Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Im Zeichen des Rukh

von Erenya
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
Aladdin Alibaba Saluja Judar Morgiana OC (Own Character) Sinbad
27.05.2015
01.01.2017
26
219.342
16
Alle Kapitel
30 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
17.01.2016 11.577
 
Das man mehr als nur fernab der Heimat war, wurde einem erst bewusst, wenn man Dinge sah, die man nicht kannte. Das hatte ich gelernt. Auf meiner Reise, die mich in bergiges Gefilde gebracht hatte. Seltsam, wenn man bedachte, dass ich vor wenigen Minuten noch geglaubt hatte mich auf offenem Meer zu befinden. Seltsam, wenn man bedachte, dass es mir von Tag zu Tag schwerer fiel meine Welt nicht zu vergessen.
Mein Blick schweifte zu den Bergen, wobei es eher Felswände waren. Wie der Canyon in dem der Kouga-Clan seine Freiheit gewann und irgendwie auch verlor. Aber es war nicht dieser Canyon. Hoffte ich. Wie war ich hier her gekommen?
Eine Spur von Rukh, weißem Rukh, wies mir den Weg. Richtig, ich war dem Rukh gefolgt. Wie damals in Balbadd. Wie lange war das her? Zwei Wochen? Wenige Tage? Drei Monate? Jahre? Egal wie lange es her war, die Rukh hatten mich nie enttäuscht. Ich war es gewesen, die mich immer wieder enttäuscht hatte. Ich würde ihnen also wieder folgen. Sie würden alles zum Guten wenden.
Ich machte einen Schritt nach vorne, verlor aber das Gleichgewicht. Ein Schmerz zog sich durch mein Bein und ein Blick gen meine Füße offenbarte mir, dass ich schon wieder die Fesseln der Sklaverei vergessen hatte. Fesseln, die an jene Morgianas erinnerten. Diese zu verdienen, ging schneller als man glaubte. Mit ihnen zu fliehen, grenzte an ein Wunder. Eines, dass ich augenscheinlich vollbracht hatte. Alleine, ohne die anderen. Was für ein bitteres Ergebnis. Ich hatte Cassius nicht retten können, Hinata auch nicht, ebenso die anderen Sklaven. Meine Flucht, mein Weg, mein Wunsch nach Hause zu kommen, hatte diese Schmetterlinge zertreten. Doch um diese Opfer zu beklagen, war es zu spät.
Um nicht erneut zu stolpern, legte ich eine Hand auf das kalte, pulsierende Gestein. Ich fragte mich nicht einmal, warum es pulsierte. Das würde schon seine Richtigkeit haben. Ich ließ mich von der Felswand stützen.
„Entschuldigen Sie...“
Mein Blick hob sich, als ich eine Stimme direkt vor mir hörte. Ihre Blicke waren verzweifelt. Tränen liefen der Frau vor mir über die Wange.
„Haben Sie etwas zu Essen?“
Wut pulsierte in meiner Faust. Sah sie nicht, dass ich eine Sklavin war? Was erdreistete sie sich, gerade bei mir zu betteln? Bei mir... Bei mir... Bei mir...
Ich griff unter meinen Umhang und zog ein Sandwich, welches ich ihr entgegen hielt. Zumindest wollte ich das. Sie stand nicht mehr da. Ich hätte ihr mein Sandwich gegeben... Warum hatte sie sich hingelegt, in diese rote Pfütze?
Enttäuschung. Vielleicht hatte ich schon wieder versagt. Versagt auch nur ein einziges erbärmliches Leben zu retten.
„Du bist wirklich nicht tot?“
Ich sah gen Himmel. Da war er, der Mistkerl der mich in diese Lage gebracht hatte. Der Riesenschädel und er erdreistete sich auch noch zu lächeln.
„Idiot...“, murmelte ich, wandte meinen Blick ab und stieg so gut es ging über den Körper der Frau.
Natürlich war ich nicht tot. Ich machte weiter und weiter und weiter und weiter...
Dieser Canyon schien wirklich kein Ende zu haben. Das Sandwich war über den ganzen Weg den ich gelaufen war, schon zu Staub zerfallen. Armes Sandwich. Es war das Letzte seiner Art.
„Gack, Gack!“
Nervige Hühner... Sie fraßen besser als die Gefangenen und sie wagten es sich zu beschweren. Ich drehte mich um und sah in den Käfig. Farmer zu sein hatte ich mir anders vorgestellt.
„Ihr bekommt ja, ihr bekommt ja...“, murrte ich und hob den Sack voller Futter auf. Blöden Hühner. Sie brauchten sich keine Sorgen machen, ich würde sie nicht mehr vergessen. Nie wieder. Das letzte Mal hatte zu weh getan. Blöden Hühner. Wenn ich nach Hause kam, würde ich nie wieder blöde Hühner haben. Nicht einmal in Harvest Moon. Blöden Biester.
„Das Schicksal hat sicher auch einen Platz für dich.“
„Und gegen den solltest du dich nicht wehren.“
Klugscheißer, alle beide. Nel und Ruriel... Seltsam, warum kannten sie sich? Nicht so wichtig.
„Fresse...“, antwortete ich und beobachtete die Hühner, die sich in schwarzes Rukh auflösten. Sie bildeten einen Vorhang, bis sie empor stiegen und ich meinem eigenen Ebenbild ins Gesicht sehen konnte.
„Richtig, auch wir haben unseren Platz... Ich habe meinen Platz, aber du, Geschichtenerzählerin, wirst auch hier in Vergessenheit geraten.“
Sie hob ihren Zauberstab, mit dem rot glühenden Alexandrit. Der Zauber den sie sprechen würde, lag mir auf der Zunge.
„Lass mich vorher, dass Lied zu Ende hören...“, flüsterte ich leise, die Augen schließend und in die Stille lauschend. Das Lied, es war schwach, aber hörbar, irgendwo, irgendwann... Das alles... ergab... keinen Sinn... Und deswegen, würde ich aufwachen, wie so oft.

**~~**


Selbst nach drei Monaten hier auf einem Piratenschiff zu erwachen, erschien mir so unwirklich, auch wenn mein Kopf mir klar und deutlich machte, dass dies alles real war. Genauso machte mein Hirn mir an manchen Tagen klar, dass meine Träume eben nur das waren, Träume. Dennoch, ein Analytiker hätte seinen Spaß damit gehabt. Selbst mir wurde nach all dem, was ich bisher erlebt hatte klar, was diverse Bilder bedeuteten und das ich vielleicht mit einigen unausgesprochenen Emotionen zu kämpfen hatte. Wie zum Beispiel Wut oder Hass. Leider war eine Antiaggressionstherapie nicht wirklich nahe. Eher lag sie in sehr, sehr weiter Ferne. Besser war es, wenn ich alle meine Gefühle unterdrückte, so lange wie möglich. Ich wollte nicht riskieren, dass ich die anderen Sklaven, die Gefangenen oder gar mich selbst in Gefahr brachte.
Ich erhob mich von meinem Nachtlager und sah mich im Zimmer um, der für uns Sklaven bereit gestellt wurde. Die anderen schliefen noch den Schlaf der Gerechten. Glücklicherweise. Ich hatte auch heute nicht vor, sie zu früh zu wecken. Die Arbeit an Bord war hart, ermüdend und manchmal gar nicht tragbar. Ich hatte mir daher angewöhnt schon früh wach zu werden, noch bevor die ersten Sonnenstrahlen über den Zenit stiegen. Das ich das nun schon seit gut zweieinhalb Monaten wirklich durchhielt, grenzte an ein Wunder. Dabei war ich in meiner Welt immer ein Langschläfer gewesen. Aber wirklich viel Schlaf bekam ich selten. Nachdem alle Pflichten erledigt waren, versuchte ich Ruhe zu bekommen, wachte etwas über den Schlaf der anderen Sklaven, bis ich schließlich selbst einschlief. Wenn man es recht bedachte, bekam ich nicht viel Schlaf und das, was ich hatte, war auch nicht erholsam, da diese Albträume mich verfolgten.
So leise wie möglich warf ich die Decke von mir und stieg aus meinem Nachtlager, wobei ich ein ein unangenehmes Ziehen an meinen Gliedern spürte. Ja, die Nacht lag mir definitiv noch in den Gliedern. Doch zu Jammern war keine Zeit. Ich musste das Frühstück vorbereiten, zu den Biestern, die sich Hühner nannten, gehen. In Harvest Moon waren sie wesentlich handzahmer und pickten nicht nach einem, sobald man ihnen Futter entgegen werfen wollte. Umgänglicher waren da die Schafe. Gerade in der Morgenstunde waren ihre wolligen Körper so etwas wie eine gemeine Versuchung. Eine, der ich bisher immer widerstanden hatte. Fast immer. Einmal war ich wirklich bei ihnen eingeschlafen und die Bestrafung brannte mir heute noch in der Erinnerung. So schnell würde mir das also nicht mehr passieren.
Ich schloss die Tür leise hinter mir und verkrampfte automatisch. Den Raum für uns Sklaven zu verlassen, war für mich gleich bedeutend mit dem betreten der Höhle des Löwens. Ich fühlte mich alles andere als sicher, was nicht einmal daran lag, dass diese Männer hier alle Piraten waren. Es lag viel mehr an eine handvoll Individuen, die ich hinter jeder Ecke vermutete. In der Schule hätte man sie Petzen genannt und sie sozial isoliert. Hier hießen sie Sarim, Ruriel und so weiter. Ehrlich gesagt, traute ich keinen von ihnen weiter, als ich sie werfen konnte. Und werfen konnte ich bekanntlich nicht sehr weit.
Dennoch, ich bemühte mich, es mir nicht anmerken zu lassen, und ging den langen Gang entlang in Richtung der Küche, die nicht weit von unserem Lager entfernt war. Die Piraten schliefen großteils noch, abgesehen vom Navigator und dem armen Verlierer, der seit dem Abendessen im Ausguck saß. Ein Job, um den sich die Piraten so sehr rissen, dass sie diese Aufgabe durch Stäbchen ziehen vergaben. Wirklich sehr erwachsen. Das Einzige, was ich für diese arme Gestalt tun konnte, war ihm nach den Frühstücksvorbereitungen seine Mahlzeit rauf zu bringen, auch wenn die Höhe mir immer noch zu schaffen machte. Immerhin brachte mir das in gewisser Weise Pluspunkte bei Saam, wenn auch keine Vertrauenspunkte. Vertrauen war nämlich Mangelware, eine die ich mir auch zugelegt hatte. Ich wusste nie, wem ich was erzählen konnte, oder was ich besser geheim hielt. Ich war daher dankbar, dass sie nur das Nötigste mit mir sprachen, auch wenn sie sich hin und wieder die ein oder andere Information aus der Nase ziehen ließen. So hatte mir der Navigator zum Beispiel ein wenig über die Kunst der Navigation beigebracht, was ich in frühen Morgenstunden, wenn die Sterne noch am Himmel standen, anzuwenden versuchte. An sich war es nicht schwer, denn zum ersten Mal war mir bewusst geworden, dass es in der Magi-Welt genau dieselben Sternenkonstellationen gab, wie in meiner Welt. Der Nordstern, der große Wagen, Herkules, Kleiner Wagen, sie waren alle nicht fremd, abgesehen von ihren Namen. Mir war erst dadurch bewusst geworden, wie ähnlich sich meine Welt und die von Magi waren. Wenn man sich darauf einließ, sie als ähnlich zu sehen. Oder ihre Ähnlichkeit zu akzeptieren. Es war schwer, das zu tun, aber in Anbetracht der Tatsache, dass ich hier war, was schon unmöglich schien, konnte ich nicht anders.
Es waren diese Morgenstunden, die ich nutzte, um meinen Gedanken nachzuhängen, darüber, was ich alles erfahren hatte, auf dieser dreimonatigen Reise. Ich hoffte immer noch, hier weg zu kommen, denn als Sklavin hätte man es sicher auch besser treffen können. Oder aber auch schlechter. Ich persönlich war mir nicht sicher, als was ich meine Lage bewerten wollte. Fakt war nur, ich wollte nicht länger in dieser Lage sein. Alles in mir sträubte sich dagegen. Der Drang zu fliehen war genauso überwältigend wie meine Wut und mein Hass. Und doch, wurde ich nicht von diesen Gefühlen, oder diesem Drang überrollt.
„$[ß%ß& {} ¶ß}^, /^§% £] ${+Ɛ
&/§& ß +{# $ß+Ɛ &{ &/^^
ß $ß+Ɛ }{% ]{~ #ß&/ £] /^§{&
§+= £] ${~¶
ß'£ /^{^, #§ß&ß+Ɛ }{% ]{~ &{ §+$#^{ £^.“
Während ich in der Küche meine Arbeit verrichtete, sang ich leise das Lied, welches mir nach dem Erwachen im Kopf herum spukte. Ich kannte es, es kam immerhin aus einem Spiel, welches ich feierte. Aber der Text hätte genauso gut aus unserer Welt stammen können. Es wurden Geister des Lebens besungen, die einen leiten sollten. Für diese Geister sang man und auch wenn es eher unwahrscheinlich war, dass die Rukh mich verstanden, schließlich sang ich das Lied in einer Sprache, die aus meiner Welt kam, so betete ich in gewisser Weise zu ihnen. Dafür, dass sie mir noch einmal den Weg wiesen und mir aus dieser Miesere halfen, selbst wenn mein schwarzes Rukh eher davon zeugte, dass ich eine der Bösen war. Aber damit wollte ich mich genauso wenig abfinden, wie mit der Tatsache, dass dies hier mein Schicksal war.
„Öffnet mir die Augen, lasst mich den Wind spüren, die Erde und mein Herz...“, flüsterte ich die nächsten Zeilen des Liedes in der hiesigen Sprache.
„Helft mir mutig zu sein, macht mich weise, macht mich stark.“
Es war einer der seltenen Momente, in denen ich mir erlaubte, schwach zu werden und ein paar Tränen die Freiheit zu gönnen. Vor den Anderen traute ich mich das nicht. Im Gegenteil, ich versuchte dann immer stark zu sein, sprach das Mantra, welches mir von Tag zu Tag mehr wie eine Lüge erschien. 'Wir werden uns befreien.' Wie sehr ich selbst an dieses Mantra noch glaubte, wusste ich nicht und doch arbeitete mein Kopf immer weiter an Ideen für die Flucht und verwarf sie wieder. Ich hatte kurzzeitig daran gedacht, hin und wieder Lebensmittel bei einem der Beiboote zu lagern um dann in einer Nacht und Nebel-Aktion mit den Anderen zu fliehen, allerdings hatte ich schnell gelernt, dass dies ungünstig war. Nicht nur, dass in regelmäßigen Abständen die Beiboote geprüft wurden, sie waren auch in Nutzung. Noch dazu wäre das Verschwinden von Lebensmitteln aufgefallen, vor allem, wenn es über einen längeren Zeitraum geschah. Damit war dieser Plan hinfällig.
Konzentriert sah ich auf eine Kartoffel, die ich gerade schälte. Kaum zu glauben, dass ich in Balbadd noch den halben Erdapfel weg geschält hätte. Ameen war damals halb verzweifelt, aber dennoch geduldig geblieben. Er hatte es mir ein ums andere Mal gezeigt. Wie ich das Messer halten musste, wie ich ansetzen sollte und Stück für Stück war ich besser geworden. Kartoffelschäler würden also auch in meiner Welt der Vergangenheit angehören. Ein Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Ich hatte hier schon einiges gelernt, Dinge, die ich in meiner Welt wohl niemals gelernt hatte. Dinge die hier wichtig waren und wertvoller als das Wissen, welches ich mir in meiner Welt angeeignet hatte. Zumindest hatte es mir bisher noch nicht viel gebracht. Das war deprimierend.
„Du hast mich schon wieder nicht geweckt...“, hörte ich es müde von der Tür und sah zu dieser, während ich die geschälte Kartoffel in eine Schüssel legte. Da stand sie, die „Anführerin“ von uns Sklaven. Daria. Anmutig, stolz und stark. Die Sklaverei hatte sie nicht im Geringsten verzweifeln lassen. Sie wusste uns immer wieder zu motivieren, wenn wir es aus eigener Kraft nicht konnten und das Rukh, das sie an manchen Tagen umgab, war einfach nur wunderschön.
„Ich dachte, du könntest noch etwas Schlaf gebrauchen. Die Kartoffeln sind fast schon fertig. Wir müssen sie nur noch reib- Ich meine klein schneiden und in den Teig von gestern Abend geben. Ich kümmere mich danach um die Äpfel und-“
Daria hatte schnell die Entfernung zwischen uns überwunden und legte mir einen Finger auf die Lippen und gebot mir zu schweigen. Eine Geste, die sie mehrmals am Tag mir gegenüber äußern musste und die mir sagte, dass ich es schon wieder getan hatte.
„Lass uns auch noch etwas Arbeit. Du machst dich damit kaputt. Vergiss nicht, ich brauche dich. Ich hab nicht soviel Köpfchen, um mir einen Fluchtplan auszudenken. Du brauchst deine Kraft also.“
Sie lächelte breit und ich konnte nicht anders, als wie gewohnt den Blick von ihr abzuwenden und mich daran zu erinnern, dass sie mir vom ersten Tag unserer Begegnung, oder viel eher, als wir uns vertraut miteinander gemacht hatten, nichts anderes gesagt hatte. Sie sagte es auch den anderen Mädchen, weswegen unsere Gruppe noch nicht vollkommen der Verzweiflung verfallen war.
„Wir brauchen alle unsere Kraft, auch du. Also lass mir dir und den anderen Arbeit abnehmen“, konterte ich und bekam plötzlich das Gefühl, dass wir dieses Gespräch jeden Morgen führen.
„Abnehmen ja, aber nicht alles alleine machen. Ende der Diskussion.“
Damit war das letzte Wort gesprochen und eine Widerrede würde Daria auch nicht akzeptieren, deswegen versuchte ich es gar nicht erst, legte die letzte Kartoffel in die Schüssel und reichte diese meiner Mitstreiterin.
„Da fällt mir ein, ich habe eine Bitte an dich.“
Ich sah auf und hob eine Augenbraue. Es war selten, dass Daria offen um etwas bat. In der Regel neigte sie ebenfalls dazu, alles selbst in die Hand zu nehmen, solange sie genau wusste, dass sie es tun konnte. Demnach musste ihre Bitte etwas beinhalten, von dem sie sich nicht wusste, ob sie das konnte. Was mich wiederum zweifeln ließ, ob ich es da konnte.
„Worum geht es?“
Noch während ich darauf wartete, was Daria zu sagen hatte, ging ich zu einem Fass, in dem die Äpfel gelagert waren. Schon bei einem Blick in dieses verzog ich das Gesicht. Erneut hatte sich irgendjemand einen Imbiss gegönnt und war dabei nicht einmal dezent vorgegangen. An sich musste ich so etwas sicher Saam melden, aber ich wollte mir nicht ausmalen, was passierte, wenn herauskam, dass es eine von uns war. Allerdings war es auch besser, wenn ich es ihm sagte. Letzten Endes würde sonst einer seiner Männer das bemerken, es petzen und dann gnadete mir Gott.
„Hinata... Sie kapselt sich von uns ab. Sie isst außerdem zu wenig.“
Ich zuckte unwillkürlich zusammen, als hätte Daria mir eine schallende Ohrfeige verpasst. Hinata war nun nicht gerade ein Thema, über das ich gerne redete. Sie war, wie ich, eine Sklavin Saams geworden, hatte sich aber davon mehr erhofft, als eben nur Sklavin zu sein. Sie hatte gehofft so einen Weg für die Flucht zu finden, etwas das Tag für Tag in weite Ferne gerutscht war. Das hatte selbst sie bemerkt. Zwar legte sie sich immer noch mit den Piraten an, kassierte auch eine Strafe nach der anderen, aber etwas war anders, als auf der Reise mit Cassius und seiner Karawane. Sie schien mir nicht mehr dieselbe zu sein. Schlimmer war es erst geworden, nachdem eine von den Mädchen eine Flucht gewagt hatte und gescheitert war. Die Strafe... wurde uns nicht präsentiert, aber noch heute hallten in meinen Erinnerungen ihre Schreie wieder, wenn ich nur daran dachte.
„Du willst also, dass ich mit ihr rede?“, fragte ich nach, da ich mir so etwas fast schon denken konnte.
„Nur wenn du etwas Zeit hast. Hinata scheint mir und den Anderen nicht zu vertrauen. Du hingegen kennst sie doch schon etwas länger. Vielleicht hört sie auf dich.“
Hinata und auf mich hören. Dazu musste ein Wunder geschehen. Ein Großes. Oder ich brauchte einen plausiblen Plan für eine Flucht. Dennoch, ich konnte Daria diesen Wunsch nicht abschlagen. Selbst wenn Hinata und ich nicht gerade dicke miteinander waren. Versuchen konnte ich es immerhin.
„Ich werde sehen, ob ich sie nach der Biesterfütterung in die Finger bekomme“, versprach ich daher und holte sechs Äpfel aus der Tonne. Für den Moment war die Zubereitung des Frühstücks wichtiger. Viel wichtiger.

**~~**


Ein Blick hinauf zum Ausguck bereitete mir immer noch Unbehagen. Doch der arme Tropf da oben brauchte eine Mahlzeit und ich wollte das nicht auch noch auf Daria abwälzen. Ich zurrte den kleinen Beutel fester um meine Hüfte. Darin war die wichtige Fracht. Ein Fladenbrot-Sandwich mit etwas Obst für den Start in den Tag. Die letzten Tage war ich nicht häufig zum Ausguck geklettert. Meist hatte ich Ruriel darum gebeten, oder einen anderen Kameraden, von dem ich glaubte, dass er mich nicht gleich zum Teufel schicken wollte. Das Wetter war zu unbeständig gewesen. Nass, verregnet und vor allem windig. Selbst in unserer Kabine zog es wie Hechtsuppe. Aber nun, je näher wir der Insel zu kommen schienen, die ich bereits seit drei Tagen erblickte, besserte sich die Wetterlage. Aber nicht nur die Wetterlage, sondern auch die Stimmung innerhalb der Mannschaft, die beinahe unerträglich geworden war. Es gab nur wenige Momente, in denen sie handzahm geblieben waren, meist wenn sie gut unterhalten wurden. Selbst das war aber nicht immer die Lösung für alles.
Ich spürte das Zittern in meinem Körper, als ich Seilstufe um Seilstufe hinauf zum Mast stieg. Mir graute schon wieder, auf das nasse Holz zu treten, welches sicher glatt war und bei dem ich vorsichtiger sein musste, als bei Glatteis Zuhause. Dort bestand immerhin nicht die Gefahr mir das Genick zu brechen, abgesehen von der bescheuerten Metalltreppe, die ich laufen musste, wenn ich zu einer Schulung ins andere Gebäude wollte. Dort zählte ein Sturz aber wenigstens als Arbeitsunfall, hier als... Pech gehabt.
Ich spürte das Brennen in meinen Handflächen, als ich die Seile fester umklammerte, doch loslassen war nicht in meinem Sinne, auch wenn der Wind mir immer stärker um die Ohren pfiff, je weiter ich hoch kam. Zwar nicht so stark, dass ich wie ein Windball hin und her geschleudert wurde, aber selbst jetzt den Wind so deutlich an meinem Körper zu spüren war in gewisser Weise beängstigend.
Dennoch stieg ich weiter hinauf und hielt erst inne, als ich mich mit beiden Armen an den dicken Mast klammerte, um die letzte Leiter zu nehmen. Sie lag genau auf der anderen Seite. Es grenzte immer noch an ein Wunder, dass ich es wirklich auf die andere Seite schaffte, ohne das Gleichgewicht oder dergleichen zu verlieren. Das letzte Stück war damit so gut wie genommen und es machte sich wahre Erleichterung in mir breit, als ich endlich im Ausguck sah und in das Gesicht des Piraten blickte, der sehen wollte, wer ihn hier oben besuchte.
„Guten Morgen. Ich hab hier dein Frühstück“, erklärte ich, während ich mir den Beutel von der Hüfte band und ihm entgegen hielt.
„Ich hab dir auch etwas Saft mit gebracht.“
Ich bemühte mich zu Lächeln, während ich beobachtete, wie der Pirat sein Frühstück auspackte. Er beäugte mich dabei misstrauisch, obwohl es nicht das erste Mal war, dass er mich hier oben sah. Schließlich tat ich so etwas regelmäßig. Ich störte mich aber nicht mehr an diesem Blick, denn wie schon gesagt, Vertrauen war Mangelware. Stattdessen blickte ich über den Rand des Ausgucks und sah zu der Insel, die schon seit Tagen in Sicht war. Doch nun schien sie viel näher als zuvor. Ich konnte Bäume erkennen, die hinter den Felsen, welche aus dem Wasser aufragten, hervor leuchteten.
„Wow, diese Insel ist ja nicht mehr weit von uns entfernt.“
„Mh...“, hörte ich den Piraten auf meine Anmerkung. Viel reden konnte er im Augenblick auch nicht, da er den Mund voll mit dem Sandwich hatte, welches aus einem Fladenbrot bestand.
„Gehen wir da vor Anker?“
Sicher, jemand der die Flucht plante, hätte dezenter vorgehen sollen, denn so erweckte man nur das Misstrauen der Piraten. Allerdings war ich unter diesen auch als nicht gerade helle verschrien. Was natürlich kein Wunder war, nachdem ich mich zu Anfang wie der erste Mensch angestellt hatte.
„Jup... So wie es der Kapitän geplant hat. Dann können wir zur nächsten Reise aufbrechen.“
Mir war nicht ganz klar, was der Mann meinte, aber es hatte schon etwas endgültiges. So als würde etwas enden. Im hintersten Stübchen meines Kopfes ließ das allerdings auch meine Alarmglocken schrillen. Ich wusste im Unterbewusstsein, was es für Piraten bedeuten würde, wenn sie zur nächsten Reise aufbrachen, doch so ganz wahrhaben konnte ich es nicht. Nicht in Anbetracht der Tatsache, dass die Insel vor uns verwildert und unbewohnt schien. Warum sollte also eine Reise an so einem Ort enden?
„Mädchen, sag mal...“ Ich sah zu dem Piraten auf, der gerade einen großen Schluck aus der Saftflasche nahm.
„Stimmt es, was man über dich hört?“ Verwundert hob sich eine Augenbraue von mir. Was auch immer man sich erzählte, es war sicher gelogen. Was sollte man sich schon von mir erzählen?
„Du hast es noch nicht gehört? Man erzählt sich, dass du in die Träume der anderen eindringst und dass, wenn man nicht rechtzeitig erwacht, du sie umbringst. Im Schlaf und wach. Der alte Kian hat oft von dir geträumt und eines Morgens, ist er nicht mehr aufgewacht.“
Zweifelnder sah ich zu dem Piraten. Was er erzählte, konnte er doch nicht ernst meinen. Ich meine, ich sagte zwar immer, dass es sich nur um Albträume handeln konnte, wenn man von mir träumte, aber ich war doch nicht Freddy Krüger.
„Er hatte einen Herzinfarkt, was durchaus normal in seinem Alter war. Das hatte nichts mit mir zu tun“, erläuterte ich, denn der alte Kian war wirklich alt gewesen. Wahrscheinlich schon an die Hundert. Noch dazu war er mir nie wie ein sonderlich gesunder Mann vorgekommen. Er aß zu wenig, überanstrengte sich bei der Arbeit und trank zu viel Alkohol. Er konnte da noch froh sein, dass sein Herz als erstes kapituliert hatte. Wenn er, während das passiert war, von mir geträumt hatte, war es also nicht meine Schuld.
„Ich will nur sagen... Pass auf... Der Kapitän und Ruriel glauben das zwar nicht, ich auch nicht, aber, Seemänner sind sehr gläubig. Wenn du ihnen auch nur einen Anlass gibst zu glauben, dass du solche grausige Magie beherrschst, können dich weder der Kapitän noch Ruriel beschützen.“
„Du kannst deinen Kollegen dann gerne sagen, dass ein Magier ohne Zauberstab keine Magie wirken kann, ohne dass es schief geht. Das Risiko ist selbst mir zu hoch. Wie dem auch sei, lass dir noch dein Frühstück schmecken, ich muss mich noch um die Hühner und Schafe kümmern.“
Auch wenn mir nicht gefiel, was er mir erzählt hatte, machte es mir doch nur eines deutlich. Ich musste vorsichtiger sein. Selbst wenn Saam und Ruriel nicht daran glaubten, dass ich ihre Mannschaft im Schlaf töten konnte, wussten die Beiden sicher schon, dass ich nur zu gerne fliehen würde. Vor allem Ruriel, der sich augenscheinlich zu sehr um uns Sklaven bemühte.

Ich verdankte es allein Daria, dass ich nach der Biesterfütterung noch etwas Zeit hatte, um Hinata zu finden. Ein seltenes Ereignis, denn in der Regel ließen uns Saam und seine Männer kaum eine Minute Freizeit. Wie ich Daria aber einschätzte, hatte sie ihnen klar gemacht, dass es wichtig war, wenn es Hinata gut ging. Sie war schließlich auch eine Sklavin und wichtig für die Erledigung der Aufgaben. Auch wenn ich dieses Gespräch nur ungern führen wollte, es war schließlich Hinata mit der es stattfinden sollte, konnte ich Daria diesen Wunsch nicht abschlagen.
Da ich den Plan kannte, wer für welche Aufgaben verantwortlich war, war es nicht schwer Hinata zu finden. Gebeugt und müde über einem Waschzuber unter Deck mit einem Berg von schmutziger Wäsche. Ihr Tempo bei der Arbeit war nicht jenes, welches ich noch vor zwei Monaten gewohnt war. Nichts an ihr erinnerte noch an die Frau von vor zwei Monaten.
„Hey...“ Auch wenn Hinata bereit wissen musste, dass ich hier war, sie mich aber erfolgreich ignorierte, sprach ich sie an. Sie hielt inne mit dem Hemd, welches sie augenscheinlich schon zu lange geschrubbt hatte. Das würde Ärger geben, schon wieder.
„Was willst du? Hat unsere Anführerin dir keine Aufgabe zugewiesen? Tut mir leid, aber ich habe auch nichts für dich zu tun.“
Ein Seufzen kam mir über die Lippen. Wirklich warm würden wir wohl nie miteinander werden. Allerdings konnte ich das auch verstehen, nach dem, wie unser Gespräch in der Zelle verlaufen war. Damals als sie noch gewillt war, zu fliehen.
„Daria macht sich Sorgen um dich. Sie sagt, du isst kaum noch etwas. Das ist nicht gesund, Hinata.“
Ich ging auf sie und den Waschzuber, der groß genug für zwei Bretter war, zu. Allerdings lief ich an diesem vorbei, in Richtung der Wand, an der noch ein zweites Waschbrett stand. Wenn ich wirklich mit Hinata reden wollte, durfte ich unter keinen Umständen untätig bleiben. Nur für den Fall, dass die Piraten nach mir fragen würden, musste ich also Hand an die Wäsche legen.
„Daria... Die Hexe kann mir gestohlen bleiben.“
„Hinata, ich bin die Hexe an Bord.“
Auch wenn ich wusste, wie Hinata das meinte, wollte ich doch nicht, dass man so über Daria sprach. Sie war mir eine Freundin geworden, eine Stütze, die ich fürchtete jeden Augenblick zu verlieren, wenn ich nicht auf sie acht gab.
„Das ist nicht witzig... Daria soll sich aus meinen Angelegenheiten heraushalten. Und sie soll aufhören ihr Schosshündchen vorzuschicken.“
„Ich konnte noch besser damit leben, als du mich Hexe nanntest.“
Ich nahm das Waschbrett und ging zurück zu dem Waschzuber, vor dem ich mich hin hockte und das Brett in die leicht trübe Flüssigkeit hielt. Schweigend nahm ich ein Hemd von dem Haufen des Berges und begann, dieses zu schrubben. Ich versuchte gar nicht weiter, ein Gespräch mit Hinata zu führen. Ich hatte immerhin den ersten Schritt gemacht und es lag nun an ihr dies zu erwidern, indem sie sich mir annäherte.
„Du solltest dich vor Daria hüten... Cybele hat es bereut.“
Es war wirklich Hinata, die nach kurzer Zeit das Schweigen brach, als sie das gewaschene Hemd auf den kleinen, feuchten Berg in einer Tonne warf. Cybele. Ich erinnerte mich an sie. Sie war so etwas wie Darias beste Freundin gewesen und war von den Piraten bei einem Fluchtversuch erwischt worden. Ihre Schreie waren es, die hin und wieder in meinen Gedanken erschallten. Jeder von uns hatte gedacht, ihr Plan sei gut gewesen. Er wäre gut gewesen, vor allem weil sie ganz alleine, ohne jemand anderen, versucht hatte zu fliehen. Das hatte ihr Risiko, erwischt zu werden, auf ein Minimum dezimiert. In ihren Plan eingeweiht, hatte sie auch nicht viele.
„Cybele wurde erwischt, ja, aber das hatte nichts mit Daria zu tun. Sie wusste nicht einmal etwas von ihren Plan.“
„Hat sie dir das gesagt? Sie lügt. Daria wusste von dem Plan. Genauso wie ich davon wusste. Cybele hat mir sogar noch gesagt, dass sie glaubt, dass Daria uns alle für die Piraten ausspioniert.“
„Wenn sie sich so sicher war, warum hat sie dann die Flucht gewagt und Daria in ihre Pläne eingeweiht?“
„Weil sie gehofft hatte, sich zu irren. Sie hat sich nicht geirrt und mit ihrem Leben gebüßt. Egal was wir also tun, wir sitzen hier fest.“
'Wir sitzen hier fest', das war das Letzte, was ich von Hinata hören wollte. Ich wollte nicht hören, dass sie endgültig aufgegeben hatte. Das passte nicht zu ihr. Sie war eine streitsüchtige Kampfmaschine und sie gab nie auf.
„Tun wir nicht. Wir arbeiten bereits an einem Plan, wie wir von hier wegkommen.“
„Hast du nicht zugehört? Daria arbeitet für diese Piraten. Der Plan wird scheitern und du wirst alle in Gefahr bringen.“
„Werde ich nicht.“
„Was macht dich da bitte so sicher?“
„Nicht einmal Daria kennt jede Einzelheit des Planes.“
Schweigen. Hinata und ich schrubbten weiter die Hemden. Sie brauchte wahrscheinlich, um diese Information zu verarbeiten.
„Was macht dich so sicher, dass es funktioniert? Wie sieht dein Plan aus, dass den Piraten diese Einzelheiten, die Daria nur kennt, nicht ausreichen, um dich aufzuhalten? Du kannst sterben, ist dir das klar? Cybele ist auch gestorben.“
Furcht war in Hinatas Stimme zu hören. Eine Furcht, die ich zuletzt nur gehört hatte, als Chen sich freiwillig als Vorhut gemeldet hatte. Seltsam, dass sie diese Furcht in Bezug auf mich aussprach.
„Weil sie mich schlecht aufhalten kann, wenn sie den Plan nicht kennt. Denn der Plan sieht für sie vor, dass sie hier an Bord bleiben muss. Zusammen mit dir.“
Das Wasser plätscherte, während wir schrubbten und unser Gespräch eher flüsternd als wirklich laut führten. Wer wusste schon, wo die Ohren der Wände wieder waren. Hinatas Augen verengten sich aber zu Schlitzen. Sie verstand scheinbar nicht, was ich sagen wollte, was sicherlich auch schwer war, wenn man den Plan nicht kannte. Einen Plan, an dem ich lange gesessen hatte und der in keinster Weise vollkommen durchdacht war. Das wollte ich aber vor keinem der Mädchen zugeben. Dieser Plan war vielleicht alles an Hoffnung, woran sie sich noch klammern konnte. Zumindest war er die einzige Hoffnung die ich bisher besaß. Und bei meinem Glück, würde ich mir ein paar Schrammen davon kommen.
„Du vertraust ihr also auch nicht“, schlussfolgerte Hinata, wobei ich ein hoffnungsvolles Lächeln aus ihrer Stimme heraushören konnte.
„Doch, ich vertraue ihr. Oder viel eher will ein Teil in mir ihr vertrauen. Ein anderer Teil aber... lassen wir das. Ich will einfach auf Nummer sicher gehen. Vielleicht bin ich auch einfach nur zu paranoid. Wie dem auch sei, egal ob Daria uns verrät oder nicht, der Plan wird funktionieren. Er muss einfach funktionieren.“
Er musste funktionieren. Das sagte ich mir immer wieder. Dabei war ich mir nicht einmal sicher, was funktionieren sollte. Das Ablenkungsmanöver an Bord, für welches Daria verantwortlich sein sollte? Oder der Plan, den ich für mich noch nicht entwickelt hatte. Bisher hatte ich nur Daten gesammelt. Fakten und auf Grundlage dessen entschieden, dass jene Sklaven, die an Bord blieben, zwar immer noch einer Vielzahl von Piraten gegenüber standen, diese aber leicht zu überwältigen waren. Die Kampftüchtigsten waren immerhin bei Saam. Und damit auch bei mir. Da ich aber nie die Inseln kannte, wusste ich nicht, wie ich fliehen sollte. Viele Möglichkeiten hatte ich nicht, zumal mir Ruriel und Sarim immer auf der Pelle gelegen hatten. Meine Flucht wäre also unmöglicher, als die der Anderen. Vielleicht wollte ich auch nicht mehr fliehen, vielleicht wollte ich einfach nur noch erwischt werden und... sterben.
„Und wenn Saam sagt, ich soll mit von Bord gehen? Wir wissen doch nie, wen er an Bord lässt.“
„Dann wirst du die einzige sein, die flieht.“
Egal, wen Saam noch wählen würde, ich hatte es entschieden. Ich würde entweder uns alle befreien, oder nur jene, die ich beschützen konnte. Wenn schon sterben, dann mit Stil.
Das Wasser, welches mir Hinata entgegen spritzte, ließ mich aus den trübseligen Gedanken aufschrecken. Verwundert sah ich zu ihr und erkannte dieses alte, streitsüchtige Feuer in ihren Augen.
„Red nicht so einen Stuss, Hexe. Wenn sich auch nur eine Chance bietet, dass wir beide da raus kommen, werde ich dich mitschleifen. Und dann bring ich dich höchstpersönlich nach Sindria.“
Ein breites Grinsen lag auf Hinatas eingefallenem Gesicht. Nach Sindria, richtig, dass war vor drei Monaten mein Ziel gewesen und eigentlich war es das immer noch.
„Wenn man schon ins Exil flieht, dann auf die Spaßinsel. Nicht aber auf ein dreckiges Piratenschiff. Auch wenn das sicherlich ebenso ein guter Ort für ein Versteck ist. Allerdings ist das nur halb so spaßig.“
Exil... Spaßinsel, es war unglaublich, dass beide Worte für denselben Ort stehen konnten. Allerdings, dieses Mal würde ich das Exil wirklich brauchen, wenn mir die Flucht gelang. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie angefressen die Piraten wären, wenn ihre Sklaven plötzlich verschwanden. Ja, das Exil wäre notwendig.
„Na dann, Hinata. Ich verlasse mich auf dich.“

Die Küche war von einem wohltuenden Duft erfüllt, der die ganzen Strapazen des Tages förmlich dahin schmelzen ließ. Ihn zu riechen, machte das alles wert. Die ganze Arbeit, die ganzen Sorgen, all die negativen Gefühle, die in mir brodelten. Das Abendessen zeigte mir immer, dass alles diese Mühen wert war.
„Haben wir alles?“, fragte ich zu meinen Mitstreitern in der Küche. Sie nickten.
„Charybdis und ich haben das Fleisch mariniert und mit den komischen Nüssen gemacht.“
„Geröstet?“, fragte ich Skylla, die stolz nickte. Sie und Charybdis waren Geschwister, wie man es sich ja denken konnte, wenn man die Odyssee kannte. Aber anders als diese beiden Monster aus der Odyssee, waren die Geschwister nur Monster in Sachen Küchendienst. Ohne genaue Anweisungen vergifteten sie nicht nur die Mannschaft, sondern auch uns. Daher war es besser, wenn man ihnen detaillierte Befehle gab.
„Schön, wie sieht es mit der Beilage aus?“
„Ich hab zwar noch nie... das gemacht, was ich heute getan habe, aber es riecht gut. Auch wenn es eine Ölverschwendung ist“, murmelte Daria und blickte in einen Topf, in dem das Fett oder eher tierische Öl noch blubberte. Panisch griff ich nach zwei Tüchern und hob das Fett von dem Feuer. Ich wollte mir nicht einmal ausmalen, was passierte, wenn es länger brannte.
„Frittiert. Du hast die Kartoffeln frittiert. In meiner Heimat frittieren wir so ziemlich alles, was man frittieren kann. Kartoffeln, Gemüse, Schokoriegel.“
„Was ist ein Schokoriegel?“
Nur zu gerne hätte ich mich dafür geohrfeigt. Mal davon abgesehen, dass ich nun Megahunger auf einen Schokoriegel hatte, ich hatte ganz vergessen, dass es so etwas hier nicht gab. Wie erklärte man solchen Leuten also einen Schokoriegel?
„Etwas, das sehr lecker ist. Und das es hier nicht gibt. Ich könnte nicht einmal sagen, wie man sie herstellt.“
Keine Lüge. Ich wusste zwar, dass man Kakaobohnen dafür bräuchte, aber von der Herstellung hatte ich wirklich keinerlei Ahnung. Schade, denn nur zu gerne hätte ich ihnen diesen Genuß zukommen lassen, wenn wir frei waren.
„Was machen wir mit dem restlichen Fett?“ Darias Blick haftete auf dem Topf. Das Öl warf zwar noch Bläschen, aber es kühlte ab. Ein Glück. Ein Fettbrand an Bord eines Holzschiffes, wäre wohl verheerend.
„Ich werde mich später darum kümmern. Keine Sorge.“
Wie sagte man in meiner Welt immer? Fett musste man anderweitig entsorgen und ich hatte da so die ein oder andere Möglichkeit. Sicherheit ging immerhin vor.
„Na schön, damit sind wir fertig. Richten wir es an, bevor die Hyänen uns zerreißen.“
„Was sind Hyänen?“
Heute war wirklich nicht mein Tag. Es passierte mir nur selten, dass ich so viele Dinge aus meiner Welt erwähnte und wenn ich weiter so machte, gingen mir die Erklärungen aus. Wobei die Erklärung 'Etwas aus meiner Heimat' noch lange nicht ausgereizt war.
„Das sind Tiere aus meiner Heimat. Habt ihr die hier nicht?“
Wahrscheinlich nicht, aber meine Verwunderung klang wirklich glaubwürdig. Wie so oft. Entweder war ich eine verdammt gute Schauspielerin geworden, oder einfach wirklich nur ahnungslos. Egal, was es war, nur deswegen hatte ich bisher überlebt. Weil ich ahnungslos war, oder mich manchmal zu ahnungslos gab.
„Erenya, vergiss nicht, dass wir nach dem Abendessen zu Saam müssen. Bring dann eine Schüssel warmen Wassers mit.“
Ich nickte auf die Worte von Daria. Sie war schließlich immer noch die Person, die hier die Anweisungen gab, solange es nicht ums Kochen ging. So etwas nannte man wohl Arbeitsteilung. Ebenso würden sich Daria und ich bei Saam die Arbeit teilen. Ich hasste diese Aufgabe und fragte mich immer noch, warum Daria ausgerechnet mich jedes Mal mit schleifte. Ich hasste schon die Augenblicke, in denen ich bei Saam sein musste, um dessen Schreibkram zu erledigen. Er gehörte nicht gerade zu den angenehmsten Zeitgenossen, aber da ich eine der Wenigen war, die schreiben und lesen konnten, war es kein Wunder, dass ich meine Zeit mit ihm totschlagen musste.
„Skylla und Charybdis, ihre beide beginnt dann schon mit dem Abwasch. Macht uns die Reste warm, während ihr dabei seid. Wir werden zu euch stoßen, wenn wir fertig sind.“
Die Geschwister nickten, während sie den Braten anschnitten. Gleichgroße Stücke. Ich fand es immer noch erstaunlich, wie sie das schafften. Immerhin konnten wir so gewährleisten, dass jeder etwas abbekam. Auch wenn für uns meist nicht viel vom Fleisch übrig blieb, wir waren zufrieden, so lange wir etwas von den Resten bekamen. Ein Luxus, den die Gefangenen nicht hatten, den ich ihnen aber auch nicht ermöglichen konnte, was mir zutiefst in der Seele brannte.
„Na schön, damit ist allen klar, was sie zu tun haben.“
„Und Hinata?“, fragte Skylla. Zu Recht. Es schien so, als würde Daria Hinata seit dem Tod von Cybele eine Extrawurst braten. Dabei war es einfach so, dass sie an Hinata nicht herankam, weil Hinata es nicht zu ließ. Im Nachhinein wunderte mich das nicht mehr.
„Hinata füttert die Hühner und Schafe. Oder wolltet ihr das machen?“
Ich lächelte, da niemand von uns diese Aufgabe gerne tat. Nicht einmal die Geschwister. Hinata hatte damit ein perfektes Alibi, zumal sie so furchtlos war, dass man ihr wirklich zutraute, dass sie die Hühner aufsuchte.

**~~**


Das Abendessen war wie eh und je ausgelassen, und das Waschen von Saams Schopf, Kamm, was auch immer es war, war wie immer kein Zuckerschlecken. Ich wusste nie, wie ich ihn anfassen musste. Noch dazu bevorzugte ich es, ihn nicht wirklich nackt zu sehen, so gar nicht nackt, nicht einmal ansatzweise nackt. Nur dank Daria konnte ich diese „Tortur“, wie ich diese Aufgabe liebevoll bezeichnete, überstehen. Momente wie diese machten es mir schwer zu glauben, dass sie Cybele verraten haben sollte.
Cybele und sie waren immer so gut miteinander ausgekommen. Warum also sollte Daria das tun? Allerdings, bezogen auf meine Situation, konnte ich Cybele verstehen. Ich vertraute keiner der anderen Mädchen wirklich zu hundert Prozent. Abgesehen von Hinata. Und bei ihr konnte ich mir dieses unerschütterliche Vertrauen partout nicht erklären. Wir waren verfeindet gewesen, allerdings, hatten wir uns auch unter anderen Umständen kennengelernt. Unter Umständen, in denen wir irgendwie gelernt hatten, einander zu vertrauen. Es war wirklich seltsam.
Von dem Abwasch hatten Daria und ich dank Skylla und Charybdis nicht mehr viel zu tun. Wir konnten so schneller zum angenehmen Teil des Tages kommen. Dem gemeinsamen Abendessen, bei dem wir uns darüber austauschten, was wir am Tag erfahren hatten. Es waren ausgelassen Minuten, in denen wir lachen konnten und in denen ich vergaß, was wir waren oder wie die Wut in mir brodelte.
Die Einzige, die an diesem Tagespunkt nicht teilnahm, war Hinata. Sie hatte sich zur Außenseiterin gemacht und selbst nach unserem Gespräch schien sie nicht vorzuhaben, sich der Gruppe anzuschließen. Etwas, dass ich ihr nicht übel nehmen konnte. Im Gegenteil, es passte zu unserem Plan.
„Diese Reise endet also morgen?“
Ich nickte und nahm mir einen Brocken von dem Brot, um diesen in die übrig geblieben Bratensoße zu tunken. Vom Fleisch war wirklich nichts mehr übrig geblieben. Nicht schlimm, denn wir waren karge Mahlzeiten gewohnt und doch schmeckten sie immer unglaublich gut.
„Was bedeutet das? Wo sind wir?“
Fragend sah mich Charybdis an, hoffend, dass ich wohl auf alles eine Antwort hatte. Eine Antwort, die ich aber nicht besaß. Woher sollte ich auch wissen, wo wir waren? Saam ließ mich nur selten einen Blick auf seine Karten werfen. Und auf Fragen antwortete er noch weniger.
„Egal wo wir sind, morgen werden wir fliehen. Wir gehen aber in Gruppen. So können wir sicher gehen, dass wenigstens ein paar von uns es schaffen. Außerdem können sie uns nicht alle auf einmal verfolgen, die Gefangenen und uns.“
„Du willst die Gefangenen auch befreien?“
Daria schien entsetzt, doch ich lächelte. Das hatte ich mir geschworen. Sie sollten es alle schaffen, wenn nötig ohne mich. Ich wollte ihnen in jeglicher Hinsicht da raus helfen, selbst wenn ich das Ablenkungsmanöver sein musste. Eines, welches nur ich kannte. Dieses Geheimnis wollte ich mir bewahren.
„Wenn wir schon versuchen zu fliehen, dann alle gemeinsam. Sie haben es nicht verdient zu sterben, oder verkauft zu werden.“
Erneut nahm ich ein Stück Brot und tunkte es in die Bratensaft. Ich musste an die Schatzsucherin erinnern, die im Gegensatz zu mir nicht diese Chance bekommen hatte, eine Sklavin zu werden. Die Kinder, die da unten vor Angst fast schon krank wurden. Ich konnte es einfach nicht ertragen, ohne sie zu fliehen.
„Aber mit ihnen sind die Chancen zur Flucht noch geringer“, konterte Charybdis. Sie hatte Recht, die Chancen waren dadurch vielleicht nicht gut, aber wer wusste schon, was uns auf dieser Insel erwarten würde? Vielleicht waren unsere Chancen sogar dadurch nur noch besser.
„Ich überlasse sie nicht ihrem Schicksal. Keine Sorge, der Plan wird funktionieren.“
Wieder und wieder, wenn Zweifel sich erhoben, wiederholte ich dieses Mantra. Es grenzte fast schon an ein Wunder, dass selbst ich mich überzeugend fand. Wenn ich nur mit dieser Überzeugungskraft daran geglaubt hätte, eine Magierin zu sein, wahrscheinlich wäre dann all das nicht passiert. Zumindest wäre ich vielleicht nicht in dieser Lage gewesen. Aber es brachte auch nichts, im Nachhinein darüber zu weinen. Passiert war passiert. Ich konnte nur noch das Beste aus dieser Situation machen. Oder es zumindest versuchen.
„Wir sollten alle früh schlafen gehen. Ihr wisst eure Aufgaben für den Plan?“
Entschlossen sah ich zu den Mädchen, die zaghaft nickten. So sicher, wie ich es wollte, waren sie sich nicht über diesen Plan. Dabei wäre ein wenig mehr Sicherheit hilfreich gewesen. Ich wollte nicht riskieren, dass es vollständig in die Hose ging.
„Keine Sorge, es wird gut gehen. Wir werden diese Hölle hinter uns lassen. Jede von euch kann dann zurück zu ihren Familien.“
Ich bemühte mich zu lächeln. Nach all dem, was ich von den Mädchen wusste, war mir klar, dass ihre Familien wie ein Zauber wirkten, der ihnen Mut gab.
„Mein kleiner Bruder ist sicher wieder ein paar Zentimeter gewachsen“, erklärte Daria und erwiderte mein Lächeln.
„Er wird wieder sagen, dass ich besser aufpassen soll und zu ihm kommen sollte, wenn es Probleme gibt. Das hat er immer gesagt. Obwohl er gerade mal sieben ist, glaubt er, der Mann im Haus zu sein.“
Skylla und Charybdis lächelten ebenfalls. Die Erinnerungen an ihre Familien schienen wirklich wahre Wunder zu wirken. Die Stimmung wurde auf einmal heiter und obwohl es mir lieber gewesen wäre, wenn sie bereits schliefen, so wollte ich sie doch nicht stören. Sollten sie doch noch einmal über ihre Familien reden, sich an sie erinnern, wer wusste schon, ob es nicht vielleicht das letzte Mal sein würde.
„Und deine Familie, Erenya?“
Ich zuckte zusammen, als hätte man mich geohrfeigt. Ich hatte nie viel von meiner Familie erzählt, oder über mich. Je weniger sie von mir wussten, so hatte ich gedacht, umso besser war es.
„Meine? Nicht so wichtig. Ich bin im Exil, das bedeutet, es gibt niemanden, der auf mich warten könnte, oder der mich vermissen würde.“
Richtig. Hier gab es niemanden. Abgesehen von meinen Freunden und meiner zweiten Familie in Balbadd. Doch Suleika würde ein Kind bekommen. Sicher würde das Kleine meinen Platz ausfüllen. Einen Platz, der mir nicht einmal zustand. Eigentlich war das ein trauriger Gedanke. Einfach so ersetzt und vergessen zu werden. Aber damit hatte ich mich schon lange Zeit abgefunden. Schon vor sehr sehr langer Zeit. Noch bevor ich überhaupt diese Welt betreten hatte. Nur deswegen hatte ich immer versucht, in etwas einzigartig zu sein. Ich wollte mir ein Andenken schaffen.
„Ich bringe das Geschirr noch raus. Schlaft gut.“
Ich räumte das Geschirr zusammen und erhob mich von meinem Platz. Länger würde ich diese mitleidigen Blicke nicht ertragen. Blicke die mir sagten, dass sie es schade fanden, dass ich so ganz alleine in dieser Welt zu sein schien.

**~~**


Es war der übliche Gang, den ich aller paar Tage machte. Dahin, wo diese Reise auch für mich begonnen hatte. Mit einem Sack, gefüllt mit zugekorkten Tonflaschen und Broten, lief ich die Stufen hinab, rauf und in Richtung der Zellen. Die Haupttür blieb aufgeschlossen, denn scheinbar waren die Piraten nicht wirklich scharf darauf, die Gefangenen zu versorgen und überließen das einer fürsorglichen Seele wie mir. Oder hoffen, dass es eine fürsorgliche Seele wie mich gab. Dass ich die Gefangenen versorgte, war nicht einmal ein Geheimnis. Ruriel hatte mich oft genug gesehen, weswegen ich davon ausging, dass auch Saam davon wusste. Wäre es ein Fehler, hätte ich das sicher schon zu spüren bekommen.
„Tut mir Leid, dass ich zu spät bin.“
Ich lächelte zu meinen ehemaligen Mitgefangenen, die um diese Uhrzeit noch nicht an schlafen denken konnten. Hunger war ein undankbarer Begleiter. Hunger, der jetzt ein wenig gestillt werden würde. Einige der Gefangenen, hatten diesen Hunger aber leider nicht überlebt.
„Hauptsache du bist da. Die Kleinen haben sich schon gefragt, wann sie die Fortsetzung der Geschichte bekommen.“
Ein bitteres Lächeln schlich sich auf meine Lippen. Eines, welches sie zum Glück nicht sehen konnten. Erneut machte ich mir bewusst, dass alles von diesem Plan abhing oder diese Menschen hier nicht mehr leben würden.
„Essen und eine Geschichte, so so. Also schön, ich werde euch die Geschichte weiter erzählen. Wo waren wir stehen geblieben?“
Ich öffnete eine der Klappen, die als Durchreiche diente und gab einige Krüge ins Innere, gefolgt von einigen Broten, die sich die Kinder und auch die Erwachsenen leider teilen mussten. Es wurmte mich immer noch, dass ich nicht mehr tun konnte.
„Dorothey hatte den Palast des Zauberers erreicht“, antwortete Aava, die Kleine, die einst so sehr darauf gehofft hatte, dass die Armee Balbadds oder Sindrias uns retten würde. Ihre Hoffnungen waren betrogen wurden, doch ihr Rukh hatte sich nicht verfärbt. Sie war immer noch das positive Mädchen, dass die Hoffnung nicht los ließ.
„Richtig, der Zauberer. Dann sind wir fast am Ende von Dorothys Reise angekommen. Sie betrat den Smaragd-Palast mit ihren Freunden, dem ängstlichen Löwen, dem Zinnmann und der Vogelscheuche.“
„Toto, vergiss Toto nicht. Er war auch wichtig bei der Reise.“
Die Kleinen waren wirklich aufgeweckt. Gerade das machte dieses Bild vielleicht absurd. Gefangen und doch so frei zu wirken.
„Natürlich, Toto war auch dabei.“
Während ich die Geschichte weiter erzählte, gab ich auch den anderen Gefangenen ihre Rationen. Es war allerdings kein Gefühl, dass mich mit Freude erfüllte. Es fühlte sich immer noch schlecht an, weil ich auf dieser Seite war und sie auf der anderen. Die Versorgung machte nicht einmal im Ansatz gut, was sie durchleben mussten.
„Die Schuhe, welche Dorothy trug, waren magisch. Das offenbarte ihre Glinda, die gute Hexe des Südens. Alles, was Dorothy tun musste um nach Hause zu kommen, war die Hacken aneinander zu schlagen und zu sagen 'nirgendwo ist es so schön wie Zuhause'. Obwohl sie wusste, dass sie ihre Freunde vermissen würde, war die Sehnsucht nach Zuhause größer. Dorothy verabschiedete sich von ihren Freunden, schlug die Hacken zusammen und sprach die Formel, die sie zurück nach Hause brachte. Zusammen mit Toto. Als Dorothy wieder in Kansas, vor den Trümmern ihres Hauses stand, erschien ihr alles wie ein Traum. Nur die Tränen ihrer Tante und ihres Onkels, die sie sahen, wie sie dort an der alten Hausruine stand, waren Zeugen dessen, dass ihr Erlebnis real gewesen war.“
Ich schwieg einen Augenblick und ließ das Ende der Geschichte auf mich wirken. Wie gerne wäre ich wie Dorothy gewesen, die einfach nur ein paar magischer Schuhe brauchte um nach Hause zu kommen. Gleichzeitig fragte ich mich aber, ob es mir nicht auch so gehen würde. Nur das meinen Ruinen größer als ein Farmershaus sein würden. Meine Ruinen würden wohl mein ganzes Leben sein. Im Nachhinein betrachtet, fragte ich mich, ob es dann nicht doch besser war, hier in dieser Welt zu bleiben, wenn sich mir die Möglichkeit zur Entscheidung bot. Selbst, wenn ich nicht hierher gehörte. In meine Welt, würde ich auch nicht mehr gehören.
„Erenya?“
Erschrocken sah ich zu Aava, die mich fragend ansah. Scheinbar hatten sie gemerkt, wie ich geistig weggetreten war, aber sicher wusste sie nicht, was ich genau dachte. Niemand hätte das wirklich wissen können.
„Alles okay. Ich hoffe ihr mochtet die Geschichte. Ihr solltet jetzt schlafen gehen, morgen wird ein langer Tag. Der Tag, an dem ihr eure Reise nach Hause antretet.“
Es war, als hätten sie diese Worte verstanden. Ihre Blicke wurden ernst, zumindest die der Erwachsenen.
„Es ist also so weit?“ Es war die Schatzsucherin, die sofort verstand, was ich meinte. Immerhin hatten wir schon Wochen darüber gesprochen. Über den Plan und über ihre Aufgabe.
„Wir müssen alles auf diese eine Karte setzen. Egal was passiert, haltet euch an die Anweisungen, die ich euch gegeben habe. Wenn ihr Angst habt, singt das Lied, dass ich euch beigebracht habe.“
Ich erhob mich von meinem Platz auf dem ich gesessen hatte. Es war schon spät und wahrscheinlich war es besser, wenn auch ich noch etwas Ruhe fand.
„Wirst du nicht nach Hause zurück gehen?“, fragte Aava. Sie konnte nicht einmal ahnen, wie viel Schmerzen mir diese Frage bereitete. Für diesen Moment, als ich an meine Heimat zurück dachte.
„Erst, wenn ich sicher bin, dass ihr sicher von diesen Piraten weggekommen seid.“
Es war nicht einmal eine Lüge. Ich würde sichergehen, dass sie es weg schafften. Egal, was ich dafür tun musste. Diesen Entschluss hatte ich gefasst, kaum dass mir bewusst geworden war, dass mein bisheriges Verhalten alle Anderen um mich herum nur in Gefahr gebracht hatte. Meine Bedenken zu kämpfen, oder zu töten. Vielleicht war in diesem Punkt mein Überlebensinstinkt einfach zu schwach, um mich auf diese Weise selbst zu verteidigen. Doch wenn ich Glück hatte, war mein Wunsch, Anderen zu helfen, stärker, als die Angst jemanden zu töten.

Ich hatte letzten Endes doch noch gewartet, bis die Kleinsten eingeschlafen waren. Viel von der Nacht würde ich nicht mehr haben, doch ich fühlte auch keine Müdigkeit. Eher Erleichterung, dass bisher keiner der Piraten auch nur zu ahnen schien, was ich plante. Gleichzeitig machte sich aber in mir ein seltsames Gefühl breit. Die Tatsache, dass der Tag unserer Flucht näher kam, bereitete mir Unbehagen. Alles, was ich bisher gesagt und getan hatte, erschien mir wie eine Lüge, angesichts der Tatsache, wie viele der Piraten ich vielleicht noch auf dem Gewissen haben würde.
Nur zu gut erinnerte ich mich an dieses Verhör, welches Saam geführt hatte. Vor drei Monaten hatte ich noch gesagt, dass ich es bevorzugte, Menschen nicht zu verletzen oder zu töten, doch nun war es mir egal. Mehr oder weniger. Es war viel mehr eine Notwendigkeit die dafür sorgen würde, dass unschuldige Kinder und Frauen überlebten und in die Freiheit zurückkamen. So weit es ging, würde ich natürlich vermeiden, sie zu besiegen, zu vernichten, wie auch immer man das nennen wollte.
Ich verabschiedete mich nur noch von der Schatzsucherin und war dabei das Verlies zu verlassen, wobei mein Blick zu einem Raum ging, den ich noch nie betreten durfte. Ich erinnerte mich daran, vor ungefähr zwei Monaten durch eine Öffnung eine Gestalt gesehen zu haben. Eine vertraute Gestalt. Hin und wieder, wenn neben der Planung der Flucht oder anderen Tätigkeiten noch Zeit war, dachte ich über diese vertraute Gestalt nach. Von dem, was ich einen kurzen Moment erspäht hatte, glaubte ich, dass es sich bei dieser Gestalt um Varius handelte. Sicher war ich mir aber nicht und einen zweiten Blick in diesen Raum, oder dieses Gefängnis hatte ich nicht mehr bekommen. Die Piraten waren sehr daran interessiert, selbst für diesen Raum Sorge zu tragen. Egal wie oft ich nach weiteren Gefangenen fragte, Männern oder was mit den Anderen passiert war, die ich an Bord gesehen hatte, wurde ich ignoriert.
Auch heute Nacht würde ich wohl nicht erfahren, wer dahinter war und ob diese Person noch lebte. Ich hoffte es allerdings und war fest entschlossen, auch diese Person zu retten. Ob es nun wirklich Varius war oder nicht. Niemand sollte ein Gefangener von diesen Mistkerlen sein. Ein Grund mehr, sich die Hände schmutzig zu machen. Wenn ich nur mehr Zeit gehabt hätte.
Als ich hinaus trat, genoss ich die milde Abendluft. Meine Sorgen, wurden einen Moment lang über das Meer hinaus getragen. Irgendwohin. Doch niemand würde sie jemals hören.
„Unter anderen Umständen würde ich dich immer noch hassen. Aber ich glaube mittlerweile verstehe ich die Anderen.“
Ich zuckte zusammen, als ich Hinatas Stimme neben dem Eingang hörte, der zum Verlies führte. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass überhaupt noch jemand wach war. Doch ich war erleichtert, dass es Hinata war, die mich hier gefunden hatte. Wahrscheinlich, war sie die einzige Verbündete, die ich gerade noch hatte.
„Ich glaube, wir müssen reden, Erenya.“
Hinata klang ernst. Viel zu ernst und das war nun doch etwas, dass mich beunruhigte. Es war immerhin selten, dass Hinata so einen Ton an den Tag legte. Bisher war ich nur anderes von ihr gewohnt.
„Worüber?“
Ich war wirklich ahnungslos, was sie meinte. Was konnte wir schon zu besprechen haben? Das meiste hatten wir während der Wäsche geklärt. Für mich gab es nichts mehr zu bereden.
„Ich weiß zwar immer noch nicht, wie dein ganzer Plan aussieht, aber eines ist mir klar geworden: Du wirst es bereuen, wenn du ihn vollkommen alleine ausführst. Du wirst dich zwingen, Dinge zu tun, die du eigentlich gar nicht tun willst. Und genau das ist es, was ich an dir hasse. Egal was kommt, ob es dir schwer fällt, ob du dich einsam fühlst, du bleibst alleine für dich.“
Verwundert sah ich Hinata an. Das waren wirklich Töne, die ich nicht von ihr gewohnt war. Dabei hatte sie mir noch vor wenigen Monaten gesagt, dass sie mich hasste, weil ich so selbstzentriert war. Mein Verhalten hatte so auf sie gewirkt. Ich selbst hatte es nur nicht so wahrgenommen.
„Die ganze Zeit dachte ich, du interessierst dich nur für dich selbst, bist dir zu fein, um uns in dein Leben einzubinden... Erst jetzt verstehe ich, was Chen und die Anderen versucht haben, mir klar zu machen. Und ehrlich, ich kann vielleicht nicht verstehen, was in dir vorgeht. Ich meine du kommst aus einem Land, in das du wohl nicht so einfach zurückkehren kannst, wie wir anderen. Selbst wenn dein Plan erfolgreich ist und wir fliehen können. Noch dazu, scheint dir vieles bei uns so fremd zu sein. Würde mir in deiner Heimat wahrscheinlich nicht anders gehen. Aber anders als du... würde ich durchdrehen.“
Ich hörte Hinata zu, so gut es ging. An sich waren das Dinge, über die ich nicht reden wollte. Doch gleichzeitig, was vollkommen widersprüchlich war, tat es gut. Zuletzt hatte ich mich bei Kouha so gut gefühlt, als ich ihm die ganze Wahrheit von meiner Welt erzählt hatte. Mir war damals ein richtiger Stein vom Herz gefallen. Allerdings wusste ich nicht, inwieweit ich Hinata die Wahrheit erzählen konnte. Wir waren schließlich so etwas wie Feinde gewesen und ich hatte nicht die Hoffnung, dass sich das nach unserer Flucht änderte. Es gab Menschen, die konnte man einfach von Natur aus nicht leiden, egal wie sehr sie einem halfen.
„Ich glaube, ich drehe sogar durch... Weißt du... in meiner Heimat... wir kennen diesen Ort. Also eure Länder, eure wichtigen Persönlichkeiten. Wir sind nur so weit davon entfernt, um es als real zu sehen. Bei uns gibt es auch keine Magie und kein Rukh. Piraten zwar schon, aber die sind ein anderes Kaliber. Ebenso führen wir unsere Kämpfe und Kriege auf einer anderen Ebene aus. Seit ich hier bin, ist die Sicherheit meiner Heimat so weit weg. Und sollte ich jemals nach Hause zurückkehren, dann bin ich meine Existenz los.“
Ich ließ mich auf den Boden sinken, denn dieses Gespräch konnte unter Umständen ein längeres werden. Hinata verstand das und tat es mir gleich. Auch wenn zwischen uns der Eingang zu den Verliesen blieb und damit immer noch deutlich machte, wie groß die Distanz zwischen uns war.
„Dann bleib hier... Ich meine, du hast in Balbadd doch Freunde. Wenn sich dort erst einmal alles geregelt hat, kannst du dahin zurück. Geschichtenerzählerin ist zwar eine echt dämliche Arbeit, wenn man keine Geschichten mehr weiß, aber ich denke, nach dieser Reise kannst du vielleicht die ein oder andere Neue erzählen.“
Das war in der Tat ein Gedanke, mit dem ich gespielt hatte, doch wann sollte das sein? Wie viele Monate müsste ich noch ausharren, bevor die Nebelbande besiegt und Ahbmads Herrschaft beendet war?
„Ich hab dort zwar die Mädchen und meine zweite Familie, allerdings... Es wird nie meine richtige Heimat sein. Ich werde immer ein Außenseiter bleiben.“
Wie ein Außenseiter sich fühlen musste, dass wusste ich nur zu gut aus meiner Schulzeit. Noch einmal wollte ich das nicht haben, denn ehrlich, mit 27 lag die Schulzeit schon weit, sehr weit zurück.
„Zuhause ist da, wo das Herz ist... Vielleicht suchst du dann einfach einen Ort, wo auch dein Herz sein möchte. Klein ist unsere Welt ja nicht gerade. Es gibt Reim, den dunklen Kontinent, Das Kaiserreich Kou, Sindria... Wer weiß, vielleicht fühlst du dich ja in Sindria so wohl, dass du nicht mehr gehen willst.“
Ich schmunzelte leicht, denn wenn ich mich recht an Sindria erinnerte, würde ich mich dort nie heimisch fühlen. So verzweifelt war ich dann doch nicht. Es gab allerdings einen Ort, an dem ich mich vielleicht noch heimischer als in Balbadd fühlen konnte.
„In Kou hätte ich einen Freund. Eigentlich hat er mich indirekt in Balbadd gefragt, ob ich nicht mit ihm reisen möchte. Allerdings habe ich Sindria vorgezogen.“
„Schön blöd. Wärst du mitgegangen, würdest du nicht in so einem Schlamassel stecken. Wie hast du diesen Freund eigentlich kennengelernt?“
„Im Freudenhaus. Ich wollte gerade nach Hause gehen, da überrumpelte er mich und bat mich, ihn zu seinem Hotel zu begleiten.“
Ein Blick zu Hinata verriet mir, dass sie nun doch sehr an dieser Geschichte interessiert war. Die Frage war nur, wie viele Details ich ihr mit auf dem Weg geben sollte? Vielleicht war es aber auch besser, endlich die ganze Wahrheit zu sagen. Wenn ich es recht bedachte, gab es selbst nach drei Monaten noch niemanden, der die ganze Geschichte kannte. Ich hatte es immer herunter gespielt als eine blöde Fügung des Schicksals.
„An dem Abend wurde dieses Hotel von der Nebelbande angegriffen. Und ja, das war auch der Abend an dem deren Anführer begann, mich zu hassen. Immerhin ist meinem Freund nichts passiert. Er hat mich sogar in dieser Nacht im Hotel schlafen lassen. Naja und am nächsten Tag gab es da einiges zu erklären.“
Hinatas Augen weiteten sich, als sie meine Geschichte hörte. Ich konnte aber nicht anders als unwillkürlich zu lachen. Ich erinnerte mich an das erste Gespräch, welches ich mit Hinata und Chen geführt hatte. Damals war sie bei Kouen Ren ins Schwärmen verfallen. Wie würde sie da reagieren, wenn ich ihr von Kouha Ren erzählte?
„Ja, ich glaube in Kou könnte ich es aushalten. Bei meinem Freund.“
„Warum hast du deine Reise dann nicht dahin angetreten?“
Ich wandte meinen Blick von ihr ab und sah auf das Deck. Ob sie wissen würde, wovon ich sprach, wenn ich die Wahrheit sagte. Doch es tat gut, wirklich gut, alles zu sagen.
„In Kou gibt es Männer, die wahrscheinlich wissen, warum ich hier bin. So einen habe ich in meiner Heimat gesehen, bevor ich aus meinem Land verschwand. Ich hatte Angst. Angst, dass diese Männer mich benutzen, für irgendetwas, dass eurer Welt schadet. Warum auch immer ich hier bin, ich muss aufpassen.“
„Du willst also auf Nummer sicher gehen. Aber du kannst nicht ewig vor den Antworten fliehen. Für den Moment mag es richtig sein, ich meine du bist schwach, kannst nicht kämpfen, kennst dich hier gar nicht aus, aber das alles wirst du irgendwann überwinden. Und dann musst du dich ihnen stellen.“
Mich dem stellen. Hinata hatte Recht. Irgendwann, musste ich mich der Jesus-Fraktion stellen. Das war der Tag, vor dem ich mich fürchtete.
„Was wenn alles danach noch schlimmer für diese Welt wird?“
„Nee. Das glaube ich nicht. Zumindest nicht, solange du dich nicht selbst verlierst. Deswegen... wenn dein Plan irgendwelche Drecksarbeit vorsieht, gib sie mir. Du solltest deine Hände nicht noch mehr mit Blut beflecken.“
Sie wusste es. Hinata wusste scheinbar, was ich plante. Oder sie ahnte es. Wie auch immer sie das gemacht hatte, sie hatte jetzt, in diesem Augenblick, meinen Respekt gewonnen.
„Keine Sorge... Ich habe nicht vor sie umzubringen. Halte dich, einfach in der Nähe des Schiffes auf. Solltest du Feuer sehen, lösch es mit Tierfutter.“
„Feuer?“, fragte Hinata etwas entsetzt doch ich lächelte.
„Keine Sorge, es wird nicht schlimm werden. Es reicht aber zur Ablenkung.“
Ablenkung, das war alles, was ich tun konnte. Für den Moment. Mit etwas mehr Zeit hätte ich diesen Plan sicher besser ausbauen können.
„Wir sollten schlafen gehen. Morgen wird ein langer Tag.“
Hinata erhob sich von ihrem Platz und sah zu mir. Es war wirklich schon sehr spät und mittlerweile spürte selbst ich die Müdigkeit in meinen Gliedern.
„Einverstanden. Morgen ist ein großer Tag.“

**~~**


Es war das erste Mal, dass ich nicht diejenige war, die vor allen anderen erwachte. Ich war dieses Mal sogar die Letzte. Es war seltsam, denn mein Biorythmus verriet mir, dass es nicht später war als die anderen Tage. Über uns hörte ich Schritte, die Mannschaft schien schon alle Vorbereitungen für den Landgang zu treffen. Die anderen Mädchen waren ebenfalls nicht mehr in der Kabine. Das würde Ärger geben, soviel wusste ich.
Schnellstmöglich mühte ich mich aus meinem Nachtlager und verließ den Raum, auf den Weg in die Küche. Ich war erleichtert, dass wir das Frühstück zu großen Teilen schon am Vorabend vorbereitet hatten. Die wenigen Handgriffe konnten die Mädchen also auch ohne mich machen. Dennoch war es besser, wenn ich half. Denn eine Tracht Prügel hätte mir bei unserem Plan sicher nicht geholfen.
Es war wohl ein Segen, dass die Piraten mit ihren eigenen Aufgaben beschäftigt waren und so gar nicht bemerkten, dass ich noch nicht in der Küche stand. Ich konnte mich durch das Gewusel schleichen und stand schließlich in der Küche, in der bereits eine Suppe in einem großen Topf köchelte.
„Kaum zu glauben, dass wir mal vor dir wach werden. Hast du gut geschlafen?“ Etwas hämisches lag in Skyllas Lächeln, als sie mich auf mein „Vergehen“ aufmerksam machte. Sie liebte es einfach zu sehr, wenn andere Probleme bekamen und Charybdis sorgte gerne dafür, dass Andere diese Probleme bekamen. Ich wusste wirklich nie, woran ich bei den Beiden war. Für den Moment war das aber nicht wichtig. Ich ignorierte diese hämischen Bemerkungen und sah zu Daria.
„Mach dir keine Sorgen, wir sind fertig. Du hilfst uns sicher beim Servieren, oder?“ Ich nickte. Daria konnte ich wirklich nicht viel abschlagen. Noch dazu würde das Servieren des Frühstücks wesentlich schneller gehen, wenn ich noch half. Als Entschädigung für mein Verschlafen wäre das nur fair.
„Zu Befehl.“
Im Scherz salutierte ich vor Daria, was mir verwunderte Blicke der Anderen einbrachte. Wahrscheinlich salutierte man hier anders als mit der Hand an die Stirn. Im Endeffekt war es mir egal. Ich galt als Sonderling und das würde sich auch an unserem letzten Tag nicht ändern. In Wahrheit wollte ich das auch nicht.
Ohne länger zu zögern, füllte ich zwei Teller mit Suppe, legte selbst gebackene kleine Brote auf den Rand und ging in Richtung der Tür. Ich verschwand auch schnell wieder aus der Küche. Die Suppe sollte nicht kalt werden, denn ich wollte noch einen kleinen Blick auf unser Ziel werfen. Mehr als Felswände und ein paar wenige Bäume hatte ich nie gesehen. Ich wollte den Eingang sehen, der wie ein Totenkopf aussah und durch den wir fahren würden. Das war zumindest mein Kopfkino.
Allerdings enttäuschte mich der Anblick, als ich wieder an Deck kam um das Essen im gewohnten Raum zu servieren. Ich sah zwar immer noch Bäume und etwas das stark an Bambus erinnerte, so genau war das du den Morgennebel nicht auszumachen, aber kaum noch Felsen. Wenn, dann hatte dieser wohl magische Kräfte und war zu einem Sandstrand geworden. Viel mehr noch erschien der Sandstrand so etwas wie einen Hafen zu haben. Also doch kein ausgefallenes Piratenversteck. Im Gegenteil, ein Piratenversteck hatte mit Sicherheit nicht solche Häuser, die mehr nach einer Stadt wirkten. Entweder wurden Piraten immer weicher, oder sie hielten nicht sonderlich viel von naturbelassenen Behausungen. Diese Insel, unterschied sich nicht großartig von anderen und war damit fast schon langweilig. Das einzig Spannende würde unsere Flucht an diesem Tag werden.

Mein Frühstück mit den Mädchen war durch Saam und Ruriel unterbrochen wurden. Wenn der Kapitän nach einem schrie, war es besser dem Ruf zu folgen, ohne sich darüber zu beklagen, dass man nichts von dem Essen abbekommen würde. Versammelt standen wir in Saams Kajüte und fragten uns, wer wohl heute die ersten Opfer waren, die an Land gehen durften. Zwar durfte jeder mal von Bord, doch diejenigen, die es als Aufgabe hatten, würden den ganzen Tag unter Saams wachen Blick stehen und die Drecksarbeit erledigen. Da ich als Einzige von uns lesen und schreiben konnte, hatte ich das Glückslos schon so gut wie in der Hand.
„Daria, du wirst mit Skylla und Charybdis an Bord bleiben. Zu Beginn. Ihr könnt euch später die Füße vertreten, allerdings rate ich euch, euch nicht zu weit vom Schiff zu entfernen. Sarim wird ein Auge auf euch haben. Hinata, du kommst mit uns und wirst die Waren tragen. Ich erwarte von dir, dass du vorsichtig damit umgehst.“
Mein Blick glitt zu Hinata, die genervt die Augen verdrehte. Sie hasste es, den Packesel zu spielen, aber in Sachen körperlicher Fitness und Kraft war sie uns anderen überlegen. Nur ein Fanalis wäre noch wesentlich kräftiger gewesen.
„Hexe...“ Ja, irgendwie hatte Saam es immer noch nicht ganz so verstanden, dass ich einen Namen besaß. Während alle anderen mich entweder 'Mädchen', 'Erenya', 'Eri' oder 'Weibsbild' nannten, bevorzugte Saam scheinbar den Spitznamen Hexe. Regulär, bei anderen Leuten, hätte ich nicht darauf reagiert, doch bei Saam war es besser, man tat es dennoch.
„Du wirst ebenfalls mit an Land kommen. Ich will, dass du alles, was wir verkauft haben, mit seinen Preisen aufschreibst und die einen oder anderen Nachrichten zurück zum Schiff bringst.“ Genau das hatte ich mir gedacht. Schreibarbeit. Für mehr brauchte man mich hier wohl nicht. Und fürs Kochen. Immerhin hatte ich mehr Landgang als andere, allerdings verdankte ich das auch nur Cybeles Tod. Zuvor hatte es sich immer abgewechselt, wer die Schreibarbeiten erledigte und irgendwie hatte Saam Cybele bevorzugt.
„Abgesehen von den Botengängen bleibst du gefälligst in meiner Nähe.“ Die Worte, die er mit Nachdruck sagte, ließen mich zusammenzucken. Scheinbar fürchtete er wirklich, oder viel mehr ahnte, dass ich versuchen würde zu fliehen, wenn er mich nicht im Auge behielt.
„Eines für euch alle, ich rate niemanden von euch, auch nur einen Fluchtversuch zu wagen. Die Letzte, die das versucht hat, musste viele Schmerzen ertragen. Ihr wollt doch nicht eure Körper bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln lassen. Cybele hat schon, nachdem wir ihr die Hand abgeschnitten haben und das Blut über ihre weiße Haut lief, um Gnade gewinselt. Sie erzählte uns, dass ihr mit an dem Plan beteiligt gewesen seid, doch wir wissen alle, dass es eine Lüge war. Und Lügner trennt man besser von ihrer Zunge.“
Angewidert verzog ich das Gesicht, wohingegen Skylla, Charybdis und Daria eher verängstigt schienen. Im Gegensatz zu mir hatten sie noch nie einen Splatter Horrorfilm gesehen. Die Einzige, die jedoch unbeeindruckt schien, war Hinata. Scheinbar waren Qualen und Folter nichts, was sie nicht kannte. Es wäre schon interessant gewesen zu erfahren, wie ihre Ausbildung gelaufen war. Schließlich wusste ich durch ihren Chef, dem Händler aus Kou, dass sie, genau wie Chen, für den Kampf ausgebildet worden war. Aus anderen Gründen wäre er sonst wohl nie mit nur zwei Personen gereist.
„So, macht euch fertig, wir legen gleich an.“
Wir nickten zustimmend. Für mich war das der Moment, auf den ich gewartet hatte. Ich griff zu der Feder, dem Tintenfass und dem Papier, welches Saam bereits in meine Richtung geschoben hatte. Er wusste bereits, dass ich meine selbst genähte, oder eher von Daria genähte, Umhängetasche mitnehmen würde. Sie war praktisch, denn so verlor ich kein Papier und konnte außerdem noch ein paar kleine Tonflaschen mit Wasser mitnehmen. Das Wetter war zwar stürmisch, das Klima aber undankbar schwül. Immerhin diese Freiheit hatte ich. Zu trinken, wann ich es brauchte.
Zusammen mit den Mädchen, verließ ich die Kajüte. Anders als gewohnt, war die Stimmung aber nicht freudiger Natur. Im Gegenteil, sie war angespannt. Wir hatten nicht mehr viel Zeit. Ich hatte nicht mehr viel Zeit, um die letzten, Entscheidenden Vorbereitungen für die Flucht zu treffen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast