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Im Zeichen des Rukh

von Erenya
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Aladdin Alibaba Saluja Judar Morgiana OC (Own Character) Sinbad
27.05.2015
01.01.2017
26
219.342
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13.09.2015 10.833
 
Ich gestehe, dass ich dankbar darüber war, dass die Müdigkeit mich am Abend zuvor davon abgehalten hatte, diesem seltsamen Licht nachzugehen. Da ich am nächsten Morgen mehr als nur früh geweckt wurde, hatte mir jede Minute, oder viel eher jede Sekunde, des vorangegangenen Schlafes geholfen, meinen Bio-Rhythmus wieder ein wenig in korrekte Bahnen zu lenken, auch wenn ich immer noch müde genug war und wahrscheinlich augenblicklich wieder eingeschlafen wäre, wenn Panthea, Iunia und Tacita mich nicht daran gehindert hätten. Ich hatte das Vergnügen gehabt, mit den Dreien und Hinata in einem Zimmer zu schlafen, während die Händler jeder eines für sich hatte und die Jungs sich ebenfalls ein Zimmer teilten.
„Du solltest wirklich früher schlafen gehen...“, belehrte mich Panthea, die ich mit einem bösen, mürrischen Blick bedachte. Mal davon abgesehen, dass ich wirklich früh schlafen gegangen war, musste sie schön ruhig sein. Sie hatte es sich am Abend immerhin zur Aufgabe gemacht mit Iunia noch eine Frauengesprächsrunde zu führen, die laut genug war, dass selbst Hinata den plötzlichen Drang verspürt hatte, daran teilzunehmen.
Um ehrlich zu sein, beneidete ich die drei um die Fähigkeit. Sie waren oft genug auf Reisen, sodass es für sie kein Problem zu sein schien, mit wenig Schlaf am nächsten Morgen topfit zu sein. Ohne Hilfsmittel, wohlgemerkt. Ich hingegen hätte auf einmal wieder nichts gegen einen warmen Kaffee einzuwenden gehabt. Eine viertel Tasse Kaffee, dreiviertel Milch und genug Zucker, dass mich dieser wacher hielt als das Coffein selbst. Doch Kaffee blieb hier ein Traum, eine alte Erinnerung aus meiner Heimat, die so unerreichbar weit entfernt war. Aber nicht nur der war weit von mir entfernt... Allmählich hatte ich die Zeit zu reflektieren, was ich alles vermisste. Meine Freunde, meine Eltern, die Vertrautheit meiner Welt, die ich in der Regel nicht so sehr mochte, die mich meist sogar langweilte. Nun hatte ich ja das Abenteuer, von dem ich immer geträumt hatte und es war nicht wie in meinen Vorstellungen.
Ich war eben nicht der mächtige Self-Insert, den ich geschrieben hätte, um mich selbst besser zu machen als ich war. Ich hatte keine tragische Vergangenheit, die erklärte warum ich mächtig war oder gebrochen oder was auch immer. In diesem Abenteuer war ich nur ich, die gute alte Eri. Mit all ihren menschlichen Fähigkeiten, mit ungetesteten, wahrscheinlichen magischen Kräften, mit allen Zweifeln und Minderwertigkeitskomplexen, die in diesem Universum nicht deplatzierter hätten sein können. Wobei, vielleicht waren auch nicht meine Zweifel und Minderwertigkeitskomplexe deplatziert, sondern ich selbst. Nein, ich war deplatziert, ich gehörte hier nicht hin und es grenzte an ein Wunder, dass es Menschen gab, die mich als Teil dieser Welt akzeptierten, ohne meine Anwesenheit intensiv zu hinterfragen.
„Du bekommst noch Falten, wenn du so viel grübelst.“
„Panthea, man bekommt vom Nachdenken keine Falten.“
„Nicht? Warum hat Cassius dann so viele?“
„Panthea-Liebes, das nennt man Sorgenfalten. Wenn man so viel Verantwortung alleine tragen muss, dann zeichnet sich das im Gesicht ab, egal wie alt man ist.“
„Unglaublich wie viel du weißt, Tacita. Meinst du nicht auch, dass das unglaublich ist, Erenya?“
Ich nickte geistesabwesend. Wenn ich ehrlich war, war ich dem Gespräch von Panthea, Iunia und Tacita nur halb gefolgt. Auch wenn meine Grübelei wohl der Auslöser davon gewesen war.
„Dann müssen wir uns ja immerhin nicht um das Babygesicht von Erenya Sorgen machen. Sie hat keinerlei Verantwortungsgefühl und wird daher sorglos durchs Leben gehen.“
Hinatas kalte Stimme durchschnitt das aufgeweckte Gespräch, welches eindeutig Panthea führte. Sehr zur Verärgerung von dieser, die, wie ich selbst, den Blick zu Hinata wandte. Es war eindeutig, dass sie mich immer noch nicht mochte. Wahrscheinlich würde sie das auch nie, also war es besser nicht einmal Nettigkeiten von ihr zu erwarten.
„Kannst du einmal den Mund halten, wenn du nichts Nettes zu sagen hast? Das wäre zur Abwechslung einmal sehr angenehm.“ Pantheas Stimme hatte einen deutlich genervten Unterton angenommen. Sie machte sich nicht einmal mehr die Mühe, zu verbergen, dass ihr Hinatas Wandlungen missfielen. Ein Pluspunkt, den Panthea damit bei mir sammelte.
„Was willst du damit sagen, du Sklav-“
„Na, na. Es ist noch zu früh um den Tag mit einem Streit zu beginnen. Wir sollten erst einmal eine Kleinigkeit essen und uns dann an die Arbeit machen.“
Schnell beruhigte Tacita die Situation, indem sie sich zwischen Hinata und Panthea schob. Sie hatte wahrscheinlich bemerkt, dass diverse unschöne Worte fallen würden, wenn sie nicht eingriff. Mal davon abgesehen, dass Hinata das wohl Schlimmste bereits beinahe ausgesprochen hätte. Ein Blick zu Panthea verriet mir, dass sie ihr das niemals verzeihen würde. Dennoch, Tacita zuliebe, wandte sie sich von dem Mädchen aus Kou ab und ignorierte das fast Gesagte.

Ich tröstete mich mit dem Gedanken, dass ich nicht als einzige vollkommen übermüdet aussah. Cassius' Lehrer schien ebenfalls nicht genug Schlaf bekommen zu haben, was vielleicht daran liegen mochte, dass er sich in dieser Nacht das Zimmer mit Varius und den Anderen hatte teilen müssen. Nicht einmal ich hätte da schlafen können. Nicht nur, dass Varius und Tiberius im Duett schnarchten, bevor sie einschliefen, wurden sie wild und rangelten wie kleine Jungs, die sich etwas beweisen mussten. Zumindest hatte es sich in unserem Zimmer, das neben denen der Jungs lag, so angehört.
Cassius hatte alle um sich versammelt und ließ seinen strengen Blick über die Gruppe schweifen. Wahrscheinlich würde er gleich die Weiterreise ankündigen. So etwas wie „Esst jetzt ordentlich, wir reisen in 20 Minuten los.“ Zumindest hätte das ganz zu Cassius gepasst.
„Wir werden heute noch hier bleiben und unsere Vorräte für die Weiterreise aufstocken. Iunia und Tiberius, ihr beide bietet unsere Stoffe auf dem Markt an und seht zu, dass ihr vernünftige Preise dafür bekommt. Panthea und Nel, ihr erledigt die nötigen Einkäufe. Die Liste bekommt ihr gleich. Tacita, du kümmerst dich um Aurelius und erklärst ihm die Regeln unserer Gruppe. Außerdem soll er dir helfen unsere Vorräte zu überprüfen. Varius du begleitest mich.“
Es war das wohl erste Mal, dass ich sah, wie Cassius Aufgaben verteilte. Wahrscheinlich wechselten sich alle in kleineren Städten wie dieser mit den Aufgabe ab, oder Cassius fürchtete einfach, dass es sonst nicht genug für Alexander zu tun gab. Schade nur, dass es augenscheinlich für mich nichts zu tun gab. Wobei, vielleicht war das auch besser so. Immerhin wollte ich noch in den Hafen und dort nach einer Überfahrt nach Sindria sehen. Je schneller ich also eine schnellere Reisemöglichkeit dahin fand, desto besser.
„Erenya...“
Ich zuckte schuldbewusst zusammen, so als hätte ich Angst, dass man meine Gedanken erahnen konnte. Wahrscheinlich tat Cassius das auch, zumindest hätte mich bei ihm nichts mehr gewundert.
„Du wirst Nel und Panthea beim Aufstocken der Vorräte helfen. Hier ist die Liste.“
Ich musste nur auf die Liste gucken, die mir Cassius entgegen hielt um zu wissen, dass ich meinen Plan wohl noch um die ein oder andere Stunde würde verschieben müssen. Mit Cassius eine Diskussion zu starten, wollte ich mir doch verkneifen.
„Wie du willst“, murmelte ich und nahm die Liste entgegen, auf die ich einen Blick erhaschte. Überwiegend waren Mehl und Trockenfleisch, sowie getrocknete Früchte und andere haltbare Lebensmittel darauf gelistet. Proviant für die weitere Reise also. Es waren aber nicht nur Lebensmittel sondern auch andere Sachen aufgeschrieben. Sicher war eines, die Shoppingtour mit den Geschwistern würde keine Kurze sein.
„Ihr wisst, was ihr zu tun habt, also macht euch nach dem Frühstück an die Arbeit.“
Die anderen nickten. Das Cassius nur seinen Leuten Anweisungen gab, konnte nur bedeuten, dass der Händler aus Kou und der aus Balbadd jeweils andere Pläne hatten und sowohl Chen als auch Hinata wohl andere Anweisungen bekamen. Das konnte mir nur Recht sein, immerhin war es besser, wenn ich Abstand zu Hinata hielt, nicht dass sie mir noch die Augen auskratzte, während ich nicht aufpasste. Dennoch, es zeigte mir nur erneut, dass die Gruppe, auch wenn sie zusammen reiste, nur für diese Dauer einen Zusammenhalt hatte. Das empfindliche System, welches zwischen ihnen bestand, existierte immer noch. Vielleicht interpretierte ich aber auch nur zu viel in die ganze Sache hinein, es wäre ja nicht das erste Mal gewesen.

Cassius war nach dem Frühstück wie vom Erdboden verschluckt, genauso wie Varius, was mich doch schon etwas deprimierte, denn als meine Bezugsperson war Varius mir doch schon sehr wichtig geworden. Aber schön, ich wollte nicht jammern und zog mich stattdessen schnell um und cremte mich mit Suleikas Salbe ein. Die Sonne konnte also kommen, wenn sie wollte.
Gemeinsam mit Panthea, die meine Begleitung sein würde, verließen wir das Gasthaus und gingen zu den Ställen, um nach den Tieren zu sehen. Tiberius und Iunia waren bereits vor Ort und hatten eines der Pferde vor einen Karren gespannt.
„Iuni, braucht ihr Hilfe?“
Es war das erste Mal, dass ich hörte, wie Panthea Iunia mit diesem Namen bedachte und es war seltsam, denn sie wirkte dabei so locker. Anders als mit Hinata, wenn sie Iunia steif beim ganzen Namen ansprach.
„Eren und ich können helfen.“
Ja, sie war definitiv lockerer und vergaß dabei die Hälfte der Buchstaben für meinen Namen. Oder aber das war ihre Art, jemanden einen Spitznamen zu geben.
„Das wäre ganz toll, dann werden wir schneller fertig und könnten gemeinsam zum Markt gehen.“ Ein glückliches Lächeln lag auf Iunias Lippen, als sie aus dem Wagen eine Kiste zog. Wahrscheinlich wollten sie die Fracht umräumen, sodass in diesem Karren ausschließlich Stoffe für den Verkauf lagen. Selbst mit Tiberius würde sie zu lange brauchen, es war also nur praktisch, wenn sie noch ein paar helfende Hände bekamen.
„Überlasst die schweren Kisten mir und Nel. Ihr Mädchen nehmt die leichten Sachen.“ Auch Tiberius hatte das Angebot von Panthea bemerkt und sie war nicht die einzige gewesen, die es unterbreitet hatte. Grinsend lugte Nel aus dem Karren hervor und winkte uns zu. So lief das Teamwork also hier. Anders als in meinem Job in meiner Heimat, konnte man hier wenigstens von einem durch und durch perfekten Teamwork reden.
„Also dann packen wir es an und machen diesen Tag wieder zu einem erfolgreichen.“
Voller Tatendrang setzte sich Panthea in Bewegung und stieg in den Karren, um wie Iunia eine Kiste aus dem Inneren hervorzuholen. Bei diesem Anblick konnte man doch nicht anders als zu helfen. Zumindest musste ich eingestehen, dass sie Recht hatten, je mehr Hände halfen, desto schneller konnten wir unsere Aufgaben erledigen und ich konnte zum Hafen, um nach einer Überfahrt nach Sindria zu suchen. Der Plan für den Tag stand also. Frisch motiviert ging ich ebenfalls ans Werk und stieg auf den Wagen, um mir eine Kiste zu schnappen. Vorsichtig, denn es gab immer noch genug Glas und Tonwaren, die ich nicht gerade zerdeppern und von meinem Gehalt abgezogen bekommen wollte.

Der Wagen war fertig beladen und ich war ehrlich gesagt froh. Mit Sicherheit würde das Geschleppe der Stoffe dafür sorgen, dass ich am nächsten Tag Muskelkater hatte. Ich spürte zumindest dieses Brennen in meinen Armen.
„Tiberius... wo sind die Mannequins?“
Iunia hatte es sich zur Arbeit gemacht, den Inhalt des Wagens noch einmal auf Vollständigkeit zu überprüfen. Augenscheinlich hatte sie den Plan dafür, was sie auf dem Markt benötigen würden.
„Sind die nicht im Karren?“, fragt Tiberius und sah dabei aus einem der neu umgeladenen Anhänger. Iunia schüttelte mit dem Kopf und lief zu den verbliebenen Wagen um in deren Inneres sehen zu können.
„Hier!“ Ihr Ruf glich mehr einem Aufschrei, als sie vor einem der Karren stehen blieb und ihr Gesicht etwas an Farbe verlor. Augenscheinlich hatte sie die gesuchten Mannequins gefunden und irgendetwas an diesem Fund schien ihr nicht ganz zu gefallen. Auch Tiberius merkte das und ging zu ihr, selbst einen Blick in de Wagen riskierend.
„Mh... Scheint als müssten wir sie tragen. Allerdings bekomme ich höchstens zwei hoch. Wie viele brauchen wir?“ Eindeutig war Iunia diejenige, die wirklich den Überblick haben musste. Ich vermutete ja, dass Iunia in Sachen Stoffverkauf schon die bessere Wahl war und Tiberius einfach nur als persönlicher Leibwächter ging. In Zeiten wie diesen nicht nur ein guter Schachzug, sondern auch ein äußerst netter von Cassius.
„Zwei reichen niemals. Aber wir haben auch nicht mehr genug Platz für vier weitere. Wir müssen alles noch einmal ausräumen.“
Vorsichtig näherte ich mich den beiden und sah ebenfalls ins Innere zu den sechs Mannequins. Es wäre sicher eine große Zeitverschwendung gewesen erneut den Karren auszuräumen nur um die Mannequin einzuladen.
„Und wenn Panthea und ich eine gemeinsam tragen? Und Nel eine? Dann hättet ihr immerhin vier auf dem Markt“, gab ich nachdenklich von mir und blickte zu dem Stoff beladenen Karren. An sich hätte man ohne Probleme zwei Mannequin auf diese legen können, allerdings hätte das sicher Falten zur Folge und wer wollte schon faltigen Stoff kaufen?
„Schade, dass ihr kein einfaches Stoffbuch machen könnt. In meiner Heimat haben wir kleine Stoffproben, die wir einfach verbinden und wer Interesse hat, kann sich dieses Buch ansehen, kann die Stoffe fühlen und dann entscheiden ob er sie will.“ Es war mehr ein Gedanke, der mir gekommen war. Zumindest hätte so ein Stoffbuch das lästige Schleppen von Mannequin erledigt.
„Das ist es, Iuni! Wir haben uns doch gefragt, wie wir diese blutigen Stoffreste verwenden können. Warum schneiden wir nicht einfach die blutigen Stellen weg und nähen sie übereinander zusammen. Wie die Proben von denen Erenya gesprochen hat. So können wir wenigstens unsere Funde noch an den Bürger bringen!“
Ich persönlich hatte mich schon gefragt, warum sie die blutigen Stoffe aufgehoben hatten. Noch bevor wir die beschmutzten Stoffballen eingeladen hatten, hatte Iunia die blutigen Stücke abgeschnitten, so dass die Reste sauberen Stoffes doch noch verkäuflich waren. Dennoch von den abgetrennten Stücken waren immer noch genug saubere Flecken übrig geblieben, die selbst ich als viel zu schade zum wegwerfen fand. Als Stoffprobe konnte man wenigstens ein paar Stellen noch retten. So gesehen war Pantheas spontaner Einfall nicht schlecht. Iunia schien er ebenfalls zu gefallen, denn sie zog die Stoffreste zu sich, zusammen mit Nadel und Faden, welche sie aus einem anderen Karren und dessen Gepäck geholt hatte.

Der Plan schien aufzugehen, soviel war sicher, als ich mir Iunia und Tiberius ansah, die auf dem Markt standen und Cassius' Stoffe anboten. Mit nur vier Mannequins und dem Stoffproben hatten sie genug Möglichkeiten, diese den Interessenten zu präsentieren.
„Scheint als würden sie klar kommen. Hat sich doch gelohnt, oder Erenya?“ Auch wenn meine Arme immer noch vom Tragen des Mannequins brannten, musste ich gestehen, das Nel Recht hatte. Es hatte sich gelohnt.
„Wir sollten dann langsam mal unsere Aufgabe erledigen. Eren, Cassius hat dir doch die Liste gegeben, was brauchen wir?“ Ich nickte auf Pantheas Aufforderung und zog die Liste hervor, welche Cassius mir anvertraut hatte. Lächelnd und fast schon ein wenig stolz, sie nicht verloren zu haben, hielt ich sie den beiden entgegen. Doch beide starrten mich an, als wäre ich der erste Mensch der Welt gewesen.
„Hier, das ist die Liste. Da stehen ein paar Dinge drauf die ich nicht kenne. Ihr solltet sie also lesen.“
Weiterhin starrten mich die beiden ungläubig an. Hatte ich etwas im Gesicht? Brach gerade ein Pickel auf meiner Nase aus, als sei er ein Vulkan?
„Ähm... Wir... also Panthea und ich... Wir können nicht lesen. Deswegen hat Cassius dir die Liste gegeben.“
Ich wusste nicht, ob ich vom Glauben abfallen sollte, oder die beiden das wirklich ernst meinten. Sie konnten nicht lesen? Wie ging so was? In meiner Welt konnte jeder lesen. Wobei... da war es wieder. Das hier war ja nicht meine Welt. Die Regeln waren anderes. Wenn ich mich recht erinnerte, konnten einige Personen hier wahrscheinlich nicht lesen. So wie damals in der Vergangenheit meiner Welt.
„Oh...“ Es war das Einzige was ich sagen konnte, denn wenn ich ehrlich war, war mir dieses Geständnis unangenehmer als den beiden.
„Das ist doch egal. Erzähl uns doch mal. Wie hast du Lesen gelernt? Wozu hast du das gebraucht?“ Ich war wirklich die einzige, der das unangenehm war. Panthea hingegen hakte sich bei mir ein und zog mich in Richtung der Stände, wild drauf los plappernd und alles aus meinem Leben erfragend.
„Das lernt eigentlich jeder bei uns. Oder kann zumindest jeder lernen, wenn er will. Das ist etwas das zur Grundausbildung von Kindern gehört. Lesen, Schreiben und Rechnen. Später lernen sie noch viel mehr. Aber das sind die grundlegenden Dinge.“
Ich lief neben Nel und Panthea her, während ich die Liste wieder vor mir hielt und die einzelnen Dinge las. Dafür, dass Cassius ein Mann war, hatte er wirklich eine saubere Schrift. Vielleicht hatte er Kalligraphie gelernt. Wobei, gab es das in dieser Welt?
„Jeder kann bei euch also so etwas lernen?“, fragte Nel neugierig. Ich nickte als Antwort, hob den Blick von der Liste und sah mich um.
„Das nennt sich bei uns Schulpflicht. Jedes Kind hat das Recht auf Bildung. Wir brauchen gepökeltes Fleisch.“
Ich wusste wirklich nicht, wo wir hier gepökeltes Fleisch finden sollten, aber Panthea und Nel dafür umso mehr. Sie legten sofort den richtigen Weg ein und in Null Komma nichts waren wir vor einem Stand, auf dem verschiedene Sorten gepökelten Fleisches lagen. Zumindest sah es so aus wie verschiedene Sorten.
„Rind brauchen wir und Schwein.“
Im Geiste strich ich bereits diese beiden Sachen von der Liste, während Nel mit dem Händler sprach und scheinbar versuchte den Preis zu drücken. Wirklich viel verstand ich davon nicht, denn Nel sagte irgendetwas von zu kurzer Lagerdauer.
„Außerdem ist es zu viel Salz von schlechter Qualität“, schloss er seine Plädoyer für eine Reduzierung des Preises ab. Ich staunte nicht schlecht. So etwas lernte man nicht in unseren Schulen. Vielleicht mussten Panthea und Nel gar nicht lesen können, um hier zu überleben. So gesehen hatte meine Bildung mich noch nicht gerade sehr weit gebracht.
„Was brauchen wir noch?“ Mit einem breiten Lächeln sah Nel mich an, der ein Päckchen gepökeltes Fleisch in der Hand hielt. Ich hatte nicht einmal bemerkt, wie viel er dafür gezahlt hatte, aber so wie er strahlte, war es nur halb soviel wie der Händler verlangt hatte.
„Trockenfleisch...“, las ich von der Liste und erinnerte mich an das knochenharte Trockenfleisch aus meiner Welt. Gut, ich hatte es noch nie probiert, aber nur weil es so knochenhart wirkte und ich mein Fleisch doch eher zart bevorzugte.
„Scheint, als würdet ihr auf der Reise auf nichts verzichten müssen. Fleisch, Obst... zwar nicht allzu frisch, aber doch haltbar und nahrhaft.“ Der erste Überblick über diese Liste hatte mir schon verraten, dass es dieser Gruppe wirklich an nichts fehlte. Cassius schien alles ganz gut im Blick zu haben und erneut fragte ich mich, wann er die Zeit dafür fand.

Die Liste die Cassius mir in die Hand gedrückt hatte, war so weit abgearbeitet und Panthea und Nel schienen sehr zufrieden mit sich zu sein. Auch wenn ich nicht genau verstand wieso, immerhin waren wir nur einkaufen gewesen.
„Es fehlt nur noch Tierfutter“, verkündete ich und sah auf die Liste. Geistig ging ich erneut alles durch. Fleisch, Obst, Holz, etwas Wein, ein Essgeschirr... Wir hatten die ganze Liste abgearbeitet. Es fehlte wirklich nur noch das Futter für die Tiere.
„Ich hole es. Wie viele Säcke will Cassius?“ Für die beiden schien das Einkaufen wie ein Wettbewerb gewesen zu sein. Zumindest konnte ich mir nur so erklären, warum einer von beiden immer wieder rief „Ich hol es“, so als wäre es ein Wettbewerb, wer besser von beiden handeln konnte.
„Drei große Säcke.“ Wenn die Säcke so groß waren wie die aus den Karren, dann war ich mir ehrlich nicht sicher, ob Panthea diese wirklich tragen konnte, weswegen ich zu Nel sah, der eine Hälfte großen Trockenfleisches über seiner linken Schulter trug. An sich fragte ich mich, wie wir diese Unmengen zurück transportieren sollten, denn beide schienen sich zu weigern, mir etwas zum tragen zu geben. Scheinbar war ich nur hier um diese Liste zu lesen. Und noch wahrscheinlicher hatte sich Cassius das anders vorgestellt, als Panthea und Nel es umsetzten.
„Soll ich euch wirklich nichts abnehmen? Ich kann auch einen der Säcke tragen.“ Es fühlte sich einfach dumm an, mit den beiden einkaufen zu gehen und sie schließlich wie Packesel zu missbrauchen.
„Das ist schon okay. Wir schaffen das, immerhin machen wir das immer so.“
Immer machten sie das bestimmt nicht so. Wobei, konnte ich das so genau wissen? Wer aber las Cassius Einkaufsliste dann, wenn sie es nicht konnten? Ließen sie sich diese von den Händlern vorlesen?
„Es ist irgendwie deprimierend, wenn ihr das so argumentiert. Ich bin euch schon meilenweit in allem zurück. Ich meine, ihr handelt hier wie die Weltmeister und ich bin so dumm und gebe Informationen für lau raus. Egal wo ich hinsehe... egal wie normal die Menschen hier scheinen, ich gehe unter ihnen unter, unfähig auch nur einen Schritt alleine gehen zu können.“
Ich musste mir eingestehen, dass ich diese Welt anfing in gewisser Weise zu hassen. Jeder schien hier etwas besonderes zu sein. Auf seine eigene Art und Weise. Assad, der ein Freudenhaus besaß und mit seiner Herzensgüte die Mädchen unterstützte. Ameen, der so schnell meine Rezepte für Balbadd tauglich gemacht hatte und selbst mit seinem Spülproblem noch wesentlich hilfreicher war als ich. Suleika, die irgendwie insgeheim die zweite Chefin des Freudenhauses war und der alle Mädchen vertrauten. Dann war da noch Sadiq, aus dem wurde ich zwar nicht schlau, aber er hatte etwas, dass dafür sorgte, dass man ihn nicht ignorieren oder viel mehr vergessen konnte. Selbst hier in der Karawane waren Menschen die sich ohne Probleme mit den mir bekannten Seriencharakteren messen konnten. Cassius, dessen Alter dem von Kouha glich und der schon mindestens genauso erfolgreich war, selbst ohne Djinn-Gefäß. Dann war da noch Varius. Er war ohne Frage stark und wie Sinbad, wenn man das überhaupt so erwähnen durfte, eine Persönlichkeit die ihresgleichen suchte.
Selbst die Geschwister, die Sklaven waren, konnten sich ohne Probleme behaupten. Zwischen all diesen Menschen... was war ich da? Warum war ich hier? Wieso hatte ich schwarzes Rukh? Würde ich wieder in meine Welt zurückkehren können, in der ich wenigstens nicht ganz so nichtssagend war?
„Jede Existenz ist wichtig, egal wie unbedeutend sie erscheint. Wir alle erfüllen unsere Rolle, die uns das Schicksal und die Rukh erteilt haben. Das Schicksal hat sicher auch einen Platz für dich. Sonst wärst du ja nicht hier.“
Freundlich lächelte Nel mich an, doch ich konnte seinen Worten keinen Glauben schenken.
„Ich war nicht einmal vom Schicksal hier vorgesehen. Ich wurde aus meiner Heimat von irgendetwas herausgerissen und ein Irgendwas namens Ugo hat mich nach Balbadd gebracht. Ich gehöre hier nicht her, egal was du sagst. Im Gegenteil, alles was ich tue, kann diesen Plan des Schicksals, der für alle besteht, wahrscheinlich vollkommen über den Haufen werfen und ich weiß echt nicht, was ich dann tun soll, wenn das wegen mir passiert. Eine Veränderung, ein falsches Wort, das alles kann die Zukunft die dieser Welt vorherbestimmt ist zerstören.“
Ihre Unwissenheit in diesen Punkt machte mich krank, auch wenn ich selbst Schuld war. Sie hätten immerhin nicht unwissend sein müssen, wenn ich nur einmal meine ganze Geschichte erzählt hätte.
„Dummie. Du sprichst, als wüsstest du, was diese Welt erwartet. Aber das weiß niemand. Heute kann ein Königreich mächtig und aufstrebend sein und morgen kann es in Trümmern liegen. Das Rad des Schicksals fährt keinen ebenen Weg. Mit Sicherheit ist auch deine Anwesenheit nur eine kleine Fahrplanänderung zum Ziel.“
Nel lächelte unentwegt weiter. Wie konnte man das ganze nur so wenig ernst nehmen? Wusste er nicht, was passieren konnte, wenn auch nur etwas im empfindlichen Gefüge der Rukh oder des Schicksals schief lief?
„Was weißt du schon? Ich kann das leider nicht auf die leichte Schulter nehmen wie du.“
„Erenya, Nel nimmt das auch nicht auf die leichte Schulter. Aber als Magierin bist ohne Zweifel ein Teil dieser Welt und damit auch Teil des Schicksals und seinen Plan. Du solltest dir also nicht zu große Sorgen machen. Wenn du immer nur darüber nachdenkst, was du machen darfst und was nicht, verpasst du das Leben.“
Es war schon unfair, dass Panthea sich nun auch noch einmischte und sie in irgendeiner Weise auch noch Recht hatte. Ich hatte hier diese Kräfte einer Magierin, auch wenn ich nicht ganz wusste, warum ich sie überhaupt besaß. Aber ich hatte sie, zumindest Borg und das Sehen der Rukh. Und Panthea wusste das. Es war unfair diese Karte auszuspielen, nachdem ich mich am Tag zuvor bei ihr verplappert und sie mir versprochen hatte es niemanden zu sagen.
„Moment! Panthea, das solltest du niemanden sagen.“ Es hatte einen Moment gedauert, doch schließlich war ich auf den Dreh gekommen, das Nel bei uns war und dieser nichts von meinen Fähigkeiten wusste. Das Gespräch war schließlich nur zwischen Panthea und mir gelaufen.
„Ups“, entfuhr es Panthea die allerdings nicht gerade so aussah, als bereute sie es, dass ihr diese Information einfach mal so aus Versehen über die Lippen gekommen war.
„Panthea... wir sollten dieses Spielchen beenden. Wir wissen bereits länger das du eine Magierin bist, Erenya.“ Nels Worte rissen mir für einen Moment den Boden unter den Füßen weg. Gleichzeitig fühlte ich mich aber von Panthea, die so unwissend getan hatte, belogen.
„Woher wusstet ihr das?“
Es war der einzige Gedanke, den ich hatte. Ich wollte wissen, was mich verraten hatte, um diesen Fehler in Zukunft nicht mehr zu wiederholen.
„Du hast es gesagt. Als wir in der Karawanserei waren, hast du im Schlaf gesprochen und so haben wir das schon seit längerem gewusst. Iunia meinte aber, wir sollten dich nicht darauf ansprechen. Also haben wir gewartet, bis du es uns selbst erzählst, da du aber so verschwiegen warst, hätte das eine Ewigkeit gedauert.“ Panthea schien auch noch stolz darauf zu sein, dass ihre Offensive mich zum Reden gebracht hatte. Allerdings konnte ich ihr auch nicht böse sein. Ich hatte nicht aufgepasst und in einem schwachen Moment alles ausgeplaudert.
„Das heißt also, den Stab hast du mir nicht einfach gegeben, damit ich von dem Edelstein die Überfahrt bezahlen kann?“
Ernst sah ich Panthea an, die hingegen nur lächelte, anders als Nel, dem förmlich alle Farbe aus dem Gesicht wich.
„Das hast du ihr gesagt, als du ihr meinen Stab gegeben hast? Bist du noch zu retten, Panthea?“ Das Entsetzen in Nels Stimme war deutlich herauszuhören, noch entsetzter war wohl nur ich, als ich realisierte, was seine Worte bedeuteten.
„Moment... Bist du ein Magier, Nel?“
Wenn der Stab, den ich besaß, Nels Stab war und die Magierin aus dem Teehaus nicht geflunkert hatte, dann war Nel ein Magier.
„Wir sind beide Magier. Nel hier benutzt seine Kräfte nur nicht zu oft, da er glaubt, Heilmagie sei nicht ausreichend. Deswegen verstaubt sein Stab immer im Wagen. Also dachten wir, du könntest ihn vielleicht eher gebrauchen, zumindest für diese Reise. Wir hätten dir das schon irgendwie vor dem Abschied erklärt.“
„Natürlich ist Heilmagie nicht ausreichend. Wie soll ich damit bitte kämpfen können? Du hast leicht reden, Panthea, du kannst Eisdolche auf die Gegner schleudern.“
Immer noch fassungslos starrte ich die beiden Geschwister an, die mich scheinbar in ihrer kleinen Diskussion gerade ausblendeten. Sie hatten die ganze Zeit gewusst, dass ich eine Magierin war, ebenso hatten sie wahrscheinlich auch mein schwarzes Rukh gesehen. Und dann wagten sie es sich noch, mit mir eine Diskussion darüber zu führen, ob ich schädlich für den Lauf des Schicksals war, oder nicht?
„Wenn das so ist... Ich gebe dir deinen Stab im Gasthof wieder. Du weißt wenigstens damit umzugehen, im Gegensatz zu mir.“
Zwar war Plan B gewesen, den Stab im Notfall noch als Waffe zu benutzen, doch bevor ich Nels Eigentum zerstörte, sollte er doch lieber wieder zu seinem richtigen Eigentümer zurück.
„Wir sollten zurück, die Liste ist abgearbeitet...“
Irgendwie fühlte ich mich verraten, oder viel mehr verletzt. Sie hatten soviel über mich gewusst. Soviel mehr als ich über sie gewusst hatte.

Den ganzen Weg zurück zum Gasthof schwieg ich Nel und Panthea an. Es gab für mich nichts mehr, was es zu reden gab. Ich musste erst einmal alle meine Gedanken sortieren und überlegen, wie ich weiter machen wollte. Wobei, wenn ich Glück hatte und tatsächlich ein Schiff von Bitroun nach Sindria fuhr, war ich schneller hier weg als erwartet.
„Wir müssen noch den Stall ausmisten... Cassius kann manchmal echt ein Sklaventreiber sein.“
Da Panthea und Nel bemerkt hatten, dass mein Verlangen mit ihnen zu reden sich schon sehr stark in Grenzen hielt, hatten sie entschieden sich gegenseitig zu unterhalten. Ich bemerkte einiger ihrer Gespräche und manche wirkten sogar so, als versuchte Panthea mich aus der Reserve zu locken, sodass ich doch wieder mit ihnen sprach. Aber ich hielt es tapfer durch, mich nicht in diese Gespräche einzumischen.
„Und die Einkäufe verladen. Vielleicht sollten wir Aurelius fragen ob er uns hilft. Mit ihm geht das viel schneller.“
Im Moment wusste ich nicht, was mich mehr störte, dass Nel Alexander um Hilfe fragen wollte, oder das ich befürchtete, dass Alexander die ganze Arbeit alleine machen musste. Davor musste ich ihn doch bewahren.
„Räumt ihr mal die Sachen ein, ich kümmere mich um den Stall. Allein! Panthea, du kannst Nel seinen Stab wiedergeben. Ich brauch ihn nicht.“
Ohne beide eines Blickes zu würdigen, ging ich weiter in Richtung des Gasthofes. Dann kümmerte ich mich eben um den Mist der Pferde. So schlimm würde das nicht werden, solange ich eine Heugabel oder Schaufel fand. Noch dazu hatte ich sowieso nichts zu tun. Den Hafen konnte ich auch noch später aufsuchen, denn wenn ich Cassius richtig verstanden hatte, würden wir diese Stadt heute nicht mehr verlassen. Demnach, hatte ich genug Zeit. Mehr als genug.

Auch wenn Panthea und Nel sich gegen meinen Entschluss, alleine den Stall zu säubern, gewehrt hatten, stand ich doch alleine bei den Hengsten und Kamelen. Mein Blick lag angewidert auf den Hinterlassenschaften der Tiere. Ehrlich, ich war froh Zuhause, so etwas nicht tun zu müssen. Immerhin, ich hatte wirklich eine Schaufel gefunden.
„Dann fangen wir mal ein. Tretet bloß nicht rein...“, murrte ich und wandte mich den Hengsten zu, die mit ihren Köpfen nickten, als wollten sie mir sagen, dass sie verstanden hatten. Ob das wirklich so war, würde ich ja noch sehen.
Bewaffnet mit der Schaufel und einem Leinensack, indem ich die Hinterlassenschaften lagern sollte. Wenn ich Nel richtig verstanden hatte, trocknete man das Zeug und nutzte es auf der Reise als Brennhilfe. Ich mochte gar nicht daran denken und war froh, dass es Varius und Cassius gewesen waren, die in meinen beiden Nachtschichten das Feuer am erlöschen gehindert hatten. Wenn ich es recht bedachte, war das widerwärtig. Zumindest für mich. Für die Menschen hier war das allgegenwärtig und billig.
Da die Gerüche hier im Stall meine Nase mitsamt des Magens reizten, band ich mir ein Tuch vor die Nase und begann schließlich meine Arbeit. Je schneller ich fertig wurde, umso besser. Die Hengste machten mir meine Aufgabe auch in der Tat nicht schwer. Vielleicht lag es daran, dass wir über die Zeit der Reise einander zu Vertrauen gelernt hatten. Anders als bei den Kamelen, bei denen ich doch schon vorsichtiger war. Sie beäugten mich misstrauisch, genauso wie ich, denn wer wusste schon, was in ihren Köpfen vor sich ging.
Das erste Kamel hatte keinerlei Interesse an mir, was gut war, denn so konnte ich auch seine Hinterlassenschaften ohne Probleme einsacken. Wahrscheinlich war das das erste und letzte Mal, dass ich diese Aufgabe übernehmen würde. Immerhin konnte ich davon reden, diese Erfahrung gemacht zu haben.
„Roar“ Ich zuckte zusammen, als eines der Kamele aufbrüllte und wandte mich um. Ich erschrak, denn es stand plötzlich da, vor mir, wo es vorher nicht gestanden hatte. Durch den Schwung meiner Umdrehung verlor ich das Gleichgewicht und fiel mitten in eine weiche, warme Masse. Mein Körper schüttelte sich vor Ekel und gleichzeitig kämpfte ich mit den Tränen, denn das hier war nicht nur das Peinlichste, was mir je passiert war, sondern auch der Tropfen der das Fass zum Überlaufen brachte.
„Ich will nach Hause...“, wisperte ich leise und ließ den Tränen ihren Lauf. Nach über einem Monat wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie stark ich meine Heimat wirklich vermisste. Meine Freunde, meine Familie, meine Arbeit, bei der mir so etwas nicht passiert wäre. Ich vermisste mein sicheres Leben. Bei mir gab es keine Kamele die mich in so eine Situation brachten. Es gab keine Djinngefäße, dank denen mir halb der Arm amputiert wurde und ebenso wenig gab es Borg oder Rukh, die mir eine Verantwortung auflasteten, die mich zu erdrücken drohte, wenn ich weiterhin gegen den Strom floss.
„Ich will zurück... Ich will wieder mit Shicchi reden... mit Lilim... mit meiner Mutter. Oder mit meinen Kunden. Ich will einfach nach Hause...“
Mir war in diesem Moment egal, dass ich in den Hinterlassenschaften des Kamels saß. Meine Emotionen die mit einem Mal ausbrachen hatten mich Schach-Matt gesetzt und ich war einfach nur froh, dass niemand außer den Tieren diesen erbärmlichen Anblick miterlebte.

Ich hatte alle Zeit genommen, die ich brauchte um mich zu beruhigen. Meine Augen brannten wegen der vielen Tränen, die ich vergossen hatte, doch ich fühlte mich besser. Als wäre eine Last, wenigstens für diesen kurzen Zeitraum, von meinen Schultern gefallen.
Den Stall hatte ich gleich mit ausgemistet. Wie immer, wenn ich heulte, konnte ich nicht einfach tatenlos herum sitzen. Ich telefonierte sogar auf Arbeit nachdem ich geheult hatte, oder noch während ich mit den Heulkrämpfen kämpfte. Das hatte bisher keiner mitbekommen, zumindest keiner der Kunden. Und den Kamelen und Pferden war mein Gemütszustand egal, solange ich ihren Dreck wegräumte und sie neu versorgte. Abgesehen von meinen beiden Hengsten, die scheinbar bemerkt hatten, dass etwas nicht stimmte und mir über die Wange geleckt hatten, als wollten sie mir damit helfen und mich trösten. Das meine Kleidung nun versaut war, konnte das zwar nicht wieder gut machen, aber immerhin hatte ich auch zwei tierische Begleiter auf meiner Seite. Und dann auch noch solche Edlen.
Der Gedanke ließ mich lächeln. Immerhin konnte ich mir der Unterstützung einiger sicher sein, auch wenn die Sehnsucht nach Zuhause immer noch an meinem Herzen zog. Aber, wie hatten es die Stimmen in meinem Kopf gesagt, ein Schritt nach dem anderen. Schritt eins war immer noch Sindria. Dort würde ich vielleicht herausfinden können, was oder wer für meine Misere verantwortlich war. Egal aber wer es genau war, in meinem jetzigen Zustand konnte ich nichts gegen diese Person unternehmen. Sie musste mächtig sein, ich hingegen war schmächtig. Ich würde also noch einen langen Weg vor mir haben, ohne zu wissen, wohin dieser mich überhaupt führen sollte. Alleine diese Tatsache war deprimierend, aber ich durfte mich nicht unterkriegen lassen.
„Hast du dich beruhigt?“
Ich hatte gerade den Stall mit dem Sack der Hinterlassenschaften verlassen, als Chen vor mir erblickte, der mich besorgt ansah. Mir wurde sofort klar, was er mit seiner Frage meinte und ein roter Schimmer zeichnete sich auf meine Wangen ab. Es hatten also doch mehr als nur die Tiere meinen Zusammenbruch bemerkt.
„Einigermaßen...“, nuschelte ich und lief zu den Wagen. Pantheas Anweisung war klar gewesen. Hinterlassenschaften einsammeln, Sack gut verschnüren und auf den Wagen laden. Ich bezweifelte zwar, dass der Sack Geruchsundurchlässig war, aber es war eine Anweisung und diese würde ich erfüllen.
„Mein Herr möchte, dass ich einen Botengang für ihn erledige. Würdest du mich begleiten?“
Ich gestehe, das ich über Chens Frage verwundert war. Nachdem ich jemanden flennen hören hatte, hätte ich sicher nicht gefragt, ob dieser einen begleiten wollte. Noch dazu erinnerte ich mich nur zu gut daran, was für Missverständnisse es zwischen Suleika und mir gegeben hatte, als ich bei Ameen in der Küche Dienst geschoben hatte. Und Chen war Hinatas „Liebe“. Diese würde eine traute Zweisamkeit zwischen Chen und mir sicher nicht gut auffassen. Allerdings, ich stand schon auf ihrer Abschussliste. Was hatte ich da also zu verlieren? Richtig, nichts.
„Wenn du mir noch etwas Zeit gibst. Ich muss erst einmal... aus den Sachen raus.“ Chen lächelte, als verstünde er sofort, was ich meinte. Wie konnte man das auch nicht verstehen, nachdem der Geruch des Stalles an meinen Sachen haftete.
„Pack sie ein, ich zeig dir, wie du das wieder raus bekommst.“
Mit Sicherheit würde Chen mir Wasser und Seife vorschlagen, darauf wäre ich auch gekommen, allerdings nicht, wo ich diese beiden Dinge verwenden konnte. Ich rechnete nicht damit, dass es hier Waschsalons gab, was eindeutig eine Marktlücke wäre. Die Frage wäre nur, woher man Waschmaschinen herbekommen wollte, denn die Elektrizität war hier noch nicht entdeckt. Vielleicht sollte man Hinata an einen Drachen hängen, zusammen mit einem Schlüssel. Dann hatte sie wenigstens einen Geistesblitz.
„Ich bin gleich wieder zurück, Chen.“ Ich sah zu Chen der nickte, bevor ich mich von den Karren abwandte und zurück ins Gasthaus lief, indem ich meine Sachen zusammensuchte. Wenn Chen mir schon die Magi-übliche Reinigung der Sachen erklären wollte, konnte ich auch gleich meinen blutbefleckten Umhang mitnehmen. Je mehr Sachen ich für die weitere Reise hatte, desto besser. Mal davon abgesehen, ging mir sowieso die Wechselkleidung aus.

Neugierig sah ich zu Chen, der ein Päckchen in den Armen hielt. Mit Sicherheit war dieses Päckchen der Grund für seinen Botengang. Ich hätte nur zu gerne gewusst, was sich darin befand.
„Wie kommt es eigentlich zu diesen Botengang? Vor etlichen Tagen war dein Herr doch noch gegen diese Reiseroute.“
Es wunderte mich wirklich, denn der Händler aus Kou war einer jener gewesen, der sich lieber für die andere Route ausgesprochen hatte. Dieser Botengang musste damit spontan sein, was dieses Päckchen umso interessanter machte.
„Jeder weiß, dass mein Herr sehr launisch und etwas müßig sein kann. Aber er ist bekannt dafür, dass wenn er die Möglichkeiten für sich gefunden hat, einen Auftrag zu erfüllen, er diesen auch erledigt. Vor Wochen haben wir einen Auftrag für diese Lieferung bekommen. Ein Mann aus Kou hat dieses Paket geordert und wollte, dass wir es hier her bringen. Die Zeit war dabei egal. Allerdings durch diese Reisegruppe können wir es früher als gedacht abgeben.“
Ein zufriedenes Lächeln lag auf Chens Lippen und seine Worte machten mir klar, dass er definitiv wusste, was sich in diesem Päckchen befand, allerdings vermied ich es danach zu fragen. Im Prinzip ging mich das nichts an, auch wenn ich mich fragte, warum Chen mich ausgerechnet jetzt gefragt hatte, ihn zu begleiten. Dieses Päckchen konnte er auch ohne Probleme alleine zu seinem Landsmann bringen. Noch dazu hatte ich kaum einen Bezugspunkt, so dass sich während des Weges erneut Schweigen zwischen uns legte.
„Hör mal...“ Es war schließlich Chen, der dieses Schweigen brach und zu mir sah.
„Wir können uns alle vorstellen, dass es nicht leicht für dich ist, so weit von Zuhause entfernt zu sein. Wir reisen zwar häufiger und sind mehr fern der Heimat als andere Menschen, aber dennoch kennen wir das Gefühl von Heimweh. Aber wir sind auch nie alleine. Wir haben immer jemanden, der uns in schwachen Momenten eine Schulter leiht und uns erlaubt schwach zu sein. Niemand verlangt von uns und schon gar nicht von dir, immer stark zu sein. Wenn du also jemanden brauchst, der einfach für dich da ist... nun... dann sind wir für dich da.“
Es brauchte für mich nicht viel um zu verstehen, was Chen mir sagen wollte. Wahrscheinlich hatte er es nicht geplant, dass ich diesen Botengang mit ihm erledigte. Viel mehr hatte er einfach die Gelegenheit ergriffen, nachdem er mich im Stall entdeckt hatte.
„Das ist wirklich lieb von euch, aber... Ich wusste bis eben nicht einmal, dass ich Heimweh habe und ich werde es so schnell nicht wieder merken. Ich muss einfach nur mehr arbeiten um mich davon abzulenken. Noch dazu, mein Gejammer will doch keiner hören, nicht einmal ich.“ Ich kämpfte damit, zu lächeln, auch wenn ich mich bei diesem Versuch mehr als erbärmlich fühlte.
„Auch wenn du es nicht willst, du bist nicht allein.“
Mir war nicht klar, ob Chen wusste, was er da sagte. Bald würde ich wieder alleine sein, immerhin war ich nur ein temporäres Mitglied dieser Reisegruppe. Sobald ich ein Schiff nach Sindria gefunden hatte, war ich wieder auf mich allein gestellt. Eigentlich musste Chen das doch bewusst sein, oder hoffte er vielleicht, dass ich meine Pläne über den Haufen warf und stattdessen bei der Karawane blieb? Nein, warum sollte er solche Hintergedanken haben? Wahrscheinlich redete ich mir diese Hintergedanken Chens nur ein, weil ich mir selbst wünschte, alle meine Pläne einfach verwerfen zu können. Doch das würde mich niemals zurück nach Hause führen. Zumindest sagte mir das eine innere Stimme, die ausnahmsweise nicht aus meinem Kopf kam. Es war viel mehr ein Bauchgefühl.

Ich hatte Chen bis zum Haus des Mannes begleitet, bei dem er die Ware des Händlers aus Kou abliefern sollte. Auch wenn ich ebenfalls herein gebeten worden war, zog ich es doch vor, noch etwas für mich zu sein und einfach draußen auf Chen zu warten.
Das Haus des Mannes lag ziemlich mittig gelegen, sodass die Stände der Händler wirklich zum Greifen nahe waren. Man konnte fast schon sagen, dass er einfach nur aus der Tür stolperte und schon den ersten Gemüsestand vor seinem Blickfeld hatte. In meiner Welt wäre so ein Heim mit „günstiger Lage“ betitelt worden und hätte, zumindest in den Großstädten, einiges an Geld gekostet. Allerdings bezweifelte ich, dass diese Häuser hier zur Miete vergeben wurden. Wieder etwas, das ich nicht wusste. Wie hatte Sadiq damals seine Unterkunft bezogen? Hatte er auch Miete bezahlt? Oder hatte er sich das Haus vielleicht gekauft? Ebenso das Freudenhaus von Assad. Gehörte es Assad oder zahlte er Teile des Gewinnes als Miete ab? Das waren Rätsel die mich vielleicht nichts angingen, deren Antworten ich aber schon gerne in meinen geistigen Besitz gewusst hätte.
Mein Blick streifte gedankenverloren über die Häuserreihen, vorbei an kleineren Ständen und schließlich, erweckte etwas funkelndes auf dem Weg meine Aufmerksamkeit. Keine Ahnung was mich dazu trieb, aber ich entfernte mich von dem Platz, auf dem eigentlich auf Chen hatte warten wollen, und näherte mich dem Funkeln, das sich schon nach wenigen Metern als eine goldene Münze herausstellte. Ohne darüber nachzudenken, ging ich in die Knie und hob die Münze auf, auf der das Abbild eines Mannes im Profil geprägt war. Nichts ungewöhnliches, denn die meisten Münzen zeigten Männer im Profil, doch bei keinem war eine so auffällige Haarsträhne abgebildet, die frech aus dem Turban hervorlugte und förmlich danach schrie irgendjemanden ein Auge auszustechen.
„Ist jetzt nicht sein Ernst... Selbstverliebter... Egomanischer...“ Ich schnalzte mit der Zunge, um mich vor weiteren bösen Gedanken und Worten zu bewahren. Immerhin hätte ich durch die Serie wissen müssen, wie dieser abgebildete, oder viel eher eingebildete, Mann tickte. Eine Münze mit seinem Gesicht, nachdem er ein ganzes Königreich regierte, sollte da eher weniger überraschend sein. Und doch war es das. Überraschend. Allerdings, wenn so eine Münze hier war... In meinem Kopf spannen sich sofort alle möglichen Ideen zurecht. Was, wenn jemand bekanntes aus Sindria hier war? Was wenn vielleicht ER hier war? Das wäre wirklich ein großer Glücksfall gewesen, allerdings wäre das auch ein gutes Zeichen, denn dann konnte es wirklich am Hafen ein Schiff geben, welches vielleicht nach Sindria fahren würde.
„Hier bist du. Ich dachte schon du hast dich gelangweilt und bist ohne mich gegangen. Was hast du da?“
Ich hatte die Schritte hinter mir deutlich gehört, auch wenn ich mir nicht sicher gewesen war, ob sie wirklich zu Chen gehörten. Dennoch, er überraschte mich nicht, als er mich ansprach und über meine Schulter hinweg auf die Münze sah.
„Ah, aus Sindria. Damit wirst du bald vielleicht häufiger bezahlen. Es ist aber komisch, dass so eine Münze hier ist...“ Irgendwie hätte es mir auch ohne Chen klar sein müssen, dass diese Münze aus Sindria kam. Welches Königreich hatte schon seinen eigenen König im Profil auf der Münze? Gut sicher einige, aber niemand lächelte auf einer Prägung so selbstbewusst wie der König von Sindria. Punkt.
„Vielleicht liegt ja ein Schiff aus Sindria hier am Hafen. Können wir mal nachsehen?“ Es war ja nicht so, dass ich nicht auch alleine zum Hafen hätte gehen können, aber wenn ich Chen schon bei seinem Auftrag hatte begleiten müssen, wäre es doch dämlich gewesen ihn, nun alleine zurück zu den anderen gehen zu lassen. Noch dazu wollte ich gerade nicht alleine sein, vielleicht lag es daran, dass ich nicht wieder an meine Heimat denken wollte, etwas das ich in Gesellschaft mit anderen sicher nicht tun würde.
„Das trifft sich gut. Ich wollte dir ein paar Orte zeigen, die Hinata und ich gestern entdeckt haben.“ Ich muss gestehen, dass ich verwundert war. Gerade nachdem sich Chen freiwillig für die Vorhut gemeldet hatte, war bei mir das Gefühl entstanden, dass sich Chen und Hinata ein wenig voneinander distanziert hatten, doch gerade nach seiner Aussage wurde mir bewusst, dass dem nicht so war. Gefühle für eine Person verschwanden eben nicht einfach so. Das hätte mir auch von Anfang an klar sein müssen.
„Ich hab gestern nur das Teehaus ausgekundschaftet. Also wenn du am Hafen noch ein paar gute Ecken kennst, bist du herzlich willkommen mich zu begleiten.“ Auch wenn es immer noch eine schlechte Idee war, mit dem Freund einer anderen Reisebegleitung Zeit zu verbringen, war es mir egal. Die Entscheidung war schon vor einigen Stunden gefallen und wenn ich ehrlich war, konnte Hinata mich nicht weniger interessieren.

Bitroun schien eine Kopie von Balbadd sein zu wollen, auch wenn der Hafen trotz einiger Ähnlichkeiten weniger beeindruckend war. Von einem großen Handelshafen konnte auch nicht die Rede sein, viel mehr sah man deutlich dass hier nur die einheimischen Bewohner ihre kleinen Fischerboote anlegten um über die Nacht bei ihren Familien ruhen zu können, bevor sie am Tag wieder aufs Meer hinausfuhren. Von einem Platz für blühenden Handel konnte auch hier keine Rede sein. Lediglich einige wenige Stände waren aufgebaut, doch die meisten boten frisch gefangenen Fisch an. Vielfalt, wie in Balbadd, war hier nicht zu finden. Ich begann sogar zu zweifeln, ob von hier ein Schiff nach Sindria fuhr, denn große Schiffe waren nicht zu sehen. Was ich aber nun viel deutlicher als am Vortag sah, war dieser Leuchtturm. Er überragte förmlich die Winzigkeit des Hafens und wirkte zu pompös, um wirklich in dieses Bild zu passen. Näher am Hafenrand, erkannte ich sogar die Insel auf der er einige Meter von der Stadt entfernt stand, und doch nah genug war, sodass man glauben konnte, dass dieser Leuchtturm wirklich ein Teil der Stadt war.
„Argh... das Pack vor den Toren wieder... Ich konnte mein Boot heute wieder nicht aufs Meer führen. Ständig stehen sie einem im Weg.“ Mein Blick war die ganze Zeit andächtig auf den Turm gebannt gewesen. Doch als ich ein Gespräch von zwei Männern mit anhörte, konnte ich nicht anders als von den Turm wegzusehen und die beiden Herren ins Visier zu nehmen. Das Pack vor den Toren konnten mit Sicherheit nur die Leute vor der Stadt sein. An sich hatte ich nicht das Gefühl gehabt, dass diese in irgendeiner Weise störend waren, doch was die Männer sagten, ließ mich stutzig werden.
„Chen, warte hier kurz. Ich möchte noch ein paar Informationen über diese Stadt.“ Es gab vieles, was ich über diesen Ort wissen wollte, zum einen warum dieser Leuchtturm so gar nicht ins Bild passen wollte, oder wer diese Menschen vor den Toren waren. Chen schien das zu verstehen und nickte mir zu zum Zeichen, dass es in Ordnung war ein paar Minuten alleine zu sein.
Auch wenn ich mich immer schwer tat, fremde Menschen einfach anzusprechen, gab es bereits jetzt in der Magi-Welt diese Hemmung nicht mehr. Zumindest nicht in dieser Form. Ich hatte schließlich schon genug Menschen angesprochen, ohne das sie mich kannten. Etwas das ich in meiner Welt wohl dringend wieder abschalten sollte.
„Entschuldigen Sie. Ich konnte nicht umhin zu hören, dass Sie von den Leuten vor der Stadt sprachen. Mir sind diese Teile der Welt noch etwas fremd, deswegen würde mich sehr interessieren, warum sie ihnen im Weg stehen.“
Mir war egal, wie unhöflich ich wirken musste, weil ich gelauscht hatte. Ich wäre sicher nicht die einzige Person in dieser Welt die das tat, also störte ich mich nicht daran. Die beiden Männer schienen aber nicht erbost über meine Einmischung zu sein.
„Wir sind Fischer, junge Dame. Durch diesen Turm treiben sich hier aber viele Schatzsucher herum, die nach einem Eingang suchen. Wie Sie sicher bemerkt haben, steht der Turm auf einer Insel die nur mit Booten erreicht werden kann. Da aber neben den Booten von uns Fischern nun auch die der Schatzsucher am Hafen anliegen, bekommen wir tagtäglich Probleme aufs Meer hinauszufahren.“
Erneut glitt mein Blick zu dem Leuchtturm. Schatzsucher. Mir war sofort klar, was das bedeutete und dass dieser Turm doch kein von mir geglaubter Leuchtturm war, auch wenn er diese Funktion momentan wunderbar erfüllte. Seltsam war nur, dass diese Schatzsucher keinen Eingang fanden. Wozu sollte der Turm dann da sein, wenn nicht dazu erkundet, und vielleicht erobert zu werden? Wobei, ein Gutes hatte es. Es waren vielleicht noch keine Menschen seinen tückischen Fallen zum Opfer gefallen.
„Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass die Sklavenhändler sich hier ausbreiten. Dieser Turm hat nichts als Ärger für die Stadt gebracht.“
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken, als der Ältere der beiden Männer den Sklavenhandel erwähnte. Mir war ja schon aufgefallen, dass das Sklaventum verbreiteter wurde, je mehr wir uns Aza näherten, aber dass es mir wirklich so deutlich bewusst gemacht wurde, schockierte mich immer noch zu tiefst, auch wenn es äußerlich nicht sichtbar war.
„Ich hab gedacht, der Turm würde den Schiffen den Weg weisen. Gestern Abend habe ich dieses Schimmern vom Hafen gesehen.“
Ich stellte mich absichtlich dumm, um mehr über diesen Turm zu erfahren oder viel mehr, mehr über dieses Licht. Je mehr ich wusste, desto nützlicher konnte es mir vielleicht sein. Noch dazu, wenn dieser Leuchtturm, wie von mir vermutet, ein Dungeon war, konnte es vielleicht sein, dass Sinbad oder einer seiner Allianzmitglieder ebenfalls hier war. Zumindest sprach die Münze die ich gefunden hatte sehr dafür.

Die Fischer hatten wirklich viel zu erzählen, doch irgendwann musste selbst ich einen Cut bei diesem Gespräch machen, immerhin hatte ich bereits alles wichtige erfahren. Der geglaubte Leuchtturm war ein Dungeon, vor Bitroun lag eine weitere Stadt, die im Moment von Schatzsuchern bezogen wurde und bisher war es scheinbar noch niemanden gelungen, den Dungeon zu betreten, was doch schon sehr seltsam war. Immerhin, so glaubte ich, musste man nur seinen Fuß auf die Insel setzen und einmal um den Turm herumgehen um die Tür zu finden. Doch mit Sicherheit war ich nicht die erste, die diese Idee hatte. Die Frage war nur, wo sich diese Tür befand?
„Ob es einen Trick dabei gibt?“, flüsterte ich leise, als ich mich Chen näherte, der an einem Stand gerade einem Händler Geld gereicht hatte. Er bemerkte mich wohl aus dem Augenwinkel und wandte sich sofort zu mir, um mir etwas entgegen zu halten, was mir vom Äußeren her sehr bekannt vorkam.
„Hier, während du dich mit den Fischern unterhalten hast, habe ich nach einer Zwischenmahlzeit gesucht. Der Verkäufer hat mir dabei Eumer Brasse angeboten, die wohl das Nationalgericht von Balbadd ist.“
Das Nationalgericht aus Balbadd hier zu sehen, eine Spezialität die ich bei Ameen häufiger gegessen hatte, war wirklich erstaunlich. Wobei, vielleicht nicht ganz so erstaunlich wenn man bedachte, dass diese Stadt Balbadd zu kopieren versuchen schien. Im Prinzip war aber egal, was diese Stadt versuchte zu sein, oder eben nicht. Balbadd mit seinen Menschen, konnte man nicht kopieren. Das Essen hingegen schon.
Voller Vorfreude nahm ich einen Bissen von der Eumer Brasse und schmeckte bereits den Geschmack meiner zweiten Heimat. Die Enttäuschung als die ersten Gewürze aber ihre Macht entfalteten und ich nicht die Vertrauten Kombinationen schmeckte, war groß. Eine Fälschung, eine sehr, sehr schlechte Fälschung. Selbst Ameen hätte sich bei einer Kopie mehr Mühe gegeben. Das hier war einfach herzlos. Massenware, die versuchte etwas zu sein, was sie nicht war. Wie so viele Fälschungen in meiner Welt.
„Das ist gut, oder?“
Glücklich lächelte mich Chen an, der scheinbar glaubte, damit etwas Gutes getan zu haben. Augenscheinlich war das seine Art mich aufmuntern zu wollen. Zu schade, dass dieser Versuch nur gerade mehr Sehnsucht nach dem vertrauten, wahren Balbadd weckte.
„Ja, es ist gut...“, wisperte ich leise als Antwort und nahm erneut einen Bissen um meine Worte zu unterstreichen. Das Kauen aber fiel mir schwer. Das hier war keine Eumer Brasse, das hier war auch nicht Balbadd und das hier war auch nicht meine Welt. Ein dicker Kloß machte sich in meinem Hals breit. Einmal eine Heimat zu verlieren war erträglich, wenn auch schwer, aber ein zweites Mal war Folter.
Während ich die schlechte Kopie der Eumer Brasse aß, wurde mir das bewusst und gleichzeitig fragte ich mich, nach welcher Heimat die Sehnsucht größer war, nach meiner Welt, oder nach Balbadd, oder viel mehr den Mädchen im Freudenhaus.
„Ah, da fällt mir ein, ich muss noch wohin. Komm mit, es dauert sicher nicht lange.“
Mit einem aufgesetzten und unehrlichen Lächeln sah ich zu Chen. Er griff meine Hand und begann mich durch die Straßen zu ziehen. Zielsicher und gezwungen. Was auch immer er wollte, es war sein nächster Versuch mich aufzumuntern, nachdem er bemerkt hatte, dass die Eumer Brasse ihre Wirkung verfehlt hatte.

Auch wenn ich ahnte, in welche Richtung sein zweiter Versuch gehen sollte, so war es doch bedenklich, mit einem Mann oder Jungen, auf jeden Fall mit einem männlichen Reisebegleiter, vor dem Freudenhaus der Stadt zu sehen.
„Äh...“, war der einzig geistreiche Einwand, den ich hatte, und den Chen gekonnt mit einem Lächeln ignorierte. Vielleicht war ihm nicht bewusst, dass man eine Frau nicht zum Freudenhaus schleifte, vielleicht sah er mich aber auch nicht als Frau, sondern eher als Kumpel.
„Tiberius und Varius haben mir gestern den Weg erklärt.“ Aus seinen Worten sprudelte förmlich der Stolz. Warum auch immer die beiden ihm diesen Weg erklärt hatten, sicher hatten sie nicht mich im Hinterkopf gehabt. Männer.
„Du hast in Balbadd doch in einem Freudenhaus Geschichten erzählt. Ich dachte du vermisst vielleicht etwas vertraute Umgebung. Komm, gehen wir rein.“ An sich war Chens Idee ja süß, aber mit Sicherheit vermisste ich nicht die Umgebung des Freudenhauses, sondern eher die Menschen, die mir zu einer zweiten Familie geworden waren. Hier hingegen waren alle Mädchen vollkommen fremd für mich. Von vertrauter Umgebung konnte man da also nicht einmal reden. Dennoch hatte ich gegen Chens freundlich gemeinte Geste keine Chance und ließ mich ins Innere ziehen.
Immerhin ein Ort versuchte Balbadd nicht zu kopieren, vielleicht lag das aber auch daran, dass hier niemand wusste, wie es im Freudenhaus von Balbadd aussah, abgesehen von mir. Mit Sicherheit würde ich ihnen aber nicht die Kissenberge unter die Nase reiben. Dennoch, auch dieses Freudenhaus war sehr bequem eingerichtet, auch wenn sich auf den Tischen statt des Obstes kalte Speisen befanden. Ebenso schien mir die Räumlichkeit sogar viel kleiner in der Verteilung zu sein. Dagegen wirkte Assads Freudenhaus wie ein Palast.
„Guten Tag der Herr. Womit kann ich ihnen dienen?“
Kaum, dass Chen bemerkt wurde, kam auch schon eine der Damen auf uns zu und lächelte Chen aufmunternd oder viel eher auffordernd an. Dieser schien das selbst zu bemerken und wurde augenblicklich rot, woraufhin er mich wie einen Schutzwall vor sich schob.
„I-ich bin wegen ihr hier. Sie hat in Balbadd in einem Freudenhaus gearbeitet.“
Sowohl mein Blick als auch der des Mädchens versteinerte über Chens unüberlegten Worte. Wahrscheinlich war er sich nicht einmal darüber bewusst, was er da gerade indirekt gesagt hatte.
„Entschuldigen Sie, aber wir nehmen keine Sklavenmädchen.“
Entsetzen machte sich in Chens Gesicht breit, als er die Worte des Mädchens hörte. Scheinbar war nun auch bei ihm der Groschen gefallen.
„Nein, nein. Das meinte ich nicht. Sie ist keine Sklavin. Sie zieht mit unserer Karawane frei nach Aza. Sie... Uhm...“ Chens Worte überschlugen sich und ich konnte nicht anders als leise zu lachen. Es war schon süß, wie verlegen er wurde.
„Chen meinte das nicht so. Ich habe in Balbadd als Geschichtenerzählerin in Assads Freudenhaus gearbeitet und hin und wieder in der Küche ausgeholfen. Dank ungünstiger Umstände musste ich aber Balbadd verlassen und Chen dachte, eine vertraute Umgebung würde mir über mein Heimweh hinweg helfen.“
So gut ich konnte, versuchte ich dieses Missverständnis aufzuklären, auch wenn ich Chen wahrscheinlich schon eher hätte sagen sollen, das meine Anwesenheit hier mehr für Unruhe sorgen würde.
„Assads Freudenhaus? Habe ich da eben den Namen des Arbeitgebers meiner Cousine gehört?“
Die Stimme glich einem sanften Grollen, das hinter dem Freudenmädchen erklang. Vorsichtig lugte ich an ihr vorbei und erkannte sie. Das Ebenbild einer Frau, die Alibaba in „Verzückung“ und mich in Begeisterung versetzte hättet. Wobei meine Begeisterung wirklich aufrichtig war.
Mit einem freudigen Lächeln kam uns das Ebenbild Cecilias entgegen. Scheinbar war ihre Familie weit verbreitet und alle hatten ein und denselben Arbeitsstand. Interessant, wenn auch gruselig, in gewisser Weise.
„Welche deiner Cousinen meinst du, Krista?“ Das Mädchen welches uns begrüßt hatte, sah Cecilias fast perfekte Doppelgängerin an.
„Die aus Balbadd. Ceci. Sie hat uns doch vor einigen Wochen einen Brief geschrieben und von dem Zuwachs an ihrem Arbeitsplatz erzählt. Weißt du noch, wie sehr wir sie beneidet haben, dass sie jeden Abend so schöne Geschichten hören konnte?“
Insgeheim fragte ich mich, was Cecilia in ihren Briefen alles geschrieben hatte, aber scheinbar waren selten bis keine schlechten Worte über mich gefallen, denn sonst hätte die Euphorie ihrer Cousine sicher anders ausgesehen.
„Heißt das, sie könnte diese Geschichtenerzählerin sein?“ Mit einem erwartungsvollen Blick sah mich das Mädchen an. Ich ahnte irgendwie, worauf das hinauslaufen sollte, aber ich war nicht hier, um zu arbeiten. Mal davon abgesehen, dass ich hier nicht einmal angestellt war.
„Ja, das bin wohl ich. Allerdings hab ich es leider etwas eilig und noch eine ganze Menge zu tun.“
Selbst wenn ich alle meine Arbeit heute schon erledigt hatte, wollte ich nur noch eines, raus hier. Ich befürchtete sonst, mich wohlzufühlen, wieder das Gefühl von Heimat zu verspüren und mich mit dem Aufbruch nach Aza wieder von ihr trennen zu müssen.
„Noch eine Menge zu tun? Aber es ist doch alles schon erledigt. Genieße deine freie Zeit doch einfach. Wir haben es nicht eilig.“
Mein Blick wandte sich zu Chen, der mich freundlich anlächelte. Warum musste er nur so ein Gutmensch sein? Warum konnte ich ihm das, was er sagte, nicht einfach übel nehmen? Da er mich nun aber verraten hatte, gab es für mich keine Ausrede mehr.

Die Mädchen waren anders, die Stadt war anders, aber irgendwie war die Atmosphäre, als ich die Geschichte erzählte, exakt dieselbe wie in Balbadd. Dabei hatte ich die Geschichte von Atlantis in Balbadd noch nicht erzählt. Aber selbst hier hörten sowohl die Gäste als auch die Mädchen aufmerksam zu und das erfüllte mich mit Stolz. Denn irgendwie war das meine geheime Kraft, mit der ich vielleicht doch noch lange genug in dieser Welt bestehen konnte, um einen Weg nach Hause zu finden. Seltsam, dass mir das erst jetzt bewusst wurde.
„Und so ging die Stadt unter und nahm alle Erinnerungen mit sich. Nur wenige überlebten dieses Unheil. Doch jene die es taten, einigten sich, dass niemand jemals mehr von dem geheimnisvollen Atlantis erfahren sollte. Lediglich einige wenige Schriften erzählen noch seine Geschichte, doch wo diese Stadt genau gelegen haben soll, bleibt bis heute ein Geheimnis.“
Ich holte tief Luft, als die letzten Worte gesprochen waren. Im Prinzip hätte ich die Geschichte von Atlantis innerhalb weniger Minuten nacherzählen können, doch der Hobbyautor in mir hatte sich dagegen gewehrt und daraus etwas mystischeres und größeres gemacht, als es war. Immerhin war es keine Disneyversion geworden, sondern eine eigene, die ich besser mal niedergeschrieben hätte. Doch wie es so war, kamen die besten Ideen spontan und ich hoffte nicht, das jemand forderte, dass ich diese Geschichte jemals wieder erzählte.
„Und diese Stadt... gab es wirklich?“, fragte schließlich einer der Gäste, augenscheinlich ein Schatzsucher, der nach seiner Arbeit nach Entspannung suchte.
„Das kann keiner genau sagen. Diese Aufzeichnungen, die von dieser Stadt berichten, können auch gut und gerne erfundene Geschichten sein. Und selbst, wenn es sie gab, sollte der Mensch sich doch fragen, ob es wert ist, eine vergessene Zivilisation neu zu entdecken und dann vielleicht demselben Schicksal zu begegnen. Manche Schätze sollten verweilen wo sie sind, egal wie verlockend sie erscheinen. Das eigene Leben sollte immerhin wertvoller sein, als alles Gold der Welt.“
Ich musste irgendwie daran denken, dass dieser Dungeon Bitrouns Bevölkerung nicht gut zu tun schien. Hätten diese Schatzsucher auch nur den Hauch einer Ahnung dass der Tod sie im Inneren erwarten würde, hätten sie sicherlich die Zelte vor der Stadt abgebrochen, oder? Müssten Geschichten über die Dungeons nicht schon weit genug verbreitet sein? Was trieb diese Menschen an, ihr Leben aufs Spiel zu setzen? Vielleicht war es leichter, sein Leben zu riskieren, wenn man den Schrecken nicht mit eigenen Augen gesehen hatte. Wobei nicht einmal ich hatte den Schrecken mit eigenen Augen gesehen und doch schrie alles in mir, mich von den Dungeons, egal welcher Art, fern zu halten. Ich war definitiv noch zu jung um zu sterben. Außerdem sollten die Meere dieser Welt noch ihre Chance bekommen nach meinem Leben zu trachten und nicht irgendwelche ausgehungerten Bestien.
Ob mein Argument bei dem Schatzsucher fruchtete, wusste ich nicht. Wahrscheinlich würde ich es auch nie erfahren, soviel war mir klar, als ich mich von meinem Platz erhob und bereit machte, zusammen mit Chen zurück zum Gasthaus zu gehen. So gerne ich auch den Fischern der Stadt geholfen hätte, meine Kräfte und Fähigkeiten hatten Grenzen und ich konnte nicht einfach mal so einen Dungeon verschwinden lassen, geschweige denn ihn bezwingen, damit er es tat.
„Willst du schon gehen?“, hörte ich eines der Mädchen fragen. Wahrscheinlich hätten sie und die Anderen gerne noch mehr Geschichten gehört, doch ich hatte jetzt bereits länger hier verweilt als geplant.
„Ich muss. Es hat mir aber Spaß gemacht, euch heute eine Geschichte erzählen zu können. Sollte ich auf meiner Reise erneut nach Bitroun kommen, erzähle ich euch noch eine.“ Ich lächelte, denn auch wenn ich eigentlich niemals wieder vor hatte, nach Bitroun zu kommen, so ließ ich mir damit doch ein Hintertürchen auf, für den Fall, dass eine erneute Reise mich an diesen Ort führen würde. Es konnte niemals schaden Verbündete oder Freunde zu haben, selbst wenn diese unscheinbar waren.
„Warte Geschichtenerzählerin!“
Verwundert blickte ich zu einem der Mädchen auf. Sie war noch jünger als ich, wohl im Alter von Morgiana, was mich ehrlich gesagt ein wenig schockierte. Doch in ihren Augen glänzte etwas, dass mir klar und deutlich zeigte, dass sie ihr Schicksal nicht verachtete. Vielleicht reflektierten ihre Augen auch nur unbewusst das Licht der weißen Rukh die um ihr herumflatterten.
„Hier. Das ist mein Dankeschön für diese Geschichte.“
Meine Augen weiteten sich, als ich auf das Fladenbrot sah, welches mir das Mädchen entgegen hielt, als sie ihren dunkelbraunen Schopf in einer Verbeugung andeutete. Ein Fladenbrot. Gefühlt mit Fleisch und Gemüse, so wie es mir Sadiq immer zum Frühstück gemacht hatte. Welch Ironie, das es ein gefülltes Fladenbrot war, dass mich just in diesen Moment wieder an mein Heimweh erinnerte und erzittern ließ, als ich es entgegen nahm.
„D-Das war... uhm... Das nächste Mal erzähle ich eine noch bessere Geschichte...“, wisperte ich und kämpfte erneut gegen einen Kloß im Hals und gegen die Tränen an. Ich vermisste sie alle wirklich. All die Menschen aus meiner zweiten Heimat. Doch noch mehr vermisste ich meine Freunde aus meiner eigentlichen Heimat. Einer Welt, in der ich all diese Geschichten gelernt hatte, die voll von ihnen war und hier so begeistert aufgenommen wurden, als wären sie seltene Raritäten oder Schätze. In meiner Welt waren sie mittlerweile sogar so selbstverständlich geworden, dass ein gefülltes Fladenbrot niemals als Bezahlung gereicht hätte.
Ich kratzte alle meine Beherrschung zusammen und gab Chen ein Zeichen dafür, dass wir gehen würden. Erneut ließ ich ein Freudenhaus hinter mir, doch dieses Mal hörte ich die Rufe der Mädchen, die mir sagten, ich solle wiederkommen und Krista, die mich bat ihre Verwandten zu grüßen, sollte ich ihnen je begegnen.

Chen und ich waren ein ganzes Stück zurück in Richtung Hafen gegangen. Ich hatte ihm etwas von dem Fladenbrot angeboten, doch er hatte dankend abgelehnt, so dass ich an dem Brot und seiner Füllung kaute und den vertrauten Geschmack der zweiten Heimat auf der Zunge spürte. Tränen liefen mir nun doch wieder über die Wangen. Tränen, die Chen mit Sicherheit bemerkte, aber zu denen er nichts sagte, wofür ich dankbar war. Stattdessen lief er schweigend neben mir her, während ich Bissen um Bissen des Brotes aß und an all meine Freunde in Balbadd zurück dachte.
„Dieser Turm strahlt wirklich ein seltsames Licht aus...“, nuschelte Chen nach einiger Zeit, als das Licht des Dungeons unseren Weg erhellte. Ich nickte bloß, würgte genüsslich und gegen den nächsten Heulkrampf kämpfend, den letzten Bissen runter und wischte mir mit dem Ärmel die Tränen weg.
„Wir sollten aufpassen... Nicht direkt hineinsehen. Wer weiß, was dieses Licht bezweckt. Vielleicht soll es, anders als die Leuchttürme meiner Heimat, unglückliche Seelen in den Tod locken. Gehen wir einfach weiter. Du wolltest mir noch zeigen, wo ich meine Sachen waschen kann.“
Ich musste mich an diesem Abend auf andere Gedanken bringen. Eine Reinigungsaktion der Sachen erschien mir da gerade richtig. Noch dazu hatte Chen mir etwas dahingehend versprochen.


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So ihr Lieben, da ist es endlich, das 16. Kapitel. Überrascht? Wir haben einiges über die anderen Reisenden gelernt. Und eine mittelschwere Krise überstanden. Mehr oder weniger, denn die Probleme lösen sich ja leider nicht in Luft auf.
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