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Buzzer Beater

GeschichteFamilie, Freundschaft / P12 / Gen
Midorima Shintarō OC (Own Character)
15.05.2015
15.05.2018
108
320.657
24
Alle Kapitel
100 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
07.11.2015 3.505
 
Für eine bessere Übersicht der OC's:  Bilder und Zusammenfassung
Wer sie schon gesehen hat - immer mal wieder trotzdem nach sehen, es wird von Zeit zu Zeit geupdatet und Neues eingefügt. Letztes Update: Bilder von Shouta und Haruka, sowie Bild und Zusammenfassung von Masahiro, Kahokos Stiefvater


Vom Regen in die T(r)aufe

Als Kahoko als eine der ersten am Hallenbad auftaucht, kommt ihr recht verspätet der Gedanke, dass sie vielleicht ihre Badesachen hätte mitbringen können. Aber zwischen Halle reinigen und her kommen noch nach Hause eilen zu müssen, war ihr eindeutig zu anstrengend und überhaupt – Nanami hatte nur gesagt, dass sie sich am Hallenbad treffen wollten, oder?
Wie auch immer, jetzt ist es ohnehin zu spät, um noch mal umzukehren, denkt sie, als sie sieht, wie nervös Shouta bereits ist. Außerdem geh ich sicher nicht allein zurück, es ist schon dunkel.
Sie schaudert. Da, wo sie wohnt, sind viele Straßenlaternen und unzählige beleuchtete Fenster. Aber hier ist es dunkel, wenig Laternen und hinter den Fenstern kein Licht. Sie fröstelt unwillkürlich, obwohl es noch recht warm ist – und schiebt sich sicherheitshalber hinter Shouta.
„Wer fehlt denn jetzt noch?“, fragt Lia.
„Nanami...“, stottert Shouta nervös. Kein Wunder. Wenn Nanami, die Ausgeburt an Pünktlichkeit fehlt, dann ist irgendwas im Busch.
„Ruf sie mal an.“, wispert Kahoko, die fürchtet, dass ihre Stimme zittern könnte. Sie schiebt sich noch ein wenig näher an Shouta, zieht den Kopf zwischen die Schulterblätter.
„Erst will sie, dass wir alle hier auftauchen und dann kommt sie selber nicht.“, nölt Shinji genervt und saugt an ihrem linken Piercing, während sie Shouta nicht aus den Augen lässt.
„Was?!“, bellt der plötzlich fassungslos ins Telefon und Shinji, die nur darauf gewartet hat, hechtet nach vorne, um ihm das Telefon aus der Hand zu reißen. Noch bevor sie das Gerät in die Finger kriegen kann, ertönt hinter ihnen ein gellender Pfiff.
Alle drehen sich zu der Fassade des Hallenbads um. Ein blasses Gesicht mustert sie durch eines der Fenster.
Kahoko kreischt wie am Spieß und springt der nächstbesten Person in die Arme. Shinji, die Glückliche, wankt unter dem Gewicht und röchelt angesichts der Kraft, mit der sich Kahokos Arme um ihren Hals winden.
„Geh! Runter!“, keucht sie und Kahoko gehorcht eilig, die Wangen hochrot. Schließlich erkennt selbst sie auf den zweiten Blick, dass das vermeintliche Gespent nur Nanami ist, die sie durch das offene Fenster pikiert mustert.
„Nicht so laut... Und jetzt kommt endlich rein.“
„Rein?“, quiekt Lia panisch, „Rein durchs Fenster?“
„Natürlich.“, erwidert Nanami trocken, „Wie willst du sonst rein kommen?“
„Durch die Tür?“, fragt Michirou trocken zurück. Nanami lacht bloß.
„Mann, dann gehen wir halt durchs Fenster rein, wenn sie das unbedingt will.“, kommt es ausgerechnet von Megumi, „Kahoko, hilf mir rein.“
Kahoko gehorcht bereitwillig, nicht, weil sie die Idee so sonderlich toll findet, aber alles ist besser, als herum zu stehen und vielleicht wieder auf ihr Benehmen gerade zu sprechen zu kommen.

Irgendwann sind alle im Inneren – nur Kahoko fehlt noch. Sie hat die Wahl zwischen Dunkelheit drinnen – Nanami hat immer noch kein Licht gemacht – und der Dunkelheit draußen. Sie entscheidet sich für drinnen, aber auch nur, als sie ein Rascheln im Gebüsch hört. So schnell ist sie noch nie irgendwo rein geklettert.
„Mach endlich Licht, Mann.“, nölt Shinji, als Kahokos Füße wieder festen Boden unter sich haben.
„Vergiss es, das würde die Stimmung ruinieren.“, gibt Nanami zurück.
Kahoko gibt ein seltsames Kieksen von sich, presst den Rücken gegen die Wand, während Nanami bereits von irgendwelchen Stammesritualen faselt.
Wenn sie sich ganz fest zusammen reißt, dann... „OH SCHEIẞE!“ Sie macht einen gewaltigen Satz zur Seite, als etwas ihren linken Knöchel berührt, knallt gegen jemanden und krallt sich in dessen Schultern. Sie braucht nur den Bruchteil einer Sekunde um zu ertasten, dass das da vor ihr ein Teammitglied ist und genauso lang, um sich wie ein sehr schweres Äffchen um ihr Opfer zu schlingen.
Allein an Shinjis gepeinigtem Röcheln lässt sich erkennen, wer mal wieder der Arme ist.
„Geh runter von mir.“, faucht Shinji zwischen zwei verkrampften Atemzügen, aber Kahoko, die ihr Gesicht in die fremde Schulter gepresst hat, wehrt sich mit ihren vollen 75kg Kampfgewicht. Sie lässt nicht locker. Sie nicht.
„Kahoko.“, kommt es beruhigend von Nanami, die näher tritt und ihre Hand auf Kahokos verkrampften Rücken legt.
„Runter! Von! Mi-HA!“ Shinji verliert das Gleichgewicht, der Boden unter ihren Füßen ist plötzlich weg und Kahokos Extra-Gewicht hilft ihr jetzt nun wirklich gar nicht. Doch da kommt kein Fließenboden auf die beiden zu, sondern … Wasser.
Als Shinji prustend und schnaubend auftaucht, schaltet sich ein Unterwasserlicht nach dem anderen ein und taucht den großen Pool in ein schwummriges Licht. Nanami steh am Beckenrand und grinst zufrieden auf sie hinab.
„Das war Absicht!“, poltert Shinji, „Du ha-grgl!“ Sie verschwindet wieder in der Tiefe und an ihrer Stelle taucht eine grinsende Kahoko auf.
„Das war aber nicht nett.“, kommentiert Nanami Kahokos Aktion. Die schleudert ihr eine Fontäne entgegen. „Uns reinschubsen auch nicht.“
„Ja.“, schnaubt Shinji, die mit gebührendem Sicherheitsabstand zu den beiden Irren auftaucht. „Was sollte das überhaupt?“
„Was?“, fragt Nanami und dreht sich mit einer dramatischen Pause einmal im Kreis, die Arme bedeutungsvoll gehoben. „Ihr wurdet so eben als offizielle Mitglieder des Teams getauft.“
Sie grinst. „Wer ist die Nächste?“

- - -

Es ist spät, als Kahoko nach Hause kommt, mit feuchten Haaren und klammer Kleidung. Bibbernd schält sie ihren Körper aus dem klammen Stoff und sucht sich was Trockenes, vorzugsweise flauschig.
Es klopft an ihrer Tür. „Herein.“
„Hey... kann ich rein kommen?“
Kahoko fährt überrascht herum. „Kazu-kun? Was machst du denn hier?“
Er lächelt sie an. „Ich war bei Shintarou, wir haben noch gelernt und als ich gesehen habe, dass bei dir Licht ist, hab ich gedacht, ich schau noch mal vorbei.“
Überrascht blickt Kahoko auf die Uhr. Es ist schon nach zehn Uhr.
„Es geht ihm nicht so gut.“
Ihr Blick geht wieder zurück zu Kazunari, der sein Lächeln verloren hat. Ernst blickt er sie an und das ist sie von ihm nun wirklich nicht gewöhnt.
„Was meinst du? Ist er krank?“ Da ist so viel Besorgnis in ihrer Stimme, dass er doch wieder zu lächeln beginnt. Aber wirklich fröhlich wirkt es nicht.
„Hast du eigentlich mit ihm geredet? Nach dem Spiel oder irgendwann heute?“
Kahokos Mund öffnet und schließt sich, ohne dass etwas raus kommt. Sie räuspert sich, blickt auf den Boden und dann wieder hoch. „Was meinst du?“, fragt sie mit rauer Stimme.
Kazunari nickt. Irgendwie hat er das bereits geahnt.
„Hast du gedacht, dass sich alles von selbst einrenkt? Nur weil er gewinnt?“
„Hat es das etwa nicht?“, kommt es verwirrt zurück.
„Natürlich nicht.“ Sein Tonfall ist schärfer als beabsichtigt, er schließt kurz die Augen, reißt sich zusammen. „Für ihn ist das eine riesen Umstellung, da ist noch so vieles ungeklärt.“
„Was denn noch? Was will er denn wissen?“
„Woher soll ich das wissen, mit mir redet er doch auch nicht.“, Kazunari fährt sich mit den Händen durchs Haar, eine Spur Verzweiflung färbt seine Wörter bitter, „Warum hast du nach dem Spiel nicht mit ihm geredet?“
„Wann denn? Ich musste mich doch mit den Mädchen versöhnen!“
„Und das war wichtiger als Shintarou?“
Sie zuckt zurück, als hätte er sie geschlagen.
„Ich glaube du solltest jetzt gehen.“, flüstert sie nach einem Moment der angespannten Stille. Es ist so leise im Raum, dass er sie sehr gut hören kann.
Er öffnet den Mund, um etwas zu sagen, aber er weiß nicht was, also macht er ihn wieder zu und nickt. Sein erster Fehler. Vielleicht auch sein zweiter.
Dann dreht er sich um geht. Der nächste Fehler.
Den ganze Weg nach Hause, ja selbst nach dem zehnten Umherwälzen im Bett – ihm fällt nicht ein, wie er es besser hätte machen können. Er weiß nur, dass er es falsch gemacht hat.

- - -

Susa Yoshinori gähnt. Mann, er hat wirklich keine Lust darauf, sich diese Dokumentation anzusehen, nicht so spät nachts und erst recht nicht Samstags. Er mag zwar wirken wie ein alter Mann, aber Samstags geht er normalerweise gerne früher ins Bett, um sich von der Woche zu erholen.
Aber Imayoshi ist nicht umsonst seit drei Jahren sowas wie sein bester Freund und dieser Dokumentarfilm über versteckten Zucker ist wichtig für ihre Biologiearbeiten. Geplant ist dieser Ausflug auch schon seit Wochen, also kann er auch nicht einfach so absagen, nur weil ihm Wakamatsu vorhin die Ohren vollgeheult hat. Übers Telefon dröhnt die Stimme des Centers noch viel unangenehmer als im echten Leben.

„Was ist überhaupt mit diesem Sakurai los? Der benimmt sich so... so... selbstbewusst, auf einmal!“
Susa runzelt genervt die Stirn. Er wollte ein Nickerchen machen, ja, ein kleines, erholsames Nickerchen, damit er für die Spätvorstellung ausgeruht ist. Und jetzt labert ihn ein Zweitklässler mit zweitklassigen Problemen zu.
„Hmm...“, brummt er.
Wakamatsu versteht ihn falsch und redet weiter, enthusiastisch, das ihm endlich mal jemand zustimmt.
„Das liegt nur daran, dass Momoi-san so um ihn herum wuselt, sie hat nur noch Augen für ihn! Und der Coach hat ihn auch noch gelobt, seine Würfe seien noch besser geworden. Kannst du dir das vorstellen?“
„Hmm...“
„Meinst du...“, Wakamatsus Stimme wird plötzlich leiser und Susa, der beinahe eingenickt wäre – mit der Zeit gewöhnt man sich an die Lautstärke – schreckt doch tatsächlich auf, „Meinst du, das liegt daran, dass er eine Freundin hat?“
„Hmm...“, brummt Susa und das ist wohl mit Abstand der größte Fehler in seinem Leben.
„DU GLAUBST ES ALSO AUCH!“, brüllt Wakamatsu so laut ins Telefon, dass Susa das Gerät vor Schreck durch den Raum wirft.
Als er es mit immer noch klopfendem Herzen unterm Schreibtisch hervor zieht, ist der Bildschirm schwarz. Mist, karierter!

Zurück in der Gegenwart gähnt Susa noch einmal, schüttelt den Kopf, um die Erinnerung zu vertreiben und blinzelt gegen das Licht einer Straßenlaterne. Blöder Treffpunkt, dieser Kinderspielplatz, hier ist nichts los, das ihn irgendwie von seiner Müdigkeit ablenken könnte. Ein Nachtcafé wäre jetzt genau richtig, ein doppelter Espresso dürfte reichen, um ihn sicher bis zum Kino zu bringen.
Das quietschende Geräusch von aneinander reibendem Metall reißt ihn aus seinen Gedanken. Er schaudert und linst vorsichtig in die Dunkelheit. Er zählt nicht unbedingt zu der ängstlichen Sorte Mensch, aber er will auch wirklich nicht im Alter von 18 Jahren von einem Werwolf-Zombie-Dings gefressen werden, dass es eigentlich nur im Comic gibt. Nein, wirklich nicht.
Wieder ein Quietschen, er tritt ein paar Schritte zur Seite.
Da, hinter den paar Bäumen, im Licht einer weiteren Laterne, schaukelt jemand selbstvergessen vor sich hin.
„Shoichi? Bist du das?“
Die Person hebt den Kopf und Susas Füße setzen sich wie von selbst in Bewegung. Er hat bereits die Hälfte der Strecke hinter sich, als ihm aufgeht, dass das erstens nicht Shoichi ist und zweitens einfach los laufen ne echt blöde Idee ist.
Es ist zu spät, um stehen zu bleiben, sein Gegenüber erhebt sich ebenfalls von der Schaukel und Mist, der Kerl ist riesig, das ist bestimmt nicht Shoichi, warum hab ich das nicht gleich gesehen?
„Wer bist du?“, fragt der Riese mit so überraschend weiblicher Stimme, das Susa nun doch stehen bleibt. Aus Überraschung.
„Ich... äh... Susa... Susa Yoshinori.“
„Hallo Yoshinori, ich bin Kahoko.“, antwortet das Riesenmädchen und setzt sich wieder auf die Schaukel.
Susa verlagert ganz langsam das Gewicht auf den hinteren Fuß, bereit, einfach umzudrehen, als sie ihn doch noch anspricht.
„Meintest du... Imayoshi Shoichi.“
Okay... Shoichi, du schuldest mir was.
„Äh... ja... kennst du ihn auch?“ Bitte lass es nicht eine von seinen Fangirls sein. Das steh ich nach der Wakamatsu-Sache von vorhin einfach nicht mehr durch. Bitte.
Ja, er gibt mir Nachhilfe.“
„Oh...“
Eine Weile ist es still zwischen ihnen. Susa lässt sich durch den Kopf gehen, was er weiß. Shoichi hat jemanden erwähnt, von wegen Nachhilfe. War da nicht das Foto von diesem Mädchen, das einen Jungen umarmte? Na dann konnte sie wenigstens nicht hinter Shoichi her sein, oder? Schließlich hatte sie ja diesen Winzling vom Foto als Freund.
Susa zuckt die Schultern und tritt zu ihr. Der Spielplatz ist nicht so groß, dass Shoichi ihn bei seiner Ankunft verfehlen könnte und alleine rum stehen in der Dunkelheit, das muss er nicht unbedingt haben.
„Ist da noch frei?“, er zeigt auf die Schaukel neben ihr und Kahoko zuckt mit den Schultern, schaukelt leicht vor und zurück.
Susa setzt sich, zufrieden, jemand neben sich zu haben, der weiß, was angemessenes Schweigen ist.
„Sag mal...“, bricht er selbst das Schweigen, als ihm die nächtliche Stille dann doch zu unheimlich wird, „Hast du keine Angst im Dunkeln?“
„Hmm? Doch... aber wir haben ja ganz viele Nachtlichter hier.“
„Äh?“
Sie dreht sich zu ihm, streckt die Hand aus und zeigt auf das Haus, das am nächsten ist. Der Fernseher im Wohnzimmer wirft ein blaugrünes Licht durch das Fenster.
„Ich finde, die beleuchteten Fenster und Straßenlaternen sind wie kleine Nachtlichter.“
„Hast du eines? Ein Nachtlicht, meine ich?“
„Ja...“, sie lächelt, „Eins mit Kätzchen drauf, das war ein Geschenk.“
„Von deinem Freund?“
„Nein, von meinem Bruder.“ Ihr Lächeln verschwindet und er schweigt. Was soll er auch sagen?
Erst als er sie zittern sieht, bricht er die Stille erneut. Sie trägt nur einen dünnen Pulli und trotz Spätsommer ist es um elf Uhr nachts nicht mehr so warm wie tagsüber.
„Hier... nimm meine Jacke.“
Verdutzt nimmt sie das Kleidungsstück entgegen. Es ist sein Glück, dass er sich grundsätzlich immer irgendwie zu warm anzieht – seiner fürsorglichen Mutter sei Dank – er kann gut drauf verzichten und sie kann es ganz offensichtlich gut gebrauchen.
„Danke.“, murmelt sie und schlüpft hinein. Sie lächelt ihn an, er lächelt zurück.
In diesen kleinen Moment der stillen Zufriedenheit platzt ein gut platzierter Räusperer von hinter ihnen.
Die zwei schießen in die Höhe wie Feuerwerksböller und fahren mit wild klopfendem Herzen herum. Hinter ihnen steht Shoichi, grinsend wie ein Unschuldslämmchen.

„Du bist zu spät.“, fängt sch Susa als erster.
„Du warst zu früh.“, entgegnet Shoichi, mustert statt Susa aber dessen Jacke um Kahokos Schultern. „Wollen wir gehen?“, fragt er Susa.
Der dreht sich zu Kahoko. „Willst du mit kommen? Wir wollen uns einen Film ansehen, über versteckten Zucker.“
Kahoko wiederum blickt unsicher zu Shoichi. „Ich weiß nicht, ob dir das recht ist, ich meine, ich will da nicht rein platzen.“
Shoichi starrt sie an. „Bist du sicher, dass du dir einen Film über versteckten Zucker ansehen willst?“
Kahoko grinst ihn an. Shoichi kann nur zu gut erkennen, dass es nicht auf voller 1000 Watt Leistung strahlt, aber um Susa zu täuschen reicht es alle mal.
„Solltest du als mein Nachhilfelehrer nicht erfreut sein, dass ich mir sowas freiwillig anschauen würde?“, fragt sie ihn.
Clever. Jetzt kann ich ja nicht mehr nein sagen, denkt Shoichi und zuckt die Schultern. „Von mir aus kannst du gerne mitkommen, aber wenn man dich im Kino raus kickt, weil du zu für die Spätvorstellung bist, übernehme ich keine Verantwortung.“
Kahoko streckt ihm die Zunge raus, Susa gluckst.
Shoichi verkneift sich ein Schnauben. Jetzt bloß nichts anmerken lassen.

Natürlich fragt niemand Kahoko nach ihrem Alter. Sie ist ein 1,90m großes Mannsweib. Selbstverständlich fragt Susa sie, ob sie Popcorn will und es fehlt nicht viel, dass dieser 80-Jährige im Körper eines Teenagers ihr nicht auch noch den Eintritt spendiert. Die einzige Überraschung ist, dass Kahoko das Popcorn ablehnt.
Der Film ist todlanweilig, aber Susa hält sich wacker, die Augen fest auf den Bildschirm gerichtet. Er will sich wohl einprägen, was gezeigt wird. Armer Kerl mit seinem durchschnittlichen Gedächtnis.
Shoichi grinst mitleidig in der Dunkelheit, wendet den Blick von Susa ab.
Kahoko ist im Sitz zusammen gesunken, blinzelt gegen das Licht des großen Bildschirms. Sie ist todmüde. Als sie seinen Blick bemerkt, hievt sie sich in die Höhe... und legt den Kopf auf seine Schulter.
Er versteift sich und wirft unwillkürlich einen Blick in Susas Richtung. Sie beide heben synchron die Augenbrauen, werfen erst sich, dann Kahoko skeptische Blicke zu.
Shoichi sieht noch einmal genauer hin. Ihre Schultern sind vollständig entspannt, ihr Atem geht ruhig. Ist sie etwa...?
Er spürt etwas feuchtes an seiner Schulter und lehnt sich resignierend zurück. Sie ist einfach eingeschlafen. Und sie sabbert auf meine Schulter.

- - -




Der Heimweg verläuft schweigend, teils, weil es so spät ist und Kahoko im Halbschlaf hinter her torkelt, teils, weil die beiden Jungen es gewöhnt sind, nebeneinander zu schweigen. Oder eben miteinander.
Susa verabschiedet sich am Spielplatz von ihnen und Shoichi muss Kahoko anstoßen, damit sie ihm seine Jacke zurück gibt.
Die Kälte weckt sie wieder ein wenig auf.

„Ich bring dich nach Hause.“, murmelt Shoichi, als sie vom Spielplatz auf die Hauptstraße treten.
Kahoko runzelt zwar die Stirn, beschwert sich aber nicht. Das ist schon mal ein Anfang.
Schweigend gehen sie durch die Nacht, sie fröstelt bei jedem Lüftchen, aber sie fragt nicht nach seiner Jacke.
Geschieht dir Recht, denkt Shoichi, du hast auf meine Schulter gesabbert.
Trotzdem, als sie an einer Ampel warten müssen, schlüpft er dennoch aus seiner Jacke und reicht sie ihr. Er will neben Susa nicht als Dreckskerl da stehen.
Kaum, dass sie hinein geschlüpft ist, bereut Shoichi es auch schon. Ein Windstoß fegt durch die Straße, er verschränkt die Arme vor der Brust. Scheiße, ist es kalt!
Sie schweigen weiter, aber zumindest Shoichi tut es jetzt, um sich nicht durch Zähneklappern zu verraten.

Als sie bei Kahokos Haus ankommen, bleiben sie stehen. Kein Fenster ist erleuchtet, nur die Laterne wirft ein milchiges Licht auf die Fassade.
„Wenn deine Eltern dir Vorwürfe machen, kannst du ihnen sagen, dass du mit mir unterwegs warst. Ich nehm die Schuld auf mich.“
„Okay, danke.“, Kahoko reicht ihm seine Jacke, in die er bemüht langsam schlüpft. Seine Finger krallen sich in den Rand der Ärmel und bekommen langsam wieder ein Gefühl. Er verkneift sich ein genussvolles Seufzen und steckt stattdessen die Hand aus, um eine ihrer Haarsträhnen um den Finger zu wickeln.
„Geht's dir jetzt besser?“, fragt er, während er ihr Haar durch seine Finger gleiten lässt. Es ist wesentlich weicher als gestern, jemand hat seinen missratenen Schnitt ausgebessert.
„Was meinst du?“, versucht sie mit einer Gegenfrage auszuweichen. Er sieht ihr direkt in die Augen und sie zögert, schluckt... und nickt dann. „Doch, ein bisschen. Ich konnte ein bisschen schlafen und bin jetzt ruhiger.“
„Die Kinokarte ist ein bisschen teuer, wenn man den Platz nur zum schlafen nutzt.“, spöttelt er, als ihm auffällt, dass er seine Finger immer noch in ihren Haaren hat. Er zieht die Hand zurück und legt sie stattdessen auf den Gartenzaun, wo sie sicher ist.
„Was ist denn passiert?“
Sie zieht die Schultern hoch. „Ich weiß nicht, ob ich wirklich drüber reden will.“, antwortet sie mit einer unnatürlich schüchternen Stimme. Er nickt.
„Das ist okay. Wenn du doch was los werden möchtest, kannst du dich ja melden.“
„Okay.“
Sie ist immer noch so angespannt. Vielleicht sollte er gehen. Aber wenn er geht, dann nur mit dem sicheren Gefühl, dass er die Kontrolle über die Situation hat. Und dieses Gefühl hat er nicht. Noch nicht.
„Hey...“, sie sieht auf, er schenkt ihr ein schiefes Lächeln, „Ich hätte da vielleicht was, was ich aufmuntert. Ein Bekannter von mir schmeißt Ende des Monats eine Party. Da sind Basketballspieler verschiedener Schulen eingeladen und auch noch andere Leute, es gibt ein gutes Buffett und meistens noch ein paar Freundschaftsspiele. Ich würde dich als meine Begleitung einschleusen, wenn du Lust hast.“
Sie blinzelt, entspannt sich sichtlich. „Kenn ich einen von denen?“
„Kommt drauf an. Sagt dir der Titel 'Die ungekrönten Könige' was?“
„Nicht wirklich. Ist das so wie die 'Generation der Wunder'?“
„So ähnlich, ja, aber erwähn die kleinen Wunder lieber nicht vor den großen Königen. Könnte unangenehm werden. Ein paar der Leute kann ich dir aber sicher vorstellen. Und wenn du Glück hast und Hayama seine Schwester überreden konnte, dann kannst du dir Rakuzans derzeitige Topspielerin aus der Nähe ansehen. Und vielleicht sogar in einem Streetball-Match gegen sie verlieren.“
Jetzt lacht sie sogar. „Was denn? Ist sie etwa so gut?“
Er grinst. „Nun, ich will ja nicht arrogant sein, aber wenn ich mich hier mals als Gradmesser nehmen darf, dann ja. Sie hat mich eiskalt über den Platz gezogen. Sie und ihre zwei besten Freunde sind ein recht gefährliches Team und ich fühle mich beim normalen Basketball wohler.“
„Du hast verloren? Wirklich? Du? Oh, das will ich sehen! Können wir nicht im Team gegen sie antreten?“ Kahoko freut sich wie ein kleines Kind und Shoichi erlaubt sich, zur Strafe ganz leicht an einer Haarsträhne zu ziehen.
„In dem Fall kann ich mit dir rechnen?“
„Aye, Aye, Capitain!“, sie salutiert lachend, beruhigt sich rasch. „In dem Fall seh ich dich nach den Trainingsferien zur Nachhilfe, oder?“
„Nein, morgen...“, er blickt auf seine Uhr, die bereits nach Mitternacht zeigt, „Korrigiere, heute Abend. Wir haben ein Trainingsspiel, schon vergessen?“
Kahoko erstarrt überrascht. „Heute Abend? Gegen euch? Wie konnte ich das vergessen?“
„Ich hab keine Ahnung, aber jetzt ab ins Bett mit dir, sonst fegen wir mit dir den Platz, bevor das Spiel überhaupt angefangen hat.“
Sie gehorcht hastig und auch er selbst macht sich auf den Heimweg. Als Capitän sollte er nicht mit Augenringen wie Autoreifen auftauchen, das ist schlecht für seinen Ruf.

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