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Im Zeichen des Rukh

von Erenya
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Aladdin Alibaba Saluja Judar Morgiana OC (Own Character) Sinbad
27.05.2015
01.01.2017
26
219.342
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30.12.2015 8.503
 
Ich konnte immer noch nicht ganz glauben, dass diese Flecken wirklich fast vollständig rausgegangen waren. Man sah sie zwar noch, wenn man genauer hinsah, aber für die Reise würde das noch reichen. Mehr musste es auch nicht. Außer ich fand keine Arbeit und ich musste mich auf eine längere Zeit in der freien Natur einstellen.
„Wenn du die Möglichkeit hast, solltest du die Sachen heute etwas an der Luft trocknen lassen. So lüftet auch noch die Hose etwas und man riecht das Kamel nicht mehr.“
Ich verzog angewidert das Gesicht, als Chen das Kamel, oder viel mehr dessen Hinterlassenschaften erwähnte. Der Geruch war wirklich immer noch nicht vollständig raus, was aber einzig und allein daran lag, dass man die mir bekannten Waschmittel meiner Heimat nicht in dieser Welt kannte, geschweige denn Waschmaschinen. Ich hatte meine gesamte Kleidung ganz altmodisch mit Seife und einem Waschbrett waschen müssen, wobei Chen noch etwas ins Wasser getan hatte, von dem ich besser nicht wissen wollte, was es war.
„Danke für deine Hilfe heute. Ich bin mir sicher, dass was du mir gezeigt hast, wird mir auch in der Zukunft helfen.“ Auch wenn es mir immer noch unangenehm war, dass jeder hier wusste, wie unwissend ich war, konnte ich nicht anders als mich bei Chen zu bedanken. Je mehr ich lernte, desto besser standen schließlich künftig meine Überlebenschancen.
„Wenn ich meiner Mutter erzähle, dass ich mit einem Waschbrett meine Sachen gewaschen habe, wird sie mir das sicher nicht glauben.“ Ich lachte und vergaß dabei vollkommen, wie unbedacht meine Worte waren.
„Du hast also wirklich noch nie mit einem Waschbrett gewaschen?“
Ich zuckte zusammen auf Chens Frage und errötete, während ich mit dem Kopf schüttelte. Ich konnte ihm unmöglich von den Waschmaschinen meiner Welt erzählen.
„Wir haben sozusagen jemanden der das für uns macht.“ Es musste seltsam klingen, aber es war die Wahrheit. So gesehen hatten wir ja wirklich jemanden oder eher etwas, dass diese mühselige Arbeit für uns erledigte.
„Dann musst du zu der vermögenderen Gesellschaft gehören.“
Vermögendere Gesellschaft? Ich? Ich verzog das Gesicht zu einem sarkastischen Grinsen. Ich war mit Sicherheit alles, aber kein Teil der vermögenderen Gesellschaft. Das mochte vielleicht für die Verhältnisse hier stimmen, aber meine Zeit und Welt war vollkommen anders. Dennoch war es wohl besser, wenn ich es vermied Worte wie „Waschmaschine“ oder dergleichen zu verwenden. Es reichte schon das Kouha über diese Geräte Bescheid wusste, mehr oder minder, denn die Autos waren für ihn sicher interessanter gewesen.
„Für die Verhältnisse hier stimmt das vielleicht. Bei uns... eher nicht.“ Erneut musste ich an diesem Tag an meine Heimat denken. Es war nicht so, dass ich den Komfort vermisste, denn ich hatte mich seit einem Monat an das Leben hier gewöhnt, verdammt schnell, wenn ich das so sagen durfte, doch die Menschen hier ersetzten nicht meine Freunde und Kollegen. Ebenso wenig würden meine Freunde die Menschen hier ersetzen können. Jene Menschen, die mir bereits so sehr ans Herz gewachsen waren, dass ein endgültiger Abschied schwer fallen würde.
„Nur wie soll ich nach Hause kommen?“, wisperte ich mir zu, ganz in Gedanken versunken, so wie ich es auch tat, wenn ich ganz alleine war.
„Erenya?“
Erschrocken sah ich auf, als ich Chens Stimme vernahm. Ich hatte ihn vollkommen vergessen. Ein leichtes, wenn man bedachte, dass Chen eher zu der ruhigen Sorte von Begleitern gehörte.
„Tut mir leid. Ich bin wohl ziemlich müde. Heute werde ich früher zu Bett gehen, natürlich nur wenn die Mädels mich lassen.“
Ich fühlte mich schlecht bei dieser Ausrede. Müde war ich wirklich nicht mehr. Im Gegenteil ich schien sogar schon wieder munterer zu werden, was ich gebrauchen konnte, wenn Panthea oder die Jungs von Nebenan wieder Krawall schlugen. Chen verstand das anscheinend, was mich nicht sonderlich verwunderte, denn er selbst hatte mit den Jungs die Nacht verbracht, so dass ihm klar sein musste, was mir gerade vielleicht durch den Kopf ging, wenn es nicht einfach eine Lüge gewesen wäre.
„Dann ruh dich gut aus. Unsere Reise ist noch lang und wenn wir morgen wieder aufbrechen, kann jede Minute Schlaf und Erholung nützlich sein.“
Ich nickte auf seine Worte. Länger als erhofft würde diese Reise definitiv werden. Immerhin fuhren keine Schiffe von hier nach Sindria. Wie auch, Bitroun war eher eine kleine Fischerstadt, deren Hafen mehr gelegen für Fischerboote, als für Handelsschiffe war. Meine Hoffnung ruhte damit weiter auf Aza und auf der Karawane, von der ich bis zu meiner Ankunft dort ein Teil sein würde. Mir war nur nicht ganz klar, was ich darüber dachte. Einerseits war ich enttäuscht, dass mein Ziel doch nicht schneller in greifbare Nähe kam, andererseits freute sich ein Teil in mir drüber, dass ich weiterhin Zeit mit Varius und den anderen verbringen konnte.

Meine Wege mit Chen hatten sich noch vor Eintritt in den Gasthof getrennt. Er wollte nach seinem Herren suchen, damit er diesem von der erfolgreich erledigten Lieferung berichten konnte. Ich hingegen wollte nur noch in das Zimmer der Mädchen und meine frisch gewaschene Wäsche aufhängen, damit diese noch restlos trocknen konnte. Noch dazu hoffte ich auch diesen Stab nicht mehr sehen zu müssen. Immerhin hatte ich Panthea und Nel eine klare Anweisung gegeben.
Meine Erwartungen wurden allerdings enttäuscht als ich das Zimmer betrat und der Stab mich aus der Ecke heraus angrinste, als wollte er mir damit sagen, dass ich ihn nicht mehr so schnell los werden würde. Wut brodelte in mir hoch. Dieser Stab war der Beweis dafür, dass Panthea mich belogen hatte und das wahrscheinlich auch der Rest von Cassius Leuten in diese Lüge verstrickt war. Sogar Cassius. Ich konnte mir zumindest nicht vorstellen, dass keiner seiner Leute ihm gesagt hatten, was sie durch mich im Schlaf erfahren hatten.
Wenn Panthea und Nel nun also nicht freiwillig dieses Werkzeug zurücknehmen wollten, dann musste ich es eben selbst machen. Die Frage war nur, wo sich die beiden aufhielten. Wobei, vorerst, hatte ich noch etwas besseres zu tun. Ich musste meine nassen Sachen aufhängen. So wie es Chen mir angeraten hatte. Mit muffeligen halbtrockenen Sachen wollte ich nicht umher reisen. Sonst wäre die Wäsche ja umsonst gewesen.
So schnell ich konnte, packte ich die Wäsche aus, hing sie nahe des Fensters über einen Balken und seufzte leise. Was wusste diese Gruppe noch über mich? Wie viel hatte ich im Schlaf über mich preis gegeben? Sadiq hatte das ja schon einmal angedeutet und leider Gottes konnte man gegen so etwas nichts machen. Dennoch, ich musste herausfinden wie ich das abstellen konnte.
Allerdings gab es aktuell ein anderes Problem, welches mir wieder bewusst wurde, als ich zu dem Stab sah. Das Symbol der Lügen war immer noch hier. Es sollte aber nicht in meinem Besitz sein, sondern in Nels. Warum verdammt hatte keiner von ihnen mir erklärt, dass die beiden Magier waren? Nel hätte meine Schulter sicher ganz einfach heilen können. Oder war er dazu nicht in der Lage? Vielleicht hätte ich ihn besser gefragt, nachdem er mir die Wahrheit erzählt hatte. Allerdings war das jetzt sowieso nicht mehr von Belang. Fakt war, sie hatten mich belogen und reingelegt.
'Warst du besser?' Der Gedanke kam mir ganz plötzlich, doch irgendwie wog die Enttäuschung, dass sie nicht ehrlich zu mir gewesen waren, tiefer.
'Jeder hat doch seine kleinen Geheimnisse, selbst du.'
Ja, wir alle hatten Geheimnisse, aber dieses... Ich wusste nicht wieso, aber diese Lüge wog soviel schwerer als meine Geheimniskrämerei auch wenn es für andere wohl genau dasselbe gewesen wäre.
„Wird Zeit, dass ich das Ding, schnellst möglich loswerde...“, nuschelte ich leise und strich mit einem Finger über das Holz des Stabes. Irgendetwas in mir fand es doch schon schade, dass ich diesen Stab nicht benutzen oder behalten konnte. Gerade der Alexandrit hatte eine magische Wirkung auf mich. Ich mochte den Stein immer noch, aber wozu? Wozu sollte ich einen Stab mit mir herumschleppen den ich nicht einmal nutzen wollte?
'Schon ein wenig widersprüchlich, huh?' Ich nickte, als wollte ich der Stimme in meinem Kopf antworten. Verdammt, ich brauchte bald etwas Papier zum Schreiben, sonst würde ich hier noch durchdrehen.
„Egal, er muss weg...“
Ohne längeres Zögern fasste ich nach dem Stab und festigte meinen Entschluss diesem Nel eben zurückzugeben, wenn er sich nicht nehmen wollte, was ihm gehörte. Dazu musste ich ihn nur finden. Aber ich wusste ja, wo das Zimmer der Jungs war. Vielleicht hatte ich Glück und konnte ihn dort gleich finden und erneut zur Rede stellen.

Es hätte mir ja klar sein müssen, dass die Rückgabe des Zauberstabes nicht so einfach sein würde. Schon ein wenig verloren stand ich vor dem Zimmer der Jungs, doch keiner öffnete. Scheinbar gehörte Stubenhockerei nicht zu der Freizeitbeschäftigung der Reisegesellschaft. Weder Chen war da, noch Tiberius. Einfach niemand.
„Bin ich wirklich die einzige, die nach getaner Arbeit zurück geht?“ Ich seufzte leise und schüttelte den Kopf. Mir blieb wohl nichts anderes übrig, als Nel zu suchen und den Informationen, die ich durch Varius erfahren hatte, zu urteilen, gehörten Nel und seine Schwester zu den Menschen, die gerne mal in einer Bar oder Taverne etwas tranken. Ich musste also nur alle möglichen Orte für ein Saufgelage aufsuchen. So viele sollten das nicht sein. Hoffte ich zumindest.
Ich wandte mich von der Tür ab, erstarrte aber förmlich in der Bewegung, als ich etwas oder viel mehr jemand schemenhaft erblickte. Ich konnte sogar schwören, dass ich seine Bewegungen sogar hörte. Wie, das scheppern einer Rüstung. Das würde passen, denn ich glaubte ebenfalls eine Waffe zu sehen oder eher den Teil einer Waffe, der zu einer Lanze gehören konnte.
„Spartos... War das nicht sein Name? Oder Sandros?“ Ich erinnerte mich dunkel an den ruhigen General aus Sinbads Reihen und fasste einen spontanen Entschluss. Die Münze aus Sindria, dann die Silhouette eines Mannes der ein General aus Sinbads Reihen sein konnte... Das war ein Zeichen, dem ich folgen wollte.
Ich lauschte weiter dem Klappern der Rüstung und folgte mit einigen Abstand meinem Subjekt. Fest hielt ich den Stab umklammerte und lief die Treppen runter um dem Lanzenträger zu folgen.
'Was macht er eigentlich hier? Hat er einen Auftrag von Sinbad? Soll er den Dungeon auskundschaften?' Es waren Fragen die mir in den Kopf schossen, während ich der Gestalt, von der ich immer noch keine deutlicheren Schemen erkennen konnte, folgte. Ich behielt dabei einen gewissen Abstand, denn es wäre mit Sicherheit seltsam gewesen, einfach auf ihn zuzugehen und zu sagen „Jo, Spartos, Kumpel, nimmst du mich mit nach Sindria, wenn du hier fertig bist?“ Ja. Das wäre definitiv seltsam gewesen. Ich konnte ihm also nur folgen, in der Hoffnung, dass ich irgendwann eine Möglichkeit hatte, ihn anzusprechen und ganz dezent fallen zu lassen, dass ich nach Sindria wollte.
Ich weiß, dieser Hintergedanke war gemein. Aber ich wollte, nach der Woche mit meiner Reisegruppe, dieser nicht länger zur Last fallen. Stattdessen wäre ein Reisebegleiter aus Sindria schon eine gute Alternative.
'Ich halte das für keine gute Idee.'
Ruhe auf den billigen Plätzen im Kopf. Es mochte vielleicht nicht die beste Idee sein, die ich seit Tagen hatte, aber ich hatte seit Tagen keine einzige gute Idee. Demnach würde diese die Kuh auch nicht mehr fett machen.

Ich hatte vermeintlich Spartos lange Zeit mit genug Abstand folgen können. Dank dem Geklapper seiner Rüstung war das auch nicht zu überhören und doch, am Hafen, hatte ich ihn verloren. Ich weiß nicht wie und warum, aber plötzlich war dieses Klappern in den kleinen Menschenmengen untergegangen. Ich wusste nicht wieso. Hatte er mich vielleicht bemerkt? Wäre eigentlich verwunderlich gewesen, denn ich hatte mir nicht sonderlich viel Mühe gegeben diskret zu sein. Oder viel eher, ich wusste nicht, wie man jemanden beschattete, ohne aufzufallen. Mit Sicherheit hatte ein erfahrener Kämpfer wie Spartos meine Aura wahrgenommen und sich schließlich versteckt.
„Na super... soviel zu meiner Idee, so nach Sindria zu kommen“, seufzte ich leise und sah mich am Hafen um. Er wirkte leerer als vor einigen Stunden, als ich mit Chen hier gewesen war. Die Fischer hatten ihre Stände abgebaut und die einzige Geräusche die die Luft erfüllten waren, das Rauschen des Meeres und die Stimmen die aus den nahegelegenen Kneipen und den Freudenhäusern kam. Super.
Seufzend schüttelte ich den Kopf und ließ meinen Blick über den Hafen schweifen, hoffend, dass ich vielleicht doch noch einen schemenhaften Schatten von Spartos erblicken konnte. Doch alles was ich sah, waren Fässer, Fässer und noch mehr Fässer.
„Fässer... erinnert mich an etwas...“, murmelte ich mit einem Grinsen und ging auf eines der Fässer zu. Wie war das in der Sinbad OVA gewesen?
„Klar, Yunan hockt da sicher drinne...“, flüsterte ich leise mit einem Grinsen auf der Lippe und ging zu einem der Fässer. Das Yunan wirklich da drinnen hockte war schon unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich wenn man seine Leidenschaft für enge, dunkle Orte bedachte. Sinbad hatte ihn ja auch in einem Fass voller Früchte gefunden. Irgendwie war dieser Gedanke einfach nur belustigend. Wieso sollte mir dasselbe passieren wie einem gewissen König? Dennoch... Wem würde es wehtun wenn ich ein Fass just for fun öffnete?
„Niemand, also, Augen zu und durch.“
Mit einem belustigten Grinsen griff ich zum Deckel des Fasses und hob diesen an. Seltsam, denn bevor ich den Inhalt erblickte, hielt ich die Luft an und wartete gespannt, als würde ich wirklich einen Magi in diesem Fass vermuten.
Kaum dass ich den Inhalt, eine große Menge an Birnen, sehen konnte, machte sich so etwas wie Enttäuschung in mir breit, auch wenn ich nichts anderes erwartet hatte. Oder doch?
„Warum konnten es keine Pfirsiche sein?“, fragte ich mich laut als wollte ich mir damit meine Enttäuschung erklären. Oder mir weismachen dass ich nicht enttäuscht war, weil ich keinen Yunan darin vorgefunden hatte.

Nachdem ich Spartos Spur unwiderruflich verloren hatte, war mein Entschluss, meinen ursprünglichen Plan wieder aufzunehmen, gefallen.
„Dann zurück zur Suche nach Nel.“ An sich war dieses Umplanen keine schlechte Idee. Mal ehrlich, hier am Hafen waren mehr Kneipen als gut proportionierte Models auf dem Laufsteg. Es war also sehr hilfreich, dass ich nun aus meiner Not, oder eher meinem Verlust, eine Tugend machte. Man nannte das wohl, das beste aus einer Situation machen.
„Welche Bar wähle ich zuerst?“
Da ich hier am Hafen unter einigen Kneipen zu finden waren, standen meine Chancen nicht schlecht, Nel zu finden. Außer ich wählte die falschen und Nel verließ die Richtige, bevor ich sie fand.
'Ist es nicht etwas zu früh über so etwas nachzudenken?' Meine Innere Stimme hatte Recht. Ich konnte mir Sorgen über so etwas machen, wenn ich die gefühlte hundertste Bar abgeklappert hatte.
„Wuahahahahahahahaha! Mach das noch einmal, Varius! Mach es noch einmal.“
Ich zuckte zusammen, als ich ein lautes Lachen hörte. Die Stimme kam mir nur zu gut bekannt vor.
'Siehst du.' Ich konnte wieder einmal sehen, wie eine meiner besseren Hälften mich breit angrinste. Gut, ich gebe es zu, so schwer war es nun nicht mindestens Tiberius und Varius zu finden. Das hieß aber nicht, dass sie wussten wo ich Nel fand. Wahrscheinlich waren die beiden jetzt schon zu betrunken um mir eine klare Antwort zu geben, oder sich zu erinnern. Zumindest klang Tiberius Stimme ein wenig lallend. Ich wollte gar nicht wissen, seit wann die beiden schon in der Kneipe saßen und tranken. Dennoch, solange der Herr Wächter laut genug war, konnte ich ohne Probleme seiner Stimme folgen und den richtigen Ort finden.

Es war in der Tat nicht schwer und dauerte maximal zehn Minuten bevor ich in der richtigen Kneipe stand und mir förmlich die Augen aus dem Kopf fielen, als ich sah, wer da alles gemeinsam an dem Tisch saß.
„Noch einmal, noch einmal!“, rief Tiberius und ich sah zu, wie Varius, der wie Tiberius seine Rüstung abgelegt hatte, mit einem Schleier vor dem Mund und freien Bauch eine Bauchtänzerin zu imitieren versuchte. Dabei tänzelte er um die anderen Mitglieder von Cassius' Gefolge herum und sprach mit verstellter Stimme. Tiberius war dabei der Lauteste und forderte mit seinem 'noch einmal' Varius dazu auf, nicht aufzuhören. Panthea fand diese Vorstellung so albern, dass sie förmlich mit dem Oberkörper auf dem Tisch lag und auf die Platte schlug. Iunia lächelte, während sie an ihrem Krug nippte.
„Iunia, Süßes, du trinkst wie ein Spatz. Komm schon auf Ex!“
Ich wusste nicht was sie mit Iunia gemacht hatten, aber sie reagierte auf Varius Aufforderung und exte wirklich den ganzen Krug weg, den sie mit zwei Händen halten musste.
„Du auch Aurelius! Trink, trink. So schnell haben wir nicht noch einmal die Gelegenheit. Lasst uns saufen bis zum Morgen!“
Lachend tänzelte Varius vor Alexander herum, auf dessen Wangen sich doch tatsächlich ein rötlicher Schimmer abzeichnete und dem diese ganze Situation deutlich unangenehm war. Was taten sie nur meinem Baby an?
„Boah, Varius, setz dich endlich hin. Ich dachte du wolltest die Geschichte von Nel hören. Wenn du so herum hampelst, kommt er gar nicht dazu. Dabei ist sie wirklich gut.“
Es war alles in allem ein seltsames Bild. Denn selbst der Lehrer saß am Tisch und versuchte gerade Varius zur Ruhe zu bewegen, während Tiberius Worte ihn immer weiter anheizte weiter in seinem albernen Aufzug zu tanzen.
„Was? Wieso muss ich wieder eine Geschichte erzählen. Panthea ist dran!“
„Weil Pantheas schmutzige Geschichten keiner hier erträgt“, murrte Tiberius und entlockte damit Panthea ein dreckiges Lachen. Es war ohne Zweifel klar, dass sie wahrscheinlich wirklich eine Idee für eine Geschichte hatte, die sie erzählen konnte und dass diese alles andere als jugendfrei war.
Egal, so lange Nel oder Panthea oder wer auch immer seine Geschichte noch nicht zum Besten gab, hatte ich die Gelegenheit endlich diesen verfluchten Stab loszuwerden. Immerhin hatte ich ja nun den Gesuchten gefunden.
Ich holte tief Luft und hielt den Stab, den ich während meiner Verfolgungsjagd auf den Rücken geschnürt hatte, fest umklammert und ging auf die Gruppe von Cassius zu. Durch den ganzen Lärm waren meine Schritte nicht zu hören und doch sah Alexander auf und machte damit auch Tiberius und die anderen auf mich aufmerksam.
„Erenya, schön dich zu sehen, komm setz dich und trink mit uns!“, forderte Varius sofort und kam auf mich zu. Doch da ich mich hinter Nel platziert hatte, der sich zu mir drehte, und diesem sofort seinen Zauberstab entgegenstreckte, hielt Varius in seiner Bewegung inne.
„Ich habe dir gesagt, du sollst dieses Ding wieder an dich nehmen. Also... das ist deiner.“
Ich bemühte mich, meinen Blick so ernst wie möglich wirken zu lassen, doch Nel rührte sich nicht. Im Gegenteil, er sah von mir zu dem Stab in meiner Hand und machte keine Anstalten mir das Ding abzunehmen. Stattdessen drehte er sich wieder zu seinem Krug um und zeigte mir die kalte Schulter.
„Hey! Ich rede mit dir! Nimm mir gefälligst das Ding ab!“ Diese Haltung von Nel erzürnt mich. So hatte ich ihn mit Sicherheit noch nicht kennengelernt und der Alkohol würde bei mir nicht als Ausrede ziehen.
„Behalt ihn noch etwas. Ich will ihn im Moment nicht...“, erklärte er nur ruhig und hob seinen Krug an, den er an seine Lippen setzte.
„Was zum...! Du nimmst das blöde Ding gefälligst zurück! Ich will es nicht!“
Ernst sah ich zu Nel hinab, der aber keinerlei Anstalten machte sich wieder zu mir zu drehen. Erneut stieg meine Wut. Wie konnte dieser Wicht nur...
„Dreh dich gefälligst um, wenn ich mit dir rede und nimm mir das blöde Ding ab!“ Meine Worte wurden immer knurrender und ich wurde immer wütender. So konnte das doch nicht weitergehen. Ich machte mich hier vor allen zum Narren und noch dazu war die heitere Stimmung vom Tisch auf einmal wie erloschen. Etwas, dass ich in meiner Wut nicht bemerkte, denn sonst hätte ich realisiert, wie alle Blicke auf mir lagen.
„Hey!“ Da Nel auch weiterhin nicht auf mich reagieren wollte, wurde mein Ton harscher und schließlich erhob sich Nel und drehte sich zu mir um, wobei mich seine blauen Augen eiskalt und streng ansahen.
„Das reicht. Wir haben dir den Stab gegeben, damit du deinen Platz bei uns finden kannst. Wir sehen sicher nicht zu, wie du weiterhin nur als Ballast an uns hängst. Versager und Taugenichtse können wir in der Gruppe nicht gebrauchen.“
Seine Worte waren wie Eisdolche die mein Herz durchbohrten und obwohl sie so ruhig ausgesprochen waren, wich ich vor Nel ängstlich zurück. So hatte ich ihn noch nicht erlebt. Bisher kannte ich ihn nur lächelnd, freundlich und aufmunternd, aber was er da sagte, ließ alles das, was ich von ihm bisher kennengelernt hatte, wie eine Lüge erscheinen.
„So direkt hättest du es ihr auch nicht sagen müssen, dass sie momentan nutzlos ist, Nel.“
Mein Blick glitt zu Panthea die seufzend abwinkte.
„Was?“, fragte ich verwirrt und gleichzeitig zutiefst verletzt.
„Auch noch taub? Du hast doch Nel gehört. Der Stab wird den Rest der Reise in deinem Besitz bleiben. Hoffentlich bist du damit wesentlich effektiver als mit deinem kleinen Essbesteck, dass du Dolch nennst.“
Pantheas Stimme war ebenso kühl geworden, wie die von Nel, und es zeigte sich erneut deutlich, dass beide Geschwister waren. Dennoch wandte sich mein Blick hilfesuchend zu Varius und den Anderen, denn was sie sagten, war alles andere als fair. Doch Varius und die Anderen wandten sich ihren Krügen zu, oder unterhielten sich miteinander und taten so, als hätten sie nicht gehört, was da gerade gefallen war.
„Das ist also, was ihr die ganze Zeit über mich dachtet? Eure Freundlichkeit... das alles waren also Lügen...“
Auch wenn alles in meinem Körper danach schrie diesen dämlichen Stab fallen zu lassen, umklammerten meine Hände ihn trotzig.
'Komm schon, mach ihnen mal etwas Feuer und zeige wie nutzlos du bist.' Die Stimme in meinem Kopf klang verführerisch. In meinem Geiste formten sich bereits die Worte und doch presste ich meine Lippen zusammen.
„Schön... Dann bin ich eben nutzlos... Ich bin auch froh, wenn ich euch alle nicht mehr ertragen muss...“, flüsterte ich schwach und kämpfte gegen einen Schwall Tränen an, während ich mich von der Gruppe abwandte und zur Tür ging.
„Bleib sitzen, Aurelius“, hörte ich Varius sagen.
Keine Standpauke für Nel oder Panthea, nur der Befehl an Alexander, der vielleicht als Einziger verstand, wie beschissen hart mich diese Worte von Nel und Panthea getroffen hatte, und die Tatsache, dass wohl jeder das dachte. Mit Sicherheit hatten Tiberius und Varius allen von meinem erbärmlichen Training erzählt und nun wusste jeder, wie nutzlos ich in einem Gefecht sein würde.
Kein Wunder, dass sie mir da einen Zauberstab aufschwatzen wollten. Man musste nur einen Zauber sprechen und hatte dann mit viel Glück ein paar Gegner ausgeschaltet. So viel trauten sie mir also zu und wahrscheinlich nicht einmal das.

Die Kraft den Hafen zu verlassen hatte ich nicht. Stattdessen suchte ich mir eine ruhige Ecke und heulte mich aus. Auch wenn ich mich weit genug zurückgezogen hatte, hörte ich noch die Geräusche der Kneipen und Freudenhäuser. Ausgelassene Menschen, wie ich sie gerade hasste.
'Ist echt nicht dein Abend, huh?', hörte ich eine meiner Stimmen sagen. Nein, mein Abend war es wirklich nicht.
Ich hatte Spartos aus den Augen verloren, Nel nahm seinen dämlichen Stab, den ich immer noch umklammert hielt, nicht zurück und obendrein hatte ich erfahren, wie viel wert ich in Wahrheit in dieser Gruppe hatte. Keinen.
„Ich weiß nicht einmal ob ich wirklich zaubern kann... und sie gehen davon aus... Wenn ich es nicht kann... bin ich wirklich nutzlos, dann haben sie Recht.“
Ich biss mir auf die Unterlippe und sah auf den Stab hinab. Nutzlos... Ich konnte in dieser Welt wirklich nicht viel. Töten war immer noch ein Tabu und an meinen magischen Kräften zweifelte ich genug, um wahrscheinlich bei dem Versuch zu zaubern vollständig versagen würde. Es war so, wie die Magierin aus dem Teehaus gesagt hatte. Weil ich nicht an mich glaubte, würde nichts passieren. Erneut kochte in mir das Heimweh hoch. Solche Probleme gab es zuhause nicht. Solche Menschen ebenso wenig. Sicher, auch in meiner Welt gab es besondere Menschen, die klug und talentiert waren, aber ich hatte wenigstens genug Wissen gesammelt, um in meiner Welt überleben zu können. Ich hatte einen Job, der mir ein gesichertes Leben garantierte und musste dafür keine übertriebenen Dinge können. Die Fertigkeiten, die ich brauchte, waren leicht, vielleicht sogar zu simpel, anlernbar und meine Stimme. Nichts davon half mir hier.
„Was mache ich hier eigentlich? Was bringt es mir, nach Sindria zu gehen? Was bringt es mir, irgendwohin zu gehen...?“, flüsterte ich mir leise zu und lehnte meinen Kopf gegen die Wand, überlegend, was ich tun konnte oder nicht. Ich wusste im Augenblick nichts mehr. Was wollte ich? Was wollte ich nicht? Wohin führte mein Weg hier? Wohin würde er nicht führen? Wo war mein Platz in dieser Welt?
Das Schicksal hat sicher auch einen Platz für dich. Sonst wärst du ja nicht hier.
Ich wusste nicht wieso, aber die Worte Nels kamen mir wieder in den Sinn. Schon seltsam, dass es ausgerechnet die Worte von demjenigen waren, der mir klar gemacht hatte, dass ich innerhalb dieser Gruppe nutzlos war und man mir den Stab wohl nur überlassen hatte, in der Hoffnung, dass dies vielleicht meine Bestimmung war.
„Oh Mann... ich wünschte, die Rukh würden bezüglich meines Platzes mal mit mir kommunizieren... Das würde einiges sicher leichter machen...“, murmelte ich und fasste den Entschluss, dass es sicher nichts brachte, hier nun in Selbstmitleid zu zerfließen.
'Und wenn das Schicksal uns keinen Platz zugedacht hat, dann schaffen wir uns einen und schreiben es um.'
Oh ja, ich könnte es umschreiben. Mit Sicherheit würde das dem Schicksal nicht gefallen, aber was sollte mich das stören? Ich hatte immerhin schwarzes Rukh und damit alle Berechtigung wie ein Autor an den Geschichten dieser Welt herum zu fuschen.
'Fangen wir doch gleich mal damit an und rammen Nel seinen Magierstab in den Allerwertesten.' Dieser Gedanke war wirklich verführerisch. Verdient hatte er es. Dennoch...
'Das war sicher nur der Alkohol. Bei allen. Keine Sorge. Morgen stehen wir auf und alles ist wieder schön.' Hoffnungen. Vielleicht leere Hoffnungen, aber sie waren alles, woran ich mich gerade noch klammern konnte.

Trotz aller Hoffnung, die mich immerhin nicht dazu brachte, mich ins Meer zu stürzen, brachte ich es nicht über mich, in den Gasthof zurückzugehen. Ich musste noch etwas frische Luft schnappen und insgeheim hoffte ich wahrscheinlich doch noch, Spartos wieder zusehen. Immerhin war er zum Hafen gegangen. Zumindest glaubte ich das. Seine Spur war bis hierher offensichtlich gewesen.
„Ich frage mich allerdings, wie er so plötzlich verschwinden konnte...“
Irgendwie ließ mir Spartos Verschwinden keine Ruhe. Gleichzeitig allerdings fragte ich mich, ob ich mich vielleicht geirrt hatte. Vielleicht war es niemals Spartos gewesen und ich war einfach nur einem Wunschgedanken nachgelaufen.
'Warum sollte Spartos unserer Einbildung entspringen? Da gäbe es doch bessere Kandidaten. Sharrkan zum Beispiel. Oder Masrur, oder Ja'far... Nahh~ lösch Ja'far aus dem Protokoll, dem misstrauischen Mistkerl wollen wir nicht einmal bei Tageslicht begegnen.'
Ich schmunzelte bei den Gedanken. Richtig. Ja'far hätte sicher bemerkt, wenn ich ihm gefolgt wäre und hätte mich ohne lange zu fackeln in die Rolle des Opfers gedrängt. Wobei, Sharrkan wäre da vielleicht auch nicht besser gewesen. Aber im Gegensatz zu Ja'far wirkte Sharrkan nicht ganz so bedrohlich. Ebenso Masrur, der wahrscheinlich schnell mitbekommen hätte, dass ich ein Fanalis-Fangirl war.
Aber nein, ich war mir sicher, dass es Spartos war. Wenn ich ihn mir also nicht eingebildet hatte, musste er es live und in Farbe gewesen sein.
„Wo würde ich also hingehen, wenn ich bemerke, dass ich verfolgt werde?“
Da ich wirklich nichts besseres zu tun hatte, konnte ich über das Problem nachdenken. Vielleicht fand ich ihn ja doch noch. Dann konnte ich vielleicht doch nach Sindria, weg von den Menschen, die mich als nutzlos sahen.
„Als erstes würde ich mich verstecken... oder viel mehr meinen Verfolger abschütteln. Die Frage ist nur wie... wenn man eine Rüstung hat... und eine Lanze. Wie kann ich ihn nur verloren haben?“ Mit verschränkten Armen sah ich mich um. Ein paar Gassen gab es ja schon. Und immer konnte ich Spartos auch nicht sehen. Alles worauf ich mich hundert Prozent verlassen hatte, war das Klappern seiner Rüstung.
„Wenn er also mit Absicht durch eine größere Menge ging... und dann in eine Seitengasse...“ Das klang logisch. Vor meinem Inneren Auge spielte sich alles ab. Wie wenn ich eine Geschichte schrieb. Ich stellte mir vor, Spartos zu sein, der Sichtschutz unter vielen Menschen suchte. Ja, das passte wirklich. Oft hatte ich ihn nicht gesehen. Da bestand nur das Problem mit der Lanze, klein war sie ja nicht gerade. Noch dazu war es nicht leicht, sie inmitten einer Menge zu verbergen. Dennoch, Spartos war ein erfahrener Lanzenkämpfer, er wusste sicher, wie man sie hielt, ohne Passanten zu verletzen und vor allem ohne seinem Verfolger weiterhin im Sichtfeld herum zu laufen.
„Vielleicht schräg am Rücken festgebunden? Mh... nein, ich würde sie immer noch sehen... Wobei, mein Fokus nicht darauf lag ihn zu sehen. Eher darauf nicht zu nahe zu kommen und... ihn zu hören. Ich könnte ihn also übersehen haben.“
Auch das war logisch. Mein Augenmerk hatte nie auf der Lanze gelegen. Blöd von mir, wenn man es im Nachhinein bedachte. Auf diese Art hätte Spartos sich also wirklich unbemerkt in einer Seitengasse verstecken und abwarten können.
„Was würde ich tun, nachdem ich meine Verfolger abgeschüttelt habe?“
Denken wie Spartos war nicht leicht, wobei ich mir nicht einmal sicher sein konnte, ob sein Verschwinden wirklich daraus resultiert war. Für den Moment schien es mir einfach nur das Logischste.
„Zurück zum Gasthaus nicht... Er hat es entweder gerade verlassen, weil er etwas vor hatte, oder er hatte einen Auftrag im Gasthaus zu erfüllen. Schwer... wenn ich davon ausgehe, er hatte dort einen Auftrag und hat diesen erfüllt, dann ist es wahrscheinlich, dass er im Hafen vor Anker lag. In einem kleinen Boot. Große Handelsschiffe haben hier kaum Platz, dafür ist der Hafen zu klein. Allerdings bezweifle ich auch irgendwie das er den Weg von Sindria in einem kleinen Fischerboot angetreten ist... Der Hafen könnte also eine Finte sein...“
Nachdenklich hatte ich mich in Bewegung gesetzt und lief an den Häusern vorbei. Mir war der Lärm aus den Kneipen egal. Mein Fokus lag voll und ganz auf Spartos verschwinden.
„Wenn ich nur eine Idee hätte... Wobei... was wenn er den Dungeon von außerhalb erkunden sollte? Sicher, mit sieben Djinns scheint Sinbad ein Limit erreicht zu haben, aber das bedeutet ja nicht, dass er nicht die Lage bei den anderen Dungeons auskundschaften lässt.“
Ob es wahrscheinlich war, dass dies Sinbads Gedankengänge waren? Keine Ahnung. Aber es war die einzige für mich logische Spur. Demnach wäre es nicht falsch, einfach mal näher zum Hafenbecken zu gehen und dem Dungeon damit eine spätabendliche Aufwartung zu machen.
Nun mit einem festen Ziel vor Augen, wandte ich mich von meinem ursprünglichen Weg ab und lief in Richtung des Hafenbeckens, entgegen der Richtung, in die ich zuvor hatte gehen wollen. Auch wenn Spartos wohl ein Boot haben würde, um näher an den Dungeon zu kommen, ich könnte dort warten, oder zumindest den Turm im Blick behalten, um zu sehen, ob sich etwas regte. Danach konnte ich immer noch reagieren oder einfach zurück zum Gasthaus gehen, weil ich meine letzte Spur endgültig verloren hatte.

Das Licht des Dungeons war selbst nach meinem Wissen, dass es ein Dungeon war, immer noch unheimlich. Anziehend, aber gleichzeitig bedrohlich und vielleicht sogar rettend für die Schiffe auf offenem Meer. Da mir am Tage zumindest kein Fischer erklärt hatte, dass seit Erscheinen irgendwelche negativen Vorkommnisse, abgesehen von den Schatzsuchern, bekannt geworden waren, ging ich zumindest nicht davon aus, dass der Turm andere Seefahrer in ihr Unglück führte. Es war ja nicht jeder Dungeon proaktiv schlecht. Dennoch, wirklich scharf darauf, sein Inneres zu sehen, war ich auch nicht, weswegen ich sein Leuchten mit einer gewissen Vorsicht genoss.
Langsam näherte ich mich dem Hafenbecken, mit klopfenden Herz. Immerhin bestand die Wahrscheinlichkeit, dass ich meinem Ziel nahe war. Dass Spartos dort war und ich ihn bitten konnte, mich nach Sindria mitzunehmen. Gleichzeitig machte ich mich geistig darauf gefasst, eine Enttäuschung zu erleben. Schlimmer als das, was mir in der Bar an den Kopf geworfen worden war, konnte es heute nicht mehr werden.
Mein Atem stockte, als ich nicht unweit vom Hafenbecken eine Silhouette erblickte, die vom Licht des Turmes gut genug beleuchtet wurde, so dass ich die Gestalt von meiner Entfernung schemenhaft erkennen konnte. Hatte ich vielleicht Recht? Ich hielt kurz inne und versuchte mehr an der Silhouette auszumachen und erkannte schließlich, dass ich mich geirrt hatte. Keine Lanze. Demnach konnte das nicht Spartos sein. Dennoch näherte ich mich der Gestalt und erkannte immer mehr von der Silhouette, oder viel mehr von dem Mann, der starr auf das Meer zum Leuchtturm blickte. Und schließlich wusste ich, wer dort stand und dass dieser Mann ein Vertrauter von mir war, wenn auch nicht gerade ein Freund.
„Sollte unser Reiseleiter nicht von allen früher im Bett liegen?“, fragte ich, als ich mich zu ihm gesellte und Cassius' ernstes, vom Licht des Dungeons beschienenes Gesicht betrachtete. Es gab nicht gerade viele Möglichkeiten, ihn so ruhig zu beobachten. Oder zumindest ihn im Profil zu sehen, so wie jetzt, denn er würdigte mich keines Blickes, was mich nicht sonderlich verwunderte. Wenn schon der Rest der Gruppe dachte das ich nutzlos war, was mochte er dann von mir halten?
„Mir wäre es lieber, wenn die Gruppe früher ins Bett geht. Solltest du nicht bei Varius und den anderen sein und trinken?“
Auch wenn Cassius Ton etwas harsch war, lag irgendwie nichts vorwurfsvolles in ihm. Scheinbar wusste er, was seine Truppe tat.
„Mal davon abgesehen, dass ich nicht eingeladen wurde, bin ich nicht der große Trinker oder der Mensch der viel feiert.“ Ich lächelte bitter. Richtig. Ich war nicht wirklich zu deren Party eingeladen gewesen, auch wenn Varius mich noch vor der Auseinandersetzung mit Nel aufgefordert hatte, dazuzustoßen. Sicher konnte man das als Einladung gelten lassen. Aber das musste Cassius ja nicht wissen.
„Und dann willst du nach Sindria? Auf die Spaßinsel?“ Das klang schon eher nach einem Vorwurf oder viel mehr nach einen berechtigten Zweifel. Immerhin, selbst Cassius kannte den Ruf Sindrias, aber wer kannte den nicht? Das Paradies in dem alles friedlich war und hin und wieder Party gemacht wurden.
„Klingt absurd, ich weiß. Aber... es hat seine Gründe, wenn auch vielleicht nicht die Besten. Egal. Was macht Ihr hier am Hafen?“
Die Frage, warum Cassius gerade jetzt, um diese Uhrzeit am Hafen war, schien mir gerade berechtigter, als die Frage, warum ein Partymuffel nach Sindria wollte. Immerhin rechnete ich damit, dass wir am nächsten Tag wieder aufbrechen würden, auch wenn ich mich insgeheim fragte, wie wir das bewerkstelligen wollten, wenn die Hälfte von Cassius Gruppe einem Kater erlegen war.
„Der Dungeon... Egal wie oft man einen zu Gesicht bekommt, jeder ist für sich einzigartig und in gewisser Weise faszinierend.“
Mein Blick glitt nun ebenfalls zu dem Dungeon, der gut getarnt als Leuchtturm hätte durchgehen können, wenn sein Licht nicht so überaus unnatürlich gestrahlt hätte. Faszinierend waren sie allemal. Da konnte ich Cassius nur zustimmen.
„Das ist mein Erster, den ich in Natura sehe. Ihr habt sicher schon einige auf euren Reisen gesehen“, merkte ich respektvoll an. Irgendwie empfand ich es faszinierender, dass Cassius, als reisender Händler, sich von so etwas so fesseln lassen konnte.
„Barbatos...“, flüsterte Cassius nach einiger Zeit, weswegen ich fragend zu ihm sah.
„Das war der Name des ersten Dungeons den ich als Kind gesehen habe. Seitdem ziehen sie mich magisch an.“
Barbatos. Irgendwie löste dieser Name etwas in mir aus. Da war etwas. Barbatos. Dunkel erinnerte ich mich daran, wer der Bezwinger des Dungeons war.
„Ihr solltet aufpassen, nicht das sie euch verschlingen...“, murmelte ich leise und erinnerte mich dabei auch an den Dungeon Zagan, der die Menschen förmlich kidnappte. Grausig.
„Auch wenn ich persönlich glaube, dass Ihr einen guten König abgeben würdet... irgendwie. Nur bin ich der Meinung das solche Dungeons oder Magi nicht über die Qualifikation solcher entscheiden sollten. Die Welt ist zu groß und zu vielfältig, selbst für die Magi, um alle passenden Kandidaten zu finden. So laufen sie Gefahr, dass wirklich großartige Herrscher durch das Raster fallen oder die falschen Herrscher das Licht der Welt erblicken.“
Nachdem, was ich in der Karawane beobachtet hatte, war Cassius in der Tat kein schlechter Mensch. Umsichtig, vorsichtig, gebildet, in gewisser Weise, aber noch weit davon entfernt, das Grün hinter seinen Ohren zu verlieren, wenn man von seinem Temperament hin und wieder absah. Außerdem hatte er treue Verbündete.
Dennoch, irgendwie widerstrebte es mir, Cassius trotz seiner Truppe den Rat zu geben, doch selbst einmal einen Dungeon von Innen zu besuchen. Die Gefahr, dass er und die anderen dabei ihr Leben verloren, war einfach zu groß.
„Steht Barbatos eigentlich noch?“, fragte ich schließlich, um das Thema zu wechseln. Für die Menschen dieser Welt waren Magi und Dungeons alles und es war besser, wenn ich mir nicht gleich noch meinen Reiseführer zum Feind machte.
„Schon seit einiger Zeit nicht mehr.“
Nachdenklich sah ich zu dem Leuchtturm. Wie sein Name wohl war? Immerhin, eines konnte ich nun mit Sicherheit sagen. Muu Alexius war bereits im Besitz seines Dshinns. Wirklich weiter half mir das Wissen nun auch nicht. Außer, dass ich davon ausgehen konnte, dass ich nicht so weit in der „Vergangenheit“ des Mangas zurück lag. Allerdings war mir das auch schon klar, seit ich Kouha gesehen hatte.
„Wir sollten vielleicht langsam zurück zum Gasthof. Es wird allmählich kühl und-“
Ich hatte mich gerade gut genug dazu durchgerungen, alle Gedanken von dem Dungeon abzuwenden und mich auf das wesentliche, nämlich einer guten Portion Schlaf zu konzentrieren, als Cassius plötzlich den Kopf hob und mich in meinen Worten unterbrach. Seltsam, denn bis eben hatte er großteils schweigend auf das Monument im Meer geblickt und nun schien er wie ein aufgewecktes Reh zu lauschen.
„Ist alles okay?“
„Duck dich!“
„Wie?“
Ich hatte nicht einmal die Zeit zu verstehen, was Cassius gerade von mir wollte, so plötzlich wie er mir den Befehl mich zu ducken entgegen schrie. Cassius schien auch nicht weiter vor zu haben mir diesen Befehl genauer zu erläutern, stattdessen packte er mich am Oberarm und schleuderte mich etwas unsanft gen Boden. Wütend sah ich zu ihm, doch meine Wut verrauchte als ein greller Blitz oder eher ein elektrisierter Strahl, an uns vorbei sauste und in eine Hauswand einschlug. Genau da... da wo die Bahn des Strahls verlaufen war, hatte ich gestanden.
„Was zum...“
Ich wollte gerade in die Richtung blicken, aus der dieser Strahl gekommen war, doch Cassius drückte meinen erhobenen Kopf runter. Erneut schoss wenige Sekunden später ein Lichtstrahl über uns vorbei. Meine Haare stellten sich auf und selbst ich konnte die Spannung spüren, mit der dieser Strahl geladen war.
„Ein einfaches runter hätte es auch getan...“, murrte ich, denn zu den zärtlichsten Männern gehörte Cassius definitiv nicht. Auch wenn er mir gerade das Leben gerettet hatte, ein weiteres Mal.
„Steh auf, wir müssen hier weg!“ Auch wenn ich immer noch nicht ganz verstand, was hier los war, Cassius schien den vollen Durchblick zu haben und stand inmitten einer Kaskade von Lichtblitzen auf.
Ein Horn ertönte und wandelte die lachenden und feiernden Stimme aus der Ferne in panische Schreie. Um Cassius und mich herum schossen weitere Blitze in die Gemäuer nahestehender Häuser ein. Es fiel mir schwerer, unter diesen Umständen zurück auf die Beine zu kommen, denn ich zuckte jedes mal zusammen, wenn ich den Lufthauch Lichtblitzes an mir vorbeiziehen spürte.
„Beeil dich!“
Cassius hatte gut Reden. Ich wusste nicht, wie oft er in solche Situationen gekommen war, aber für mich war es nichts alltägliches. Und schon gar nicht war es leicht, jetzt noch auf den Füßen zu stehen.
„PIRATEN!“
Es wurde lauter als Wachen den Hafen stürmten. Ich traute mich nun doch aufzusehen und erkannte auf dem Meer schwimmend ein großes Schiff, welches nicht den Platz haben würde hier am Hafen vor Anker zu gehen. Anders sah es da mit der Armada kleiner Boote aus, die klein genug waren um wohl auch an einem Strand anzulegen. Sofort schossen mir wieder die Bilder von dem Ort des Massakers in den Kopf. Der Händler aus Kou schien Recht behalten zu haben. Es waren Piraten gewesen und aller Wahrscheinlichkeit nach diese hier.
Ich erzitterte Angesichts dieser Tatsache. Sterben... wir würden alle sterben, wenn diese Übermacht die Stadt überrollte. All das Blut... der Geruch von verbrannten Fleisch, Blutspuren überall, Zerstörung, Verwüstung...
„Verdammt, steh nicht wie angewurzelt da!“
Unsanft ergriff Cassius mein Handgelenk und begann mich vom Ort des Geschehens wegzuzerren, wobei er bestmöglich versuchte den Lichtblitzen auszuweichen. Ich hingegen folgte ihm einfach und starrte auf die Boote hinter uns, die vor Anker gingen und aus denen Menschen stiegen. Düster gekleidete Gestalten mit Apparaturen, mit denen sie auf die Wachen zielten, die ihnen so unterlegen waren. Sie würden sterben, ihre Familien nicht mehr wiedersehen, wenn sie welche hatten.
„Hör auf Löcher in die Luft zu starren und nimm gefälligst die Beine in die Hand!“, hörte ich Cassius vor mir grollen. Wahrscheinlich wäre er besser ohne mich dran gewesen, schneller zumindest, denn gerade war ich der Ballast den er nicht brauchte, wenn er überleben wollte.
„Cassius, wartet!“
Ich stemmte mich gegen seine Bewegung und sah zu dem Reimer, der mich nur böse anfunkelte. Wenn Blicke töten konnte, erdolchte er mich gerade schlimmer, als es diese Piraten mit ihren magischen Apparaten vermögen konnten.
„Varius und die anderen dürften noch hier in der Nähe sein. Sollten wir nicht zu ihnen und dann gemein-“
„Lauf einfach! Sie wissen was zu tun ist, wenn so etwas passiert. Außerdem ist die Flucht in einer zu großen Gruppe unmöglich, also halt die Klappe und lauf endlich!“
Warum rettete er mich? Warum tat Cassius das, wenn ich nutzlos war? Lag es nur daran, dass ich ihn bezahlt hatte für die Reise? Nein, dass war doch absolut unlogisch, ich war doch nur Ballast. Seine Worte zeigten das auch deutlich. Nur Ballast, der ihm das Leben kosten konnte.
'Dann hör auf Ballast zu sein und mach dich nützlich!', schrie mir eine der Stimmen in meinem Kopf zu und ich musste gestehen, dass sie Recht hatte. Mich die ganze Zeit dafür zu bemitleiden, dass ich keine Hilfe war, würde Cassius Leben definitiv nicht retten.
„Dann kommt mit!“
Ohne darüber nachzudenken, war ich es nun, die Cassius Arm ergriff und entgegen unserer eigentlichen Richtung den abgelegeneren Teil des Hafens anvisierte.
„Was zum...?“, hörte ich Cassius zischen, dem es scheinbar nicht gefiel, dass ich unsere Reiseroute so spontan geändert hatte.
„Die Hauptstraße ist zu gefährlich. Ich befürchte, dass in wenigen Minuten alle aus den Kneipen und Freudenhäusern laufen werden. Zu viele Menschen, zu wenig Bewegungsfreiheiten, zu große Gefahr eingekesselt und als Zielscheibe benutzt zu werden“, keuchte ich um klar zu machen, was mein eigentlicher Plan war.
Ohne lange darüber nachzudenken, waren es die Seitengassen gewesen, die mir als sicherster Fluchtweg vorgekommen war. Doch es gab noch einen sichereren.
„Da sind welche! Schnappt sie euch!“
Vor uns baute sich eine Gruppe von Piraten auf, die scheinbar schon an den Wachen vorbei geströmt war. Kein Wunder. Die Bewachung Bitrouns war fast schon lächerlich und nicht bereit für einen so großen Angriff.
Erneut änderte ich unsere Route und bog in eine Seitengasse ein.
„Habt ihr euer Schwert dabei?“, fragte ich keuchend und blickte dabei hinter mich zu Cassius. Generell erwartete ich nicht, dass er seine Waffe dabei hatte, ich hoffte es einfach, denn es würde einiges leichter machen. Mit Sicherheit konnten Cassius und ich ein paar Verfolger loswerden. Sorgen bereiteten mir nur die magischen Apparaturen.
Als hätten die Piraten meine Gedanken gelesen, sah ich bei meinen Blick hinter uns auch schon in den Lauf eines aufleuchtenden Gerätes. So schnell ich konnte, schob ich Cassius an die Seite und hoffte einfach darauf, dass mein Borg jetzt nicht versagte.
Die Zeit reichte wirklich nur aus, um Cassius aus dem Schussfeld zu bekommen, als auch schon der Blitzstrahl abgefeuert wurde und einen Augenschlag später auf meinen Borg prallte, der dem stand hielt. Dennoch hatte ich mein Leben für zwei Sekunden an mir vorbeiziehen sehen.
„Hexe... Sie ist eine Hexe!“, schrie der Pirat mit der magischen Apparatur, doch er hatte keine Zeit seine Waffe erneut nachzuladen, denn blitzschnell schoss etwas an mir vorbei und das Nächste, was ich sah, war das seine Apparatur mit einem glatten Schnitt in zwei Teile zerfiel.
Ich erkannte die geweiteten Augen der Piraten, die auf ihren Gegner starrten, der mit gezückten Schwert vor ihnen stand und bereits zum nächsten Schlag ausholte. Auch wen ich ihn genau erkannte, sah ich unsicher zur Seite, dahin wo ich Cassius hingeschoben hatte, damit er nicht dem Lichtblitz zum Opfer fiel. Doch er stand da nicht mehr. Wie hatte er...? Ich konnte es nicht glauben und kam erst wieder richtig zu Sinnen, als ich das Röcheln einer der Piraten hörte, der zu Boden sank.
„Weiter!“, befahl Cassius und hielt sein Schwert fest im Griff, während er den Weg in die Richtung fortsetzte, die ich ursprünglich eingeschlagen hatte. Mein Blick hingegen galt noch kurz den am Boden liegenden Piraten.

So wie ich es geplant hatte, hielten sich Cassius und ich uns an die Seitengassen und entfernten uns immer weiter aus dem Hafen. Wir kamen gut voran, auch wenn wir hin und wieder von kleineren Gruppen Piraten entdeckt worden waren, die Cassius aber schneller ausgeschaltet hatte, als sie oder ich gucken und reagieren konnten. Auch wenn es nicht der richtige Moment dafür war, erlaubte ich mir ein paar Sekunden über Cassius unmenschliche Schnelligkeit nachzudenken. Also, sie war nicht Saiyajin unmenschlich. Dennoch überstieg sie die Schnelligkeit eines normalen Menschen. Lediglich ein Fanalis hätte meines Wissens da mithalten oder schneller sein können. Doch wie war das möglich?
„Wohin nun mit deinen grandiosen Fluchtplan? Hier ist eine Sackgasse!“, hörte ich Cassius plötzlich fluchen, als wir vor einer Steinmauer zum stehen kamen. Ich stützte mich kurz schwer atmend auf den Knien ab, ließ aber nebenbei einen Blick durch die Gegend schweifen. Hier war nichts, lediglich ein paar aufgestapelte Kisten, alte schmierige Laken und eine Holzplanke. Perfekt.
„Die Häuser sind nicht hoch...“, keuchte ich und wies mit einem Nicken zu den Holzkisten.
„Fliegen können die Piraten sicher nicht. Wenn doch werden sie aber kaum damit rechnen, dass jemand über die Dächer flieht.“
Ich holte einmal tief Luft und erhob mich wieder. Ohne länger zu zögern, ging ich auf die Holzplanke zu. Sie fühlte sich morsch an, aber für die Flucht würde sie wahrscheinlich noch reichen. Hoffentlich.
„Ich hab jemanden!“, hörte ich plötzlich den Ruf eines Mannes und verzog dabei das Gesicht. Das konnte ich nun nicht brauchen. Sie sollten doch nicht wissen, wie wir flohen.
„Cas-“ Ich wollte gerade Cassius Bescheid geben, dass es besser war, erst einmal diese Verfolger auszuschalten und sah zu den Kisten. Doch da war kein Cassius mehr.
'Ist doch nicht sein Ernst, der hat sich aus dem Staub gemacht?!'
Ich richtete meinen Blick wieder zu den Piraten. Sie hatten immerhin keine magischen Waffen dabei, aber normale Säbel. Mit etwas Glück hielt mein Borg das aus, im Fall der Fälle. Entschlossen zog ich meinen Dolch und sah die drei Männer an, die in die Sackgasse bogen und mich grinsend ansahen. Jetzt würde sich zeigen, wozu ich das Training mit Varius und Tiberius nutzen konnte. Bewegungstechnisch war ich durch den Stab, den ich auf dem Rücken trug, zwar eingeschränkt, aber ein paar Schläge konnte ich sicher parieren.
„Schaut euch den niedlichen Zahnstocher an, den sie hat.“ Spottend lachten die Männer auf, als sie mich in meiner Haltung sahen. Verdammt, wenn alle drei angriffen, würde das Training mit Varius und Tiberius nicht viel helfen. Ich hatte gerade mal ein paar Schläge von Tiberius blocken können und war dann am Angriff gescheitert. Verdammt, verdammt, verdammt!
'Denk nach... Wenn du nicht kämpfen kannst... was musst du tun?' Mein Herz schlug vor Angst und in meinem Kopf schossen so viele mögliche Szenarien an die Oberfläche, dass es mir schwer fiel mich auf eines zu konzentrieren oder auch nur einen klaren Gedanken zu fassen. Dabei durfte ich nicht panisch werden, das war mir klar, aber meine Gewohnheit der Panik hatte mich fest im Griff.
Die Angst eroberte mich mit jeden Schritt, den die Männer auf mich zumachten. Ich hingegen wich zurück, den Dolch zitternd umklammernd. Auf diese Situation war ich nicht vorbereitet gewesen, zumindest nicht jetzt. Ich war es auch nicht bei Kouha am Hotel gewesen und dennoch hatte ich es irgendwie überlebt, auch wenn ich immer weniger verstand wieso.
'Verdammt wenn der Dolch nichts bringt, nimm den dämlichen Stab, laber irgendeinen Zauber der dir gerade in den Sinn kommt und mach diese Idioten platt!'
Der Aufschrei in meinem Kopf machte mir nicht gerade mehr Mut. Im Gegenteil. Er verunsicherte mich nur. Was für einen Zauber sollte ich denn sagen? Kannte ich überhaupt einen?
Ich wich weiter zurück, bis ich schließlich den Stab in meinem Rücken spürte, da es durch die Wand kein weiteres Ausweichen mehr gab. Es gab keinen Ausweg für mich. Keine Flucht. Ich hatte nur eine Möglichkeit. Ich musste, ob ich wollte oder nicht, kämpfen und mich der Gefahr aussetzen, meine Hände mit Blut zu beflecken.
'Mal davon abgesehen, dass du wahrscheinlich keinen von ihnen ankratzen wirst, aber ja', antwortete mir eine meiner hämischen Stimmen auf meinen Entschluss.
'Das war nicht gerade hilfreich für uns', antwortete eine andere und ich musste tief Luft holen, denn das war der wohl schlechteste Moment um durchzudrehen.
'Ran an den Speck, Angriff ist die beste Verteidigung.'
Ich nickte leicht, als wollte ich der Stimme in meinem Kopf recht geben und umklammerte mit der zweiten Hand meine andere, die den Dolch fest umschlossen hielt, um diese am Zittern zu hindern.
Mein Borg würde mich beschützen, ich müsste nur angreifen, nur zuschlagen, einfach nur in Bewegung bleiben. Mein Atem ging schwerer. Alleine bei diesen Gedanken und ich spürte wie der kalte Schweiß auf meiner Stirn ausbrach.
„Hey!“
Erschrocken sah ich auf, als ich von oben eine Stimme hörte. Doch nicht nur ich tat es, auch die Piraten, die plötzlich von einem der schmutzigen Laken, die hier gelegen hatten, zugedeckt wurden.
„Beeil dich!“
Ich konnte es nicht glauben, als ich Cassius wieder sah. Er hatte mir erneut das Leben gerettet, wahrscheinlich das dritte Mal an diesem Tag. Kein Geld der Welt konnte das je wieder gut machen.
Kurz sah ich zu den Piraten, die scheinbar noch mit dem Schrecken und den Laken kämpften, dabei aber auch versuchten nicht ihre Kameraden abzustechen. Das war meine Chance. Ohne lange zu zögern, steckte ich den Dolch weg und kletterte die Kisten hinauf. Die Planke konnte ich zwar vergessen, aber mit Sicherheit fanden wir noch andere Wege. Es gab immer einen anderen, besseren.
Ich hatte es rechtzeitig auf das Dach geschafft, denn nur wenige Sekunden nach meiner Ankunft auf diesem hörte ich das Reißen von Stoff. Ich scherte mich aber nicht weiter darum, sondern lief einfach Cassius nach, der scheinbar eine Route über die Dächer ausgemacht hatte.
„Wo ist sie? Idioten wo kam das her?“, hörte ich noch die Rufe der Piraten poltern. Zu den hellsten gehörten sie wirklich nicht, denn sonst hätten sie wohl gewusst, dass unsere Fluchtroute die Dächer der Stadt waren, die uns weiter aus dem Hafen führten.
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