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Im Zeichen des Rukh

von Erenya
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Aladdin Alibaba Saluja Judar Morgiana OC (Own Character) Sinbad
27.05.2015
01.01.2017
26
219.342
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26.07.2015 9.234
 
Stille breitete sich zwischen uns aus. Sicher überlegten sie alle, was wir tun sollten. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass die ganze Gruppe überzeugt werden musste, war es für einige schwerer, ihre eigenen Argumente einfach so offen zu legen.
Auch ich wusste, was ich tun wollte, auch wenn es mit der Frage der Weiterreise nichts zu tun hatte.
„Wir sollten die Toten beerdigen...“, sagte ich schließlich und durchbrach damit die Stille. Egal was die Anderen sagen würden, ich hatte das Grauen gesehen und die Verstorbenen hatten es nicht verdient, hier zu liegen und sich von Möwen an den Überresten picken zu lassen.
„Mädchen, bist du dumm? Wir sollten selbstverständlich schnell weiterreisen, bevor uns dasselbe droht wie diesen... wie ihnen.“
Er ging mir wirklich auf die Nerven, dieser Händler aus Balbadd. Von Anstand und Moral hatte er wirklich keine Ahnung. Alles, was wohl in seiner Welt existierte, war er selbst.
„Schon vergessen, dass ich Ihr Schutzschild bin?“
Ich wusste nicht, wie viele von dem Versprechen wussten, welches ich dem Händler gegeben hatte, aber ich hätte schwören können, in einigen Gesichtern Unglauben lesen zu können.
„Werde nicht übermütig. Du wolltest doch so schnell wie möglich nach Aza, also sollten wir diese Kadaver hier verrotten lassen und so schnell wie möglich weiterziehen.“
Die Worte des Händlers hatten es geschafft. Sie ließen die wohl einzige Sicherung flackern, die mich davon abhielt durchzudrehen und auf meine natürlichen Instinkte zurückzugreifen.
„Was haben Sie gesagt?“
Meine Stimme füllte sich mit Wut. Vor meinem inneren Augen blitzten all die Leichen auf, die des Sklavenjungen, die des Pferdes, welches seinen Herren gedient hatte, die der Wachen und Kämpfer, die ihre Karawane zu retten versucht hatten. In ihnen hatte soviel Leben, soviel Persönlichkeit gesteckt und nun waren sie für dieses Mastschwein nicht mehr als nur „Kadaver“?
„Ich sagte, wir lassen die Kadaver hier verrotten und ziehen weiter.“ Er wusste nicht, mit welchem Feuer er gerade spielte, dass die letzte Sicherung bedrohlich nahe am durchbrennen war. Tief Luft holen.
Ich ballte meine Hände zu Fäusten und sah ihn an mit einem Blick der wohl so furchteinflößend war, dass er zurück zuckte.
„Wie respekt- und ehrlos muss man eigentlich sein, um ein Leben nur als nützlich oder wertvoll zu sehen, so lange es atmet? Diese Gefallenen sind mehr als Kadaver. Sie haben ihr bestes gegeben, um zu Leben, um ihre Aufgabe zu erfüllen und sind diesem grausigen Schicksal begegnet, weil sie eben das getan haben! Wo ich herkomme, wird jedem die letzte Ruhe gestattet!“
„Wir sind aber nicht da, wo du herkommst. Reg dich also ab. Wir sind überhaupt nur wegen dir in dieser Situation, Erenya, also solltest du nicht schon wieder versuchen, deinen Kopf durchzusetzen und stattdessen mal einfach mal ruhig sein und dich dem Willen anderer beugen.“
Mein Blick glitt zu Hinata, die mich böse ansah, so als wollte sie mir alleine mit diesem Blick das Maul stopfen. Zwei gegen einen, das war in der Tat kein fairer „Kampf“, aber einer den ich schon seit Schulzeiten gewohnt war. Na schön.
„Hör auf das Kou-Mädchen. Es sind nur Sklaven und Diener. Sie sind nichts wert.“
Der Händler aus Balbadd fühlte sich anscheinend durch Hinata bestärkt und hatte damit endgültig die letzte Grenze überschritten. Nur Sklaven und Diener... So sah er es also.
„Na schön, dann verschwindet doch. Ich werde diese Menschen mit meinen eigenen Händen beerdigen. Ich muss doch für die Reise nach Aza nur diesem Weg folgen, oder, Cassius?“
Ich wandte meinen Blick zu Cassius, der mit verschränkten Armen auf seinem Platz saß und zu dem Händler aus Balbadd sah. Dennoch, er reagierte nicht auf meine Frage. So war das also. Keine Antwort war auch eine.
„Na schön, ganz ruhig alle zusammen. Wenn wir uns streiten und so auseinander gehen, bringt es doch auch nichts.“
Der Mann aus Kou versuchte noch die Wogen zu glätten. Er lächelte in die Runde, während Varius mir eine Hand auf die Schulter legte und mit sanften Druck verhinderte, dass ich aufsprang und mich auf meine selbsternannte Mission machte. Ich wusste ja, dass sie Recht hatten und vielleicht stimmte auch Hinatas Vorwurf, dass ich meinen Kopf durchsetzen wollte, aber ich konnte diese armen Menschen einfach nicht hier liegen und vor sich hin gammeln lassen.
„Ich muss gestehen, ich kann Euren Einwand verstehen, warum Ihr ihnen die letzte Ruhe gewähren wollt, allerdings halte selbst ich es für klüger, schnellstmöglich weiterzureisen. Wir liegen in unserem Reiseplan schon weit zurück.“
Der Händler aus Kou lächelte und ich glaubte ihm auch, dass er meinen Einwand verstand, doch gleichzeitig verletzte es mich zutiefst, dass er ebenso diese Menschen hier liegen lassen wollte.
Ich stand scheinbar vollkommen alleine mit meiner Ansicht da und das deprimierte doch schon, denn scheinbar war ein Menschenleben hier wirklich nur so lange etwas wert, wie es gelebt wurde.
„Ich schließe mich Erenyas Vorschlag an. Mir wäre auch nicht wohl bei der Sache, diese Armen hier einfach liegen zu lassen.“
Verwundert sah ich auf und blickte zu Iunia, die nun das Wort erhob, um ihre Ansicht zu präsentieren. Der Händler aus Balbadd schnaubte aber verächtlich auf.
„Als ob jemand dich gefragt hat, Sklavenmädchen. Kenn deinen Platz und sei ruhig.“
Ich wusste nicht, was mich gerade mehr schockierte: Dass der Händler Iunia wirklich den Mund verbieten wollte, oder das er sie als Sklavenmädchen bezeichnet. Wie konnte dieser Bastard nur?
„Ob Sklave oder nicht, ich habe jeden dazu aufgefordert seine Meinung zu sagen“, murrte Cassius dunkel.
'Moment, hat er eben gesagt... Ist...'
Seine Worte waren aber aus anderen Gründen bedenklich. Er hatte Iunia nicht nur verteidigt, sondern indirekt eingestanden, dass sie eine Sklavin war. Mir rutschte das Herz weiter in die Hose. Iunia war eine Sklavin?
Bemüht unauffällig sah ich an ihr hinab. Sie hatte aber keine Fußfesseln und an sich wirkte sie mir doch schon sehr frei, dafür, dass sie eine Sklavin sein sollte. Oder... gab es etwas, dass ganz deutlich gemacht hatte, dass sie eine war?
„Cassius, ich bitte Euch. Es entspricht doch der Logik, dass alle Eure Sklaven dafür sind, die Kadaver zu begraben. Das wirft uns im Zeitplan noch weiter zurück. Wollt Ihr das riskieren? Unterbindet das am besten sofort, bevor die Sklaven noch denken, dass sie wie Wir wären.“
Sklaven? Hatte Cassius etwa noch mehr von ihnen in seinem Gefolge? Mehr als Iunia? Mir wurde gerade schlecht. Cassius, hatte Sklaven.
Mein Magen rebellierte gegen diesen Gedanken. Nicht, weil es mich schockierte, dass ich es nicht bemerkt hatte, sondern weil das Bild, welches sich bezüglich Cassius positiviert hatte, auf einmal in sich zusammen brach.
„Ich habe gesagt, ich will von jedem die Meinung wissen, also ist mir egal, welchen Rang diese Person hat. Also, wer schließt sich noch Erenyas Vorschlag an?“
Cassius sah durch die Reihen seiner Leute. Abgesehen von dem Lehrer, der seine Hand nicht hob, waren auch Panthea, Nel und Tacita meiner Meinung zu sein. Ich war damit doch nicht alleine, auch wenn der Fakt, dass sie wohl alles Sklaven waren, mich immer noch zutiefst schockierte.
„Immerhin einer deiner Sklaven hat noch einen Funken Verstand, Junge.“
Der Händler aus Balbadd sah zu dem Lehrer, dessen Gesichtsausdruck sich auf einmal doch änderte. Er wurde käseweiß, so als fürchtete er sich vor dem, was die Nachwehen sein konnte. Doch mich schockierte eher, das auch ER ein Sklave war. Verdammt, gab es hier überhaupt eine Person, die, abgesehen von den Händlern und den Personen aus Kou, keine Sklaven waren?
„Hey, Cassius. Tiberius und ich würden uns auch gerne Erenyas Vorschlag anschließen. Diese Krieger und Wächter waren so etwas wie Kollegen für uns.“
„Auch wenn wir sie nicht kannten, haben sie es doch verdient, dass ihr Mut und Einsatz gewürdigt wird.“
Cassius schwieg und dachte über das Ergebnis dieser Abstimmung nach. Es war mir nicht klar, ob er ebenfalls für oder gegen meinen Vorschlag war, allerdings schien er doch die Meinung aller respektieren zu wollen, so dass es dauerte, bis er schließlich seine Stimme erhob.
„Was sagst du dazu, Chen?“
Chen war in der Tat der Einzige, der noch nicht seine Meinung preis gegeben hatte, doch ich vermutete, dass er Hinatas Meinung sein würde. Er stand eben auf sie. Ich kannte keinen Mann, der nicht der Frau den Vorzug gab, die er liebte.
„Ich schließlich mich Tiberius und Varius an.“
Okay, ich kannte eindeutig die falschen Männer. Die Antwort Chens war nun doch überraschend und vor allem verstand ich es nicht. Genauso wenig wie Hinata.
„Chen!“, schrie sie fast schon hysterisch auf, doch Chen lächelte sie freundlich an.
„Wir würden doch auch wollen, dass man uns die letzte Ehre erweist, selbst wenn wir auf einem Schlachtfeld sterben sollten. Es wäre daher nur fair, wenn sie dann ihre letzte Ehre bekommen.“
„Aber, dann bekommt Erenya ihren Willen!“
Sie schien wirklich nicht glauben zu wollen, was Chen da von sich gab. Wahrscheinlich aber nur, weil ich diejenige gewesen war, die den Vorschlag mit dem Beerdigen der Verstorbenen angebracht hatte. Wer wusste schon, wie sie reagiert hätte, wenn es nicht ich gewesen wäre?
„Hier geht es doch gar nicht darum, wer seinen Willen bekommt und wer nicht, sondern was wir mit jenen machen, die hier in einem hinterhältigen Angriff ihr Leben gelassen haben.“
Chens Worte wurden nun harscher und schienen selbst Hinata zurückweichen zu lassen. Wie ein Kind, welches man gescholten hatte, wandte sie ihren Blick von Chen ab und biss sich auf die Unterlippe.
„Dann ist es entschieden. Wenn alle helfen, sollten sich unsere Weiterreise nicht weiter verzögern. Allerdings sollten wir überlegen, wo wir dann in der Nacht kampieren.“
Es war nun Varius, der sich erhob und zu Cassius ging. Mit einem breiten Grinsen sah er den Karawanenführer an und klopfte ihm auf die Schulter.
„Das ist deine Aufgabe. Wir werden uns um die Kameraden kümmern und du suchst uns ein schickes Nachtlager.“
Tiberius tat es Varius gleich und erhob sich, ebenso Chen. Keiner von den drein schien ein wirkliches Interesse an einer Diskussion für unser Nachtlager zu haben und wenn ich ehrlich war, ich auch nicht. Auch wenn mein Bild von Cassius nun einen gewaltigen Sprung hatte, vertraute ich ihm bezüglich dem restlichen Verlauf der Reise doch noch genug, um ihm diese Verantwortung in die Hände zu legen. Auch wenn mir ehrlich gesagt nun eher danach war, diese Gruppe zu verlassen, da ich mit Sklavenhaltern nichts zu tun haben wollte. Allerdings, unter diesen Umständen... war ich dazu nicht in der Lage. Es war zu viel passiert, das ich erst einmal bearbeiten musste. Später, vielleicht in Bitroun, konnte ich mich von der Gruppe endgültig lösen und die Sklaverei hinter mir lassen.
Gott was war das für eine Scheiße... Irgendwelche Wahnsinnigen schlachteten unschuldige Menschen ab, Cassius gesamtes Gefolge schien aus Sklaven zu bestehen und ich war Schuld, dass ein Mensch sein Leben lassen musste.
'Abstand wahren... einfach... Abstand wahren...' Das war der Entschluss, den ich fasste. Ich musste ja nicht mit Cassius reden, also würde ich Abstand von ihm halten.

Warum auch immer die Gruppe Schaufeln bei sich hatte, war mir nicht klar, aber die wenigen, die vorhanden waren, reichten bei weitem nicht. Ich hatte mir provisorisch mit einem Stück abgebrochenen Holz von einem Karren etwas gesucht, damit ich nicht wirklich noch eigenhändig ein Grab ausheben musste.
Persönlich hatte ich mir vor Augen gehalten, unbedingt den Sklavenjungen beerdigen zu wollen, weil es auch meine Schuld war, dass es so weit hatte kommen müssen. Er hätte überleben können.
Weit ab von den Anderen grub ich mit meinem flachen Holzbrett Stück für Stück ein großes Loch in den Dreck. Ich bemerkte nur am Rande, wie sich Chen Tiberius angeschlossen hatte und mit diesem während des Grabens redete. Scheinbar hatte ihre gemeinsame Vorhut sie etwas näher gebracht, auf rein freundschaftlicher Ebene. Seltsam, wenn man bedachte, dass Chen nie wie der Gesprächigste schien und meist nur den Eindruck machte, wenn er mit Hinata stritt.
Wenn man es recht bedachte, war die Gruppe an sich doch sehr vorsichtig und distanziert im Umgang miteinander. Wieso fiel mir das eigentlich erst jetzt auf? In den Karawansereien hatten es Chen und Hinata bevorzugt, für sich zu sein, ebenso die reimischen Anhänger Cassius. Doch nun schien Chen diese Distanz zu überbrücken, indem er sich Tiberius annäherte. Ob es etwas mit ihrer Vorhutsmission zu tun hatte? Sicher, so traute Zweisamkeit führte schon zusammen. Man hatte ja gesehen, wie gut das bei Varius und mir funktioniert hatte.
Völlig in diese Gedanken vertieft, grub ich weiter und weiter das Grab des Sklavenjungen. Die Größe passte, nun musste nur noch die Tiefe stimmen. Der Schweiß stand mir auf der Stirn, denn obwohl es langsam spät wurde, waren die Temperaturen erdrückend. Ich nahm sie aber gar nicht psychisch wahr, sondern eher körperlich, so dass es mir leicht fiel sie zu ignorieren. Es gab nur das Ziel. Das Ziel diesen Jungen zu beerdigen.
„Brauchst du Hilfe?“
Wie durch einen Schleier drang Iunias Stimme zu mir vor. Ich hielt kurz inne und blickte zu ihr. Sie hielt eine Schaufel in der Hand, lächelte traurig, aber doch mitfühlend.
„Zu zweit geht es schneller“, setzte sie noch nach, so als glaubte sie, dass ich ihre helfende Hand abschlagen würde.
„Oben muss es noch etwas tiefer werden...“, nuschelte ich leise. Ich muss gestehen, da ich nun wusste, dass Iunia eine Sklavin war, wusste ich nicht, wie ich mich ihr gegenüber verhalten sollte. Ich meine, sie war immer noch Iunia, kein anderer Mensch, als ich ihn kennengelernt hatte. Aber dennoch... Was durfte ich in ihrer Gegenwart sagen, was nicht? Ich wollte sie nicht verletzten, in dem ich vielleicht von Dingen sprach, die sie als Sklavin nicht erleben konnte, weil es einfach nicht für sie bestimmt war.
„Der junge Meister sagt, wenn wir hier fertig sind, sollen wir gucken, ob noch irgendetwas Brauchbares unter der zerstörten Ware ist.“
Es war Iunia, die während des Grabens das Gespräch suchte und mir zog sich der Magen zusammen. Ich fühlte mich wie eine Hyäne, die über die Überreste eines Kadavers herfiel und sich nahm was noch gut war. Dreist so etwas.
„An der Suche werde ich mich dann wohl nicht beteiligen...“, murmelte ich leise und grub weiter. Auch wenn das hier im Magi-Universum vielleicht Gang und Gebe war, ich konnte mein Selbst aus meiner Welt nicht ablegen. Nicht in solchen Dingen.
Erneut trat Schweigen ein. Es war wirklich unangenehm, auch wenn ich Iunia mochte. Ich wusste wirklich nicht mehr, wie ich mit ihr reden sollte.
„Dich hat das Ganze sehr mitgenommen. In deiner Heimat gibt es so etwas nicht, oder?“
Ich hielt Inne in meinem Tun und sah zu Iunia. Sie bemühte sich wirklich um mich. Warum? Was hatte sie davon?
'Vielleicht will sie einfach nett sein? Oder macht sich Sorgen?'
Die kleine Stimme der Vernunft schalte mich meiner Dummheit und meines Misstrauen. Dennoch, ich konnte nicht davon ablassen. Warum misstraute ich Iunia eigentlich? Seltsam. Oder waren das andere Gefühle, die ich nicht zuordnen konnte?
„In meiner Heimat gibt es auf dem Papier und öffentlich auch kein Sklaventum mehr. Zumindest spielt man uns das vor. Wobei Sklaverei vielleicht einfach eine andere Form angenommen hat. Aber Piraten... Räuber... das gibt es immer noch. Nur nicht so nahe in meinem Umfeld. Man könnte meinen... meine Heimat ist... eine Lüge.“
Woher kamen diese Gedanken? Ich meine, ich hatte mich nie vor dem Schlechten in meiner Welt verschlossen und doch war das Leben hier im Magi-Universum nun wie ein Faustschlag ins Gesicht, der mich wachrüttelte und erkennen ließ, wie vielen Illusionen ich erlegen war.
„Es ist doch gut, wenn man geborgen aufwachsen kann.“
Iunia war eine gute Seele. Sie versuchte meine verblendete Naivität auch noch gut zu reden. Doch umso mehr hasste ich mich nur.
„Ist es nicht... Man weiß nicht, was Leben wirklich bedeutet und wird undankbar! Alles wird verdammt nochmal selbstverständlich, während andere um das kämpfen, was man selbst hat. Man flüchtet sich selbst in Ausreden und in eine rosarote Welt, die nicht existiert. Immer wieder denkt man: 'Was geht mich das an, es betrifft mich doch nicht?' Doch gerade dann betrifft es einen, weil man wegsieht und nichts tut, um das Leben der anderen besser zu machen. Verdammt... ich bin ein naives verzogenes Gör, das nichts über dieses Leben hier weiß und erst so etwas sehen muss um zu realisieren wie falsch ich lag, wie hilflos ich in Wahrheit bin.“
Da war er wieder, der Gedanke, dass Hinata Recht hatte, dass ich diesen Sklavenjungen hätte retten können, dass ich nicht fähig war, mein Leben oder das einer anderen Person zu beschützen. Ein weiterer Faustschlag ins Gesicht.
„Dann kannst du das besser machen, wenn du Nachhause kommst. Das ist das Gute an Menschen, sie können ihre Fehler erkennen und dann dafür sorgen, dass sie nie wieder passieren.“
Ich wandte meinen Blick von Iunia ab und grub einfach weiter. Fehler korrigieren, huh... Nicht ich. Dazu fehlte mir einiges. Vieles. Genau das machte mir Angst. Das ich eben dieses Viele, was ich lernen wollte, nicht konnte, weil ich eben einfach Ich war.

Mit Iunias Hilfe hatte es wirklich nicht lange gedauert, das Grab für den Jungen auszuheben. Es war nun tief genug. Wir sahen beide auf den leblosen Jungen, der in diesen Moment schien, als würde er schlafen. Doch wir wussten beide, dass er nicht mehr aufwachen würde.
„Wir sollten ihn nun...“, setzte Iunia vorsichtig an.
„Können wir die Fußfesseln abnehmen?“, fragte ich, wobei ich ihr ins Wort fiel. Mir gefiel der Gedanke nicht, den Jungen so unfrei ins Grab zu legen. Auch wenn ich vielleicht nicht diesen ganzen Quatsch mit der Seele, Reinkarnation und so weiter glaubte, mir war einfach unwohl dabei. Was, wenn die Fesseln ihn nicht zur Ruhe kommen ließen?
„Wie willst du die Fesseln abbekommen?“
Gute Frage. Wie wollte ich diese Eisenketten lösen? Anders als Aladdin hatte ich keinen Ugo, der das mal einfach so machte. Wobei... Wäre ich wirklich eine Magierin, hätte ich einfach einen „Zauberstab“ suchen müssen und hätte sie mit einem mir bekannten Zauber zerstört. Aber kannte ich solche Zauber überhaupt? Eher nicht. Und selbst wenn, es wäre zu gefährlich gewesen.
„Ich könnte mit dem Dolch drauf einschlagen bis sie brechen...“ Ja, hätte ich gemacht, aber die Ketten wären niemals gerissen. Sehen wir es, wie es war. Ich war schwach. Vielleicht hätten die Ketten einen Kratzer bekommen, mehr aber nicht.
„Ich hol Varius, er hilft uns sicher.“
Sofort sprang Iunia auf und lief los, noch bevor ich einen Einwand geben konnte. Na toll, nun würde auch noch Varius sehen, wie nutzlos ich war. Ach ja, dass wusste er ja.
„Blas nicht so viel Trübsal.“
Ein Schlag sorgte für einen seichten Schmerz an meinem Kopf. Ich drehte mich zu der Urheberin herum, die sich als Panthea herausstellte. Verdammt, warum hatte mein Borg nicht reagiert? Oder sollte ich glücklich darüber sein?
„Ich blas kein Trübsal...“, murrte ich und rieb mir die Stelle am Kopf, als hätte sie diese wirklich viel zu schlimm malträtiert.
„Doch, doch. Schon die ganze Zeit. Seit dem Abend, an dem du mit Tiberius und Varius gemeinsam gegessen hast. Du hältst uns auf Abstand, distanzierst dich, redest kaum... Wenn die beiden Idioten irgendetwas blödes zu dir gesagt haben, dann sag es uns. Wir werden noch eine ganze Zeit zusammen hängen.“ Während sie sprach, wedelte Panthea mit etwas langen herum. Es war ein Stab, der gut genauso groß war wie ich, wenn er mich nicht gar überragte. Er war vollständig aus Holz, abgesehen von einem Edelstein, der in die Spitze eingearbeitet war und giftgrün leuchtete. Um ihn herum schwirrten einige Rukh, was mich innerlich erzittern ließ. Das letzte Mal, als ich sie so deutlich gesehen hatte und das sie um etwas herumschwirrten, war bei Assad gewesen.
„Du weißt schon, dass du mich damit erschlagen könntest...“, murrte ich, worauf Panthea mich angrinste.
„Ich hab den zwischen einigen zerbrochenen Fässern und Wagenteilen gesehen. Hübsches Stück, was? Das sieht doch aus, als könnte es ein Zauberstab von einem Magier sein.“
Auch wenn Panthea es wohl nur für einen Scherz hielt, sie hatte Recht. Es konnte in der Tat der Stab eines Magiers sein. Hatte sich unter den Reisenden vielleicht einer befunden?
„Hier. Hinata lamentiert die ganze Zeit darüber, dass du eine Hexe bist, also solltest du den haben.“
Ein breites Grinsen lag auf Pantheas Lippen, als sie mit den Stab entgegen streckte. Na super, sollte ich nun doch noch entgegen meinen Willens die Eingeweide der Verbliebenen ausschlachten?
„Verzichte... außerdem... Cassius wäre sicher nicht erfreut, wenn ich den einfach so nehme. Der Stein an der Spitze könnte einiges wert sein.“
„Pff... wen interessiert das. Keiner von den Händlern wird dem Ding auch nur einen Wert beimessen. Also nimm schon. Sollte der Stein doch was wert sein, kannst du damit vielleicht die Fahrt nach Sindria bezahlen.“
Immer noch hielt mir Panthea den Stab entgegen und machte deutlich, dass sie diesen unbedingt in meiner Obhut wissen wollte. Genauso wie die Rukh. Und gerade wegen ihnen wollte ich das Ding nicht. Ich hatte einen Entschluss gefasst. Diesen Stab zu nehmen, würde diesen nur weiter bröckeln lassen.
'Nur weil du ihn hast, musst du ja nicht zaubern können.'
'Genau, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul.'
'Aber er gehört uns nicht. Wir sollten das Geschenk besser nicht annehmen.'
'Allerdings wäre er auch eine gute Waffe. Wenn der Dolch nichts bringt, könnte sie sich immerhin mit dem Stab noch etwas verteidigen.'
'Oh bitte, ihr habt doch alle einen Schuss weg. Soll sie nun wie Harry Potter mit dem Ding wedeln, um zu sehen ob es sie erwählt hat? Wirklich?'
Konnten sie nicht einfach mal ruhig sein, oder sich wenigstens darüber einigen, was ich tun sollte?
'Lass mich mal.'
Es war ein kurzer Impuls der sich durch die Uneinigkeit zog und mich die Hände nach dem Stab ausstrecken ließ. Verdammt. Allein der verborgene Wunsch so einen Stab mal halten zu wollen, hatte mich dazu gezwungen, Panthea den Stab aus der Hand zu nehmen.
„Na siehst du, geht doch.“
Als wäre sie froh, dass sie endlich erreicht hatte, dass dieser Stab in meinen Händen lag, wandte sich Panthea von mir ab und ließ mich perplex zurück. Was war das gerade? Warum hatte sie das getan?
Überrumpelt sah ich Panthea nach. Was sollte ich nun mit diesem Ding machen? Geschenke durfte man auch nicht einfach wegwerfen, das sagte zumindest meine Mutter. Ich hatte damit wohl keine andere Wahl, als dieses Ding mit mir herumzuschleppen auch wenn es wohl vollkommen nutzlos werden würde.

Varius und Iunia schienen nicht lange miteinander gesprochen zu haben, denn kaum, dass Panthea gegangen war, kamen die beiden zurück zu dem Grab. Varius schaffte es auch tatsächlich, mit eigenen Händen die Ketten zu zerreißen. Was mich erneut vor ein Rätsel stellte. Ich wusste ja, dass er Kraft hatte, aber soviel?
„Danke, Varius.“ Iunia schien also gewusst zu haben, wie stark Varius war. Natürlich, wahrscheinlich kannten sie sich schon länger. Er war immerhin ein Diener oder Wachmann, oder vielleicht auch Sklave Cassius'.
„Soll ich ihn reinlegen?“, fragte Varius und sah uns an.
Weiß der Teufel, was in diesem Moment mit mir los war. Ich wusste, dass der Junge zu groß für mich war und wahrscheinlich auch zu schwer. Ich hätte einfach Varius' Vorschlag annehmen sollen. Doch ich schüttelte den Kopf. Als ob das hier alleine meine Verantwortung wäre.
„Ich schaff das schon. Danke ihr beiden.“
Es war meine Verantwortung. Einzig und allein meine.
„Sicher, dass ich nicht helfen soll?“ Es war deutlich zu hören, dass Varius sich Sorgen machte. Wäre ich in seiner Position gewesen, hätte ich das auch.
„Ich schaffe das!“
Ungewollt war ich lauter geworden und bereute just in diesem Moment, dass es mir passiert war. Den Mut, mich zu entschuldigen, konnte ich aber nicht sofort aufbringen. Das würde dauern.
„Lass sie, Varius. Ich helfe dir bei den Anderen. Erenya, solltest du doch noch Hilfe brauchen, du kannst jederzeit darum bitten.“
Mir war klar, das ich das konnte. Iunia musste das nicht erst erwähnen, doch mit Sicherheit wäre ich nun, nachdem ich Varius so angefahren hatte, zu stolz um es zu tun. Ich musste es also wirklich alleine schaffen. Das war ich dem Sklavenjungen schuldig.

Ich wartete, bis Iunia zusammen mit Varius gegangen war und ich endlich für mich war. Niemand sollte sehen, wie ungeschickt ich mich wohl anstellen würde. Immerhin überlegte ich schon, wie ich den Jungen ins Grab verfrachten würde, ohne dass ich ihn noch irgendwie verletzte. Vorsichtig legte ich seine Arme um meinen Hals, so dass ich ihm am Rücken mit der rechten Hand griff und mit meinem linken Arm unter seine Kniebeugen kam. Weit musste ich ihn nicht tragen, nur ein paar Meter. Vielleicht nur Zentimeter. Schwieriger war, in das Grab zu kommen, mit seinem Gewicht.
'Das schaff ich...', wisperte ich mir in Gedanken zu und holte tief Luft, wobei ich alle meine Kräfte zusammenklaubte.
Ich hatte den Körper noch nicht einmal ein Stück angehoben, da spürte ich bereits das volle Gewicht. Auch wenn der Körper des Jungen schmächtig wirkte, nicht so, als hätte man ihn regelmäßig essen lassen, wog er doch schon gefühlt genug um mich zum wanken zu bringen.
'Bitte um Hilfe... Herr Gott noch eins. Dein Stolz bringt dich wirklich um...'
„Dann ist es so...“, presste ich angestrengt hervor, als meine Vernunft sich wieder einmal ganz unpassend zu Wort meldete. Sollte mein Stolz mich eines Tages doch den Kopf kosten, dann würde ich im nächsten Leben vielleicht eine wichtige Lektion gelernt haben.
Prustend und seinen Körper fest an mich drückend, ignorierend, dass ich mich gerade mit nicht getrockneten Blut besudelte, ging ich Schritt für Schritt auf das Grab zu und betete zu einem mir unbekannten Gott, mich nicht auf die Nase zu legen.
„Gleich sind wir da... bei deiner letzten Ruhestätte...“, wisperte ich dem Jungen zu, wissend, dass er mich nicht mehr hörte. Doch wahrscheinlich dienten meine Worte nur dazu, dass ich nicht mittendrin nachließ. Ich wusste, warum auch immer, vielleicht bildete ich es mir ein, dass man mich beobachtete, wie ich mich abmühte. Egal. Ich wollte ihn ohne weitere Hilfe auf seine letzte Reise schicken. Ihn in sein letztes Bett legen, ihn zudecken.
Kurz vor dem Grab, legte ich ihn ab. Schwer atmend, stieg ich in das Grab und versuchte erneut aus dem Inneren heraus, den Sklavenjungen zu mir herunter zu heben. Dummerweise hatte ich nicht bedacht, dass meine Kräfte kaum noch vorhanden waren, wodurch mir sein Körper mehr entgegen stürzte, ich einen Schritt zurück machte, damit er mir nicht wirklich das Genick brach und ich unter seinen Körper begraben wurde.
„Alles in Ordnung?“ Von oben hörte ich Nels Stimme. Schritte folgten ihr, weswegen ich mich vorsichtig unter dem Jungen hervor grub.
„Keine Sorge, bin nur gestolpert...“, rief ich hörbar hoch und entschuldigte mich bei dem Sklavenjungen. Wäre ich Christin gewesen, hätte ich mich nun Hundert mal Geiseln müssen.
Vorsichtig legte ich den Jungen noch richtig in sein Grab, bevor ich aus diesem stieg. Nun war ich nicht nur mit Blut besudelt, sondern auch mit Dreck. Ein super Tag und vor allem so modisch untermalt.
„Das sah nicht nach stolpern aus. Hast du dir wirklich nicht wehgetan?“
„Nein, verdammt! Das wird vielleicht höchstens ein blauer Fleck!“
Erneut war ich lauter geworden und dieses Mal gegen Nel. Gott, warum war ich heute nur so eine Bitch? Ehrlich, gerade jetzt hätte ich ein imaginäre Schild über mir gebraucht. Eines auf dem Zickenzone stand. So wie einst das Schild an meiner Zimmertür bei meinen Eltern.
„Tut mir leid. Ich... muss das hier einfach alleine schaffen. Das bin ich dem Jungen schuldig.“
Ohne mich weiter um Nel zu scheren, der sich mir genähert hatte, griff ich zu dem abgebrochenen Stück Holz und nahm etwas von der lockeren Erde auf. Ich merkte erst jetzt, wie meine Schulter schmerzte, wahrscheinlich hatte ich mich übernommen. Egal. Das hier musste ich beenden.

Der Sklavenjunge war der einzige, den ich an diesem Tag mit eigenen Händen beerdigte. Da die anderen in Gruppen arbeiteten, kamen sie schneller voran als ich. Als ich schließlich fertig war, gab es für mich nichts mehr zu tun, außer zuzusehen, wie die anderen zwischen den Trümmern nach guten Waren suchten. Wie ich schon bei Iunia gesagt hatte, hielt ich mich dabei heraus und zog mich stattdessen zu den Pferden und meinen Karren zurück.
Ich brauchte einen Moment für mich, denn mit Sicherheit hatte ich heute schon genug Leute angefahren. Erst Varius, dann Nel... Es sollten nicht mehr werden. Noch dazu sickerte die Erkenntnis, dass Iunia, die Geschwister, Tacita und der Lehrer Sklaven waren, endlich richtig durch. Ich fragte mich sogar, wie sie so unbeschwert leben konnten, so fröhlich waren, scherzten, wenn ihnen ihre Freiheit verwehrt war. Verwehrt durch Cassius, der vielleicht auch noch der Besitzer von Tiberius und Varius war, denn ehrlich, ich war mir nicht mehr sicher, ob sie nicht vielleicht auch zu seinen Sklaven gehörten.
'Was läuft nur mit dir falsch? Dann sind sie eben Sklaven. Sie jammern aber nicht darüber und Cassius scheint mir auch nicht wie die Horrorvorstellung eines Sklavenbesitzers. Reiß dich am Riemen.'
Sicher, sie wirkten nicht wie Sklaven, wobei es da den ein oder anderen Hinweis gegeben hatte. Sie nannten Cassius nicht umsonst Meister. Genauso hatte Hinata doch gesagt, dass sie frei wären, wenn Cassius nun von der Bildfläche verschwände. Sie hatte wahrscheinlich Recht und doch hingen sie an Cassius, vertrauten ihm und ich verstand ehrlich nicht mehr wieso. Ich verstand gar nichts mehr.
'Komm schon, es gibt gerade wichtigere Probleme als deine Verpeiltheit. Was, wenn diese Piraten wieder angreifen?'
Stimmt... was wenn die Piraten wieder angriffen? Wobei, woher wollten wir wissen, dass es Piraten waren? Na schön, wir hatten niemanden mehr gesehen und das Meer lag nahe, aber konnte diese Verwüstung wirklich von Piraten kommen? Wie waren sie so nahe an den Strand gekommen und hatten die Karawane überfallen? Sie hätten doch aufmerksam werden müssen, wenn ein Schiff zu nahe am Land war. Oder kleine Beiboote am Strand lagen. Das Räuber ihr Unwesen trieben, war ja keine Neuigkeit mehr.
Noch dazu, wie hatten sie es geschafft die anderen Mitglieder der Karawane mitzunehmen? Diese hatten sich sicher gewehrt.
'Vergiss nicht die Nando-Brüder. Wovor sind diese Deppen so schreiend weggelaufen?'
Ja, die Nando-Brüder. Irgendwie hatte ich ein ungutes Gefühl bei der Sache. Mit Sicherheit war ich aber nicht die einzige, die das seltsam fand. Cassius hatte das sicher schon weit vor mir bemerkt.
'Seltsam, dass ausgerechnet jetzt diese ganzen Erzählungen und Gerüchte wahr werden. Allerdings... wer hat diese Geschichten verbreitet? Augenscheinlich haben die Täter keinen verschont, die Händler sind verschwunden... woher hatten all die anderen Reisenden diese Informationen über eine Räuberbande?'
Richtig. Es war seltsam. Wenn keiner überlebte und der Rest in den Fängen der Piraten war, wie konnten sich solche Geschichten dann verbreiten. Hatten vielleicht andere Reisegruppen dieselben Schlachtfelder gesehen, wie wir? Aber woher kam dann das Gerücht, dass die Räuber magische Kräfte hatten? Angeblich von Augenzeugen. Hatte es doch Überlebende gegeben? Aber wozu? Die Räuber hätten doch leichteres Spiel, wenn niemand von ihnen wusste. Dann war der Überraschungsmoment ganz auf ihrer Seite.
'Wäre doch clever, wenn die Piraten dieses Gerücht gestreut hätten... Von Wäldern würde man sich fernhalten. Zu dicht, zu unsicher, zu wenig Möglichkeiten offen zu kämpfen.'
Albern... Oder? Wobei. So albern wäre es vielleicht nicht. Was, wenn die Geschichten über Räuber von einem Piraten gestreut wurden, um die Beute zum nahen Strand zu locken? Aber wären die Reisenden nicht sowieso über den Strand gegangen? Der Weg sah immerhin gut niedergetrampelt aus.
'Das ist zu anstrengend für dich, Sherlock. Du kennst die Regeln der Welt kaum, wie willst du dann wissen, was in den Köpfen blutrünstiger Piraten vor sich geht?'
Ich verzog etwas das Gesicht und seufzte.
„Dennoch... ich sollte den Gedanken nicht verwerfen und vielleicht... Aufmerksamer nach Rukh Ausschau halten...“, wisperte ich mir zu. Vielleicht war das eines der Dinge, die ich für die Gruppe tun konnte. Die Rukh von anderen vorzeitig erkennen und die Gruppe warnen. Seltsam, dass mir diese Idee erst jetzt gekommen war.
'Blöd, huh?'
Genervt schüttelte ich den Kopf. Allmählich gingen mir meine anderen Persönlichkeiten gehörig auf den Sack.
'Hey, wenn wir gerade Zeit haben, lass uns Zaubern üben! Setzen wir den Wagen des Mastschweins in Flammen!'
'Dumme Idee. Außerdem, mit welchen Zauber?'
„Denk nicht einmal daran...“
Ich musste mich wirklich bemühen nicht an den nächstbesten Zauber zu denken, dessen Spruch mir auf den Lippen lag. Nicht, das ich wirklich noch irgendetwas in Brand steckte. Die Aufregung heute war genug gewesen. Nicht nur für mich, sondern auch für den Rest der Gruppe, der noch letzte, heile Ware auf die einzelnen Karren verteilte. Wenn ich an all diese Sprüche dachte, wäre es wohl besser, ich hielt das Stab-ähnliche Ding, das hoffentlich kein Zauberstab war, nicht in der Hand.
'Wovor fürchtest du dich, wenn du dir sicher bist, dass du keine Magierin bist?'
Richtig, wovor fürchtete ich mich eigentlich? Es würde schon nichts passieren.
'Und wenn doch?'
Argh, sie machten mich wahnsinnig. Konnten sich meine anderen Ichs nicht einmal im Leben einig sein? Wohl eher nicht. Immerhin war ich selbst ganz zwiegespalten. Einerseits wünschte ich mir irgendwie, zaubern zu können, denn mal ehrlich, wer hätte sich das nicht gewünscht, aber andererseits wollte ich unter all den Nicht-Magiern keine Besonderheit darstellen.
'Hättest doch nach Magnostadt gehen sollen... So besonders wäre ein Magier da nicht gewesen.'
Wie ich hasste, Recht zu haben. Aber nein, ich wollte nach Sindria. SINDRIA!
„Langsam reicht das. Es ist passiert... ich kann nichts mehr tun außer weiter zu machen... Nicht zurückblicken...“
Es kostete mich alle verbliebenen Nerven, die Stimmen im Kopf zu ignorieren. Ich meine, wie wollte man sich ohne Probleme selbst ignorieren? In der Regel gelang mir dies durch das Schreiben. In Balbadd hatte ich genug Gelegenheiten dafür gehabt, aber nun... Kein Papier, keine Tinte, kein Schreiben.
'Ich muss nur bis Sindria durchhalten, dann klappt das auch sicher wieder mit dem Schreiben.'
Nur durchhalten bis Sindria. Ja, dass musste ich wohl. Danach konnte ich mir wieder Feder, Tinte und Papier holen. Nur durchhalten und überleben. Nur überleben und durchhalten.

Mit einem Seil hatte ich mir den Stab am Rücken festgemacht, sodass ich ihn nicht mehr verlieren konnte. In der Tat hatte niemand etwas dazu gesagt, dass ich ihn hatte. Nicht einmal, als wir unsere Reise fortsetzten und den Trampelpfad entlang des Strandes liefen. Immer Cassius hinterher, der scheinbar unsere Route neu berechnet hatte.
Während ich die beiden Hengste führte, sah ich mich unruhig um. Ich suchte nach Rukh, dem Lebenszeichen, das nur ich sehen konnte, doch abgesehen von denen unserer Gruppe, gab es weit und breit keine. Sicher. Wir waren also doch noch ein Stück weit sicher, auch wenn unser Weg nicht gerade an einen ruhigen Wanderpfad erinnerte, sondern an ein Schlachtfeld.
Überall waren Überreste von zerbrochenen Karren zu sehen. Hier und da fanden sich menschliche Überreste, doch anders als bei unserer ungewollten Raststätte, hielten wir nicht an um sie zu beerdigen, was mir ehrlich in der Seele brannte. Allerdings hatten wir wirklich schon genug Zeit verstreichen lassen. Jeder unglücklichen Seele ihre letzte Ruhe zu gestatten wäre nicht nur eine weitere Verzögerung gewesen, sondern auch eine Zumutung für Cassius' Pläne. Und eine Zumutung für meine. Sindria. Ich musste nach Sindria. Das war mein Ziel und ich durfte es nicht mehr aus den Augen verlieren.
„Was meint ihr beiden? Wie lange werde ich wohl noch brauchen? Wann werde ich das Paradies mit eigenen Augen sehen können?“
Ich sah zu den Hengsten, doch beide blieben stumm. Natürlich. Sie hätten wahrscheinlich nur begeistert geprustet, wenn ich ihnen Äpfel oder andere Leckereien entgegen hielt. Und selbst dann wäre dieses Prusten keine Antwort auf meine Frage.
„Danke für das Gespräch...“, murrte ich seufzend und schüttelte den Kopf.
Wenn ich lebend nach Sindria kam, was würde mich dann erwarten? Kam ich vielleicht in einer Herberge unter? Wo sollte ich versuchen zu arbeiten? Fragen über Fragen und wenn ich ehrlich war, hatte ich auf keine von ihnen eine Antwort. Nur eines wusste ich, kein Vitamin B in Form des Königs von Sindria.
'Du bist schon wieder zu weit mit deinen Gedanken.'
Erneut gestand ich nicht gerne ein, dass die Stimme in meinem Kopf Recht hatte. Ich war zu weit. Ich musste mich auf das hier und jetzt konzentrieren. Auf den Weg, der das zerstörerische Ausmaß von Menschen preis gab. Spuren waren überall im Sand zu sehen, menschliche Spuren. Blut befleckte den grünen Rasen und...
Mir stockte der Atem. Gerade liefen wir an einem Pfad vorbei, an dem das Gras scheinbar komplett niedergebrannt war. Es roch nach verbranntem Fleisch, welches sich mit dem Geruch von brennenden Gras vermischte. An einigen Stellen konnte man sogar noch Funken von Glut sehen, die langsam erloschen. Auch wenn die Luft nahezu vor Wärme stand, fröstelte es mich bei diesem Anblick. Eine Gänsehaut zog sich über meine Arme und ich wollte meinen Blick davon abwenden. Doch ich konnte nicht. Oder viel eher ich durfte nicht. Ich musste diese Realität, die nun meine war, verstehen und verinnerlichen. Es gab keine heile Zuckerwattewelt mehr, wie ich sie mir in Balbadd noch hatte einreden können. Das hier war die knallharte Wahrheit.
Diese knallharte Wahrheit hatte eines mit den anderen Überfallorten gemeinsam, Fuß- und Schleifspuren im Sand des Ufers, welches einen harmonischen Schein wahrte, indem seine Wellen verspielt zum Sand vorpreschten und sich schließlich wieder zurückzogen.
Eine verlogene Idylle die schon nach einem umherschweifenden Blick vollständig zerstört wurde.
„Schau nicht hin, dann fällt das Vergessen leichter, als wenn die Bilder sich in deine Erinnerungen brennen.“
Ich sah neben mich und meinen Karren und erkannte Tiberius. Seltsam, heute schien echt jeder mit mir reden zu wollen und das obwohl mir nicht nach Reden zumute war.
„Es soll sich in meine Erinnerungen brennen. Dann höre ich auf mir vorzulügen, dass ich es schwer in meiner Heimat habe. Diese Erinnerungen sollen ein Mahnmal werden und mir zeigen, dass ich wirklich Glück im Leben hatte.“
Selbst wenn es in meiner Welt genug Leid gab, welches ich sehen konnte, so war ich dort doch nicht so unmittelbar betroffen wie hier. Würde ich zurückkommen, in meine Welt, ich würde das Leben sicher in volleren Zügen genießen, vielleicht meinen Job sogar lieben und die Sicherheit zu schätzen wissen, die ich als Lebensgrundlage hatte. Doch um das zu können, musste ich zurück. Nur wie?
„Du willst dich tagein tagaus also selbst quälen?“ Tiberius hatte Recht, diese Erinnerungen würden mich quälen. Jeden Tag, solange ich hier war. Immer dann, wenn ich ruhig schlafen würde und glaubte ein gutes, sicheres Leben zu haben.
„Nein... Ich will die Sicherheit nur nicht zu sehr genießen.“
Sindria war ein Symbol der Sicherheit. Dort zu leben ließ mich später sicher solche Dinge vergessen. Doch ich wollte es nicht, weswegen ich jede verdammte Leiche, jeden blutigen Grashalm förmlich in meinen Erinnerungen speicherte.
„Genieß sie ruhig. Auch wir tun das. Das heißt aber nicht, dass es uns nicht bewusst ist, was hier draußen auf uns warten könnte. Aber es bringt auch nichts, sich immer mit so etwas zu quälen. Würden wir das tun, dann würden Varius und ich schon lange nicht mehr auf Reisen sein.“
Ich wandte meinen Blick ab und sah vor mir auf den Karren, der um einige, wenige Krüge voller schien. Es genießen... Vielleicht hatte Tiberius Recht. Ich würde wohl selbst hier am Burn Out Syndrom leiden, wenn ich nicht auf mich aufpasste.
„Du, Tiberius...“ Ich setzte an, biss mir aber auf die Unterlippe. Sollte ich ihm sagen, dass ich den Sklavenjungen hätte retten können? Sollte ich erwähnen, dass ich die Rukh sah? Würde er mir glauben?
„Mh?“, fragte er, nachdem ich nicht weitersprach. Ich rang kurz mit mir, unwissend, was Tiberius sagen würde, wenn ich ihm nun die ganze Wahrheit erzählte. Hatte ich sie belogen? Immerhin waren Assad und Sadiq damals sauer auf mich gewesen. Allerdings hatte ich ihnen auch erzählt, von Räubern überfallen worden zu sein. Der Karawane hatte nicht viel über meine Ankunft hier erfahren. Lediglich Varius wusste, oder viel mehr ahnte, vielleicht, dass der Grund meiner Reise nicht gerade freiwillig war.
„Ich...“ Wie sollte ich das sagen? Durfte ich das? Waren die Menschen in Reim schon jetzt auf Kriegspfad mit den Magiern in Magnostadt? Wobei, ich kam nicht einmal von dort, also würde ich doch unmöglich deren Feind sein.
„... danke dir, dass du mich wieder etwas auf den Boden der Tatsachen geholt hast.“
Gekniffen, ich hatte wirklich gekniffen und so würde diese Fähigkeit noch eine ganze Zeit geheim bleiben. Und hoffentlich noch darüber hinaus.
„Schon in Ordnung. In der Gruppe sorgen wir eben für einander. Da ist das doch selbstverständlich.“
Selbstverständlich... Nur hier im Magi-Fandom vielleicht. In meiner Welt hätte ich für solche Kameraden in meinem Team gemordet. Dort war hingegen die Luft dicker geworden, seit unser Teamleiter gegangen war. Ich persönlich hatte nichts gegen die neue Teamleiterin, sie war cool und vielleicht setzte sie sich gerade dafür ein, mich nicht rauszuwerfen. Das wäre zumindest ganz nett gewesen und ich hätte später auch alles erklären können. Nur ob man mir geglaubt hätte, wäre dann eine ganz andere Frage gewesen.
„Wenn sich unsere Wege trennen, werde ich richtig traurig sein, euch verlassen zu müssen.“ Gelogen war das nicht, das wusste ich in meinem Innersten. Schließlich war Varius nun mein großer Bruder und der Rest, ob Sklaven oder nicht, Freunde oder zumindest so etwas wie eine zweite Familie geworden. Selbst Cassius konnte ich trotz der Geschichte mit dem Sklaventum, einige positive Seiten abgewinnen. Aber nur ganz heimlich.

Cassius hatte uns bis zu einem Ort abseits des Strandes geführt. Das Meer war nicht mehr zu sehen, und doch drohte weiterhin die Gefahr eines Überfalles von dort. Doch zwischen einigen Bäumen hatte Cassius wirklich ganze Arbeit geleistet, einen geeigneten Platz für ein Nachtlager zu finden. Anders als aber zuvor, wirkte eine gedrückte Stimmung. Angst und Vorsicht ließen die anderen zusammenrücken, so dass es mich nicht wunderte, dass Nel mir beim Abspannen der Pferde half. Augenscheinlich sollte niemand alleine sein. Auch wenn ich nicht verstand, wie Nel mir helfen sollte, wenn plötzlich Piraten auftauchten. Psychologisch gesehen löste dieses Verhalten bei mir aber nur noch mehr Zweifel und Ängste aus. Super gemacht, Cassius.
„Du kannst wirklich schon gehen, Nel. Ich schaffe das auch alleine“, murrte ich und versuchte Nel klar zu machen, dass ich seine Hilfe nicht benötigen würde.
„Das ist Cassius' Anweisung. Besser du lässt es zu. Sonst können wir uns beide etwas von ihm anhören.“
Ich seufzte und schüttelte den Kopf. Sollte Cassius sich nur mal trauen MIR eine Standpauke zu halten wenn er das Echo vertragen konnte. Gerade war mit mir sowieso nicht gut Kirschen essen.
„Du solltest dir überlegen, wo du heute Nacht schlafen willst. Ich empfehle, dass du dich an Iunia und Tacita kuschelst. Beide treten und schlagen nicht im Schlaf. Wobei, an Schlafen wird heute Nacht kaum zu denken sein...“, nuschelte Nel und holte einen Sack mit Futter für die Pferde von einem der naheliegenden Karren. Für gewohnt musste ich mehr als einen Schritt gehen um diese zu holen, doch heute, standen die Wagen der Karawane dicht an dicht. An sich sehr unpraktisch.
Dennoch, ohne Fragen zu stellen, erfüllte ich die letzte Aufgabe des Tages. Schlafen würde ich heute Nacht sowieso nicht. Diese Bilder von dem Sklavenjungen würden mich verfolgen und immer wieder aufschrecken lassen.

Nicht nur bei den Arbeiten hatte man das Gefühl, nie wirklich alleine zu sein. Die Nachtlager wurden näher am Lagerfeuer aufgeschlagen und ein seltsam beengendes Gefühl kam in mir auf, als ich Varius und Panthea neben mir sitzen hatte. Mir fehlte irgendwie die Luft zum atmen, auch wenn ich sie zur Genüge hatte.
Anders als gewohnt, war das Abendessen mehr eine Trauerveranstaltung. Die Meisten aßen schweigend den von Tacita zubereiteten geschmacklosen Brei und ich würgte wirklich jeden Bissen runter, denn Hunger verspürte ich keinen. Wenn es hochkam, aß ich gerade mal ein Viertel des Breis und ich gestehe, ich schimpfte selbst mit mir in Gedanken, da die Rest wohl weggeworfen werden würden. Ich konnte mich aber nicht überwinden, mir mehr reinzuzwingen, als ich so schon verkraftete.
„Nach dem Essen gehen wir schlafen. Ich brauche noch jemanden für die Nachtwache.“
Cassius sah ernst in die müden Gesichter in dieser Runde. Alle waren erledigt, sie hatten genug gegraben, zwischen Trümmern gesucht und waren lange gelaufen. Die Einzige die da nicht viel beigetragen hatte, war ich.
„Ich übernehme das.“
Es verstand sich für mich nur von selbst, dass ich wenigstens diese Nachtwache machte. Ich war teils noch wach und mit Sicherheit würde ich das bis zum Morgen durchhalten.
„Immerhin einmal stehst du zu deiner Verantwortung...“, hörte ich es aus Hinatas Richtung zischen. War ja klar, dass sie wieder einmal nicht die Klappe halten konnte. Es mochte ja sein, dass sie Recht hatte und ich in einigen Fällen verantwortungslos gehandelt hatte, doch das musste sie mir nicht bei jeder Gelegenheit unter die Nase reiben.
„Ich gehe mich umziehen, bevor ich die Wache beginne...“, murrte ich und erhob mich von meinem Platz. Es war besser für sie, wenn ich mich etwas entfernte, kurz ein paar Minuten für mich hatte und einfach Luft holen konnte. Noch dazu hatte ich das Gefühl, das getrocknete Blut an meinen Sachen riechen zu können und das war echt eklig. Ein paar Wechselsachen wären da also nicht falsch gewesen.
Ohne auf den Rest der Gruppe zu achten, ging ich zu dem Karren, in dem mein Gepäck ruhte und kramte aus diesem eines von Suleikas Oberteilen mit den langen dünnen Puffärmeln und eine Ballonhose hervor. Zwar müsste ich wohl am nächsten Tag etwas von der Salbe auf mein Dekolleté verteilen, aber bis zum nächsten vernünftigen Rastplatz, an dem ich meine Sachen reinigen konnte, würde das reichen. In der Nacht würde mich die Sonne schon nicht fressen und meines Wissens nach strahlte der Mond kein zu starkes UV-Licht aus.
Mit den Gedanken bei Suleika und den anderen, entledigte ich mich des beschmutzten Umhanges und pellte mich auch aus der restlichen Kleidung, die den Geruch der Strapazen des Tages angenommen hatten.
„Und wir dachten schon, der Umhang ist alles was du hast.“
Erschrocken fuhr ich zusammen, als Varius Stimme vernahm. Aus einen Reflex heraus hielt ich mir das gold-schwarze Oberteil vor die Brust und spürte die Schamesröte in meine Wangen steigen.
„W-Was? Schau bloß nicht her!“
Es war peinlich, so unglaublich peinlich, denn mein Blick traf den seinen und ich wusste, er hatte mich oben ohne gesehen. Niemand hatte mich bisher oben ohne gesehen, abgesehen von Suleika, Cecilia und der Dame aus Kouhas Haushalt, die mich genäht hatte.
„Dafür das du in einem Amüsierbetrieb gearbeitet hast, bist du ganz schon prüde...“, nuschelte Varius, seinen Blick nicht von mir nehmend. Wenn das die Strafe für mein Verhalten des Tages war, dann ja, strafte er mich damit. Meine Schamgrenze lag nämlich nicht gerade tief, so dass mir schon der Gedanke an einen nackten Mann an manchen Tagen peinlich war.
„Ich bin nicht prüde... Verschwinde wenn ich mich umziehe.“
Er hatte Glück, dass ich nichts in greifbarer Nähe hatte, um es ihm entgegenzuwerfen. So ein verdammtes Glück.
„Ich passe nur auf... Keine Sorge. Nicht das man dich vor deiner Nachtwache wegschnappt.“
Ein Schmollen zeichnete sich auf meinen Lippen ab. Varius schien nicht die Andeutung machen zu wollen, sich von mir abzuwenden und wegzusehen. Allmählich wurde das unangenehm.
„Dreh dich dann wenigstens verdammt noch mal um!“
Mit einem Seufzen und schüttelnden Kopf, wandte er mir den Rücken zu. Also wirklich, dieser Klotz hatte keine Ahnung davon, wie empfindlich die Seele einer Frau war. Cecilia hätte ihn mit ihren Handkanten sicher zu Boden gestreckt. Schade, dass ich dieses Talent im Augenblick nicht besaß.
„Wehe dir, du guckst“, drohte ich und ließ das Oberteil sinken, um in dieses schlüpfen zu können. Ich beeilte mich, denn entgegen meines eigentlichen Planes, konnte ich nun doch keinen Moment für mich alleine sein.
„Dich haben also noch nicht viele Männer nackt gesehen, huh?“
Keinerlei Schamgefühl! Das traf auf Varius definitiv zu. Er hackte einfach weiter auf dem Thema herum, als sei es eine Selbstverständlichkeit.
„Das geht dich nichts an...“, murrte ich und schlüpfte auch in die Hose. Ich war fertig und damit nur einige Schritte davon entfernt, dieser peinlichen Situation zu entkommen, auch wenn Varius mir wahrscheinlich den Rest der Nacht auf die Nerven gehen würde. Mit Sicherheit würde auch Tiberius einsetzen und dann hatte ich ein Problem.
„Komm beginnen wir unsere Nachtschicht, bevor Cassius noch eine Ader am Kopf platzt...“
„Ähm... Nun ja, unsere Nachtschicht ist das nicht.“
Ich wandte mich fragend zu Varius um. Er sah mich mit ernsten Blick an und ich wusste, dass meine Sicherheit nicht der einzige Grund gewesen war, warum er mich bespannt hatte.

Ich wusste, dass Varius nichts dafür konnte, und doch schalt ich ihn in meinen Gedanken einen miesen Verräter. Ich meine ich konnte es verstehen, sowohl bei Tiberius, der die Vorhut gebildet hatte, als auch bei Varius. Dennoch...
Mein Blick glitt zu Cassius, der als Einziger mit mir am Lagerfeuer saß und in die Flammen starrte. Ich hingegen sah auf den Stab, welchen mir Panthea geschenkt hatte. Der Stein an der Stabspitze war nicht mehr Giftgrün, sondern blutrot im Licht der Flammen geworden. Aus den Harvest Moon Spielen kannte ich dieses Phänomen und somit wurde mir auch klar, was das für ein Stein war. Von wegen wertlos. In meiner Welt gehörte dieser Stein zu den wertvollsten seiner Art, weil sie in natürlicher Form selten waren.
Ich konnte Cassius einfach nicht ansehen. Nicht, nachdem ich erfahren hatte, dass er der „Besitzer“ von Iunia und den anderen war. Soviel zum Thema Abstand halten. Wenn man allerdings den ganzen restlichen Tag betrachtete, waren meine Vorsätze allesamt den Bach runtergegangen, dank der Reimer.
„Solltet Ihr als Reiseführer nicht schlafen?“, fragte ich schließlich, denn die Stille hier war doch schon unerträglich. Mit Tiberius und Varius hätte ich wenigstens ein paar alberne Geschichten ausgetauscht.
„Ich meine... nicht das Ihr zu müde seid und wir vom Weg abkommen...“, setzte ich nach, da Cassius nicht die Andeutung machte zu antworten.
„Nein.“ Kurz angebunden, erklang Cassius' Stimme und garantierte mir damit, dass ich auf wirklich ausschweifende Diskussionen nicht hoffen brauchte. Oder darauf, dass er mit mir Onigiri aß.
Erneut begann ich zu schweigen, starrte auf den Stab, wusste nicht, was ich tun sollte. Vielleicht war nun der perfekte Moment einen Zauber zu üben? Wobei, er würde nicht funktionieren, demnach wäre es kein Üben, sondern ein Test. Allerdings, sollte es klappen, dann wusste Cassius sofort wer ich war. Besser also kein Risiko eingehen. Solange ich nicht absolut sicher war, ob ich eine Magierin war oder nicht, konnte ich das immerhin glaubwürdig für mich selbst abstreiten. Dennoch, die Rukh, die immer noch um diesen Stab flatterten... machten mich krank, denn es konnte nur eines bedeuten und diese Gewissheit versuchte ich zu verdrängen.
„Uhm... Varius hat mir gesagt, dass Ihr den Moment für die Vorhut abgepasst habt. Habt Ihr viele Erfahrungen mit solchen Situationen?“
Auch wenn Cassius' Alter mir noch unbekannt war, so konnte er doch nicht viel älter als Kouha sein, der höchstens 15 oder 16 im Augenblick war. Dafür, war Cassius aber doch schon sehr erfahren. So, als wäre es nicht die erste Reise und doch war seine Art, wie er diese Reise führte, seltsam. Fast schon zwanghaft, fast schon zu kontrolliert.
„Ich habe immerhin die Verantwortung über alle hier...“ Cassius hob seinen Blick nicht von dem Lagerfeuer. Doch er beantwortete das erste Mal an diesem Abend eine Frage von mir.
„Die Verantwortung, huh... Nicht eher die Angst deine Sklaven zu verlieren?“ Ich bereute meine unüberlegten Worte just in dem Moment, als Cassius seinen Blick hob und seine dunklen, blauen Augen mich bedrohlich anfunkelten, als wollte er mir damit sagen, dass ich gefälligst ruhig sein sollte.
„Ja, die Verantwortung“, setzte er nochmal nach, wobei er das Wort 'Verantwortung' betonte. Ich beschloss, es dabei zu belassen, aber mir gefiel der Gedanke immer noch nicht, dass Iunia und die anderen seine Sklaven waren.
„Manchmal kann man Schuldbewusstsein, mit Verantwortungsbewusstsein verwechseln...“, nuschelte ich. Erneut spürte ich seinen Blick auf mir. Er durchbohrte mich finster und ich wusste deutlich, dass ich Glück hatte, nicht zu Cassius Feinden zu gehören. Dennoch spielte ich mit einem Feuer, dass ich vielleicht nicht bändigen konnte.
„Du solltest nicht von dir auf andere schließen.“
Ich zuckte schuldbewusst zusammen. Wahrscheinlich verwechselte ich bei mir Verantwortung mit Schuld. Es klang logisch und wenn ich mit emotionalen Abstand auf die Ereignisse des Tages blickte, musste ich es einsehen.
„Wäre ich die Vorhut gewesen, hätte ich den Sklavenjungen retten können...“
„Niemand hätte das.“
Es entwickelte sich doch tatsächlich so etwas wie ein Gespräch, auch wenn dieses einen angespannten Unterton bei uns beiden hatte.
„Das Risiko wäre zu groß gewesen.“
Was sagte Cassius da? Seine Worte waren mir ein Rätsel. Woher hätte er wissen sollen, was an dem Strand vor sich ging? Wenn er nicht gerade diese weite Sicht hatte, konnte er es nicht wissen.
Erneut trat Schweigen zwischen uns. Gott war es schwer ein Gespräch mit Cassius zu führen. Besser war es wohl, es nicht einmal mehr zu versuchen.

Die Nachtwache ging ruhig vonstatten. Zumindest bisher. Mein Blick lag müde und sehnsüchtig auf dem Horizont, an dem aber kein Sonnenstrahl einen nahenden Morgen ankündigte. Vielleicht hatte mich das Graben doch mehr ermüdet, aber ich hatte mich freiwillig gemeldet, also durfte ich meine Aufgabe nun nicht vernachlässigen.
Ich erhob mich von meinem Platz und reckte mich. Ich musste die Müdigkeit irgendwie loswerden.
„Wo willst du hin?“
Cassius' Frage entlockte mir ein Seufzen. Er wirkte gerade wie eine über fürsorgliche Glucke.
„Die Beine vertreten...“, antwortete ich und ging in Richtung der Karren. Meine Augen waren trotz des Feuers an die Dunkelheit gewöhnt, außerdem leuchteten mir die schwach sichtbaren Rukh der Pferde ein wenig den Weg. Ich zuckte jedoch zusammen, als ich vom Schlaflager der anderen einen Schatten wahrnahm, der in die Richtung der Büsche ging. Seltsam. Das kam mir doch so bekannt vor? Also das jemand mitten in der Nacht zu den Büschen ging.
'Hoffentlich beißt nicht schon wieder eine Grille Tiberius ins beste Stück.'
Da ich bis heute nicht in Erfahrung hatte bringen können, wie sich Tiberius verletzt hatte, oder wo, hatte sich in meinem Kopf die „Grille beißt in Schwanz“-Theorie hartnäckig festgebissen. Egal wer das war, ich hörte keine Grillen, damit waren die männlichen Genitalien der Gruppe sicher. Wachposten abgeschlossen.
Mit einem Grinsen auf den Lippen, machte ich mich wieder zurück zum Feuer. Ich wollte gar nicht hören, wie diese Person ihr Geschäft verrichtete. Tiberius Geplätscher hatte mir damals genug Kopfkino beschert.
Weit genug vom natürlichen Klo entfernt, hörte ich dennoch einen leisen, plötzlichen Aufschrei und wandte mich um. Sofort lief ich in die Richtung, aus der dieser gekommen war. Den Stab fest umklammert. Sollte ein Räuber gerade jetzt jemanden angegriffen haben, konnte ich ihm das Ding vor den Latz hauen und damit wäre es doch noch nützlich gewesen.
Ich stockte aber, als ich das von den Rukh erleuchtete Gesicht der Verunglückten sah, die zwischen einigen Ästen im Gebüsch hing. Scheinbar hatte sie das Gleichgewicht verloren und war mitten hineingefallen. Wenn sie Glück hatte, saß sie nun in ihrem Geschäft.
„Verdammte Dreckswurzel...“, knurrte sie und ihre Stimme machte mir nur umso deutlicher klar, dass ich mich nicht geirrt hatte. Ein wenig Schadenfreude stellte sich ein, als ich mich etwas vor ihr, oder eher über ihr, hinstellte und zu ihr hinab sah.
„Vom stillen Örtchen kann man nach deinem Schrei ja nicht mehr reden, Hinata.“


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Kleine Zwischenfrage liebe Leser, wer aus der Gruppe der Karawane gefällt euch am besten, wen könnt ihr nicht mehr ertragen  und glaubt ihr, ich werde nun irgendwann meinen ersten Zauber wirken?
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