Words left unsaid

von Ravna
GeschichteDrama, Freundschaft / P16
16.05.2015
02.08.2015
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Warnung: Character Death, Kitsch, Drama und mögliche OOC-Darstellung. Die hier beschriebenen Vorkommnisse sind rein fiktiv. Gronkh, Sarazar und Rumpel gehören nur sich selbst. Und ja, ich habe immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich Fanfictions über reale Personen schreibe.

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1: Tag 0



Ein wenig verdutzt stehe ich neben dem Krankenhausbett, in dem mein Körper liegt. Das war's also jetzt? Irgendwie hatte ich mir das Ganze dramatischer vorgestellt. So mit Rückblende, langem dunklen Tunnel und tröstlichem Licht am Ende. Pustekuchen. Statt dessen nur etwas, das sich eher wie ein metaphysischer Arschtritt angefühlt hat. Und peng – raus war ich aus meinem Körper. Prompt fing eines der Überwachungsgeräte, mit denen meine sterbliche Hülle bis eben noch verkabelt gewesen ist, nervtötend an zu piepsen, ein ekelhafter Dauerton, von dem mir bestimmt die Ohren geblutet hätten... hätte ich denn noch welche besessen.
Man hat nicht versucht, mich wiederzubeleben. Wäre ohnehin nutzlos gewesen, und außerdem habe ich mich bewusst dagegen entschieden, damals, als ich zusammen mit Erik die Patientenverfügung ausgefüllt habe. Ist das wirklich erst drei Monate her?
Erik... Ich kann ihn hören. Er ist draußen auf dem Gang, vor meiner Zimmertür, und er schreit meinen Namen, immer und immer wieder. Es überrascht mich ein wenig. Er hat doch gewusst, dass es so kommen würde, hat gewusst, dass es jederzeit so weit sein konnte. Dass ich ausgerechnet die paar Minuten genutzt habe, die er gebraucht hat, um sich einen Kaffee zu holen, ist wohl doch etwas zu viel für ihn. Aber das konnte ich ihm doch nicht antun... in seiner Gegenwart sterben. Ich kenne ihn gut genug, um zu wissen, dass ihn das auf ewig verfolgt hätte.
Der Arzt drückt meine Augenlider zu, und die Schwester tupft ein wenig Speichel aus meinem Mundwinkel.
Von wegen Progamer und so – nicht einmal beim Abnippeln habe ich eine gute Figur gemacht. Rumpel würde jetzt einen dummen Spruch reißen, irgendwas über Noobs, Doritos-Ninjas und bekiffte Polkafritzen.
Aber Manuel ist nicht hier, nur Erik, der nun langsam, beinahe ängstlich eintritt. Das Krankenhauspersonal murmelt wenig überzeugend klingende Beileidsbekundungen, ist jedoch taktvoll genug, uns allein zu lassen. Uns? Na ja... ihn, meine Leiche und mich. Wow. Das ist so abgefahren.
Erik setzt sich auf die Bettkante, streckt zögernd seine zitternde Hand aus und streicht meinem Körper eine zottige Haarsträhne aus dem Gesicht.
„Valentin“, flüstert er mit einer fremd klingenden, gebrochenen Stimme. „Valentin.“
Er hat mich immer nur dann bei meinem vollen Namen genannt, wenn er wirklich sauer oder sehr besorgt war. Wir haben es hier also mit einem echten Ausnahmezustand zu tun.
Fasziniert sehe ich zu, wie er meine eingefallene, blasse Wange streichelt. Hat er jemals eine solche Zärtlichkeit mir gegenüber gezeigt, als ich noch am Leben war? Warum kann ich mich nicht daran erinnern?
Ich trete näher, lege ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. Ich kann die Wärme seiner Haut unter dem dünnen Stoff seines T-Shirts spüren, das Beben, das seinen starken Körper erfasst hat.
„Erik...?“ Noch während ich seinen Namen wispere, begreife ich, dass er mich nicht wahrnimmt. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes ein Geist, unfähig, diesen Menschen zu trösten, der mir doch so viel bedeutet.
Und trotzdem umfasse ich seine breiten Schultern und schmiege mich an seinen Rücken, als er das Ding in die Arme nimmt, das einmal ich gewesen ist. Ich weiß, dass ich ihn nicht erreiche, und dennoch wuschle ich unbeholfen durch sein zerzaustes Haar und flüstere die Worte, mit denen ich schon so oft versucht habe, ihm in den vergangenen Wochen Mut zu machen. Ich sage ihm, dass ich doch nicht weg bin, dass ich nur vorausgegangen bin und auf ihn warten werde, wenn es eines Tages für ihn so weit ist.
Wen versuche ich hier eigentlich zu trösten? Ihn oder mich selbst? Es tut weh, ihn so zu sehen. Mein Freund, mein Wegbegleiter. Mein großer Bruder. Mein Fels in der Brandung sitzt zusammengesackt auf einem steril wirkenden Krankenbett und wiegt diese ausgezehrte, tote Hülle in seinen Armen, wie er es wohl mit einem kranken Kind tun würde.
Warum tut er sich das an? Warum lässt er mich nicht los? Es kam doch nicht unerwartet; unser Abschied hat sich lange hingezogen. Doch all das erreicht ihn nicht. Er vergräbt das Gesicht in dem strohigen Wischmop, der mal meine Frisur dargestellt hat, und weint. Ich wünschte, ich könnte mit ihm weinen, doch offenbar sind mir Tränen versagt. So lege ich einfach den Kopf an seine Schulter und schließe die Augen, atme (Atme ich noch? Eine interessante Frage.) seinen mir so vertrauten Geruch ein.
Ich kann nicht sagen, wie viel Zeit vergangen ist, als Rumpel schließlich eintritt. Vielleicht zum ersten Mal darf ich erleben, dass der Herr Sergeant in meiner Gegenwart seine Mütze abnimmt. Kann ich mir darauf jetzt etwas einbilden? Widerwillig löse ich mich von meinem besten Freund und trete instinktiv einen Schritt zurück, um Manuel Platz zu machen. Vermutlich könnte er sowieso geradewegs durch mich hindurchgehen, doch auf diese Erfahrung möchte ich lieber verzichten.
„Es tut mir so leid, Erik.“ Und mir erst mal. Ich habe den beiden doch immer wieder gesagt, sie sollen keinen Staatsakt daraus machen, wenn ich abtrete. Aber haben die beiden jemals auf mich gehört? Nein. Jedenfalls nicht dann, wenn es vernünftig gewesen wäre.
Ich meine, was soll das hier jetzt geben? Eine überaus männliche Trauersession, bei der die beiden sich die Augen aus dem Kopf heulen und sich brüderlich eine Packung Papiertaschentücher teilen? Bitte nicht – ich bin mir nicht sicher, dass ich das verkraften würde. Zumal unser oh so harter Rumpi nämlich auch gerade feuchte Augen bekommt.
Er legt Erik eine Hand auf die Schulter, die ich gerade erst unwillig frei gemacht habe, und senkt den Kopf.
„Du musst ihn jetzt loslassen, weißt du? Es ist vorbei. Er ist nicht mehr hier.“
Hat der eine Ahnung! „Aber ich bin hier!“, schreie ich aus Leibeskräften. „Ich stehe direkt neben dir, Alter! Bist du blind, oder was?“ Keine Reaktion; genauso gut hätte ich eine Wand anbrüllen können.
Mein Bester nuschelt tränenerstickt etwas, das sich verdächtig nach „nicht alleinlassen“ anhört.
Manuel seufzt. „Erik...“
„Ich lasse ihn nicht allein! Er hat doch Angst, wenn er allein hier sein muss! Ich habe ihm versprochen, bei ihm zu bleiben! Ich... ich...“ Wieder bricht seine Stimme. Wie gerne würde ich ihm jetzt versichern, dass ich schon längst keine Angst mehr habe, höchstens um ihn. Aber ich kann mir den Mund fusselig reden, und es bringt nichts. Das ist so verdammt frustrierend!
„Erik, bitte. Valle ist tot. Siehst du? Er atmet nicht mehr.“
Ist unser Sergeant eigentlich schon immer so unsensibel gewesen? Aber wenn ich ihn mir so ansehe... vielleicht ist er auch einfach nur überfordert.
Dieses Mal ist es Rumpel, der meinen Superhomie im Arm hält und ihm beruhigenden Unsinn zuflüstert – und dieses Mal zeigt die freundschaftliche Geste endlich Wirkung. Nach und nach entspannt sich unser Freund, und endlich kann der Metaler ihn davon überzeugen, meinen Körper loszulassen.
Er stützt Erik, als dieser beim Aufstehen strauchelt, und zieht schließlich das weiße Laken wieder zurecht, mit dem die Schwester meinen Körper vorhin zugedeckt hat.
„Mach's gut, Valle“, flüstert er kaum hörbar.
Erik starrt wie hypnotisiert auf meine Leiche, berührt noch einmal sanft ihre Wange. „Schlaf gut, Valentin“, murmelt er gebrochen.
Und als die beiden den Raum verlassen und das Licht löschen, stelle ich fest, dass ich sehr wohl noch in der Lage bin, zu weinen.

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Author's note:
Jaaaaa... ich weiß, ich sollte mich erst einmal um meine offenen Projekte kümmern, statt schon wieder etwas neues anzufangen. Aber die Plotbunnies, die mich überfielen, als ich auf Leighton Diamonds „Das Leben geht weiter, auch OHNE dich“-Projekt (http://forum.fanfiktion.de/t/20441/1) stieß, ließen sich einfach nicht ignorieren... Es tut mir leid...
Ich weiß, dass das hier im Vergleich zu meinen sonstigen Sachen ziemlich experimentell ist, und ich muss gestehen, dass ich bislang nur eine grobe Ahnung habe, wohin sich das hier entwickeln wird. Lasst euch also überraschen.
Anregungen, Kommentare, Morddrohungen? Lasst es mich wissen – ich freue mich immer über Rückmeldungen.