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Im Zeichen des Rukh

von Erenya
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P12
Aladdin Alibaba Saluja Judar Morgiana OC (Own Character) Sinbad
27.05.2015
01.01.2017
26
219.342
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16.06.2015 8.231
 
Die kleine Reisegruppe, die nun auch meine Begleiter waren, war wirklich ein bunt gemischter Haufen. Am auffälligsten hierbei waren wirklich der Römer mit seinen Dienern, die eindeutig zuzuordnen waren, weil ihre Kleidung ebenfalls etwas römisch angehaucht waren. Zu ihm schienen zwei Wachen, in ähnlicher Legionsrüstung, wie ich sie von Muu Alexius kannte, zu gehören. Einer von ihnen trug eine Dreizack bei sich und erbärmlicherweise spann mein Kopf den Gedanken, dass König Triton nun doch noch unter die Menschen gegangen war. Arielle wäre stolz auf ihn gewesen.
Neben den Römern befand sich aber auch ein balbaddischer Händler unter uns. Er lamentierte darüber, dass die Gesetzlosen es unmöglich gemacht hatten noch vernünftig seine Waren zu vertreiben, die er aus allerlei Orten hatte. Seltsam, wenn man bedachte, dass er wohl die meiste Zeit in Balbadd verbrachte. Anders konnte ich mir nicht erklären, warum er die Römer und den Händler aus Kou eher zweifelnd ansah. Es musste an ihrer Kleidung liegen, die sich wirklich von eben jener aus Balbadd unterschied, eine Feststellung, die ich erneut machte und somit nichts neues war. Aber wie hieß es bei mir Zuhause so schön, andere Länder, andere Sitten.
Der Händler aus Kou hingegen schien sich eindeutig auf Stoffe spezialisiert zu haben, denn aus seinem Wagen lugten einige Ballen hervor, die allesamt sehr edel und wertvoll zu sein schienen. Seine Diener hatten zumindest eben jene Ballen fest im Blick, so als fürchteten sie, dass sie jederzeit herausfallen könnten, was mich nicht verwunderte, denn sie wackelten bedrohlich und waren nicht festgezurrt und gebunden. Scheinbar hatten sie keine Seile mehr dafür gehabt, sodass sie versucht hatten, die Ballen mit Schneiderpuppen zu beschweren oder mit Kisten gegen die Wand zu drücken. Wenn sie Pech hatten, würde die Physik ihnen bei einem abrupten Stopp des Wagens aber eine Lektion erteilen. Ich konnte nur hoffen, dass dies nicht sobald sein würde, denn so konnte ich vielleicht noch die ein oder andere Anmerkung machen, so dass dieses Erlebnis ausblieb und wir wirklich schnell voran kamen.
Auch wenn wir keine wirklich große Reisegruppe waren, so machte das Gefolge der Händler doch schon einiges an Mitreisenden aus. Allerdings gab es da eine Person, dessen Rolle mir nicht wirklich bekannt war. Es war ein groß gewachsener Mann mittleren Alters, der neben dem jungen Römer herlief und eine Schriftrolle ausgebreitet hatte, während er mit diesem sprach. War das ein Reiseführer? Oder doch eher jemand, der mit dem Römer die Route besprechen wollte? Nein, das konnte nicht sein, denn der Römer würdigte ihn förmlich keines Blickes.
„Das ist sein Hauslehrer.“
Ich hatte die Schritte wahrgenommen, die hinter mir ertönt waren und sah zu einer Frau, die lächelnd zu den beiden sah. Ihre Kleidung ähnelte der des Römers, was mir nur zu deutlich zeigte, dass sie wohl zu seinen Leuten gehörte.
„Sein Hauslehrer?“, fragte ich fast schon ungläubig nach. Ich hatte ja geahnt, dass der Römer wohl in Kouhas Alter war, allerdings nicht, dass diese Vorahnung sich dank dessen Hauslehrer bestätigen würde.
„Ja. Auch wenn der junge Meister sehr gewitzt ist, so besteht der Hausherr darauf, dass sein Hauslehrer ihn auf jeder Reise begleitet. Er muss noch viel lernen, besonders in Dingen wie Politik und Landeskunde.“
Das wirkte logisch, wobei ich es immer noch befremdlich fand, dass der Hauslehrer auch wirklich gewillt war, so eine Reise zu machen, zumal sein Gesichtsausdruck etwas verzweifeltes hatte.
„Der junge Meister hält nicht viel von Politik. Er meint er könnte es nicht brauchen, wenn er als Händler einmal das Gewerbe seines Vaters übernimmt. Dennoch, sein Hauslehrer ist genauso hartnäckig, wie der junge Meister in solchen Dingen stur sein kann.“
Ein Lächeln lag auf den Lippen des Mädchens. Ihre braunen Haare lagen gewellt und zu einem Zopf zusammengebunden auf ihrer linken Schulter, die kaum bedeckt war, dank ihrer römischen Kleidung. Dennoch, ich beneidete sie. Im Gegensatz zu mir, schien ihr die Sonne, die immer noch erbarmungslos und fröhlich über uns brannte, nicht zu stören.
„Wie heißt er eigentlich?“, wollte ich nun wissen, denn irgendwie hatten der Römer und ich die Floskeln der Vorstellung ganz übergangen. Somit wusste ich keinen einzigen Namen von hier und keiner kannte meinen. Vielleicht war das auch gut so.
„Cassius Caelius. Er und seine Dienerschaft, mich eingeschlossen, kommen aus dem Kaiserreich Reim. Sein Vater gehört dort zu den einflussreichsten Händlern.“
Ich staunte. Das Kaiserreich Reim also. Dann hatte ich mich doch nicht geirrt, als ich die Kleidung der Wachen mit jenen von Muu Alexius gleich gestellt hatte. Es wunderte mich nun nicht mehr, dass sie einen identischen Stil hatte.
„So ist das also... Das Kaisereich Reim...“ Wirklich viel wusste ich nicht über Reim. Nur, dass Scheherazade der Magi des Reiches dort war und die ganzen Menschen dort wohl eher im Sinne der Römer lebten. Gladiatorenkämpfe, Rüstungen, ein Kolosseum das alles waren Dinge, an die ich mich aus der Serie erinnern konnte.
„Warst du schon einmal dort?“, fragte meine Gesprächspartnerin sofort, als sie mich die Worte ihrer Herkunft wiederholen hörte. Oh Gott. Ich fürchtete solche Fragen. Ehrlich. Was sollte ich antworten? Ich hatte doch schon mein Leben in Balbadd mit Lügen begonnen, musste das wirklich so weitergehen?
„Nein. Ich war auch das erste Mal in Balbadd. Um ehrlich zu sein, kenne ich nicht viele Städte oder Reiche, abgesehen von meiner Heimat. Die meisten Dinge die ich kenne, habe ich aus Geschichten über diese Länder in Erfahrung bringen können.“
Ich versuchte so gut es ging alles zu umschreiben, so dass es vage blieb, ich aber nicht erneut lügen musste. Die Erinnerung daran, dass Kouha der einzige war, der die Wahrheit kannte, bekümmerte mich allerdings. Wie gerne hätte ich doch die Wahrheit erzählt, ohne Angst, dass man mir nicht glauben würde.
„Dann ist das also deine erste große Reise. Wie heißt du eigentlich? Ich bin Iunia.“
Iunia also. Ein ungewöhnlicher Name, aber irgendwie war er auch schön. Mir fiel erst jetzt auf, dass Iunia selbst noch ziemlich jung war. Doch hier war jung sein kein Grund, warum man nicht auch genug Erfahrung haben konnte. Wahrscheinlich wussten sie, Kouha und Cassius mehr über diese Welt als ich. Im Gegensatz zu ihnen, war ich wohl das wahre Kind.
„Ich heiße Erenya. Und ja, man könnte es als meine erste große Reise hier sehen, auch wenn es ungeplant kommt, dass ich sie jetzt schon antrete.“ Ich mühte mir ein Lächeln ab, auch wenn meine Worte mich daran erinnerten, wie genötigt ich diese Reise angetreten war. Ursprünglich war der Plan gewesen, nach der Rebellion Balbadd zu verlassen, dem Fluss der Serie zu folgen und mich von diesem treiben zu lassen, doch das Schicksal hatte einen anderen Weg für mich bestimmt.
„Wenn du erst später Balbadd verlassen wolltest, was hat dich dann dazu gebracht, doch jetzt loszuziehen?“
Iunia schien sich wirklich sehr dafür zu interessieren, wieso ich nun bei ihnen war. Dabei war das nicht gerade eine der Geschichten, mit denen ich hausieren gehen wollten. Wobei die Umstände mich, wie sie bekanntermaßen vorherrschten, auch zu meinen Gunsten als Story dienen konnten.
„Ich hatte irgendwie Angst, dass ich nicht mehr dazu komme. Mit all den Dingen die in Balbadd abends passieren, ist es dort nicht mehr sicher. Entweder wäre ich nicht mehr lebend aus Balbadd gekommen, oder der König hätte eine noch größere Ausgangssperre verkündet. Da bekam ich Angst und wollte unbedingt hinaus. Raus in die Freiheit, raus in die Welt.“
Ich verschwieg den Fakt, dass ich durch die Mädchen dazu gedrängt worden war zu gehen, dass ich keine Heimat mehr hatte und ich mehr Flüchtling als Reisende war. Vielleicht wollte ich mir so auch selbst einreden, dass ich diese Reise jetzt und hier freiwillig machte, damit die Sehnsucht nach Assad und den Anderen nicht zu groß wurde. Raus in die Freiheit, raus in die Welt... An sich kein schlechter Gedanke. Das wurde mir bewusst, als ich mich umsah.
Wir hatten Balbadd noch nicht sehr weit hinter uns gelassen und doch sah ich hier ein natürliches Bild, welches man in meiner Welt nur noch selten sah. Die Natur. Unberührt von den chemischen Gewalten der Menschen. Auch wenn schon deutlich war, dass es einen Eingriff durch Menschenhand gegeben hatte, indem man einige Bäume gefällt hatte, so war es hier doch noch natürlicher als in meiner Welt.
Die Bäume wuchsen gen Himmel und ich fragte mich, welcher Gattung sie angehörten. Ob es dieselben Arten gaben wie bei mir Zuhause? Zumindest sollte es das, ich meine, sie hatten hier auch Pferde, Kamele und andere Tiere, die in meiner Welt nicht fremd waren. Warum sollte dann die Pflanzenpopulationen unterschiedlich sein? Abgesehen von ein paar Arten, die bei uns ausgestorben waren, würde es hier wohl so ziemlich das gleich geben. Und dennoch, die Neugier auf dieser Reise vielleicht doch noch neue und unbekannte Dinge zu erleben, erwachte und erstickte auch die letzten Zweifel die wegen meiner Reise aufgekommen waren, im Keim.

Die Sonne war wirklich unbarmherzig und der Schweiß perlte von meiner Stirn, im Angesicht der Tatsache, dass ich immer noch die langen Sachen vom Beginn meiner Reise trug, Der Stoff war zwar dünn, aber dennoch gab es keinen kühlen Windhauch, der mir das ganze auch nur irgendwie erträglicher machte. Es war seltsam, zumindest wenn ich mich mit den anderen Reisenden verglich. Sie liefen in wohl noch dickeren und unerträglicheren Sachen herum und doch zeigten sie keinerlei Erschöpfungs- oder Wärmeerscheinungen. Es musste wirklich normal für die Menschen dieser Welt sein, was mir erneut demonstrierte, wie wenig angepasst ich doch war. Vor allem, wenn ich die Wachen in ihren Rüstungen ansah, demotivierte es mich, da sie noch wesentlich mehr schwitzen mussten als ich und doch... keine Schweißperle. Neid.
Ich schüttelte meinen Kopf und versuchte mit der Reisegruppe Schritt zu halten. Es war aber nicht nur die Wärme, die mir zusetzte, sondern auch die Verletzung an meiner Schulter. Der Schmerz, den ich für wenige Stunden hatte vergessen können, war wieder da. Dabei trug ich nicht einmal mehr mein Gepäck. Die Belastung für meinen Körper war damit schon so gering wie möglich gehalten und doch schmerzte diese verdammte Schulter. Ich musste mich von diesem Schmerz ablenken, ihn nichtig machen, indem ich ihn einfach vergaß. Niemand sollte merken, dass ich körperlich angeschlagen war, denn ich durfte nicht zum Ballast für diese Gruppe werden. Je schneller wir vorankamen, desto besser. Ich musste Sindria schnellstmöglich erreichen.
Irgendwie schafften es meine Beine mich in die Richtung des Kou-Händlers und seinem Gefolge zu bringen. Die beiden Diener des Kou-Händlers, ein Mädchen und ein Junge, sprachen angeregt miteinander und erneut beneidete ich sie. Immerhin hatten sie noch genug Kraft um miteinander zu reden. Es war sehr offensichtlich, dass sie solche Reisen gewohnt waren, zumindest schienen ihre Körper kein Gramm Fett zu viel zu haben. Wie Cassius waren auch sie athletisch gebaut. Noch mehr Neid. Ich hätte in Balbadd vielleicht doch hin und wieder joggen sollen. Oder eine Beschäftigung finden, die mich in Form hielt. Jetzt war das mit der Form halten zu spät.
„Ich schwöre dir, es war einer der Prinzen“, erklärte das Mädchen mit Nachdruck, doch der Junge lachte nur ungläubig und schüttelte den Kopf.
„Das hast du dir eingebildet. Als würde einer der Prinzen einen einfachen Markt besuchen. Sie müssen nur ihren Dienern sagen was sie wollen und bekommen es. Denkst du wirklich sie gehen dann persönlich einkaufen?“
Das Lachen des Jungen wurde lauter und ich konnte deutlich sehen, wie seine Begleiterin ihn mit diesem böse schmollenden Blick bedachte. Kein Wunder.
„Hättest du nicht gerade gefaulenzt, hättest du ihn auch gesehen, also hör auf zu lachen!“
Sie boxte ihm mit der Faust in die Seite, was wohl fest genug war, so dass er zusammenzuckte und sich grummelnd den Arm rieb.
„Wirklich jetzt... Kein Prinz der Welt würde auf einem öffentlichen Markt herumlaufen. Die Sonne tut dir nicht gut.“ Er war eingeschnappt, doch versuchte er es nicht zu deutlich nach außen zu lassen. Die beiden entsprachen so gar nicht dem Klischee, welches ich mir von Dienerschaft gemacht hatte. Im Gegenteil, sie wirkten lebhaft und glücklich. Seltsam, genauso hatten auch die Mädchen aus dem Freudenhaus gewirkt, obwohl sie eine niedere Arbeit verrichteten. Sie schienen ihren Job aber nicht zu hassen, etwas, das ich mir absolut nicht vorstellen konnte.
„Du bist wirklich ein Idiot, Chen“, murmelte sie und verschränkte beleidigt die Arme.
„Entschuldigt, ihr beide.“ Ich entschied, mich den beiden noch etwas mehr zu nähern, auch wenn das bedeutete ihre Unterhaltung zu unterbrechen. Wobei, sie hatte das Gespräch mit ihrer Geste beendet. Demnach würde ich die beiden wohl nicht stören. Was sie mir nur deutlich zeigten, als sie sich zu mir umwandten.
„Ihr seid doch aus Kou. Würdet ihr mir ein wenig von den Prinzen und von eurer Heimat selbst erzählen?“
Da ich Kouha nun schon kennengelernt hatte, wollte ich noch mehr über dieses Kaiserreich erfahren. Mehr über die Menschen und die Umgebung. Schließlich war es die Heimat eines Freundes, den ich irgendwann vielleicht einmal besuchen wollte. Oder einen Brief schreiben.
„Von den Prinzen? Uhm... Naja darüber können wir nicht viel sagen... Wobei, der erste Prinz Kouen Ren ist der Kommandant der Armee. Man sagt er ist gebildet, gutaussehend, stark und sogar Bezwinger dreier Dungeons.“
Das Mädchen verfiel ins Schwärmen. Augenscheinlich hatte Kouen auch seine Fans. Auch wenn Chen nur genervt die Augen verdrehte.
„Vergiss nicht zu erwähnen, dass er auch äußerst gruselig und immer so ernst ist. Ich weiß wirklich nicht, was du an dem Prinzen findest. Such dir lieber einen bodenständigen Mann.“
Ein giftiger Blick traf Chen, der sofort merkte, dass er damit ihren Zorn geweckt hatte.
„Bodenständig... so wie dich, huh?“ Auch wenn sie ihre Worte nicht so ernst meinte, errötete Chen, was schon eine klare Sprache sprach. Ihr blieb das aber verborgen, stattdessen schmollte sie und schien nicht weiter interessiert daran zu sein, mit ihm oder mir zu sprechen.
„Verzeih den beiden. Sie streiten wie ein altes Ehepaar, gehören aber zu den besten Angestellten, die man in Kou bekommen kann. Sie sind beide furchtlos und sind sowohl Diener als auch Wachleute.“
Der Händler aus Kou hatte sich zu mir zurückfallen lassen, kaum dass er gemerkt hatte, dass ich ein Gespräch mit seinen Dienern suchte. Wahrscheinlich war ihm bereits klar gewesen, dass es nicht lange dauern würde, bis mein Versuch zum Scheitern verurteilt war.
„Auf mich wirken sie eher wie ein einseitiges Ehepaar“, merkte ich an, denn zumindest Chen schien ganz offensichtlich Gefühle für seine Streitpartnerin zu haben, was diese aber nicht bemerkte.
Der Händler lachte und nickte.
„Das sind sie, das sind sie. Aber kommen wir zurück zu deiner Bitte. Wie Hinata dir bereits gesagt hat, ist Prinz Kouen Ren der oberste Kommandant der Armee. Man munkelt in Kou, dass er auch der nächste Kaiser wird, sollte der derzeitige irgendwann nicht mehr sein. Er ist prädestiniert dafür. Nicht einmal seine Brüder Prinz Koumei Ren und Prinz Kouha Ren würden gegen diese Entscheidung aufbegehren.“
Ich erinnerte mich an das, was ich über Magi wusste. In der Tat, keiner von beiden würde aufbegehren. Koumei wäre zu faul dafür und Kouha zu treu. Seine Treue hatte immerhin so weit gereicht, dass er nur ein Mitglied des Haushaltes geworden wäre, wenn Leraje sich für Kouen entschieden hätte. Wobei diese Beiden ja nicht die Einzigen waren.
„Das Kaiserreich scheint zwar mächtig und furchterregend zu sein, aber unter der Führung des Prinzen wurde viele Gebiete ohne Kriege eingenommen. Das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum auch die erste Prinzessin des letzten verstorbenen Kaisers unter ihm dient. Man könnte meinen, dass es böses Blut gäbe, aber der Familienzusammenhalt ist wirklich unglaublich.“
Der Händler schien stolz auf die Familie des Kaisers zu sein. So sprach zumindest nur jemand, der seine Herrscher aufrichtig respektierte. Er machte genau den Eindruck, den ich schon von Kouhas Gefolge gewonnen hatte. Irgendwie konnte ich das auch verstehen. Denn, selbst wenn ich die anderen Mitglieder der kaiserlichen Familie nicht kannte, so empfand ich doch einen tiefen Respekt für sie, auch wenn ich mich gleichzeitig fürchtete auf einige von ihnen zu treffen.

„Wir schlagen hier unser Nachtlager auf.“ Cassius Stimme drang selbst durch das aufgeweckteste Geschwätz seiner Diener. Wir waren nun schon seit einigen Stunden unterwegs und hatten einige Felder von Getreide gesehen. Selbst einige kleine Dörfer, die weit in der Ferne lagen, waren an uns vorbeigezogen, oder viel mehr wir an ihnen. Die Reisegruppe hatte keine Rast eingelegt, was nicht sonderlich verwunderlich war, immerhin hatten sie sich vorgenommen so weit wie möglich zu kommen, bis die Sonne unterging. Und dieser Zeitpunkt war jetzt erreicht. Der Himmel färbte sich bereits in ein Orange, welches sich mit dem Hauch von Rot und Rosa mischte, während die Sonne ihren Untergang hinter dem Zenit ankündigte.
Wir befanden uns in der Nähe eines lichteren Waldes, von dem mir Chen erzählt hatte, dass es wohl Zedern waren. Erstaunlich, wenn man bedachte, dass wenige Meter weiter weg noch Palmen unseren Weg geziert hatten. Hier im Magi-Universum schien wirklich nichts unmöglich zu sein und es hätte mich auch nicht gewundert, wenn wir nicht noch irgendwo an einem dichten Dschungel vorbeikamen, der förmlich danach schrie, dass man sich in ihm verirren und sein Ende finden sollte. Ein Glück schrie dieser Zedernwald nicht danach. Vielmehr schien er mir die perfekte Unterkunft für den Slenderman zu sein, weswegen ich dieses Wäldchen doch schon zweifelnd im Blick behielt.
Die Reisenden kamen zum Stillstand und sofort wurde es wieder geschäftig. Die Pferde wurden von den Wagen abgespannt, die Kamele etwas von ihrer Last erleichtert und einige der Diener entfernten sich mit großen Trinkschläuchen und einigen Eimern von dem Lager, welches Hand und Hand aufgebaut wurde. Jeder schien auch ohne Anweisungen zu wissen, was seine Aufgabe war und ich musste gestehen, dass ich mir verloren vorkam. Niemand sah mich böse an, als ich einfach nur meinen Blick umherstreifen ließ, niemand sagte mir, was ich tun sollte... ich stand einfach auf verlorenem Posten.
Wie hatte Cassius doch gesagt? Er honorierte jede helfende Hand. In Anbetracht der Tatsache, dass ich für meine Wegbegleitung zahlen musste, war die Aufstockung meines Startkapitals vielleicht nicht ganz so verkehrt. Sahen wir es realistisch, ich musste auch noch eine Schifffahrt bezahlen und eine Unterkunft in Sindria, bevor ich den ersten Job überhaupt bekam. Eine kleine Reserve zu haben, käme da nicht schlecht, auch wenn ich verfluchte, dass MEINE Reserve irgendwo in Sadiqs Haus vergammelte und nun wahrscheinlich von balbaddischen Soldaten beschlagnahmt wurde.
Die Frage war nur, wo meine helfende Hand gebraucht werden würde. Aufgrund meiner Schulter, sollte die Arbeit nicht zu anstrengend sein, aber auch nicht zu leicht, nicht das man letzten Endes dachte, dass ich mir nur die leichteste Arbeit herauspickte um mich vor körperlicher Tätigkeit zu drücken. Kochen kam damit nicht in Frage. Mit Sicherheit würde ich das noch früh genug tun, aber da ich in Balbadd fast meine ganze Zeit in der Küche verbracht hatte, wäre es doch mal eine Abwechslung, nicht unbedingt auf wehrloses Gemüse einzuhacken. Das Entladen der Kamele hingegen... war zu körperlich anstrengend. Mit Sicherheit würde meine Schulter darunter leiden. Die einzige Alternative, die mir also blieb, waren die Diener mit den Wasserschläuchen.
Ich sah nicht unweit von mir noch zwei Schläuche, schlaff und flach liegen, die ich mir schnappte und eilig in die Richtung der Diener lief, die ich zuvor weggehen sehen hatte. Auch wenn meine Erschöpfung groß war, so war die Angst, mich nun zu verlaufen oder sie aus dem Blick zu verlieren und dann auf verlorenen Posten dazustehen, doch schon groß.
„Panthea, warte, ich habe noch zwei Schläuche vergessen...“, hörte ich die Rufe einer weiblichen Stimme. Sicher von einen der Diener, die ich gehen sehen hatte.
„Schon wieder? Reicht es nicht schon, dass wir den Weg zweimal laufen müssen? Willst du ihn wirklich noch zwei weitere Male gehen?“
Es schien so, dass die zwei Wasserschläuche, die ich mir genommen hatte, wohl zu jenen vermissten gehörten.
„Wir wissen noch nicht einmal, wie weit es bis zum nächsten Fluss ist, oder ob wir vielleicht eine Quelle finden und du vergisst die Wasserschläuche. Ehrlich, Nel... Manchmal bin ich wirklich froh, dass dein Kopf angewachsen ist, den würdest du sonst auch noch vergessen.“
Meine Schritte wurden schneller, da ich den Stimmen immer näher kam und schließlich entdeckte ich sie. Zwei Personen, blond, fast identisch aussehend. Er trug zwei Stöcke mit jeweils zwei Eimern über seinen Schultern, sie hingegen trug drei Wasserschläuche. Augenscheinlich hätte er die anderen beiden ebenfalls tragen sollen.
„Wir können ja jetzt noch umkehren...“, merkte der Mann an und sah zu der Frau, die ihm, abgesehen von weicheren, feminineren Zügen, wie aus dem Gesicht geschnitten war.
„Das müsst ihr nicht!“, rief ich ihnen zu. Ich rannte nun fast, blieb aber vor ihnen stehen und sah, wie sie mich verwundert anblickten. Fast triumphierend hielt ich die Schläuche hoch und ich schwöre, ich konnte eine tiefe Erleichterung in den Gesichtern der Beiden sehen.

Nel und Panthea waren Geschwister. Biologische, zweieiige Zwillinge, die sich, so Panthea, glücklicherweise nur das Aussehen, nicht aber die Vergesslichkeit und den Charakter teilten. Panthea sah sich als die große Schwester, immerhin schien sie vor Nel auf die Welt gekommen zu sein. Er war etwas zerstreut, weswegen sie wohl die Verantwortung für seiner Fehler auf ihre Schultern nahm und sich bei mir für seine Schusseligkeit entschuldigte. Sie schien wohl zu glauben, dass ich wirklich bemerkt hatte, dass diese zwei Wasserschläuche vergessen worden waren und ich ihnen deswegen gefolgt war.
„Sei froh, dass Cassius das nicht bemerkt hat...“, murrte sie noch und lief einen Weg entlang, von dem ich nicht einmal wusste, ob sie wusste, wohin er führte. Nel antwortete nicht, was ich mehr dafür verbuchte, dass der Streit mit seiner Schwester ihm wirklich schon einiges an Nerven und vor allem Worte gekostet hatte.
„Muss man sich etwa vor Cassius fürchten, wenn man einen Fehler macht?“, fragte ich vorsichtig. Ich stellte mir den jungen Händler schon jetzt mit Peitsche und mürrischen Ausdruck im Gesicht vor, wie er Nel bestrafte, für seine Unachtsamkeit. Eine Vorstellung die mich fröstelte.
„Nein nein. Cassius ist... er ist eben Cassius. Keine Ahnung wie man ihn beschreiben soll. Aber du wirst ihn ja noch kennenlernen, immerhin bist du nun mit uns auf Reisen. Ich kann dir aber soviel verraten, mehr als dein Gehalt, weil du etwas Tongeschirr zerdeppert hast, wird er dir nicht kürzen. Und selbst dann ist das Leben noch lebenswert. Sonst würde Nel hier seinen Kopf nicht ständig woanders haben.“
Ein Brummen kam von Nel, mehr aber auch nicht, während Panthea versuchte mir irgendwie Cassius Art zu erklären. Damit konnte ich erneut eine Person auf meine Liste von Leuten setzen, aus denen ich wohl nie schlau werden würde. Nur ob er sich wie Sadiq und Assad einen Ehrenplatz sicherte, dass stand wohl noch in den Sternen geschrieben.
„Wie weit ist es noch?“, fragte Nel schließlich und seufzte. Ja, Nel schien eher der Typ zu sein, der seiner Schwester nachlief. Und sie, war der Typ, der das Kommando gab, wenn sie zu zweit waren. Darin zeigte sich wohl, dass sie die Ältere, wenn auch nur um ein paar Minuten, war.
„Hier ist sicher etwas in der Nähe. Schau dich um, sonst wäre es nicht so grün. Außerdem habe ich extra nach dem Weg gefragt bevor wir losgegangen sind.“
Daher also. Panthea hatte ihr Geheimnis für ihren zielsicheren Gang offenbart. Augenscheinlich gab es in der Gruppe jemanden, der entweder mit dem Gebiet vertraut war, was wohl auf den balbaddischen Händler zutraf, oder der mindestens eine Karte besaß, auf der eine Quelle oder ein Fluss verzeichnet war.
Mein Blick streifte umher. Außer etwas Flora und Felsen sah ich nichts bis... ich etwas glitzern sah. Zwar senkte sich die Sonne immer mehr, aber doch reichten ihre Strahlen bis zu einer Art Kuhle, in der es funkelte und glitzerte.
„Ist das eine Quelle?“, fragte ich die beiden und verwies auf die Stelle. Sofort sahen die beiden dorthin und ja, sie sahen wohl dasselbe wie ich, wussten aber mit größerer Sicherheit, dass dies genau das war, was wir suchten. Fantastisch.
„Füllen wir schnell die Schläuche und Eimer auf. Die anderen warten sicher schon. Nicht das sich noch jemand an den geheimen Weinvorräten zu schaffen macht.“
Ein breites Grinsen lag auf Pantheas Gesicht, welches von Nel mit einem noch breiteren erwidert wurde. Das musste ein Insider sein, den ich nicht verstand. Noch dazu, Weinvorräte? Ich hatte in keinen der Wagen Fässer oder dergleichen gesehen, wo sollten also diese geheimen Weinvorräte liegen?
Es war besser, ich fragte nicht danach. Am Ende wäre ich nur verstört über die Antwort und noch verstörendere Dinge als einen Mann mit Dreizack brauchte ich wohl nicht an diesem Tag. Stattdessen folgte ich den beiden Geschwistern zu der Quelle.
Sie war wirklich erstaunlich. Aus einem Spalt im Fels, plätscherte ein breites Rinnsal in die Kuhle, die gefüllt mit klaren Wasser war. Um diese Quelle herum sah ich sie, die Lichtvögel, die aufgeregt, fast schon freudig flatterten. Nicht, dass ich sie nicht immer sah, aber gerade hier, fügten sie sich auf eine magische Weise in das Bild ein, so dass es mir kurzzeitig den Atem verschlug und ich an Ort und Stelle zu verwurzeln schien.
Nur nebenbei bemerkte ich, wie Panthea in die Quelle stieg und zusammen mit den Schläuchen zu dem Rinnsal watete, um diese zu füllen. Die vollen, gut verschlossenen Schläuche, warf sie ihrem Bruder zu, der sie zielsicher fing und auf den Boden gleiten ließ. Er selbst stieg erst hinein, als auch die Schläuche, die sie mir aus der Hand genommen hatten, gefüllt waren und seine Schwester die Quelle verlassen hatte.
„Ah~ war das erfrischend~ Ich liebe es Wasser zu holen.“
Panthea setzte sich an den Rand der Quelle, wrang ihre Sachen aus und reckte sich. Sie wirkte auf einmal so frisch und munter, als hätte dieser Quell ihr erneut etwas mehr Leben geschenkt.
„Hey du!“
Ein Spritzer Wasser traf mich im Gesicht und riss mich aus meiner kurzzeitigen Paralyse. Mein Blick glitt zu Panthea, die mich breit angrinste und am Quellrand hockte, mit einer Hand im Wasser, in meine Richtung gewandt.
„Du scheinst auch eine Erfrischung gebrauchen zu können!“
Sie lachte, als sie mir einen Schwall Wasser erneut entgegen spritzte. Das Wasser war zwar nicht kalt, aber es war erfrischend auf der Haut und auf der Kleidung, die dadurch etwas durchweichte und meinen Körper vorgaukelte, dass etwas kühles auf die Haut getroffen war.
Dennoch duckte ich mich weg, denn in diesen Sachen musste ich auch noch schlafen, aller Wahrscheinlichkeit nach und wer wusste schon, ob die Nacht nicht kälter werden würde als der Tag. In der Wüste war dies zumindest so. Bitter warme Tage und eiskalte Nächte.
„Hör auf, Panthea, wir haben keine Zeit zum spielen. Es wird bald dunkel und ich will ehrlich nicht wissen, was aus diesen Büschen und Wäldern kommt.“
Nel hatte einen Eimer nach dem anderen gefüllt und watete mit dem letzten an den Rand. Er hievte diesen hinaus und setzte sich selbst mit einem Schwung daneben.
„Ist gut, ist gut...“ Panthea schien nicht viel von dessen Vorschlag zu halten, aber wahrscheinlich wusste sie auch, dass er Recht hatte. Und ich musste Nel zustimmen. Auch ich war nicht scharf darauf meine Horrorfantasien Wirklichkeit werden zu sehen. Ich war nicht so weit gekommen, nur um mich nun von einer Bestie zerreißen zu lassen. Da wäre mir Kouhas Schwert wirklich lieber gewesen, aber wie gesagt, ich war nicht schmerzpervers.

Panthea beäugte mich misstrauisch, als ich mir zwei der Wasserschläuche wirklich über die rechte Schulter geworfen hatte. Sie hingegen trug einen über der rechten und zwei über der linken Schulter. Damit hätte ich das Gleichgewicht besser verteilen können, doch die Schmerzen in meiner linken Schulter waren Zeuge davon, dass ich es besser nicht versuchte.
„Bist du sicher? Wenn du das noch nie gemacht hast, ist es besser, wenn du das Gewicht verteilst. Leg den Zweiten doch über deine linke Schulter.“
Ich winkte lächelnd ab, als Panthea mich erneut drauf aufmerksam machte, was wohl das klügste gewesen wäre. Ich wusste ja, dass sie Recht hatte. Aber nicht in meiner aktuellen Situation.
„Ich bin links ziemlich schwach auf der Schulter. Deswegen kann ich das nur mit Rechts tragen.“ Ihr misstrauischer Blick wich nicht, doch sie ließ mich machen. Wahrscheinlich wusste sie auch nicht, inwieweit meine Ausrede wahr war oder eben nur eine Ausrede.
Ich überlegte sogar kurzzeitig, ob ich den Schmerz nicht doch in Kauf nehmen sollte um nicht aufzufallen. Was sollte schon passieren? Die Verletzung war genäht, gut verbunden und damit versorgt. Sicher würde ein einzelner Wasserschlauch nicht dafür sorgen, dass mein Geschrei und Gegenwehr vom Vorabend umsonst gewesen war.
'Besser nichts riskieren... keiner darf es merken...', mahnte ich mich in Gedanken. Kein Klotz am Bein, keine Sonderbehandlung, dass war alles was ich wollte. Diesen Gedanken umklammerte ich imaginär, während ich die Last der zwei Schläuche unter großer Anstrengung zurück ins Lager trug. Ich jammerte nur innerlich, versuchte mir einzureden, dass es nicht schlimmer als sechs Eineinhalb-Liter Flaschen, die ich wirklich schon geschleppt hatte, in meiner Welt. Allerdings hatte ich da auch noch die linke Schulter besessen und mit Sicherheit waren mehr Liter in diesen Schläuchen.
'Nicht jammern, Panthea und Nel tragen doppelt soviel.' Es gab für mich wirklich keinen Grund zu jammern. Panthea war vom Körperbau immerhin genauso zierlich wie ich und trug einen dritten Schlauch. Schon seltsam. In dieser Welt waren alle Mädchen irgendwie stärker als ich und genau das gab mir allmählich zu denken. Wenn ich in dieser Welt überleben wollte, war es wohl besser, genauso stark zu werden. Die Frage war nur... Wie?

Ich war froh, als wir endlich im Lager waren und ich die zwei Schläuche ablegen konnte. Ich musste meine linke Hand, oder eher den linken Arm nur dazu benutzen um sie mir von der Schulter zu hieven und zu denen zu legen, die Panthea bereits abgestellt hatte. Erleichtert, weil nun auch meine rechte Schulter schmerzte, reckte ich mich. Eindeutig war Wasserschleppen auch nicht mein Traumjob, aber wahrscheinlich ein besserer als irgendwelche Säcke von den Kamelen zu laden.
Als ich mich umsah, erkannte ich, dass das Lager bereits fertig aufgebaut war. Zelte standen aufgebaut, ein Feuer prasselte munter und um eben jenes herum hatte man Sitzmöglichkeiten geschaffen. Auf dem Feuer selbst brodelte ein Topf mit etwas vor sich hin, was keinen Geruch verbreitete. Egal was es war, ich würde der Küche von Ameen nachtrauern. Oder den Sandwichs von Sadiq. Die Gedanken an meine erste Heimat hier überkamen mich plötzlich. Ich vermisste sie schon jetzt und das sogar mehr als meine eigentliche Welt. Wieso eigentlich? Wieso vermisste ich etwas, das mir nicht vertraut war, soviel mehr als meine vertraute Heimat? Oder hinderte mich etwas daran? Ich dachte kurz darüber nach, als ich auf das Lagerfeuer zuging.
Der Rest der Gruppe hatte bereits gemerkt, dass es nun Wasser gab und machte für uns verbliebenen noch Platz. Ich setzte mich neben dem Wächter mit dem Dreizack, immer noch in Gedanken versunken, oder viel mehr auf der Suche nach meinen Gefühlen für die reale Welt. Was war das? Warum vermisste ich sie nicht? Dort war meine Mutter, mein Vater, meine Freunde... Stattdessen vermisste ich eine irreale Stadt. Eine Stadt... die mir so viel gegeben hatte.
„Ihr seid gerade rechtzeitig gekommen. Das Essen ist gleich fertig.“
Vielleicht war ich abgestumpft? Oder meiner eigenen Welt überdrüssig geworden?
Ich muss gestehen, ich bekam nicht viel mit, was um mich herum passierte. Meine Gedanken waren wirklich gerade wo anders. Etwas, dass die Gesellschaft um mich herum augenscheinlich mitbekam, denn eine plötzliche Berührung ließ mich aus den Gedanken, kurz bevor ich eine Lösung für mich gefunden hatte, aufschrecken.
„Hier, du hast sicher auch Hunger.“ Iunia reichte mir eine Schüssel mit Brei, der wirklich alles andere als köstlich aussah. Das war wohl das geruchlose Zeug gewesen, welches in dem Topf vor sich her geköchelt hatte. Sicher, ich konnte auf einer Reise nicht gerade ein Sternemenü erwarten, aber irgendwie hatte ich doch etwas... genussvolleres erwartet. Dennoch, der Hunger wurde mir allmählich bewusst und wahrscheinlich würde dieser auch den Brei herunter würgen.
„Danke...“
Ich nahm mit der rechten Hand die Schüssel und wollte mit der linken den Löffel greifen. Doch diese wollte nicht auf meine Befehle reagieren, oder vielmehr waren meine Finger etwas taub, aufgrund des Schmerzes, der wieder sein grässliches Haupt erhob. Mal davon abgesehen, dass der Schmerz nie wirklich verschwunden, sondern immer nur durch Gespräche und andere Dinge in Vergessenheit geraten war. Ein seltsames Talent, welches ich entdeckt hatte, nachdem meine Operation an der Hüfte hin und wieder dafür gesorgt hatte, dass ich Schmerzen im Bein oder Knie hatte. Allerdings hatte mich diese Ignoranz nicht gelehrt, dass mein Körper seinen Dienst verwehren würde, so wie jetzt meine Hand, die nicht mehr vernünftig nach dem Löffel griff, wodurch dieser zu Boden fiel.
„Verdammt...“, fluchte ich leise und bewegte die linke Hand etwas. Langsam, mit jedem Mal, dass ich die Faust ballte, kam wieder Gefühl in die Hand und der zweite Versuch nach dem Löffel zu greifen, den mir der Wächter mit dem Dreizack dieses Mal reichte, war wesentlich erfolgreicher.
„Danke... Ich hatte wohl einen Krampf...“
Innerlich ohrfeigte ich mich, denn erneut belog ich Menschen, die gut zu mir waren. Es wurde unerträglich. Wie hatte Sadiq das nur durchgehalten, so oft zu lügen? Oder war er vielleicht abgestumpfter als ich gedacht hatte?
„Wieso eigentlich Sindria? Es gibt doch so viele näher gelegene Orte“, fragte der Kou-Händler.
Scheinbar hatte sich bereits herumgesprochen, wohin die Fremde wollte. Vielleicht lag die Hafenstadt Aza doch nicht auf dem Weg und Cassius hatte erklären müssen, weswegen sie einen Umweg machen mussten. Jedenfalls schienen selbst die Wachen neugierig zu sein, zumindest jener neben mir.
„Weibliche Intuition würde man wohl sagen. Ich hatte einige Orte in Aussicht. Quishan, Magnostadt und auch Kou. Allerdings war in Balbadd mein Blick immer aufs Meer gerichtet und meine Gedanken bei Sindria. Deswegen will ich dieses Königreich unbedingt besuchen und dort versuchen ein neues Leben anzufangen.“
Ich tunkte meinen Löffel in den Brei der wirklich sämiger war, als der Humus, den ich zum ersten Mal bei Ameen gegessen hatte. Irgendwie witzig, dass ich diesen Brei nun genauso misstrauisch beäugte wie eben jene erste Mahlzeit die ich in Balbadd eingenommen hatte. Damals hatte ich gelernt, dass Humus keine schlechte Sache war. Vielleicht traf dies auch auf diesen Brei zu.
„Iunia hat erzählt, dass du auch das erste Mal in Balbadd warst. Was hast du dort gemacht?“
Chen der bereits den halben Inhalt seiner Schüssel geleert hatte, sah mich neugierig an. Sicher, voneinander wussten sie mehr, zumindest ahnte ich das, denn das Verhältnis aller hier wirkte nicht so, als hätte man sich gerade ganz spontan kennengelernt. Wobei das doch eher wahrscheinlicher war.
„Ich habe in Assads Freudenhaus als Küchenhilfe und Geschichtenerzählerin gearbeitet. Unser Koch Ameen hat mir auch ein paar Sachen in der Küche beigebracht, auch wenn ich wohl noch Jahre davon entfernt bin, so gut zu sein wie er. Aber es hat Spaß gemacht, genauso das Geschichten erzählen. Die Mädchen und auch die Gäste waren immer so gespannt, was ich als nächstes erzählen würde. Es gab sogar ein Lied, das wollten die Mädchen immer wieder hören.“
In Erinnerung schwelgend, vergaß ich das Essen und erzählte von meiner Zeit im Freudenhaus. Auch wenn es seltsam war, von einem Ort zu schwärmen, der in meiner Welt dank seiner Vergangenheit so stigmatisiert war, dass nicht einmal Männer gestanden, wenn sie dort ihr Vergnügen bekamen. Hier hingegen, war alles anders. Vielleicht vermisste ich meine Heimat deswegen nicht.
„Dann solltest du vielleicht uns jeden Abend eine Geschichte erzählen“, erklärte der Händler aus Kou mit einem freundlichen Lächeln. „Auf Reisen kann es manchmal etwas eintönig werden, da sind Geschichten aus anderen Ländern eine willkommene Abwechslung.“
Bei diesem buntgemischten Haufen wunderte es mich doch, dass man von Eintönigkeit am Lagerfeuer sprach, immerhin waren hier zwei unterschiedliche Kaiserreiche versammelt. Jeder von ihnen hatte sicher seine eigenen Geschichten zu erzählen und die Abendmahlzeiten boten sich für solche Geschichten doch an.
„Aber erst nach dem Essen, sonst fällt sie uns noch vom Fleisch.“
Der Händler aus Balbadd hatte bemerkt, dass ich dank der Tatsache, dass ich Rede und Antwort stand, noch keinen einzigen Bissen zu mir genommen hatte. So konnte ich meinen Hunger natürlich nicht stillen. Die Anderen verstanden das und gingen stattdessen in Gespräche über, die darum gingen, was für Geschichten ich wohl erzählen würde. Ich schmunzelte und aß den Brei, der allerdings genauso geschmacklos war wie er roch. Wirklich nicht zu vergleichen mit Ameens Humus. Wahrscheinlich sollte er auch nicht sonderlich schmackhaft sein, sondern einfach nur den Hunger stillen und den Körper bei Kräften halten. Ein Blick durch die Gruppe zeigte mir allerdings, dass jeder scheinbar seine anderen Mittel und Wege hatte, den Brei doch noch etwas zu verbessern. Der Händler aus Kou und Hinata hatten sich von dem Obst genommen, welches zum Nachtisch gereicht wurde, und dieses in den Brei geworfen. Die Wachen hingegen schlangen ihn runter als wäre er Suppe. Nel und Panthea hatten irgendeine Flüssigkeit aus einem Flachmann reingeschüttelt, den Nel bei sich getragen hatte. Wahrscheinlich waren das Tropfen des geheimen Weinvorrates. Gewundert hätte es mich nicht mehr. Der Rest hingegen löffelte den Brei ohne einen Ausdruck in der Miene. Wenn es das nun jeden Abend gab... dann Prost Mahlzeit, ich würde schneller abnehmen als mir lieb war, denn meine Geschmacksnerven bevorzugten doch etwas nahrhafteres. Den Anfang wollte ich aber nicht unbedingt heute machen, weswegen, ich meine Schüssel vollständig leerte.

Das Obst hingegen war genießbar, mein kleines Highlight zu diesem Abendessen. Neben der Unterhaltung die die Reisenden selbst boten. Sie erzählten Witze oder gaben Anekdoten aus ihrer Jugend zum besten. Abgesehen von dem Händler aus Balbadd und Cassius. Beide schwiegen und saßen für sich über einigen Papieren. Ich hätte auf eine Händlerkrankheit getippt, wenn der Herr aus Kou dies ebenfalls getan hätte.
„Erenya, erzähl uns doch eine deiner Geschichten.“
Da das Essen offiziell beendet war, schien das Interesse an meinen Geschichten wieder gewachsen zu sein. Gestärkt war ich auch bereit dazu, zumal ich ja Wochenlang nichts anderes gemacht hatte, als jeden Abend Geschichten zu erzählen. Wenigstens diese Routine konnte ich mir auf dieser Reise noch erhalten.
„Also schön, dann erzähl ich euch eine Geschichte aus meiner Heimat. Sie handelt von zwei Waisenkindern die von einer Wölfin großgezogen wurden.“
Da ich hier vorwiegend unter Römern saß, war die Geschichte von Romulus und Remus doch schon sehr passend. Ich konnte mich noch daran erinnern, wie diese Geschichte im Geschichtsunterricht erzählt wurde, um die Gründung Roms zu erklären. Selbst in Liedern hatte sie ihren Platz gefunden und an sich war diese Geschichte wirklich schön und blutig zugleich. Sie hatte den leichten Hauch von der biblischen Kain und Abel-Erzählung, auch wenn hier die Gründe des Mordes weniger egoistisch waren.
Ich befand mich bei der Erzählung wieder vollständig in meinem Element und blühte dabei auf. Ich gab mein Bestes die Geschichte lebhaft zu erzählen, meine Zuhörer zu fesseln und ihnen damit einen Teil meiner Welt zu zeigen, die ihnen sonst verborgen geblieben wäre. Ich dachte mir nicht einmal etwas dabei, als sich der Wächter mit dem Dreizack etwas zu mir beugte und hielt es für eine dieser Gesten, die ich immer beim Fernsehen an den Tag legte, wenn ich etwas besonders aufregend fand. Dennoch rückte ich etwas von ihm weg, zu viel Nähe war dann doch nicht mein Fall.
„Und deswegen, weil Romulus seinen Bruder erschlug, herrschte er alleine über die Stadt, die sie zusammen gegründet hatten.“
Ich hatte den Mythos etwas ausgeschmückt, die blutigen Szenen aber gut genug abgeändert, so dass sich keiner über Albträume beschweren konnte.
„Eine Wölfin zieht zwei Menschenkinder groß? Irgendwie unglaubwürdig. Es ist doch wahrscheinlicher, dass die Wölfin beide gerissen hätte.“
Der Händler aus Balbadd schien trotz seinen Blicken in seine Papiere der Geschichte gelauscht zu haben und natürlich musste er gleich mit eiskalter Logik an diese ganze Sachen heran gehen. Doch mich kostete das nur ein kaltes Lächeln.
„Tiere sind wesentlich sensibler als man ihnen ansieht. Wölfe sind nicht einfach blutrünstige Bestien. Sie spüren, wenn ein Wesen in Not ist. Sie können darauf reagieren und sind ebenso zu Gefühlen fähig wie Menschen. Manchmal glaube ich sogar, dass sie wesentlich barmherziger sind. In vielen Geschichten werden Menschen von Tieren aufgezogen.“
„Du willst also sagen, dass Tiere allesamt barmherzige Wohltäter sind?“ Spott lag in der Stimme des balbaddischen Händlers, so als wollte er mir damit sagen, dass ich mich von Grund auf täuschte.
„Ich will damit nicht sagen, dass sie barmherzige Wohltäter sind, sondern... Die besseren Menschen. Es gibt bei Tieren kein Geld, welches sie verderben könnte. Sie leben auf eine natürlichere Weise und je nach ihrer Spezies teilen sie sich ihre Beute. Auch bei ihnen gibt es Hierarchien, aber sie gehen nicht auf Teufel komm raus über Leichen. Zum Beispiel in Balbadd... Ich hatte mich an einem Tag in die Slums verlaufen und gesehen, wie ein Adliger eine Frau geschlagen hatte, vermutliche eine Hure. Sie lag schon am Boden und er schlug weiter auf sie ein, obwohl sie vor Schmerzen schrie. Ist das wirklich der Umgang den wir Menschen miteinander pflegen sollten?“
Die ausgelassene Stimmung war schlagartig verstummt. Typisch, ich war gut darin die Stimmung zu töten.
„Verzeiht... ich muss etwas aus meinem Gepäck holen.“
Ich erhob mich von meinem Platz und ging zu dem Wagen, in dem mein Reisegepäck ruhte. Es dauerte auch nicht lange, da wurden wieder die Stimmen vom Lagerfeuer lauter. Scheinbar hatte meine Abwesenheit dafür gesorgt, dass jemand mutig genug das Thema gewechselt hatte und so die Stimmung wieder hochhob.
„Du solltest Iunia bitten, dass sie sich deine Verletzung ansieht.“
Auch wenn ich es nicht mitbekommen hatte, so war Cassius Stimme, die nicht unweit von mir erklang doch ein deutliches Zeichen dafür, dass er mir gefolgt war. Seine Worte allerdings verwunderten mich.
„Verletzung?“, fragte ich nach, wurde aber nervös, denn gerade von der sollte niemand in der Reisegruppe etwas wissen.
„Ich kann das Blut selbst bis hierher riechen. Und ich bin nicht der einzige, der es gerochen hat.“
Gerochen? Ich war wirklich ein klein wenig angewidert und entsetzt. Ich meine Blut hatte schon einen gewissen Eigengeruch, aber ich hatte noch nichts davon wahrgenommen. In einem Versuch unauffällig zu wirken, schnupperte ich aber in Richtung meiner Schulter. Nichts. Ich konnte keinen Blutgeruch ausmachen.
„Sag Iunia, dass nach der Verletzung sehen soll. Wir kommen auch nicht schneller voran, wenn jemand aus unserer Reisegruppe plötzlich krank wird.“
Ertappt wie ein kleines Kind errötete ich. Cassius hatte mich scheinbar sofort durchschaut. Weiter leugnen brachte da also nichts.
„Und hier... das ist für deine Arbeit heute.“
Cassius hielt mir seine Faust entgegen und wartete darauf, dass ich meine Hand hob. Unsicher, was mich erwartete, reichte ich sie ihm geöffnet und sah ein paar Münzen hineinfallen. Seltsam, denn sie fühlten sich nicht wie Dinar an und das Metall war leichter. Verwundert nahm ich eine Münze und blinzelte. Messing? Zahlte man hier nicht nur in Gold?
„Was? Glaubst du, das ist nicht genug?“
Nicht genug? Ich wusste nicht einmal wie viel Dinar oder diese Münzen wert waren. Woher sollte ich da wissen, ob es genug war oder nicht?
„N-Nein? Ich meine... wird schon passen...“ Wahrscheinlich hörte mir Cassius die Unsicherheit heraus, aber er fragte auch nicht weiter. Ich für meinen Teil würde später irgendwen fragen, wie viel Wert diese Münzen besaßen und ob ich mit diesen oder einigen mehr noch eine Überfahrt übers Meer nach Sindria bezahlen konnte.

Auch wenn es mir widerstrebte, hatte ich Iunia doch gefragt, ob sie sich meine Verletzung ansah. Allerdings nur unter der Bedingung, dass niemand anderes davon erfuhr, wahrscheinlich wussten es sowieso schon genug, und dass es eben nicht vor den Augen der anderen geschah. Es wunderte mich zwar, dass Cassius ausgerechnet darauf bestanden hatte, dass ich Iunia fragte, doch mir wurde schnell klar wieso.
„Die Naht ist glücklicherweise nicht vollständig aufgegangen, allerdings ist die Verletzung noch sehr frisch und du solltest die Schulter nicht zu sehr belasten“, erklärte Iunia, die Teile der aufgegangenen Wunde, erneut sauber vernäht hatte. Es ärgerte mich, dass ich schon wieder unter der Nadel hatte leiden müssen, allerdings kniff ich mir eine viel zu große Szene hier, immerhin sollte meine Verletzung bestmöglich geheim bleiben.
„Woher hast du eigentlich gelernt wie man eine Verletzung näht? Beherrscht man das schon, wenn man Stoffe zusammennähen kann?“
In der Tat war das eine Frage, die mich beschäftigte, immerhin hatte jemand aus Kouhas Gefolge auch soviel Talent besessen. Wahrscheinlich hätte ich in Werken doch besser aufgepasst beim Nähen, dann hätte ich mich auch selbst verarzten können, nur ob ich mich dass dann getraut hätte, wäre eine andere Frage gewesen.
„Das... In meiner Heimat Narpolia habe ich bei einem Arzt gearbeitet. Da konnte ich mir ein paar Dinge abschauen. Wie man sieht ist das doch recht nützlich.“ Sie lächelte traurig, als sie meinen Verband frisch machte und diesen so fest wie möglich zog. Ein kurzes Ziepen durchfuhr dabei meine Schulter, es schwand aber auch schnell wieder und zurück blieb nur das wohltuende Gefühl, als der Schmerz abklang.
„Du warst also eine Arzthelferin? Dabei scheinst du noch ziemlich jung zu sein, wie bist du dazu gekommen?“
Iunias Körper versteifte, als sie die Frage über ihre Vergangenheit vernahm. Seltsam. Vor allem, wie war sie dann zu Cassius gekommen, wenn sie doch schon Assistentin bei einem Arzt gewesen war? Sicher verdiente man dort besser als hier und begab sich nicht so oft in Gefahr, als wenn man durchs Land reiste und nicht nur wilden Tieren sondern auch noch dem Gesindel der Unterwelt ausgesetzt war.
„Das ist doch nicht wichtig. Was zählt ist das hier und jetzt.“
Abgewürgt. Sie schien nicht darüber reden zu wollen, blieb aber weiterhin freundlich, statt einfach zu sagen „Tut mir leid, aber darüber rede ich nicht gerne.“ Nun gut, verübeln konnte ich ihr das nicht. Immerhin hatte jeder Mensch so seine Geheimnisse. Assad, Sadiq, Iunia und auch ich. Warum also weiter bohren, wen man selbst nicht ehrlich sein konnte?
„Verstehe... Dann freuen ich mich, dass du mir im hier und jetzt etwas geholfen hast, danke.“
Ich schlüpfte wieder in meine Sachen und streifte diese glatt. Der Abend war wirklich warm. Dabei hatte ich gedacht, dass die Nächte kühler sein würden. Dennoch zog ich auch die lange Kleidung wieder an. Nicht dass die Sonne früh aufging und ich schlafend verbrutzelte. Das musste nun wirklich nicht sein. Eine lädierte Schulter reichte vollkommen.
„Wir sollten zurück zu den anderen gehen, es ist bald Schlafenszeit.“

Als Cassius davon gesprochen hatte, dass ich auch für die Unterbringung bezahlen sollte, hatte ich ja eher damit gerechnet, dass ich in einem Zelt schlafen konnte. Stattdessen hatte dieser Bastard mir nur eine Decke in die Hand gedrückt und gemeint, dass ich mich dort niederlassen konnte, wo noch Platz sei. Es standen zwar Zelte da, aber es waren nur drei an der Zahl. Eines für den Händler aus Kou, eines für den aus Balbadd und eines für... ursprünglich wohl für Cassius, stattdessen hatte sich dessen Hauslehrer darin breit gemacht. Cassius selbst hatte sich nahe am Feuer einen Platz gesichert, ebenfalls nur unter einer Decke, mit einem flachen Stein, wenn ich es im Dunkeln richtig gesehen hatte, als Kissen. Immerhin das musste man ihm zu Gute halten, er verlangte von seinen Dienern nichts, was er nicht auch tat. So fiel es selbst mir leichter damit zu leben, dass ich wohl nicht in einem sicheren Zelt schlafen würde. Vielleicht war es auch nicht so schlecht unter dem Sternenhimmel zu schlafen. Ich meine, es war warm, kein Nebelwölkchen war zu sehen und diese Ruhe war einfach unglaublich.
Irgendwo zwischen Panthea und Iunia hatte ich mich niedergelassen, nachdem ich meine Tasche geholt und diese kurzerhand zum Kopfkissen umfunktioniert hatte. Die Sachen die darin waren, waren allesamt weich genug und die Decke, welche ich von Cassius bekommen hatte, war immerhin aus einem Stoff gemacht, der mir zur Not auch noch ein wenig gewärmt hätte. Auf dem Rücken liegend, starrte ich in den Himmel und ließ diesen Tag noch einmal Revue passieren. Die Stille gab mir die Gelegenheit dazu.
Ich hatte Kouha alles von mir erzählt, ich hatte das Freudenhaus verlassen, ich hatte Balbadd verlassen. Sadiq und Assad hatte ich beide nicht verabschieden können... Die Nebelband war hinter mir her, die Soldaten Balbadds wohl auch, was ich dem Mistkerl Sadiq verdankte... Seltsam. Innerhalb einer Nacht, hatte ich soviel verloren.
Ein lautes Schnarchen durchbrach meine Gedanken, ein Schnarchen, welches gefolgt von einem schläfrigen Schmerzensschrei war.
„Schnarch nicht so laut, Chen...“
„Tue ich gar nicht...“
Ich setzte mich etwas auf und sah in die Richtung wo Chen und Hinata lagen. Sie schliefen seelenruhig. Selbst im Traum stritten sie wie ein altes Ehepaar, einfach unglaublich. Dabei kam das Schnarchen nicht einmal von Chen, sondern von Nel, der ganze Regenwälder damit abgeholzt hätte.
Am Feuer saß der Wachmann mit dem Dreizack, der mit einem Messer über irgendetwas schabte. Wahrscheinlich Holz. Schnitzte er etwa während seiner Schicht? Der musste ja die Ruhe weg haben.
„Cassius... hört zu...“, kam es aus dem Zelt des Hauslehrers, scheinbar unterrichtete er selbst in seinen Träumen noch den jungen Händler. Vielleicht war das doch ein Nerven aufreibender Job.
Irgendwo aus Wäldchen hallte das Zirpen einer Grille, die Pferde scharrten mit den Hufen am Boden und...
Verdammt wer sollte bei diesem Lärm schlafen? Ich ließ mich zurück fallen und seufzte. Mal davon abgesehen, dass ich auf harten Boden eh nicht schlafen konnte, ich konnte das nicht einmal auf der Couch meiner Mutter, würde mich dieser Lärm um einiges an kostbaren Stunden des Schlafes berauben. Selbst ein Zelt hätte diese Lärmbelästigung nicht gedämmt. Ich seufzte und schloss die Augen, hoffend, dass mich das Sandmännchen doch irgendwie betäuben würde, bevor ich in den Wald lief und diese gottverdammte Grille umbrachte.


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So und damit haben wir die erste  Nacht. Slenderman scheint nicht aufzutauchen, die verdammte Grille zirpt immer noch und ich weiß nicht, was ich von Cassius halten soll. Perfekte Voraussetzungen für eine gute Zusammenarbeit, oder?

Ich bin echt gespannt wie es weitergeht.
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