Mrs. Lovetts Erinnerungen

GeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Benjamin Barker Lucy Barker Mrs. Lovett Richter Turpin
20.05.2015
05.06.2015
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Es war nicht wärmer, als sie ausstiegen. Stunden später. Stunden der Angst. Stunden der Schweigsamkeit. Der Kutscher war verschwunden bevor sie ihm danken konnten. Doch weder Sweeney noch sie hätten einen simplen Dank über die Lippen gebracht. Nicht in dieser Nacht.
„Wo ist ihr Haus?“, fragte er. Die ersten Worte, die er sprach, seit sie aufgebrochen waren. „Ein paar Minuten die Straße hinunter. Vermutlich.“ Er folgte ihr ohne Einwände. Welche hätte er auch bringen sollen. Die Polizei war ihm auf den Fersen. Ihm. Dem Mörder aus der Fleet Street. Und ihr. Seiner Komplizin. Sie war nur das. Keine Mörderin. Wenn er nur wüsste.
Die Koffer wogen leicht in ihren Händen. Leichter als sie sich ihr Hab und Gut vorgestellt hatte. Doch ihre Hand war schwer, als sie sie zum Klopfen hob. Es war so leise, dass sie vermutete überhört zu werden. Eigentlich hoffte sie dies sogar. Noch dazu war es mitten in der Nacht. Doch sie kannte ihre Tante. Schlafen war nicht ihre Art. Zumindest war sie es damals nicht gewesen.
Und tatsächlich, nach einer Weile waren Schritte zu vernehmen. Schnelle und seltsam schwere Schritte. Und dann wurde ihnen geöffnet. Mrs. Lovett konnte sich gerade ein erleichtertes Aufatmen verkneifen. Doch die Freude war verflogen, als sie das grobe, ausgemergelte Gesicht ihrer Tante, Beatrice, erkannte, zu der sie zwar gewollt, die sie aber eigentlich nicht hatte wiedersehen wollen. Wie töricht, du dummes Ding.
Beatrice hatte sich kaum verändert. Mrs. Lovett vermutete selbst den Stock, mit dem sie ihren Rücken gezeichnet hatte, in ihrer Hand. Als Beatrice sie erkannte verfinsterte sich ihr Blick, soweit dies, aufgrund ihrer bereits düsteren und angsteinflößenden Visage, überhaupt möglich war.
„Was willst du hier?“, fragte sie barsch und öffnete die Tür etwas weiter. „Mein … Begleiter und ich sind auf der Suche nach einer Bleibe. Nur für ein paar Nächte. Bis wir etwas anderes gefunden haben.“ Sie brachte die Worte nur schwer über die Lippen. So wie die erzwungenen Geständnisse und Entschuldigungen, in der Ecke stehend und vor Schmerz wimmernd.
„Reichen dir die Jahre der Aufopferung nicht, in denen ich dich großgezogen habe? Was willst du denn noch? Ich habe meine Zeit für dich geopfert! Das ist doch genug der Liebenswürdigkeiten und Gefallen.“ „Ich würde dich auch bezahlen.“ Wovon, fragte sie sich selbst. Ich weiß es nicht.
„Ich will dein Geld nicht. Es ist nur Dreck, wie alles, das du anfasst. Selbst diesen Trottel von einem Albert hast du ins Grab gebracht. Ist es nicht so? Die Gerüchte, dass du ihn umgebracht hast, sind auch hier angekommen. Mrs. Lovett.“ Sie spuckte vor sie auf den Gehweg. Mrs. Lovett wich nicht zurück. Die Wut brodelte in ihr wie kochendes Wasser, doch sie war schon immer versiert darin gewesen sich nichts dergleichen anmerken zu lassen. Niemanden sehen zu lassen, wie zerrüttet sie eigentlich war.
„Dann nur für eine Nacht ohne Bezahlung“, versuchte sie es erneut. „Ich würde dich und deinen Begleiter nicht einmal in meiner Besenkammer unterbringen!“, rief Beatrice giftig und hieb die Tür mit einem festen Ruck ins Schloss. Mrs. Lovett senkte den Blick. Nichts anderes hatte sie erwartet. Ja, sie hatte sogar fest damit gerechnet. Jegliche Hoffnung war dahin. Obwohl sie eigentlich gehofft hatte, Beatrice würde so reagieren. Eine zweigespaltene Situation. Eine weitere Nacht bei ihrer leicht zum Kochen zu bringenden Tante oder ein Leben auf der Straße. Das waren die Fakten. Sie saßen auf der Straße. Mit nichts, als zwei Koffern und einer Umhängetasche.
„Wir könnten jemand anderen fragen“, schlug Sweeney leise murmelnd vor. Seine Stimme passte zu seiner introvertierten Aura. Sie drehte sich zu ihm um. „Wen denn?“, fragte sie beinahe brüsk, zumindest für ihre Verhältnisse, und ging den Fußweg entlang.
Zu ihrer Überraschung folgte er ihr. Wenn auch mit ein paar Schritten Abstand. Sie wusste nicht wohin sie gehen sollte. Alle Straßen hier sahen gleich aus. Wie grauenvoll all diese Städte doch waren. Menschen konnten so trist und gleichgültig sein. All die Backsteine, übereinandergestapelt zu kalten, nassen Wohnungen, die das Leben auf der Straße beinahe verlockend machten…
„Das war also Ihre Tante“, sagte er. Sie zuckte kurz und für ihn unmerklich zusammen, so in Gedanken versunken war sie gewesen. Einen solchen Ton war sie von ihm gar nicht gewohnt. Er klang nicht düster und auch nicht abfällig. Geschweige denn gleichgültig. Es war einfach eine simple Feststellung. „Ja“, antwortete sie über die Schulter hinweg. „Sie scheinen ja ein sehr angenehmes Kind gewesen zu sein“, kommentierte er.
Plötzlich blieb sie stehen. Sweeney wäre fast in sie hineingestolpert. „Das ist es!“, rief sie laut aus. Erschrocken presste sie die Hand auf den Mund und sah sich um. Nirgendwo flackerte eine Kerze auf, kein Licht. Erleichtert atmete sie aus. „Eine Chance haben wir noch“, flüsterte sie, glücklich über ihren Einfall, und ging an ihm vorüber die Straße wieder hinunter. Er folgte ihr ohne Fragen zu stellen. Das mochte sie an ihm. Er wollte nie viel wissen. Er musste ein sehr guter Zuhörer sein. Jedoch war sie keine große Rednerin.
Das Haus ihrer Tante missachtete sie, als sie daran vorüberging und bog am Ende der Straße in eine enge Seitengasse ein. Die Menschen, die in den Häusern rechts und links der Straße lebten, konnten sich darüber hinweg die Hände reichen, wenn sie gewollt hätten. In ein paar der Gassen mussten sie seitwärts gehen, um mit Koffern und Tasche hindurchzupassen. Und dann erreichten sie es. Ein kleines Reihenhaus mit einer engen Treppe, die hinauf zu einer Tür führte. Einer roten Tür, mit einem kleinen Briefschlitz. Die rote Farbe war enorm verblasst, seit sie das letzte Mal hier gewesen war und auch der weiße Putz des kleinen Hauses hatte gelitten.
Was ist wenn er schläft? Was, wenn er schon tot ist? Sie hob die Hand zum Klopfen, diesmal sehr viel weniger zaghaft. Sie wusste, dass er nicht wütend sein würde. Wenn er denn noch am Leben war.
Und während sie wartete spürte sie Sweeneys Blicke im Nacken. Sie spürte, wie er sie ansah. Sie sah seine dunklen Augen förmlich vor sich. So starr, wie er sonst aus dem Fenster sah. Es war ein schreckliches Gefühl zu wissen, wenn man angestarrt wurde. Es fühlte sich an wie ein Finger, der einem in die Haut gebohrt wurde.
Und endlich wurde die Tür geöffnet, ebenfalls nur einen Spalt breit. Was waren die Menschen nur ängstlich in dieser Stadt.
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