Spiegelbild

von Nairalin
GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P12
Feanor Fingolfin Fingon Maedhros
20.05.2015
20.05.2015
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Huhu,

Diese Geschichte sei Súlimes kleiner Schwester gewidmet, die Fingolfin so sehr mag. Inspiriert wurde ich durch Avarantis, dieser Hasenschleuder, die mich auf Mirror mirror von Blind Guardian brachte und mit dem Kommentar, dass es doch eigentlich witzig wäre, wenn Feanor in den Spiegel schaut und nicht sich, sondern erst Fingolfin sieht. Wie man sieht habe ich es hier umgekehrt gemacht.

Fingolfin = [Qu.] Nolofinwë (KF Nolvo)
Feanáro = [Qu.] Feanor
Finarfin = [Qu.] Arafinwë
Maedhros = [Qu.] Nelyafinwë ( KF Nelyo) Maitimo Russandol
Fingon = [Qu.] Findecáno
Ambarussar = Amrod und Amras
Celegorm = [Qu.] Tyelcormo
Findis, Finvain Írimë und Fániël sind die Töchter Finwës im Canon.
Morgoth = [Qu.] Moringotto
Atar/Atto = [Qu.] Vater/Papa

Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und würde mich über jede Form von Rückmeldung sehr freuen!

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Es war gerade ein warmer Sommerabend, doch Nolofinwë konnte weder wirklich entspannen, noch Ruhe finden. Die Sonne war noch deutlich am Himmel zu erkennen, auch wenn sie wohl bald hinter der Bergkette im Osten verschwinden würde. Seine Finger strichen über den Rand des Glases und er genoss die Strahlen des Himmelsgestirns auf seinem Gesicht. Bald schon würde eines seiner Kinder zum Abendmahl rufen, gefolgt vom lebhaften Geplapper seiner Neffen und Nichten, die ausnahmsweise alle gekommen waren – manche voller Freude, manch anderer eher widerwillig und nur unter Drohungen von ihm, so wie auch ihren älteren Geschwistern.

Er lächelte zaghaft und stellte sich vor, dass alles so wäre wie einst in Valimar. Kein Verlust, der gleich dunklen Wolken über ihren Köpfen hing, kein Schmerz, der sie einte und zugleich auseinanderriss. Er stellte sich vor, dass seine jüngeren Geschwister da wären, ebenso auch seine älteren, auch wenn ihm zu bewusst war, dass er dies nie wieder erleben würde. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen und Nolvo seufzte leise.

Auch wenn die Wut immer noch nicht ganz abgeklungen war, so überwog die Sehnsucht bei weitem. Nichts würde je wieder so sein, wie es einst gewesen war. Zu viele Leben waren zu Asche und Staub zerfallen und nun verloren.

Lachen erklang und Nolofinwë lächelte leicht. Es erinnerte ihn zu sehr an einen Abend in Valimar.

„Hast du es wieder geschafft dich komplett einzurußen?“, kommentierte Írimë sein Aussehen, als er zum Essen erschien. Findis neben ihr schnaubte nur verächtlich, was ihn dazu brachte, die Augen zu rollen. Seine ältere Schwester war keine Handwerkerin und verabscheute alle Tätigkeiten, bei denen sie sich schmutzig machen könnte. Wobei ihr einzig die Glasbläserei zu gefallen schien und sie diese auch verteidigte. Zwar war Nolofinwë immer noch der Meinung, dass man sich dabei dreckig machte, aber seine Schwester war in der Hinsicht stur.

Er hatte sein Werk mitgebracht, da er es endlich fertig bekommen hatte. Nicht, dass es Feanáros Ansprüchen genügen würde. Er war bei weitem nicht so talentiert, wie dieser, noch hatte er sonderlich viel Muse, um dem Schmiedehandwerk so viel Zeit zu widmen, dass er auf ein annähernd ähnliches Level kommen könnte. Es gab viel zu viel anderes, was interessant war, als dass er sich auf ein Gebiet festlegen wollte.

„Das bringt Arbeit mit sich“, erwiderte er amüsiert und grinste frech zu Findis, die ihn deshalb anfunkelte. Vorsichtig stellte er seine Arbeit auf den Tisch ab und zog die Schutzhülle weg. Írimë sog scharf die Luft ein.

„Es ist wundervoll geworden!“, rief sie begeistert und Stolz wallte in ihm auf. Er hatte eine feine Metallfigurine geschmiedet, die auf abstrakte Art und Weise zwei Tänzer darstellte. Es war eine Heidenarbeit gewesen und allein die geschliffenen Edelsteine hatten ewig gebraucht, bis sie so geworden waren, wie er sie wollte. Nur jetzt hatte er eindeutig genug vom Schmiedehandwerk für die nächsten paar valischen Monaten. „Also hast du die letzten Wochen daran gearbeitet?“ Er nickte zustimmend und strich zart über die Figur. Sie hatte bis auf die Bodenplatte, auf der sie stand, keine Kanten und Ecken. Er hatte alles abgerundet und ihr eine weiche, fließende Form gegeben. Auch wenn er immer noch nicht so wirklich herausgefunden hatte, warum sein älterer Bruder alles Scharfkantige aus dem Palast verbannt hatte und selbst in dem Haus, welches er außerhalb von Tirion besaß, existierten keine scharfkantigen Gegenstände und alle Ecken waren abgerundet. Aber so konnte er sichergehen, dass Feanáro sein Werk nicht hinauswerfen würde.

„Ich wollte sie Atar schenken“, meinte er und konnte den Stolz nicht gänzlich unterdrücken, als Írimë sich weiter begeistert über sein Werk äußerte. Doch dann erklang ein Räuspern und er entdeckte Feanáro mit ihren beiden Erstgeborenen, der gerade zur Tür hineinkam. Eine hochgezogene Augenbraue war die Reaktion, als sein älterer Bruder ihn genauer betrachtete.

„Du warst in der Schmiede?“, wurde Nolofinwë gefragt und er konnte einen leicht ungläubigen, wenn auch fast spöttischen Unterton heraushören. Er nickte trotzig und wollte bereits etwas scharf erwidern, als Feanáro an ihm vorbei ging und die Statuette betrachtete. Die langen, schwieligen Finger strichen mit einer Vorsicht über die glatte Oberfläche, die Nolvo ihm nicht zugetraut hätte – zumindest nicht bei Nolofinwës Werken. Feanáro brummte nur und hob die Figur hoch.

„Man möge es kaum glauben, aber du scheinst dir dieses Mal wirklich Mühe gegeben zu haben!“ Nolofinwë schnappte nach Luft und selbst Írimë tadelte Feanáro. Wütend und in seinem Stolz verletzt, setzte er bereits an, etwas zu sagen, als sich eine Hand auf seine Schulter legte.

„Nicht, er drückt sich nur einmal mehr etwas umständlich aus.“

Rotes Haar fiel über Nolofinwës Schulter und er atmete gezwungen ruhig ein und aus.

„Eine Beleidigung ist also umständlich?“, zischte er, während Írimë mit in die Hüften gestemmten Armen vor Feanáro stand und mit ihm diskutierte.

„Er war nur überrascht, dass du genug Leidenschaft aufgebracht hast, dass du eine solche Statue erschaffst. Und seien wir ehrlich, Nolvo, wir wissen beide, dass du meist nicht die Geduld und Leidenschaft besitzt, um lange in der Schmiede zu stehen“, meinte Nelyafinwë leise und stellte sich dann neben ihn. Nolvo runzelte die Stirn und verschränkte die Arme, eher er ein Taschentuch gereicht bekam. Nelyo räusperte sich leicht und deutete auf seine Wange bis hinab zum Kieferknochen. Nolofinwë nahm es wortlos entgegen und rieb über seine Wange.

„Weg?“, fragte er und Nelyo nickte amüsiert. „Du bist der Ansicht, er meinte es so und nicht anders?“ Sein Neffe lächelte nur und deutete zu seinem Vater, der schon wieder die Statuette betrachtete. Missmutig bewegte er seinen Unterkiefer und nahm jeden kritischen Blick, jedes Stirnrunzeln seines älteren Bruders zur Kenntnis. Dann bemerkte er ein schmales Lächeln auf Feanáros Lippen und stutzte.

„Eine gute Arbeit dafür, dass du so selten in den Schmieden bist“, kam der ruhige Kommentar und Nolvo schluckte. „Für wen ist die Figur?“ Vorsichtig wurde Nolofinwës Werk abgestellt und Feanáro blickte ihn an.

„Für Atar“, murmelte Nolofinwë und wusste nicht so recht, was sein Bruder wollte.

„Er wird sich sicherlich darüber freuen, wenn er sie nicht sogar in seinem Arbeitszimmer aufstellen lässt.“

Der Tonfall war nüchtern und ruhig, ehe er sich Nelyafinwë zuwandte. Irritiert blickte Nolvo ihn an, etwas sprachlos darüber, dass er beinahe sowas wie ein Lob bekommen hatte.

„Ich hätte es nicht anders als du aufgefasst, Atto“, vernahm er sehr leise neben sich. Findecáno hatte leicht die Stirn gerunzelt, während er seinen Cousin beobachtete. Nolvo wollte seinem Sohn beinahe schon leichte Eifersucht unterstellen, dass Nelyo nicht ihm die Aufmerksamkeit schenkte, auch wenn das absurd war. „Onkel Feanáro hat eine eigenartige Art und Weise anderen seine Zuneigung zu zeigen.“ Nolvos Mundwinkel zuckten verräterisch, aber er beherrschte sich. „Wenn Russandol mir nicht immer wieder auch zeigen würde, dass sein Vater bei ihnen auch so spärlich und eigen agiert, würde ich es nicht glauben.“

Nolofinwë seufzte nur. Doch dann unterbrach schallendes Gelächter die Stelle und er sah seinen Bruder ausgelassen und mit funkelnden Augen, während sein Neffe breit grinste. Ehe er sich versah, hatte sich Feanáro umgedreht und hatte ihn schneller am Arm gepackt, als er sich wehren konnte. „Wir müssen Essen vorbereiten und du hilfst mir!“ war der einzige Kommentar, der keinen Widerspruch zuließ.

„Aber-“ „Kein Aber, du wäscht dir die Hände und fängst an das Gemüse zu schneiden!“

Als er etwas hilflos zu seinem Neffen blickte, konnte er erkennen, dass dieser verzweifelt versuchte, sein Lachen zurückzuhalten, auch wenn er kläglich dabei scheiterte. Aber auch sein Sohn wirkte erheitert und sah betont zur Seite. Frustriert folgte er Feanáro und wusch sich die Hände, ehe er den Befehlen Folge leistete.

Nachdenklich sah er hinaus und bemerkte, wie sich der Himmel rötlich färbte. Nolofinwë fragte sich, was wohl Feanáro zu Anar sagen würde. Die neuen Himmelsgestirne waren faszinierend und übten einen größeren Charme aus, als es die beiden Bäume je getan hatten. Er fand den Wechsel von Tag und Nacht um einiges erholsamer als den Wechsel vom goldenen Licht Laurelins und vom silbernen Telperions. Was wohl Atto gesagt hätte?

Doch all diese Fragen würden auf ewig unbeantwortet bleiben. Die Wahrscheinlichkeit, dass er einen der beiden wiedersehen würde, war gering. Ebenso wenig wie er Anairë wiedersehen würde. Sie hatte sich abgewandt und war gegangen, als er ihr seine Entscheidung mitgeteilt hatte. Sie bliebe lieber hier, wo sie sicher wäre, hatte sie ihm geantwortet. Nolvo hatte sie angeschrien und gefragt, wo sie sicher wären, wenn Finwë nun tot war, Formenos zerstört, und noch mehr Noldor getötet, weil die Festungsmauern nicht mehr standhielten und kollabiert waren. Selbst die beiden Bäume waren vernichtet und nur mehr trockene Skelette und Mahnmale für das Vertrauen in Moringotto, obwohl gerade die Valar es besser hätten wissen müssen.

Sie hatte ihn angesehen und nichts geantwortet. Sprachlos und unfähig zu erkennen, was die Wahrheit war. Wie konnten sie in Valimar sicher sein, wenn die Valar unfähig waren, ihnen Schutz gegen nur einen von ihren Geschwistern zu geben? Doch Anairë hatte nicht verstehen wollen. Es war nicht ihr Vater gewesen, der erschlagen wurde. Es war nicht sie gewesen, die bei seinem Leichnam gekniet hatte, während Feanáro seinen Schmerz hinausgeschrien, das Gesicht in den schwarzen Haaren von Finwë vergraben hatte. Es war nicht Anairë gewesen, die dabei geholfen hatte, Finwës Körper zu tragen und ihm die letzte Ehre zu erweisen.

Sie hatte nicht die Zerstörung gesehen, hatte nicht das Ausmaß überblickt. Hatte Nolofinwë erst aus Loyalität geschworen, seinem Bruder zu folgen, so war er danach aus Überzeugung mitgekommen. Auch wenn er erst gezögert, da ein ungutes Gefühl von ihm Besitz ergriffen hatte. Er hatte einen Vater gesehen, der sein totes Kind an Bord gebracht hatte. Und es war nicht nur eines gewesen, sondern mehrere, alle in der Tracht seines Volkes, mit dunklem Haar und hellen, meist grauen Augen. Kein Kind der Lindar war erschlagen worden. Er hatte keine gesehen und auch keine anderen Kinderleichname gefunden. Und kein Noldor hätte je Hand an Kinder gelegt, diese wären eher auf den Schiffen gelandet und notgedrungen entführt worden. Das wäre ebenso wenig besser gewesen, wie er selbst wusste, doch sie wären nicht gestorben. Die toten Kinder jedoch … für ihn war damit der Auslöser des Blutbades klar gewesen. Kein Noldo hatte zuerst das Schwert erhoben. Sie hatten nur reagiert.

Es hatte ihn desillusioniert. Die Fahrt und Feanáros Zustand hatten ihn zermürbt. Sein älterer Bruder war immer ruhig und gefasst gewesen. Temperamentvoll mit Sicherheit, auch wenn man es selten wirklich erlebte. Jedoch war der Mann vor ihm ein zerrütteter Geist, der sich vor Schmerzen nur wand. Der Verlust hatte sie alle stark getroffen und er hatte einen Eindruck erhalten, wie es war einen Elternteil zu verlieren, aber was sein Bruder durchmachte … es musste um so vieles schlimmer sein. Nolofinwë wusste wie fixiert Feanáro auf ihren Vater war und er begann auch zu verstehen, warum. Wenn er jetzt an seine Mutter dachte, dann schien ihm die Bindung noch stärker, als sie es ohnehin schon war. Aber wie wäre es, wenn er sie auch noch verlieren würde?

Feanáro hatte es in den Wahnsinn getrieben, kaum in der Lage klar zu denken und die Umgebung so wahrzunehmen, wie sie war. Er hatte Phasen gehabt, in denen der Größenwahn überhandgenommen hatte. Phasen, in denen er ihnen allen, selbst seinen eigenen Kindern, misstraute. Dann hatte es Momente gegeben, wo er der alte gewesen war, teils sogar noch offener und herzlicher als zuvor.

Das war so bis zu seinem Verrat. Noch immer schmerzte die Tatsache, dass Feanáro sie auf dem Eis zurückgelassen hatte. Der Zorn und die Wut waren oft noch präsent. Und Nolofinwë tat sich schwer einfach zu vergeben und zu sagen, dass all das keine Bedeutung mehr hatte. Er wusste nicht, was Feanáro motiviert hatte, auch wenn Nelyafinwë ihm seine Sicht geschildert hatte, die mit seinen Vermutungen übereinstimmte. Doch dann waren da auch die Worte von Curufinwë, die Nelyo ihm ebenso wenig verschwiegen hatte.

Sie wären noch auf Aman gewesen, da die Helcaraxë noch ein Teil des Kontinents gewesen war. Und das Gefühl der Ungewissheit nagte an ihm. Der Fluch Mandos‘ wäre dann in Kraft getreten, wenn sie Aman verlassen hätten. Der Gedanke, dass Feanáro womöglich nicht nur aus Wahnsinn diese Entscheidung getroffen hatte, sondern noch andere Gründe gehabt hatte, war bittersüß. Es tat vor allem weh, dass er ihn womöglich zu schnell verurteilt hatte, dass seinen Bruder keine Schuld an dem Verlust auf dem Eis traf, weil nur er selbst alle angetrieben hatte, weiterzugehen, anstatt wie Arafinwë zurückzukehren. Es nahm ihm fast den Atem. Es war so viel einfacher und weniger peinigend die Schuld auf jemand anderen zu schieben.

„Atar?“, wurde er gefragt und Nolofinwë zuckte zusammen. Als er sich umdrehte, bemerkte er Findecános besorgten Blick. Seufzend stellte er das Glas ab und ging auf sein Kind zu. „Das Abendmahl ist fertig?“, fragte er leise und legte Findecáno beide Hände auf die Schultern. Ein Nicken war ihm Antwort genug. „Dann sollten wir gehen, nicht wahr?“

Er ließ ihn los und ging zur Tür.

„Atar, woran hast du gedacht?“, kam die gequälte Frage. Er wusste, dass sein Erstgeborener schon immer ein feines Gefühl dafür hatte, wann es anderen schlecht ging.

„Ob all das Leid auf der Helcaraxë nicht in Wirklichkeit mein Verfehlen war, bewirkt durch verletzten Stolz und dem Wunsch nach Vergeltung“, antwortete Nolofinwë leise und zum ersten Mal ehrlich. „Wenn dein Cousin Recht hat, ist all das Blut an meinen Händen.“ Der schockierte Ausdruck auf dem Gesicht Findecános war genug, um ihn traurig lächeln zu lassen. „Und ich glaube Curufinwë in der Hinsicht, dass er seinen Vater besser als ich kannte. Zumindest zu der Zeit.“

„Das darfst du nicht denken!“, brauste sein Kind auf und Nolvo lächelte leicht. Er ging wieder zurück und zog den Jungen, denn das würde Findecáno immer für ihn bleiben, in seine Arme und schwieg. „Was aber, wenn dein Onkel wollte, dass wir nach Tirion zurückkehren?“, fragte er schließlich doch. Findecáno versteifte sich und ließ ihn los. Der verlorene Ausdruck auf dem Gesicht, welches ihm so ähnlich war, schmerzte ihn direkt. „Kannst du es ausschließen? Wir wurden in Aman zurückgelassen. Wir hätten umkehren können.“

„Das hätten wir nicht! Wir wären verurteilt worden, selbst wenn wir um Vergebung gebeten hätten. Wir haben nie gezögert Feanáro zu folgen, wir wollten gehen. Die zurückgebliebenen Noldor hätten uns vielleicht wieder aufgenommen. Nicht aber die Teleri oder Vanyar. Wir wären für immer als Verbrecher dagestanden, weil wir nicht aus Reue zurückkamen, sondern weil die Umstände zu folgen, zu umständlich und gefährlich waren“, brachte Findecáno aufgebracht hervor. „Selbst wenn wir annähmen, mein Onkel hätte das gewollt, hätte das die Situation nie verbessert.“

Nolofinwë seufzte und strich sich durchs Haar.

„Wieso hast du Ruß an der Wange?“, wurde er plötzlich gefragt und schaute irritiert zu seinem Sohn. Verwundert berührte er sein Gesicht und ging zum Spiegel, der an der einen Wand hing. Als er jedoch hineinsah, erschrak er zutiefst und macht unwillkürlich einen Schritt zurück.

„Atar?!“

Alles, was Nolofinwë sah, war ein so vertrautes Gesicht, dass all die Sehnsucht und Wehmut erneut aufwallten und ihm den Atem nahmen. Die durchdringenden Augen, das meist Ruß verschmutzte Gesicht, das schiefe, spöttische Lächeln, welches immer seine Mundwinkel gehoben hatte und das fedrige, tiefschwarze Haar. Aus dem Spiegel blickte ihm nicht er selbst entgegen, sondern sein Bruder. Zittrig und ungläubig hob er die Hand zur spiegelnden Glasfläche, nur um blinzelnd festzustellen, dass nur er selbst vollkommen verschreckt aus dem Spiegel starrte. Auf seiner linken Wange war eine leicht rußige Spur, die er unsicher wegwischte. Nolofinwë verstand nicht, wie der Ruß überhaupt dorthin gelangt war, aber noch weniger, warum er für einen Moment nicht sich selbst sondern Feanáro gesehen hatte.

„Ich …“, er brach ab und schüttelte nur den Kopf. Innerlich erschöpft fuhr er sich mit der Hand über die Augen und schaute erneut in den Spiegel. Der Schmerz in seinen Gesichtszügen war überdeutlich und je länger er hineinsah, desto besser verstand er, warum ihm Feanáro entgegengeblickt hatte. Ihm war zuvor nie aufgefallen, wie ähnlich sie sich optisch waren.

„Was war das eben?“

Die Sorge verlieh der Stimme seines Sohnes einen fast schrillen Beiklang. „Ich hab nur nicht genau genug in den Spiegel gesehen und geglaubt, etwas zu sehen, was nicht ist. Verzeih mir, dass ich dir Sorgen bereitet habe!“ Er hoffte nur, dass ihm sein Kind das auch abnahm.  

Mit einem letzten, gejagten Blick zum Spiegel verließ er mit Findecáno den Raum und ging Richtung Speisesaal. Gelächter war zu hören.

Er fragte sich, ob sie wirklich den richtigen Pfad beschritten. Es war die Aufgabe eines Königs sein Volk aus der Dunkelheit zu führen. Nur je länger er darüber nachdachte, desto mehr wünschte er sich Feanáro herbei, der eine Flamme in schwärzester Dunkelheit gewesen war. Aber er lächelte, als sie eintraten und seine Schwester Fániël lachend nach ihm rief und die Hand ausstreckte. Wie spöttische Kommentare von Tyelcormo kamen, weil er zu spät war, die feixenden Blicke von Ambarussar, die ihn alarmierten, weil damit ein Streich mit Sicherheit noch wartete.

Und auch wenn sein Zorn nicht geringer geworden war, so wünschte er, dass Mandos gnädig wäre und er selbst seinem älteren Bruder den Kopf waschen konnte. Nur um dann wieder zu folgen, wohin Feanáro sie führen würde.
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