Die Hungerlohnspiele

GeschichteHumor, Romanze / P12
Katniss Everdeen Peeta Mellark
14.05.2015
11.05.2016
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Diese Geschichte spielt in der nahen Zukunft und soll von den Problemen des "kleinen Mannes" berichten.
Denn vielleicht sind wir ja gar nicht so weit von den Hungerspielen entfernt wie man denken könnte ;)






Halt die Deadline ein, so ist’s fein

Hol die Ellenbogen raus, burn dich aus

24/7, 8 bis 8

Was geht ab, machste schlapp?

What the fuck!

Deickind, Bück dich hoch




„Mach doch mal die verdammte Musik aus“, murmelte ich und drückte dann einfach selbst auf den Knopf des Radios. „Manche Leute hier müssen wirklich arbeiten.“

Danny maulte laut auf. Die Stille hatte ihn aufgeschreckt. „Müssen wirklich arbeiten“, äffte er mich nach und zog eine Grimasse. Dann fiel sein Kopf wieder zurück auf die Tischplatte und der Rest seines Kommentars ging im Gemurmel unter.

Ich schüttelte den Kopf und widmete mich wieder der Liste mit verkauften Backwaren. „Wir müssen mehr Weißbrot anfordern, das verkauft sich besser als das elende Dinkelbrot, das sie uns immer wieder schicken.“
Jeden Abend ging ich die Listen mehrmals durch, damit auch ja kein Fehler weitergeleitet wurde.

Mein Bruder Danny nahm das Ganze nicht so ernst. Er prustete. „Was interessiert es uns, wie viel die in Sektor 9 für uns backen… Wir verkaufen das Zeug und basta.“
Seufzend streckte er sich und löste den Knoten seiner weißen Bäckerschürze. „Lass uns abhauen. Ich hab allein heute schon genug geschuftet für die ganze Woche.“

Ich sah auf die Wanduhr. Kurz nach 8.
„Nur noch kurz die Papiere fertig machen“, murmelte ich und setzte meine Unterschrift unter den Tagesbericht.

Wir waren mal wieder die letzten in der Bäckerei. Die meisten hatten schon vor einer Stunde Schluss gemacht. Mr. Abernathy, der Filialleiter, war gar nicht erst zur Arbeit erschienen – auch nicht gerade ungewöhnlich.

Selbst Danny wäre längst schon abgehauen, aber als mein Bruder hatte er keine andere Wahl als auf mich zu warten, denn ich hatte die Autoschlüssel – nicht dass er es weit bis nach Hause hätte, aber Danny benutzte seine Füße nur, um sie bei der Arbeit auf den Tisch zu legen.

„Wenn du nicht aufpasst, wirst du bald Juniorchef.“ Er kicherte. „Und Haymitch wird dich mit Lorbeeren überschütten. Falls er nochmal hier auftaucht.“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Pass auf, was du sagst“, mahnte ich ihn. „Zwei Wochen noch.“

Danny schwieg wirklich. Doch das Grinsen klebte auf seinen stoppeligen Wangen.

Ich packte die Papiere in den Safe und schloss die Vordertür der Bäckerei von innen ab. Danny protestierte laut hinter mir.
„Lass uns hinten raus gehen. Ich war diese Woche noch nicht abstempeln“, erklärte ich und hängte die Schürzen hinter der Theke auf.

Der Mitarbeiterraum der Bäckerei mündete in ein metallisches Tunnelsystem. Selbst ich, nicht gerade großgewachsen, musste mich bücken. Danny stieß hinter mir mehrmals mit dem Kopf an die Decke und fluchte ausladend.
Kalte Luft wurde von den Belüftungskästen in unsere Gesichter geblasen. Ich fröstelte und beeilte mich, endlich die Tür zur Zentrale zu erreichen. Es roch steril, so wie der Rest des riesigen Gebäudes, in das wir nun eintraten.

Panem et Circenses prangte über allem hier. Man konnte die Leuchtschrift des Zentralgebäudes sowohl von den überfüllten Einkaufsstraßen der Innenstadt als auch von den ruhigen Gärten der Vorstadt erkennen. p&c war ein Großkonzern wie er im Buche stand.
Nachts wurde der Glasbau – wie wir die Zentrale nannten - so beleuchtet, dass ich manchmal nicht schlafen konnte, weil ich dachte, die Arbeit würde mich bis in mein Bett, unter meine Decke hin verfolgen.
Und so weit hergeholt war das gar nicht…

Selbst um acht Uhr herrschte noch reger Betrieb im Foyer. Die meisten Arbeiter unterhielten sich noch vor Schluss, reichten die letzten Berichte ein oder ließen ihre Arbeitszeiten abstempeln.

„Na mach schon“, drängte mich Danny. „Ich will noch’n bisschen schlafen, bevor wir wieder hier antanzen.“

Ich hatte gar nicht bemerkt, dass ich vor dem Leuchtschild unseres Konzerns stehen geblieben war. Widerwillig folgte ich Danny durch das Gedränge an den Abstempelsensoren.

Panem et Circenses war der größte Arbeitgeber des Landes, seit Jahrzehnten. Mein Vater hatte schon hier gearbeitet, mein Großvater, und dessen Vater, und dessen Vater… Unzählige Generationen von Mellarks hatten sich hier den Hintern wund geschuftet.
Die meisten Familien der Stadt arbeiteten hier. Es war quasi ein Selbstläufer.

Der Konzern teilte sich in 12 Arbeitsbereiche ein, Sektoren genannt. Diese Sektoren wiederum arbeiteten entweder für Panem – den Backwarenbetrieb – oder für Circenses – Spielehersteller jeglicher Art.
Eine seltsame Kombi, wenn man mal darüber nachdachte. Aber wenn man so stinkend reich war wie Coriolanus Snow, der CEO des Konzerns, konnte man sich wohl alle Absurditäten erlauben.

„Ich hasse Abstempeln“, murmelte Danny und legte die Innenseite seines Unterarms zum Ablesen der Arbeitszeiten auf den Sensor vorm Ausgang. Seine Daten erschienen auf dem Monitor. Danny Mellark, 22 Jahre, Sektor 12 - Vertrieb, Panem, Bäckereifachverkäufer. Diese Woche gearbeitet: 60 Stunden.
„Die Schweine haben schon wieder abgerundet“, beschwerte er sich und zog den Arm zurück.

Nun war ich an der Reihe.
Obwohl wir dieses Ritual mindestens einmal in der Woche über uns ergehen lassen mussten, konnte ich mich nicht an das Gefühl der Sensoren gewöhnen. Die Fläche unter meinem Arm war kalt. Der Strahl, der die Daten aus meinem Fleisch zu lesen schien, eisig.
Peeta Mellark, 20 Jahre, Sektor 12 - Vertrieb, Panem, Bäckereifachverkäufer. Diese Woche gearbeitet: 60 Stunden.

Die digitale Musik erklang und ich zog meinen Arm schnell aus dem Sensor. Zu oft schon war ich schweißgebadet aufgewacht, weil das Teil mir im Traum die Hand abgehakt hatte.

„Irgendwie sind alle im Moment so angespannt.“ Danny hievte sich seine Tasche über die Schulter. „Also, noch angespannter als sonst, meine ich.“

„Na wieso wohl.“ Ich kramte in meiner Hosentasche nach dem Autoschlüssel. Der Mitarbeiterparkplatz hinter dem riesigen Glasbau der Zentrale war noch immer voll. Wir bahnten uns einen Weg durch die kreuz und quer parkenden Schrottkarren, bis wir schließlich am dreckig grünen, alten Ford unserer Eltern ankamen.

„Es sind noch zwei Wochen bis zu den Hungerlohnspielen.“ Danny schlug die Beifahrertür auf. „Also immer locker bleiben.“ Der Wagen stöhnte auf und sackte ein ganzes Stück ab, als Danny auf den Sitz donnerte.

Ich schwang mich etwas vorsichtiger hinters Lenkrad und startete den Motor.
Dass Danny so locker damit umgehen konnte, wunderte mich nicht mehr. Er machte sich um kaum etwas Gedanken. Anders als ich. Besonders, wenn es um die Hungerlohnspiele ging.

Bei allen Absurditäten und Armutszeugnissen, über die man nur in dunklen Räumen hinter vorgehaltener Hand sprechen durfte, waren die „Hungerlohnspiele“ – wie wir Arbeiter sie nannten – so das Schlimmste, was einem in der Karriere bei p&c passieren konnte.

Einmal im Jahr veranstalteten Snow und seine stinkreichen Vizechef-Freunde im Kapitol, dem Hauptsitz des Großkonzerns, ein riesiges Spektakel.
Aus jedem Sektor wurde jeweils ein Arbeiter aus Panem und einer aus Circenses ausgewählt, um an einem Wettstreit der Sektoren teilzunehmen. Dieser bestand aus menschenunwürdigen, geschmacklosen Wettbewerbsspielen, eines lächerlicher als das andere. Und am Ende wurde dann ein Sieger gekürt, der zum Dank seinen Job behalten durfte. Außerdem erhielt sein ganzer Sektor eine Gehaltserhöhung für das Siegesjahr.

Die anderen Teilnehmer… kamen nicht ganz so ungeschoren davon. Aber darüber schwieg man hier großzügig.

Ich hatte Snow noch nie live gesehen. Er besuchte jede Zentrale des Landes einmal im Jahr. Aber selbst wenn er sich im Glasbau aufhielt, redete er nur mit den Leuten aus Sektor 1, 2 und 4. Die kleinen Leute im Vertrieb aus Sektor 12 interessierten ihn nicht. Ich sah ihn nur in den Übertragungen, die manchmal liefen. Und eben bei den Festlichkeiten im Kapitol.
Dann wirkte er immer ganz ausgelassen, wie ein freundlicher Großvater, zu dem man aufsehen konnte.
Die Hungerlohnspiele waren nicht auf seinem Mist gewachsen, aber er genoss sie dafür in vollen Zügen. Nur ein Bruchteil von dem, was wirklich im Kapitol zu den Spielen abging, erreichte den Glasbau.

Wie es in den anderen Zentralen gehandhabt wurde, wusste ich nicht. Wie viel man in den anderen Sektoren redete, ebenfalls nicht.
Man versuchte, jegliche Verbindungen der Sektoren untereinander zu unterbinden, auch wenn man sich täglich in den Fluren oder im Foyer des Glasbaus begegnete. Man ignorierte einander, sah vorbei, tat, als würden die anderen Sektoren nicht existieren.

Das einzige, was man in der Ausbildung über die anderen Sektoren lernte, waren die Aufgabenbereiche.
Sektor 1 – Öffentlichkeitsarbeit und Marketing. Sektor 2 – Arbeitssicherung. Sektor 4 – Rechtsabteilung. Das waren die, die meistens die Spiele gewannen. Günstlinge des Kapitols.
Sektor 12 – Vertrieb – war der unbeliebteste Sektor. Wurde man hier für die Hungerlohnspiele ausgelost, verabschiedeten sich die Leute schon im Voraus.

„Was soll das da vorne?“ Danny rüttelte mich unerwartet aus meinen Gedanken.

Ich trat auf die Bremse, gerade noch rechtzeitig. Vor der Ausfahrt hatte sich eine Kolonne von schwarzen Jeeps gebildet, die eine weiße Limousine belagerten. Aus den Jeeps stiegen Sektor-2-Arbeiter in ihren weißen Uniformen mit dem goldenen Abzeichen von Panem et Circenses.
Sie waren Sicherheitstechniker, auch bekannt als Aufseher, denn sie arbeiteten weniger für unsere Sicherheit als für die Berichterstattung ins Kapitol. Man konnte sich sicher sein, dass sie nie Gutes im Schilde führten.

„Sind die nicht ein bisschen früh für die Hungerlohnspiele?“ Danny kurbelte das Fenster herunter und streckte den Kopf aus dem Wagen.
Für die Erntelosungen fielen immer massenweise Aufseher in die Zentralen ein. Aber Danny hatte Recht, sie waren zu früh.

„Oh, das gefällt mir gar nicht“, murmelte er und zog den Kopf wieder ein. „Nein, nein, gar nicht.“

Aus der Limousine stieg eine Frau Mitte fünfzig, mit aschgrauen Haaren und gigantischer, schwarzer Sonnenbrille. Ihr grauer Hosenanzug konnte nicht verbergen, dass sie nur aus Haut und Knochen bestand.
Sie redete mit den Aufsehern und betrachtete dann den Glasbau.

„Das ist Alma Coin“, sprach Danny das Offensichtliche aus. „Was will der alte Drachen hier?“

Als Personalchefin war Coin für Entlassungen und Personalmarginalisierung aller Art zuständig. Außerdem traf sie die inoffizielle Auswahl der Tribute für die Hungerlohnspiele (es war ein offenes Geheimnis, dass das Kapitol gerne unliebsame Arbeiter in die Spiele schickte). Und auch sonst brachte sie nie gute Nachrichten.

„Was will die hier?“, wiederholte Danny, diesmal mit einem nervösen Krächzen.

Ich schluckte. So ganz klar war mir das auch nicht, aber ich hatte da eine böse Vorahnung.





Hier nun das eher kurze erste Kapitel. Kleine Anmerkung: Dass Panem et Circenses mit Kleinbuchstaben abgekürzt wird, statt wie sonst mit Großbuchstaben, hat eigentlich keine tiefere Bedeutung, sondern soll nur Verwechslungen mit dem Bekleidungsgeschäft vermeiden ;)
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