Die Hungerlohnspiele

GeschichteHumor, Romanze / P12
Katniss Everdeen Peeta Mellark
14.05.2015
11.05.2016
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01.06.2015 1.728
 
„…und dann waren da überall diese Uhren. In dem komischen Raum, vor den Fenstern, im Ofen, über meinem Bett…“

„Konnten sie die Uhrzeit ablesen?“, fragte Dr. Aurelius zusammenhangslos. Er brachte mich immer wieder aus dem Konzept mit seinen Zwischenfragen.

„Nein, es hat mich auch nicht interessiert.“ Ich ließ mich tiefer in den Sessel sinken. Der Sessel war das einzig Ertragbare in diesem Raum, so weich und gemütlich. Ich sagte mir immer wieder, dass ich nur wegen dem Sessel kam, nicht wegen Dr. Aurelius.

„Ich hab das Fenster zerschlagen“, erzählte ich weiter. „Das Glas hat gefunkelt, meine Hand geblutet. Ich hab sie mir mit Dollarscheinen verbunden.“ Ich lachte. „Verstehen Sie? Dollarscheine! Wer kommt denn auf sowas?“

Der Psychiater hörte mir ruhig zu. „Und was haben Sie empfunden, als Sie aus dem Traum aufgewacht sind?“

Ich zuckte mit den Achseln. „Nicht viel. Ich hab aus dem Fenster gesehen und auf die Zentrale gestarrt. Der Architekt hat sich viel Mühe gemacht. Selbst im Schlaf kann ich es sehen. Danny meint, dass ich manchmal mit offenen Augen-“

„Sie lenken vom Traum ab.“ Dr. Aurelius lächelte mild. „Was haben Sie empfunden, als Sie sich an den Traum erinnert haben?“

Ich seufzte und verschränkte meine Arme vor der Brust. Dr. Aurelius war immer etwas neben der Spur. Aber es half mir, ihm von meinen Sorgen zu erzählen. Nicht, weil er ein Examen besaß – direkt dort hinter ihm, an der Wand – sondern weil es gut tat, die Sachen einfach mal auszusprechen.
Außerdem konnte ich die Stunden, die ich hier auf dem Sessel verbrachte, auf mein Zeitkonto für die Arbeit schieben.

„Ich muss wissen, wo ich bei Ihnen ansetzen soll, Mr. Mellark. Wir kennen uns noch nicht sehr gut, es waren erst ein paar Sitzungen. Und Träume sind meist ein guter Zugang zu den untergründigen Sorgen der Seele.“
Alles was Dr. Aurelius sagte, hörte sich unfassbar intelligent an. Er war einer dieser Menschen, denen man einfach alles glaubte, weil sie mit schönen Formulierungen von den wahren Dingen ablenkten.
Aber ich war zu aufgebracht, um das heute willig hinzunehmen.

„Hören Sie, Sie müssen sich nichts aus meinen Träumen heraussuchen. Ich habe reale  Ängste, ganz greifbare. Sie sind überall und ich kann mich langsam nicht mehr zusammenreißen.“
Ich versuchte, das Gefühl besser zu umschreiben. „Es ist… Es macht mich wahnsinnig. Gestern, als ich nach Hause gefahren bin, hatte ich Angst, dass die Aufseher mich verfolgen. Dabei waren es  nur stinknormale Jeeps.“

Dr. Aurelius räusperte sich. „Versuchen Sie bitte, sachlich zu bleiben. Sie meinen die Sicherheitstechniker aus Sektor 2.“

„Ja, natürlich.“ Innerlich rollte ich mit den Augen. „Aber darum geht es mir auch gar nicht. Ich…“
Ich seufzte.

Wie viel konnte ich dem Doktor erzählen? Er war freundlich, zuvorkommend und verschwiegen – sagte er jedenfalls. Aber er arbeitete trotzdem für das Kapitol, für Snow.
Für Coin…
Er war wie jeder Aufseher in Sektor 2 ausgebildet worden. Dann hatte er natürlich sein Examen in Psychologie und was weiß ich noch gemacht, an einer Universität, die eigentlich öffentlich sein sollte.
Aber seine Grundlage war Sektor 2. Und die Arbeiter dort waren, wie jeder wusste, gedanklich sehr nahe am Kapitol…

„Mr. Mellark.“ Er adressierte mich wieder förmlich. „Ich habe mich ein wenig über Sie erkundigt.“

Na das hörte sich ja gut an.  

Dr. Aurelius hob abwehrend die Hände. „Natürlich nicht offiziell. Ich habe mit Mr. Undersee, dem Sektor-12-Senator dieser Zentrale, gesprochen. Er hat sie als…“ Er schlug ein Bein über das andere und ließ sein Klemmbrett, auf dem er sich Notizen machte, sinken. „…pflichtbewusst, hilfsbereit, freundlich, verlässlich, kollegial…beschrieben. Warum haben Sie dann Sorge, ihren Job zu verlieren?“

„Es geht nicht um den Job.“ Ich legte den Kopf schief. „Nicht nur  zumindest.“
Langsam geriet ich in Erklärungsnot. Vielleicht war es doch keine so gute Idee gewesen, hierher zu kommen.
„Stellen Sie sich vor, ich werde für die Hungerlohnspiele ausgewählt.“

Dr. Aurelius warf mir einen tadelnden Blick zu. „Peeta, wir hatten uns darauf geeinigt, sachlich zu bleiben. Aber ja, ich stelle mir jetzt vor, dass Sie für die Jubel-Jubiläums-Festspiele im Kapitol ausgelost werden…“

Diesmal rollte ich in Wirklichkeit mit den Augen. Dabei suchte ich unauffällig nach Kameras im Behandlungszimmer.
„Ich würde nie im Leben gewinnen.“ Hoffnungslos hob ich die Hände. „Dann würde ich meinen Job verlieren und, bei aller Sachlichkeit, Doktor, selbst wir in Sektor 12 wissen, welche Zeugnisse den Verlierern der Festspiele ausgeteilt werden… Das ist auf dem Arbeitsmarkt heutzutage schlimmer als wenn man 15 Jahre Knast hinter sich hätte.“  

„Mr. Mellark, Sie übertreiben“, behauptete der Psychiater. „Es gibt keinerlei Grund zur Sorge, dass sie für die Festspiele ausgewählt werden. Und selbst dann…“ Er lächelte mich an wie ein bockiges Kind, das sich vor Monstern unter seinem Bett fürchtete.  

„Ich weiß, dass die Tribute nicht wirklich ausgelost werden.“ Dr. Aurelius‘ Blick traf mich hart. Ich sprach trotzdem weiter. „Zumindest finden nur einige Namen den Weg in die Lostrommel“, korrigierte ich murmelnd.

„Wovor haben Sie dann Angst, Peeta? Wie groß ist wohl die Chance, dass Ihr Name aus der Trommel gezogen wird?“
Doktor Aurelius blickte mich schmunzelnd an. Wenn er so über seine dünnen Brillengläser hinwegsah, wirkte er unglaublich allwissend. „Wovor haben Sie Angst?“

Ich lächelte gequält. „Wahrscheinlich vor den Monstern unter meinem Bett.“


………



Nach dem Gespräch mit Dr. Aurelius ging es mir etwas besser. Nicht, weil er mir sonderlich geholfen hatte, meine Ängste zu überwinden… Aber ich hatte zumindest einmal aussprechen können, was mich bedrückte.
Einen Teil davon.

Ich fing einige Gesprächsfetzen im Wartezimmer des Psychiaters auf. Zwei bleiche Gestalten aus Sektor 6 flüsterten leise über die Hungerlohnspiele.
Auch wenn ich mich am liebsten zu ihnen gesetzt und die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte, ging ich weiter. Aus der Praxis hinaus, auf den weißen Flur. Einige der anderen Bürotüren auf der zweiten Ebene waren geöffnet. Grelles Licht strömte durch die riesigen Fensterfronten in die Räumlichkeiten. Alles hier war transparent. Sogar die Machtstrukturen.

So ein Bürojob wäre wahrscheinlich nicht das Schlechteste. Die Arbeiter hier sahen glücklicher aus. Vielleicht waren sie auch nur geschulter darin, alles hinter einem kompetenten Lächeln zu verstecken. Ich konnte nur kurze Einblicke erhaschen, wollte ganz bestimmt nicht neugierig wirken.
Auf Ebene 2 hatte ich nichts verloren, solange ich mich nicht in Dr. Aurelius‘ Praxis befand. Es glich einem Wunder, dass man mich noch nicht angesprochen hatte.

Die wenigen Leute im Anzug oder Kostüm, die mir entgegenkamen, ignorierten mich geflissentlich. So als wäre ich gar nicht anwesend.
Wenn ich ihren Gesprächen zu nahe kam, verstummten sie einige Sekunden, redeten erst weiter, sobald ich außer Hörweite war.

Als würde man mir meinen Sektor ansehen, dachte ich. Aber das stimmte nicht. Die Leute waren einfach nur vorsichtig. Man redete hier mit niemandem, dessen Herkunft man nicht kannte.

In einen Sektor wurde man quasi hineingeboren. Panem et Circenses verstand sich als Familienunternehmen.
Die Familie Snow regierte und der Rest arbeitete.
Nur selten wurden völlig unbekannte Gesichter in das Unternehmen aufgenommen. Und wenn doch bestimmten sie gleichzeitig das Schicksal aller Nachkommen, die sich ebenfalls für eine Karriere bei p&c „entschieden“.  

Welcher Mellark der erste in Sektor 12 gewesen war, wusste ich nicht. Ich verfluchte ihn trotzdem, obwohl er wahrscheinlich nichts Schlimmes getan hatte.

Der Aufzug fuhr zuerst ganz nach oben, bevor er sich langsam wieder dem Erdgeschoss zuneigte. Ein paar Arbeiter stiegen auf Ebene 9 aus. Auf 4 stiegen wieder welche hinzu – feine Anzugträger, die mich leider nicht ignorierten, sondern abschätzig musterten.

Dafür ignorierte ich sie so gut ich konnte und hechtete aus dem Aufzug, sobald die Türen auch nur den Hauch eines Spaltes freigaben.
Das Tunnelsystem war zu dieser Zeit gut besucht. Ich musste langsamer gehen als mir lieb war, um niemandem zu nahe zu kommen.

Danny wusste nicht, dass ich bei Dr. Aurelius gewesen war. Ich hatte ihm nur erzählt, dass ich Besorgungen zu erledigen hatte.
Er würde mich bestimmt für verrückt erklären, wenn ich ihm beichtete, dass ich mich einem von Snows Seelenklempnern anvertraute.

Aber andererseits, mit wem konnte ich denn sonst reden?
Danny würde mir nur raten, mehr zu trinken, mehr feiern zu gehen, mehr Mädchen kennenzulernen – am besten alles gleichzeitig. Das waren die Ablenkungen, mit denen p&c uns täglich fütterte.

Mycah war der Besonnenste von uns drei Brüdern. Es würde sich vielleicht lohnen, ihn zu Rate zu ziehen.
Aber Mycah hatte viel zu tun, seit er fortgezogen war. Zu einer anderen Bäckerei, neben einer anderen Zentrale, wahrscheinlich auch ein Glasbau.
Er hatte eine Frau kennengelernt, ausgerechnet zur Zeit der Spiele, als alles drunter und drüber gelaufen war. Anscheinend war sie wohl die Richtige gewesen. Er war zu ihr gezogen, hatte sie geheiratet und war mittlerweile Vater eines kleinen Mädchens geworden.

Meine Eltern hatten sich überschlagen vor Stolz. Sie hatten sich insgeheim immer ein Mädchen gewünscht. Gerade ich als jüngster Sohn hatte das oft zu spüren bekommen – vielleicht hätte Dr. Aurelius das auch interessiert.
Sie waren dann auch fortgezogen, zu Mycah, um ihm zu helfen und ein bisschen in der Wonne zu baden, die das Baby mit sich gebracht hatte.

Ich war geblieben, zunächst nur aus Trotz, dann aus Angst, es mit der Veränderung nur noch schlimmer zu machen.
Und Danny, der hatte sich wahrscheinlich nicht viel Gedanken darüber gemacht.

„Tut mir Leid“, rief ich und stürmte durch die schwere Metalltür in die Bäckerei.
Danny wartete bereits auf mich. Mr. Abernathy ebenfalls. Sie rauchten, obwohl das in allen Räumlichkeiten strengstens verboten war, und aßen Punschballen.
Meine Sorge verpuffte.

„Oh, hi.“ Danny grinste und leckte seine mit Zuckerguss überzogenen Finger ab.  „Wolltest du auch einen?“

„Nein, danke.“ Ich stieß die Tür zum Verkaufsraum auf. Ein paar Kunden standen an. Der Neue bediente sie.
„Ihr lasst ihn wirklich allein arbeiten?“

Mr. Abernathy drückte seine Zigarette aus. „Jetzt wird’s ungemütlich hier“, murmelte er und schlurfte in sein Büro, das er so gut wie kaum zu Gesicht bekam.

„Er lernt verdammt gut“, rechtfertigte sich Danny. „Außerdem ist eh bald Schluss.“ Er sah auf die Uhr. „In drei Stunden quasi.“

Ich stöhnte auf und nahm ein frisches Tablet Brezeln mit zur Theke. „Wie kommst du zurecht?“, fragte ich den Neuen.

„Ganz gut.“ Er lächelte. „Ist ja nicht allzu kompliziert.“

Ich sah zurück zur Tür. „Sag das nicht Danny.“

Der Neue lachte.
Er hatte sich umschulen lassen. Von Circenses zu Panem. Vom Game Store in die Bäckerei. Er musste ungefähr in Dannys Alter sein. Das war alles, was ich von ihm wusste.
Und seinen Namen. Gale Hawthorne.
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