CROATOAN

GeschichteMystery / P16 Slash
Artie Nielson Claudia Donovan OC (Own Character)
20.05.2015
26.10.2016
4
2778
 
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Ist es eigentlich eine physikalische Konstante, dass Bürgermeisteransprachen immer so unglaublich langweilig sein müssen? Langweilig, Langatmig und Nichtssagend. Ich meine bei jeder Festivität erzählt der das selbe; beim Schützenfest, bei Maibaumaufstellen, beim Geburtstag meines Opas. Der könnte ruhig etwas mehr Pepp in die ganze Sache bringen. Natürlich weiß ich nicht, wie es in anderen Städten war, doch mit allergrößter Wahrscheinlichkeit war es dort genauso staubtrocken wie hier. Doch heute war der Anlass des Geplänkels über Goethe und von Klenze ein ganz besonderer. Denn ein Abgeordneter des US-Bundesstaates North Carolina war da. Es ging um etwas, dass unsere kleine Stadt schon mit einem kleinen Vorort von Paris hatte. Ein Städtebund. Der brüderliche Zusammenschluss zweier Städte, die sich egal wo auf der Welt befinden konnten, Hauptsache sie verstanden sich. Doch diesmal war es nicht Frankreich, das uns die Hand zum Bruderschlag reichte, sondern eine blühende Metropole in den USA. Die Stadt Roanoke, gelegen an der Nordküste North Carolinas, war auf uns aufmerksam geworden, als durch das Fernsehen die Übertragung der amerikanischen Festspiele übertragen wurde, die alle vier Jahre bei uns in der Stadt begangen werden, im Gedenken an die deutschen, die den amerikanischen Truppen im zweiten Weltkrieg beigestanden haben. Und das muss den Leuten hinter dem großen Teich so gut gefallen haben, dass der Kreisverband Virginias und North Carolinas sich daraufhin mit unserer Samtgemeinde in Verbindung gesetzt hatte. Und heute war es endlich soweit. Heute sollten die Urkunden unterzeichnet werden, dann sollten die Geschenke ausgetauscht werden. Unser Bürgermeister hatte sein geschwafel beendet und der amerikanische Abgeordnete war an der Reihe. Der Dolmetscher übersetzte eine Rede, wie sie wirklich nur die Feder eines amerikanischen Profiautors preis geben konnte. Die geladene, kraftvolle Stimme des Übersetzers endete mit dem Satz: „Möge unsere Freundschaft ewig halten.“ Ein Jubel brannte los, als er endetet und die Geschenke auf das Podium getragen wurden. Es waren zwei Glaskästen. In dem Glaskasten, welches an Amerika ging, war ein Stück Mauerwerk. Jeder aus unserem Dorf wusste was das war. Ein Stück aus der Mauer jener Burg, in welcher sogar einmal Heinrich der Löwe residiert haben soll. Der Kasten, welcher für uns bestimmt war, enthielt etwas, das wie ein uraltes Stück Baumrinde aussah, welches auf einem Gestell aus durchsichtigem Plastik exponiert wurde. Es war, so schien, als wäre ein Wort in die Oberfläche geritzt, doch von so weit konnte man es nicht so gut sehen. Nach etlichem hin und her mit Händeschütteln, gut geschauspielerten Tränen und dem Absingen der jeweiligen Nationalhymnen, wurden die Glaskästen ausgestellt. Der ganze Mopp drängelte sich um den Kasten des amerikanischen Gastgeschenkes. Man war erstaunt, dass es sich anscheinend tatsächlich um ein uraltes Stück Baumrinde zu handeln schien. In die Oberfläche war ein Fremdartiges Wort eingeritzt. Die Schrift war schon etwas verwachsen und mit der Zeit, in der hunderte Menschenfinger ehrfürchtig über den Schriftzug gefahren waren, ziemlich verwittert. In großen Blockbuchstaben stand dort CROATOAN. Und auf einmal war ein unglaublich süßer Geruch zu vernehmen. Es roch nach Pralinen.