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The past will always be a part of us || The After Series

von Vaniii-
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
15.05.2015
30.08.2015
6
13.283
5
Alle Kapitel
8 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
30.08.2015 3.115
 
Hallo ihr Lieben :)
Zu allererst: EIN RIESEN DANKESCHÖN an alle meine Leser! Ich bin so glücklich über die vielen neuen Favoriteneinträge und Zugriffe auf diese ff ^-^ Danke auch an die, die sich die Mühe machen und mir ein Review schreiben. Ihr seid die Beste! ♥

Und jetzt viel Spaß bei dem neuen Kapitel!♥

LOVE, Vani ♥

P.S.: Dieses Lied hat mich für dieses Kapitel inspiriert.
London Grammar - Strong
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Outfit
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Chapter 6:

Valerie's POV:

Eine Nacht voller Erinnerungen …

Den Blick starr aus dem Fenster gerichtet sitze ich auf dem Rücksitz von Hardins Auto. Keiner sagt etwas. Man hört nur das Brummen des Motors. Noch immer habe ich meine Arme fest um mich geschlungen. Ich kann es nicht fassen, was vor einigen Minuten passiert ist.
Ich war auf dem Weg zur Verbindung gewesen, um mich mit Kat und ihren Freundinnen zu treffen. Ein Typ mit einem schmierigen Grinsen im Gesicht und kurzgeschorenen Haaren kam mir auf halbem Weg entgegen. Seine Augen musterten intensiv meinen Körper und man konnte an seinem Blick ablesen, dass er nur eines im Sinn hatte: Sex. Ich versuchte, seinem Blick auszuweichen und ihn zu ignorieren.
„Hey, Baby. Na, wie wärs mit uns beiden?“, lallte er und kam direkt auf mich zu. Er hatte eine extreme Alkoholfahne.
Ich reagierte nicht auf ihn und lief an ihm vorbei, doch er torkelte mir hinterher und schlug mir auf den Hintern. Augenblicklich drehte ich mich um und wollte ihm eine Ohrfeige verpassen, doch er hielt meine Hand fest und drückte mich gegen die nächstbeste Hausmauer. Ich wollte ihm ausweichen, doch er drückte sich mit seinem ganzen Gewicht gegen mich. Panische Angst stieg in mir hoch.
„Fass mich nicht an!“, schrie ich ihm ins Gesicht.
„Ach, komm schon.“ Sein Grinsen wurde noch dreckiger.
Ich war machtlos. Ich wollte mich mit Händen und Füßen wehren, aber ich konnte nicht. Also schrie ich. Ich schrie um Hilfe, unabhängig davon, ob mich jemand hören konnte oder nicht. Sein Grinsen verschwand und machte einem wütenden Gesichtsausdruck platz.
„Halt die Fresse!“, spuckte er mir ins Gesicht. Er nahm meine Handgelenke in eine seiner großen Hände und drückte fest zu.
Ich hatte keine Chance, zu entkommen. Vor Angst beschleunigte sich mein Puls und mir wurde übel. Seine andere Hand öffnete meinen Mantel und knöpfte dann meine Bluse auf. Ich rang um Atem. Aus meiner Kehle drang nicht mehr als ein leises Wimmern.
Als er sich leicht mit seinem Körper von mir löste, nutzte ich die Chance und tritt ihm gegen das Schienbein. Ich stieß mich von der Wand ab und wollte fliehen, doch er hielt meine Handgelenke standhaft fest.
Wie aus dem Nichts kam plötzlich Hardin und hat mich von dem Verrückten befreit.


Das Szenario spielt sich ununterbrochen vor meinem inneren Auge ab. Wäre Hardin nicht gekommen, hätte der Typ mich möglicherweise auf offener Straße ausgezogen. Vielleicht hätte er mich sogar geschlagen, hätte ich mich weiterhin gegen ihn gewehrt.
Ich bin meinem Bruder so unendlich dankbar, aber ich bekomme kein einziges Wort heraus, um ihm meinen Dank auszusprechen. Meine Kehle ist wie ausgetrocknet.
Hardin bremst den Wagen. Erst da erkenne ich, dass wir vor dem Wohnkomplex stehen, in dem ich wohne. Leise seufzend lege ich die Hand an den Griff. Ich habe Angst, alleine in meine Wohnung zu gehen.
„Hardin, du kannst sie doch in diesem Zustand nicht alleine in ihre Wohnung gehen lassen“, protestiert Tessa. „Sie kann doch diese Nacht bei uns schlafen.“
„Nichts da. Sie hat eine eigene Wohnung, die genauso sicher ist wie unsere.“
Es tut weh, dass mein Bruder mich nicht in seiner Wohnung haben will. Aber nach allem, was passiert ist, bin selber daran Schuld. Doch es zeigt auch, dass er sich keine Sorgen um mich macht. Es scheint ihm egal zu sein, ob ich Angst habe, nachdem ein verrückter Typ versucht hat, sich an mir zu vergreifen.
„Das kannst du nicht machen. Sie schläft diese Nacht bei uns und damit basta!“ Dass Tessa sich für mich einsetzt, hat etwas Tröstliches.
„Tessa …“, sagt Hardin warnend.
Seine Freundin verschränkt die Arme vor der Brust.
„Es ist schon okay“, bringe ich mühsam hervor und öffne die Autotür.
Ich will nicht, dass die beiden sich wegen mir streiten. Es ist zu viel verlangt, auch noch die Nacht bei ihnen zu verbringen. Ich hätte es mir wirklich gewünscht, mich in der Sicherheit meines Bruders und seiner Freundin zu wissen. Aber es ist okay. Ich werde einfach meine Wohnungstür mit jedem Gegenstand, den ich habe, verrammeln und absperren. Schlafen werde ich diese Nacht wahrscheinlich sowieso nicht können. Egal, wo ich bin.
„Valerie, es ist nicht okay“, sie dreht sich zu mir herum. „Du wurdest angefallen. Du solltest heute Nacht nicht alleine gelassen werden.“
Wieder einmal fällt mir auf, wie gut Tessa ist. Sie ist viel zu gut.
Ich riskiere einen Blick zu Hardin. Er schaut weder zu Tessa noch zu mir. Durch den Rückspiegel hindurch kann ich sein Gesicht erkennen. Für den Bruchteil einer Sekunde scheint die Wut aus seinem Gesicht verschwunden zu sein. Doch als sich unsere Blicke im Spiegel treffen, verhärten sich seine Züge augenblicklich wieder.
„Schließe die Tür“, murmelt mein Bruder. Erleichtert gehorche ich ihm.

Hardin und Tessas Wohnung erfüllt mich sofort mit Wärme. Auf dem Weg hierher habe ich die ganze Zeit gezittert, obwohl Hardin die Klimaanlage aufgedreht hat. Aber als Tessa die Wohnungstür hinter sich geschlossen hat, habe ich mich augenblicklich in Sicherheit gefühlt.
Mein Bruder geht sofort in eines der Zimmer, wortlos und ohne uns eines weiteren Blickes zu würdigen.
„Es tut mir Leid, dass er sich so verhält. Ich habe keine Ahnung, warum er sich dir gegenüber so aufführt“, sagt Tessa. Sie entschuldigt sich ernsthaft für sein Verhalten.
„Schon okay“, murmele ich. Ich weiß ja, warum er so abweisend zu mir ist. Zudem bin ich sein Verhalten seit Jahren gewohnt.
Offensichtlich hat er seiner Freundin nichts von unserem Streit erzählt. Etwas anderes habe ich auch nicht vermutet. Ich kenne Hardins stetiges Schweigen. Jedoch habe ich im Moment  nicht die Lust und auch nicht die Kraft, zu darüber aufzuklären.
Als sie bemerkt, dass ich noch immer die Arme fest um meinen Körper geschlungen halte, fragt sie vorsichtig: „Hat er dich angefasst?“
Ein Kloß bildet sich in meinem Hals und ich schließe die Augen, um nicht loszuflennen wie ein kleines Kind. Doch seit dem Zeitpunkt, als mich dieser Verrückte angegriffen hat und ich wirklich Angst um mein Leben hatte, war meine ganze Wut, mein Eigensinn und Trotz von mir gefallen. Ich bin Hardin unendlich dankbar. Er scheint gar nicht so richtig zu verstehen, was er für mich getan hat.
Ich fühle mich ausgelaugt und schwach und sehne mich nach einer Umarmung. Hinter dieser Mauer, die ich mir über die Jahre aufgebaut habe, nach allem, was in der Vergangenheit vorgefallen ist, bin ich auch nur ein Mädchen mit Gefühlen und Emotionen.
Wie Tessa.
Ich kann die Tränen nicht mehr länger zurückhalten und lasse sie einfach stumm über meine Wangen laufen. Kurz darauf spüre, wie sich zwei Arme tröstend um mich legen.
„Wäre Hardin nicht gewesen, dann…“ Meine Stimme bricht und schluchzend krallen sich meine Finger in den festen Stoff meines Mantels.
Bei dem Gedanken daran, mit welchem Hintergedanke dieser betrunkene Kerl meine Bluse aufgeknöpft hat, muss ich mir einen Würgereiz unterdrücken. Mich überläuft ein Schauer.
Mit einem mitfühlendem Blick löst Tessa sich von mir. „Komm, ich gebe dir ein paar Sachen von mir und dann koche ich uns was zu Essen.“
Ich nicke und ziehe mir meine Schuhe aus. Tessa nimmt mir meine Tasche ab und führt mich ins Wohnzimmer, wo sie mir sodann bedeutet, mich auf das Sofa zu setzen. Dann verschwindet sie.
Erstmals blicke ich mich in der Wohnung um. Ich stehe vor einem großen Raum, der offensichtlich das Wohnzimmer ist. Der Boden ist aus altem, fleckigem Beton und sieht ziemlich kalt aus, aber er ist überraschend warm. Die Wände sind geziegelt, die Fenster groß und die Möbel altmodisch. Es ist wirklich schön und einladend hier, aber es zieht nicht lange meine Aufmerksamkeit auf sich.
Schließlich setze ich mich auf die Couch, die vermutlich auch mein Schlafplatz für diese Nacht ist. Notdürftig trockne ich meine Tränen mit meinem Jackenärmel und versuche, mich zu beruhigen, da noch immer die Tränen hemmungslos ihre Bahnen ziehen.
Bevor meine Gedanken wieder abdriften können, erscheint Tessa wieder mit einem Stapel Klamotten auf dem Arm und bietet mir an, dass ich auch duschen gehen dürfe. Ich fackele nicht lange und nicke dankbar. Eine Dusche könnte ich jetzt wirklich gut vertragen. Sie deutet mit dem Finger auf eine geschlossene Tür am anderen Ende des Flurs, in welches ich mich schließlich mit Tessas Sachen verziehe.

Ich lasse das warme Wasser lange auf meine verspannten Schultern prasseln. Wieder einmal denke ich darüber nach, dass Tessa viel zu gut für Hardin ist, wie unterschiedlich sie doch sind und das sie trotz allem zusammen sind. Wie ist das nur möglich? Er hat sein Leben offensichtlich besser im Griff, als ich je zu denken gewagt habe.
Er hat sich sogar mit Ken vertragen. Dafür könnte ich ihm wirklich eine reinhauen. Dieser Mann hat unser Leben zerstört!
Schnell schiebe ich diesen Gedanken beiseite, bevor ich mich zu sehr in meine Wut hinein steigere. Es ist sowieso zwecklos. Hardin kann schließlich tun und lassen was er will. Aber mich kann er nicht überreden, Ken eine zweite Chance zu geben. Niemals!
Als ich aus der Dusche trete, wickele ich mich in ein Handtuch. Mein Spiegelbild zeigt mir nichts Gutes. Meine Augen sind rot und geschwollen vom Weinen, letzte dunkle Reste meiner Schminke zeichnen sich darunter ab. In meinen Wangen ist keinerlei Farbe. Mit einem Tuch wische ich mir das verlaufene Make-Up aus dem Gesicht. Dann trockne ich mich ab und schnappe mir die Sachen. Ich ziehe mir meine Unterwäsche an und schlüpfe in eine locker sitzende, schwarze Jogginghose und einen blauen Pullover von Tessa. Ihre Kleidung ist mir ein bisschen zu groß, aber es stört mich nicht weiter.
Die Bluse und die Leggings, was ich davor getragen habe, lasse ich liegen. Ich überlasse es Tessa, was die damit macht. Ich will die Teile nie wieder an mir tragen. Meinetwegen kann sie sie auch verbrennen.
Schnell verdränge ich die Bilder von einem betrunkenen Mann, der mich gegen meinen Willen ausziehen will.
Mir ist bewusst, dass ich mich bei der nächsten Gelegenheit bei Hardin bedanken muss. Doch ich befürchte, dass ich den Mut dafür nicht aufbringen kann.
Ich hätte nie im Leben auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass Hardin, nachdem wir uns wieder einmal gestritten haben, mir helfen würde.
„Weil mir etwas an dir liegt, verdammt!“ Das hat er zu mir gesagt, als er am Neujahrstag in meiner Wohnung stand.
In dem Moment wird mir klar, dass ihm auch jetzt noch etwas an mir liegt, sonst hätte er mich nicht gerettet. Ich bin seine kleine Schwester, und werde es auch immer bleiben. Er hat mich immer beschützt. Außer in der Zeit, in der ich ihn nicht hatte. In der wir Tausende von Kilometer voneinander entfernt waren. Doch jetzt haben wir uns wieder – unabhängig davon, ob wir uns vertragen oder nicht. Ich bin froh, dass sein Beschützerinstinkt nicht nachgelassen hat. Auch wenn es mich immer genervt hat.
Bevor ich noch sentimentaler werde und völlig den Verstand verliere, verlasse ich das Bad und laufe den Flur entlang.
„Verdammt, wieso hast du sie hierher geschickt?“, höre ich plötzlich Hardins zornige Stimme aus dem Zimmer neben dem Bad, vermutlich das Schlafzimmer.
Ich nehme an, dass er telefoniert. Ich bin mir sicher, dass es bei dem Gespräch um mich geht. Ich lausche weiter.
„Was soll das heißen, sie hat sich genauso verhalten wie ich? … Sie will Ken nicht unter die Augen treten.“ Aufmerksam trete ich näher an die Tür.
„Ich werde ganz sicher nicht mir ihr reden … Nein, Mom! Sie muss das selbst entscheiden.“ Seine Stimme wird immer aufgebrachter.
Er telefoniert also mit Mom. Hoffentlich hat er ihr nichts von dem Vorfall von heute Abend erzählt. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen macht und mich dann mit Anrufen nervt.
„Hol sie wieder nach Hause. Sie ist hier nicht sicher“, sagt er mit weniger Wut in der Stimme. Dann ist es still.
Plötzlich geht die Tür auf und Hardin steht vor mir. Sein Gesicht ist eine harte Maske. Seine Augen verengen sich. „Hast du gelauscht?“
Ich fühle mich ertappt. Jeglicher Mut ihn anzuschnauzen ist von mir gefallen. Die extra dicke Schale um meinen weichen Kern hat nach heute Abend nicht nur tiefe Risse erlitten, sondern beginnt immer mehr zu bröckeln.
„Du hast mit Mom telefoniert, oder?“, bringe ich nur mit leiser Stimme hervor.
Er nickt, dann wendet er sich von mir ab und läuft Richtung Wohnzimmer.
Der letzte Rest Mut in mir bringt mich dazu, ihn aufzuhalten. „Hardin?“
Er bleibt stehen und dreht sich zu mir um.
„Danke.“ Meine Stimme ist nicht mehr als ein heiseres Flüstern.

Nach dem Abendessen – Tessa hat Maccheroni mit Käse gemacht, wovon ich jedoch nicht sonderlich viel runter gekriegt habe – bringt sie mir ein Kopfkissen und eine Decke. Hardin hat während des Essens kein Wort gesagt. Die bedrückende Stille hat mich beinahe verrückt gemacht. Danach hat er sich wieder verzogen. Kurz darauf ist auch Tessa mit der Entschuldigung, sie sei müde, in ihr Schlafzimmer verschwunden. Schließlich habe ich mich auch hingelegt.
Obwohl ich müde und ausgelaugt bin, kann ich einfach nicht einschlafen. Immer wieder wälze ich mich hin und her, auf der Suche, nach einer bequemen Position. Doch jedes Mal, wenn ich die Augen aufs Neue schließe, schleichen sich unschöne Bilder in meinen Kopf. An Schlaf ist also nicht zu denken.
Schließlich hole ich mein Handy aus meiner Tasche. Ich habe den ganzen Abend kein Blick drauf geworfen. Ein paar Nachrichten von Kat, Faith und Jo. Sogar Zed hat nach mir gefragt. Seufzend ignoriere ich ihre Textmessages und stecke mein Handy wieder weg.
Ich bin mehr als froh, dass Tessa meinen Bruder dazu überreden konnte, dass ich hier schlafen darf. Auch wenn er nicht wirklich begeistert davon war. Ich will mir gar nicht vorstellen, jetzt in meiner eigenen Wohnung zu sein. Ich glaube, ich würde durchdrehen.
Doch diese permanente Spannung zwischen Hardin und mir – besonders vorhin beim Abendessen – macht mich verrückt. Ich habe immerzu seinen Blick auf mir gespürt, doch er hat nichts gesagt. Das ist das Frustrierende dabei – diese Stille.
Ich nehme mir fest vor, nochmal das Gespräch mit ihm zu suchen.
Das Gefühlschaos in mir drin geht mir langsam auf die Nerven. Normalerweise wirft mich nichts so leicht aus der Bahn. Doch seit der ersten Begegnung mit Hardin nach der lange Zeit und dem Vorfall heute Abend … Es ist einfach alles zu viel. In den letzten Tagen habe ich mich ständig mit Alkohol abgefüllt, um alles zu vergessen.
Doch jetzt bin ich nüchtern, und habe zudem seit Stunden nicht geraucht. Und was ist das Ergebnis? Ich werde sentimental und denke über Dinge nach, die ich schnellstmöglich verdrängen sollte.
Nach weiteren erfolglosen Versuchen, endlich einzuschlafen, stehe ich schließlich auf. Ich gehe in die Küche und blicke mich ein wenig um und schaue in die Schränke. Doch nirgends finde ich einen Tropfen Alkohol.
Früher hatte Hardin immer irgendwo eine Flasche Schnaps versteckt.
Für den Notfall, hatte er mir mal erklärt.
Es wundert mich, dass Hardin hier nichts aufbewahrt. Hat er etwa aufgehört zu trinken?
Ich will damit nicht behaupten, dass mein Bruder ein Alkoholiker gewesen wäre, doch er brauchte immer mal einen Schluck.
Um die Fassung zu bewahren, hatte er mir an dem Abend gesagt, als ich das erste Mal einen Schluck Schnaps von ihm getrunken habe.
Letztendlich gebe ich die Suche auf. Ich nehme mir ein Glas Wasser und gehe zurück ins Wohnzimmer. Mein Blick fällt aus dem Fenster. Mein Bruder lebt mit seiner Freundin in einer wirklich schönen Gegend. Ich lehne mich gegen die Wand und trinke immer mal wieder aus meinem Glas. Dabei lasse ich den Blick über die Straße, die von Straßenlaternen beleuchtet wird, schweifen und beobachte die wenigen Autos, die um diese Uhrzeit noch vorbeifahren.
Ich spiele mit dem Gedanken, mir einfach hier drin eine Zigarette anzuzünden. Hardins Wohnung hat keinen Balkon und ich habe Angst, alleine raus in die Dunkelheit zu gehen. Doch er würde mich rauswerfen und nie wieder reinlassen, wenn er es mitbekommt. Da bin ich mir sicher. Selbst wenn ich ein Fenster öffnen und den Rauch nach draußen blasen würde, würde er es riechen.
Plötzlich höre ich Schritte. Angst erfasst mich und lässt mein Herz schneller schlagen. Als ich mich umdrehe, erkenne ich durch das schwache Licht, welches die Laternen von draußen hineinwerfen, Hardin.
Ich kann nicht erkennen, ob sich Wut oder Sorge oder irgendein anderes Gefühl in seinem Gesicht widerspiegelt. Sein Anblick schnürt mir die Kehle zu und augenblicklich schießen mir Tränen in die Augen. Ich wende den Blick von ihm ab und schlinge die Arme fester um mich.
Ich habe keine Angst vor ihm, doch die Ereignisse der letzten Tage und Wochen sind einfach zu viel. Das Schlimmste ist jedoch, dass ich nicht weiß, wie Hardin zu mir steht.
Als er damals nach Amerika gegangen ist, wollte ich nichts mehr von ihm wissen, habe ihn von mir gestoßen, den Kontakt zu ihm abgebrochen. Doch jetzt, da er unmittelbar in meiner Nähe ist, will ich ihn wieder als meinen Bruder gewinnen. Aber möglicherweise habe ich meine Chance verspielt. Es ist zum Verrücktwerden. Frustrierend.
Ich schließe die Augen, um diese blöden Tränen nicht durch zu lassen.
Hardin hat mich nie in so einem zerbrechlichen Moment gesehen. Vor ihm habe ich immer die Starke gespielt. Er sollte sich keine Sorgen um mich machen. Niemand sollte das.
Doch Hardin war nicht dumm. Wahrscheinlich hatte er es sich denken können, wie es mir damals ging. Und vielleicht war das auch der Grund, warum er mich seit meinem vierzehnten Lebensjahr mit zu seinen Freunden mitgenommen hat.
Ich höre ihn näher kommen und spüre schließlich, dass er nun dicht hinter mir steht. Ich wage einen Blick zu ihm. Überrascht stelle ich fest, dass seine Miene weich ist, fast schon sanft. Weder Wut noch Gleichgültigkeit sind darin zu erkennen. Vor mir steht der besorgte Hardin, der Hardin, der sich früher immer um mich gekümmert hat. Ich kenne diesen Gesichtsausdruck nur zu gut. Es hat etwas Tröstliches und Vertrautes, was mir noch mehr Tränen in die Augen treibt. Ich kann sie nicht mehr lange aufhalten und lasse sie über meine Wangen laufen.
Ja, Hardin hat mich früher oftmals scheiße behandelt, aber er hat sich auch um mich gekümmert, wenn Mom nicht für uns da sein konnte. Er hat mich nie ernsthaft geschlagen, trotz seiner abgefuckten Art. Trotz des Trinkens und des Kiffens.
Hardin breitet die Arme aus und legt sie um mich. Damit habe ich absolut nicht gerechnet.
Doch schluchzend lasse ich mich in die Umarmung hineinfallen und lasse mich von ihm halten.

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