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Spooks - Zusammenführung

von Barb Ara
Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P18 / MaleSlash
Adam Carter Lucas North Tom Quinn
26.05.2015
24.06.2015
22
57.596
2
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26.05.2015 3.601
 
Erläuterung:
Eigentlich sollte das eine Geschichte geben, in denen die drei grossen Agenten des MI5 (Tom Quinn, Adam Carter und Lukas North) zusammen einen Fall lösen. Leider hat sich ihr Zusammentreffen ein wenig verzögert (Lukas Entlassung kommt erst in Kapitel 20), so dass sie erst in der nächsten Geschichte dazu kommen, ihr gesammeltes Wissen, ihre Erfahrung und ihre bedingungsloser Einsatz, gemeinsam zur Rettung der Nation unter Beweis stellen zu können.


01 Tom Quinn

Einige Wochen nach dem Rauswurf von Tom Quinn beim MI5 (Serie 3x02).

Obwohl es später Nachmittag war, waren die Läden bei Tom immer noch geschlossen. In einer Trainingshose hing er auf dem Sofa und blätterte lustlos in einer Zeitung, die ihn schon vor drei Tagen nicht interessiert hatte, als sie noch frisch war. Seit dann hatte er sich nicht die Mühe gemacht zur Türe zu gehen, wo die Post und die frischen Zeitungen sich zu seinem kleinen Berg angesammelt hatten. Im Hintergrund plärrte der Fernseher ohne dass Tom ihn zur Kenntnis nahm und in der Spüle in der Küche stapelte sich dreckiges Geschirr.

Tom hatte sich nie viel aus Alkohol gemacht. Sonst würden jetzt wahrscheinlich unzählige Bierdosen oder eher Whiskey Flaschen herum liegen. Am ersten Abend hatte er sich betrunken. Nicht sinnlos, denn es gab ja durchaus einen Grund. Schliesslich wird man nicht jeden Tag bei Five rausgeworfen. Aber am anderen Tag hatte er nur einen schmerzenden Kopf und eine pelzige Zunge gehabt. Daher hatte er beschloss, dass mit dem Saufen besser gleich wieder sein zu lassen.

Also gab er sich dem Blues nüchtern hin. Machte den ganzen Tag lang nichts, um sich dann nachts im Bett von einer Seite auf die Andere zu wälzen, weil der Schlaf nicht kommen wollte. Dann grübelte er darüber nach, was alles schief gelaufen war.

Wann er dann doch endlich einschlief, plagten ihn Albträume. Meist erwachte er dann von seinen eigenen Schreien, schweissnass, zitternd und mit rasendem Herz. Danach war an Schlafen meist auch nicht mehr zu denken. Kein Wunder hatte er den Tag durch keine Kraft und keine Lust für gar nichts.

Von Christine Dale hatte er nichts mehr gehört. Das betrübte ihn fast am Meisten. Er hatte sie wirklich geliebt. Es war so einfach gewesen mit ihr und natürlich auch so kompliziert. Mit jemand vom CIA zu gehen, hatte Harry Pearce im Kreis springen lassen.

Natürlich hat es viele Sachen gegeben, über die er nicht mit ihr reden durfte. Sie hatte das verstanden, schliesslich war sie in der genau gleichen Situation. Aber einfach jemand zu haben, der wusste wie stressig es war Fieldagent zu sein. Dass es da keine geregelten Arbeitszeiten gab. Dass es da Geheimnisse gab. Er wünschte sich, sie hätten eine zweite Chance bekommen. Aber im Leben gab es nur selten zweite Chancen.

Trübsinnig blickte er aus dem Fenster in den Londoner Nebel hinaus. Was sollte er jetzt mit seinem Leben anfangen?

Als in dieser Stimmung die Türglocke klingelt, interessierte das Tom nicht. Warum aufstehen? Es gab ja eh nichts für ihn zu tun. Er fühlte sich alt und verbraucht, antriebslos.

Der MI5 war sein Leben gewesen. Er war gerne Agent gewesen. Dem Vaterland dienen, wie es so schön heisst. Das waren für ihn keine leeren Worte. Agent zu sein, war kein Beruf, sondern Berufung für ihn gewesen. Darin war er gut. Und um ehrlich zu sein, etwas anderes konnte er gar nicht. Was er jetzt mit seinem Leben anfangen sollte, war ihm schlicht schleierhaft.

Die Türglocke wurde inzwischen permanent gedrückt. 'Was soll das?', fragte Tom sich genervt und schleppte sich mühsam zur Türe. Wobei er erst einmal mit dem Fuss den Berg mit der Post und den Zeitungen zu Seite schieben musste, um diese überhaupt aufzukriegen.

Er öffnete die Tür nur einen Spalt, ohne die Kette zu lösen und schaute hinaus. Als er zwei Militärpolizisten draussen stehen sah, schluckte er leer. Seine aktive Dienstzeit war schon eine Weile her, aber als Offizier der Reserve musste er alle drei Jahre in einen Auffrischungskurs. Der war jedoch erst letztes Jahr gewesen. Ausser das Militär hätte ihm den nicht angerechnet, weil er ja eigentlich für MI5 am ermitteln war.

Er warf einen Blick auf den Stapel von ungeöffneter Post. Ob sich darunter ein Einrückungsbefehl befand, den er noch nicht geöffnet hatte?

„Sie wünschen?“, fragte Tom und merkte wie seine Stimme kratzte, weil er sie seit Tagen nicht mehr benutzt hatte.

„Leutnant Tom Quinn?“, fragte einer der Soldaten.

„Ja, der bin ich. Um was geht es denn?“

„Sie müssen mit uns mitkommen, Sir“ sagte der Kleinere und reichte ihm einen Brief durch den Spalt.

Tom nahm ihn entgegen und öffnete ihn. Da stand nur, dass er sich umgehend bei einer Militärdienststelle, die im so spontan nichts sagte, melden musste. Ein Grund war nicht angegeben.
Er sah auf die beiden MPs. Wahrscheinlich wussten die auch nichts. Die hatten nur die Orden ihn mitzubringen.

Fieberhaft überlegte sich Tom, was das wohl zu bedeuten hatte. Aber es kam ihm keine passende Erklärung in den Sinn. Immerhin wollten sie ihn nur abholen und nicht gleich verhaften. So schlimm stand es also nicht um ihn. Auf der anderen Seite steht die Militärpolizei ja nicht jeden Tag im eigenen Garten und will einen mitnehmen.

„Wollen Sie dem Befehl Folge leisten, Sir?“, fragte nun der Grössere der Beiden.

Tom nickte ergeben. Sich zu weigern hätte nur einen Haufen Ärger und endlosen Papierkram mit der Verwaltung eingebracht. Ausserdem bestand die Gefahr, dass sie Beiden dann mit einem Haftbefehl wieder kamen.

„Dann empfehlen wir ihnen, ihre Uniform anzuziehen, Sir“ sagte jetzt wieder der Kleiner und schob noch nach: „Eine Rasur würde auch nichts schaden, falls sie mir diese Bemerkung erlauben.“

„Ich erlaube“, er strich sich dabei über Kinn, das seit Tagen schon keinen Rasierer mehr gesehen hat. „Es wird aber eine Weile dauern, bis ich Militär tauglich aussehe. Sie dürfen gerne drin warten.“ Er fummelte an der Kette herum, brauchte aber einen Moment bis er sie endlich ab hatte und die Türe ganz öffnen konnte. Er liess die Beiden eintreten.

„Setzen sie sich irgendwo hin oder stehen sie sich die Beine in den Bauch, ganz wie es ihnen gefällt“, sagte Tom zu ihnen, während er im Obergeschoss verschwand. Zuerst holte Tom seine Uniform hervor und bügelt sie frisch auf. Dann verschwand er unter der Dusche. Wobei er sich ausführlich Zeit lies. Wer weiss, wann er wieder alleine unter einer Dusche stehen konnte, falls die ihn wirklich zum einrücken brachten.

Wobei Tom den Gedanken gleich wieder verwarf. Wenn er einrücken müsste, hätte Ort und Dauer des Dienstes auf dem Befehl stehen müssen. Er überlegte sich, ob er sein Gepäck mitnehmen sollte. Aber auch davon stand ja nichts im Befehl. Er schüttelte den Kopf, er konnte sich wirklich nicht erklären, was das soll.

Als er eine gute Weile später frisch rasiert, in seiner Uniform die Treppe herunter kam, standen die beiden MP‘s immer noch an derselben Stelle. Alles andere hätte Tom auch gewundert.

Fast zwei Stunden lang, fuhren sie schweigend. Tom hatte keine Ahnung wo es hinging, aber es war ihm auch so was von egal. Als sie endlich bei einem Checkpoint hielten, las Tom auf einer grossen Tafel Goverment Commuications Headquarters (GCHQ). 'Was um alles in der Welt soll ich denn hier?', fragte sich Tom. Die beiden MP‘s gaben immer noch keine Erklärung ab, sondern eskortierten ihn durch unzählige Gänge an sein Ziel.

Colonel Mac Alistar stand auf der Glastür, an der sie dann anklopften. Auf ein scharfes: „Herein!“, betraten sie einen kleinen Raum, der mit Aktien überfüllt war und irgendwie gar nicht zur üblichen Militärordnung passte.

„Leutnant Tom Quinn, wie befohlen zur Stelle“, meldete der Grössere der MP‘s, während alle drei stramm standen.

„Ist gut, danke und wegtreten.“ Die Beiden machten kehrt und verliessen den Raum.

„Tom Quinn?“, vergewisserte sich der Colonel noch einmal, obwohl er ja gerade so angekündigt worden war. Dabei stand er auf und kam um den Schreibtisch herum. Obwohl er schon runzlige Haut und graue Haarte hatte, waren seine kleinen Augen sehr flink und sahen ihn prüfend an.

Tom schüttelte die Hand, die er ihm hinhielt. Was ihm auch sehr komisch vor kam. Schliesslich gehörte das Händeschütteln nicht zur üblichen militärischen Begrüssung.

„Bitte setzten sie sich“, sagte er und zeigte auf einen der beiden Besucherstühle, während er selber auf der Kante des Schreibtisches Platz nahm. Tom kam aus dem Staunen nicht mehr heraus. Gespannt blickte der den Vorgesetzten an.

„Sicher wundern sie sich, warum sie hier sind und was sie im GCHQ überhaupt sollen. Ich bin Colonel Mac Alistar und bei der Militärische Spionageabwehr für die Personalrekrutierung verantwortlich. Wie sie sich sicher denken können, hat der MSA, wie die anderen Geheimdienste auch, Probleme wirklich begabte Männer und Frauen zu finden. Der Job ist gefährlich, die Arbeitsstunden horrend und das Gehalt im Vergleich dazu spärlich. Aber wem erzähle ich das?“, erwartungsvoll sah er Tom an.

Tom nickte: „Ja, ich kann mir vorstellen, dass sie keinen einfachen Job haben.“ Noch immer hatte er keine Ahnung, was er hier sollte.

„Wie ich höre, hat Harry Pearce sie ausbrennen lassen und als ihr Feuer erloschen war, hat er sie weg geworfen wie eine unnütz gewordene Glühbirne.“

„Das ist vielleicht ein bisschen drastisch formuliert, aber kann man so sage.“

„England kann es sich nicht leisten Leute wie sie, mit ihrem Patriotismus, ihrer Ausbildung und ihrer unschätzbaren Erfahrung einfach weg zu werfen. Daher will ich sie für unseren Dienst begeistern.“

„Wie sie schon sagten Sir, ich bin ausgebrannt, für nichts mehr zu gebrauchen, gerade noch gut genug für den Müll.“

Der Colonel schlug so heftig auf den Tisch, dass Tom zusammenzuckte: „Das ist nur so, wenn sie es zulassen. Wir hier beim MSA glauben an sie. Wir sind bereit Geld in ihre Regeneration zu investieren, damit sie wieder auf die Höhe kommen.“

Eine Weile lang schwiegen die beiden Männer. Man konnte förmlich sehen, wie es in Toms Kopf ratterte. Hier tat sich für ihn auf einmal eine ungeahnte Möglichkeit auf. Wieder fürs Vaterland zu arbeiten. Wenn möglich sogar als Fieldagent. Wobei er keinen blassen hatte, was der MSA überhaupt machte und ob es da überhaupt Fieldagenten gab.

„Hören Sie zu“, fuhr der Colonel fort: „Ich habe da einen genialen Mann an der Hand. Doktor der  Psychologie und Soziologie, Traumataloge und  Profiler. Die letzten fünf Jahre hat er sagenhafte Erfolge mit seinen Täterprofilen bei New Scotland Yard gehabt. Seit einem halben Jahr ist er bei uns und kann leider nicht an seine früheren Erfolge anknüpfen. Irgendwie scheinen Agenten und Terroristen anders zu ticken, als gewöhnliche Serienkiller.“

Mac Alistar machte eine kurze Pause, bevor er fortfuhr: „Der Deal ist folgender. Sie ziehen für ein paar Monate zu ihm. Keine Angst, das ist keine Klinik, sondern zu ihm privat. Drei Monate, sechs, ein ganze Jahr. Egal wie lange es dauert, bis sie wieder voll der Alte sind. Im Gegenzug helfen sie ihm, sich in die Welt der Agenten einzuarbeiten. Das ist eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Was denken sie?“

„So spontan, hört sich das verlockend an.“

„Natürlich müssen sie erst ein, zwei Nächte drüber schlafen. Das verstehe ich. Hier noch  ein paar Fakten, die sie in ihre Überlegung einbeziehen sollten. Die MSA übernimmt sämtliche Kosten während dieser Zeit, sie bekommen neben ihrer Pension vom MI5 ihren normales Leutnant Sold und wenn sie wieder gesund und belastbar sind, können sie sich so gut wie jeden Job bei der MSA aussuchen.“

Wieder schwiegen sich die Männer eine Weile lang an.

„Hier ist meine Karte. Rufen sie mich an, falls sie noch Fragen haben.“

„Nun, eine Frage hätte ich in der Tat noch“, sagte Tom: „Wo finde ich ihren Wunderknaben?“

Mac Alistar strahlte: „Das gefällt mir, Junge, das gefällt mir. Ich hoffe ihr Deutsch ist nicht zu fest eingerostet.“

Verwirrt blickte Tom den Colonel an.

„Der gute Doc wohnt und arbeitet an der Deutsch-Österreichischen Grenze. Wie gesagt, es ist nicht einfach gutes Personal zu kriegen, da muss man zwischendurch auf Sonderwünsche eingehen. Für seine Arbeit ist eine Anwesenheit vor Ort nicht nötig und im heutigen Internetzeitalter... Homeoffice nennt sich das auf Neudeutsch.  Das ist doch hoffentlich kein Problem für sie?“

„Nein, das geht schon in Ordnung. Es kann ja nichts schaden, mal eine Weile dem dauernden Londoner Nebel zu entfliehen.“

„Wenn es ihnen recht ist, dann wird jemand von uns ab und zu bei ihrem Haus nach dem Rechten sehen und ihnen ihre Post nachsenden, da eine offizielle Postumleitung nicht in Frage kommt, da der Ort geheim bleiben muss. Sagen sie einfach allen, dass sie einige Wochen Ferien in den Alpen machen.“

„So viele Leute muss ich über meine Abwesenheit nicht informieren und meine Eltern sind es sich gewohnt, wenn sie mal ein paar Wochen nichts von mir hören“, er überlegte kurz, aber es fiel ihm niemanden ein, den er sonst benachrichtigen müsste.

„Ein typisches Agenten Leben eben. Ich hoffe, dass sie beim MSA dann genügend Freizeit haben werden, um ein paar Freundschaften zu pflegen“, sagte der Colonel mit ernster Miene.

Tom lächelte gequält. Auf einmal war die Euphorie die er vorher beim Angebot des Colonel gespürt hatte verflogen und sein Blues machte sich wieder bemerkbar. Der Colonel, dem das nicht entgangen war, klopfte ihm aufmunternd auf die Schulter.

„Hier habe ich eine kurze Checkliste“, er reichte Tom ein Blatt, „was sie noch alles vor ihrer Abreise organisieren müssen. Einen gültigen Reisepass haben sie?“

„Ja, der sollte noch gültig sein“, nickte Tom, während er die Checkliste überflog. Fragend sah er den Colonel an.

„Es ist mir durchaus klar, dass sie auch schon längere Zeit abwesend waren und wissen was zu tun ist. Es ist nur so, dass sie das alles in, sagen wir mal drei Tagen, erledigen müssen. Da ist es doch hilfreich, wenn in der Hetze nichts vergessen geht. Meinen sie, dass sie bis Donnerstagabend alles auf die Reihe kriegen?“

Schnell überflog Tom nochmals die Liste und nickte.

„Gut, dann ist Freitagmorgen ihr Abreisetag. Die MP wird sie abholen, sagen wir vor dem Morgenverkehr, um fünf Uhr früh?“

Tom schluckte einmal leer. Er hatte zwar kein Problem damit am Morgen früh auf zu stehen, aber die letzten Wochen war er nie vor dem Mittag aus dem Bett gekommen. Aber immerhin hatte er ja jetzt wieder ein Ziel. „Ja, fünf Uhr ist in Ordnung.“

„Bis dann weiss ich wie ich sie nach Deutschland bringe. Wahrscheinlich mit einer Frachtmaschine über die Ramstein Air Base. Den Marschbefehl und die Reiseunterlagen bekommen sie dann von der MP. Ich werde auf jeden Fall veranlassen, dass sie dann vor Ort abgeholt werden. Bis Zielflughafen Deutschland tragen sie Uniform, danach zivil, wie auch den ganzen Rest des Aufenthalts.“

„Noch etwas zur Sache mit dem Arztgeheimnis“, erklärte der Colonel: „Ich weiss ja nicht wie das beim MI5 gehandhabt wird, aber ich will, dass da Klarheit herrscht, wie es bei uns läuft. Was sie dem Doc sagen, das gibt er nicht weiter. Das kommt nicht in ihre Akten. Das ist alles vertraulich. Das Einzige was in ihre Aktien kommt und was er mir auch periodisch weiter gibt, ist der Befund. Also wie es ihnen geht, welche Verbesserungen er fest stellt, wie er ihre Einsatzfähigkeit einschätzt.“  

Er schwieg einen Moment bevor er weiter fuhr: „Es ist mir wichtig, dass sie das wissen. Viele Agenten sagen ja beim Abteilungspsychologen nichts, weil sie Angst haben, dass es am Schluss auf dem Pult vom Chef landet. Das gibt es bei uns nicht.“

Darüber hatte sich Tom noch gar keine Gedanken gemacht. Aber die währen ihm dann wohl spätestens bei Beginn der Behandlung gekommen.

Der Colonel ging ums Pult herum und wühlte noch ein weiteres Blatt hervor, dass er Tom rüber reichte: „Hier noch eine Liste mit was sie alles einrücken müssen.“

Tom nahm es entgegen und überflog es: „Sie denken wohl, dass ich nichts mehr auf die Reihe kriege.“

„Ich denke, dass sie ein Mann sind, der sich hart für unser Land eingesetzt hat und jetzt ziemlich ausgebrannt ist. Darum will ich sie unterstützen. Darum kriegen sie von mir eine Packliste. Oder wollen sie mir allen Ernstes erzählen, dass sie das sonst alles in drei Tage auf die Reihe kriegen?“

Beschämt blickte Tom zu Boden. Er wusste, dass der Colonel recht hatte. Er würde wirklich  Probleme haben, das alles zu erledigen. Aber er würde sich am Riemen reissen, dann ging das.

„Es ist ja nicht so, dass sie sich in ihrer Situation einfach am Riemen reissen können“, der Colonel schien Toms Gedanken zu ahnen, „wenn man das mit purer Willenskraft hinkriegen könnte, dann wären sie jetzt immer noch beim MI5. Eine leere Autobatterie kriegen sie auch nicht durch Willenskraft wieder zum Laufen. Genauso müssen sie ihren Akku wieder auffüllen. Ich bin davon überzeugt, dass ich sie dafür zum besten 'Mechaniker' schicken kann, der das Königreich zu bieten hat.“

Er machte eine kurze Pause bevor er fortfuhr: „Falls sie das Gefühl haben, dass sie es nicht schaffen. Falls sie bei irgendetwas Unterstützung benötigen, dann rufen sie mich an. Zu jeder Tages- oder Nachtzeit. Dann bekommen sie Hilfe. Ich habe ihnen gesagt, dass ich an sie glaube und dass ich in sie investiere. Wenn sie wollen, kann ich ihnen auch einen Adjutanten abstellen, der ihnen zur Hand geht.“

Er blickte Tom ernst an. Tom schwankte hin und her. Einerseits liess es sein Stolz nicht zu zuzugeben, dass er dermassen am Boden zerstört war, dass er nicht einmal seine Abreise organisieren konnte. Andererseits wusste er nicht, wie er allein alles in drei Tagen bewältigen könnte.

Der Colonel kam wieder um den Schreibtisch herum, setzte sich auf die Kante und legte Tom die Hand auf die Schulter: „Ich sage ihnen jetzt die Zauberform, um nie wieder in eine Situation wie diese zu geraten. Erstens: Erkennen, dass man Hilfe benötigt. Zweitens: Nach Hilfe fragen. Drittens: Die Hilfe auch annehmen. Wenn sie diese drei Dinge beherzige, werden sie nie wieder ein Burnout haben, glauben sie mir, ich weiss wovon ich spreche.“

Offensichtlich hatte sich der Colonel einmal in einer ähnlichen Lage befunden. Das machte Tom Mut, wenn er sah, wie agil und gesund der Colonel aussah.

„Also abgemacht, morgen früh kommt Adjutant Jones vorbei. Ich denke, es reicht, wenn er um acht Uhr kommt.“

Dankbar nickte Tom.

„Gut, gut. Meine Karte haben sie, wenn irgendwas ist, zögern sie nicht mich anzurufen. Egal ob hier in London oder dann aus Deutschland. Packen sie die beiden Checklisten ein und geben sie sie morgen Jones. Die beiden MP werden sie jetzt wieder nach Hause bringen.“

Die Beiden standen auf und gaben sie sich die Hände. Einen Moment lang schauten sie sich schweigend an.

„Denken sie immer daran, der MSA glaubt an sie. Ich glaube an sie. Sie haben alles für ihr Land gegeben und jetzt ist es Zeit, dass das Land ihnen etwas zurück gibt. Ich wünsche ihnen viel Glück auf ihrem Weg zurück ins Leben.“

Die nächsten drei Tage vergingen wie im Flug und Tom hätte wirklich nicht gewusst, wie er das ohne die tatkräftige Unterstützung von Jones geschafft hätte.  

Tom wusste nicht, was man dem Adjutanten gesagt hatte, aber dieser stellte seinen Auftrag nicht in Frage, einem Offizier beim Packen zu helfen.

Am Donnerstagmorgen kam eine ältere Frau vorbei, welche sich in seiner Abwesenheit um Haus und Post kümmern würde. Tom zeigte ihr alles und übergab ihr einen Schlüssel, sowie eine Liste mit Handwerkern, für den Notfall.

Da das Haus ihm gehörte, würde in der Zeit keine Miete anfallen und wenn er es nicht bewohnte, gab es auch keine Strom- und Wasserkosten, so dass sich die Nebenkosten niedrig halten würden.

Als er das Haus kaufte, hatte er noch den Lohn als Abteilungsleiter vom Five. Das war zwar kein Vermögen, aber gegenüber seiner jetzigen Rente, geradezu fürstlich. Wenn er in der Zeit, wo er in Deutschland war, ein wenig Geld auf die Seite legen konnte, dann hatte der nach seiner Rückkehr wenigstens wieder eine grössere finanzielle Reserve, falls das mit dem Job beim MSA doch  nichts wurde.

Wie abgemacht, standen am Freitagmorgen um fünf Uhr in der Früh zwei MP vor seiner Türe, um ihn abzuholen. Zu seiner Freude, musste er nicht mit einer Frachtmaschine vorlieb nehmen, sondern konnte auf einem Ambulanzflugzeug mitfliegen. Was einiges mehr an Komfort bot. Ausserdem konnte er mit den Beiden Sanitätern die an Bord waren Karten spielen und sich so die Zeit vertreiben.

Etwas verloren stand er zwei Stunden später in der Ramstein Air Base herum. Er war weit und breit der Einzige in britischer Uniform und kam sich ziemlich deplatziert vor, unter all den Amerikanern. Auf einmal kam ein junger Leutnant auf ihn zugerannt.

„Leutnant Quinn?“, fragte er atemlos, „entschuldigen sie die Verspätung, man hat mich erst jetzt darüber informiert, dass ihr Flug schon gelandet ist. Ich bin Leutnant Stone, ihr Verbindungsoffizier.“

„Verbindungsoffizier?“

„Ja. Na ja, eigentlich muss ich sie einfach zum Ausgang bringen, aber sie wissen ja, wie die Bürokraten so sind. Ich nehme an, das ist bei euch teilweise auch so unsinnig kompliziert.“

Tom nickte, die direkte Art des Amis gefiel ihm. Er hatte sich auch ohne zu Fragen seinen Rucksack geschnappt, so dass er nur noch den Seesack tragen musste. Zielstrebig führte er ihn über das  weitläufige Gelände.

„Hier können Sie sich kurz umziehen, wenn sie wollen. Man hat mir gesagt, dass sie zivil weiter reisen sollen“, er öffnete ihm die Türe in ein kleines Büro, das zur Zeit nicht besetzt war. Schnell zog Tom die Sachen an, die Jones in weiser Voraussicht zuoberst bereit gelegt hatte.

Zügig führte der Leutnant ihn in die Eingangshalle. „Da drüben steht auch schon ihr Kontakt“, und zeigte dabei auf eine Person, die durch das Fenster den Flugbetrieb beobachtete und ihnen den Rücken zu kehrte.

Tom verabschiedete sich vom Leutnant und ging zu seinem Chauffeur.

„Doktor Spencer Hill?“, fragte Tom.
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