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The past will always be a part of us || The After Series

von Vaniii-
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Familie / P18 / Gen
15.05.2015
30.08.2015
6
13.283
5
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8 Reviews
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1 Review
 
17.07.2015 1.841
 
Chapter 4:

Der Morgen danach …

Mit pochendem Schädel komme ich langsam zu mir. Blinzelnd öffne ich die Augen doch schließe sie gleich wieder aufgrund der Helligkeit. Langsam versuche ich mich aufzusetzen. Mein Nacken und meine Schultern sind völlig verspannt und ich kann mich kaum bewegen. Ich ertaste meine Umgebung und spüre ein weiches Polster unter meinen Fingern. Nun öffne ich doch die Augen, aber bereue es gleich darauf wieder. Ein zischender Laut kommt über meine Lippen.
Ich brauche eine Weile, bis ich verstehe, dass ich die letzte Nacht auf dem Sofa verbracht habe. Aber wie zur Hölle bin ich hierher gekommen?
Verdammt, was ist letzte Nacht passiert?
Soweit es der hämmernde Schmerz in meinem Kopf zulässt, überlege ich angestrengt, was letzte Nacht passiert sein könnte. Also gehe ich in Gedanken alles nochmal von vorne durch.
Ich bin zu der Studentenverbindung gegangen, nachdem ich erfahren habe, dass dort immer die besten Partys geschmissen werden. Ich habe diesen Typen kennengelernt, den ich später dann gefickt habe. Zed.
Aber was war dann? Ich habe das Gefühl, etwas Wichtiges vergessen zu haben. Etwas, was den kompletten Filmriss erklären würde. Aber es mag mir einfach nicht einfallen.
Die starken Kopfschmerzen lenken mich zu sehr vom Denken ab. Also beschließe ich, mir zunächst nicht weiter den Kopf darüber zu zerbrechen.
Stöhnend rappele ich mich vom Sofa auf, binde mir die Haare zusammen und schlendere in die Küche. Zuerst brauche ich eine Schmerztablette gegen die Kopfschmerzen und dann muss ich unbedingt duschen.
Auf der Küchentheke entdecke ich ein Glas Wasser, daneben liegt eine Packung Aspirin  und einen kleiner Zettel. Wer zur Hölle war letzte Nacht mit mir hier?
Verwirrt schnappe ich mir den Zettel, lehne mich gegen die Anrichte und schaue mir ihn genauer an. Die Handschrift kommt mir so verdammt bekannt vor.

Valerie,
wenn du das hier liest, ruf mich sofort an!
Wir müssen über Einiges reden.
H. x


Hardin.
Der plötzliche Flashback der letzten Nacht trifft mich wie ein Schlag. Ich bin ihm begegnet.
Ich bin meinem großen Bruder begegnet, den ich nie wieder sehen wollte. Und wir haben uns gestritten. Deswegen habe ich so viel Alkohol getrunken. Ich wollte mich ablenken.
Er muss mir bis zu meiner Wohnung gefolgt sein, als ich betrunken nach Hause getorkelt bin.
Ich lese mir seine Worte nochmals durch. Sogar eine kleine Nachricht von ihm klingt wie ein Befehl. Er will immer über alles die Macht haben.
Aber wie zum Henker soll ich ihn anrufen?
Ich greife nach meinem Handy, das ebenfalls auf der Theke liegt. Hatte er es aus meiner Tasche genommen?
Ich gehe meine Kontaktliste durch und entdecke tatsächlich Hardins Nummer. Mein Finger schwebt über dem Anrufsymbol.
Soll ich es wirklich wagen und ihn anrufen? Er will mit mir reden.
Aber über was? Will er mich einfach nur zusammen stauchen wegen letzter Nacht, weil ich so betrunken gewesen bin? Will er einfach nur seine Wut bei jemandem auslassen?
Oder will er mit mir über die Vergangenheit reden? Über das, was geschehen ist und sich nicht mehr rückgängig machen lässt.
Plötzlich flackert Hoffnung in mir auf. Will er sich vielleicht sogar mit mir versöhnen?
Früher waren wir ein wirklich gutes Team zusammen. Doch als er älter wurde und sich verändert hat, löste sich auch das Band zwischen uns immer mehr. Aber es ist nie gerissen. Ich konnte ihm nach wie vor vertrauen. Und er hat auch mir vertraut. Ich weiß über jeden Scheiß Bescheid, den er angestellt hat. Aber als er dann gegangen ist – hierher, nach Washington – war von diesem Band nichts mehr übrig.
Ich hatte es selber nicht leicht und er war meine einzige Stütze. Mom war so gut wie nie Zuhause, da sie ständig arbeiten musste. Er war der Einzige, der für mich da war und er hatte sich wirklich um mich gekümmert, egal wie scheiße sich sein Verhalten geändert hat.

Ich bin immer noch sauer auf ihn, weil er mich damals im Stich gelassen hat, aber vielleicht sollte ich wirklich über meinen eigenen Schatten springen und ihm noch eine Chance geben. Vielleicht können wir wieder das aufbauen, was damals zerbrochen ist. Vielleicht kann ich wieder eine gute Beziehung zu meinem Bruder herstellen – wenn er es zulässt.
Mir ist klar, dass sich mein weicher Kern in den Vordergrund drängt und mir Hoffnung macht. Ich hatte mir damals geschworen, meinen Bruder auf ewig mit Ignoranz zu bestrafen. Ich wollte nie wieder auch nur ein Wort mit ihm wechseln.

Ich bin hin und her gerissen. Aber was habe ich zu verlieren? Einen Versuch ist es wert. Schließlich muss ich jetzt eine lange Zeit mit ihm in meiner ständigen Nähe verbringen. Also wieso soll ich es dann nicht versuchen, diese Zeit für mich so angenehm wie nur möglich zu machen?

Nach dem zweiten Klingeln ertönt eine verschlafene Stimme. „Hallo?“
„Hardin?“, frage ich mit brüchiger Stimme in den Hörer.
„Valerie.“
Es entsteht eine kleine Pause. Nervös knabbere an meiner Unterlippe.
„Du willst reden …“, setze ich an.
„Ja, ich komme vorbei“, entscheidet er.
Ohne dass ich auch nur einen Einwand bringen kann, legt er auch schon wieder auf.
Was zur Hölle …
Er treibt mich jetzt schon zur Weißglut und er ist noch nicht mal hier.
Ich entscheide mich als erstes für eine Tasse Kaffee und Frühstück. Bevor ich meinem Bruder gegenübertrete, brauche ich erst mal mehr Energie … und ein Aspirin.
Während ich in Gedanken durchgehe, was ich alles von Hardin wissen will, schaufele ich löffelweise Frosties in mich hinein. Es gibt so vieles, was ich ihn fragen will, wofür ich eine Erklärung verlange. Angefangen bei seinem, für mich damals, plötzlichen Auszug und der Heimlichtuerei. Ich will mit ihm über Mom reden, und warum es kein Zufall ist, dass wir beide hier sind. Und über Dad. Ich scheue mich zwar vor diesem Thema, aber es muss angesprochen werden. Ich habe das Gefühl, noch nie so entschlossen gewesen zu sein.

Das Klingeln der Wohnungstür reißt mich aus meinen Gedanken. Tief durchatmend stehe ich auf und laufe zur Tür. Als ich an dem Spiegel, der im Flur neben der Garderobe hängt, vorbei laufe, werfe ich noch schnell einen Blick hinein. Meine Haare sind unordentlich, mein Make-Up verschmiert und ich hab noch immer die Sachen von gestern an. Ich widere mich gerade selbst an. Ich versuche etwas zu retten, indem ich mir eine lose Haarsträhne hinters Ohr streiche und mir unter den Augen entlang wische. Aber viel bringt das auch nicht.
Wieder ertönt das nervige Klingeln. Schnell öffne ich die Tür.
Hardin hat die Hände tief in den Hosentaschen seiner schwarzen Jeans vergraben. Alles an ihm ist dunkel. Seine Jacke. Sein Shirt darunter. Seine Stiefel. Sogar sein Blick verrät nichts Gutes. Ich kann keinerlei Wut darin entdecken, aber erfreut ist er auch nicht. Seine grünen Augen bohren sich regelrecht in meine.
Auf einmal bekomme ich wirklich ein bisschen Angst. Schwer schluckend klammere ich mich an das Holz der Tür. Was, wenn wir uns streiten oder einer von uns einen Wutausbruch hat? Ich weiß, wie Hardin sein kann. Es sind in der Vergangenheit schon so einige Dinge zu Bruch gegangen wegen seiner ungezügelten Wut.
„Komm rein“, murmele ich schließlich und trete einen Schritt zur Seite.
Er sieht sich in meiner Wohnung um, während er ins Wohnzimmer läuft.
„Du bekommst eine Wohnung finanziert und ich musste anfangs in so einem scheiß Verbindungshaus wohnen“, stellt er fest und sieht mich eindringlich an.
Ich rolle mit den Augen und verschwinde in der Küche, die gleich am Wohnzimmer grenzt. Mein Aspirin wartet auf mich und ich brauche sie jetzt mehr denn je. Ich lege mir das Ding auf die Zunge, schlucke es herunter und spüle mit Wasser nach.  
„Worüber willst du reden?“, frage ich ihn und lehne mich gegen die Anrichte. Er soll das Gespräch beginnen.
Hardin setzt sich an den kleinen quadratischen Esstisch, an dem ich eben noch gefrühstückt habe.
„Ich hab nicht erwartet, dass du dich melden würdest. Immerhin hast du die letzten Jahre kein Wort mit mir geredet“, fängt er an. Aus seinem Mund klingt es wie ein Vorwurf und ich muss gegen das schlechte Gewissen ankämpfen, was jedoch nicht berechtigt ist.
Ich antworte ihm nicht und warte, bis er fortfährt.
„Ich verstehe nicht, warum Mom dich ebenfalls hierher geschickt hat.“
„Dann frag sie doch selbst!“, entgegne ich bissig. Meine Finger klammern sich um das Wasserglas, das ich noch immer in der Hand halte.
„Kannst du dich überhaupt an unser Gespräch von gestern Abend erinnern oder warst du zu betrunken?“, entgegnet er genauso scharf.
Nein, mittlerweile kann ich mich wieder daran erinnern.
Ich ignoriere seine Frage und entgegne ihm stattdessen: „War das mit Dad eine Lüge?“
„Nein.“
Ich weiche seinem Blick aus.
Dad der Direktor einer Uni? Das will einfach nicht in meinen Kopf rein.
„Wenn du mir nicht glaubst, dann überzeuge dich doch einfach selbst“, schlägt er vor.
Meine Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen.
Ist das gerade sein verdammter Ernst?
„Scheiße, nein! Lieber springe ich von der nächsten Brücke, als diesem Mann gegenüber zu treten“, schreie ich.
Abwehrend hebt er die Hände. „Ich kann dich verstehen, aber er hat sich wirklich verändert. Er hat wieder geheiratet.“
Was interessiert mich der Scheiß?
In mir brodelt es vor Wut. Meine Finger krallen sich so fest um das Glas, dass ich befürchte, es jede Sekunde zu zerbrechen.
„Verdammt, seit wann stehst du auf seiner Seite?“, brülle ich ihn an und knalle das Glas auf die Küchentheke.
Er steht vom Stuhl auf, kommt auf mich zu, baut sich vor mir auf und verschränkt die Arme vor der Brust.
„Jetzt hör mir mal zu“, fängt er an. Seine Blick liegt brennend auf mir. „Ich hasse diesen Menschen genauso sehr wie du. Er hat unser beider Leben zerstört. Meines möglicherweise mehr als deines.“
„Wieso erzählst du mir dann diese ganze Scheiße?“ Ich stehe kurz vor einem Ausbruch.
„Weil mir etwas an dir liegt, verdammt!“ Er packt mich an den Armen. „Ich würde mir für dich wünschen, dass dein Leben nicht so abgefuckt wird wie meines.“
Meine Fassade beginnt langsam zu bröckeln. Ungewollt treten mir Tränen in die Augen.
„Für dich gibt es noch Hoffnungen. Gib Ken wenigstens die Chance, dich kennenzulernen.“
Dass Hardin es überhaupt wagt, diesen Namen in den Mund zu nehmen!
Mit aller Kraft drücke ich meinen Bruder von mir. „Tja, dafür ist es jetzt wohl zu spät! Du hast meinen letzten Rest Hoffnung mitgenommen, als du damals gegangen bist“, schreie ich mit erstickter Stimme. Tränen strömen mir über die Wangen.
Seine Gesichtszüge verhärten sich und zeigen mir, dass seine Wut nicht länger Verstecken spielt.
„Ich wusste, dass es zwecklos ist, mit dir zu reden“, brummt er und fährt sich durch die Haare.
„Verschwinde!“, brülle ich und stoße ihn gegen die Brust.
Sein Blick liegt eindringlich auf mir, als er sich immer mehr von mir entfernt.
„Ich hatte eigentlich gehofft, mich mit dir zu versöhnen“, sagt er, bevor er sich umdreht und geht.
Als ich das Geräusch der sich schließenden Tür höre, schnappe ich mir das Glas und schmettere es gegen die gegenüberliegende Wand. Dann sinke ich schluchzend in mir zusammen und weine auf den Küchenboden, wie ich es schon lange nicht mehr getan habe.





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