Die Hungerlohnspiele

GeschichteHumor, Romanze / P12
Katniss Everdeen Peeta Mellark
14.05.2015
11.05.2016
32
77.423
7
Alle Kapitel
7 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
22.05.2015 2.117
 
Ich war früh aufgestanden, hatte drei Tassen Kaffee heruntergekippt und war dann auf leisen Sohlen aus der WG getreten. Danny schlief noch. Ich hatte ihm einen Zettel an die Kaffeemaschine geklebt, dass ich früher zur Arbeit gegangen war und er ruhig das Auto nehmen konnte. Falls er mein Fehlen überhaupt bemerken würde. Morgens lief er komplett auf Autopilot (und vergaß öfter mal, ihn im Laufe des Tages wieder auszuschalten).

Die klare Morgenluft beruhigte mich nicht in dem Maße, in dem ich es mir erhofft hatte. Die Sonne war schon aufgegangen, die ersten Vögel zwitscherten. Die Stadt schlief noch.
Ich schritt durch unser ruhiges Viertel, in dem sich noch nichts rührte bis auf ein paar Rollläden, die hochschlugen. Erst in einer guten Stunde würden die Autos Kolonne fahren zum Glasbau.

Ich sah ihn schon von hier. Die hohen Türme ragten bis in den Himmel und funkelten im Licht der Sonne. Auf dem höchsten Turm prangte das Wappen von Panem et Circenses, ein Füllhorn, aus dem ein Laib Brot und der Kopf eines Spielzeugsoldaten ragten.

Es war schon irgendwie lächerlich. Jedes Mal, wenn ich mir das Wappen ansah, fragte ich mich, wie dekadent man sein musste, um auf solch eine Idee zu kommen.
Aber dann erinnerte ich mich daran, dass dekadent schon gar kein Ausdruck mehr war…

Ich nahm den Weg durch die Innenstadt. Hier war es sofort lauter. Auf den ersten Straßen begann es sich zu stauen. Die Parkplätze in den versteckten Seitengassen waren bereits überfüllt. Die Hochhäuser versperrten mir die Sicht auf alles – bis auf den Glasbau. Der thronte immer noch über allem.

Ich wollte mich bewusst von ihm fernhalten. Von dem ganzen Gebäude. Alles würde sich dort tummeln. Und ich hasste Trubel.
Die Innenstadt ließ ich hinter mir und bog in eine ruhigere Straße ein. Da war sie auch schon, meine Bäckerei, eine von fünf Filialen allein hier in der Stadt. Das Licht war bereits an, die Tür jedoch noch zugeschlossen. Wer auch immer noch früher als ich dort war, hatte den Weg durch das Tunnelsystem unter dem Glasbau gewählt.

Ich drehte den Schlüssel im Schloss herum und betrat die Bäckerei. Der Sensor an der Tür piepte. Zeitgleich kribbelte es in meinem Arm. Ein Schwall heißer Luft kam mir entgegen. Der Ofen war also auch schon in Betrieb.
„Morgen“, rief ich, doch bekam keine Antwort.

Ich zog mir den weißen Kittel, Schürze und ein Haarnetz über und betrat den Kühlraum, in dem die hergestellten Teigwaren aus Sektor 9 lagerten. Wir mussten sie quasi nur noch aufbacken und verkaufen.
Das hatte mit einer klassischen Bäckerei nicht mehr viel zu tun, aber Panem war ein weltweites Massenprodukt, das sich eine Achtlosigkeit wie diese leisten konnte.

Im Ofen dauerte es ungefähr eine viertel Stunde, bis die Brötchen, Brote und Süßwaren wohltemperiert waren. Dann merkte man den Unterschied zu frischgebackenen Produkten kaum noch – jedenfalls äußerlich.
Ich lud die erste Fuhre hinein, stellte die Bleche für die Theke bereit und freute mich, meine Lieblingsaufgabe (das Verzieren der Torten) allein erledigen zu können. Sonst schaute Danny mir dabei über die Schulter und murmelte, dass die Dekoration keinen Oscar gewinnen müsse. Aber ich strengte mich eben gern an.

Der frühe Morgen in der Bäckerei war nahezu das Schönste, was man sich vorstellen konnte. Alles war noch ruhig, kaum Betrieb auf der Seitengasse. Und der allmähliche Duft von frisch gebackenem Brot erfüllte zum ersten Mal die Luft.
Das liebte ich mehr als alles andere.
Danach war die Arbeit nur noch mühsam. Die Leute fielen in die Bäckerei ein, die Mitarbeiter waren grumpig (gerade in Zeiten wie diesen) und über allem herrschte der Zeitdruck der Großstadt.

p&c war in jeder größeren Stadt des Landes vertreten. Es gab unzählige Zentralen wie diese, die den einzelnen Filialen übergestellt waren. Und natürlich den Hauptsitz im Kapitol.

Ich hatte von Filialen auf dem Land gehört, von denen aus man zwei Stunden mit dem Auto brauchte, um überhaupt eine Zentrale zu Gesicht zu bekommen.
Stand man dort nicht unter dem unerbittlichen Druck? So stellte ich es mir vor. Ich wollte Abstand nehmen von dem ewig funkelnden Glasbau, der selbst durch Jalousien und Vorhänge in mein Zimmer schien.
Oder war es auf dem Land noch schlimmer als hier? Gab es dort noch mehr Aufseher, die ihre Argusaugen auf die kleinen Arbeiter richteten?

„Bist früh hier, Danny“, lallte eine Stimme aus dem Mitarbeiterraum.

Ich zuckte zusammen und wandte mich um.
Mr. Abernathy torkelte durch den Türrahmen und stützte sich an der Theke ab. Er sah aus, als hätte er die Nacht kopfüber in einem Whiskeyglas verbracht.

„Peeta“, korrigierte ich ihn und nahm höflicherweise das Haarnetz ab.

Er verzog das Gesicht und winkte meinen Einwand ab. „Mellark bleibt Mellark. Ihr seht für mich alle gleich aus.“

Wieder protestierte ich insgeheim. Danny war zwei Köpfe größer als ich und hatte braunes, gelocktes Haar. Die blauen Augen waren die gleichen, das gab ich zu. Aber vom Charakter her unterschieden wir uns wie Tag und Nacht.
Nicht dass Mr. Abernathy das großartig auffallen würde. Für ihn waren wir wirklich alle gleich. Er hatte mehr gesehen als jeder andere Arbeiter aus Sektor 12. Und weil er das gesehen hatte, musste er trinken. Viel trinken.

„Im Glasbau ist einiges los seit gestern“, begann ich den Themenwechsel vorsichtig.

„Er ist zum Glaspalast mutiert, fürchte ich“, zischte Mr. Abernathy und öffnete die losen Knöpfe seines Sakkos, während er sich in eine Sitzecke, die eigentlich für Gäste gedacht war, fläzte. „Coin schwingt jetzt das Zepter. Und wenn sie könnte, würde sie sich aus ihrem eiskalten Herz noch eine Krone dazu meißeln.“

„Sie ist dieses Jahr früh dran, oder?“ Mein Herz schlug schneller. Ich stützte mich ein wenig an der Verkaufstheke ab. „Sie ist doch wegen der Hungerlohnspiele hier, oder nicht?“

Mr. Abernathy musterte mich unverhohlen. Seine grauen Augen blitzten schelmisch auf. Dann kicherte er. „Natürlich, sie spielt Rattenfänger fürs Kapitol. Und nebenbei hinterlässt sie eine Spur der Verwüstung in den Akten. Allein gestern hat sie schon vier Leute gefeuert, die ihr im Weg standen.“

Ich konnte meinen Puls bis in die Daumenspitzen spüren. Betont lässig überkreuzte ich die Beine, um meine Knie davon abzuhalten, schlotternd gegeneinander zu schlagen.

Wovor genau fürchtete ich mich so sehr?
Ausgelost zu werden? Die Chance bestand jedes Jahr. Alle Mitarbeiter, die ihre Ausbildung beendet hatten und unter 30 Jahre alt waren, wurden in die Lostrommel für ihren Sektor geworfen. Zwei Tribute aus jedem Sektor: Einer aus Panem. Ein weiterer aus Circenses. Das machte dann eine Gewinnchance von 1 zu 24 – jedenfalls auf dem Papier. In Wirklichkeit war sie noch geringer.

Oder fürchtete ich mich nur vor Coin und ihrer willkürlichen Entlassungswut?
Sicherlich wusste sie es… Sie wusste alles hier. Überall hingen Kameras und ich hatte leider kein großes Geheimnis daraus gemacht.
Es hätte mir klar sein sollen, dass solch eine Tat bei p&c nicht ungeschoren bleiben würde…

Mr. Abernathys kehliges Lachen ließ mich erneut aufschrecken. „Dir geht der Arsch aber ganz gehörig auf Grundeis, nicht wahr, Mellark?“

Ich rannte zum piependen Backofen und den darin kross gebackenen Broten.
Sie haben ja gar keine Vorstellung.



……..



Ich konnte mein Mittagessen nicht anrühren. Lustlos pulte ich mit der Gabel die Fleischfüllung aus den Tortellini und ließ sie in der fettigen Soße ersaufen.

„Delly sieht zu dir rüber“, schmatzte Danny und grinste mich mit vollem Mund an. „Schon das dritte Mal. Geh zu ihr und mach das Date klar.“

Ich ließ die Gabel fallen und drehte mich von Danny weg. „Lass das“, zischte ich. Lupo, Fabius und der Neue, die vorher leise ein eigenes Gespräch geführt hatten, sahen mich verblüfft an. Ich gab nicht oft Kontra. Das verwirrte sie wohl.

„Was ist dir über die Leber gelaufen, Peet?“, fragte Lupo, der in der Bäckerei in einem sozial schwachen Viertel arbeiten musste. Er kam selbst aus der Gegend und beschwerte sich deshalb nicht allzu oft über sein raues Arbeitsklima. Alle hatten ihn gern, größtenteils weil sie befürchteten, ohne ihn selbst dort schuften zu müssen.

„Ja, wirklich“, stimmte Fabius zu. „Sie ist nett. Und sie sieht wirklich oft hier herüber.“

Ich seufzte und riskierte selbst einen Blick.
Delly saß am Tisch mit ein paar jungen Frauen. Madge Undersee, die Tochter des Senators von 12, und ein paar andere, deren Gesichter ich nur flüchtig von den Ernten kannte.
Sie redeten normal miteinander und beachteten unseren Tisch überhaupt nicht.

„Sie steht auf dich“, höhnte Danny und formte ein Herz mit seinen Fingern. „Delly und Peeta in love.“

„Du bist doch nur neidisch, dass sie nichts von dir will.“ Fabius sah Danny herausfordernd an und richtete seine randlose Brille.
Er war der einzige aus Sektor 12  - mit Ausnahme von Danny, manchmal – dem ich wirklich vertraute. Und das auch nur, weil Fabius und mich ein tragisches Schicksal verband.
Er arbeitete in dem Game Store zwei Straßen weiter auf der Einkaufsmeile. Den ganzen Tag lang vertickte er mittelmäßige Spiele. Dabei war es sein größter Traum, selbst welche zu entwickeln. Darin war er sogar gar nicht so schlecht. Er hatte Undersee einmal einen Prototyp vorgeführt.

Aber die Sektoren wurden strikt getrennt. Hier in 12 produzierte man nicht, man entwickelte nicht, man forschte nicht… Man verkaufte. Nicht mehr und nicht weniger.

Das Verkaufen war nicht allzu schlecht, fand ich. Aber am liebsten hätte ich wie Fabius meine eigenen Kreationen unter die Leute gebracht. Nur hielt sich die Nachfrage an innovativen Bäckereifachverkäufern bei p&c in Grenzen… Hier konnte man bestenfalls unauffällig agieren.

„Die Auswahl an Frauen in Sektor 12 ist alles andere als rosig“, murmelte Danny und nippte an seiner Cola. „Entweder backende Mütterchen oder totale Nerds, die nur in den Stores rumhängen und den ganzen Tag kein Licht abbekommen.“

„Letztens hab ich beim Abstempeln eine aus 1 gesehen“, flüsterte Lupo. „Hammer Frau, rote Absätze, roter Lippenstift, rote Haare.“

„Du denkst, du kannst am Aussehen erkennen, aus welchem Sektor eine Frau kommt?“, bezweifelte Fabius.

„Ich hab es gesehen, man.“ Lupo tippte auf seinen Arm. „Der Bildschirm über dem Sensor.“

„Ich hoffe, du hast sie nicht angesprochen“, murmelte ich.
Lupo hatte ein größeres Herz als ihm guttat. Undersee hatte ihn schon mehrmals ermahnt, weil er sich Kippen von Arbeitern aus anderen Sektoren schnorrte oder Frauen aus fremden Sektoren anbaggerte.

„Nein danke, ich mag meinen Job.“ Lupo lachte. „Solange Coin hier ihr Unwesen treibt, behalte ich meine Augen und Hände bei mir. Ich hab diesen Sommer was Besseres vor als mir die Hungerlohnspiele von Nahem anzuschauen.“

Alle lachten. Ich schluckte und sah mich unwillkürlich um.
Die anderen hatten mich in die Kantine gezerrt, obwohl ich wirklich nicht gewollt hatte. Der Glasbau kam mir wie ein Mienenfeld vor.
Und das war er gewissermaßen auch.

Nachdem wir die Tabletts weggebracht hatten, setzten wir uns für den Rest der Mittagspause in die Lounge. Lupo und Danny spielten Flipper. Fabius erklärte dem Neuen, wie er in die Basketballmannschaft von Sektor 12 Panem aufgenommen werden konnte.

Und ich saß auf heißen Kohlen.

Die Zentrale war riesig. Man konnte den ganzen Tag hier verbringen, sogar hier schlafen. Die oberste Etage des Baus war nur für Mitarbeiter aus Sektor 12. Wir verbrachten die meisten Pausen hier, trafen uns privat nach der Arbeit oder für Meetings. Die Ebene war wie ein Einkaufszentrum, nur auf Spaß und Erholung ausgerichtet.
Und trotzdem fühlte ich mich eingesperrt. Gerade weil Freude hier ein Zwang zu sein schien. Selbst nach der Arbeit hingen wir hier herum anstatt nach Hause zu gehen… Bald würden wir unser ganzes Privatleben hier verbringen. Dann gab es also kein Privatleben mehr.
Und Coin würde mich 24 Stunden pro Tag überwachen.

Sie war mir noch nicht begegnet, zum Glück.
Lupo war gestern auf der Stelle in ihr Büro gerufen worden, zusammen mit Undersee und ein paar anderen Arbeitern aus Sektor 12, sowohl Panem als auch Circenses. Es war nur eine Bestandsaufnahme gewesen, nichts Ernstes.

Ich konnte mich trotzdem nicht entspannen. Meine Unruhe strahlte ungehindert nach außen. Fabius bedachte mich immer wieder mit flüchtigen Blicken.
Ich hatte es ihm erzählt, hatte mich nur ihm anvertrauen können.

Er hatte mich gegen die Wand geschubst und mich angeschrien. „Du Idiot, das kann dir mehr als nur den Job kosten!“, hatte er gebrüllt und sich immer wieder an den Kopf gefasst, so als könnte er nicht glauben, dass ich - und nicht Danny - so eine Dummheit angestellt hatte.

Doch im Endeffekt passte sie viel besser zu mir. Danny wäre niemals auf den Gedanken gekommen.

„Alles in Ordnung, Peet?“, fragte Fabius nun ernst. Ihm war klar, dass ich jeden Moment fürchtete, von Coin in die sieben Kreise der Hölle gestoßen zu werden.

„Klar.“

Er wartete, bis der Neue auf Toilette verschwunden war. „Du machst es nur noch schlimmer, indem du hier sitzt wie ein Lamm vor der Schlachtbank.“

„Hast Recht.“ Ich versuchte ein Lächeln. „Ich reiß mich zusammen.“

Er nickte.

Wir wussten beide, dass ich ein toter Mann war.
Review schreiben