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Buzzer Beater

GeschichteFamilie, Freundschaft / P12
Midorima Shintarō OC (Own Character)
15.05.2015
15.05.2018
108
320.657
23
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05.03.2017 3.963
 
Der nächste Morgen

„Hey...“, Taiga streicht sanft über Megumis Rücken, „Hey, Mäuschen, wach auf.“
„Lass mich schlafen!“, raunzt sie unwillig, „In mir wächst ein Baby, so groß wie ein Kalb, du könntest mich wenigstens ausschlafen lassen, wenn ich mal Gelegenheit dazu habe.“
Er tritt vom Bett zurück, die Hände in der Luft.
„Tut mir wirklich Leid. Schlaf ruhig weiter.“
„Danke!“, faucht Megumi und presst ihr Gesicht wieder in das vermaledeite Schwangerschaftskissen.
Taiga kann sich nicht helfen. Er hat das kommen sehen. Trotzdem schlägt es ihm auf die Laune.

- - -

„Ich muss gleich los und Lia vom Flughafen abholen, was machst du heute?“, fragt Nanami und füllt selbstgemachten Powersmoothie in zwei Gläser.
„Trainieren...“, meint Daiki leicht hin und trinkt in einem Zug die Hälfte seines Smoothies, „Ein bisschen Schaufensterbummeln vielleicht. Schuhe und sowas.“
„Meine roten High Heels sind schon ziemlich abgewetzt, kannst du nach sowas Ausschau halten?“, fragt Nanami und schraubt einen Deckel auf ihr Trinkglas.
„Klar.“, Daiki beugt sich vor und küsst sie auf den Mund, „Fahr vorsichtig.“
Nanami lächelt.

- - -

„Hi...“, Kahoko schließt die Tür der Konditorei hinter sich und tritt zum Tresen, „Ich habe einen Kuchen auf Imayoshi bestellt, ist der schon fertig?“
Das Mädchen nickt und tippt auf dem Bildschirm herum, bevor sie das Gesicht verzieht.
„Gibt es ein Problem?“, fragt Kahoko nervös, „Ich habe nicht viel Zeit, weil mein Babysitter die Kleinen nicht wirklich im Griff hat, aber ich kann auch später wieder kommen.“
„Nein, also, mit dem Kuchen sollte alles in Ordnung sein, hier steht nur, dass die Chefin sie gerne sehen möchte, wenn sie kommen.“
„Oh, Tsubaki ist hier?“, fragt Kahoko verdutzt und das Mädchen wirkt erleichtert.
„Sie kennen sie persönlich? Dann wissen sie sicher, wo sie durch gehen müssen, oder? Tut mir leid, ich bin noch nicht lange hier und der Chefkonditor macht mir etwas Angst.“
Kahoko lächelt beruhigend. „Atsushi ist ein ganz lieber, sie müssen ihm nur hin und wieder einen Maibo-Riegel schenken.“
„Oh… ähm… danke...“, stottert die Kassiererin und Kahoko schiebt sich lächelnd am Tresen vorbei, um durch die Tür in den hinteren Bereich zu schlüpfen.
Sie begegnet Atsushi zuerst, aber er ist auch nicht zu verfehlen, wie er sich vor einer Tür aufgebaut hat, in einer Arm eine Schüssel voll Proben und jeden finster anstarrt, der ihm zu nahe kommt.
„Der Teig ist zu feucht.“, mault er und hält ein Stück Kuchenboden in die Höhe, „So geht das nicht.“
Einer der anderen Bäcker nickt eilig.
„Jawohl Chef, ich mache sofort einen neuen.“

„Quälst du deine Angestellten?“, fragt Kahoko und tritt zu ihm.
Atsushi mustert sie von oben herab.
„Du kommst zu früh...“, klagt er, „Tsubaki empfängt gerade keinen.“
„Schläft sie?“, fragt Kahoko und Atsushi schüttelt den Kopf, bevor er sich zu ihr beugt, wie um ihr ins Ohr zu flüstern.
Die Lautstärke, mit der er spricht, ändert sich dabei aber keineswegs, sodass dennoch jeder im Raum mitkriegt, was er ihr zu sagen hat.
„Sie füttert gerade den Kleinen.“
Kahoko nickt verstehend.
„Dann macht es ihr sicher nichts aus, wenn ich schnell rein komme, oder? Ich kenne mich mit Kindern aus.“
Atsushi zögert, dann nickt er schließlich und tritt zur Seite.
„Komm wieder mal mit deinen Kindern vorbei. Sie sind alle viel zu klein. Sie brauchen mehr zu Essen.“
„Werd ich machen, Atsushi, werd ich machen.“

Das Büro im hinteren Teil der Konditorei ist nicht groß, aber gemütlich eingerichtet.
„Du hättest Innenarchitektin werden können.“, stellt Kahoko fest und stellt ihre Tasche zur Seite.
Tsubaki sitzt in einem Schaukelstuhl vor dem großen Fenster und badet in Sonnenlicht. Sie sieht müde aus und klein. In dem Stuhl könnte selbst Atsushi versinken.
„Wo ist denn mein kleiner Spatz?“, singt Kahoko und tritt zu ihrer Freundin.
Tsubaki lächelt, gähnt und löst den Kleinen vorsichtig von ihrer Brust.
Er beginnt sofort zu jammern, aber Kahoko nimmt ihn vorsichtig und legt ihn sich über die Schulter, damit er sein Bäuerchen machen kann.
„Er ist immer hungrig.“, jammert Tsubaki, während sie ihr Oberteil zurecht zupft, „Er kommt ganz nach seinem Vater.“
Der Junge stößt einen durchdringenden Rülpser aus und Kahoko streicht ihm lachend über den Rücken.
„Kein Wunder, dass er so viel größer ist als Tadashi, dabei sind die beiden gleich alt.“, stellt Kahoko fest und nimmt die Flasche mit Milch, die Tsubaki ihr reicht, um den Kleinen weiter zu füttern.
„Na, Kappei, schmeckt dir das?“
Kappei blinzelt sie aus großen lila Augen an und saugt gierig an der Flasche.
„Der Kuchen, den du bestellt hast, ist übrigens fertig.“, erklärt Tsubaki, „Ich wollte dich nur gerne mal wieder sehen. Wir hatten nicht viel Gelegenheiten zum Plaudern, seit der Kleine hier ist.“
„Ich weiß, ich freue mich auch, dich zu sehen. Erst hattet ihr so viel Mühe damit, hier eure zweite Konditorei aufzubauen und dann kam gleich der Nachwuchs dran. Ich bin auch nicht mehr flexibel wie nur mit den Zwillingen, aber immerhin sind sie kaum eifersüchtig auf Tadashi. Reiko leidet nur furchtbar darunter, dass Shoichi für eine Woche auf Trainingsreise gefahren ist. Sie ist das totale Papakind.“
„Wann kommt er denn wieder?“, fragt Tsubaki mitfühlend.
Kahoko lächelt. „Heute, zum Glück. Länger hätte ich es auch nicht ausgehalten. Shouta wohnt seit zwei Monaten bei uns und hilft, wo er kann, aber die Kinder merken, dass Shoichi nicht da ist und sind noch viel schwerer zu bändigen als sonst.“
„Kann ich mir vorstellen. Bei uns ist das eher umgekehrt. Atsushi würde gerne jede Minute mit Kappei verbringen, aber er muss auch das Geschäft am Laufen halten. Und Kappei ist nur am Essen oder am Schlafen und ich muss ihm schon zusätzlich zum Stillen noch Milch dazu füttern, weil er einfach nicht satt zu kriegen ist. Immerhin kann ich nachts hin und wieder durchschlafen, wenn Atsushi das Füttern übernimmt, aber dann ist er am nächsten Tag total fertig und verhält sich selbst wie ein Kleinkind.“
„Ich kann euch Kappei mal abnehmen. Ein Wochenende nur für euch zwei, das wär doch sicher was, oder?“
Tsubaki lächelt dankbar.
„Das ist nett von dir, aber du hast bereits drei Kinder, um die du dich kümmern musst, ich kann auch meine oder Atsushis Eltern fragen.“
„Aber das hast du noch nicht gemacht… Warum?“
Tsubaki seufzt. „Atsushi klammert total. Ich kann ihn manchmal stundenweise an meine oder seine Mutter abgeben, aber mehr ist noch nicht drin. Dabei fremdelt Kappei kein bisschen.“
Kahoko nickt. „Keine Sorge, das bessert sich. Wenn er erst mal ein paar Nächte hintereinander nicht geschlafen hat, ist er viel zugänglicher für solche Ideen. Ich spreche da aus Erfahrung.“
Tsubaki blinzelt überrascht. „Imayoshi-kun hat geklammert?“
Kahoko errötet. „Ein wenig, ja, aber ich wohl mehr. Ich war fast ein wenig enttäuscht, als die Mädchen doch ohne mich einschlafen konnten.“

- - -

„Kawanishi-san, ich weiß, du hast heute noch einiges vor dir, aber kannst du mir bis zehn Uhr die nächsten zehn Seiten schicken?“, Chikara klemmt sich das Handy zwischen Ohr und Schulter, schiebt sich die Tasche unter den anderen Arm und balanciert mit einer Hand einen Sechserträger Kaffeebecher, während sie mit der anderen die Glastür zum Stiegenhaus aufdrückt.
„Ich weiß, ich weiß, das ist alles viel zu viel im Moment, aber du bist mein bester Zeichner, ich liebe dich und der Cliffhanger im letzten Kapitel bringt mich um.“, bettelt Chikara und erklimmt die Stufen mit einer Geschwindigkeit, die von Routine zeugt.
Im zweiten Stock kann sie das Gespräch mit Kawanishi beenden und sich den nächsten auf ihrer Liste vornehmen.
„Yamaguchi-chan, wie geht es dir? … Das höre ich gern. Und was machen die Kinder? … Nicht im Ernst, so gut kann sie schon zeichnen? Schick mir eine Kopie davon, ich schau, ob ich es in dein nächstes Werk aufnehmen kann… Oh, keine Entschuldigungen, Yamaguchi-chan, ich weiß, dass du die Beste bist… Nein, das sage ich nicht zu jedem, du bist wirklich meine beste Autorin, ich liebe deine Zeichnungen… Nein, ich schmeichle nicht, die Charakterentwicklung in den letzten Skizzen war einfach genial und ich finde es erfrischend, wie du mit den Klischees von Teenagerbeziehungen umgehst… Na also, ich wusste, du schaffst es bis zur Deadline. Ich schicke dir einen Präsentkorb, wenn du's noch ein bisschen schneller schaffst, den hast du dir verdient. Natsu liebt immer noch diese amerikanischen Süßigkeiten, oder?“
Chikara hält an der Glastür im sechsten Stock, vollführt wieder ihr kleines Ritual, das ihr wenigstens eine freie Hand ermöglicht und drückt die Tür auf.
Kaum ist sie in dem Großraumbüro, legt ihre Gesprächspartnerin auch schon auf, und sie brüllt ein lautes „Kaffee ist hier!“ in die Runde.
Sie verteilt die Becher an vier ihrer Kolleginnen, die sich mit dem regulären Cappucchino aus der sündteuren Maschine im Pausenraum nicht zufrieden geben wollen, bevor sie den Gang entlang zu den Bürokabinen trabt, wo sich die Zeichner verbarrikadieren, die vor Ort arbeiten.
Die erste Tür steht offen und ein Mann liegt schlafend halb auf seinem Schreibtisch.
Chikara tritt wie aus Versehen den metallenen Mülleimer direkt neben der Tür und das laute Scheppern lässt ihn hochschrecken.
„Immer bei der Arbeit, was?“, flötet Chikara und er errötet. Sie geht weiter und klopft an die nächste Tür.
„Herein.“
Sakurai sieht nicht auf, als sie eintritt, er starrt völlig versunken auf seinen Bildschirm.
„Irgendetwas stimmt mit diesem Panel nicht.“, stellt er fest und es klingt fast, als würde er mit sich selbst reden.
„Sieh dir das an und sag mir, was nicht stimmt.“, fordert er und Chikara stellt ihre zwei letzten Kaffeebecher auf den Rand des Schreibtisches, schlüpft hinter seinen Stuhl und lehnt sich soweit vor, dass er ihren Atem in seinem Nacken spüren muss.
„Vielleicht ihre Brüste?“, fragt Chikara mit einem neckenden Unterton und sieht zu, wie sich Sakurais Wangen rot färben.
„Die sind bedeckt!“, erklärt er fast panisch, „Und so groß wie immer, ich hab es dreimal überprüft.“
Sie lacht und deutet auf den unteren Rücken der männlichen Figur.
„Ich bin zwar kein Profi, wenn es um Männer geht, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr euch nicht so gut verbiegen könnt. Es sei denn, der liebe Shunpei hier ist ein Meister der Akrobatik.“
Sakurai starrt mit leerem Blick auf den Bildschirm, dann nickt er knapp.
„Danke.“, er seufzt, „Ich konnte den Fehler einfach nicht finden.“
„Schon okay.“, sie drückt seine Schulter, „Dafür bin ich ja da… Ich hab dir Kaffee gebracht. Mit viel Milch.“
Sakurai schweigt immer noch, als sie ihren Becher nimmt und zur Tür geht. Erst als sie die Klinke in der Hand hat, spricht er.
„Flirtest du mit mir?“, fragt er und Chikara dreht sich zu ihm um.
„Jetzt gerade nicht, vor einer halben Minute schon und im Allgemeinen die letzten zwei Jahre, aber schön, dass du es bemerkt hast.“
„Warum?“
Sie hebt eine Augenbraue.
„Soll ich dir jetzt deine Vorzüge aufzählen? Das könnte nämlich dauern.“
Er errötet erneut. „Nein… ich meine…. Warum, wenn du doch in einer Beziehung bist?“
Ihre Augenbraue wandert noch höher.
„Ich? In einer Beziehung? Also das ist mir neu und ich sollte schließlich am besten wissen, ob ich gerade jemanden date, oder nicht, meinst du nicht auch?“
„Aber… Aber...“, er deutet hilflos zur Wand und Chikara kann sich zum Glück denken, was er mit dieser Geste sagen will.
Sie lacht und er schmollt.
„Tut mir leid, aber es ist wirklich zu lustig. Koushi ist mein Cousin.“
„Oh...“, macht Sakurai verblüfft und sinkt ein wenig in sich zusammen.
„Soll ich dich mit dieser Erkenntnis alleine lassen?“
„Ja, bitte...“, murmelt Sakurai schwach und Chikara lächelt und öffnet die Tür.
Ein Abschiedswort kann sie sich aber trotzdem nicht verkneifen.
„Einer deiner Vorzüge ist übrigens dein Hintern.“, erklärt sie frech, lacht und schließt die Tür hinter sich.

- - -

Nanami steht ganz vorne und sieht Lia, bevor diese sie entdeckt.
Allerdings hat sie die Selbstbeherrschung, nicht augenblicklich loszurennen und sich auf die andere Frau zu stürzen.
„Du bist richtig braun geworden.“, stellt Nanami fest und stellt sich Lia in den Weg, „Arbeitest du auch oder liegst du nur am Strand?“
Lia lacht und beugt sich vor, um Nanami in den Arm zu nehmen.
„Ich hab dich so vermisst.“, murmelt sie in die Schulter des kleineren Mädchens, „Wie schön, dass du dich nicht verändert hast.“
„Daiki behauptet, ich sei nicht mehr so streng wie zu Beginn unserer Beziehung.“, widerspricht Nanami und Lia schmunzelt.
„Trifft das nur auf Daiki zu oder bist du auch mit anderen Leuten weniger streng?“
„Das wirst du wohl noch herausfinden müssen. Hast du Hunger? Oder willst du ein Nickerchen machen, bevor wir unseren Tagesplan durchackern.“
„Du hast einen Tagesplan?“, fragt Lia verdattert, bevor sie innehält, „Moment, vergiss das grade, natürlich hast du einen Tagesplan.“

„Wahnsinn...“, Lia tritt langsam in die leere Sporthalle, „Woher hast du gewusst, dass ich her kommen wollte?“
„Das war nicht schwer.“, Nanami breitet eine Picknickdecke auf dem kalten Boden der Sporthalle aus, „Du warst das letzte Mal zu Kahokos Hochzeit in Japan, es ist nur natürlich, dass du die Dinge wiedersehen willst, die du zurück gelassen hast.“
„Aber Brunch in unserer alten Sporthalle? Du hast uns doch immer verboten, hier drin zu essen.“, Lia breitet die Arme aus und atmet tief durch.
Sie lächelt. „Es riecht noch genau wie früher. Ich hab das Gefühl, wieder 18 zu sein.“
Nanami erwidert ihr Lächeln sanft.
„Es war Daikis Idee, um ehrlich zu sein. Ich hätte dir die Halle nur gezeigt, aber er wusste, dass ich mit dir brunchen wollte und hat es vorgeschlagen.“
„Ihr zwei seid so ein seltsames Paar...“, stellt Lia fest, „So unterschiedlich und doch läuft alles so harmonisch.“
Nanami zuckt mit den Schultern und errötet leicht.
„Manchmal hat man eben Glück...“, murmelt sie und drückt Lia einen Becher in die Hand, „Und wie steht es bei dir mit der Liebe?“
Lia errötet und Nanami lacht.
„Ich habe mich schon gewundert, wo deine Verlegenheit geblieben ist… Also, erzähl...“
Lia seufzt und trinkt einen Schluck.
„Es gab jemanden. Wir haben uns auf der Uni kennen gelernt und waren lange einfach nur befreundet, bevor wir zusammen gekommen sind. Es hat fast vier Jahre gehalten.“
„Woran ist es gescheitert?“, fragt Nanami mitfühlend.
„Ich wollte ihn nicht heiraten.“, gibt Lia zu, „Ich habe ihn wirklich geliebt, aber allein der Gedanke, für den Rest meines Lebens mit ihm zusammen zu sein, hat mir das Gefühl gegeben, nicht mehr atmen zu können… Ich glaube… ich glaube, ich bin nie wirklich über Shouta hinweg gekommen.“
„Bist du deshalb wieder hier?“, fragt Nanami direkt und Lia nimmt es ihr nicht übel. Shouta ist immer noch ihr Zwillingsbruder.
„Nein. Mein Vater ist nicht mehr der Jüngste und wir haben uns lange nicht gesehen, ich wäre gerne wieder mehr in seiner Nähe. Und in eurer Nähe. Kahokos Mädchen sind fast vier Jahre alt und von dem Jungen hab ich bisher nur Fotos gesehen. Es war an der Zeit, nach Hause zu kommen.“
Nanami lächelt und beugt sich über die Picknickdecke, um Lia in den Arm zu nehmen.
„Wir freuen uns alle, dich wieder zu haben.“

- - -

Der Reisebus ist größer, als Kahoko ihn in Erinnerung hat.
Ihr Familienauto steht ganz hinten auf dem großen Parkplatz. Ein paar Eltern sind da, um ihre Sprößlinge abzuholen. Tadashi ist während der Fahrt eingeschlafen und schlummert in seinem Sitz, während Reiko und Saori zur Feier des Tages eine Packung Gummischlangen verspeisen.
„Schau mal Mama, meine Zunge ist blau.“
Kahoko dreht sich vom Fenster weg und zu Saori, die begeistert ihre Zunge in Kahokos Taschenspiegel betrachtet.
„Das ist ja toll. Wie sieht denn deine aus, Reiko? Grün? Gefällt mir! Kann ich auch welche haben?“
Die Mädchen beratschlagen kurz, welche Farbe Kahokos Zunge haben soll, dann drücken sie ihr ein Bündel roter Schnüre in die Hand.
„Du musst sie lutschen.“, erklärt Saori ihr ernst, „Dann geht die Farbe besser ab.“
Kahoko lächelt und steckt sich das süße Zeug in den Mund.
Aus dem Reisebus klettern die Schüler, einer nach dem anderen und schließlich Shoichi. Er streckt sich, kaum dass er draußen ist, klatscht einem der Jungs die flache Hand auf die Schulter und rückt einem anderen die Reisetasche zurecht. Er ist in seinem Element und Kahoko liebt es. Liebt ihn.

Die Mädchen bemerken gar nicht, dass er sie längst entdeckt hat, so lange warten sie schon im Auto und so spannend sind die Gummischnüre.
Als er auf sie zukommt, grinsend, die Reisetasche geschultert und mit den verwuschelten Haaren wie ein jüngeres Abbild von sich selbst aussehend, steigt sie aus. Es ist ein bisschen lächerlich, dass sie plötzlich zu schüchtern ist, auf ihn zu zu rennen.
Ich bin nicht mehr 16, denkt sie sich, als Saori und Reiko schon kreischend und jubelnd an ihr vorbei stürmen. Shoichi fängt sie beide, wirft sie eine nach der anderen in die Luft und fängt sie wieder auf.
Daiki und Taiga machen das auch mit ihnen, aber bei Papa ist das immer etwas ganz Besonderes.

Er bleibt vor ihr stehen, auf jedem Arm ein Mädchen, das ihm aufgeregt ins Ohr plappert, was er diese Woche verpasst hat.
Sein Kinn ziert ein Siebentagebart und er hält Kahokos Blick fest.
„Saori, Reiko...“, die beiden halten inne und er grinst, zwinkert ihnen zu, „Darf ich kurz Mama begrüßen?“
„Aber nur kurz!“, bestimmt Reiko und rutscht von seinem Arm auf den Boden.
Saori ist da gnädiger. „Du darfst auch länger. Mama hat die Woche viel gemacht! Wir warten im Auto!“, bestimmt die Kleine, rutscht ebenfalls zu Boden und zieht ihre Schwester mit sich, die damit gar nicht zufrieden ist.
Shoichi grinst seine Frau an, breitet die Arme aus und sie schmiegt sich hinein, wie sie es schon immer gemacht hat.
„Hast du gehört?“, wispert er ihr ins Ohr, „Sie warten im Auto… Ich war doch nur eine Woche weg und nicht zehn Jahre.“
„Ich weiß nicht.“, murmelt Kahoko zurück, „Kam mir schon wie zehn Jahre vor.“
Seine Hand reibt über ihren Rücken und er drückt ihr einen Kuss ins Haar.
„Komm… Lass uns nach Hause fahren.“
Sie reden nicht, während sie fahren. Die Kinder erzählen ohnehin in einer Tour und es ist ein Wunder, dass Tadashi das ganze verschläft. Shoichi hält ihre Hand, die ganze Fahrt über.
Kahoko weiß, es ist ein bisschen kitschig, aber sie hat ihn vermisst.

Tadashi schläft noch immer, als Shoichi ihn aus dem Kindersitz schält, aber der Junge schmiegt sich augenblicklich in seine Halsbeuge, als wäre er nie weg gewesen und das sagt ihm alles, was er wissen muss.
„Er kam nicht so gut mit mir klar.“, entschuldigt sich Shouta und klopft ihm nervös auf die Schulter, die grade nicht von einem Säugling vollgesabbert wird.
„Mach dir da mal keine Vorwürfe. Für ihn ist das alles noch ziemlich neu...“
Dankend nimmt Shoichi den Kaffee entgegen, der ihm gereicht wird und registriert den verstohlenen Blick, den Shouta ihm zuwirft.

Die Pfannkuchen sind vertilgt, der Kaffee alle und die Zwillinge haben es geschafft, sich über und über mit der Schokoladecreme für die Pfannkuchen einzusauen.
„Zeit für ein Bad.“, bestimmt Kahoko, küsst Shoichi mitten auf den Mund und verschwindet mit den Kindern nach oben. Tadashi bleibt bei ihm, sitzt in seinem Schoß und spielt laut vor sich hin brabbelnd mit den Fingern seines Vaters.
Shouta mustert ihn über den Tisch hinweg mit diesem seltsamen Ausdruck in den Augen.
„Du weißt, dass Kahoko wieder trainiert?“, beginnt Kahokos bester Freund und Shoichis Augen werden augenblicklich zu Schlitzen.
„Sie joggt. Das weiß ich.“, seine Ton ist schärfer als gewollt. Er wippt Tadashi beruhigend hin und her und wirft Shouta einen entschuldigenden Blick zu.
„Tut mir leid. Red weiter.“
„Es hat ganz normal angefangen. Sie hat ein paar Übungen mit den Jungs gemacht, soweit es ihr möglich war. Aomine hat sie natürlich immer wieder heraus gefordert, er ist nun mal ein Idiot… Aber irgendwann hat sie plötzlich angefangen, selbst zu trainieren. Es ist mir erst diese Woche aufgefallen, weil sie plötzlich das gesamte Trainingspensum der Jungs mitmacht. Oder zumindest alles, was am Vormittag dran kommt.“
„Und?“ Shoichi weiß, da kommt noch was.
„Es ist zuviel. Wäre ich Sportarzt, würde ich ihr ein heißes Bad, ne ordentliche Massage und ne ruhigere Gangart verschreiben, aber ich bin nun mal kein Arzt.“ Shoutas Standpunkt ist klar. Er ist ihr Freund, aber sie sind alle erwachsen. Er macht sich Sorgen, aber er kann und will sie nicht kontrollieren.
Shoichi nickt. „Ich werde mit ihr drüber reden. Danke, dass du es mir gesagt hast.“
„Keine Ursache. Heute Abend ist ja das Teamtreffen, ist es okay für dich, wenn sie mitgeht?“
„Das Timing ist ein wenig blöd. Ich hätte meinen ersten Abend zuhause gerne mit meiner Frau verbracht, aber amüsiert euch ruhig. Ihr habt es euch verdient.“

- - -

„Hey...“, Shoichi schließt die Tür des Elternschlafzimmers hinter sich und lehnt sich gegen den Rahmen, „Können wir kurz reden, bevor du gehst?“
„Klar. Worum geht’s?“
Kahoko wirft ihm nur einen kurzen fragenden Blick zu, bevor sie eine Jeans aus dem Schrank zieht und hinein steigt. Er wartet, bis sie den Kopf zugemacht und dann mit offensichtlicher Unzufriedenheit festgestellt hat, dass ihr der Bund zu weit ist.
Sie steigt wieder aus der Jeans und wirft sie auf einen Haufen in der Ecke, bevor sie sich mit einem Seufzen durch die anderen Hosen in ihrem Schrank arbeitet.
„Du hast abgenommen.“, stellt Shoichi fest und Kahoko zuckt mit den Schultern.
„Ein wenig, ja. Was bedeutet, dass mir schon wieder keine Hose passt.“
Sie lässt die Hosen sein und zieht die nächste Schranktür auf, um sich die Kleider anzusehen.
Er beißt sich auf die Lippe, dann stößt er sich von der Wand ab, richtet sich auf und verschränkt die Arme.
„Shouta hat erzählt, dass du wieder trainierst.“
Kahoko dreht ihm den Rücken zu, als sie antwortet. „Ja, und?“
„War das eine spontane Entscheidung, die du diese Woche gefasst hast oder trainierst du schon länger?“
„Ich hab's dir erzählt.“, kontert sie, „Vor ein paar Wochen hab ich dir erzählt, dass ich mit ein paar Aufwärmübungen anfange. Du fandest es gut, dass ich mich sportlich betätige.“
„Aufwärmübungen sind aber nicht das ganze Programm.“, gibt er zurück und sie dreht sich zu ihm um.
Sie ist wütend und nicht mal die Tatsache, dass sie in ausgeleierter Unterwäsche vor ihm steht, schmälert die Wirkung dieser Wut.
„Was ist dein Problem? Ich mache genau das Gleiche wie nach der Geburt der Zwillinge!“
„Da war es dir aber nicht zuviel!“, wirft er scharf dazwischen.
„Da war mein Mann auch noch zuhause und hat geholfen.“, faucht sie und Shoichi zuckt zusammen, als hätte sie ihn geschlagen.
Sie starren sich an, wie zwei Raubtiere, die sich in einem viel zu kleinen Käfig gegenüber stehen.
„Du warst einverstanden damit, dass ich auf dieses Trainingscamp gehe. Ich wäre zuhause geblieben, das weißt du.“
Kahoko stößt die Luft aus, die sie angehalten hat und nickt.
„Es tut mir leid. Ich weiß das… Ich bin nur… so sehr meine Mutter.“, stellt sie fest und lacht, aber es klingt nicht amüsiert.
„Ich will nur raus aus diesem Haus und wieder zurück auf den Platz.“, gibt sie zu und dreht ein rotes Kleid in ihren Händen.
Als sie aufsieht, ist sein Gesichtsausdruck beherrscht und beinahe unlesbar, aber nach über zwölf Jahren Beziehung kennt sie ihn besser als das, was er nach außen hin zeigt.
„Das ist nicht das, was du willst.“, stellt sie fest und er zuckt mit den Schultern.
„Ist schon okay.“, erklärt er mit spröder Stimme, „Es gibt für alles einen Plan. Ich muss unseren nur anpassen.“
„Was willst du denn?“, fragt sie und als er schweigt, stellt sie fast spottend Behauptungen in den Raum.
„Willst du ein neues Auto? Mehr Trainingscamps? Eine Ehefrau, die weiblicher ist, als ich es bin? Mehr Kinder?“
Das letzte sagt sie wirklich nur zum Spaß und um eine Antwort aus ihm heraus zu kitzeln, aber sie sieht, wie sich sein Gesichtsausdruck für den Bruchteil einer Sekunde verändert.
„Nein.“, platzt es aus ihr heraus, schärfer, als sie es beabsichtigt hat, „Vergiss es. Drei sind genug. Drei sind mehr als genug.“
„Kahoko...“, seine Stimme ist ganz sanft, aber sie dreht ihm bereits wieder den Rücken zu.
„Ich muss mich jetzt umziehen. Könntest du bitte rausgehen?“
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