Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Rosenprinzessin

Kurzbeschreibung
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Gen
22.05.2015
10.06.2015
12
25.513
2
Alle Kapitel
5 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
22.05.2015 1.933
 
Weg. Ich wollte einfach nur weg. Ziellos rannte ich durch die Stadt, die mir vor vier Jahren eine neue Heimat geworden war. Und doch hatte sich alles verändert. Philipp, der Mann wegen dem ich vor Jahren meine Zelte in der Heimat abgebrochen hatte, und den ich eigentlich nächste Woche heiraten wollte, hatte mich einfach aus seinem Leben radiert. Wegen seiner 19 jährigen Kollegin.
Ich kam zum stehen, da mir wirklich die Puste ausging. Verdammte Raucherlunge, dachte ich mir,
und stütze mich an einem Brückenpfeiler ab.
Ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte ich mich auch schon über das Geländer der Brücke geschwungen, und stand nun sprungbereit auf der anderen Seite der Brücke, und war drauf und dran los zu lassen. Was hielt mich denn noch? Mann weg, Wohnung weg, und ohne beides trübe Aussichten in der bayrischen Großstadt, in der ich mir nun wahrscheinlich nicht einmal mehr einen Schuhkarton mieten könnte, bei meinem zugegebenermaßen recht mickrigen Gehalt.
Aber das Barkeeping war schon immer meine Passion gewesen, und so hatte ich schnell eine Anstellung in einer Szene-Bar gefunden. Die Gäste liebten meine Kreationen, aber reich wurde ich damit nicht.
Ich schloss die Augen, und war gerade im Begriff,  endgültig los zu lassen, als ich drei aufgeregte Männerstimmen hörte. „Nicht doch!“ schrie der eine. „Nils, ruf augenblicklich einen Krankenwagen!“, der nächste. Der dritte, demzufolge der angesprochene Nils, sprach aufgeregt in sein Handy.
Der erste Mann, der gesprochen hatte, trat vorsichtig an mich heran. „Gib‘ mir deine Hand“, bat er mich. „Egal, was dich veranlasst hat, dich auf diese Brücke zu stellen-es gibt für alles eine Lösung.“ „Geh weg“, grollte ich ihn an. „Einen Scheiss gibt es.“ Er ließ sich nicht beirren. „Schau mich an“, forderte er. Ich riskierte einen Seitenblick, und sah einen großgewachsenen, gut aussehenden brünetten mit tätowierten Armen, der mir seine Hand entgegenstreckte. Ein nicht weniger gut aussehender rotblonder zeigte auf mich, und diskutierte mit den Rettungskräften. Der dritte im Bunde, ein ebenfalls hochgewachsener, grauhaariger mit Ziegenbärtchen, näherte sich dem Tattoomann. „Andi, lass mich das mal machen.“ Der brünette wich unwirsch zur Seite. Der grauhaarige stellte sich an dessen Stelle, und begann, mir leise zu erzählen. „Ich war auch einmal in einer solchen Situation.“ Ich schnaubte. „Meine Frau, nein Exfrau hat mir damals verkündet, dass meine Tochter nicht meine leibliche Tochter ist, sondern die Tochter ihres angeblich schwulen besten Freundes, und dass sie lieber mit ihm Leben wolle. Naja, daraufhin habe ich mich stockbesoffen in der gleichen Situation wieder gefunden wie du.“ Ich drehte mich zu ihm um und reichte ihm die Hand. Er half mir über die Brüstung und schloss mich in die Arme. Ich nahm eine Mischung aus Essensgeruch und Aramis wahr. „Bei mir ist es ähnlich“, flüsterte ich. „Verlobter weg, Wohnung weg. Und meine Eltern sind vor 5 Jahren gestorben.“ Er strich mir vorsichtig über den Rücken.
„Danke“, flüsterte ich an seiner Brust.
Da stürmten auch schon die Rettungskräfte auf mich zu. „Geht es ihnen gut?“ Ich nickte schwach. „Ja, es geht wieder.“ Die jungen Männer bugsierten mich in Richtung des Krankenwagens, wo sie zunächst meinen Blutdruck maßen, und mich dann einem Alkoholtest unterzogen. „Sie stehen noch ein bisschen unter Schock. Haben sie jemanden, zu dem wir sie bringen können?“ Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin seit heute obdachlos.“ Der Mann, der mich eben noch im Arm gehalten hatte, wandte sich an die Sanitäter. „Wir kümmern uns um das Mädel.“ Die jungen Männer nickten, und zogen von dannen.
„So, jetzt verrat uns doch bitte erst einmal deinen Namen“, meinte der Tätowierte. „Nanda“, stellte ich mich vor. „Ich bin Andi“, meinte er daraufhin. „Frank“, stellte sich nun mein Retter vor. „Und ich bin Nils“, meldete sich der dritte im Bunde. „Du hast uns in Angst und Schrecken versetzt.“ „Entschuldigt bitte, das war nicht meine Absicht“, murmelte ich kleinlaut. „Was machen wir denn nun mit dir?“ fragte Andi halblaut. „Keine Ahnung, ich bin wirklich obdachlos“, entgegnete ich müde.
„Wie kam es denn dazu?“ fragte Nils. „Long story short, mein Verlobter-Ex Verlobter, um genau zu sein, hat mich aus der gemeinsamen Wohnung geworfen. Ich hatte nicht einmal Zeit, mir etwas neues zu suchen. Meine Klamotten sind alle noch dort“, erzählte ich dem rothaarigen betrübt, der mich daraufhin ebenfalls in die Arme schloss. Auch er roch leicht nach Essen. „Seid ihr Köche, oder warum riecht ihr alle nach Essen?“ „100 Gummipunkte für dich“, feixte Andi.
Wir sind hier gerade auf einem Fernsehdreh, und wollten uns in der Mittagspause die Füße vertreten. „Ach du heilige Mutter Gottes“, entfuhr es mir.
„Ich bin in einer Gastrofamilie aufgewachsen. Naja, mein Papa war Koch, genauso wie sein Bruder.“ Die Jungs schmunzelten. „Wie sieht es mit deinem Kochtalent aus? Komm doch einfach mit uns zurück zum Dreh“, schlug Andi vor. „Mein Kochtalent? Naja, es ist etwas eingerostet, aber mein Onkel meinte, ich sei talentiert. Und der muss es wissen, er hat mich immerhin ausgebildet. Und da ich kein zu Hause mehr habe, begleite ich euch gerne.“  „Eine gelernte Köchin? Heute ist unser Glückstag. Der Fall ist wirklich eine harte Nuss.“ Auf dem Weg zum Restaurant schilderten mir die drei, was dort alles am schief laufen war. Ich war erstaunt. Mein Onkel hatte mir immer gepredigt, niemals einen Fuß in die Gastronomie zu setzen, ohne Ahnung davon zu haben.
„Hast du eigentlich auch einen Nachnamen?“ fragte Nils. „Wir müssen das dem Regisseur weitergeben.“ Ich grinste. „Mein Nachname ist Rosin“, erwiderte ich. „Ich glaub‘s ja nicht. Jungs, wisst ihr, wen wir da von der Brücke geholt haben? Die Rosenprinzessin!“ „Ernsthaft?“ „Ach Jungs. Nur weil ich die erste und einzige weibliche junge Wilde bin, braucht ihr kein Fass aufmachen. Ich hatte seit dem Tod meiner Eltern keinen Kochlöffel mehr in der Hand.“
Am Restaurant angekommen, verkündeten die Jungs dem Regisseur, dass die „Rosenprinzessin“ (danke für diesen selten bescheuerten Spitznamen, Onkel) sie die letzten zwei Tage unterstützen würde. Dieser nickte aufgeregt.
Die zwei Tage waren für mich ein Befreiungsschlag, naja ein kleiner. Ich hatte es unendlich vermisst, zu kochen, und coachte den Jungkoch Sven, der eigentlich Gas-Wasser-Installateur war, mit Begeisterung. „Siehst du Sven, so pariert man das Fleisch. Mit Gefühl. Stell‘ dir vor, du hast eine hübsche junge Frau vor dir.“ Andi schmunzelte. „Ganz anders, und doch der Onkel.“ Ich wurde wehmütig. Nach dem Tod meiner Eltern hatte ich mich auch von meinem geliebten Onkel und seiner Familie zurückgezogen. Ihm hatte ich alles zu verdanken. Er hatte mich ausgebildet, und mich im Kampf um den Titel der „jungen Wilden“ unterstützt und nächtelang mit mir gekocht. Er war wie ein Vater für mich geworden. In diesem Moment fühlte ich mich schlecht, und beschloss, ihn in Dorsten zu besuchen.
„Lammkeule?“ schallte es durch die Küche. „Oui, Chef!“ antwortete ich routiniert. „Sauerbraten?“ „Oui, Chef!“ diesmal antwortete Andi. Und so ging es weiter, bis Fo brüllte: „Auf einen guten Service!“ Da stand auch schon Servicekraft Nicole mit einem neuen Bon in der Küche. „Du annoncierst“, brüllte Nils. „Bon neu! Dreimal Lammkeule, zweimal Gemüsepfanne!“ schrie ich zurück. Wie hatte ich das vermisst. Sven rannte hektisch zwischen den Töpfen hin und her, wie ein kopfloses Huhn. „Sven, relaxe mal ein bisschen. Ganz ruhig. Was ist gerade das Problem?“ versuchte ich den jungen Mann zu beruhigen. „Wo ist der Topf mit den Knödeln?“ „Direkt vor deiner Nase, Schnucki. Du musst ruhig bleiben, wenn du ausflippst, bringt das gar nichts. Ich zeig‘ dir eine Übung von meinem Onkel, komm‘ her.“ Sven kam zu mir, und ich stellte mich hinter ihn, legte meine wie zum Gebet gefalteten Hände an seinen Solarplexus und befahl: „Ruhig atmen!“ Sven beruhigte sich. „Danke Onkelchen“, dachte ich bei mir. So hatte er mich vor dem Finale des „Jungen Wilden“ runtergeholt, und ich hatte zwei begnadete Jungs an die Wand gekocht.
Nils und Andi grinsten sich an. „Da wäre man auch gerne aufgeregt, was?“ lästerte Nils. Andi grinste teuflisch. „Nanda! Nils will auch diese Atemübung machen!“ tönte es frech zu mir. „Hast ja gesehen wie es geht, viel Spaß! Zweimal Schmorbraten, zweimal  Gemüsepfanne in 10 Minuten!“ brüllte ich zurück. Frank staunte nicht schlecht. Ich war wohl die erste, die seine „Riesenbabys“ wie er sie zu nennen pflegte im Griff hatte.
Anderthalb Stunden später waren wir platt. Wir hatten 60 Hauptspeisen und 50 Desserts geschickt, Sven beruhigt und nebenher mussten Nils und ich in den Service, weil der auf einmal zum erliegen gekommen war.
Wir traten vor die Gäste, und die Jungs hielten ihre übliche Abschiedsrede. Da ergriff Andi noch einmal das Wort. „Und zum guten Schluss gilt unser Dank dieser wunderschönen Frau-Nanda, tritt vor“, begann er, und ich trat neben ihn. „Ohne dich wären wir nicht annähernd so weit gekommen, und wie du heute der Küche vorgestanden hast, ganz großes Kino.“ Ich wurde rot. Da erhob Nils die Stimme. „Und du bist eine Servicegranate-ich hatte schon lange nicht mehr so einen Spaß dabei, an die Front zu gehen.“ Nun übernahm Fo. „Und weil du das so wunderbar gemacht hast, war das gesamte Team einstimmig der Meinung, dass wir Kochprofis ab heute zu fünft sind. Amanda Rosin, willkommen im Team!“ Ich brach in Freudentränen aus. „Danke, aber wir wollen doch Sven nicht die Show stehlen-Sven, am Anfang dachte ich, wo bin ich hier hineingeraten. Aber du hast dich selbst übertroffen, und mit uns die Küche derart gerockt, ich bin total begeistert von dir. Deswegen bist du von den Jungs gecheckt!“ beendete ich die Rede, und übergab ihm die obligatorische Urkunde.
Sven fiel mir um den Hals. Wir verabschiedeten uns von den Gästen, und die Jungs gaben Autogramme und machten Fotos. Ich verzog mich in Richtung des Vans, mir lag dieser Trubel einfach nicht. Da merkte ich, wie Nils neben mich trat. „Amanda? Ernsthaft?“ „Nenn mich einmal Amanda, und du wirst dir wünschen, nie geboren worden zu sein“, drohte ich ihm spielerisch. Er lachte. „Aber wie war das noch gleich mit der Atemübung?“ „Okay, komm’ her.“ Wir bezogen Aufstellung, und gerade als ich meine Hände auf seinen Solarplexus legen wollte, kam eine bildhübsche, schlanke schwarzhaarige auf uns zugeschossen. „NILS!“ keifte sie auch sofort los. Ich zog meine Hände zurück, und hob sie abwehrend. „Schatz? Das ist jetzt ganz anders als…“ „Halt‘ die Klappe, Nils. Du machst es nur noch schlimmer“, fuhr ich ihm in die Parade. Ich ging zielstrebig auf die hübsche junge frau zu, und lächelte sie entwaffnend an. „Ich bin Nanda, die neue fünfte im Bunde der Kochprofis. Ich habe Nils nur eine Atemübung gezeigt, die mein Onkel mir dereinst beigebracht hat. Wenn du magst, demonstriere ich sie an dir.“ Die Frau sah mich perplex an, und überlegte sich wohl, ob sie mir eine scheuern sollte, als sie den Verlobungsring an meiner Hand entdeckte. „ich muss dich enttäuschen, verlobt bin ich nicht mehr“, sagte ich, als ich merkte, wohin ihr Blick gefallen war. „Sie ist jetzt meine Freundin“, tönte da Andi von hinten. Nun entspannte sie sich komplett. „Ich bin Lisa, Nils‘ Freundin, und zurzeit leider leicht reizbar.“ „Schon gut, wäre ich in deiner Situation vielleicht auch gewesen.“ Nils strahlte über beide Ohren. „Ich werde nämlich Papa!“ Ich umarmte den großen rothaarigen stürmisch. „ja, Wahnsinn, meine Glückwünsche! Ich freue mich für euch!“ Auch Lisa musste daran glauben, und ab diesem Moment war das Eis zwischen ihr und mir gebrochen.
Ich lehnte mich an Andi, der sofort einen Arm um mich legte. „Freundin, hm?“ raunte ich ihm ins Ohr. „Sorry, aber Lisa ist eine Furie. Irgendetwas musste ich mir doch ausdenken?“ „Ich hätte es schlimmer treffen können, denke ich“, erwiderte ich. Andi küsste mich auf den Scheitel. Lisa seufzte. „Sind sie nicht süß zusammen?“ Nils zwinkerte uns verschwörerisch zu, und die beiden gingen vom Hof.
 
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast