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Im Zeichen des Rukh

von Erenya
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12 / Gen
Aladdin Alibaba Saluja Judar Morgiana OC (Own Character) Sinbad
27.05.2015
01.01.2017
26
219.342
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09.01.2016 9.377
 
Ganz wie geplant erwies sich die Flucht über die Dächer als wirklich einfach und hilfreich. Naja gut, einfach war nicht der korrekte Ausdruck. Die einzigen Hindernisse, die es für uns hier oben gab, waren Abgründe. Tiefe Abgründe, die mir bei einem Sturz sicher das Genick gebrochen hätten. Cassius allerdings leitet uns sicher von Dach zu Dach. Es schien mir fast so, als hätte er das schon öfter gemacht, doch ich traute mich nicht zu fragen.
„Wartet...“, keuchte ich, nachdem wir erneut auf die andere Seite einer Lücke zwischen zwei Häusern rannten. Mir ging allmählich die Luft aus, etwas, dass Cassius scheinbar nicht kannte, denn er schien kein bisschen erschöpft zu sein.
„Ich brauch eine Pause...“, setzte ich nach und ging in die Hocke, um etwas zu Atem zu kommen.
Ich sah auf zu Cassius, der tatsächlich stehen geblieben war und mich ernst ansah. Immerhin, die Tatsache, dass er keinen dämlichen Spruch riss, hielt ich ihm zu Gute. Auch wenn ich das Gefühl hatte, ich wäre ihm gerade wieder nur ein Klotz am Bein. Doch ich machte mir dieses Mal keine Sorgen darum, denn wir waren auf den Dächern und bisher schienen die Piraten eher auf die Menschen am Boden zu achten.
„Wie sieht eigentlich der Plan der Gruppe in so einem Fall aus? Verstecken und warten bis der Überfall vorbei ist?“
Ich konnte meinen Blick nicht von Cassius nehmen. Mich interessierte diese Frage wirklich, denn die Gefahr bestand immer noch, dass Mitglieder der Gruppe vielleicht gefasst wurden. Noch dazu war ich mir sicher, dass Cassius nicht zu jenen gehörte, die ihre Ware als Opfergabe für Piraten hergaben.
„Rückzug. Waren sind, unter Berücksichtigung der Risiken, zu retten. Treffpunkt ist die nächste Karawanserei auf der Route“, lautete die Antwort von Cassius und ich hob eine Augenbraue. Schlau wurde ich aus dieser Antwort auch nicht. Hieß das, die anderen würden zurück zum Gasthaus gehen, ihre Sachen packen und dann noch aus dem Lager die Waren holen die sie tragen konnten? Irgendwie wollte das gar nicht in mein von ihm gefasstes Weltbild passen.
„Das heißt unsere Route führt zu den Stadttoren?“, fragte ich schließlich und wollte nicht noch mehr auf das zuvor genannte Thema eingehen. Cassius nickte. Die Stadttore also.
Auch wenn ich Cassius bereits zutraute, dass er die Route berechnet hatte, sah ich auf und verschaffte mir einen Überblick über die Stadt.
Hinter uns lag der Hafen, weit genug entfernt. Einige Häuser brannten bereits lichterloh. Selbst die Feuerwehr meiner Zeit hätte damit mehr als genug zu tun gehabt. Ich wollte gar nicht wissen wie viele Opfer es hier gab, oder wie lange man brauchen würde, um diese Schäden wieder zu reparieren.
Die Frage war: Wie weit waren die Piraten in diese Stadt vorgedrungen? Ich ließ meinen Blick schweifen und erkannte, dass ihre Ausbreitungsrate als verheerend zählen konnte. Überall waren kleinere Kämpfe entbrannt. Das Geräusch von aufeinander schlagenden Waffen, schmerzerfüllte Schreie, Kriegsschreie... Das alles vermischte sich miteinander. Ein Potpourri von gemischten Tönen. Eines wurde mir dadurch deutlich. Die Piraten waren bereits viel zu weit vorgedrungen.
Ich zuckte zusammen, als ein Lichtstrahl hell aufblitzte und sich im stetigen Tempo weiter bewegte. Mein Blick glitt gen Himmel und von dort zurück zum Dungeon. Das Licht des Leuchtturms schien heller als in der Nacht zuvor zu sein. Die Sterne funkelten zwar bei klaren Himmel, aber erneut war es das Licht des Dungeons, welches am hellsten erstrahlte. Und gerade jetzt schien es als würde der Dungeon diesen Angriff feiern. Einen Angriff, der weit unter uns, auf den Straßen Bitrouns ausgefochten wurde.
Ich richtete meinen Fokus wieder auf den Weg vor uns und sah zu Cassius, der mir signalisierte, dass wir weiter sollten, doch etwas in mir sträubte sich. Dieser ganze Plan zurück zum Gasthof zu gehen und dort noch einige der Waren einzusammeln, schien mir absurd. Fast schon zu ungeplant.
„Wir müssen weiter!“
Cassius' Stimme klang eindringlich und sagte mir, dass er keine Widerrede erlaubte. Doch es störte mich etwas. Irgendetwas, dass ich noch nicht richtig in Worte fassen konnte. Und doch überlegte ich, wie ich Cassius sagen konnte, womit ich Probleme hatte.
„Wartet! Wir können nicht einfach nur den ganzen Weg über die Dächer zurück. Wir brauchen einen Plan. Wie wir wieder hier runterkommen, wie wir uns gegen die Piraten verteidigen. Diese Blitze vorhin am Hafen... Das sind magische Utensilien. Dagegen sind wir chancenlos.“
Schweigend sah Cassius mich an. Ich wusste nicht, ob das ein gutes oder ein schlechtes Zeichen war.
„Ich meine, im Gegensatz zu mir, habt Ihr keinen Borg. Wie wollt Ihr euch da verteidigen?“
Mein Blick glitt erneut zu dem Weg, der vor uns lag. Lichtblitze stoben in den Himmel, was seltsam war, denn es waren nicht nur elektrische Lichtblitze. Es war schwer in Worte zu fassen aber die Blitze die am Hafen eingeschlagen waren und jene, die nun gen Himmel stoben, schienen unterschiedlich. Ich erinnerte mich an die Magierin aus dem Teehaus und fragte mich, ob sie hier gegen die Piraten aufbegehrte, oder ob es noch mehr von den Piraten gab.
Was, wenn wir in so ein Schlachtfeld kamen? Ich würde Cassius ein Klotz am Bein sein, soviel war mir klar. Zumindest... wenn... Ich sah zu dem Stab, welchen ich immer noch auf dem Rücken trug. Mit ihm hatte ich vielleicht die Macht, dasselbe zu tun, oder auch nicht, wenn man bedachte, dass die Macht eines Zaubers auch von der körperlichen Verfassung des Magiers abhängig war. Und nur weil Ugo mir diesen Körper gegeben hatte, konnte ich nicht davon reden, dass seine Belastbarkeit und Verfassung besser war als mein alter.
„Wir müssen weiter...“, sagte Cassius schließlich. Dieses Mal war es mehr als deutlich, dass er keine Widerrede duldete und meine Hilfe für einen Plan B nicht wollte. Selbst, wenn ich nicht wusste, wie mein Plan B ausgesehen hätte. Mir fehlten einfach Informationen. Sicher, ich hielt mich nicht für eine kluge Person, aber ich war ein Mensch, der alle Möglichkeiten wenigstens durchdachte, um einen kleinen Ansatz von einem Plan zu haben. Sonst musste ich befürchten, dass das ganze endete wie in Balbadd bei Kassim und Kouha. Ich war manchmal einfach zu emotional, wenn ich keinen Plan hatte, wenn etwas passierte, dass vollkommen ungeplant kam.
Dennoch, Cassius wollte ich nicht länger widersprechen. Immerhin kannte ich sein Temperament. Und das wollte ich nicht jetzt herausfordern. Es wäre der wohl schlechteste Moment dafür.
„Schon verstanden...“, murrte ich leise, wenn auch widerwillig und setzte zu einem langsam Lauf an. „Wir sollten dennoch nicht zu viel riskieren.“
Auch wenn mir irgendwo klar war, dass Cassius nicht zu jenen gehörte, die viele Risiken auf sich nahmen, so wollte ich meinen Standpunkt doch klar machen. Nur für den Fall der Fälle.

Noch während ich Cassius über die Dächer in Richtung des Gasthauses folgte, ließ ich meinen Blick schweifen. Die Piraten waren bei ihrem Raubzug wirklich schnell und vor allem waren sie zahlreich, was nicht einmal kämpfende Schatzsucher oder Bewohner ändern konnten. Diese Piraten waren strategisch vielleicht nicht wirklich geplant, aber mit der Anzahl, mit der sie diese Stadt überrannten, brauchten sie auch nicht wirklich eine Strategie.
Schwer atmend lief ich Cassius immer noch nach, der sich etwas meinem Tempo angepasst hatte. Ja, Cassius war schnell. So schnell, dass ich nicht mehr daran glaubte, dass er ein normaler Mensch war. Allerdings wollte ich ihn auch nicht darauf ansprechen, zumal ich meine Luft sparen musste, wenn ich trotz seines langsameren Tempos mit ihm Schritt halten wollte.
Dennoch, ich ließ mir die Zeit, mir einen Überblick von der Gesamtsituation zu machen. Auch wenn die Gesamtsituation gerade alles andere als zufrieden stellend war. Ich hoffte jedoch inständig, dass Panthea und die Anderen sicher aus diesem gesamten Schlachtfeld gekommen waren und sich auf dem Weg zur nächsten Karawanserei befanden. Sie waren stark. Ohne Frage, aber in dieser Nacht waren sie auch alkoholisiert gewesen.
Ich hielt erst wieder inne, als ich gegen Cassius' Arm lief, den er ausgestreckt hielt, um mir zu sagen, dass ich anhalten sollte. Ein „Stopp“ hätte wahrscheinlich besser geholfen, als der Arm, der mich zurück straucheln ließ.
„Was ist?“, fragte ich atemlos und folgte dem Fingerzeig Cassius'. Vor uns breitete sich ein wahres Schlachtfeld in einer breiteren Gasse aus. Piraten griffen einige Stadtwachen und Schatzsucher an. Sie waren auch hier zahlenmäßig überlegen. Ich sah, wie Piraten sich Kinder und Frauen schnappten und diese wegzerrten, gefesselt und vor sich her stoßend wie Vieh.
Ich spürte wie meine Hände sich zu Fäusten ballten und fragte mich, ob es denn niemanden hier gab, der auch nur irgendetwas ausrichten konnte. Doch plötzlich...
Ein Schatten war an einer Wand zu sehen, die von einem Feuer beschienen wurde. Ich erkannte einen Mann, mit einer Lanze. Einer Lanze, die ich zu kennen glaubte und sie schlug einige der Piraten zurück.
Mein Blick wandte sich von der beleuchteten Wand ab und ich versuchte ihn unter all den Menschen ihn auszumachen, oder zumindest die Lichtquelle zu finden, was nicht leicht war, da überall Fässer oder Stofffetzen brannten. Jemanden zu erkennen, war einfach unmöglich. Genauso wäre es unmöglich dort durch zu kommen.
„Nimm den Stab!“
Ich wandte meinen Blick zu Cassius, fragend und unsicher, ob ich mich nicht vielleicht verhört hatte.
„Wie bitte?“
„Ich sagte, nimm den Stab.“
Ich wusste nicht genau, was Cassius nun von mir wollte, ich gehorchte aber und band mir den Stab vom Rücken. Fragend sah ich dennoch zu ihm, denn mir war ehrlich nicht klar, was er nun genau damit bezwecken wollte.
„Und nun?“, fragte ich und hörte ein doch schon leicht genervtes Seufzen von Cassius.
„Schau hin. Da ist jemand, dem du helfen solltest.“
Erneut sah ich zu der Kampfstätte vor uns und suchte nach bekannten Gesichtern. Es dauerte einige Zeit, doch ich fand ihn schließlich. Den Händler aus Balbadd. Verdammt. Ich hatte ihm versprochen, dass ich ihn mit meinem Leben beschützen würde, wenn wir Cassius' Weg gingen. Bitroun war eine Stätte dieses Weges und gerade jetzt war ich nicht bei ihm, um mein Versprechen einzuhalten. Naja fast nicht. Ich war schon da, nur nicht gerade in Reichweite, um mich mit meinem Borg zwischen ihn und dem Pack Piraten zu werfen, die mit gezückten Dolchen auf ihn zugingen.
'Kann uns doch egal sein... Er hat es verdient', hörte ich eine der Stimmen in meinem Kopf und nur kurz war ich der Meinung, dass ich wirklich einfach nur zusehen sollte, wie man ihm die Kehle durchschnitt und das Objekt, welches er fest umklammert hielt, als wäre es sein Leben wert, aus den kalten toten Händen riss.
'Es könnte uns egal sein, richtig. Aber... Das würden wir ein Leben lang bereuen.'
Eine weitere Stimme meldete sich. Meine Vernunft. Und sie hatte verdammt noch einmal Recht.
„Nur was soll ich tun?“, flüsterte ich leise, den Stab fester umklammernd. Ja, was sollte ich tun?
„Aufhören dich zu verleugnen und dir endlich eingestehen, dass du eine Magierin bist. Du kannst ihn so retten.“
Ich sah zu Cassius, der mich ernst ansah. Ihm war hoffentlich schon klar, dass ich uns verraten würde, wenn ich einen Zauber sprach. Doch scheinbar war ihm das für den Moment nicht wichtig. Zumindest nicht, solange ich mein Versprechen hielt.
„Ich kann es versuchen...“, antworte ich. Nicht wissend, ob das überhaupt in dieser Entfernung funktionieren würde. Wäre ich ein Magi gewesen, hätte ich mir nun wohl keine Sorgen machen müssen. Doch ich war, wenn es stimmte, nur eine einfache Magierin. Eine einfache Magierin mit...
„Schwarzen Rukh...“, flüsterte ich und erinnerte mich daran, was ich mal im Magi Fandom aufgeschnappt hatte. Und wie von selbst schlich sich ein Lächeln auf meine Lippen. Ich musste nicht zweifeln, auch wenn ich vielleicht eine einfache Magierin war. Selbst wenn mich eine gewisse Eigenschaft zu einer der Bösen machte.
„Dann machen wir endlich mal etwas Feuer“, sagte ich leise, ohne mir selbst im Klaren zu sein, dass ich es wirklich laut ausgesprochen hatte. Es hätte genauso gut ein Gedanke, oder einer meiner Stimmen sein können. Dass ich es ernst meinte, wurde nur deutlich, als ich mit dem Stab auf die Angreifer des Händlers zielte und an den einzigen Zauber dachte, der mir seit seinem Erhalt in Gedanken spukte.
„Har Har Infigar!“
Der Alexandrit leuchtete blutrot auf, als die Flammen an ihm zu züngeln begannen und sich schließlich von diesem lösten um auf ihre Ziele zu schossen.
Mit ein wenig Unglauben sah ich wie die Flammen loderten, hörte die Schreie der Piraten, deren Sachen in Flammen standen und innerlich hoffte ich, dass sie überlebten. Auch wenn der Feuerangriff nicht die Stärke von Aladdins Zaubern entsprochen hatte, sie waren stark genug um bis zu den Männern zu reichen und sie genug abzulenken um den Händler von Balbadd die Flucht zu ermöglichen.
Ich sah auch das Grinsen auf seinem Gesicht, als die Kleidung der Männer in Flammen aufging und er sich noch rechtzeitig an ihnen vorbei drängte, bevor die Flammen mehr zu lodern begannen.
„Hier lang!“
Es brauchte einen Moment, bevor ich realisierte, dass Cassius mich am Handgelenk gegriffen hatte und weg von diesem Ausblick auf das Schlachtfeld zerrte. Ich hörte noch die wütenden Rufe der Piraten, die fragten, wo das hergekommen war und die Antwort, dass man die Dächer vermutete. Genau deswegen war es nun wichtig, dass wir so schnell wie möglich von hier weg kamen. Dennoch, ich konnte meinen Blick nicht von dem Kampfgemetzel wenden, oder von den brennenden Piraten.

Es war nun schwerer die Dächer als Fluchtroute zu nutzen. Meine Aktion um den Händler aus Balbadd zu retten, hatte doch schon genug Aufsehen erregt, so dass die Piraten via Zurufe vor möglichen Angreifern auf den Dächern warnten. Sie sahen nun auch nach oben und entdeckten Cassius und mich hin und wieder, was ich nur dadurch bemerkte, dass Lichtblitze gegen das Gestein der Häuser schlugen. Nicht so mächtig wie die am Hafen, aber dennoch effektiv genug um unerwünschte Angreifer von Dächern zu holen. Gleichzeitig fragte ich mich, ob ihnen vielleicht das Magoi ausging. Möglich wäre es, denn der Angriff ging schon einige Zeit und mit Sicherheit hatten die Piraten einiges an magischen Angriffen benutzt.
„Wir müssen hier runter“, verkündete Cassius plötzlich und hielt inne. Entsetzt sah ich ihn an, denn wir waren nicht einmal ansatzweise nahe des Gasthauses. Durch meinen Angriff und ersten Zauber hatten wir einen etwas größeren Umweg machen müssen, der mir ehrlich gesagt alles andere als geschmeckt hatte. Unsere Probleme hatten wir damit auch nicht abgeschüttelt.
„Was meinst du mit: 'Wir müssen hier runter'?“, fragte ich entsetzt, merkte aber schnell, dass Cassius erneut nicht bereit dafür war zu diskutieren.
Ich zuckte zusammen, als erneut ein Blitz in das Gemäuer der Dächer einschlug und ich die Vibration nur zu deutlich unter meinen Füßen spüren konnte. Immer noch war dieser Angriff schwächer als das vom Hafen, doch stärker als die anderen, während unserer Flucht.
„Da sind sie, ich habe sie!“, hörte ich die Rufe und der Angstschweiß brach bei mir aus. Ich traute mich gar nicht aufzusehen, denn ich sah bereits, wie uns Lichtblitze entgegen zuckten. Mein Blick glitt zurück, dahin, von wo wir gekommen waren und erkannte schon einen Trupp Piraten, der uns wahrscheinlich schon länger auf den Fersen war. Hatte Cassius das gewusst? Ich sah zu dem Weg, der vor uns lag. Auch hier waren in einiger Entfernung Silhouetten von Menschen, vermutlich ebenfalls Piraten.
Entsetzt sah ich Cassius an, denn wir waren damit in der Falle. Unter uns waren Piraten mit magischen Waffen, hinter uns welche mit Säbeln und vor uns lag genau dasselbe.
„Mach schon!“
Ich hatte Cassius schon beim ersten Mal richtig verstanden, doch ich fragte mich wie wir hier runterkommen wollten, ohne das wir gegrillt wurden.
„Wie?“, fragte ich daher, hoffend dass Cassius im Gegensatz zu mir einen Plan hatte. Doch statt mir zu antworten, packte er mich, zog sich an sich und sprang vom Dach. Entsetzt klammere ich mich an Cassius, sah mein Leben, neben den Lichtblitzen, die auf meinen Borg schlugen, an mir vorbeiziehen.
Ich war mir erst sicher noch zu leben, als Cassius mich sicher am Boden absetzt. Die Frage war nur wie lange dieser Zustand anhalten würde, denn vor uns waren Piraten, über uns waren welche und einfach überall waren sie. Cassius ließ von mir ab und zog sein Schwert, schneller als ich gucken konnte und lief auf die Piraten zu, die ebenso überrascht von seine Geschwindigkeit schienen. Sie schienen chancenlos zu sein, als er uns den Weg frei räumte und einen nach dem anderen entwaffnete. Erneut konnte ich seine unglaubliche Schnelligkeit nur bewundern. Ich meine, er war jetzt nicht Barry Allen, aber dennoch schnell genug, um mir erneut deutlich zu zeigen, dass etwas mit ihm nicht stimmte. Etwas, dass mir wahrscheinlich schon viel früher hätte auffallen müssen, da all die Ereignisse bisher doch schon sehr dafür gesprochen hatten. Er und Varius...
„Hier lang!“
Ich hatte gar nicht die Zeit meine Gedanken zu ordnen, denn Cassius befehligte mich bereits, ihm wieder zu folgen. Die Gassen entlang. Ich zögerte nicht, denn ich war nicht scharf darauf, erneut den Zauberstab und Har Har Infigar benutzen zu müssen. Selbst, wenn ich nun auch so etwas wie eine Sicherheit besaß, dass ich eine Magierin war. In Zukunft, sollte ich hier jemals lebend raus kommen und auf andere Magier treffen, würde ich mir also ein paar Zauber anlernen. Vielleicht sogar den ein oder anderen von Yamraiha.
Auch wenn ich den Gebäuden nicht sonderlich viel Aufmerksamkeit schenkte, bemerkte ich, wie nahe wir dem Gasthaus und vor allem dem Marktplatz waren. Der Gedanke, das aus dem bunten, regen Treiben ein blutiges geworden war, schnürte mir allerdings den Magen zu.
Es gab eben Dinge, an die man sich nie gewöhnen würde, und so etwas in der Realität zu sehen, in meiner neuen Realität, gehörte definitiv auf Platz eins. Abgesehen von Magie, aber für die war ich schon mit 14 sehr affin gewesen und hatte einige Bücher über weiße Magie im Regal stehen. Gott, man würde mich sicher zweiteilen. Schließlich kam jeder Zauber laut einer Regel in diesen Büchern, dreifach auf einen selbst zurück. Ich wollte mir gar nicht ausmalen, wie das bei mir aussehen würde. Nein, es war besser gar nicht daran zu denken, sondern mich einfach auf die Flucht zu konzentrieren.
Ich gab alles, was meine Beine trotz dem Brennen der Muskeln noch hergaben. Es gelang mir so, etwas zu Cassius aufzuschließen und ihn nicht aus den Augen zu verlieren, als er die letzte Abbiegung nahm und wir auf dem offenen Marktplatz kamen.
Wie ich es mir gedacht hatte, waren die Kämpfe hier scheinbar wesentlich heftiger ausgetragen worden. Doch sie waren vorbei. Lediglich eine Hand voll Leichen und zerstörten Ständen, welche teils selbst noch in Flammen standen, zeigten wie hier gewütet worden war.
Ich versuchte nicht hinzusehen und den Geruch des Blutes, welches die Luft erfüllte, zu ignorieren. Etwas das fast unmöglich war, denn der Geruch war so penetrant, dass mein Magen rebellierte. Alle meine Sinne schrien danach von hier zu flüchten, selbst wenn keine Kämpfe mehr ausgefochten wurden, doch ich hörte bereits Schritte hinter uns. Sie hatten es wirklich geschafft, mit uns mit zuhalten. Kein Wunder eigentlich, denn Cassius hatte sich meinem Tempo einigermaßen angepasst und ich selbst war nicht sonderlich schnell. Ohne mich hätte Cassius es wahrscheinlich schon längst aus der Stadt geschafft, dass wusste er sicher auch, und doch war er das Risiko eingegangen. Und nicht nur dieses, auch die Tatsache, dass ich mein Versprechen dem balbaddischen Händler gegenüber gehalten hatte, war ihm zu verdanken.
„Und hier endet eure Flucht...“
Wir waren gerade in der Mitte des Marktplatzes angekommen, als eine weibliche Stimme, scheinbar vom Wind getragen überall an den Wänden abprallte und zu unseren Ohren vordrang.
Als wäre sie eine Vereinigung mit den Schatten eingegangen, trat sie aus dem Dunkel einer Seitengasse und grinste uns hämisch entgegen. Die Goldketten um ihren schmalen Handgelenken klimperten bei jedem Schritt, den sie tat, und im selben Takt schaukelten die großen, goldenen Ohrringe an ihren Ohrläppchen. Die dunkelblaue Farbe ihrer Hose schien schwärzer und blasser als sie einst gewesen war. Ebenso das weiße Oberteil, auf dem goldene Stickereien waren. Das Hemd war ergraut, zerschlissen und zeugte von vielen Reisen, doch es hatte nichts von seinem adligen Flair verloren. Vielleicht lag es an dem Umhang, der ihre Schultern bedeckte und dessen Innerer Saum Purpurn war.
Doch egal wie zerschlissen ihre Sachen wirkten, sie erschien wie eine Crossdressing-Prinzessin, mit all dem Gold, dass um ihrer unbedeckten Haut hing, war das kein Wunder. Wahrscheinlich war selbst ihr Nasenpiercing aus echtem Gold und der Zopfhalter, der ihr dunkles, lockiges Haar zusammenhielt, mit echten Perlen besetzt. Wenn das echte Orient-Perlen waren, dann ja, war sie wohl eine Prinzessin, die gerade sehr teure Kleidung auf einem Schlachtfeld spazieren führte.
„Cassius... ich glaube nicht, dass sie zu den Guten gehört...“, flüsterte ich leise und sah hinter uns, wo bereits unsere Verfolger näher rückten. Cassius hingegen fixierte ernst die Frau, welche sich mit einigen Metern Abstand vor uns platziert. Doch sie war nicht allein, denn aus den Schatten der Gassen kamen bereits weitere Piraten. Als hätten sie hier auf uns gewartet.
„Halte dich bereit“, raunte Cassius mir zu und machte sich bereit anzugreifen. Das las ich zumindest aus seine Haltung heraus. Er war bereit loszustürmen und die Hindernisse aus dem Weg zu räumen. So wie er es zuvor schon getan hatte.
„Ikram, das sind die beiden. Sie haben versucht über die Dächer aus der Stadt zu kommen außerdem...“ Einer der Männer, der die Piratenprinzessin zu begleiten schien, war näher zu ihr herangetreten und sah zu uns. „Der Junge ist unglaublich schnell“, setzte er fort und das Lächeln der Prinzessin wurde noch breiter.
„Keine Sorge, er ist vielleicht schnell, aber auch er wird müde. Schnappt ihr euch das Mädchen, ich kümmere mich um den Reimer.“
Sie schien sich ihrer Sache wirklich sicher zu sein, denn sie zog ihren Säbel, der sich auf den ersten Blick nicht von den anderen ihrer Begleiter unterschied. Wenn sie sich wirklich so sicher war, dass sie Cassius besiegen konnte, dann musste sie wirklich gut sein. Etwas, das ich für unmöglich hielt, denn selbst wenn Cassius nicht zu den besten Schwertkämpfern gehören sollte, so machte seine unmenschliche Schnelligkeit doch schon einiges wett. Woher nahm sie also ihre Sicherheit?
„Wenn du eine Lücke siehst... Lauf.“
Fassungslos sah ich zu Cassius, der scheinbar allen ernstes vor hatte, sich hier den Weg frei zu prügeln. Alleine. Der Gedanke, dass ich ganz alleine da durch kommen sollte, schmeckte mir nicht, schon gar nicht, weil ich Cassius noch das ein oder andere Leben von mir schuldig war. Doch in Anbetracht der Überzahl hier, wäre es ein Wunder, wenn auch nur einer von uns beiden überlebte. Und wenn ich ehrlich war, verlangte mein Überlebensinstinkt danach, dieser Überlebende zu sein.
Die Piratenprinzessin hingegen schien immer noch sicher zu sein, dass keiner von uns entkommen würde. Sie hob ihren Arm mit dem Säbel und ließ ihn wie ein Signal wieder runtersausen, so dass er auf uns verwies.
„Angriff!“, befahl sie mit kräftiger Stimme und sofort stürzten sich die Piraten auf uns. Als hätte Cassius dies auch als seinen eigenen Befehl gesehen stürmte er voran und räumte sich mit wenigen Schlägen seinen Weg zu der Piratin frei, die ihn mit einem Lächeln begrüßte.
Ich hatte allerdings keine Zeit mich darauf zu konzentrieren, wie dieser Kampf verlief, denn gerade hingen mir ein paar Piraten im wahrsten Sinne des Wortes im Nacken. Selbst mit dem Stab wusste ich nicht, ob ich noch einmal zaubern wollte. Andererseits, war dies wohl eine jener Situationen, in denen es besser war, das eigene Leben mehr wert zu schätzen als das der Anderen. Und wahrscheinlich war der Zauber die einzige Chance, wie ich das bewerkstelligen konnte. Im Gegensatz zu anderen Gruppenmitgliedern von Cassius war ich eben nicht für den Kampf geeignet und doch, aufgeben war auch für mich keine Option.

Es stellte sich heraus, dass der Stab die wesentlich bequemere Waffe zum kämpfen für mich war als der Dolch. Ich konnte ohne Probleme die Säbelhiebe der Piraten abblocken, entschuldigte mich aber geistig bei Nel für jede Kerbe die er später vielleicht haben würde. Noch dazu war es mit dem Stab einfach jemanden nur außer Gefecht zu setzen, ohne ihn gleich zu töten. Ich konnte also einiges von Varius und Tiberius Training nutzen. Blocken und Angreifen, dass war meine Strategie, auch wenn ich in Sachen Zaubern wohl wesentlich effektiver hätte handeln können. Die Gefahr, dass ich aber einigen Piraten das Licht ausknipste, war mir zu groß.
„Schnappt sie euch endlich!“
Da die Piraten bemerkt hatten, dass es wenig Sinn machte, mich einzeln anzugreifen, sammelten sie sich nun und kreisten mich im wahrsten Sinne des Wortes ein. Ich klammerte mich an den Stab, wartend, wer von ihnen zuerst zuschlagen würde. Und ehrlich, es sah gar nicht gut aus, denn es waren drei der Männer, die zeitgleich ihre Säbel hoben. Auch wenn Tiberius gesagt hatte, dass ich nicht zu viel nachdenken sollte, ratterte es in meinem Kopf, wie ich diesem Angriff ausweichen konnte. Blocken war unmöglich, dass hielt der Stab sicher nicht aus, allerdings konnte ich zeitgleich vielleicht ebenfalls angreifen, auch wenn ich nicht wusste, ob mein Borg das mitmachte. Konnte man überhaupt angreifen, während gefährliche Waffen auf den Borg trafen? Ich war mir nicht sicher und hatte eindeutig zu wenige Erfahrungen.
Ich merkte, dass ich viel zu lange mit meinen Überlegungen verbrachte hatte, als die drei Klingen der Säbel auf mich runtersausten. Panisch schloss ich die Augen, klammerte den Stab an mich, doch ich hörte nur einen Schlag. Nur eine Klinge war auf den Borg aufgeprallt. Vorsichtig sah ich auf und erkannte, wie einer meiner Angreifer von mir als Ziel abgesehen und stattdessen einen der anderen den Säbel durch die Brust gebohrt hatte. Ich war nicht die einzige, die ihn fassungslos ansah, denn auch die anderen blickten ihn entgeistert an.
„Du hast mir also meinen Anteil gestohlen!“, schrie er plötzlich los und rammte seinen Säbel nur noch tiefer in die Brust seines Kumpanen, der sich etwas nach vorne hängen ließ und würgte. Wenn er das Herz nicht getroffen hatte, dann wahrscheinlich die Lunge. Er würde verbluten, innerlich. Oder am eigenen Blut ersticken. Ein grausiger Gedanke.
„Und ihr habt mich alle belogen! Ich habe meinen Bruder wegen dieser Lügen umgebracht.“
Er zog den Säbel aus dem Körper seines Kumpanen und wandte sich zu jenen um, die neben ihm standen und immer noch nicht verstanden, was mit ihm los war. Auch mir war das nicht klar, denn dieser Sinneswandel war doch etwas plötzlich und unpassend.
Er stürzte sich auf einen weiteren Kumpan, der ihn versuchte, mit aller Kraft zurück zu halten. Dieses Mal, bekam der Angegriffene aber Hilfe von seinen Kameraden, die an ihm zerrten und ihn nun mit ihren Säbeln angriffen. Scheinbar war egal, ob sie ihn lebendig von ihren Kameraden bekamen, oder tot.
Es war der richtige Zeit um diese Unaufmerksamkeit zu nutzen und zu fliehen, doch irgendwie war mir nicht wohl dabei, ohne Cassius zu gehen. Dieser kämpfte immer noch gegen die Piratenprinzessin, welche seine Schläge auf eine seltsame Art und Weise parierte.
„Träumt nicht und lauft weg!“, hörte ich es plötzlich über mir. Ich hob meinen Kopf und da war sie. Wie hätte sie nicht erkennen sollen? Dieser Spitzhut, dieser goldene Stab auf dem sie flog und an dem Ringe hingen, wahrscheinlich als Verzierung.
„Lange hält der Zauber nicht!“, rief sie mir zu und als hätte sie damit etwas unausweichliches beschworen, schnaubte der Mann, der sich vor wenigen Sekunden noch gegen seine Kameraden gewandt hatte, auf und ließ seinen Dolch fallen. Er hielt sich den Kopf, als würde er Qualen leiden weil etwas darin wütete, dass er mit seinem Wissen nicht erfassen konnte.
Zauberei also... Nur wie hatte sie das gemacht?
„Da ist noch eine Hexe!“, rief einer der Piraten plötzlich und zielte mit etwas, dass stark nach einem magischen Utensil aussah, auf meine Retterin. Auch wenn mir bewusst war, dass ihr Borg sie vielleicht beschützen würde, zielte ich mit dem Stab auf ihn.
„Har Har Infigar!“
Wie schon auf dem Dach entließ der Stab ein Feuer, welches auf den Piraten zu schoss. Doch anders als beim ersten Mal, hatte ich nicht auf den Menschen gezielt, sondern auf den Gegenstand in seiner Hand. Da ich auch näher stand, traf die Wucht heftiger als bei meinem ersten Zauber, so dass ihm die Waffe aus der Hand fiel, die ebenfalls mit den Flammen in Berührung kam, weswegen der Pirat sie sich unter Schreien hielt.
„Tschuldigung“, rutschte es mir leise heraus, bereute aber diese Entschuldigung sofort wieder, als der Pirat zu mir aufsah und mich wütend fixierte.
„Holt diese Hexe da runter, ich kümmere mich um diese hier.“
Als würde es sie nicht stören, dass sie nun ebenfalls auf der Abschussliste der Piraten stand, kam die Magierin aus dem Teehaus von ihrer schützenden Höhe hinab und machte sich an meiner Seite zum Kampf bereit.
„Wie man sieht, funktioniert das doch mit dem Zaubern. Ihr seid also ein roter Magier?“, fragte sie, wobei ich mir sicher war, das mein Angriff sie in die Irre geleitet hatte.
„Nicht das ich wüsste. Es ist lediglich der einzige Zauber, der mir bekannt ist, weil ich ihn schon häufiger gehört habe.“
Es war seltsam, das ich mich gerade jetzt mit der Magierin unterhielt, obwohl wir andere Probleme hatten. Dennoch wehrte ich meinen Angreifer ab und sie wandte einige Kombinationszauber an, von denen ich nicht einmal wusste, was es für welche waren, um ihre Angreifer fern zu halten. Dass sie Ahnung von Magie hatte, zeigte sich deutlich an der Vielfalt die sie sprechen konnte.
„Wie finde ich denn raus, was für ein Typ ich bin? Ich meine abgesehen von magischen Utensilien, die das deutlich anzeigen.“
Es war wirklich eine Frage, die mich im wahrsten Sinne des Wortes brennend interessierte. Immerhin konnte ich so vielleicht noch andere Zauber erfahren, die nicht ganz so heiß waren und andere verbrutzelten. Klangmagie wäre da doch schon ein schöner Anfang gewesen. Zumindest dachte ich mir das, als der Säbel des Piraten wieder auf den Stab aufkam und dabei einen hölzernen Laut von sich gab. Die Ringe der Magierin, die nicht unweit von mir kämpfte, klapperten hingegen bei jeder Bewegung die sie machte um ihre Zauber zu koordinieren.
„Fragt die Rukh!“, rief sie mir inmitten einer Bewegung zu und ich verdrehte die Augen. Klar, die Rukh hatten ja auch schon soviel mit mir kommuniziert. Abgesehen von meinem Job bei Assad hatten sie mir bislang nicht viel gezwitschert.
„Wenn Ihr mir verratet, wie man mit den Rukh spricht, werde ich das sicher tun.“ Wahrscheinlich war die Antwort auf meine Frage einfach wie simpel. Für Magier. Schließlich sahen sich diverse Magier da draußen als Sprachrohr für die Rukh. Sicherlich war die Antwort auch einfach. Zu einfach für mich um es auch nur ansatzweise zu schaffen.
„Konzentriert euch auf die Rukh und lauscht ihren Worten.“
Mir wäre beinahe ein herzloses Lachen über die Lippen gekommen. Klar. Ich würde den Worten von leuchtenden Vögeln lauschen. Das konnte ich wahrscheinlich genauso gut, wie mit dem Herzen zu hören, wie es Großmutter Weide Pocahontas angeraten hatte.
„Dann werde ich die Rukh wohl später mal zum Essen einladen, wenn der Zeitpunkt besser ist“, gab ich unbedacht von mir während ich dem Piraten auswich und die Spitze des Stabes, jene mit dem Stein, in die Magengegend stoßen wollte. Er erkannte aber meinen viel zu langsamen Angriff und packte mit beiden Händen zu, wobei er das Gesicht verzerrte, da er immer noch diese Verbrennung an der Hand hatte.
„Hab ich dich, Hexe.“
Ich zog an dem Stab und versuchte so, mich von dem Piraten loszureißen, doch er war um einiges stärker als ich. Mit körperlichen Mitteln würde ich also nicht weiterkommen. Und der Feuerzauber würde, mit viel Pech auf mich umschlagen. Ich brauchte also ganz schnell eine Lösung für dieses Problem.
'Mögen die Rukh mit uns sein', wisperte eine der Stimmen in meinem Kopf. Denkbar schlechtester Zeitpunkt, wenn ich das mal so sagen durfte.
'Verbrenn ihn!', forderte eine andere, doch ich schüttelte den Kopf, was den Piraten einen kurzen Moment aus der Fassung brachte.
Just in diesem Moment sah ich vor meinem inneren Auge ein Bild. Ein heller Strahl, wie ein Blitz ging auf die Erde hinab. Ich hörte eine Stimme flüstern. Eine Stimme die ich nicht kannte, aber ich wusste, was für ein Wort sie mir sagte.
„Flash?“, kam es mir zweifelnd aber wie von selbst über die Lippen. Als hätte der Stab nur auf einen Befehl gewartet, glühte dieser auf und ein mächtiger Lichtstrahl schleuderte den Piraten von mir weg.
'Au... das tut sicher morgen noch weh', wisperte mir eine meiner Stimmen zu und ich musste ihr recht geben, denn der Flug gegen die Mauer, sah alles andere als sanft aus. Zumindest tat mir mein Rücken schon vom Hinsehen weh und selbst als ärztlicher Laie konnte ich sehen, oder hören wie ein paar Knochen bei dem Aufprall brachen.
„Scheint als wärt Ihr ein oranger Magier“, kommentierte die Magierin meinen Zauber. Wenn man es recht bedachte, hatte sie Recht. Mein Feuerzauber war nicht ganz so mächtig gewesen und es hatte sich auch anders angefühlt, ihn zu sprechen. Aber dieser Zauber, er hatte sich angefühlt als sei er ein Teil von mir gewesen. Von meinem Geist und meiner Seele.
„Ja, scheint so. Keine Ahnung was man damit machen kann, aber der Zauber hat reingehauen.“
Ich log nicht einmal. Dank Magi hatte ich ja schon einiges an Zauber gesehen. Bevorzugt, Eis, Feuer und Wasser. Lichtmagie, oder war das Blitzmagie, war da eher seltener aufgetaucht. Dennoch, mit zwei Zaubern konnte man nun variieren und hoffentlich die Situation zum Guten wenden.

Auch wenn unsere Kampfkraft als Magier wirklich unmenschlich war, in gewisser Weise, spürten die Magierin aus dem Teehaus und ich, wie uns allmählich die Kraft verließ. Auch wenn es zu Beginn gut ausgesehen hatten, so war die Verstärkung, welche für die Piraten gekommen war, übermächtig.
„Das nimmt hier scheinbar kein Ende... Wie sieht es mit eurem Freund aus?“
Cassius, den hatte ich im Eifer des Gefechtes fast vergessen. Es war auch schwer sich auf ihn zu konzentrieren und auf mich. So multitaskingfähig war ich nun doch nicht.
Vorsichtig riskierte ich einen Blick in die Richtung, in der ich Cassius und die Piratenprinzessin zuletzt gesehen hatte. Wenn ich es richtig sah, hatte er an Tempo eingebüßt und doch setzte er einen Schlag nach dem anderen nach. Die Prinzessin hingegen blockte immer noch so seltsam mit ihrem Säbel. Wobei sie nicht einmal zu blocken schien. Seine Angriffe wurden, so sah es zumindest aus, umgelenkt.
„Irgendetwas stimmt nicht. Und ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache.“ In mir machte sich der Drang breit Cassius zu unterstützen, aber ich hatte ja selbst alle Hände voll zu tun. Die Lage schien damit aussichtslos. Die einzige, die hier wahrscheinlich noch heil herauskommen konnte, war sie, die Teemagierin. Immerhin war sie diejenige, die auf ihrem Stab fliegen konnte. Die Frage war nur, wie man sie vom Schlachtfeld bekommen würde, ohne dass die Piraten ihr etwas antaten.
„Frau Magierin...“, setzte ich an.
„Cassandra“, antworte sie und ich sah sie überrascht an. Schon eine seltsame Art den Namen von einer Person zu erfahren. Aber es war besser als sie Teemagierin oder Frau Magierin zu nennen. Wesentlich besser.
„Cassandra, sehr erfreut. Ich bin Erenya. Es gibt vielleicht eine Möglichkeit. Hier in Bitroun laufen ein Paar von unseren Gefährten herum und außerdem glaube ich, einen General aus Sindria gesehen zu haben. Wenn Sie diese Leute finden und zu uns oder zum Hafen führen, könnte man diese Piraten noch aufhalten.“
Nun war sie es, die mich überrascht ansah, als sie realisierte, was ich da gerade gesagt hatte. Ihre Überraschung hinderte sie aber nicht daran mit einem Gravitationszauber das Bruchstück eines Holzfasses schweben zu lassen und gegen einen Piraten zu schleudern.
„Ich soll euch im Stich lassen?“, fragte sie ein wenig entsetzt, doch ich schüttelte mit dem Kopf, während ich meinen Stab auf einen Mann richtete und meinen neuen Lieblingszauber sprach.
„Flash! Nein. Nicht im Stich lassen. Hilfe holen. Und ihr solltet euch beeilen, bevor euch das Magoi ausgeht. Der General aus Sindria ist übrigens der mit der großen Lanze. Ziemlich unscheinbar der Junge, aber im Kampf kann man ihn nicht übersehen. Holt einfach alle her.“
Ich hoffte zumindest, dass die Karawane noch in der Stadt war, zumindest einige von ihnen.
„Ich werde sie ablenken und Ihr flieht.“
Als ob ich meine Worte unterstreichen wollte, holte ich mich dem Stab aus aus und bewegte ihn von Gegner zu Gegner, während ich Flash benutzte um sie auf Abstand zu bekommen. Mit diesem Angriff würde ich das für einige Zeit sicher schaffen. Cassandra verstand das und machte sich sofort bereit mit ihrem Stab und der Hilfe eines Levitationszaubers. Ich lächelte sie an und nickte, hoffend, dass wir einander wiedersehen würden. Dann könnte ich mich bei ihr bedanken, schließlich hatte sie mir das Leben gerettet und noch dazu dafür gesorgt, dass ich meinen ersten richtigen Zauber gelernt hatte.
Die Piraten waren bei weitem nicht so dumm wie sie aussahen. Sie merkten schnell, dass Cassandra vom Schlachtfeld fliehen wollte und stürzten auf sie zu, obwohl sie noch nicht einmal die richtige Höhe für eine Flucht erreicht hatte. Ich musste sie aufhalten, wenn ich nicht wollte, dass unsere einzige Rettungsleine riss.
„Flash!“
Mit einem erneuten Lichtstrahl, schleuderte ich die Angreifer Cassandras zurück. Sie nutzte diese Chance um genug Höhe zu bekommen und so aus der Reichweite unserer Angreifer zu gelangen. Erleichtert sah ich, wie sie mit ihrem Stab vom Marktplatz flog, konzentrierte mich aber schnell auf die Piraten, von denen einige sich schon wieder aufrappelten. Nun waren wir wirklich zahlenmäßig unterlegen, Cassius und ich. Auch wenn Cassius immer noch mit der Piratenprinzessin kämpfte.
„Ich glaube es reicht langsam.“
Als hätte sie meine Gedanken gelesen, ertönte die Stimme der Prinzessin und mein Blick wandte sich zu ihr, was ich nur der Tatsache verdankte, dass auch ihre Schergen inne hielten. Was ich sah, gefiel mir gar nicht. Sie hatte Cassius in die Knie gezwungen und hielt ihm ihren Säbel bedrohlich an die Kehle. Ich sah wie Cassius dagegen aufbegehrte, doch der Kampf schien ihn stark ermüdete zu haben. Seine Bewegungen waren langsamer und steifer, fast so als hielte ihn eine unsichtbare Macht. Das war in der Tat ein ungewohnter Anblick.
„Du da, Hexe, ergib dich, oder deinem Fanalis-Freund hier wird es leid tun.“
Ich ignorierte einfach mal die Tatsache, dass sie Cassius als Fanalis bezeichnete und damit wohl schneller auf den Trichter seiner Abstammung gekommen war, als ich. Wirklich, mich hatte diese Feststellung einige Tage und ein Schlachtfeld gekostet. Wichtig war gerade nur, dass sie Cassius in der Hand hatte.
„Erledige sie und lauf!“, hörte ich Cassius noch hervorwürgen. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass er mir schon ein paar mal den Allerwertesten gerettet hatte, konnte ich nicht einfach so laufen. Nicht ohne Cassius, was würden sonst die Anderen von mir halten? Die Frage war nur, wie ich im Alleingang eine Gruppe Piraten und deren Prinzessin erledigen wollte. Mit Sicherheit würden sie nicht auf einen Bluff reagieren, so wie es Kassim getan hatte. Zu dem Zeitpunkt waren die Karten zwar nicht besser verteilt gewesen, aber ich schätzte die Prinzessin als ein anderes Kaliber ein, als Kassim. Was aber, wenn sie bluffte? Wenn sie gar nicht vor hatte Cassius zu ermorden. Sie hätte es sicher schon getan. Wenn diese Piraten dieselben waren, die auch schon die eine Reisegruppe auf unserem Weg angegriffen hatten, dann würde sie doch weder Cassius noch mich verschonen. Schließlich waren auch bei der Reisegruppe alle kampftüchtigen Personen und der Sklavenjunge getötet worden.
Der einzige Grund warum sie uns verschonen würden, wäre die Tatsache das wir so etwas wie einen gegenständlichen Wert besaßen und wenn das so war, dann konnte ich ohne Bedenken angreifen, denn dann würde sie Cassius nichts tun. Doch wollte ich das riskieren? Selbst wenn Cassius es gut heißen würde, konnte ich so mit seinem Leben spielen?
Ich sah zweifelnd zu Cassius, sein Blick sprach eine eindeutige Sprache. Er wollte, dass ich floh und diese Piraten noch zurückschlug. Es war damit eindeutig, was ich tun würde. Jeder aus meiner Welt der mich kannte, wusste, was das war.
Ich streckte den Stab den Piraten entgegen, die meine Geste schon jetzt als Angriff sahen und zurückschreckten. Immerhin durch den Schmerzen hatten sie gelernt, dass meine Anwesenheit mit Vorsicht zu genießen war. Dass sie mit dieser Vorsicht gerade falsch lagen, begriffen sie erst, als ich den Stab fallen ließ.
Cassius Leben war niemals weniger wert als meine Freiheit. Selbst wenn die Piratenprinzessin bluffte und Cassius dennoch am Leben gelassen hätte, ich wollte es einfach nicht riskieren. Dafür hatte ich zu wenig Informationen über sie und ihre Bande.
„Ich gebe auf.“
Es widerstrebte mir, diese Worte wirklich laut auszusprechen, besonders nachdem sich zwei der Männer förmlich auf mich stürzten, um mir Hände und Füße zu fesseln. Dasselbe taten sie auch bei Cassius, der von der Piratenprinzessin in Schach gehalten wurde. Auch wenn er sich gegen sie aufbegehrte, spürte ich, wie sein wütender Blick auf mir ruhte. Vielleicht würde er nicht verstehen können, warum ich das tat und vielleicht würde er auch nie wieder mit mir reden, nicht dass er das vorher oft getan hätte.
„Also schön, bringt sie zum Hafen. Achtet darauf, dass sie nicht entkommen. Nehmt ihre Waffen mit und schaut nach, ob sie noch welche bei sich tragen.“
Da Cassius gut verschnürrt war und ich keine weitere Gegenwehr zu leisten schien, wandte sich Ikram von ihren Piraten ab und ging zurück in die Gasse aus der sie gekommen war. Es schien sie nicht einmal zu interessieren, ob ihre Männer es mit uns zurück schafften, vielleicht war sie sich dessen aber auch zu sicher.

Da ich mit gefesselten Füßen nicht laufen konnte, hatte mich einer der Piraten über seine Schulter geworfen als sei ich ein Sack. Mal davon abgesehen, dass seine Schulter unbequem war und bei Cassius selbst jetzt noch die größere Gefahr einer Flucht bestand. Obwohl er genauso gefesselt war wie ich, brauchte es zwei Männer, die ihn trugen und selbst diese hatten Probleme ihn zu halten. Ich fragte mich kurz, ob ich vielleicht zu wenig Gegenwehr leistete. Es war an sich schon seltsam, wie ruhig ich blieb, obwohl mich diese Gefangenschaft doch schon sehr in meinen Plänen zurück warf.
'So kommst du nicht nach Sindria, schon vergessen?', fragte eine meiner Stimmen und ich wusste, dass sie Recht hatte. Doch sollte ich mich wirklich wehren und dabei riskieren, dass sie Cassius etwas taten?
Würden sie das tun, hätte ich den anderen noch weniger unter die Augen treten können als zuvor. Sicher hätten mir die Mitglieder der Karawane das übel genommen. Für sie hätte es dann so ausgesehen, dass ich nicht versucht hatte, ihren Karawanenleiter zu beschützen. Selbst, wenn sie wussten, dass meine Kampferfahrung gleich null war und ich mich für eine Schlacht nicht sonderlich eignete. Als Bodyguard wäre ich hier also durchgefallen. Alles, was ich da noch tun konnte, war mit diesen Piraten zu kooperieren, für den Moment.
Richtig, ich hatte nicht vor, lange bei den Piraten zu bleiben. Wenn sie uns irgendwo einsperrten, konnten wir sicher auch fliehen. In meinem Kopf bildete sich bereits ein Plan. Sicher, wir waren gefesselt, aber die Art wie sie mich gefesselt hatten, wie ich es ihnen nur gestattet hatte, gab viel Freiheiten. Freiheiten, die ich vorerst besser nicht aufs Spiel setzte, indem ich sie nutzte.
Die Frage war nur, wie ich das Cassius erklären sollte? Momentan war ich viel zu weit von ihm entfernt. Ich konnte ihn damit nicht einmal in meinen Plan einweihen. Zumindest nicht, wenn ich diesen nicht verraten wollte. Ich musste also einen Zeitpunkt abfangen, an dem wir mal unmittelbar nebeneinander waren und ich ihm erzählen konnte, was ich vor hatte.
„Sarim, hilf uns. Dieser Bursche ist ganz schön wild.“
„Und wer soll dann die Hexe tragen?“
Ich verdrehte die Augen, denn ich war nicht scharf darauf gewesen getragen zu werden. Sie hätten mir auch einfach die Füße losmachen können, ich wäre schließlich auch freiwillig mitgekommen. Noch dazu, nur weil ich zauberte, war ich keine Hexe, aber wahrscheinlich entsprachen die Vorstellungen der Magi-Hexen nicht jenen, die wir in meiner Welt hatten. Wobei ich gestehen musste, dass es selbst da Differenzierungen gab.
„Ruriel kann sie tragen.“
„Genau, ich kann sie auch tragen. Du willst immer nur die Frauen tragen weil sie leichter sind.“
„Diese Hexe ist auch kein Fliegengewicht.“
„HEY!“
Es war ein Reflex, der sich ergab, als ich hörte was der Pirat etwas über mein Gewicht äußerte. Das war etwas, dass ich nicht einmal in meiner Welt hören wollte. Um ihm das zu demonstrieren, schlug ich mit meinen gefesselten Händen gegen seinen Rücken, was mit einem „Uff“ quittiert wurde.
„Ich will sofort von diesem Ruriel getragen werden, du Ekel!“, murrte ich und spürte, während ich wackelte und mich bewegte um weg von diesem Typen zu kommen.
„Halte still, Hexe, oder ich werde deinem Freund ein paar Kiemen einritzen.“
„Dafür müsstest du Idiot mich endlich loslassen und das scheinst du ja nicht vor zu haben!“, konterte ich und ließ erneut meine Fäuste gegen seinen Rücken schlagen. Erneut uffte er und ließ mich etwas rutschen, so dass mir das Herz beinahe in die Hose rutschte. Er merkte allerdings, dass sich mein Gewicht unangenehm verlagerte. Unangenehm sowohl für ihn, als auch für mich, weswegen er mich leicht hoch hievte, wobei es sich für mich so anfühlte wie ein leichter Wurf. Das schlimmste daran war, dass ich mich nicht panisch an ihn krallen konnte, sondern einfach darauf vertrauen musste, dass er mich nicht fallen ließ.
„Zappel nicht so, oder du fällst, Hexe. Beschädigte Ware verkauft sich nicht so gut.“
„Beschädigte Ware?“
Ich schrie fast vor Entsetzen, denn ich glaubte zu verstehen, dass ich als Sklavin verkauft werden sollte. Auch wenn ich bereits einen Fluchtplan sponn und mir so etwas längst hätte klar sein müssen, traf diese Erkenntnis mitten in das Epizentrum meiner Angst.
„Sarim, ich trage sie. Ich fürchte sie ist mit deinen Methoden nicht einverstanden. So kommen wir nie zum Hafen, wenn sie uns nun auch Probleme macht.“
Da ich die Person nicht sehen konnte, die gerade diesen Sarim ansprach, ruckelte ich etwas mehr, so als wollte ich die Worte der Person weiter unterstreichen. Dabei war es gerade die Panik, die meine Sinne Stück für Stück mehr vernebelte.
„Ruriel... Du versuchst dich nur wieder bei Ikram beliebt zu machen.“
Schweigen herrschte auf Sarims Worte, so als wäre dessen Bemerkung an Ruriel abgeprallt. Vor meinem inneren Augen sah ich förmlich, wie dieser Sarim schweigend ansah, ernst aber doch sehr bestimmend.
„Sarim, nun gib ihm schon die Hexe und hilf uns. Ikram wird es nicht mögen, wenn wir noch mehr Zeit verschwenden.“ Es war erneut einer der anderen Piraten, die sich in diese offene Rivalität einmischten.
Wieder kam Stille auf, doch nach einigen Sekunden spürte ich, wie ich angehoben wurde. Ich sah wie die Welt sich ein wenig aufrichtete und ich in die andere Richtung gedreht wurde. Dahin wo ein Pirat mit eindringlichen blauen Augen stand. Er trug wie die anderen auch, ein zerschlissenes Hemd und Hosen was deutlich machte, dass er schon längere Zeit als Pirat auf offener See war. Dabei wirkte sein Gesicht wie das eines Mannes, der gerade mal die Hälfte seines Lebens, wo auch immer die in der Welt des Magi-Fandoms lag, erlebt. Dennoch, im Vergleich zu den anderen Piraten, wirkte er trotz seiner Wildheit harmlos. Auch wenn mir bewusst war, dass er nicht ungefährlich war, beruhigte es mich doch ein wenig, als er mich über seine Schulter hievte. Die Gefahr als Sklavin verkauft zu werden, war zwar nicht in die Ferne gerückt, aber etwas an ihm war so beruhigend. Vielleicht war es sein Geruch, der an das Meer erinnerte. Er war nicht herb, sondern frisch, wie eine Brise. Seltsam wenn man bedachte, wie er aussah.
„Hör auf dich zu wehren. Niemand kann gegen sein Schicksal ankämpfen. Es zu akzeptieren, wird es erträglicher machen.“ Seine Worte waren ein entschuldigendes Flüstern, als er seinen Arm um meine Taille schlang, damit ich nicht von seiner Schulter fiel. Seine Worte hatten aber nichts tröstliches für mich. Viel eher erinnerte sie mich an Nel, der mir gesagt hatte, dass das Schicksal sicher einen Platz für mich hatte. Wenn dieser Platz nun doch der einer Sklavin war, konnte man dieses Schicksal nur verabscheuen. Wie gut, dass ich bereits schwarzes Rukh hatte, denn sonst wäre ich nun in tiefste Verzweiflung gefallen, ohne Wiederkehr.

Ob sie glaubten, dass ich mein Schicksal akzeptiert hatte, war mir egal. Selbst das ich nur noch wenige Schritte vom Sklaventum entfernt war, hätte mich nicht weniger interessieren können. Selbst mein Plan, mich im richtigen Moment zu befreien, war vollkommen in Vergessenheit geraten. Irgendwo im hintersten Eckchen meines oberen Stübchens existierte er vielleicht noch, aber es interessierte mich einfach nicht mehr.
„Tschuldigung“, hörte ich Ruriel wispern, als ich etwas von seiner Schulter rutschte, da er die Planke des Schiffes hinaufstieg, welches nun vor dem Hafen ankerte. Ich antwortete nicht, sondern sah mir einfach die Bilder des zerstörten Hafens an. Blut war auf dem kalten, grauen Stein zu sehen, Leichen von Wachposten und einzelne Häuser brannten noch lichterloh, weil sie von den Angriffen der magischen Utensilien getroffen worden waren. Es roch sogar nach verbrannten Fleisch, was ich nur unterschwellig wahrnahm, weil Ruriels Geruch immer noch kräftig an meinen Nerven kitzelte.
Wie viele von diesen Schäden hätten vermieden werden können, wenn sich alle einfach ihrem Schicksal ergeben hätte? Sicher viele, aber im Gegensatz zu mir hatten sie alle einen Grund zu kämpfen. Familie, Freunde, Freiheit. Das waren alles Dinge, die ich so gesehen nicht hatte, nicht in dieser Welt.
Meine Freiheit und zweite Familie hatte ich verloren, als ich aus Balbadd geflüchtet war, Freunde hatte ich unter Cassius Leuten nicht gefunden und alles an allem war ich seit meiner Ankunft in dieser Welt eine Gefangene. Ich hatte nicht selbst entscheiden können, hier her zu kommen. Irgendwer anders hatte das entschieden. Der Mann mit Kufiya vielleicht. Zumindest vermutete ich, dass ich meinem Aufenthalt bei Ugo ihm verdankte. Einzig dass ich Leben wollte... Das war die erste und letzte Entscheidung, die ich bei Ugo getroffen hatte. Und wofür? Um irgendwo als Sklavin zu enden. Als magische Sklavin. Vielleicht war ich dadurch sogar zu Recht in dieser Welt. Einer Welt, in der niemand sein eigenes Schicksal selbst in die Hand zu nehmen schien. Eine Welt, in der die Rukh die Geschicke der Menschen leiteten und eine dunkle Organisation gegen das Schicksal rebellierte. Gegen die eigene Bestimmung. Was war so falsch, daran gegen eine Bestimmung zu kämpfen, die man nicht selbst gewählt hatte? Was war falsch daran, selbst entscheiden zu wollen? Sicher, die Wege dieser Organisation waren nun auch nicht das Gelbe vom Ei, aber der Gedanke, dass man dem eigenen Schicksal entfliehen konnte, war doch zu verführerisch. Eine zweite Chance zu erhalten und seinen eigenen Weg zu wählen, dass war doch alles, was man sich wünschen konnte.
'Und selbst dieser eigens gewählte Weg, ist Schicksal. Du kannst dem nicht entfliehen. Das Schicksal hat viele Fäden die für dich vorherbestimmt und gewoben wurden. Es liegt an dir, welchen Faden du aufnimmst. Erinnere dich an dein Studium und das Gedankenexperiment mit dem Tagebuch, dass dir die Zukunft vorhersagt. Egal was du tust, das Tagebuch wird immer Recht behalten.'
„Sei ruhig...“, antwortete ich auf die Stimme in meinem Kopf, die eindeutig Recht hatte, was ich nicht sehen wollte, da ich lieber in Selbstmitleid und Verzweiflung zerfloss. Unglaublich eigentlich, dass es noch ein paar Gedanken in meinem Kopf gab, die so vernünftig denken konnten.
„Es tut mir leid, dass ich atme...“, antwortete Ruriel, der meine Worte scheinbar auf sich bezog. Für gewöhnlich wäre mir nun die Schamesröte in die Wangen geschossen, doch dieses Mal war es mir egal. Ich war absolut immun, im Moment, gegen irgendwelche Emotionen.
„Da seid ihr endlich. Die Hexe kommt unters Deck. Der Fanalis zu den anderen Aufmüpfigen.“
Ich hörte, kaum, dass wir die Planke hinter uns gelassen hatten, die tiefe Bassstimme eines Mannes, den ich durch meine unpassende Lage aber nicht erkennen konnte. Sicher hatte die Verzögerung durch den Streit zwischen den Piraten sie einige Minuten im Zeitplan zurück geworfen, was ihnen meiner Meinung nach recht geschah.
„Ist Ikram wieder zurück?“
Ruriel setzte mich an Deck des Schiffes ab und machte sich daran, meine Füße zu entfesseln. Augenscheinlich waren sich die Piraten nun absolut sicher, dass ich nicht mehr entkommen konnte. Ich hatte dadurch aber auch genug Zeit um mich umzusehen. Cassius wurde gerade ebenfalls etwas anders verschnürt, allerdings machte seine Gegenwehr es nötig, dass insgesamt sieben Piraten damit beschäftigt waren ihn in Zaum zu halten. Hätte ich so viel Kraft wie er, wäre ich sicherlich auch keine angenehme Genossin gewesen. Doch alles was ich hatte, war schwarzes Rukh und Magie, die ich ohne Zauberstab nicht einmal kontrolliert einsetzen konnte. Nels Stab erblickte ich jedoch auch, als er mit anderen Sachen zu einer Tür Oberdeck geführt wurde.
„Entschuldige die Verspätung. Wir haben einen jungen Mann gefangen, der von den Fanalis abstammt. Seine Kraft steht zwar nicht im Vergleich zu einem Vollblutigen, aber er hat einiges an Ärger gemacht. Ikram hat sich persönlich um ihn gekümmert.“
Es war ein kurzer, aber wohl stimmiger Bericht, den Sarim vortrug. Wobei ich das Gefühl hatte, dass er ein wenig zu stolz von der Prinzessin sprach. Dabei stand er vor einem Mann, oder eher einem Wesen, dass ihn um fast das Doppelte überragte. Das konnte ich zumindest sehen, als ich zu den beiden blickte. Ich konnte im Dunkeln zwar nicht viel sehen, aber der Leuchtturm sorgte dafür, das einiges von diesem Wesen sichtbar wurde, als Silhouette und teils auch in Farbe. Augenscheinlich, war dieses Wesen der Kapitän. Zumindest deutete ich das aus Sarims Art, wie er mit diesem Wesen sprach.
Abgesehen von der unstimmigen Zahl an Armen, es hatte ganze vier davon, meines Wissens nach besaßen Menschen nur zwei, wenn sie körperlich unmutiert und gesund waren, störte ich mich doch an den Kamm, der fischiger Natur war und seinen gesamten Rücken hinab ging. Es schien sogar so, dass dieser Fischkamm seine Haare waren, denn sie zierten seinen Körper nicht nur am Rücken, sondern auch auf dem Kopf und schimmerten im Licht des Dungeons in einem bläulichen Lila. Mir stellte sich einen kurzen Moment die Frage, wie die Piraten an so einen... Kapitän gekommen waren. Sahen sie denn nicht einmal jetzt, im Licht des Turmes seine schuppige, Haut? Merkten sie nicht, dass seine Farbe sich von denen menschlicher Natur unterschied? Ich meine, abgesehen vom Hulk, welcher Mensch war schon grün und leuchtet glitschig silber und blau? Nicht einmal der Hulk leuchtete oder glitzerte silber und blau. Nur Edward tat das unter den richtigen Lichteinwirkungen. Aber auch er tat nicht beides grün sein und glitzern. Der einzige mutierte Mensch in Magi, der mir bekannt war, war Drakon und selbst er hatte nicht so eine Farbe.
„Schon gut, auch heute habt ihr gute Arbeit geleistet.“ Seine tiefe Stimme war mehr das Brummen eines Basses, als eine Stimmlage. Sie vibrierte in der Stille der Nacht und übertönte die Klageschreie jener, die alles zu beklagen hatten.
Es gab nur eine wichtige Frage, die sich mir gerade stellte. Hatte er Kiemen? Oder war er vielleicht wie Drakon ein Mensch gewesen, der durch eine Assimilation diese Form angenommen hatte? Nein, wichtiger war doch ob er Kiemen hatte und dennoch an Land atmen konnte.
„Wir können ihn nicht halten!“
Ich hörte wie Rufe laut wurde und wollte gerade zu der Stelle sehen, von wo sie kamen, als mich Ruriel am linken Oberarm packte und in Richtung zur Treppe, die unter Deck führen sollte, zog. Ich fragte mich, warum er es auf einmal so eilig hatte, nachdem er sich augenscheinlich mit dem Entfesseln meiner Füße Zeit gelassen hatte. Er war aber nicht schnell genug, denn aus dem Augenwinkel sah ich Cassius Silhouette, wie sie sich freikämpfte und er auf den Kapitän zustürzte. Der Kapitän fiel, das dumpfe Geräusch von einem Handgemenge wurde an Deck laut, während mich Ruriel weiter in die Richtung der Treppe zerrte. Ich versuchte etwas Gegengewicht auszuüben, denn ich wollte sehen, was passierte. Oder viel mehr wollte ich mich versichern, dass Cassius gewann.
Ich vernahm nur noch eine Bewegung des Kapitäns. Eine ausholende Faust, die Reling, die bedrohlich nahe an Cassius Rücken war, das Knarzen von Holz und just als der entscheidende Schlag landen sollte, hatte Ruriel es wirklich geschafft mich jeglicher Sicht zu berauben und weg vom Ort des Geschehens zu zerren. Ich sah nur noch andere Gefangene und unter dem Klagegeschrei hörte ich ein leises „Platsch“, dass deutlich nach einem über Bord gehenden Körper klang. Ein zweites „Platsch“, folgte dem ersten und abgesehen von den Mitgefangenen die ihr Klagelied sangen, kehrte Stille ein.
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