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Buzzer Beater

GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Midorima Shintarō OC (Own Character)
15.05.2015
15.05.2018
108
320.657
23
Alle Kapitel
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Dieses Kapitel
1 Review
 
26.07.2015 3.267
 
Für eine bessere Übersicht der OC's:  Bilder und Zusammenfassung

Sowas wie ein Plan


- - - währenddessen - - -

Weißt du, mit wem du redest, Midorima? Kuroko und ich sind keine Freunde mehr. Er ist mein Feind. Und außerdem. Der einzige, der mich schlagen kann, bin ich selbst.“

Der Regen tropft aus seinem grünen Haar und rinnt seine Wangen hinab wie Tränen. Shintarou seufzt und lehnt seinen Hinterkopf an die Mauer hinter sich. Er wird nicht weinen, darüber ist er bereits hinaus. Die Niederlage sitzt in seinen Knochen, wiegt ganze Zentner, aber er bleibt stehen. Er ist stärker als das.
Die Hände tief in den Taschen vergraben, spielen seine Finger mit der harten Schale seines Handys. Er denkt an Aomines Worte, gerade eben, an Momoi, die ihn ja eigentlich angerufen hat, um heraus zu finden, wie das Spiel gelaufen ist. Die beiden erinnern sich immer noch nicht daran, dass sie eine Vergangenheit haben, die über Teiko hinaus geht. Das hat ihm die ganzen letzten Jahre nie etwas ausgemacht, vielleicht ist es, weil Kahoko wieder da ist. Niemand vergisst Kahoko. 
Shintarou seufzt wieder, denkt über Aomine nach und Kuroko, der eine hat ihn gerade besiegt, der andere ist noch immer ein selbstverliebter Mistkerl. Aber was ihn am meisten beschäftigt, ist wohl, dass Aomine seinen ehemals besten Freund so leicht als seinen Feind bezeichnen kann. Es macht ihm nichts aus, dass er gegen ihn spielen wird und vielleicht liegt genau da sein eigener Fehler. Kahoko ist seine Schwester, sie weiß, was er denkt, weiß, was er fühlt. Umgekehrt ebenso. Wenn er sie verletzt, spürt er es ebenso.

Er hört Schritte und stößt sich von der Wand ab, als Takao um die Ecke biegt und ihn mustert. „Wir haben die anderen verloren, willst du noch was essen gehen?“ Shintarou nickt, warum auch nicht. Nach Hause will er jetzt noch lange nicht.

Sie erreichen ein nahes Lokal und treten ein. 
Nur um augenblicklich umzudrehen, denn auch wenn er nicht nach Hause will, zusammen mit der ganzen Seirinmannschaft und diesem dämlichen Kise zu essen, ist keine Option.
Wenn man allerdings das Wetter zu Rate zieht, ist es die einzige Option.
Sie sitzen in fast unerträglicher Stille und es ist, wie immer, ausgerechnet Kise, der das leidige Thema anspricht. „Unsere heutigen Konkurrenten sind unsere Freunde von morgen, Midorimacchi.“ Der Blonde grinst ihn an und Shintarou stößt es sauer auf. 
„Wir haben erst heute Abend verloren.“, knurrt er. Manche Niederlagen schmerzen länger, denkt er. Manche sogar mehrere Jahre.
Kise lacht bloß. „Ach, sei doch nicht so. Klar, verlieren tut weh, aber seit Kagamicchi und Kurokocchi uns besiegt haben, muss ich zugeben, mit den Jungs von Kaijo zu spielen, macht wirklich Spaß.“ Midorima starrt ihn misstrauisch an. 
„Spaß? Wir spielen nicht aus Spaß. Du klingst wie vor unseren Meisterschaften in Teiko. Hast du dich denn gar nicht verändert?“
„Wir waren alle so, damals.“, widerspricht ihm Kuroko leise aber bestimmt. Shintarou schnaubt abfällig. „Wie ihr euch verändert, bleibt euch überlassen, aber das ist Schwachsinn. Ich spiele nicht aus Spaß.“
„Ihr Leute denkt zu viel.“, brummt Kagami neben ihm zwischen zwei Bissen, „Natürlich spielen wir, weil es uns Spaß macht.“
Shintarou sieht rot, er will seine Finger um Kagamis Hals schlingen und fest, fest zudrücken, für dieses Kommentar, was bildet der sich ein, dieser ignorante – Platsch! Etwas warmes, leicht feuchtes Etwas landet auf seinem Kopf. Die drei Jungs an seinem Tisch starren entsetzt auf Shintarous Kopf und das nervöse Lachen Takaos hinter ihm sagt alles. 
„Entschuldigt uns einen Moment.“ Oh, wie Takao dafür leiden wird!
Wenige Minuten später tritt er zurück ins Restaurant. Der Abend ist für ihn gelaufen. Er schnappt sich seine Tasche, legt ausreichend Geld auf den Tisch. „Ich sage dir nur eins, Kagami. Es gibt zwei Mitglieder der Generation der Wunder in Tokyo. Ich und Aomine Daiki.“ „Und jetzt?“
„Aomine erinnert mich in seinem Stil sehr an dich. Du solltest dich in Acht nehmen.“ Shintarou geht, ohne einen Blick zurück, aber Kuroko hat es nicht ohne Grund drauf, jeden würdigen Abgang zu ruinieren.
„Midorima-kun. Lass uns wieder mal zusammen spielen.“
Er bleibt stehen und vor seinem inneren Auge sieht er Kahoko, als er antwortet.
„Sicher. Aber das nächste Mal gewinne ich.“

- - -
Als Kahoko ihr Haus erreicht, hat es aufgehört zu regnen und ihr ist kalt, aber all das ist vergessen, als sie bekannte Stimmen hört. Sie duckt sich hinter einen Zaun und tatsächlich, ihr Bruder und Takao kommen mit ihrer Riksha um die Ecke.
Kakaho wartet, bis sie eine Haustür gehen hört und richtet sich langsam auf. Takao kommt um die Ecke geschlendert, Arme hinterm Kopf verschränkt, vor sich hinpfeifend.
„Takao?“, sie macht einen Schritt hinterm Zaun hervor und er springt förmlich in die Luft. Ob das nun an ihrem plötzlichen Erscheinen, ihrem kalten Tonfall oder beidem liegt, sei dahingestellt. Er fängt sich schnell, lacht etwas zu laut.
„Kaho-chan, was machst du denn im Gebüsch?“
Sie geht an ihm vorbei zur Straße, dreht sich zu ihm um. „Ich bringe dich nach Hause, Takao.“
Im nächsten Moment ist er neben ihr. „Takao? Was ist aus Kazu-kun geworden?“ Sie schweigt kurz, dann wechselt sie das Thema. „Wo wart ihr denn noch so lange?“
„Essen. Mit dem Seirin-Team und zwei Jungs von Kaijo.“ 
Kahoko bleibt abrupt stehen. „Wie bitte? Mit den Seirin-Jungs? Obwohl ihr gegen sie verloren habt?“
Takao lächelt. „Aber ja, Kaho-chan.“
„Und Shintarou hatte kein Problem damit?“ Sein Lächeln wird breiter. „Ach, du weißt ja, wie er ist.“
Kahoko ballt die Fäuste, bemüht sich zu beherrschen. „Nicht wirklich, erzähl mir mehr.“ Er kichert und tänzelt vor ihr her, lässig und sorglos. „Ach, weißt du, er war ein wenig miefig drauf, wie er es immer ist, hat mit schlauen Sprüchen um sich geworfen und sich keine Freunde gemacht. Wenn er mich nicht hätte, hätte er wohl gar keinen Freund.“
„Und du bist sein Freund?“, quetscht Kahoko zwischen den Zähnen hervor.
Takao dreht sich zu ihr um und lacht herablassend. „Ich würde mich eher als seinen größten Rivalen bezeichnen. Ich kann es kaum erwarten, ihn endlich zu...“ Kahokos Hand schnellt vor, packt ihn am Kragen und donnert ihn mit Wucht gegen die Mauer. Er hustet überrascht und stößt einen leisen Schmerzlaut aus. Ihr Gesicht ist so nahe, dass er die Kirschlimonade in ihrem Atem riechen kann. „Willst du diesen Satz wirklich beenden?“, knurrt sie bedrohlich und er lacht, doch es geht in ein Japsen über. „Du bist hitzköpfiger als ich dachte.“, kommentiert er trocken, legt seine Hand auf ihre und drückt zielsicher mit den Fingern zu. Kahoko zieht zischend die Luft ein und lässt ihn los, er stolpert und hält sich grade noch an der Mauer fest. Sie knurrt wie ein tobsüchtiger Köter.
„Ruhig Blut, Mädel, ich wollte dich nur testen.“ Er richtet sich auf, klopft sich den Dreck von den Klamotten. „Ich bezeichne mich immer noch nicht als einen Freund deines Bruders, aber jetzt, wo ich weiß, dass du lediglich um sein Wohlergehen besorgt bist, lass uns Klartext reden... Was willst du von Shintarou, Kaho-chan?“ 
Kahoko starrt ihn entgeistert an, dann stapft sie die Hände in die Taschen und läuft mit großen Schritten weiter.
Takao holt sie an der Ecke ein, macht einen formvollendeten Sternschritt um sie herum und bringt sie zum stehen. „Ist das Kätzchen etwa beleidigt?“
Kahoko schnaubt und wischt sich mit der Hand übers Gesicht. „Woher weiß ich denn, dass ich dir vertrauen kann, Kazu-kun?“
Er lächelt über die Änderung in der Anrede. Sie vertraut ihm bereits, ohne dass sie es merkt.
„Wie wäre es mit Ehrlichkeit gegen Ehrlichkeit? Dein Bruder hat mich damals in der Mittelschule mit seinem Team unangespitzt in den Boden gerammt. Ich wollte mit dem Basketball aufhören, aber ich wollte ihm auch nicht die Genugtuung verschaffen, mir meinen liebsten Sport versaut zu haben. Dann fing ich an der Shutoku an und ausgerechnet der Kerl, den ich am meisten besiegen will, ist mein Teamkollege... Jetzt arbeite ich lediglich daran, von ihm beachtet zu werden.“ Takao blickt ihr ernst in die Augen. „Eines Tages werde ich ihn mit meinen Pässen sprachlos machen.“
Kahoko lächelt und genau wie vor dem Spiel erwischt sie ihn damit auf dem falschen Fuß. Es reicht bis hinauf in ihre Augen, die ihn anstrahlen wie grüne Scheinwerfer. Und wieder ist er froh, dass Shintarou nicht so oft lächelt. So viel Charme hält ja kein Mensch unbeschadet aus, auf längere Zeit gesehen.
„Ich versteh dich. Und ich hab dich heute spielen gesehen, ich weiß, dass du dein Ziel erreichen wirst.“
Takao schnaubt. „Hör auf, Süßholz zu raspeln und erzähl mir lieber, was du willst.“
„Ich will mich mit ihm versöhnen, mehr nicht.“ Als Reaktion auf ihre Antwort hebt Takao lediglich eine Augenbraue und Kahoko stöhnt genervt auf, bevor sie weiter redet. „Okay, okay, ja, ich will mich versöhnen, aber es ist nicht so leicht, weil... keine Ahnung, seit der Scheidung unserer Eltern ist alles nicht mehr so einfach und er nimmt es mir übel, dass ich besser im Basketball bin als er.“
„Du... bist besser als Midorima Shintarou, Mitglied der Generation der Wunder?“ Takao lächelt belustigt und Kahoko rollt mit den Augen, fährt sich durchs Haar. 
„Sagen wir so: Ich war es mal. In dem Sommer vor Teiko habe ich ihn in jedem
einzelnen Spiel fertig gemacht und wäre ich ein Junge, wäre ich an seiner Stelle ins Teiko-Team gekommen.“ 
„Ja, aber das war vor Teiko, du hast ihn heute spielen gesehen, er hat sich wesentlich verbessert.“
„Ich weiß, Kazu-kun, ich hab jedes seiner Spiele aufzeichnen lassen und mir angesehen. Seine Fähigkeiten sind definitiv... wie nennt ihr das hier... 'erblüht'? Er wäre sicherlich in der Lage, mich zu besiegen, aber gewinnen ist auch eine Kopfsache und er schafft es einfach nicht. Und solange er mich nicht besiegen kann, fühlt er sich, als wäre er weniger wert als ich.“
„Wir müssen ihn also nur mal gegen dich gewinnen lassen, dann ist alles geklärt?“
Kahoko seufzt. „Ich hoffe es, aber ich glaube, es braucht noch ein wenig mehr. Und in einem Eins zu Eins wird er sich immer selbst hemmen.“ 
„Dann tritt einem Team bei, spielt ein Trainingsspiel gegen uns und verlier jämmerlich.“ Kazunari ist hin und weg von seinem eigenem Vorschlag, nur Kahoko zieht nachdenklich die Unterlippe zwischen die Zähne. „Ich weiß nicht. Wenn wir als Team nicht zumindest den Hauch einer Chance haben, wenigstens einen Korb zu machen, wird es nichts bedeuten. Und ob er sich darauf einlässt, Shin-Shin will ja gegen mich gewinnen.“
„Du hast Recht, Shin-chan ist eine absolute Katastrophe, was Teamgeist angeht.“
Kahoko mustert ihn verwirrt. „Wie meinst du das? Shintarou war es immer, der mich ermahnt hat, mehr auf mein Team Rücksicht zu nehmen.“
Kazunuari lacht laut auf. „Wie bitte? Dein Bruder ist das komplette Gegenteil. Erst heute hat er sich so was Dämliches geleistet, das glaubst du nicht!“ Er verschränkt die Arme hinterm Kopf und läuft weiter die Straße entlang, während er redet, Kahoko folgt ihm eiligst, begierig, mehr über ihren Bruder zu erfahren.

Knapp einen Meter über ihnen sitzt jemand auf der Fensterbank im Dunkel seines Zimmers und lauscht mit einem listigen Lächeln ihren leiser werdenden Stimmen. Der Lauscher schiebt mit dem Zeigefinger seine Brille ein Stück höher. 
Erst das Bruder-Schwester-Match, dann das hier, denkt er, das wird ja immer besser. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, was ich lieber hätte – dass diese Kahoko Basketball spielt und sich mit ihrem Bruder versöhnt, oder dass dieser Hass noch etwas angefacht wird. Und wenn ich das weiß... dann kann ich anfangen, meine Karten auszuspielen.
-

Samstagmorgen 
Masahiro ist besorgt. Das letzte Mal, dass Kahoko an einem freien Tag nicht schon um sechs Uhr auf der Matte gestanden hat, um joggen zu gehen, hatte sie nach einem Magen-Darm-Infekt die Nacht über der Kloschüssel verbracht. Er wartet weitere fünf Minuten, ob sich etwas regt, dann öffnet er ihre Zimmertür. Kahoko liegt auf dem Bauch, Arme und Beine weit von sich gestreckt, das Gesicht ins Kissen gepresst . Seine geübten Finger finden durch das Vogelnest aus Haaren ihren Nacken und kraulen die entspannten Muskeln. Sie schmatzt, grunzt und öffnet ein Auge. „Wassis?“ „Es ist Zeit für unsre Joggingrunde, willst du nicht aufstehen?“ „Muss nich...“, grummelt sie träge und drückt sich mehr gegen die Berührung seiner Finger. 
Du musst nie, deswegen tun wir es ja so gerne. Also hoch mit dir, komm schon.“ Sie murrt noch einmal unwillig und die Finger seiner anderen Hand sind blitzschnell an ihren Rippen, zupfen daran wie an den gespannten Seiten einer Gitarre. Kahoko kreischt ins Kissen, wirft sich zur Seite, um von ihm weg zu kommen – und fällt vom Bett. „Nicht kitzeln!“ Er lacht nur, greift sich das T-Shirt, das über ihrem Schreibtisch liegt und wirft es ihr zu. 
Fünf Minuten, Prinzessin. Beeil dich.“

Als sie von ihrer Joggingrunde zurückkommen – und sich mit Schere-Stein-Papier um den Vortritt im Badezimmer duellieren – ist Sakura bereits wach und schiebt ihre weltberühmten Aufbackbrötchen in den Ofen. „Was hast du heute noch vor, Schätzchen?“, sie fährt Kahoko durchs nasse Haar, während die noch kaut und flicht ihr das hüftlange grüne Haar zu einem Zopf. 
Weiß nicht, rumlümmeln?“, fragt ihre Tochter zurück und bestreicht sich ihr drittes Brötchen dick mit Marmelade. 
Kein Basketball heute?“ Masahiro trinkt einen Schluck Kaffee und mustert seine Stieftochter ungläubig. 
Nein, ich mach grade Pause.“ 
Er will sofort nachhaken, aber Sakura wirft ihm einen deutlichen Blick zu. „Na, wenn du nichts zu tun hast, kanst du ja in die Bibliothekt und lernen.“, schlägt ihre Mutter vor und Kahoko verschluckt sich beinahe an ihrem Brötchen. „Mum! Draußen scheint die Sonne!“
Das tut sie morgen auch noch, aber deine Noten sind wichtig und die Ergebnisse deiner Einstufungstests sind reingekommen. Gestern hattest du ja keine Zeit, aber heute hast du mehr als genug.“
Kahoko brummelt unwillig. Sie ist keine schlechte Schülerin und die Einstufungstests, die sie bei ihrem Kurzbesuch absolviert hat, können auch nicht so furchtbar sein, wenn ihre Mutter noch keine Trauermine zur Schau trägt. Aber in Fächern wie japanische Geschichte oder auch Kanji hat sie mit ihrem Umzug nach Amerika den Faden verloren.
Shintarou bringt nur die besten Noten nach Hause. Und das neben dem Basketballtraining.“, hängt Sakura wie nebenbei noch an und damit steht Kahokos Entschluss fest. Nie im Leben lässt sie sich in sowas wie simpler Schulbildung übertrumpfen.

Sie verputzt ihr viertes Brötchen, steckt den Schulbrief ein und ist startklar. 
Warte Kahoko.“ Ihre Mutter holt den Tokyo-Stadtplan und hält mit einem Stirnrunzeln inne, mustert Kahoko mit zweifelndem Gesichtsausdruck. „Willst du wirklich so aus dem Haus?“
Kahoko mustert sich selbst im Garderobenspiegel. Ihr nasses Haar ist zu einem Zopf geflochten, ihre Jeans haben keine Löcher und ihre Turnschuhe sind sauber. „Was stimmt denn nicht?“
Das Hemd.“
Masahiro gluckst, als Sakura mit spitzen Fingern an dem lavendelfarbenen Hawaihemd mit den türkisfarbenen Hibiskusblüten zupft, dass Kahoko trägt. 
Was ist damit?“, fragt Kahoko verständnislos und sucht nach Marmeladeflecken. Masahiro lacht lauter.
Die Farben, Kahoko, die Farben!“, stöhnt Sakura und Kahoko atmet erleichtert auf.
Ach das... Bei meiner Körpergröße kümmert man sich nicht mehr um Farbzusammenstellungen, Ma.“ Sie drückt ihrer Mutter einen Kuss auf den Scheitel und ihrem Stiefvater einen auf die Wange und verlässt das Haus.
Sakura schüttelt den Kopf und wirft ihrem Mann einen Blick zu. „Das Hemd hat sie von dir, oder?“
Das violette nicht, nein. Von mir ist das orange mit den hellblauen Papageien.“
Sakura murmelt etwas, das wie „Banausen!“ klingt und verschwindet in der Küche.

In der Bibliothekt ist es schön ruhig, außer dem Rascheln von Seiten und dem leisen Surren der Klimaanlage ist nichts zu hören. Kahoko steht vor einem Regal, den einen Arm voller Bücher, in der anderen Hand ihre Liste. Ein Buch fehlt ihr noch, ein Roman, den sie für ihren Literaturkurs lesen soll. Der Titel ist zwar simpel, „Fünf Sekunden“ heißt es, aber was sie alleine am Freitag durchgenommen haben, lässt Kahoko ahnen, dass ihre Lehrerin ein Faible für Romantik hat.
Sie hat nichts gegen Romanzen, ihre Mutter hat drei Jahre lang in kitschigen Soaps mitgespielt, aber was alle immer mit diesen doofen Schmetterlingen im Bauch haben, ist ihr nicht ganz klar. Für sie klingt das nach Magen-Darm-Grippe.

- - -
Er wird eher durch Zufall auf das Mädchen aufmerksam. Aber er ist nicht der einzige, der sich über die Farbkombination ihres schrillbuntem Hemds und grünem Haar wundert. Gut, für das kann Haar kann sie ja nichts.
Das Mädchen dreht den Kopf ein wenig, er erkennt sie und kann sich ein belustigtes Lächeln nicht verkneifen. So so, denkt er sich, innerlich die Hände reibend. Dass er so schnell damit beginnen kann, seine Pläne umzusetzen, das hte er nicht gedacht. Aber je früher er damit beginnt, sein Netz auszuspannen, desto früher zappelt ein netter Fang darin – und kommt nicht mehr heraus. Er steht auf, schiebt sich die Brille zurecht und schlendert mit einem Lächeln zu ihr hinüber. Aller Anfang ist ein Heidenspaß. 

- - - 

Kann ich dir helfen?“, wispert eine Stimme neben Kahoko und sie zuckt zusammen. Der Bücherstapel auf ihrem rechten Arm beginnt zu wanken, doch eine hilfsbereite Hand schnellt vor und verhindert das Desaster im letzten Moment.
Danke.“, haucht sie erleichtert und dreht den Kopf. Neben ihr steht ein Junge, ein oder zwei Jahre älter als sie und lächelt sie freundlich an. Er trägt eine Brille und sein schwarzes Haar ist gerade so unordentlich, dass es noch gut aussieht. Sie lächelt unbewusst zurück.
Suchst du etwas Bestimmtes?“, wispert der Junge und Kahoko zeigt ihm ohne groß nachzudenken ihre Liste. Seine grauen Augen huschen erst über die Zeilen, dann über die Bücher in ihrem Arm. Er nickt, geht einen Schritt zur Seite und lässt den Blick über die Buchrücken in den Regalen wandern. Sekunden später hat er gefunden, wonach Kahoko gesucht hat und legt das Buch behutsam oben auf ihren Stapel. Sie atmet erleichtert auf. „Danke. Ich schulde dir was.“
Er lächelt belustigt und schwenkt belehrend den Zeigefinger. „Vosicht meine Liebe, sowas solltest du nicht zu leichtfertig sagen.“ Kahoko zuckt mit den Schultern. 
Trotzdem, danke.“
Nicht's zu danken.“, er lächelt und geht zurück zu seinem Platz wo er sich notiert, was er auf ihrer Liste entdeckt hat. Der Namen ihrer Schule – Nakamiya South High – ihr Name – Hana Kahoko und als Sahnehäubchen oben drauf – ihre schwächsten Fächer. Der Anfang ist gemacht.

Schritte nähern sich, jemand räuspert sich auf der anderen Seite des Tisches. Er hebt den Blick und amüsiert sich im Stillen köstlich über ihre Zutraulichkeit. Nach außen setzt er ein höfliches Lächeln auf. „Kann ich dir noch irgendwie helfen?“
Ist bei dir noch frei?“, fragt Kahoko zurück. „Natürlich.“
Er zieht seine Unterlagen zusammen, um Platz zu machen und sie setzt sich ihm gegenüber. Sie arbeiten schweigend vor sich hin, Kahoko vergisst, dass er überhaupt da ist, bis er beginnt, seine Sachen zusammen zu packen. Er verabschiedet sich mit einem simplen Nicken und geht.
Kahoko arbeitet weiter, bis sie einen groben Überblick hat und ihr Magen bereits so laut knurrt, dass der ältliche Herr am Tisch neben ihr deutliche Blicke herüber wirft. Sie räumt zusammen, ein Stapel Bücher bleibt hier, ein anderer geht mit nach Hause. Sie bückt sich, um ihre Tasche aufzuheben und hält abrupt inne, als sie unterm Tisch ein Blatt Papier entdeckt. Sie kniet nieder und nimmt es auf. 
Es ist aus einem Notizblock, beschrieben mit Nebenrechnungen zu irgendeinem mathemtischen Fall. Eigentlich unwichtig, oder? Kahoko zögert, es zu zerknüllen, ihr Blick wandert über die Zahlen und bleibt an einer kleinen Notiz am oberen Blattrand hängen. Imayoshi Shoichi, Touou, Klasse 3B. Sie blinzelt, faltet das Blatt sorgfältig zusammen und steckt es in ihre Tasche. Man kann nie wissen, denkt sie und nimmt ihre Sachen, vielleicht ist es er, vielleicht braucht er es noch. Und sie schuldet ihm noch was.

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