab. Er gehört dir nicht mehr, wir können damit also machen was wir wollen. Außerdem, der Stein dort sieht wertvoll aus. Sicher bringt dieses Stück Brennholz deswegen einiges an Geld.“
Stück Brennholz? Ihren Stab? Die Wut pulsierte in mir. Wie konnte er so über Nels Stab sprechen? Er war mir zwar nicht lieb und heilig geworden, aber ich hatte ihn von Panthea bekommen. Sie hatten ihn mir anvertraut.
„Rede nicht so darüber... Der Stab gehörte einem guten Freund von mir. Wenn du so etwas noch einmal sagst, wirst du es bereuen.“
Schweigend sah mich Ruriel an. Unbeeindruckt, weil er wusste, dass ich doch nichts machen konnte. Ich wäre ihm jetzt unterlegen, denn ich hatte keine Waffe, mit der ich mich verteidigen konnte. Er musste nichts sagen, damit ich das verstand.
„Saam wartet auf dich, also beeil dich.“
Ruriel ließ von meinem Handgelenk ab und wartete, bis ich mich aufrichtete. Es war eindeutig, dass ich nicht einmal diesen Stab vor seinem Verkauf retten konnte. Verdammt. Das war absolut deprimierend.
Ergebend wandte ich mich wieder dem Weg zu, der ursprünglich meine Route war. Immerhin wusste ich nun ganz offiziell, dass Saam mir einen seiner Wachhunde auf den Hals gehetzt hatte. Das war eigentlich klar gewesen und zeigte nur noch einmal deutlich, dass er mir nicht vertraute. Damit wurde nur noch klarer, dass mein kleiner Plan wesentlich schwerer auszuführen war.

Ich fühlte mich mächtig deplatziert, als ich wieder zurück bei Saam war und man mich keines Blickes würdigte. Das war ich allerdings gewohnt. Es war immer so. Keiner sprach mich an, wenn es nicht absolut notwendig war und selbst Saam gab nur notwendige Befehle. Gerade schien Saam aber nicht in der Stimmung zu sein, Befehle zu geben. Viel eher handelte er mit einem Mann, der mir seltsam vertraut vorkam. Da ich aber kein Gedächtnis für Gesichter hatte, war ich mir alles andere als sicher. Ich hielt ja selbst die bekanntesten Gesichter auf dem Piratenschiff für fremd, da ich sie mir einfach nicht merken konnte.
Mir war es auch so ziemlich egal, worüber sie handelten. Ich horchte lediglich auf, wenn eines der Crewmitglieder mir eine Ware mitsamt des Verkaufspreises entgegen rief. Aus Datenschutzgründen, werde ich natürlich nicht erwähnen, wie hoch der Gewinn der Piraten bereits war. Fakt war immerhin, dass sie mehr verdient hatten, als sie mir bezahlten. Und sie bezahlten mir nichts.
Ich seufzte, während ich weitere zwanzig Huang für fünf Meter Stoff aufschrieb. Rote Seide, unglaublich, dass die nur zwanzig Huang wert sein sollte. Allerdings wusste ich nicht einmal, ob dies wirklich dem Wert entsprach. Ich hätte Seide für etwas wertvoller gehalten.
„Was machen sie hier?“
„Keine Sorge, sie wollen sich sicher nur umsehen.“
„Das haben sie doch noch nie gemacht.“
Es war seltsam, als plötzlich Aufruhr laut wurde. Es klang nicht so, als würde irgendwo ein Schiff in Flammen stehen, sondern viel mehr, als wären plötzlich unerwünschte Gäste aufgetaucht. Ich konnte mir aber bei besten Willen nicht vorstellen, wer diese verlassene Insel einfach mal so aufsuchen sollte. Sinbad wäre sicher nicht so helle gewesen. Und auf Balbadd mussten wir gar nicht erst hoffen. Wer würde sich also auf diese Insel wagen?
Neugierig, was die Männer hier in Aufruhr, aber nicht zum Stoppen ihrer Geschäfte brachte, sah ich gen Hafen und erkannte schließlich eine Flagge. Eine, die mir noch aus Balbadd sehr vertraut war. Die Flagge des Kaiserreichs Kou.
„Hexe, sieh nach was da los ist.“
Der Befehl Saams war leise, aber dennoch gut hörbar. Wie gut, dass ich neugierig genug war und selbst wissen wollte, was da los war. So brauchte ich immerhin keine dumme Ausrede mehr. Dennoch, es war seltsam. Diese Unruhe. Sie ging mir einfach nicht aus dem Kopf. Wobei, wenn das ein Schiff aus Kou war, war das vielleicht ein Zeichen, dass dieser illegal wirkende, und wohl seiende, Markt heute das letzte Mal tagte. Mit etwas Glück konnten dann alle anderen Gefangenen gerettet werden.
Natürlich würde ich Saams Befehl mit Freuden folgen. Ohne zu zögern lief ich daher los, die Flagge nicht aus den Augen verlierend. Selbst wenn mein Orientierungssinn mies gewesen wäre, diese Flagge hätte mir klar und deutlich den Weg gewiesen. Aber selbst ohne Flagge hätte ich diesen Weg gefunden.
„Erenya!“
Ich hatte gerade einmal die Hälfte des Weges hinter mir gelassen, als ich Hinata vor mir sah. Sie trug zwar eine Kiste in den Armen, doch sie legte ein forsches Tempo an den Tag. Unglaublich, wenn man bedachte, dass diese Kiste massiv aussah und alles andere als leicht.
„Hinata, was ist los?“
„Sie sind da. Ein Kriegsschiff aus Kou ist hier.“
Hinatas Worte zeigten nur zu deutlich, dass ich mich nicht geirrt hatte. Es war also ein Schiff aus Kou. Nur, das es ein Kriegsschiff war, hatte ich nicht bemerkt. Demnach musste Hinata es schon von nächster Nähe gesehen haben. Kein Wunder, wenn sie gerade vom Hafen kam. Ich fragte mich nur, warum sie über diesen Fakt so breit lächelte. Was, wenn die Leute an Bord des Kriegsschiffes einfach nur ein paar Sklaven erwerben wollten?
„Und das ist gut?“, fragte ich zweifelnd. Hinatas Lächeln wich aber nicht. Augenscheinlich wusste sie mehr als ich und ich wusste nicht, ob ich das gut finden sollte.
„Das ist mehr als gut. Du musst deinen Plan nicht mehr in die Tat umsetzen. Überlass das alles mir. Ich hole uns zu hundert Prozent raus. Hier.“
Ich konnte gar nicht so schnell gucken, wie sie mir die Kiste in die Hand drückte und auf der Stelle kehrt machte. Egal, was sie vor hatte, ich wusste nicht, ob ich ihr trauen konnte. Oder ob sie sicher war. Was, wenn einer von Saams Wachhunden auch ihr folgte? Zumindest Ruriel, der mir auf den Fersen war, musste nun wissen, dass sie etwas plante.
„Hinata, warte!“ Zu spät. Sie hörte nicht mehr auf mich und lief wie der Wind wieder in Richtung Hafen. Seufzend sah ich auf die Kiste und überlegte, was ich nun damit sollte. Ich wusste nicht einmal, wer die gefordert hatte.
„Gib her...“
Ich erschrak, als Ruriel mir plötzlich die Kiste aus der Hand nahm. Damit hatte ich nun wirklich nicht gerechnet.
„Willst du Hinata nicht folgen?“
„Sarim wird ihr folgen. Da muss ich mir keine Sorgen machen. Ich bringe diese Kiste zu Kadir. Geh du zurück zu Saam und erzähl ihm vom Kriegsschiff.“
Vollkommen bedröppelt stand ich da, ohne Kiste, ohne einen Verfolger, einfach vollkommen alleine und verwirrt. Was meinte Hinata damit, dass sie uns zu hundert Prozent retten würde? Das alles ergab für mich absolut keinen Sinn.

Auch, als ich Saam von dem Kriegsschiff berichtet hatte, änderte sich nichts. Er verkaufte weiterhin die Waren, die er und seine Leute geraubt hatten, als wäre es das normalste der Welt. Nicht einmal die Streitmacht von Kou schien ihn abzuschrecken. Somit konnte ich Hinatas hundert Prozent nicht mehr vertrauen als den Wahlversprechen der Politiker meiner Welt. Es hatte sich seit der Ankunft des Kriegsschiffes nichts geändert. Ich spielte immer noch Botenmädchen und wurde von allen ignoriert. Es war frustrierend und am nächste Tag würde ich mit Sicherheit Muskelkater haben. Einen der schlimmen Sorte.
„Hexe, sag Saam, dass wir gleich unsere Hauptattraktion holen werden.“
Ich verdrehte die Augen, als einer der Piraten mich wieder mit meinem ungeliebten Spitznamen ansprach. Allmählich gewöhnte ich mich aber daran, auch wenn ich nicht weniger beleidigt war.
„Ich hab einen Namen...“, murmelte ich und sah den Piraten ernst an, der verächtlich schnaufte.
„Klar, Hexe. Und nun geh schon und richte Saam die Nachricht aus. Oder muss ich dir Feuer unter dem Hintern machen?“
Feuer unterm Hintern? Was dachte dieser Typ wer er war? Ich konnte ihm viel eher etwas einheizen, als er mir. Aber gut, dass würde ich mir für später aufheben.
„Schon gut, schon gut...“
Ich verdrehte die Augen und machte mich auf den Weg zurück zu Saam. Was war ich froh, wenn der Nachmittag in wenigen Stunden anbrach. Saam würde sich dann mit Xu treffen und ich war da hoffentlich nicht dabei. Auch, wenn es dann recht langweilig werden würde. Abgesehen von den Mädchen und Hinata, deren Verbleib aktuell unbekannt war, würde hier niemand mit mir reden. Langweilig also. Schon die Anwesenheit bei Saam war langweilig.
„Entschuldigung, dürfte ich dir kurz ein paar Fragen stellen?“
Ich musste plötzlich inne halten, als mir ein Mann den Weg versperrte. Anders als die anderen Männer hier, war die Kleidung desjenigen, der mich angesprochen hatte, edel. Sauber und der Stoff schien ebenso teuer zu sein, wie diverse Schmuckstücke aus der Schatzkammer von Saams Schiff. Ich wagte sogar zu behaupten, dass ich diesen Kleidungsstil von Kouhas Angestellten kannte. Er erinnerte zumindest sehr an den von Kou. Und selbst, wenn er durch seinen Kleidungsstil nicht herausgestochen hätte, die Tatsache, dass er mich angesprochen hatte, machte deutlich, dass er keiner der hiesigen Händler war.
„Es tut mir leid, ich muss zu...“ Ich stockte und würgte innerlich, denn ich hasste es, Saam so zu nennen. Deswegen vermied ich es, ihn namentlich ansprechen zu wollen. Ebenso vermied ich es, vor Fremden seinen Namen zu sagen.
„Du musst zu deinem Herren?“ Ein Schaudern ging durch meinen Körper, als der Fremde aussprach, wozu ich nicht fähig war. Statt aber zu widersprechen nickte ich und versuchte, um den Mann herum zu gehen. So einfach wollte er mir das aber nicht machen, denn mit einem Schritt zur Seite versperrte er mir erneut den Weg.
„Es sind unverfängliche Fragen.“
Ein Seufzen schlich sich über meine Lippen, als ich den Mann vor mir nun genauer musterte. Er war im mittleren Alter, sah für Magi-Verhältnisse wirklich gut aus, und war größer als der durchschnittliche Bewohner Kous. Dennoch hätte ihn Saam locker überragt, was für ihn nicht wirklich schwer war, da dieser um die vier Meter groß war. Und wirklich viele Vergleiche zu anderen Kou-Bewohnern hatte ich nicht. Kouha war noch im Wachstum, Chen sicherlich auch. Mehr Kou-Bewohner hatte ich ja noch nicht kennengelernt. Wenn sie aber nur ansatzweise so groß waren wie japanische Männer, dann ja, war dieser Mann größer als der Durchschnitt.
„Sie lassen mir keine Wahl, also muss ich wohl Rede und Antwort stehen. Auch wenn ich...“ Ich stockte und sah mich um. Irgendwo war sicher einer von Saams Männern und egal was der Mann vor mir fragen würde, meine Antworten konnten sicher unangenehme Nebenwirkungen für mich haben.
„Mache dir sich keine Sorgen. Ich möchte nur wissen, für wen du arbeitest.“
Das war doch eine Frage, die ich ohne Probleme beantworten konnte. Jeder hier wusste es und hätte der Herr mit dem zusammengebundenen braunen Haar mich etwas länger beobachtet, er hätte sicher auch bemerkt, dass ich zu Saam gehörte.
„Für den überdimensionalen Kappa-Menschen. Grün, schuppig mit glänzenden Rückenflossen.“
Erneut sah ich mich um. Wirklich charmant sprach ich ja nicht über Saam, aber ich hatte noch nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass mir der Kerl zu wider war.
„Sind du schon lange bei ihm tätig?“
Lange... Drei Monate fühlten sich wie eine Ewigkeit an. Eine grausige Ewigkeit. Länger würde ich das auch nicht mehr aushalten. So viel stand fest.
„Seit Bitroun... das dürften nun drei Monate sein. Plus Minus ein paar Wochen.“
Misstrauisch beäugte ich den Mann, der scheinbar sehr zufrieden mit meiner Antwort schien. Dabei hatte ich nichts weltbewegendes gesagt. Warum also dieser Gesichtsausdruck? Wie gerne hätte ich die Zeit gehabt, darüber nachzudenken! Ich hatte sie nur leider nicht.
„Lassen Sie mich jetzt vorbei? Ich muss zu...“ Erneut stockte ich. Ich brachte es wirklich nicht übers Herz, Saam meinen Herren oder Meister zu nennen.
„Ich verstehe. Ich danke dir für die Auskunft.“ Er lächelte freundlich, als er mir den Weg frei machte, oder viel eher an mir vorbei ging. Das war wirklich seltsam. Hatte er wirklich nur diese zwei Fragen? Wozu?
Verwundert sah ich dem Mann aus Kou nach. Ein kurzer Reflex in mir schrie danach, ihm nachzulaufen und um Hilfe zu bitten. Doch was, wenn das eine Falle war? Was, wenn er einfach nur mit Saam handeln wollte? Es wäre ein Risiko gewesen, diesem Reflex nachzugeben.

Es blieb bei dieser seltsamen Begegnung. Und bei dem Attentat mit dieser Nashibirne. Genauso blieb Hinata auf einmal spurlos verschwunden. Zwar war Sarim aufgetaucht, aber er schien die Fährte von Hinata verloren zu haben. Wenn sie nicht mehr da war, wusste ich nicht einmal mehr, wie ich sie befreien wollte. Das war momentan mein größtes Problem, neben der Tatsache, dass die Gefangenen schon zu großen Teilen verkauft worden waren.
Das war mir bewusst geworden, als mich Saam zur Bühne für die Sklavenversteigerung beordert hatte. Meine Aufgabe bestand nur noch darin, seit ich die Nachricht mit der Hauptattraktion überbracht hatte, auf eben jene zu warten. Sie sollte wohl das meiste Geld bringen. Was auch immer es war, es war wichtig.
Ich seufzte leise und sah mich um. Hier war wirklich der Abschaum aus Magi versammelt. Abschaum, der mich krank machte. Wofür kauften sich die Piraten eigentlich ihre Schätze ab? Was brachte ihnen das? So ganz wollte mir das einfach nicht einleuchten.
„Zieht fester!“
Ich hörte die Stimmen von einigen Mitgliedern der Crew. Sie klangen äußerst angestrengt, weswegen ich die Neugier nicht zügeln konnte. Was konnte sie so verausgaben? Was für ein Ungetüm an Scha-
Mir stockte der Atem, als ich sah, was, oder eher wen, die Männer in Richtung der Bühne zerrten. Diese blonde Mähne hätte ich überall erkannt, auch wenn sich nach drei Monaten bereits rote Ansätze zeigten. Seine Strähnen hingen ihm wild ins Gesicht und doch konnte ich diesen ungebändigten Blick sehen. Er rebellierte, nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Deswegen hatten die Männer also zu kämpfen.
„Varius...“, entkam es mir ungläubig. Ich hatte schon einmal geglaubt, ihn zu sehen, doch jetzt waren die Lichtverhältnisse besser. Jetzt war ich wach, jetzt sah ich ihn wirklich deutlich. Das war ohne jeden Zweifel Varius.
Ich schluckte schwer und als hätte das Schicksal mir einen Wink gegeben, erklang eine laute Explosion vom Hafen. Es hieß nun alles oder nichts. Ohne Varius würde ich nicht fliehen.
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