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Buzzer Beater

GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Midorima Shintarō OC (Own Character)
15.05.2015
15.05.2018
108
320.657
23
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14.02.2016 2.424
 
Wenn es schlimm kommt, kommt es schlimmer?


Als Kahoko in Tokyo aus dem Zug steigt, hat sie das Gefühl, ihre Nase sei auf die Größe einer Melone angeschwollen. Sie kann nur durch den Mund atmen, Kopf und Nacken tun weh und ihre Zunge fühlt sich an wie eine dicke Wintersocke.
Also nimmt sie nicht den Bus nach Hause, sondern die Unterführung, hinter der das kleine Café liegt, dass so gute Smoothies verkauft.
Das bedeutet zwar einen Umweg von gut fünf Minuten, aber vielleicht hilft der Vitamin Cocktail ihrem Kopf.
Vom Café aus nach Hause ist es kein weiter Weg mehr, aber sie hat das seltsame Gefühl, beobachtet zu werden.
Sie tut es als das übliche schlechte Gewissen ab, dass sie immer dann plagt, wenn sie zugeschlagen hat. Obwohl sie Akashi nicht geschlagen hat, passt es doch ins Muster.
Als sie sich umsieht, wird ihr aber dennoch anders zumute. Sie hätte daran denken sollen, nicht vergessen dürfen, dass dieser Weg direkt an Shoichis Haus vorbei führt.
Kahoko holt tief Luft.
Sicher ist er noch beim Training, spricht sie sich Mut zu und geht weiter.
Nur um unsanft von hinten angerempelt zu werden.

Der Stoß ist kräftig genug, um sie vornüber kippen zu lassen, sie fängt sich mehr schlecht als recht an der Mauer zu ihrer linken ab und schürft sich dabei den Handballen auf. Toll.
„Hey, kannst du nicht aufpassen?!“, faucht Kahoko und will sich aufrappeln und umdrehen – aber ein erneuter Hieb ins Kreuz lässt sie nun wirklich zu Boden gehen.
Diesmal muss auch ihre rechte Handfläche dran glauben, sie rollt herum, um ihrem Angreifer ins Gesicht blicken zu können – aber der ist schneller als sie und tritt ihr kräftig in den Magen.
Waren ihre Augen zuvor vor Schmerzen zusammen gekniffen, sieht sie jetzt Sterne und Schmerztränen rollen ihr übers Gesicht.
Sie hat den bitteren Geschmack von Galle im Mund, sie hustet und keucht und versucht sich zusammen zu rollen, um sich zu schützen.
Aber sie hat keine Chance.
Ihr Angreifer ist nicht alleine, das wird ihr klar, als zwei Paar Arme sie grob in die Höhe zerren.
Kahoko blinzelt, sieht verschwommene Gesichter, dunkle Haare und dunkle Klamotten, aber das ist kein Anhaltspunkt.
Wehren kann sie sich auch nicht. Sie sind zu viele, zu schnell und zu geübt in dem, was sie tun. Sie treten und schlagen sie, aber sie lassen ihr Gesicht und die ohnehin lädierte Nase aus dem Spiel. Etwas, was sie nicht versteht, aber auch nicht hinterfragt. Sie ist einfach nur froh darüber.
Die Jungs zerren sie ein Stück mit und lassen sie dann fallen wie einen Sack Kartoffeln.
In einem letzten humorlosen Scherz klingeln sie noch an der Tür, vor der sie liegt – und verschwinden dann so lautlos, wie sie gekommen sind.
Kahoko schließt die Augen, froh, dass es endlich vorbei ist – und reißt sie eilig wieder auf, als sie ausgerechnet Haruka hört.
„Kahoko?! Was zur Hölle?!“

- - -

Imayoshi beendet gerade ein nicht besonders erfolgreiches Training, als sein Handy klingelt.
Er überlegt, nicht dranzugehen, als er Harukas Namen auf dem Display sieht. Die unzähligen Seitenblicke beim Training haben ihm schon gezeigt, dass jeder seine schlechte Laune mit bekommen hat. Wenn es nach ihm ginge, würde er sich irgendwo vergraben und erst wieder raus kommen, wenn er gelernt hat, sein Herz unter Kontrolle zu kriegen. Aber das geht ja nicht so einfach, er hat einen Ruf zu bewahren.
Also nimmt er ab...

Als er die Haustür hinter sich schließt – atemlos, weil er sich so beeilt hat – zittert seine Hand. Er ballt sie zur Faust, entspannt sie, wieder und wieder, um seine Finger unter Kontrolle zu bekommen.
Haruka kommt ihm entgegen.
„Sie liegt auf der Couch und ist furchtbar schlecht gelaunt.“, begrüßt sie ihn.
Obwohl sie sich rau und grob gibt, sieht er ihr auf den ersten Blick an, dass sie sich Sorgen macht.
Shoichi schlüpft aus seinen Schuhen.
„Wie schlimm ist es?“
„Ihre Nase ist gebrochen und unterm Shirt müsste sie grün und blau sein, aber sie will mich nicht schauen lassen, also hast du wohl auch keine Chance.“
Er seufzt. Er will da nicht rein – und gleichzeitig kreisen seine Gedanken immerzu um sie. Aber es hilft alles nichts.

Ein letztes Mal tief durchatmen, dann schlüpft er ins Wohnzimmer, schließt die Tür hinter sich.
Kahoko mustert ihn von der Couch aus. Im Gesicht hat sie einen Eisbeutel, aber ihr Blick ist dennoch scharf und folgt ihm unablässig.
„Ich bin nicht freiwillig hier.“, stellt sie klar, als er mit gesenktem Kopf näher tritt.
„Ich weiß.“, murmelt Shoichi und geht neben ihr in die Knie. Noch einmal tief durchatmen.
„Lass mich deinen Bauch sehen.“
Zu seiner Überraschung zieht sie tatsächlich ihr Shirt hoch. Haruka hat Recht. Es hat ihre Rippen erwischt, die Haut darüber ist dunkel verfärbt. Genau genommen ist alles ein einziger, großer Bluterguss und er zollt Kahoko allen Respekt, dass sie noch nicht weinend in einer Ecke liegt.
„Ich rufe einen Arzt.“
„Nein.“, sie packt seinen Arm, als er aufstehen will. Jetzt ist er doch gezwungen, ihr in die Augen zu sehen und er kann nur hoffen, dass sie ihm seine Gefühle nicht ansehen kann.
„Warum nicht?“
„Weil... ich hab keine Ahnung wer's war. Ich weiß nicht, wie ich all die blöden Fragen beantworten soll.“
„Das ist doch deine geringste Sorge. Du könntest innere Verletzungen haben und deine Nase ist gebrochen.“
„Die Nase zahlt mir eh Akashi, der Kerl kann echt nicht küssen.“
Kahoko blinzelt. Das wollte sie so eigentlich nicht sagen. Mal wieder geredet, bevor sie denken konnte.
Shoichi verzieht das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen.
„Ach so ist das.“, murmelt er und steht auf. Er ist aus dem Zimmer verschwunden, bevor sie ihn aufhalten kann.

- - -

Haruka mustert ihren Cousin, der da schwer atmend an der Tür lehnt und sich übers Gesicht wischt, als wolle er Gespenster vertreiben.
„Du hast Scheiße gebaut.“, stellt sie lapidar fest.
Er nickt, ohne aufzusehen.
„Na ja, ich lass dich das selbst ausbaden. Aber hier, das lag zu Kahokos Füßen.“
Sie reicht ihm ein simples, gelbes Post-it. Shoichi erkennt Meijs Schrift sofort. Er knüllt den Zettel zusammen und stopft ihn in die Tasche.
Das wird ihm alles zu blöd.
Leg dich nicht mit mir an, Senpai.

- - -

Kahoko öffnet langsam die Augen, als sie erneut die Tür hört.
Zu sagen, das ihr alles weh tut, wäre die Untertreibung des Jahrhunderts, aber sie ist auch zu stolz, um nach einer Schmerztablette zu fragen.
„Ich rufe jetzt einen Arzt.“, erklärt ihr Shoichi mit Bestimmtheit und greift ausgerechnet nach ihrer Handtasche.
Fassungslos sieht Kahoko dabei zu, wie er ihr Handy herauszieht und ausgerechnet ihren Vater anruft.
„Hallo? Ist da Midorima-san?... Ja, mein Name ist Imayoshi Shoichi, ich bin ein Freund ihrer Tochter Kahoko. Sie hatte eine unschöne Begegnung mit ein paar Schlägertypen. Ich und meine Cousine haben sie zu mir gebracht, für eine Art Erstversorgung, aber wenn sie kommen könnten... ja, ich gebe ihnen die Adresse, einen Moment...“

Kaum hat er aufgelegt, bricht es aus ihr heraus.
„Ich hasse dich.“, erklärt sie ihm so ruhig und kalt, dass ihm ein Schauer über den Rücken läuft.
„Ich weiß.“, murmelt er als Antwort und schiebt ihr Handy zurück in ihre Tasche, bevor er sich umdreht.
Kahoko ist gerade dabei, sich aufzusetzen.
Er eilt zu ihr, streckt Hände nach ihr aus, um sie wieder in eine liegende Position zu verfrachten, aber sie wirft ihm einen eisigen Blick zu.
„Fass mich nicht an.“
Shoichi erstarrt, nickt und tritt zurück.
Er sieht schweigend dabei zu, wie sie sich aufrappelt, mühsam hoch kommt und unter Schmerzen zur Tür wankt. Mehrmals geht sie in die Knie, aber sie rappelt sich immer wieder auf.
Kurz vor der Tür geht ihr dann aber doch die Kraft aus, sie ist ganz grün im Gesicht.
Wortlos legt er ihren Arm um seine Schultern und hilft ihr so wieder hoch.
Bis zur Treppe kommen sie, dann lässt er sie vorsichtig wieder hinunter, so dass sie sich auf eine der Stufen setzen kann.
Shoichi tritt zur Seite, hält Sicherheitsabstand und ein Auge auf sie, falls sie umkippen könnte.
Gesprochen wird nicht mehr. Sie haben sich wohl wirklich nichts mehr zu sagen.

- - -

Es herrscht Schweigen.
Sie sitzen im Wagen vor dem Haus der Midorimas.
Kahoko wartet darauf, dass ihr Vater etwas sagt oder zumindest aussteigt. Ihr Kopf fühlt sich an, als wäre er mit Watte ausgelegt worden und ihre Beine kribbeln ganz seltsam. Selbst ins Haus zu kommen kann sie also schon mal vergessen.
„Du fragst ja gar nicht.“
Ihre Stimme klingt richtig gehend anklagend, als sie die Stille nicht mehr erträgt.
Ihr Vater dreht den Kopf und sieht sie das erste Mal wirklich an. Sieht ihr in die Augen und nicht nur auf ihre Verletzungen.
Eigentlich, denkt Kahoko, ist es richtig unheimlich, wie ähnlich er mir sieht. Wir haben sogar das gleiche Muttermal neben dem Ohr.
„Was soll ich denn fragen?“, gibt er ganz ruhig zurück und sie öffnet und schließt den Mund dreimal, bevor ihr eine passende Antwort einfällt. Sie schiebt es auf die Schmerzmittel.
„Na, wie es passiert ist. Warum ich mich geprügelt habe. Keine Ahnung, es gibt doch sicher haufenweise Dinge, die dich interessieren.“
„Klar gibt es die. Aber nicht das, was du jetzt denkst. Dein Freund hat mir schon so einiges berichtet. Dass du zum Beispiel keine Schuld trägst an allem.“
„Er ist nicht mein Freund.“, kontert Kahoko scharf und verschränkt mit einiger Mühe ihre Arme.
„Willst du drüber reden?“
„Sicher nicht mit dir!“, faucht sie und drückt die Autotür auf. Irgendetwas hält sie zurück und erst nach mehreren erfolglosen Versuchen sich vom Sitz zu erheben, geht ihr auf, dass sie noch angeschnallt ist.
„Das sind die Schmerzmittel.“, faucht sie ihren Vater an, der sie ruhig dabei beobachtet, wie sie mit dem Gurt kämpft.
„Komm...“, mit einer einzigen Bewegung löst er ihren Gurt, „Lass uns erst mal rein gehen.“

Es hilft nichts, dass Kahoko vor Wut schäumt – sie ist auf die Hilfe ihres Vaters angewiesen, um ins Haus zu kommen.
Mit sanfter Gewalt bugsiert er sie zu der großen Couch im Wohnzimmer, wickelt sie in eine kuschlige Decke und setzt sich dann neben sie – obwohl sie ihn die ganze Zeit mit Blicken erdolcht.
„Du hast die Wahl. Entweder redest du mit mir drüber oder mit einem anderen Erwachsenen.“
Augenblicklich senkt sie den Blick. Er kann förmlich sehen, wie sich die Zahnräder hinter ihrer Stirn drehen.
Schließlich sieht sie ihn wieder an, ihr Blick spricht Bände. Sie ist auf Streit aus.
„Warum kümmert's dich überhaupt? Du interessierst dich doch sonst auch nicht für mich.“
„Das stimmt so nicht.“, widerspricht er ihr ruhig, was sie aber nur noch mehr aufregt.
„Natürlich stimmt das!“, sie haut mit der flachen Hand fest auf ihren Oberschenkel und zuckt zusammen, als sie einen der unzähligen blauen Flecken erwischt.
„Willst du etwa behaupten, dass ich mir nur eingebildet habe, wie du mich nach der Scheidung immer schön ignoriert hast.“
Er mustert sie lange, bevor er seine Brille abnimmt und sich mit beiden Händen übers Gesicht fährt. Als er sie wieder ansieht, sieht es fast so aus, als müsste er Tränen weg blinzeln. Aber das bildet sie sich sicher nur ein. Das müssen die Schmerztabletten sein.
„Kahoko...“, beginnt er und sogar seine Stimme klingt ein wenig rauer als sonst, „Nein, das hast du dir nicht eingebildet. Leider. Ich wünschte, es wäre so, aber ich habe viele, viele Fehler gemacht. Und das tut mir leid. Aber ich habe draus gelernt, habe es bei Shintarou und Yuna besser machen können. Und ich möchte es auch bei dir besser machen, wenn du mich lässt.“

Kahoko starrt ihn sprachlos an. Fährt sich mit zittrigen Händen über die Augen – sorgsam bedacht, nicht den Gips an ihrer Nase zu berühren – und stellt schockiert fest, dass sie keine Fata Morgana vor sich hat.
Trotzdem... wütend ist sie noch immer.
„So leicht geht das aber nicht. Nur weil du dich entschuldigst, heißt das nicht, das auf einmal alles okay ist.“
„Ich weiß. Aber es ist ein Anfang, oder? So wie du dich bei Shintarou entschuldigt hast.“
Sie erbleicht und lässt den Kopf sinken, sieht erschrocken wieder auf, als er ihre rechte Hand in seine nimmt.
„Komm schon Kahoko... ich weiß, du bist eine Perfektionistin. Du verlangst von dir und allen anderen, dass sie ihr bestes geben, keine Fehler machen... Das hast du von mir. Aber die Realität sieht nun mal anders aus.“
Kahokos Unterlippe zittert. Ein sicheres Indiz dafür, dass sie gleich zu weinen beginnt. Sie presst ihre linke Hand gegen ihren Mund, bemüht, die Fassung zu bewahren.
Wie gerne würde sie seinem Vorschlag folgen. Aber sie hat Angst. Sie ist schon mal enttäuscht worden und das nicht zu knapp.
„Nächste Woche ist es vielleicht schon wieder anders.“, platzt es aus ihr heraus und obwohl sie das Thema ganz anders angehen wollte, viel überlegter und raffinierter, kann sie nicht mehr zurück, „Und wenn's nicht nächste Woche ist, dann nächsten Monat, nächstes Jahr oder spätestens dann, wenn ich dich ganz dringend brauche, dann ist die Arbeit wieder wichtiger.“
Wieder sieht er sie ganz lange an, etwas, dass Shintarou ganz eindeutig von ihm hat, wie ihr jetzt auffällt. Dieses nachdenkliche Abwarten, die Mühe, die sie sich auf der Suche nach den richtigen Worten machen.
Sie wartet, geduldiger als sie sich selbst kennt, dass er spricht.
„Das war lange so, ich weiß. Ich kann mich nur entschuldigen und notdürftig erklären, dass ich Angst hatte. Solche Angst davor, es zu vermasseln, dass ich es... nun ja, so richtig vermasselt habe. Ich habe mich in die Arbeit gestürzt, weil ich da genau wusste, was ich zu tun habe und Shintarou hatte einfach das zweifelhafte Glück, ein sehr pflegeleichtes Kind zu sein. Er hat mir gegenüber immer so getan, als wäre er zufrieden damit, in seinem Zimmer zu sitzen und zu lernen... ich glaube, als ihr wirklich weg wart, hat uns das die Augen geöffnet. Wir haben uns verändert, Kahoko. Wir alle, ihr drei und wir vier. Und wenn wir nicht bereit sind, aufeinander zuzugehen, dann kriegen wir das nicht hin.“
Jetzt heult sie wirklich. Dicke, fette Krokodilstränen rinnen ihr die Wangen hinunter und er zieht sie wie früher auf seinen Schoß und lässt zu, dass sie ihre Stirn gegen seine Schulter presst, obwohl ihre Tränen sein Hemd total durchnässen.
Seine Hand reibt über ihren Rücken, während all das Chaos in ihr haltlos aus ihr heraus bricht.

„Was hältst du davon, wenn ich jetzt erst mal nen Kaffee für uns mache und dann erzählst du mir das ganze Dilemma.“
Kahoko wischt sich die Tränen vom Gesicht und tupft ganz zaghaft mit einem Taschentuch ihre schmerzende Nase trocken.
„O-okay...“
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