Die Linie Drăculești

GeschichteFamilie / P12
Draculas Bräute Graf Dracula OC (Own Character)
14.05.2015
28.08.2015
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14.05.2015 3.954
 
Hiermit begrüße ich euch zu meinem neuesten Projekt, der „Linie Drăculeşti“. Hier erwarten euch eine noch nicht näher bestimmte Anzahl durch eine Rahmenhandlung verbundener Oneshots rund um Dracula und seine Familie.

Wer mein Hauptprojekt „Chronik einer Liebe“ kennt, dem werden viele der hier auftretenden Personen bekannt vorkommen, allerdings ist es nicht nötig, die Chronik gelesen zu haben, da alles noch einmal von Beginn an erklärt wird. Gleichzeitig möchte ich schon jetzt darauf aufmerksam machen, dass es hier unregelmäßige Uploads geben wird – die Chronik ist und bleibt mein Hauptprojekt, hinter dem diese Oneshots anstehen müssen.

Da ich bereits von der Chronik weiß, wie unübersichtlich die hier erwähnten Verwandtschaftsverhältnisse werden können, wenn man sich nicht bereits mit Ahnenforschung oder dergleichen beschäftigt hat, möchte ich euch gleich zu Beginn zwei von mir gemalte Stammbäume zur Verfügung stellen. Für die eigentlichen Oneshots, die hier als Rückblenden fungieren, ist dieser Stammbaum von Dracula und seinen direkten Verwandten hilfreich: Familie Drăculeşti Wer betreffend Draculas in der Rahmenhandlung auftauchenden Nachfahren den Überblick verliert, kann hier nachsehen: Familie Dracul

Nun wünsche ich euch viel Spaß bei der „Linie Drăculeşti“! Und keine Sorge: Auch wenn in diesem ersten Kapitel einige Fragen offen bleiben dürften, kann ich versprechen, dass ich sie alle im Verlauf dieser Oneshots beantworten werde. Ehrenwort.

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Prolog, Wiedersehen

Bistritz oder Bistrița, die von Siebenbürger Sachsen gegründete und durch den gleichnamigen Fluss geteilte Stadt nahe dem Bârgău-Gebirge im Nordosten Siebenbürgens, war seit dem Erhalt seines Marktrechts im Jahr 1353 ein bedeutender Handelsplatz gewesen. Jetzt, im Jahr 2013, zählte sie etwa 70000 Einwohner und erfreute sich bei Touristen aus den unterschiedlichsten Herkunftsländern großer Beliebtheit. Nicht nur wegen des ausgesprochen attraktiven Stadtbildes, der aus dem 14. Jahrhundert stammenden evangelischen Kirche mit einer Orgel von Johannes Prause, der Museen oder der für Naturliebhaber interessanten Umgebung, sondern auch wegen des weltberühmten Romans eines gewissen Bram Stoker. 1897 veröffentlicht, beschrieb „Dracula“, wie ein englischer Rechtsanwalt nach Transsilvanien reiste und einem dortigen Grafen bei dem Kauf eines Hauses behilflich war, nicht ahnend, dass es sich um einen mächtigen Vampir handelte, der im weiteren Verlauf seine dunklen Machenschaften nach England verlagerte. Besagte Reise führte Jonathan Harker (so der Name des Rechtsanwalts) auch durch Bistritz und jedes Jahr kamen Fans, die es danach verlangte, die Geschichte, die sie so sehr faszinierte, selbst zu erleben. Der örtliche Tourismusverband war natürlich darauf vorbereitet, sodass ganze Reisegruppen die teils nur für sie gebauten Schauplätze besuchten oder ihre gesamten Ersparnisse für Souvenirs ausgaben, ohne zu wissen, welche Möglichkeiten ihnen nur wenige Kilometer entfernt entgingen.

Da war zum einen eine kleine Siedlung namens Sfânta Cruce, die fast ausschließlich von den beiden Familien Dracul und Rankenstein bewohnt wurde. Wer zuziehen wollte, musste wie sie selbst von einem Vampir abstammen oder von einem solchen ein Kind erwarten und dies war etwas, das die wenigen Menschen, die noch an Vampire glaubten, in aller Regel vermieden. Diese Eingeweihten waren es auch, die dafür sorgten, dass man die sogenannten „Halbvampire“ nicht unnötig belästigte; denn wer wusste schon, wozu sie fähig waren, wenn man sie verärgerte? Man ließ die Kinder also in Bistritz zur Schule gehen und die Erwachsenen dort einkaufen, berücksichtigte sie bei zu vergebenen Arbeitsplätzen, falls sie sich darauf bewarben und blieb ihnen gegenüber zu jeder Zeit höflich, doch wenn ein Tourist fragte, woher die ungewöhnlichen Nachnamen stammten, behauptete man, es nicht zu wissen und bekreuzigte sich, kaum dass man außer Sichtweite war. Der zweite Ort, der für die „Dracula“-Liebhaber interessant gewesen wäre, war ein etwas außerhalb liegender und hinter einer hohen Hecke verborgener Gutshof aus dem frühen 18. Jahrhundert, bewohnt von einigen aus Bistritz stammenden Bediensteten – und einem mehr als 500 Jahre alten Vampir namens Liviu Dănești. Einst war Liviu ein Weggefährte des walachischen Woiwoden Vlad Țepeș gewesen, nun war er eine eigenartige Mischung aus dessen Schwiegersohn, Vertrautem und Untergebenem und fungierte unter anderem als Poststelle, wenn die Halbvampire etwas von Dracula oder umgekehrt er etwas von seinen Nachfahren wollte.

Aus diesem Grund war es auch nicht weiter verwunderlich, dass der Halbvampir Vlad Dracul sich für Livius Gutshof entschied, als er in besagtem Jahr 2013 einen Ort suchte, an dem sein Sohn einige Tage verbringen konnte. Schon als Kind war es Lucian schwer gefallen, den in seiner männlichen Verwandtschaft verbreiteten Jähzorn zu kontrollieren; nun war er 14 Jahre alt, in der Pubertät und nach Ansicht der Erwachsenen eine Gefahr für sich und andere. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte schließlich ein aus nichtigen Gründen begonnener Streit mit seiner zwei Jahre jüngeren Cousine Bianca, in dessen Verlauf er sie ins Gesicht geschlagen hatte. So nachsichtig sein Vater zuvor gewesen war, so unnachgiebig handelte er jetzt. Der Junge musste lernen, dass seine Launen nicht länger geduldet wurden, und da gerade Sommerferien waren, bot es sich an, Liviu darum zu bitten, ihn mit alten, aber bewährten Methoden „auf Linie zu bringen“, wie es so schön hieß. Zusätzlich sollte Lucian einen Aufsatz über seine Familiengeschichte schreiben, um sich über seine Herkunft und seine Bestimmung klar zu werden und während er die von Liviu angeordneten Leibesübungen geradezu dankbar ausführte, verfluchte er diesen zweiten Arbeitsauftrag in das Osmanische Reich und zurück. „Mein Name ist Lucian Vlad Dracul. Ich stamme ab von den beiden Halbvampiren Mircea und Vlad Dracul. Diese waren wiederum die Söhne der Ilona Szilágyi und des Vlad Drăculea, den man auch Țepeș nennt.“, hatte er begonnen, jedoch bald darauf festgestellt, dass dies nicht ausreichen würde, um die von seinem Vater geforderte Länge zu erreichen.

Es lag also nahe, einen früheren Anfangspunkt zu wählen, sodass Lucian sich dazu entschied, bei der Teilung der Familie Basarab in ihre beiden Linien anzusetzen und von dort der Linie der Drăculeşti zu folgen. Mircea I. und Vlad II. stellten keine große Herausforderung dar, aber schon bei den insgesamt vier Söhnen des letzteren gab es Schwierigkeiten: Über das Geburtsjahr von Mircea II. herrschte Uneinigkeit und ausgerechnet die am häufigsten genannte Zahl hätte bedeutet, dass er bei der Geburt seiner Tochter gerade einmal 12 Jahre alt gewesen war. Sehr ärgerlich, das Ganze, und in Sachen Motivation nicht gerade förderlich. Doch wozu befand Lucian sich im Haus eines waschechten Vampirs, der auch noch mit besagter (ebenfalls vampirischer) Tochter liiert war? Selbst wenn Liviu ihm nicht weiterhelfen konnte, Zsuzsanna würde es bestimmt. Gedacht, getan. Ohne Umschweife stand der Junge von seinem Arbeitsplatz in dem ihm zur Verfügung gestellten Gästezimmer auf, dann eilte er hinaus auf den Gang und zielsicher in Richtung Bibliothek, in der der Hausherr für gewöhnlich zu sitzen pflegte, wenn er sich nicht gerade um seine Geschäfte, den Erhalt des Gutshofes oder seine insgesamt drei Pferde kümmerte. Langsam, beinahe schüchtern drückte Lucian die Klinke herunter, sich selbst daran erinnernd, dass er in diesem Raum leise zu sein hatte. Das war nun wirklich nicht seine Stärke, doch andererseits hatte Liviu stets Verständnis gezeigt, wenn er wieder einmal Schwierigkeiten gehabt hatte, seine überschüssige Energie abzubauen. Aus diesem Grund zögerte er auch nicht lange, halblaut auf sich aufmerksam zu machen. „Hallo?“ „Wer da?“

Gegen seinen Willen zuckte Lucian zusammen. Er kannte diese Stimme, allerdings gehörte sie nicht Liviu, sondern Dracula, dem wohl mächtigsten Vampir der Welt und seinem eigenen Ur-ur-ur-und so weiter-Großvater. Was tat der denn hier? Sollte er nicht in seinem eigenen Schloss residieren und dort tun, was man als Vampirherrscher eben so tat? Verzweifelt überlegte der Junge, wie er nun reagieren sollte, doch gerade als er zu dem Schluss kam, dass es vermutlich am besten wäre, sich leise zurückzuziehen, kam Dracula zwischen den Bücherregalen auf ihn zu. „Mircea?“, fragte er verwundert, woraufhin Lucian den von dunklen Locken bedeckten Kopf schüttelte. „N-Nein. Lucian.“ Bei diesen Worten atmete sein Vorfahre hörbar ein. „Ich verstehe.“, murmelte er, „Bitte verzeihe mir, doch du siehst meinem Drittgeborenen so ähnlich, da dachte ich für einen Moment…“ „Ich wäre dein Sohn.“ Obwohl der Jüngere wusste, wie unhöflich es war, einen Erwachsenen zu duzen, sah er keinen Grund, es zu unterlassen. Auch gesetzt dem Fall dass Dracula sich darüber ärgerte, er selbst hatte es nie für nötig gehalten, einen seiner Nachfahren zu siezen. Das nannte man dann wohl ‚ausgleichende Gerechtigkeit‘. Sorgen über etwaige Konsequenzen schienen jedoch unbegründet, da der Vampir ihm ein freundliches Lächeln schenkte. „In der Tat. Und auf eine gewisse Weise hatte ich Recht, nicht wahr? Nun, möchtest du mir nicht Gesellschaft leisten?“ Ganz egal womit Lucian gerechnet hatte, das war es nicht. „Nein, danke, ich suche eigentlich Liviu.“, entgegnete er schließlich, „Du weißt nicht zufällig, wo er ist?“

Als Antwort erhielt er ein höfliches Kopfnicken. „Soweit ich informiert bin, hat er sich gemeinsam mit Zsuzsanna in seine privaten Räumlichkeiten zurückgezogen. Kann ich dir vielleicht an seiner Stelle behilflich sein?“, erkundigte Dracula sich, woraufhin Lucian kurz die braunen Augen verdrehte. Das erklärte natürlich die Anwesenheit des Obervampirs, denn wenn die bei ihrem Onkel lebende Zsuzsanna ihren Partner besuchen wollte, war sie auf eine männliche Begleitperson angewiesen. Über 570 Jahre alt und allein aufgrund ihres Geschlechts einem Vormund unterstellt; wäre der Junge in ihrer Situation, er hätte sich schon längst in einen Pfahl gestürzt. Erst nach einigen unendlich langen Sekunden erinnerte er sich daran, dass man ihm eine Frage gestellt hatte, und zog hastig einen in seiner Hosentasche aufbewahrten Schmierzettel hervor. „Es… es geht um den Aufsatz über meine Familiengeschichte. In einigen Büchern steht, dein Bruder Mircea sei 1428 geboren worden, aber ich finde, das kann nicht sein, weil Zsuzsanna ja schon 1440 zur Welt kam. Das hat sie mir selbst erzählt.“ Nachdenklich sah der Ältere ihn an. „Ah, ich verstehe.“, meinte er, „Betreffend seines Geburtsjahres ist man sich tatsächlich uneins, doch 1428 ist meinem Halbbruder Vlad zuzuordnen. Das von Mircea lautet 1422 – womit er bei Zsuzsannas Geburt also 18 und seine Frau Daciana 15 Jahre alt waren. Ein halbes Kind und noch ein wenig zu jung für den Vollzug der Ehe, wenn du mich fragst, aber man hatte beide dazu genötigt, um den nächsten Erben der Walachei zu garantieren. Wenn du möchtest, erzähle ich dir mehr; allerdings sollten wir uns in diesem Fall setzen.“

Diesem Vorschlag folgte eine beinahe peinliche Stille, in der Lucian sehr rasch nachdachte. Wenn er ehrlich war, konnte er sich weitaus angenehmere Aktivitäten vorstellen, als sich in der unmittelbaren Nähe eines so gefährlichen Vampirs aufzuhalten; andererseits war das hier eine Chance, die so schnell nicht wiederkommen würde. Mit etwas Glück war Dracula sogar in der Lage, ihm einen Großteil der Recherchen zu ersparen, und wie bei vielen unmotivierten Schülern siegte das Argument des geringeren Arbeitsaufwands. „Gerne.“, antwortete er deshalb, ehe er dem Älteren zu einer kleinen Sitzgruppe im hinteren Teil der Bibliothek folgte. Kaum dass der Junge sich in einen der drei weichen Sessel hatte fallen lassen, fuhr sein Vorfahre auch schon fort. „Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag, obwohl ich so jung war. Mein Vater war natürlich enttäuscht, dass Daciana einem Mädchen das Leben geschenkt hatte, doch Mircea wollte davon nichts hören und überhäufte seine Frau mit Geschenken. Mich selbst ließ er schwören, auf Zsuzsanna zu achten, sollte ihm einmal etwas zustoßen. Pflichtbewusst, wie ich war, tat ich, was er von mir verlangte, auch wenn mich dieses kleine Wesen nicht weiter interessierte. Und dann… dann überließ mein Vater mich und meinen jüngeren Bruder Radu den Osmanen als Pfand, während Zsuzsanna bei ihren Eltern und ihrem Großvater blieb.“ Diese Erzählungen waren mehr als Lucian zu hoffen gewagt hatte. „Wann hast du Zsuzsanna wiedergesehen?“, fragte er neugierig, woraufhin Draculas Augen seltsam glasig wurden. „Kurz nach Mirceas Tod, Anfang 1448. Bis heute halte ich es für ein Wunder, dass es Daciana gelang, den Anhängern von Vladislav II. zu entkommen, doch schließlich trafen wir erneut aufeinander – und mir wurde zum ersten Mal bewusst, was mein Versprechen bedeutete.“



Es war sehr dunkel in dieser Nacht, da die Wolken Mond und Sterne verdeckten. Selbst die Fackel, die Vlad mit sich genommen hatte, vermochte es kaum, den vor ihm liegenden Gang zu erhellen, doch es war ihm gleich. Stattdessen kreiste sein gesamtes Denken um die Nachricht, die er wenige Tage zuvor erhalten hatte. Sein Vater und sein Bruder Mircea waren tot, im Dezember des letzten Jahres in den walachischen Wirren ums Leben gekommen, und Sultan Murad II. hatte keine Sekunde gezögert, ihn, Vlad Drăculea, zum Prätendenten zu erheben. Dabei war der Antritt seines Erbes nur eines der Dinge, die den jungen Adligen in diesem Moment beschäftigten. Mindestens ebenso wichtig war ihm das Schicksal von Mirceas Frau Daciana und der gemeinsamen Tochter Zsuzsanna erschienen, sodass er Murad darum gebeten hatte, nach ihnen suchen zu dürfen. Der hatte es natürlich verboten und stattdessen mehrere Spähtrupps losgeschickt – mit Erfolg. Es war Vlad ein Rätsel, wie Daciana es bewerkstelligt hatte, doch es war ihr gelungen, gemeinsam mit Zsuzsanna in das Osmanische Reich zu fliehen, wo man ihnen nun Asyl gewährte, wenn auch nicht ohne Hintergedanken. „Deine Schwägerin und Nichte befinden sich in meiner Obhut und erhalten die Ehren, die ihnen gebühren.“, hatte der Sultan erklärt, „Ich hoffe, du wirst dich an diese Hilfe erinnern, wenn du das Erbe deines Vaters antrittst.“ Die Bedeutung dieser Worte schien klar: Murad hatte die beiden Flüchtlinge vor dem beinahe sicheren Tod bewahrt und gut versorgt, im Gegenzug sollte Vlad ihm auch dann die Treue halten, wenn er selbst regierte.

Ein raffinierter Plan, das musste Vlad ihm lassen, doch er dachte gar nicht daran, sich an seinen Teil dieser einseitig getroffenen Abmachung zu halten. Wenn er das Osmanische Reich in Richtung Walachei verließ, würde er Daciana und Zsuzsanna mit sich nehmen und sobald er die Hilfe der Osmanen nicht mehr benötigte, war ihr Bündnis null und nichtig. Trotz all dieser Zeit, die er am Hof des Sultans verbracht hatte, fühlte er sich allein den Einwohnern der Walachei verpflichtet; von den (zu allem Überfluss ungläubigen) Osmanen abhängig zu sein, war ein Ärgernis, das es bei der erstbesten Gelegenheit zu beseitigen galt. Das schuldete er seinem Volk, seinem Vater und nicht zuletzt auch Mircea, dem er schon bei Zsuzsannas Geburt hatte versprechen müssen, auf sie zu achten, sollte ihm etwas zustoßen. Dieser Fall war nun eingetreten und auch wenn Vlad nicht einmal ansatzweise wusste, wie man ein kleines Mädchen von gerade sieben Jahren versorgte, war er fest entschlossen, sein Bestes zu geben. In diesem Sinne war es nicht weiter verwunderlich, dass der junge Adlige sich persönlich davon überzeugen wollte, ob Mutter und Tochter unversehrt waren, ganz egal ob Murad es gestattete oder nicht. Tatsächlich hatte er ihn nicht einmal zum Schein um Erlaubnis gebeten, sondern stattdessen einen der Diener dazu gebracht, ihm die Räumlichkeiten zu nennen, in denen Daciana und Zsuzsanna einquartiert worden waren. Sollte der Sultan doch toben, falls er sich daran störte, für Vlad waren die Zeiten, in denen er ihm gehorcht hatte, endgültig vorbei. Als beinahe kindliche Geisel war er in das Osmanische Reich gekommen, als unabhängiger Fürst würde er gehen – und nichts und niemand konnte ihn aufhalten.

So in Gedanken versunken hätte Vlad beinahe sein Ziel verpasst, doch gerade als er daran vorbeigehen wollte, fiel ihm ein, dass er hier stehen bleiben musste. Für einen scheinbar unendlich langen Moment blickte er auf die schlichte Holztür, sich innerlich für das Kommende wappnend, dann hob er seine freie Hand und klopfte. Sofort war im Inneren ein erschrockenes Keuchen zu vernehmen, dicht gefolgt von dem Geräusch nackter Füße, die über die Dielen tappten; geflüsterten Anweisungen in rumänischer Sprache, dem dumpfen Zuschlagen eines Truhendeckels und schließlich – Stille. „Wie seltsam…“, murmelte der junge Adlige. Dass die beiden Verfolgten über einen so späten Besuch mindestens staunen würden, war ihm bewusst gewesen, aber was diese Überraschung mit einer Truhe zu tun hatte, entzog sich seinem Verständnis. Und warum bat man ihn nicht herein? Hatte man Daciana denn nicht erzählt, dass sie sich gegenwärtig am selben Ort aufhielten? Oder fürchtete sie sich, ihn zu empfangen, weil sie glaubte, er würde sie töten wollen, um seine Macht zu sichern? Falls dem so war, war sie dümmer als er sie in Erinnerung hatte. Sofern sie nicht gerade einen männlichen Erben unter ihrem Herzen trug, war es quasi unbedeutend, ob Mirceas Witwe noch lebte. Wer um seine Zukunft bangen musste, war Zsuzsanna, denn der Mann, der sie einmal heiratete, hatte einen nicht zu unterschätzenden Anspruch auf den Woiwodentitel. Diese Tatsache konnte sowohl in einer Zwangsehe münden, als auch in einem Mord, da es sicher Parteien gab, denen es sehr gelegen kam, wenn niemand das Mädchen heiratete.

Als sich mehr als eine Minute lang nichts geregt hatte, beschloss Vlad, dass er nicht länger warten würde. Ohne weitere Umschweife öffnete er die (glücklicherweise nicht abgeschlossene) Tür, nur um einen Moment später missbilligend eine Augenbraue zu heben. In der Mitte des von einigen Kerzen erhellten Zimmers stand Mirceas Frau Daciana, in schwarze Witwenkleidung gehüllt und trotz ihrer 22 Jahre vom Leben gezeichnet. In ihren Händen hielt sie ein großes Breitschwert, das offenbar viel zu schwer für sie war, denn es kostete sie alle Mühe, es nicht fallen zu lassen. Dennoch machte sie einen entschlossenen Eindruck und der junge Adlige war sicher, dass sie nicht zögern würde, von der Waffe Gebrauch zu machen, falls man ihr oder Zsuzsanna zu nahe kam. Als Daciana jedoch erkannte, wen sie vor sich hatte, warf sich vor ihrem Schwager auf den Boden. „Vlad!“, hauchte sie, während die ersten Tränen über ihre bleichen Wangen liefen, „Vlad, bitte vergib mir! Ich weiß, dass es meine Pflicht gewesen wäre, gemeinsam mit ihm zu sterben, aber ich konnte Zsuzsanna nicht zurücklassen, ohne zu wissen, was mit ihr geschehen würde! Jetzt da sie bei dir in Sicherheit ist, kann ich Mircea nachfolgen; ich werde in einen Fluss steigen oder mich in ein Schwert stürzen, sicher hat der Herr Verständnis…“ Erst eine schallende Ohrfeige ließ sie verstummen und verunsichert zu Vlad sehen, dessen freie Hand noch immer erhoben war. „Schweig!“, knurrte er, ehe er tief durchatmend seine Nasenwurzel massierte. Die Ereignisse der letzten Wochen mussten die junge Frau in den Wahnsinn getrieben haben, anders konnte er sich jedenfalls nicht erklären, weshalb sie glaubte, er würde ihr vorwerfen, am Leben zu sein.

Gehorsam senkte Daciana den Blick, scheinbar auf ein endgültiges Urteil wartend, doch nach Vlads Meinung hatten andere Dinge Vorrang. Von Zsuzsanna war weit und breit nichts zu sehen und allmählich fürchtete er, dass die Osmanen sie von ihrer Mutter getrennt hatten. „Wo ist Zsuzsanna?“, erkundigte er sich mühsam beherrscht, woraufhin Daciana auf eine in einer Ecke stehende Holztruhe deutete, die so groß war, dass ein Mensch darin Platz gefunden hätte. „Ich habe sie angewiesen, sich zu verstecken.“, flüsterte die junge Frau, „Sie ist so schön, Vlad, schon jetzt, und wer weiß, ob diese Ungläubigen vor einem Kind Halt machen?“ Verstehend neigte der junge Adlige den Kopf. Nun ergaben die ihm zuvor unverständlichen Geräusche einen Sinn. Es war also Zsuzsanna gewesen, die über die Dielen gelaufen und dann nach Anweisung ihrer Mutter in die Truhe geklettert war. Schweigend steckte Vlad seine Fackel in eine dafür vorgesehene Halterung an der Wand, dann ging er zu dem genannten Möbelstück, dessen Deckel er mit bebenden Fingern öffnete. Eine Sekunde später glaubte er, jemand hätte ihm in die Magengrube getreten. Mirceas Augen! Nein, korrigierte er sich, ein kleines Mädchen mit denselben dunkelbraunen Augen, wie auch Mircea sie gehabt hatte. Die beinahe hüftlangen schwarzen Haare hingegen hatte Zsuzsanna von Daciana geerbt, ebenso das hübsche Gesicht mit den vollen Lippen. In einigen Jahren würde sie den Männern reihenweise den Kopf verdrehen, dessen war ihr Onkel sich sicher.

Vlad wusste nicht, wie lange er Zsuzsannas teils verängstigten, teils neugierigen Blick erwidert hatte, als er plötzlich bemerkte, wie hilflos er sich in diesem Moment fühlte. Versprechen hin oder her, er war nie auf diesen Moment vorbereitet worden und hatte nicht den Hauch einer Ahnung, was nun zu tun war. Sollte er das Mädchen ansprechen? Ihm versichern, dass er es beschützen würde? Oder sich erst einmal vorstellen? Denn als er seine Familie verlassen hatte, war Zsuzsanna kaum zwei Jahre alt gewesen – zu jung, um sich noch an ihn zu erinnern. Ja, so würde er beginnen, und alles Weitere von ihrer Reaktion abhängig machen. „Guten Abend, Zsuzsanna!“, sagte er mit sanfter Stimme, hoffend, dass es ihm auf diese Weise gelang, seine sicher verschreckte Nichte zu beruhigen, „Mein Name ist Vlad. Ich bin ein Bruder deines Vaters und werde von nun an für dich sorgen. Sag, möchtest du nicht aus dieser Truhe herauskommen? Es muss dort drinnen doch reichlich unbequem sein.“ Bei diesen Worten sah das Mädchen schüchtern zu Daciana, doch kaum dass die durch ein Nicken ihr Einverständnis signalisiert hatte, war ihre Tochter wie ausgewechselt. Auffordernd streckte sie beide Hände in Vlads Richtung, der mit diesem Vertrauensbeweis nun wirklich nicht gerechnet hatte. So verwunderte es auch nicht weiter, dass er ungewohnt sanft vorging, als er sie auf seine Arme hob und beinahe zärtlich über ihren Rücken streichelte. Gleich darauf kostete es ihn alle Mühe, nicht zusammenzuzucken, da Zsuzsanna unvermittelt das Wort ergriff. „Onkel?“, fragte sie, „Onkel Vlad, wann kommt Vater wieder?“

Es war, als hätte man Vlad einen Eimer kalten Wassers über den Kopf gegossen. Was sollte er darauf antworten? Mircea war tot, geblendet und lebendig begraben, wenn man den Gerüchten Glauben schenkte. Insgeheim hatte er gehofft, dass Daciana Zsuzsanna bereits davon in Kenntnis gesetzt hatte, doch deren trockenes Schluchzen verriet ihm, dass er von seiner Schwägerin keine Hilfe erwarten konnte. Es lag also allein an ihm, dem Mädchen diese traurige Nachricht zu überbringen, auch wenn es ihm das Herz brechen würde. „Er… er kommt nicht wieder.“, flüsterte er schließlich, „Dein Vater ist jetzt im Himmel.“ Falls er geglaubt hatte, Zsuzsanna würde nun ebenfalls zu weinen beginnen, so hatte er sich getäuscht. Stattdessen erkundigte sie sich: „Und Großvater?“ „Der auch.“ Gegen seinen Willen spürte der junge Adlige, wie ihm etwas die Kehle zuschnürte, doch ehe er sich in seiner eigenen Trauer verlieren konnte, hatte seine Nichte erneut das Wort ergriffen. „Haben… haben die Osmanen sie getötet?“, flüsterte sie, woraufhin Vlad gequält einatmete. Nein, nicht die Osmanen hatten Vater und Sohn auf dem Gewissen, sondern ihre eigenen Landsleute, aber zumindest dieses Wissen wollte er Zsuzsanna ersparen. Außerdem war es nur von Vorteil, wenn das Mädchen die Osmanen als Feinde statt als Helfer betrachtete und wenn man bedachte, dass Mircea sich den Zorn seiner Verbündeten nach der Schlacht von Varna zugezogen hatte, waren die Osmanen an seinem Tod zumindest nicht unschuldig. „Ja.“, antwortete er, „Aber wir werden ihnen schon bald den Rücken kehren, Zsuzsanna, und ich verspreche dir, ich werde jeden, der am Tod deines Vaters beteiligt war, dafür büßen lassen.“




Während der letzten Minuten hatte Draculas Stimme zunehmend belegt geklungen und als er schließlich abbrach, hätte Lucian schwören können, eine einzelne Träne über die Wangen seines Vorfahren rinnen zu sehen. Hastig senkte der Junge den Blick, so als wolle er prüfen, ob sich einer seiner Schnürsenkel gelöst hatte. Er fühlte sich schuldig, die offenbar schmerzenden Erinnerungen erneut heraufbeschworen zu haben, hatte er doch auf diese Weise jemanden verletzt. Anders als Bianca, natürlich, aber gewiss nicht weniger intensiv und bei dem Gedanken daran, was der Vampir ihm nun antun würde, um sich für diese Schmach zu rächen, drehte sich ihm der Magen um. Umso überraschter war er, als er spürte, wie eine kalte Hand auf seine Schulter gelegt wurde. Zögerlich sah er auf und in Draculas stechende Augen. „Was auch immer du tust, senke niemals den Blick!“, befahl der Ältere scharf, „Das tun Feiglinge und wir Drăculeştis gehören nicht dazu!“ Beinahe traurig schüttelte sein Nachfahre den Kopf. „Ich bin kein Drăculeşti. Deine Söhne waren welche, ich bin es nicht.“, flüsterte er, woraufhin der Vampir ihm eine schmerzhafte Kopfnuss verpasste. „Natürlich bist du ein Drăculeşti, auch wenn dir die beiden letzten Silben des Namens fehlen.“, entgegnete er, ehe seine Stimme unendlich weich wurde, „Es ist also deine Pflicht, die Geschichte unserer Familie zu kennen, die vielen traurigen Momente und die wenigen, in denen wir glücklich waren. Nur aus diesem Grund bist du hier und ich verspreche, wenn du diesen Gutshof verlässt, wirst du so gut informiert sein, als wärest du selbst dabei gewesen.“
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