Walking Ghost

von Fuin
KurzgeschichteDrama, Angst / P18
17.05.2015
17.05.2015
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N'Abend zusammen,
und herzlich willkommen zu meiner ersten Geschichte in diesem Fandom, ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
Vielen Dank an meine Betaleserin BlueScullyZ und alles Gute nachträglich der Moskauer Metro, die am 15. Mai ihren 80sten Geburtstag gefeiert hat und ohne die es eines der besten Bücher überhaupt nicht geben würde!

Disclaimer: Das Metro 2033-Universum gehört mir nicht und ich verdiene mit dieser Geschichte keine Patronen. Sonstige Zitate sind am Ende des Textes angegeben.



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Metro 2033 – Walking Ghost



"Lilja ... Lilja, ich muss ... mit dir sprechen. Es ist wichtig."
"Ach, ja?!", schnappte sie. "Dann erzähl's doch deinen anderen Weibern! Ich bin beschäftigt!"
Sie schlug ihm die schief in den Angeln hängende Tür vor der Nase zu.
Er hob die Hand, um noch einmal anzuklopfen. Und ließ sie wieder sinken. Später. Wenn Lilja sich beruhigt haben würde. – Ein wenig Zeit hatte er noch.
Wenn er ihr eine Weile Zeit ließ, würde sie anders reagieren. Früher hatte sie ihn doch immer so vermisst. Er wusste, sie tat es immer noch. Irgendwo hinter der eifersüchtigen Fassade.


Er wandte sich ab von der Behausung, deren Vorder- und Rückseite einem Bretterverschlag glichen, während sie zu den Seiten von marmorverkleideten Wänden begrenzt war. Er würde zurückkommen. Doch zuerst musste er noch einen anderen alten Bekannten besuchen.

Sein Weg führte ihn bis ganz ans Ende der Station, an dem sich ein größeres Abteil als das der üblichen Stationsbewohner befand. Es war nicht zwischen den massigen Marmorsäulen eingezwängt, welche die Decke der Station stützten, sondern zog sich quer über die Plattform. Er klopfte an. Die Tür wurde von einem der beiden Assistenten des Stationsvorstehers geöffnet. Dem Jungen nickte er knapp zu und betrat den Raum. Unter dem Türrahmen musste er sich ducken, um nicht mit dem Kopf anzustoßen. Der Stationsvorsteher saß an einem Pult zu seiner Linken, trank Tee aus einer Tasse mit vergoldetem Rand. Auch ihn grüßte er mit einem Kopfnicken.
"Guten Tag, Jewgenij Alexandrowitsch."
Einen Augenblicklang sah dieser ihn verdutzt über seine runde Brille hinweg an. Dann erlangte er seine Fassung zurück und sein Gesicht nahm einen strengen Ausdruck an.
"Guten Tag ... Maxim. – Das ist doch dein Namen, ja? Maxim? Es ist so lange her, dass ich das schon ... vergessen habe. Oder eher: verdrängt, vielleicht."

"Ja", gab Maxim zurück und wandte sich von ihm ab. Er drehte sich dem lebensgroßen Denkmal zu, das sich gegenüber des Eingangs befand. Auf einem Podest saß ein Mann, in einen altmodischen Mantel gekleidet, mit kurzem, welligen Haar und Backenbart. Eine Hand stützte er auf dem Oberschenkel ab, in der anderen hielt er traubenförmige Blütendolden. Flieder oder so etwas. Maxim kannte sich damit nicht aus. Sein Blick war nachdenklich, in die Ferne gerichtet. Oder vielleicht auch nur auf die Bretterwand des Büros. – Dabei war doch der Ausblick hinter ihm viel wunderbarer. Eine idyllische Landschaft zeichnete sich auf der Wand ab: Zarte Pastellfarben. Eine Baumkrone spannte sich über den Kopf des Dichters, dahinter ein kleiner See mit ruhigem Wasser, in dem sich ein Schlösschen und die umstehenden Bäume spiegelten ... Die Landschaft wirkte so real, dass er hineintreten wollte, in dem See schwimmen, seinen Körper in der Sonne trocknen lassen und danach in dem Schlösschen nach dem Tafelsilber suchen.
Dabei war die Idylle schon lange verloren. Vielleicht hatte sie auch niemals existiert...


"Maxim, was hast du hier verloren?!", erkundigte sich Jewgenij Alexandrowitsch. Maxim warf ihm einen kurzen Blick zu. Er war von seinem Schreibtisch aufgestanden. Vielleicht, um seiner Autorität mehr Ausdruck zu verleihen, doch der untersetzte Mann konnte Maxim keine Angst einflößen. Wie gebannt wanderte sein Blick zurück zu dem steinernen Dichter und der Landschaft aus einer anderen Zeit.
"Du hast deinen Lohn im Voraus kassiert und dann deinen Auftrag nicht erfüllt", fuhr der Vorsteher fort. "Und jetzt wagst du es, hier aufzutauchen! – Nach elf verdammten Monaten?!"
"Es ist was dazwischengekommen." erwiderte Maxim.
"'Was dazwischengekommen.' – So, so, da ist also 'was dazwischengekommen'", zischte Jewgenij Alexandrowitsch und er konnte hören, wie er auf und ab zu laufen begann. "Und jetzt?"
"Und jetzt was?", fragte Maxim ruhig.
"Ja, was möchtest du jetzt hier, hä? Hast wohl deine ganzen Patronen ausgegeben und suchst jetzt nach einem Job, hm? Aber ich sage dir was! – Von mir kriegst du keinen, du hast meine Geduld aufgebraucht und mein Vertrauen mit Füßen getreten!"
"Nein."
"Was 'Nein'?!"
"Nein, ich will keinen Job von dir."
"Ja und was willst du dann bitte hier?", stieß der Stationsvorsteher hervor. Er atmete heftig.


"O Traum des Lebens, stirb, dem Nichts geweiht,
Verlisch im Grabesdunkel, irres Feuer!*", murmelte Maxim.
Auf dem See schienen die Wellen in Bewegung zu geraten. Das Gemälde zog ihn in sich hinein, in die ruhige Idylle eines längst vergangenen Sommertages...

"Kannst du mich bitte mal ansehen?!", verlangte Jewgenij Alexandrowitsch. "Sind wir jetzt hier, um Gedichte zu zitieren, oder was?"
Die Illusion verblasste.
"Ja", sagte Maxim. "Deshalb bin ich hier. Ich bin nicht wegen Ihnen gekommen."
"Wegen mir kannst du dann jetzt aber bitte gehen!"
Er nickte. "Natürlich, Jewgenij Alexandrowitsch."

Einen Moment lang starrte er noch auf das Gemälde, doch der Zauber war verflogen. Dann blickte er zum Gesicht des Dichters auf.
"Auf Wiedersehen", murmelte er und wandte sich zum Gehen.
"Ja, ja, auf Wiedersehen!", plärrte Jewgenij Alexandrowitsch. "Oder doch eigentlich ... hoffentlich nicht. – Hoffentlich sehen wir uns nicht wieder!"

Nervös folgte er Maxim zur Tür und öffnete sie demonstrativ.
"Keine Sorge. Das werden wir nicht", versicherte er ruhig. Als er das Büro verlassen hatte, drehte er sich noch einmal um. "Den da," , er deutete auf die Statue, "den sollten Sie nicht vor den Menschen verstecken. Er ist dafür gemacht, dass man ihn sieht. Tun Sie ihren Leuten den Gefallen und verlegen Sie ihr Büro woanders hin."

Jewgenij Alexandrowitsch schlug die Tür kommentarlos hinter ihm zu.



Maxim straffte die Schultern und lenkte seine Schritte zurück zu Liljas Wohnabteil. Er war nicht lang fort gewesen, doch es musste ausreichen. Feste Schritte, aufrechte Haltung. Dabei fühlte er sich müde. So müde ... Einen Moment lang wollte er stehen bleiben und sich gegen eine der Säulen lehnen. Die Stirn an den kühlen Marmor legen. – Doch er nahm sich zusammen. Er hatte es nicht nötig, auf diese paar dutzend Meter eine Pause einzulegen.

Als er erneut an Liljas Tür klopfte, lag ihm der metallische Geschmack von Blut auf der Zunge.
Sie öffnete nicht, obwohl ein Schatten in dem schmalen Spalt zwischen zwei Brettern getreten war. Lilja beobachtete ihn. Vielleicht stellte sie seine Geduld auf die Probe. Er beugte sich nach vorn, versuchte ihr Gesicht durch den Spalt zu erkennen und ihren Blick aufzufangen.
"Lilja. Gib mir nur eine Minute Zeit. – Ich bitte dich! Ich weiß, ich habe einen Fehler gemacht ... Oder vielleicht auch mehr als einen ... Hunderte! So viele Fehler, dass ich sie selbst gar nicht mehr zählen kann. Aber ich weiß, dass du das für mich getan hast." Er sprach leise, eindringlich. Der blutige Geschmack auf seiner Zunge verstärkte sich. Er presste die Lippen aufeinander und wartete.
Minutenlang.

Dann schwang die Tür auf.
"Das habe ich versucht", sagte Lilja scharf. "Aber dann ist mir bewusst geworden, wie viele Dinge es noch geben muss, von denen ich gar nichts erfahren habe!"
Sie trat zur Seite und ließ ihn eintreten. Maxim ließ ihren Vorwurf unkommentiert. – Sie wussten beide, dass sie Recht hatte. Komisch, dass ihm das jetzt so bewusst war.
"Wie kommt's dass du hier bist?", fragte sie.
"Bekomme ich einen Tee?"
"Aber immer doch, mein Liebster!", erwiderte sie bissig. "Setz dich doch schonmal! – Sonst noch einen Wunsch?!"
Er zog einen niedrigen Schemel zu sich heran und ließ sich darauf nieder, während Lilja tatsächlich den Tee aufsetzte.
"Ich hatte Sehnsucht nach dir", stellte er ruhig fest.
"Ach, und nach wie vielen Mädchen hast du sonst noch so Sehnsucht?"
"Nach keiner. Nur nach dir."
"Und wem hast du das noch alles erzählt?"
"Niemandem sonst."
"Oh, wie kommt es bloß, dass ich dir nicht glaube?" Sie knallte eine Tasse vor ihn auf den Tisch. Tee schwappte über.
"Was kann ich tun, damit du mir vertraust?"


Sie setzte sich ihm gegenüber und legte die Hände um ihre Tasse. "Ich habe dir vertraut. Wieder und wieder und wieder. Und jedes Mal hast du mich aufs Neue enttäuscht. Was soll es mir bringen, es jetzt noch einmal zu versuchen?"
Maxim seufzte resigniert. Zu vieler Leute Vertrauen hatte er missbraucht. Lilja hatte ihm vertraut, irgendwann einmal. Sascha hatte ihm vertraut. Bei manch einem war ihm das egal. Jewgenij Alexandrowitsch. Der Mann war eine reine Geldquelle für ihn gewesen und nun kümmerte ihn das nicht mehr. Bei Lilja war das anders. Sie bedeutete ihm tatsächlich etwas. Schade, dass er das erst jetzt bemerkte, wo er sie doch schon verloren hatte. Und wer konnte ihm jetzt überhaupt noch vertrauen? – Nicht einmal mehr er selbst, stellte er fest.

"Vielleicht ist es nicht viel. Vielleicht genügt es dir nicht ... aber ich werde keine Ausreden erfinden, dieses Mal. Ich habe dich getäuscht. Verdammt, und es tut mir Leid! Ich habe heute keine Ausflüchte, keine leeren Versprechungen. Ich kann dir nur eines sagen: Es tut mir ... –"
"Deine Nase blutet", sagte sie schroff.
"Was?"
"Maxim, deine Nase!", wiederholte sie.
Er fuhr sich mit den Fingerspitzen unter der Nase entlang. "Oh ...", murmelte er, als er den roten Schleier betrachtete, der an seiner Haut haften geblieben war. "Tja, dann noch einmal", sagte er leise, wie zu sich selbst. "Es tut mir Leid. Ehrlich. Bitte verzeih mir."
"Das weiß ich noch nicht", gab sie zurück, immer noch eingeschnappt. Dann drehte sie sich halb um und kramte in einer Schublade herum, um schließlich einen alten Stofffetzen herauszuholen. "Blute hier nicht alles voll!", herrschte sie ihn an und warf ihm den Lumpen zu.

Sie trank ihren Tee und schwieg, beobachtete ihn. Maxim konnte sehen, dass sie mit sich rang. Sie hing an ihm, das wusste er und genau das hatte er oft genug ausgenutzt. Wahrscheinlich könnte er es sogar verstehen, wenn sie ihm nicht verzieh. Doch er wünschte sich, dass es anders kommen würde. Früher oder später würde sie es tun, daran bestand kein Zweifel. Aber es wäre ihm mehr als recht, wenn er diesen Moment miterleben, wenn er die Worte aus ihrem Mund hören könnte ... Und wann war ihm überhaupt zum letzten Mal aufgefallen, wie schön sie eigentlich war? Die blasse, zarte Haut, das dunkle Haar. Die funkelnden Augen, auch wenn es nur Zorn war, der sich darin spiegelte. – Wieso nur hatte er sie jemals gegen ein anderes Mädchen eintauschen wollen?
Er wollte ihr ein Kompliment machen. Doch sie würde es nur als Schleimerei auffassen, würde gar nicht in Betracht ziehen, dass er es ernst meinen könnte.

"Hört das denn gar nicht mehr auf?", fragte Lilja und reicht ihm einen neuen Lumpen. Der alte war bereits vom Blut durchtränkt.
"Ich weiß nicht, Lilja. Ich bin nicht sicher. Vielleicht hört es wirklich nicht mehr auf." Er schob seine Ärmel nach oben und streckte seine Arme nach vorn. Das Blut aus seiner Nase tropfte ungehindert auf seine Brust.
Lilja sog scharf die Luft ein.
"Was ist das?!", stieß sie erschrocken hervor.
Auf seinen Armen zeichneten sich purpurne Male ab, wie Flecken von Schimmel, der sich auf seiner Haut ausbreitete. Lilja war vor ihm zurückgewichen. Offensichtlich fürchtete sie sich davor, sich anzustecken.
Maxim lachte trocken auf. "Du musst davor keine Angst haben. Du nicht."
"Wie ist das passiert?", hauchte sie und auf ihrem Gesicht zeichnete sich eine Mischung aus Faszination und Ekel ab.

"Es ist jetzt etwas mehr als eine Woche her ...", begann er. Und dann erzählte er die Geschichte, die er bis jetzt für sich behalten hatte, die für niemand anderen als Lilja bestimmt war:



***



"Wir sollten ihm einfach was von einer anderen Station mitbringen", schlug Sascha vor, die Stimme gedämpft von der Gasmaske, und ließ die Umgebung dabei nicht aus den Augen, beobachtete sie aufmerksam durch sein Zielfernrohr.
"Dafür ist es jetzt zu spät, jetzt, wo wir schon bis hierhergekommen sind", brummte Maxim.
Die beiden Stalker hockten am Rand eines Daches, denn von hier aus hatte man eine gute Rundumsicht über die Umgebung der Awtowo. Doch es war kein schöner Anblick, der sich ihnen bot: Nicht weit von ihnen entfernt hatte sich ein tiefer Krater ins Antlitz der Stadt gefressen. Und wie faulige Zähne ragten die Häuserruinen rings umher aus dem Boden. Dazwischen hatten sich schwarze Tümpel gesammelt: Der Sumpf, auf dem Sankt Petersburg gebaut worden war, forderte sein Land zurück.
Die Geigerzähler rauschten panisch.

"Was bringt's ihm denn?", fragte Sascha. "Hier strahlt doch eh alles. 'Ein Souvenir von der Awtowo' – Dass ich nicht lache! Und dafür riskieren wir unser Leben. Dafür, dass wir dann unsere Beute nicht einmal nach drinnen bringen können. Damit kontaminieren wir doch alles!"
"Das ist nicht unsere Sache. Darum muss er sich kümmern", stellte Maxim klar und bedeutete ihm, still zu sein. Wer wusste schon, welche Monster Sascha mit seinen Beschwerden anlocken würde. Maxim sah das so: Als er den Auftrag angenommen hatte, hätte ihnen das Risiko bewusst sein müssen. Doch die Geldgier war stärker gewesen als der Verstand und jetzt war es zu spät, um sich die Summe, die er zahlte, entgehen zu lassen.

Er, das war der Sammler. Jener merkwürdige Kerl, der an der Wladimirskaja ein Museum errichten wollte. Mit allem möglichem Krempel. 'Etwas, dass die Menschen an die Zeit Davor erinnert.' Und jetzt sollte es etwas von der Awtowo sein, der schönsten aller Metrostationen. Vielleicht eine alte Fliese, oder eine Lüftungsabdeckung. – Aber am liebsten einige Steine aus diesem rot-goldenen Mosaik, das Maxim nur von Bildern kannte. Die Mutter Heimat war darauf abgebildet, über ihrem Kopf wehte ein Band mit den Worten "Frieden der Welt" und zu ihren Füßen stand: "Unsere Sache ist gerecht – Wir haben gesiegt".
'Wie ironisch', dachte Maxim.
Wer hatte schon gesiegt? Die Strahlung, der Sumpf, die Mutanten. Und die Menschen verkrochen sich in der Erde. Und in der Welt herrschte Frieden? Weil es niemanden mehr gab, der Krieg führen konnte?


"Ich denke, hier ist alles klar", stellte Sascha fest und erhob sich. Seine Knie knackten hörbar, als er seine Beine ausstreckte.
Maxim nickte zustimmend. Hier war nichts. Es gab keinerlei Geräusche, bis auf das unablässige Summen der Mücken, deren Schwärme schwarze Wolken über der Stadt bildeten. Die Ruhe hatte ihnen nicht gefallen und sie waren besonders vorsichtig gewesen. Doch keiner der beiden Stalker hatte etwas Ungewöhnliches entdecken können. Langsam zogen sie sich vom Rand des Daches zurück, in Richtung der Feuerleiter, die sie zum Aufstieg benutzt hatten. Geduckte Haltung. Alles im Blick behalten. Maxim wurde jetzt ungeduldig. Er wollte nur noch hinunter zur Awtowo und dann diesen verstrahlen Stadtteil verlassen. Die Lieferung zum Sammler bringen. Die wohlverdienten Patronen in seiner Tasche klimpern hören. Und dann ...


... Dann fiel ein Schatten auf die beiden Stalker.
Maxim wirbelte herum. Riss die Augen auf. Die ledernen Schwingen des Pterodactyl verdunkelten die Sonne.
Viel zu spät hob er seine AK-74 und schoss. Die Bestie stieß unbeeindruckt auf die Männer herab, die langen Klauen nach der Beute ausgestreckt. Sascha stieß einen gellenden Schrei auf, als sie ihn packten. Mit einem kräftigen Flügelschlag stieg der Pterodactyl wieder meterweit in die Luft, Sascha wurde nach oben gerissen und die Wucht der Bewegung schlug ihm das Sturmgewehr aus den Händen.

Maxim feuerte und feuerte, fluchte, brüllte Saschas Namen. Doch es half nichts, der Pterodactyl taumelte zweimal und stieg dennoch immer weiter in den Himmel hinauf. Er flog in rasender Geschwindigkeit über den Krater hinweg. Saschas Schreie verklangen in der Ferne und ein zweites Geräusch rang in seinen Ohren. Er fuhr herum und gab einen Schuss auf die zweite Bestie ab, die hinter ihm aufgetaucht war. Einen einzigen nur, dann war das Magazin leer. Während er panisch nach einem neuen tastete, stürzte sie auf ihn hinunter. Ein brennender Schmerz durchfuhr ihn, als die Klauen die Haut über seinen Rippen aufrissen. Der Pterodactyl verkrallte sich in Maxims Schutzanzug und hob ihn in die Höhe.
Er hielt seine AK-74 fest im Griff, wenn auch er seine Waffe verlieren würde, hätte er keine Chance. Er fand das Ersatzmagazin und feuerte senkrecht nach oben. Das Projektil schlug durch die lederne Haut und dunkles Blut tropfte herab, bildete Schlieren auf den Sichtgläsern von Maxims Schutzmaske. Blind gab er einen weiteren Schuss ab. – Es war unmöglich, das Ziel zu verfehlen.

Die Bestie stieß ein schrilles Kreischen aus und er spürte, dass sie an Höhe verlor. Doch sie taumelte nicht tödlich getroffen zu Boden, stürzte nicht unkontrolliert in die Tiefe. Mit rasendem Herzen fragte Maxim sich, was sie plante. Er verrenkte sich beinahe den Hals, um etwas anders wahrnehmen zu können als die graue Haut der Bestie und eines Fleckens Himmel darüber. Plötzlich sah er die Wand auf sich zukommen. Bröckelnde Fassade, dazwischen gesplitterte Fensterscheiben. Maxim versuchte seinen Kopf zu schützen und einen Augenblick später schlug sein Körper gegen das Hindernis. Weiße Flecken tanzten vor seinen Augen. Reflexartig hatte er sich an den Klauen des Pterodactyl festgeklammert, obwohl dieser den Stoff seines immer noch stabilen Schutzanzugs fest im Griff hatte.
Sein Sturmgewehr hatte er dabei fallen lassen. Das war der Plan der Bestie gewesen: Das Opfer zu betäuben, ihm die Chance nehmen, sich zu wehren.

Während er noch halb ohnmächtig in den Klauen des Jägers hing, konnte er einen Moment lang nicht anders, als die Intelligenz dieser Wesen zu bewundern. Alles geschah nach Plan. Sie hatten abgewartet bis ihre Beute sich in Sicherheit wähnte. Unaufmerksam wurde. Waren dann aus ihrem Versteck hervorgekommen, um die Stalker hinterrücks zu überfallen ... Konnte man das noch Instinkt nennen?


Maxim wischte mit dem Handrücken über die Sichtgläser der Maske. In der Ferne konnte er noch die Umrisse des zweiten Pterodactyl erkennen. In seinem Griff Saschas Silhouette, die winzig klein wirkte im Vergleich zu dem Jäger. Er schien sich nicht mehr zu bewegen.
Was sollte er tun? Abwarten, bis der Pterodactyl sein Nest erreicht hatte und ihn losließ? Und dann? – Dann hatte er es mit zwei dieser Bestien zu tun und möglicherweise auch noch mit ihren Jungen. Nein. So hatte er keine Chance.

Er wählte einen anderen Weg, auch wenn dieser nicht viel aussichtsreicher zu sein schien. Er tastete nach seinem Messer und begann, das Material seines Schutzanzuges aufzuschneiden. Der Anzug war schwer, mit Blei verstärkt und Maxims Ausrüstung war daran befestigt. Vielleicht würde der Pterodactyl nicht bemerken, dass er nur noch die Hülle seiner Beute trug. Die ungenießbare Haut.


Er begann zu schwitzen, während er das feste Material mit dem Messer zersägte. Nachdem der Pterodactyl seinen Körper gegen die Häuserwand geschlagen hatte, schien er nicht wieder weiter nach oben gestiegen zu sein. Doch Maxim hatte keine Ahnung, wie weit vom Boden entfernt er wirklich war. Er wollte sich umsehen, aber im Griff der Bestie und mit seinem eingeschränkten Gesichtsfeld war es unmöglich, sich weit genug umzudrehen. Aber es war ihm egal. – Alles war besser, denn als Mutantenfutter zu enden.
Ein letzter Schnitt und der das Material des Anzugs riss vollends auf.

Maxim fiel. Er hatte einen Augenblick lang Zeit zu bemerken, dass der Boden nicht so weit entfernt war, wie er angenommen hatte.

Dann schlug er auf und verlor das Bewusstsein.





...
If the radiance of a thousand suns
were to burst at once into the sky
that would be like
the splendor of the Mighty One and I am become Death, the shatterer of worlds.**
...





...
Ich zerfalle.
Unsichtbar.
Geruchslos.
Tödlich.

Meine Energie zerfrisst dich.
Schlägt die Moleküle entzwei, in denen dein Leben gespeichert ist.
Noch spürst du nichts, noch ahnst du nichts.
Ich bin nicht allein. Du schon.

Wir sind unendlich viele. Und wir sind überall.
In dem Staub, der deine Haut bedeckt und in der Luft der du atmest.
Wir haben die Welt in Schutt und Asche gelegt.
Die Welt zerfiel, weil wir zerfallen.
Unsichtbare, kritische Masse.

Alpha, Gamma.
Ich strahle.
Und du strahlst.
Ich zerfalle.  
Plutonium. Uran.
Und dein Körper wird ebenfalls zerfallen.

Ich suche nach Stabilität.
Und habe alles aus dem Gleichgewicht gebracht.

Und du? Hast den Tod gesucht.
Und ihn gefunden.
...





Maxims Kopf schmerzte. Er richtete sich auf und ihm war schwindelig. Das war nicht schlecht. Denn vermutlich bedeutete es, dass er lebte. Maxim rückte fluchend seine verrutschte Gasmaske zurecht. Er bewegte die Gliedmaßen vorsichtig. Gut fühlte sich das nicht an, doch es war auch nichts gebrochen. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, sich zu orientieren. Er befand sich in einer Wüste. Um ihn herum standen keine Häuser mehr, keine Autos, stand nichts. Die Erkenntnis brauchte eine Weile, doch dann traf sie ihn wie ein Schlag: Er befand sich in dem Bombenkrater. Hastig tastete er nach seinem Dosimeter und dann fiel ihm auf, dass es fort war, mitsamt dem ABC-Schutzanzug und dem Großteil seiner Ausrüstung.
Maxim stieß einen Fluch aus. Er musste hier fort, und zwar schnell! Einen Augenblick lang dachte er an Sascha, doch Sascha war verloren. Tot. Sich selbst konnte er noch retten. Suchend blickte er sich um und versuchte, sich zu orientieren. Dann machte er sich auf den Weg. Er zückte das Messer aus dem Absatz seines Kampfstiefels, die einzige Waffe, die ihm noch geblieben war, und humpelte los. Schneller. Er durfte keine weitere Zeit hier verlieren, wer wusste schon, wie viel Strahlung er bereits abbekommen hatte? Doch sein angeschlagener Körper machte ihm einen Strich durch die Rechnung. – Er kam viel langsamer vorwärts, als er wollte.
Das Messer hielt er fest umklammert, als würde er ertrinken, wenn er es fallen ließe. Dabei würde es ihm im Notfall kaum etwas nutzen. Doch er hatte Glück, falls man in seiner Lage noch von viel Glück sprechen konnte: Die Pterodactyle hatten offenbar alle anderen Mutanten in Angst und Schrecken versetzt und so schien ihm kein anderes Lebewesen mehr auflauern zu wollen.

Maxim fasste sich an den Kopf, in dem ein pochender Schmerz wütete. Die Sicht verschwamm vor seinen Augen und er stolperte über einen hervorstehenden Stein. Er fing sich im letzten Moment, bevor er stürzte. Schwer atmend stützte er sich auf eine Mauer, welche die letzten Überreste eines Gebäudes darstellte, das sich hier einst befunden hatte. Er kniff die Augen zusammen und wartete darauf, dass der Schwindel verschwand. Doch stattdessen spürte er, wie Übelkeit seinen Magen zusammenzog und ein saurer Geschmack in seinen Mund stieg. Er würgte, sein Körper krümmte sich und er musste sich übergeben.

'Eine Gehirnerschütterung', dachte er während er den letzten Rest seines bitteren Mageninhalts auf den Boden spuckte. 'Eine Gehirnerschütterung. Ich bin auf den Kopf gefallen, kein Wunder also, dass ich eine Gehirnerschütterung habe. Ein bisschen Ruhe. Ein bisschen Ruhe und alles ist vorbei. Bloß eine dumme Gehirnerschütterung ...'
Er richtete sich wieder auf, wischte sich mit dem Handrücken über die Lippen. Seine Hände zitterten und die Augen tränten.
Das Vestibül der Metrostation war schon in Sicht, als er sich das nächste Mal erbrach.


Dann hatte er endlich die Awtowo erreicht. Sein Körper sehnte sich bereits nach einer Pause, doch er erlaubte sie sich nicht. Zu viel Strahlung. Und wer wusste schon, wo sich der nächste Mutant versteckte? Auf dem Weg nach unten musste er sich am Treppengeländer festhalten und seine Schwäche ärgerte ihn. Wenigstens war der Weg nach unten hier kurz, es gab keine Rolltreppe, die sich immer tiefer und tiefer in den Erdboden fraß. Einer der wenigen Vorteile, die eine oberflächennahe Station hatte. Während des Abstiegs zerrte er die winzige Ersatztaschenlampe unter seiner Kleidung hervor. Dieses nicht besonders qualitätsvolle Ding trug er immer bei sich. – Für den Notfall, der niemals eintreten sollte.

Im kränklichen Lichtschein stob eine Gruppe Ratten auseinander, die an einem undefinierbaren Kadaver genagt hatten. Vorsichtig tastete Maxim sich durch die Station vor. Er spürte einen Windhauch im Nacken und ein kalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. – Es war nicht gut, in der Metro allein unterwegs zu sein. Vier Augen sahen mehr als zwei, selbst in dieser undurchdringlichen Finsternis. Und es waren nicht nur Saschas Fähigkeiten als Stalker, die er schon jetzt vermisste. Er hatte einen Freund verloren.


Blicke folgten ihm. Lichtpunkte, die paarweise aus der Dunkelheit aufleuchteten. Kleine, krallenbewehrte Pfoten schrappten und kratzten über Granit. Schnelle, huschende Bewegungen am Rande seines Gesichtsfeldes. Die reflektierenden Augen waren klein und nicht weit vom Boden entfernt. Ratten vielleicht. Hoffentlich Ratten. Sie wagten sich nicht in den Lichtkegel, doch er konnte hören, dass sie hinter seinem Rücken näher an ihn herangerückt waren. Er wirbelte herum und kleine Körper huschten aus dem Lichtkegel heraus. Sobald er sich wieder umwandte, waren sich zurück.
"Verpisst euch", knurrte Maxim. "Macht, dass ihr wegkommt ihr dreckigen kleinen Bastarde ..."

Er beschleunigte seine Schritte und hörte, wie hinter ihm die Krallen schneller über den Boden tappten. Dazwischen ein anderes Geräusch, ein schrilles Fiepen, fast wie ein Lachen. Spöttisch.  
"Weg mit euch! Ver-schwin-det!", keuchte er zwischen zwei schnellen Atemzügen. "Drecksratten!"
Nur Ratten. Nichts weiter. Nur Ratten.

Er rannte jetzt. Seine Furcht hatte keinen Namen. Vielleicht waren es nicht die Nagetiere, die sie auslösten. Er hatte eine Gänsehaut am ganzen Körper, kalte Schauer und Wellen der Hitze strömten abwechselnd über seine Haut. In seinem Kopf pulsierte ein Schmerz, der ihn in tausend Teile sprengen würde. Er rannte. Weg von den Ratten und der Gehirnerschütterung und der Panik, die ihn gepackt hatte. Weg von Sascha und dem Pterodactyl, der ihm in diesem Moment die Eingeweide aus dem Leib riss. Weg von der Oberfläche und dem Krater. Dem unsichtbaren Grauen, vor dem sie alle flüchteten, vor dem sie sich versteckten, tief unter der Erde, vor dem auch Maxim sich verstecken wollte, doch es war in ihm und sein Kopf würde explodieren und sein Körper zerfallen und nichts würde von ihm übrig bleiben, nichts, nichts, nichts.
Nichts.


Dann war er am Ende des Tunnels.
Erst im letzten Moment bremste er seine Geschwindigkeit, schlitterte über den Boden und stieß unsanft gegen die mit Mosaiksteinchen besetzte Wand. Seine Handflächen glitten über die unebene Fläche, als er um Atem ringend auf die Knie sank. Sein Magen verkrampfte sich, ihm war übel, so furchtbar übel ... Er schaffte es gerade noch, bis zum Gleisbett zu kriechen, bevor er sich erneut übergeben musste.

Dann schwankte er auf zitternden Beinen zurück und konnte endlich den Grund dieser Unternehmung in Augenschein nehmen. Die Ratten schienen sich respektvoll zurückzuhalten, während er den Lichtkegel seiner Taschenlampe über das Mosaik gleiten ließ. Gold. Rot. Farben in einer ansonsten schwarzen Welt.

Maxim wusste nicht, welche Emotionen die Mutter auslöste, die ein kleines Kind auf dem Arm hielt. Da waren Zorn und Verzweiflung, denn sie hatte ihn hierhergeführt und hatte Sascha das Leben gekostet. Aber gleichzeitig spürte er Erleichterung, überhaupt so weit gekommen zu sein. Faszination für das Kunstwerk, das er heute zum ersten Mal sah. Und eine unbestimmte Sehnsucht. Vielleicht nach seiner eigenen Mutter, an die er schon seit Ewigkeiten keinen Gedanken mehr verschwendet hatte. Oder vielleicht die Sehnsucht nach einer anderen Zeit, in der diese Station von Leben erfüllt gewesen war, von Menschen, die auf dem Weg zur Arbeit waren, zum Einkaufen gingen, Verwandte und Freunde besuchen wollten, von Menschen, die all jene Dinge taten, die heute nur noch ferne Erinnerungen waren. Und von Menschen, die schlicht und einfach nach Hause gingen.
Maxim wusste jetzt, was genau diese Sehnsucht war: Heimweh. Plötzlich wollte er nichts anderes mehr, als nach Hause zu gehen. Und er wollte, dass dort jemand auf ihn wartete, der sich über seine Heimkehr freute. Er schluckte, als ihm bewusst wurde, dass es nicht einmal eine Station gab, die er als Heimat betrachtete. Niemals war er lange genug an einem Ort geblieben, um sich vollends an ihn zu gewöhnen. Das hatte er sich für die Zukunft aufgehoben. Für die Zeit, in der er alt und grau wurde und gar nichts mehr anderes tun wollte, als zu Hause zu sitzen und Tee zu trinken.

Mit mechanischen Bewegungen begann er, mit seinem Taschenmesser einige Steinchen aus dem Mosaik zu brechen.


Trotz all der Risiken, denen er sich als Stalker ausgesetzt hatte, hatte er sich niemals die Gelegenheit zu dem Gedanken gegeben, dass es diese Zukunft vielleicht niemals geben würde.


Ruckartig lösten sich die Steinchen aus dem Kunstwerk. Jedes einzelne fiel mit einem leisen Klimpern zu Boden.


Es hatte einmal eine Frau gegeben. Sie war genauso gewesen wie die anderen. Und doch irgendwie anders. – Maxim wusste nicht, was ihn damals dazu bewogen hatte. Doch für einen winzigen Moment hatte er sich dem Traum hingegeben, sie einfach nicht mehr zu verlassen. Einmal seine Versprechen zu halten.


Nach und nach fielen goldene und rote Farbtupfer aus dem Mosaik herab. Sie hinterließen schwarze Löcher in dem Kunstwerk, die sich nicht mehr schließen würden. Denn niemand würde kommen, um es zu reparieren.

Niemand konnte ihm ein neues Leben schenken.



Er beugte sich nach vorn und sammelte all die heruntergefallenen Scherben auf. Es waren beinahe schon zu viele, um sie alle in seinen Hosentaschen aufzubewahren. Er wandte sich ab von der stoischen Mutter, der die Apokalypse noch immer gleichgültig war, selbst nachdem er Löcher in ihren Leib gestanzt hatte. Tausend Augen folgten ihm, als er die Station erneut durchquerte. Tausend kleine, hinterlistige Augen mit Blicken voller Bosheit.
Doch sie ließen ihn in Ruhe.
Maxim war ein Geist für sie.  


***


Lilja blickte ihn ausdruckslos an. Falls ihr die Geschichte in irgendeiner Art und Weise zu schaffen machte, so sah man ihr das nicht an.

"So ...", murmelte sie schließlich. "So, so ... Und welcher Schwachkopf soll dich mit all dem strahlenden Zeug wieder in die Metro gelassen?"
"Du glaubst mir nicht?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Ich habe den Wachposten an der Kirowskij sawod bestochen", erklärte er.
"Du hattest all deine Patronen schon verloren", gab sie zu bedenken. Ihr Blick war eiskalt. – Sie glaubte tatsächlich, dass er versuchte, ihr Mitleid mit einem Märchen zu erwecken. Um danach mit ihr ins Bett zu springen vielleicht. Dabei war das nicht seine Absicht. Dazu hatte er gar nicht mehr die Kraft.
"Ich habe ihnen vom Sammler erzählt. Von dem Gewinn, den er mir versprochen hat und dass sie die Hälfte von meinem Anteil abbekommen. Sie haben nach jemanden geschickt, der ihn dorthin geholt hat und ich habe gewartet, gewartet, gekotzt und dann wieder gewartet."
"Und dann haben sie dich durchgelassen?"
Maxim nickte. "Der Sammler hat sie überzeugt."

Lilja lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. Sie glaubte ihm immer noch nicht.
Er presste die Lippen aufeinander. Sein Weg hier her hatte ihn über mehrere Stationen geführt und jetzt das.
"Lilja ... Lilja, ich weiß nicht, was ich noch sagen soll!"
"Ich genauso wenig", gab sie frostig zurück.
"Es ist jetzt fast zwei Wochen her ..." Maxim schluckte. Er griff sich an den Kopf und als er seine Hand zurückzog, hingen Haarbüschel zwischen seinen Finger. "Ich dachte, mein Kopf explodiert und mir war so furchtbar schlecht, dass ich nicht eine Stunde ausgehalten habe, ohne ..." Er winkte ab. "Na ja. Und dann – dann war es vorbei. Ganz plötzlich. Nichts mehr. Wohl noch ein paar blaue Flecken, sonst ... alles weg. Na, ein Glück, habe ich gedacht, Das war vielleicht eine fiese Gehirnerschütterung, aber jetzt ist ja alles gut." Er ließ das Haarbüschel auf den Tisch fallen. "Das habe ich also gedacht. Habe es mir eingeredet. Immer wieder." Er seufzte, stützte den Kopf in die Hände. Er war so schwer, dass sein Hals ihn nicht mehr tragen mochte. Alles war so schwer! Seine Stimme würde brüchig, als er weiter sprach. Begann zu zerfallen. "Immer wieder. Aber wusste es doch besser. Diese roten Stellen unter der Haut ... und dass die Krankheit so plötzlich aufhörte. – Ich wusste, dass das nicht das Ende war, sondern erst der Anfang! Ich bin ein wandelnder Geist, Lilja. Ein Geist, der seine letzten Tage an den Fingern abzählen kann! Und das Ende kommt erst später. Alle meine Patronen habe ich ausgegeben ... für gutes Essen und Huren und Alkohol und Wetten, bis ich nichts mehr hatte und nicht mehr konnte ... Aber Saschas Anteil, den habe ich noch. Den habe ich nicht ausgegeben für so einen Dreck ..."

Er zog einen prall gefüllten Beutel hervor, in dem die Patronen klimperten und ihre Augen weiteten sich.
"Der ist für dich", sagte er mit heiserer Stimme und schob ihn auf den Tisch. "Ich brauche ... ich brauche ihn nicht mehr."

Er war sich nicht sicher, ob es das Geld war, oder ob ihre Kälte schlussendlich doch gespielt gewesen war. Doch ihr Gesichtsausdruck veränderte sich. Sie lehnte sich nach vorn, doch anstatt nach dem Beutel zu greifen, legte sie ihre Hände auf seine. Die Berührung brannte auf der wunden Haut, aber er zuckte nicht zurück.  

"Ich ... ich will das nicht", sagte sie mit leiser, unsicherer Stimme. "Also, ich ... es tut mir Leid. Deine Krankheit."
Dass sie es aussprach, machte es endgültig.
"Kann ich dir denn irgendwie helfen?", fragte sie überfordert.
"Nimm die Patronen", murmelte Maxim. "Ich will wissen, dass es dir gut geht."

Liljas setze wieder ihre kalte Maske auf. Sie ließ seine Hände los und er spürte, wie die Distanz zwischen ihnen erneut wuchs.
"Und wofür sind die?", fragte sie scharf. "Willst du schnell noch dein Gewissen bereinigen, bevor du ..." Sie machte eine Kopfbewegung, die verdeutlichte, was sie nicht aussprach. "Weißt du, ich will nicht dein Geld, ich wollte dich. Damals." Sie stand ruckartig auf und setzte neues Teewasser auf. Dabei hatten sie beide noch keinen Schluck getrunken. "Und jetzt ... jetzt tauchst du hier wieder auf. Wegen mir, sagst du. Aber ich weiß, dass es nur egoistisch ist. Du willst mich dafür bezahlen, dass ich dir Absolution erteile, in Vertretung für all die, die du verarscht hast!"

Maxim lagen tausend Ausflüchte auf der Zunge, doch am Ende gab er nur zu: "Vielleicht."
Lilja erstarrte und wandte sich dann langsam zu ihm um. Sie hatte von ihm keine Ehrlichkeit erwartet.
"Ich will, dass du mir verzeihst. Was alle anderen denken, ist mir egal. Und wenn du die Patronen nicht willst - dann nehme ich sie wieder mit."
Sie presste die Lippen aufeinander, griff nach dem Beutel und ließ ihn mit einer schnellen Bewegung im Schrank verschwinden. Den Dank blieb sie ihm schuldig. Sie setzte sich wieder zu ihm und trank den inzwischen kalten Tee in kleinen Schlucken. Schweigend betrachtete sie ihn. Maxim wich ihrem Blick aus.


"Warum hast du das gemacht, Max?", fragte sie schließlich seufzend.
"Was?"
"Die Oberfläche. Warum musstest du immer wieder nach oben?"
"Es war meine Arbeit."
"Deine Arbeit", wiederholte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. "Andere Leute haben andere Jobs. Und sie leben!"
Maxim atmete tief ein. "Da oben ist ... alles. Alles, was uns noch geblieben ist. Und hier unten – nur Dunkelheit. Du hast sie nie gesehen, oder? Die Sonne?"
"Nein."
"Ich musste immer wieder zurückkehren. Ja, es war wohl mehr als nur Arbeit." Maxim hob den Blick, starrte durch die niedrige Decke hindurch nach oben. Irgendwo dort, sechzig Meter über ihnen, war einmal mehr gewesen als nur die Erinnerung. "Du bist noch nie den Newskij Prospekt entlanggelaufen, hast noch nie die Ruinen gesehen und kannst dir gar nicht vorstellen, wie es früher einmal gewesen sein muss. Ich habe dort gestanden und mit offenen Augen geträumt, ich habe es gesehen. Tausende Menschen, junge Mädchen in kurzen Kleidern, gebückte alte Frauen, kleine Kinder ... Geschäfte, in denen man Sachen kaufen kann, die man sich jetzt nicht mal wünschen darf. Die Brücke mit den vier Pferden, die so echt aussehen, dass man meinen könnte, sie würden jeden Moment von ihren Sockeln herunterspringen und davongaloppieren. Und die Busse, Trolleybusse und Autos, die die Luft ganz diesig machen und die Kreuzungen blockieren ... Von ihnen sind nur noch Skelette übrig. In manchen sitzen andere Skelette, die Hände noch auf das Lenkrad gelegt. Sie sind dort gestorben, am Ende der Tage, haben das Feuer und die Strahlung nicht überlebt. Und ich ... ich habe nie daran gedacht zu sterben. Nie. Ich wollte nie daran denken, und jetzt ..." Maxim stützte den Kopf wieder in die Hände. Dort oben gab es nichts zu sehen, nur die hölzerne Decke mit den breiten, unregelmäßigen Spalten zwischen den Balken. Seine Zunge war mit einem bittereren Geschmack und salzigem Blut überzogen.


Lilja erhob sich langsam. Mit zögernden Schritten umrundete sie den Tisch und legte schweigend ihre Arme um ihn.
Maxim ließ seinen Kopf an ihre Schulter sinken. So oft hatten sie sich schon berührt, aber jetzt fühlte sich die Nähe fremd an. Als würden sie bereits jetzt zu zwei verschiedenen Welten gehören. "Ich will nicht sterben", flüsterte Maxim.
Sie schluckte, erwiderte jedoch nichts.


Lange hielten sie sich in den Armen und wussten nichts, was es wert wäre zu sagen.
Am Ende ließ Lilja ihn los.

Maxim wischte sich über die Augen und stand auf. Es war Zeit für ihn zu gehen. "Danke für den Tee", murmelte er.
"Du hast ihn nicht getrunken", stellte Lilja fest.
"Ich muss gehen."
"Wohin?"
Er zuckte mit den Achseln. – Das würde sein Geheimnis bleiben. Lilja fragte nicht weiter nach und sie bat ihn auch nicht darum zu bleiben. Er wusste nicht, ob er darauf gehofft hatte, aber gerechnet hatte er damit ohnehin nicht. Er wandte sich zum Gehen, ohne dass sie Worte des Abschieds aussprachen. Doch als er schon auf der Türschwelle stand, hielt Lilja ihn zurück und hauchte ihm einen hastigen, kaum spürbaren Kuss auf die Wange. Als sie zurücktrat, um ihn nach draußen zu lassen, lag Mitleid in ihrem Blick, aber auch Erleichterung.
Maxim wandte sich schnell ab. Wortlos.


Er ließ Liljas Hütte hinter sich zurück, ohne sich noch einmal umzublicken und verließ die Puschkinskaja für immer.
Die beiden Tunnel der roten Linie öffneten sich vor ihm. Die Aorta der Stadt, durch die das noch nicht ganz tote Herz noch immer ein wenig Blut sickern ließ. Maxim trat in die Dunkelheit. Er würde dem Tunnel bis zur Ploschad wosstanija folgen und dort würde das Licht auf ihn warten.

Die Weißen Nächte. Während die Welt der Menschen im Dunkeln lag, wurde es draußen in der Stadt im Sommer niemals Nacht

Maxim wusste nicht, ob es jetzt Nacht oder Tag war, doch er konnte sich sicher sein: Wenn er die Metrostation verließ, würde er den Obelisken sehen mit dem goldenen Stern an der Spitze.


Er würde den Newskij Prospekt hinunter gehen und ein Geist sein in einer Stadt der Toten.


Und an seinem Ende lag eine pastellfarbene Idylle.

Ein spiegelglatter Teich.



An seinem Ufer ein grüner Park und ein kleines Schloss.  






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*    – Aus Wunsch von Alexander Sergejewitsch Puschkin, übersetzt von Friedrich Fiedler (Originaltitel: ЖЕЛАНИЕ)

**  – Zitat aus der Bhagavad Gita, das von Robert Oppenheimer im Current Biography Yearbook, 1964 verwendet wurde
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