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Buzzer Beater

GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Midorima Shintarō OC (Own Character)
15.05.2015
15.05.2018
108
320.657
23
Alle Kapitel
100 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
22.05.2016 3.551
 
So - jetzt ist endlich das ganze Kapitel fertig. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie froh ich darüber bin, ich habe nämlich in ner ziemlichen Schreibkrise gesteckt, in den letzten Wochen, wollte euch aber nicht damit belästigen - schließlich sollte die Story ja auf jeden Fall weiter gehen.
Kommentare zu diesem Kapitel würden mich ganz besonders freuen, es ist nämlich das Ergebnis meines Kampfes gegen die Schreibblockade.
Alles Liebe und viel Spaß beim Lesen.
Poettierchen

Nachts sind alle Katzen grau


Als Shinji nach Hause kommt, bereut sie, nicht mit Mirai mitgegangen zu sein. Selbst bei einem Date mit dem Zwerg das dritte Rad am Wagen zu sein, wäre besser, als Haizaki auf ihrem Gartenzaun sitzen zu sehen - demonstrativ knutschend. Es tut genauso weh wie all die anderen Male auch. Nur mischt sich diesmal Wut dazu. Schließlich macht er das grade mit voller Absicht.
Sie braucht noch so kleine Fitzelchen Beherrschung, das ihr Körper hergibt, um an ihm vorbei zur Tür zu marschieren. Sie tut, als wäre er nicht da, aber sie bemerkt trotzdem, wie er in ihre Richtung blickt. Um zu sehen, wie sie reagiert. 
Drinnen ist es dunkel. Ihre Mutter hat mal wieder Nachtschicht. 
Shinji nimmt sich Geld aus der Küchenschublade, steckt sich einen Apfel ein und verlässt das Haus durch die Terrassentür. Es hat keinen Sinn, hier herumzusitzen, wenn sie so drauf ist.
Ihr winziger Garten, den sie sich nur durch die regelmäßigen Alimenten-Zahlungen ihres Vaters leisten können, wird von einer Hecke eingegrenzt, die aus mehr Löchern als Blättern besteht. 
Zwischen der Hecke und dem Grundstück der Nachbarn führt ein kleiner Pfad die ganze Straße entlang. 
Hier hat sie Haizaki kennen gelernt und den größten Teil ihrer Kindheit verbracht. Gut verborgen von Hecken, Zäunen und überwachsenden Ästen. 
Der Pfad führt direkt zu einem Gitterzaun und durch ein Loch, das Haizaki mit zehn geschnitten und nie jemand repariert hat, schlüpft Shinji auf den Parkplatz eines Kinos.
Zeit, sich ablenken zu lassen.

- - - Zeitgleich - - -

Imayoshi blickt auf sein Handy, klappt es zu und steht auf. Über die Köpfe seiner feiernden Teamkollegen hinweg versucht er die Aufmerksamkeit seines Coaches zu bekommen. Susa neben ihm erhebt sich ebenfalls.
"Willst du gehen?"
"Ja. Ich habe noch etwas zu erledigen."
Susa nickt verstehend, fragt nicht weiter. Imayoshis Tonfall macht ihm klar, dass er dabei nicht erwünscht ist.
"Geh nur. Ich sag's dem Coach."
"Danke. Wir sehen uns morgen beim Training."

Susa wartet einen Moment, dann steht er auf und verabschiedet sich ebenfalls. Als er das Gebäude verlässt, sieht er Imayoshi am Ende der Straße verschwinden.  Er geht nach rechts. 
Eigentlich hat Susa nicht vor, Imayoshi zu folgen. Aber er geht dennoch die Straße entlang und dann nach rechts, genau wie er.
Er ist schon fast wieder am Ende dieser Straße - wo er links abbiegen möchte, genau wie sein Freund - als jemand an ihm vorbei geht. 
Im ersten Moment weiß er nicht, wer sie ist. Er dreht sich mehr reflexartig um, weil seine Augen das Mädchen schneller erkennen, als sein Gedächtnis sie zuordnen kann. 
Er steht da, auf der Straße festgewachsen wie ein Idiot und starrt ihr hinterher, wie sie die Straße entlang läuft. Die Kapuze über den Kopf gezogen, die Schultern ein wenig nach vorne geschoben und überlegt und überlegt...
Susa sieht ihr Gesicht vor sich, aber ihr Name fällt ihm nicht ein. 
Ohne wirklich nachzudenken folgt er ihr.

Imayoshi kan ja auf sich selbst aufpassen.

- - -

„Es war ein schöner Abend.“, murmelt Michirou und beißt sich auf die Lippen, um nicht zu Lächeln.
Kosuke neben ihr grinst weitaus offener, die Hände in die Taschen gestopft.
„Weißt du...“, beginnt er, „Daran könnt ich mich echt gewöhnen. Es hat mich doch echt motiviert, dass du zugesehen hast. Ich versteh natürlich, dass du nicht immer kommen kannst, aber es war… also es war schön.“
Sie blickt zu ihm, beißt sich fester auf die Lippen und lächelt doch.
„Vielleicht kannst du ja auch mal zu unseren Spielen kommen… also falls es sich ausgeht.“, schlägt sie vor und er dreht sich zur ihr.
„Klar komm ich!“, bellt er so enthusiastisch, dass sie sich ein Lachen grade noch verkneifen kann.

„So… also… da wären wir...“
Ist es normal, dass sie fast ein bisschen enttäuscht darüber ist, so schnell zuhause angekommen zu sein? Sie kann nicht lange drüber nachdenken, denn Kosuke hat sie bereits zu sich gezogen und umarmt. Er lässt sie genauso schnell auch wieder los, aber die Röte auf ihren Wangen bleibt.
„Sehen wir uns morgen?“, fragt er mit belegter Stimme und ebenso roten Wangen.
„Also, ich weiß nicht, wir haben Training bis fünf, ab wann habt ihr aus?“
„Um vier, aber vielleicht danach?“
„Im Prinzip gerne, aber ich weiß nicht, wie lange der Papierkram für den Winter Cup uns noch aufhält. Habt ihr nicht noch Besprechungen wegen dem Finale?“
„Ja, schon, aber das dauert bei uns nicht so lange.“
„Du kannst ja Bescheid geben, wenn du Zeit hast.“
Er nickt, immer noch verlegen und Michirou weiß nicht, wie sie dieses peinliche Schweigen beenden soll. Verabschiedet haben sie sich im Grunde ja schon und sie hat immer noch nicht gerade eine Ahnung davon, wie sie ihre Mutprobe da noch hinein flechten könnte.
Was würde Kahoko tun?
Michirou schüttelt den Kopf über sich selbst. Kahoko ist nun nicht gerade ein Musterbeispiel für weise Entscheidungen. Eher für überstürzte Handlungen. Aber sie ist, was Beziehungen angeht, auf jeden Fall nicht so ein Schisser wie sie selbst. Wenn sie da grade mal Shinji zitieren darf.
Was Shinji an ihrer Stelle tun würde, darüber will sie nun wirklich nicht denken. Da ist Kahoko nun wirklich doch noch das bessere Vorbild.
Aber irgendwas muss sie machen. Und das tut sie auch.
Blitzschnell macht sie einen Schritt vor und drückt Kosuke einen Kuss auf die Wange – gut, er landet ein wenig zu nahe an der Nase und ihr Nase trifft dabei fast sein Auge, aber sie springt so schnell wieder zurück, dass ihm diese Details vielleicht, mit etwas Glück, gar nicht aufgefallen sind.
„Also dann gute Nacht. Viel Spaß morgen. Und Tschüss.“, stößt sie hervor, dreht sich um, fällt fast über die kleine Stufe vor dem Eingang und stürmt ins Haus.
In so einem Moment ist sie wirklich froh drüber, dass sie die Wohnung im ersten Stock haben und die untere Eingangstür nie verschlossen ist. Hätte sie vor seinen Augen noch nach den Schlüsseln graben müssen, wäre sie wohl tausend Tode gestorben.
Apropos… Sie schiebt sich an der Tür entlang zu der kleinen Glasscheibe auf Augenhöhe und linst wie ein Spion hinaus.
Kosuke steht immer noch wie festzementiert auf dem Gehsteig, die Finger an die Wange gelegt, wo eben noch ihre Lippen waren. Erst blickt er erstaunt drein, dann grinst er über beide Ohren und Michirou lächelt – ohne sich auf die Lippen zu beißen.
Sie ist halt doch kein Schisser.

- - -

Susa blickt an der Fassade der großen Spielhalle hoch. Er ist schon lange nicht mehr hier vorbei gekommen, dabei liegt es gar nicht so weit entfernt von seinem Zuhause. Einer der großen Leuchtbuchstaben flackert furchtbar, aber ansonsten wirkt es noch genau wie früher.
Er löst eine Eintrittskarte und geht hinein, an den ganzen neueren Konsolen vorbei bis ganz nach hinten. An einer klobigen Maschine sitzt das Mädchen von eben und drückt sich die Finger an den Knöpfen wund, hält zwischen den Leveln nur kurz inne, um einen Schluck von ihrer Cola zu nehmen.
Susa seufzt, dreht sich im Kreis, als könnte ihm seine Umgebung irgendeinen Gesprächsansatz liefern. Er kann ja nicht mal genau sagen, warum er ihr gefolgt ist.
Du kamst mir bekannt vor? Nein, mit sowas sollte er ihr wohl nicht kommen.
Er dreht sich wieder zu ihr, sie nimmt einen Schluck von ihrer Cola, stockt, schüttelt die Dose und stellt sie dann mit mürrischem Gesichtsausdruck zur Seite, als ihr klar wird, dass kein Tropfen mehr drin ist.
Da… das ist seine Chance.

Keine zwei Minuten später steht er neben der großen Konsole, in beiden Händen eine eiskalte Coladose.
„Shinji, richtig?“
Sie zuckt hoch und starrt ihn an wie ein Kaninchen die Schlange. Nur ganz langsam verändert sich ihr Gesichtsausdruck, aber aus erschrocken wird lediglich misstrauisch.
„Was willst'n du hier?“
„Gesellschaft.“, erklärt er ihr knapp, zieht mit dem Fuß einen Stuhl heran und setzt sich.
„Cola?“
Sie kneift die Augen noch mehr zusammen.
„Dir ist klar, dass ich nicht auf die lieben Jungs stehe, oder?“
Er lacht. „Das dachte ich mir schon und ich bin froh drüber. Ich steh nämlich auch nicht auf die bösen Mädels.“
„Ach nein.“, schnaubt sie und wendet sich demonstrativ wieder ihrem Spiel zu. Ein letztes Kommentar kann sie sich aber dennoch nicht verkneifen. „Dabei hört man doch immer, dass Kerle Mädchen wollen, die nur für sie böse sind.“
Susa schmunzelt. „Kann sein, aber ich glaube, der Spruch ging anders. Böse Jungs wollen brave Mädchen, die nur für sie böse sind...“
„Und gute Mädchen wollen böse Jungs, die nur für sie brav sind.“, vervollständigt Shinji augenrollend seinen Satz und wird prompt getroffen. Fluchend setzt sie sich wieder gerade hin und konzentriert sich.
Als sie das nächste Level geschafft hat, drückt sie auf Pause und dreht sich wieder zu ihm um.
„Du bist ja immer noch hier.“
„Klar. Zeigst du mir, wie das Spiel funktioniert?“
„Warum?“
„Weil's mich interessiert. Reicht das nicht?“
Sie mustert ihn lange, dann grummelt sie und rückt ein wenig zur Seite, damit er den Bildschirm besser sehen kann.
„Aber falls das ne krumme Nummer werden soll, warn ich dich vor. Ich kann dich windelweich prügeln, Mädchen hin oder her.“
„Keine Sorge, das glaub ich dir aufs Wort.“

- - -

Es ist schon dunkel draußen, Kahoko hastet durch die Straßen. Vom Lichtkegel der einen Straßenlaterne eilt sie zur nächsten, bis sie den kleinen Sportplatz im Park erreicht.
Sie ist fünf Minuten zu spät dran, aber das wär ja nicht das erste Mal.
Kahoko setzt sich auf die kleine Bank am Rand des kleines Platzes, die einzige, die von der Straßenlaterne beschienen wird. Und wartet.

- - -

Susa gähnt erneut und reibt sich die Augen, während er über Shinjis linke Schulter auf den Bildschirm blickt. Sie hat ihn kein einziges Mal spielen lassen, aber das stört ihn nicht sonderlich. Ihr beim Spielen zuzusehen ist interessant genug, nur hat er heute schon ein anstrengendes Match hinter sich.
„Schon müde?“, kommt es schnippisch von ihr, während sie mit ein paar gezielten Schüssen ihren Gegner zertrümmert. Dann gähnt sie ebenfalls.
„Du doch auch.“, entgegnet er und streckt sich.
„Was meinst du?“, fragt er sie locker, „Ist es nicht langsam Zeit, aufzuhören?“
„Doch nicht jetzt schon. Ich hab grade ne Glückssträhne.“, widerspricht Shinji ihm, startet das nächste Level und wird prompt vom Gegner nieder gemetzelt.
„Doofes Rieseninsekt.“, murrt sie und kneift die Augen zusammen, als würde ihr das helfen. Zehn Minuten später ist sie Game Over.
„Okay okay.“, schnaubt sie mürrisch, als sie Susas erwartungsvollen Blick bemerkt, „Ich bin ja schon ein braves Mädchen und lass es für heute bleiben.“
Sie steht auf und streckt sich, schnappt sich ihre Cola-Dose und versenkt sie gezielt im fünf Meter entfernt stehenden Mülleimer.
„Lass uns gehen.“
Er folgt ihr wie ein treuherziger Hund aus der Arcade, bis sie schließlich entnervt stehen bleibt und sich zu ihm umdreht.
„Du bist kein Welpe, also lauf gefälligst neben mir!“
„Aye Aye Sir.“, Susa schmunzelt und schließt zu ihr auf, als sie die Straße entlang marschieren.
„Wie weit ist es bis zu dir nach Hause? Ich wohne in der Nähe...“
Shinji wirft ihm einen scharfen Blick zu, den er unschuldig lächelnd erwidert. „Ich meinte die Couch, damit das klar ist. Ich ticke nicht so...“
„Ich weiß echt nicht, ob du mich mit deinem Süßholzraspeln rumkriegen willst oder einfach wirklich so seltsam bist.“
„Bin ich wirklich, ich schwöre. Ich hab keine Ahnung vom Süßholzraspeln. Das Flirten überlass ich lieber anderen, die sich damit besser auskennen.“
Shinji rollt mit den Augen und dreht sich zum Schild der Bushaltestelle. Sie sucht ihre Verbindung, stockt… und sieht noch mal genauer nach. Dann flucht sie.
„Fährt kein Bus mehr?“
„Wir haben ihn um fünf Minuten verpasst.“, murrt Shinji unwirsch und rechnet im Kopf nach, wie weit sie laufen muss, um nach Hause zu kommen. Weit genug, um Susas Vorschlag plötzlich doch verlockend klingen zu lassen.
„Und?“, unterbricht Susa schließlich ihre Gedankengänge. Sie mustert ihn aus zusammen gekniffenen Augen.
„Ich krieg dein Bett und du nimmst die Couch und wenn du irgendwas dämliches versuchst, kastriere ich dich.“
Er schmunzelt. „Keine Sorge, ich hänge an meiner Männlichkeit.“

Die beiden überqueren die Straße und verschwinden in der Nacht. Für einen Außenstehenden sehen sie aus wie ein Paar oder zumindest Freunde, die sich schon lange kennen – und nicht bloß einen Abend lang. Susa sagt etwas und Shinji stößt ihn dafür so heftig an, dass er zur Seite taumelt. Nur um lachend sofort wieder an ihrer Seite zu stehen.
Der Junge, der am kleinen Imbiss neben der Arcade gestanden und die beide beobachtet hat, kneift wütend die Augen zusammen. Mit einer einzigen Bewegung presst er seine Getränkedose zusammen und wirft sie über seinen Rücken in den Mülleimer an der Ecke.
„Was gesehen, was dir nicht gefällt, Haizaki?“, fragt der Mann in der Imbissbude, während er einen Snack für einen Herrn mittleren Alters vorbereitet.
„Klappe.“, schnauzt Haizaki, stößt sich ab und verschwindet mit ausgreifenden Schritten in die entgegen gesetzte Richtung. Er muss nachdenken. Oder was kaputt machen. Kommt eh auf das gleiche raus.

- - -

Kahoko seufzt und blickt hoch in den Nachthimmel.
Das ist der Nachteil von Straßenlaternen, denkt sie, man sieht die Sterne nicht mehr.
Sie blickt erneut auf ihre Armbanduhr und seufzt erneut. Imayoshi ist jetzt schon eine dreiviertel Stunde zu spät dran und obwohl sie sich mittlerweile sicher ist, dass er nicht mehr kommen wird, bleibt sie dennoch sitzen.
Eine halbe Stunde Wartezeit hat sie schon damit verbracht, sich zurecht zu legen, was sie sagen wird. Immerhin wollte er sie treffen und sie hat es als Zeichen gesehen, dass er immer noch an ihr interessiert ist. Schließlich war das ja der Grund, warum er ihr überhaupt alles gestanden hat – weil er Gefühle für sie entwickelt hatte.
Von Vertrauen hatte sie reden wollen. Auf jeden Fall hätte sie auf Ehrlichkeit bestanden, als Fundament ihrer neuen Freundschaft.
Tatsächlich aber hat er sie nur hier her beordert, um sie dann sitzen zu lassen. Ein wirklich schönes Gefühl
Ich bin ihm nicht mal ne Erklärung wert, denkt sie erneut und zieht die Beine an, bis sie ihren Kopf auf die Knie legen kann. Sie seufzt erneut und versucht in dem düsteren Wirrwarr in ihrem Kopf einen Weg zu finden, wie sie jetzt weiter machen kann und soll.

„Hey...“
Sie reißt den Kopf in die Höhe und starrt auf den dunklen Platz vor sich. Die Stimme eben war laut, klar und deutlich, die kann sie sich nun wirklich nicht eingebildet haben.
Da – ein entnervtes Seufzen, gefolgt von ein er weiblichen Stimme, die sie nur allzu gut kennt. Nanami.
„Sag es nicht, ich weiß, was du sagen willst.“
„Ich plädiere auf Redefreiheit.“, antwortet Shouta leicht beleidigt und Nanami seufzt erneut.
Kahoko kann endlich ihren Schatten auf der anderen Seite der hohen Hecke ausmachen. Aber was machen die Zwillinge so spät noch draußen?
„Dann sag halt, was du sagen willst, Shouta.“
„Genau das mach ich, danke Nanami… Es war eine bescheuerte Idee, so spät noch bei Riko vorbei zu schauen.“
„War es nicht. Jetzt haben wir die Aufnahmen der Spiele und können sie morgen nach dem Training studieren.“
„Aber wir hätten sie auch morgen früh holen können. Weißt du, wie spät es ist? Was ist, wenn uns jemand überfällt?“
„Es wird uns niemand-“, fängt Nanami an, doch eine raue Stimme unterbricht sie abrupt.
„Hey! Ihr da!“
Shouta quiekt so erschrocken auf, dass Kahoko reflexartig in die Höhe springt. Wenn es um ihre Freunde geht, sind ihr selbst ihre geprellten Rippen egal. Aber sie hält inne, als die dritte Stimme weiter spricht.
„Habt ihr Satsuki gesehen? Sie is'n Mädel, so groß, so ne Oberweite und hat pinke Haare. Sie muss hier vorhin entlang sein.“
Ganz, ganz vorsichtig setzt sich Kahoko wieder auf die Parkbank. Nein, Daiki will sie jetzt ganz sicher nicht treffen. Nicht, dass sie nicht gerne mal wieder Zeit mit ihm verbringen würde. Aber sie kann in seinen Augen sehen, dass da etwas passiert ist, in der Zeit, in der sie weg war. Etwas, dass ihren zweitbesten Freund zu einem Menschen gemacht hat, den sie fast nicht mehr wieder erkennt. Und den Anblick kann sie jetzt gerade so gar nicht ertragen.
Ist das selbstsüchtig von mir, denkt Kahoko und zieht wieder die Knie bis zum Kinn, schlingt mühsam die Arme um ihre Beine und lauscht dem Gespräch auf der anderen Seite der Hecke.

Die Zwillinge erinnern sich natürlich noch gut an Satsuki, aber auch sie haben sie nicht gesehen. Das freut Daiki verständlicherweise überhaupt nicht.
„Na dann, danke für gar nichts. Ich geh sie weiter suchen.“
„Habt ihr euch gestritten?“, tönt Nanamis Stimme durch die Nacht.
„Geht dich das was an?!“, ist Daikis rüde Gegenfrage.
„Nein, überhaupt nicht. Hast du in letzter Zeit was von Kahoko gehört?“
„Woher kennst du denn Koko?“
Nanami schnaubt entnervt. „Ich bin ihre Freundin und die Managerin ihres Teams, was denkst du denn?“
„Was fragst du dann? Glaubst du etwa, ich hab mehr Kontakt zu ihr als du?“
„Ich wollte nur wissen, ob du was über die Prügelei weißt, das ist alles!“, faucht Nanami entnervt und Daiki grunzt entnervt, gefolgt von einem gemurmelten „Mädchen!“
„Ich weiß, dass sie sich mal mit Kise prügeln wollte, aber das ist doch schon Schnee von gestern. Frag sie doch selbst, wenn du mit ihr befreundet bist.“
„Aber...“, fängt Nanami an, gefolgt von einem „Hey, wir sind noch nicht fertig!“
„Doch, sind wir!“, kann Kahoko Daikis Stimme vom Ende der Straße noch hören, dann hört sie nur noch die Zwillinge halblaut diskutieren.
„Glaubst du, sie verschweigt uns was?“, fragt Nanami und Kahoko verzieht das Gesicht.
„Warum sollte sie? Wir sind doch ihre Freunde.“, antwortet Shouta mit einem Zittern in der Stimme. Er hasst Unstimmigkeiten.
„Aber seit dieser Party ist alles ganz anders. Irgendwas muss da vorgefallen sein, das wir nicht wissen.“
„Ja, aber hier und jetzt finden wir das ganz sicher nicht raus. Lass uns nach Hause gehen. Wir können morgen versuchen, ihr zu zeigen, dass sie sich auf uns verlassen kann.“

Kahoko bleibt auf der Parkbank sitzen, zitternd und zweifelnd.
Kise hatte sie total vergessen. Und ist sie gerade dabei, ihre Freunde im Stich zu lassen? Was ist nur los mit dieser Welt, dass das Glück nie anhält?
Müde und geschlagen steht sie auf. Ein letzter Blick aufs Handy, aber Imayoshi hat noch immer nicht geantwortet.
Sie seufzt, ihr Finger verharrt lange über der Kontakt löschen-Taste, dann zieht sie ihn zurück, blickt in den Himmel und löscht den Kontakt doch. Erreichen kann er sie ja deswegen immer noch, nur sie zieht ihren Schlusstrich.
Vergessen ist wie Vergeben. Man muss sich wohl immer wieder dran erinnern.

Kahoko geht nicht nach Hause. Stattdessen tastet sie unter einem anderen Türvorleger nach dem Ersatzschlüssel und schleicht die Treppe hoch. Sie schlüpft aus ihren Schuhen und ihrer Jeans und schiebt alles in eine Zimmerecke, bevor sie sich zögerlich auf die Bettkante setzt und ihre Finger in die blasse rechte Schulter des Schlafenden drückt.
Sie muss mehrmals rütteln, bis er sich umdreht und sie aus zusammen gekniffenen Augen mustert.
„Was ist los?“, murmelt er benommen und reibt sich die Augen.
„Es tut mir leid, Shin-Shin...“, wispert Kahoko mit belegter Stimme, „Aber ich habe solchen Mist gebaut und ich wollte mich bei dir entschuldigen, mal wieder, auch wenn das noch lange nicht genug ist. Kann ich bei dir schlafen?“
Shintarou blickt sie lange an, dann breitet er die Arme aus.
„Lass uns morgen drüber reden, okay?“, murmelt er müde gegen ihr Haar, als sie sich an ihn presst wie das kleine Mädchen, dass sie im Herzen immer noch ist. „Es gibt für alles eine Lösung.“
Wortlos presst Kahoko ihre eiskalten Zehen in seine Waden.
Manche Dinge ändern sich nie. Ein großer Bruder bleibt eben doch ein großer Bruder.

- - -

Auf dem kleinen Sportplatz im Park verbreitet die Straßenlaterne immer noch ihr warmes Licht. Der Lichtkegel reicht nicht mal bis zur Hälfte des Platzes, dahinter liegt alles im Dunkeln. Ganz hinten, wo ein einzelner vergessener Klappstuhl in der Ecke steht, sitzt eine schwarz gekleidete Person und starrt ins Nichts. Es ist warm für eine Frühsommernacht – und sehr sehr spät.
Die Person schiebt den Ärmel hoch und blickt auf die Uhr, dann reibt sie sich übers Gesicht, das kratzige Kinn. Der Junge steht auf, streckt die langen Beine und schlendert über den Platz, als hätte er nicht gerde über eine Stunde Kahoko beobachtet. Beim Ausgang bleibt er stehen und dreht sich um. Jetzt erreicht das Licht sein Gesicht, geblendet kneift er die Augen hinter den Brillengläsern noch fester zusammen.
Manchmal, denkt Imayoshi, muss man einen Plan bis zum Ende durchziehen, auch wenn man selbst am meisten darunter leidet.
Er stellt sich vor, was passiert wäre, wenn er zur ihr gegangen wäre. Wenn sie geredet hätten. Er denkt voraus, an morgen, die nächste Woche, das nächste Jahr. Er denkt an Hanamiya und Meij und all die anderen Gründe, warum kein Mensch auf dieser Welt weiß, wo seine Schwächen liegen. Oder für wen er eine Schwäche haben könnte. Dann nickt er ein letztes Mal knapp, dreht sich um und geht.
Er hat sich entschieden.
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