Abriachan I - Am Scheideweg

von Dahkur
GeschichteAllgemein / P16
Ezri Dax Julian Bashir Kira Nerys
14.05.2015
20.06.2015
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16.05.2015 4.517
 
„Störe ich?“ Mondal blieb zögernd an der Tür zum Behandlungsraum stehen.

Die Soldaten unterbrachen ihr Gespräch und wandten sich überrascht zu dem Neuankömmling um. Admair, dessen Körper von einer Regenerationseinheit bedeckt war, erhob sich auf die Ellenbogen, was sofort eine medizinische Angestellte auf den Plan rief.

„Sie können Besuch haben, solange Sie sich ruhig verhalten. Wenn Sie anfangen herumzuturnen, sind die anderen draußen, verstanden?“

Die Soldaten sahen die Bajoranerin überrascht an, Admair nickte jedoch nur und ließ sich wieder auf das Kissen zurücksinken. Der Arzt hatte ihm eine Nacht unter Beobachtung verordnet. Seine Fleischwunden waren stellenweise sehr tief gewesen, die Oberfläche war zwar verheilt, aber die darunter liegenden Schichten brauchten noch einige Zeit, um sich zu erholen. Er hatte die Prozedur des Arztes mit schweigendem Staunen verfolgt. Es war offensichtlich, dass sein Volk keine Technologie besaß, die so weit fortgeschritten war.

Chailleach konnte seinen Arm nach der Behandlung sofort wieder verwenden. Einzig der zerrissene, blutverkrustete Ärmel des Mantels deutete bei dem jungen Mann noch auf den Kampf hin.

Elgin, welcher der Tür am nächsten stand, winkte den Fähnrich heran. „Kommen Sie näher. Ich denke, der Kommandant möchte mit Ihnen sprechen.“ Er sah zu Admair hinunter, der lächelnd nickte.

Mondal trat neben das Krankenbett, immer noch mit dem Gefühl von Respekt, den er den dunklen Soldaten gegenüber empfand. Es faszinierte ihn, dass sie ihn scheinbar so offen annahmen, er musste auf diese Männer doch lediglich wie ein verschüchterter, uninteressanter Junge wirken.

Ein wenig nervös strich er sich eine Strähne aus dem Gesicht. Sein dunkles Haar hatte er bisher auch mit einer disziplinierten Sternenflottenfrisur nicht bändigen können. „Ich wollte nur sehen, wie es Ihnen geht. Da draußen auf der Promenade sahen Ihre Wunden ziemlich schlimm aus.“

Admair streckte seine Hand aus und ergriff den Unterarm des Fähnrichs. „Ich habe es Ihnen zu verdanken, dass sie nicht noch schlimmer ausgefallen sind.“ Auf den verwunderten Blick des anderen hin erklärte er: „Wie haben Sie gewusst, dass er hinter mir stand, als Sie mich gewarnt haben?“

Jetzt verstand Mondal. Er hatte auf der Promenade ohne nachzudenken reagiert. „Ich bin Betazoid.“ Für den Augenblick vergaß er, dass diese Erklärung für die anderen keine war, doch ihre Blicke erinnerten ihn wieder an den Umstand, dass sie die Rassen des Alpha-Quadranten nicht kannten. „Ich bin empathisch und telepathisch ... normalerweise verwende ich diese Fähigkeiten jedoch nicht“, fügte er rasch hinzu, bevor bei den anderen der Verdacht aufkommen konnte, dass er eine Art Spion war. „Wir folgen einem Ehrenkodex, wenn wir uns außerhalb meines Planeten aufhalten. Wir lernen schon sehr früh, alle äußeren Eindrücke abzublocken. Doch vorhin war ich zu verwirrt von dem, was geschah, und habe die Blockade fallen lassen.“

Der Kommandant lächelte immer noch, anscheinend bereitete ihm Mondals Geständnis keine Sorgen. „Ein Glück für mich. Danke.“

Der Fähnrich sah ihn froh an, das Lob tat ihm gut.

„Ist der Frau mit dem Jungen auch nichts passiert?“, erinnerte sich Admair plötzlich. Sein Gesicht nahm wieder diesen leicht melancholischen Ausdruck an, den Mondal auf der Promenade schon bemerkt hatte. Der harte Mann wirkte ungewohnt verletzlich, so dass der Fähnrich sich beeilte zu versichern: „Außer einem Schrecken fehlt den beiden nichts. Ich war bei ihnen, während Sie gekämpft haben.“

Die Züge des Mannes entspannten sich wieder. „Das ist gut ...“

Die medizinische Assistentin trat an die Gruppe heran. „Es tut mir leid, wenn ich Sie unterbrechen muss, aber Mr. Admair sollte jetzt schlafen, damit die Behandlung über Nacht ihre Wirkung entfalten kann. Ich bitte Sie alle, jetzt zu gehen.“

Der Fähnrich nickte und zog sich mit einem Wort des Abschieds zurück, in der Tür blieb er jedoch stehen, als er sah, dass die beiden Soldaten keine Anstalten machten, ihn zu begleiten.

„Meine Herren, ich bitte Sie“, bemerkte die Bajoranerin mit Nachdruck.

Elgin neigte leicht seinen Kopf. „Bitte verzeihen Sie, wenn wir Ihnen Unannehmlichkeiten bereiten, doch wir können den Kommandanten nicht alleine lassen, solange er verletzt ist.“

„Nun, für diese Nacht werden Sie sich daran gewöhnen müssen. Wir passen auf, dass ihm nichts geschieht“, fügte sie einlenkend hinzu.

Mondal beobachtete überrascht, wie Chailleach sich vom Rand des Krankenbettes erhob, auf dem er die gesamte Zeit über gesessen hatte. Der Fähnrich erwartete, dass der junge Mann sich auf ein Wortgefecht mit der Assistentin einlassen wollte, doch stattdessen trat er vor sie, legte ihr seine Hände auf die Schulter und blickte sie direkt an. Der Ausdruck in seinem Gesicht erinnerte Mondal frappierend an Jossel, das hundeähnliche Haustier seiner Kindheit auf Betazed. Wenn das kleine Geschöpf etwas unbedingt haben wollte, dann konnte es ihn stundenlang mit diesem Blick anstarren, bis man sich so schlecht fühlte, dass man freiwillig nachgab.

Chailleach war in seiner normalen, ein wenig verschlossenen Art schon ein ausgesprochen attraktiver Anblick mit dem feingeschnittenen Gesicht, seinem hellen Haar und den dunklen Augen, doch jetzt wirkte er fast unwiderstehlich. Sogar Mondal fiel es schwer, den Blick abzuwenden.

„Ich flehe Sie an, lassen Sie uns bei ihm bleiben. Keiner von uns wird andernfalls schlafen können. Wir werden uns an die Wand zurückziehen und niemandem im Weg sein. Das verspreche ich Ihnen.“

Die Bajoranerin wirkte ein wenig verwirrt aufgrund dieses Vorstoßes. Doch sie konnte, oder wollte, ihre Augen nicht abwenden und verfing sich hoffnungslos in dem bittenden Blick.

„Aber ich will keinen Ton hören“, bemühte sie sich, nicht die Oberhand in der Situation zu verlieren.

„Keinen Ton“, versicherte er ihr ernst.

„Also, gut.“ Sie seufzte. Chailleach ließ seine Hände sinken.

Sie deutete zu den beiden Wänden in der Nähe des Krankenbetts. „Sie können sich Stühle dort drüben hinstellen.“

Der junge Soldat verneigte sich vor ihr. „Ich danke Ihnen. Wir werden uns auf den Boden setzen und nicht weiter auffallen.“

Er wartete, bis sie sich abgewandt hatte, dann sah er zu den beiden anderen Männern hinüber. Er grinste frech und siegessicher. Die beiden Männer grinsten zurück, es schien, dass sie dieses Spiel nicht zum ersten Mal gespielt hatten. Elgin ging zu der Stelle hinüber, an welcher Admairs Schwert lehnte, ließ sich dort auf den Boden sinken und legte sich die Waffe über den Schoß. Seine Hand ruhte auf dem Griff, jederzeit einsatzbereit. Chailleach nahmen ihm gegenüber Platz.

Mondal wollte sich eben abwenden und sich endlich im Sicherheitsbüro melden, als sich Chailleach zu ihm umdrehte. Er hob die Hand zum Gruß, das Grinsen lag immer noch auf seinen Zügen. Es war kein Ausdruck, der den Fähnrich als Außenstehenden bei einem kleinen Komplott zurückließ, sondern ihn mit einschloss.

Unwillkürlich grinste der Betazoide zurück. Mit einem Winken und einem warmen Gefühl im Bauch machte er sich auf den Weg zur Promenade.



* * *




Am nächsten Morgen war es Colonel Kira, welche gemeinsam mit Commander Benteen als erste die Krankenstation betrat. Der diensthabende medizinische Assistent des ausgehenden Nachtdienstes nickte ihr zu und öffnete auf ihre Bitte die Tür zum Behandlungsraum. Auf beiden Seiten des Raums hoben sich bei dem leisen Zischen der Verriegelung die Köpfe der Männer. Beide waren augenblicklich auf den Beinen, entspannten sich aber, als sie sahen, wer den Raum betrat.

Kira blickte sich überrascht um, als sie realisierte, dass Chailleach und Elgin die Nacht anscheinend an der Wand kauernd verbracht hatten.

„Ist mit unseren Quartieren irgendwas nicht in Ordnung?“

Beide Männer sahen zu Kiras Begleiterin hinüber. Die dunkelhaarige Terranerin musterte sie mit einer leicht spöttischen Miene.

„Mein erster Offizier, Commander Benteen“, stellte Colonel Kira die Frau vor.

Beide Männer nahmen Haltung an und neigten ihre Köpfe. „Ich bin mir sicher, dass die Quartiere ausgezeichnet sind, Commander“, bemerkte Elgin, als er den  Blick wieder hob. „Doch unser Platz ist bei unserem Kommandanten, wenn er verletzt ist. Ich bin sicher, Sie verstehen das.“

Benteen warf ihrer eigenen Befehlshaberin einen Blick zu, der aussagte, dass dies nicht unbedingt der Fall war. „Dann kann ich nur hoffen, Sie hatten eine angenehme Nacht hier auf dem Boden.“

Der medizinische Assistent war an ihnen vorbeigegangen und las nun die Werte auf dem Display des Regenerators ab, der sich immer noch über Admairs Körper spannte. Er nickte zufrieden. „Das sieht schon wieder ganz wunderbar aus. Ihr Körper ist sehr gut mit den Verletzungen zurecht gekommen. Ich denke, wir können es jetzt abnehmen.“

Er schwenkte das Instrument zur Seite.

„Das heißt, ich darf mich wieder bewegen?“ Admair richtete sich auf, sichtlich erleichtert darüber, der Untätigkeit zu entkommen.

Benteen und Kira tauschten Blicke beim Anblick seines bloßen Oberkörpers aus. Der Kommandant hielt seinen Körper ganz offensichtlich in ausgezeichneter Form. Benteen schnitt eine anerkennende Grimasse, die Kira mit einem Grinsen erwiderte.

„Ihr besitzt eine faszinierende Fähigkeit als Heiler“, bemerkte der Soldat anerkennend. „Ich habe mir sagen lassen, dass meine Wunden keine Kleinigkeit gewesen waren. Und doch fühle ich mich schon heute wieder als würde mir nichts fehlen.“ Er strich sich über die linke Körperseite, welche die schwersten Schwertstreiche abbekommen hatte, und auf deren Haut nun nicht einmal mehr eine Narbe zu erkennen war. „Ich danke Euch.“

Kira nickte. „Der Dank gebührt unserem Arzt, Dr. Bashir, der sich gewiss bald hier einfinden wird. Er ist ein Genie auf seinem Gebiet.“

„Ja, ich hatte gestern das Vergnügen, ein paar Worte mit ihm zu wechseln. Ein sehr angenehmer Mann.“

Chailleach trat an die Diagnoseliege heran, legte Admair eine Hand auf die Schulter, wie um ihn in der Welt der Beweglichen willkommen zu heißen, und reichte ihm das Hemd. Admair bedeckt die Finger des jungen Mannes mit seiner eigenen Hand und lächelte ihn an. Dann betrachtete er das Kleidungsstück. Es war an etlichen Stellen zerrissen und zeigte getrocknete Blutspuren, die den glänzenden schwarzen Stoff matt erscheinen ließen.

Chailleach folgte seinem zweifelnden Blick und nahm ihm dann das Hemd wieder mit einem Grinsen ab. „Ich werde dir ein Neues holen.“

„Ich denke, das wäre in der Tat eine gute Idee.“

Der junge Mann nickte, ließ seine Hand noch einmal über den Hals des Kommandanten streichen und verließ dann die Krankenstation.

Kira sah ihm kurzzeitig nach, verwundert über die offene Vertraulichkeit gegenüber seinem Vorgesetzten.

„Ist er Ihr Sohn?“, hörte sie Benteen fragen und wandte sich wieder um.

Admair lächelte mit einem Anflug von Traurigkeit. „Nein, leider nicht. Aber ich bin wahrscheinlich so stolz auf ihn, wie ich es auf einen Sohn wäre. Er ist sehr loyal und ein extrem guter Schwertkämpfer.“

Kira nickte. „Ich habe ihn auf der Promenade kämpfen gesehen.“

„Was ist denn das für ein Auflauf hier auf meiner Station?“, war hinter ihnen nun die Stimme Bashirs zu vernehmen. „Der lockeren Atmosphäre entnehme ich, dass unser Patient die Nacht überlebt hat.“

Grinsend schob sich der terranische Arzt an den beiden anderen Offizieren vorbei. „Guten Morgen, Colonel, Commander.“

„Guten Morgen, Julian. Ich habe mir die Freiheit genommen, unseren Gast als geheilt zu erklären“, neckte Kira ihn.

„Das werden wir doch gleich sehen.“ Mit gespielt empörtem Gesichtsausdruck wandte sich der Arzt dem Terminal zu, auf welchem noch die Beobachtungswerte Admairs aufgerufen waren. „Lasst den Fachmann ran.“

Er überflog die Datenkolonnen und nickte zufrieden, dann griff er nach einem Hand-Scanner und untersuchte Admair noch einmal.

Kira und Benteen traten ein paar Schritte zurück, um dem Arzt Raum zu geben. Sie beobachteten, wie er auch hier wieder bestätigend nickte und dem Kommandanten erklärte, dass er sich noch ein wenig schonen sollte, sonst aber das Bett verlassen könne. Admair dankte ihm mit ähnlichen Worten, die er zuvor auch an Kira gerichtet hatte, dann hob er die Arme hinter den Kopf, um die Spange um seinen Zopf zu richten, der über Nacht verlegen war.

Benteen zischte leise durch die Zähne. „Es müsste Gesetze dafür geben, dass jemand wie er nur mit Hemd herumlaufen darf.“

Kira sah sie verwundert an. Das Gesicht ihres ersten Offiziers wirkte ernst wie immer, doch in den Mundwinkeln war ein verräterisches Zucken zu erkennen.

Mit demselben Pokerface gab die Kommandantin zurück: „Ich dachte immer, Sie interessieren sich nicht so sehr für Männer.“

Benteen bedachte sie mit einem Blick unter hochgezogenen Augenbrauen. „Wer hat denn das behauptet? Es gibt ein paar Männer - wenige allerdings - die auch ich interessant finde.“

„Ah ja.“

„Admair hat diesen Effekt auf andere.“

Beide Frauen wirbelten herum, um sich Elgin gegenüber wiederzufinden. Der dunkelhaarige Mann war ebenfalls aus dem Betätigungsfeld des Arztes getreten. Er wirkte nicht so, als wollte er sich über die Frauen lustig machen. Die Bemerkung war als neutrale Tatsache hervorgebracht worden.

„Sie meinen, er macht das mit Absicht?“, wollte Benteen wissen, die nicht vorhatte, sich anmerken zu lassen, dass er sie überrascht hatte.

Elgin schüttelte den Kopf. „Nein, überhaupt nicht. Doch leider fühlt sich jeder, der ihn sieht, zu ihm hingezogen.“

Kira wollte nachhaken, was er mit dieser Bemerkung gemeint hatte, doch sie wurden von Chailleach unterbrochen, der mit einem frischen Hemd zurück kam. Elgin ging mit ihm zu Admair zurück, bevor die Bajoranerin ihn weiter hätte fragen können.

Als Admair sich angezogen hatte, trat er vor die beiden Frauen. Er deutete eine Verneigung an. „Ich bin mir sicher, dass Ihr mich nicht nur besucht habt, um zu sehen, wie es mir geht, dazu sind Eure anderen Aufgaben zu wichtig. Womit kann ich Euch dienen?“

Erneut sahen Kira und Benteen sich an.

„Sie haben recht.“ Colonel Kira lächelte. „Auch wenn es uns natürlich immer ein Anliegen ist, dass es Besuchern unserer Station gut geht. Wir wollten Sie fragen, ob Sie mit uns frühstücken könnten. Wie Sie sicherlich verstehen werden, gibt es nach dem gestrigen Abend noch einiges, was ich gerne mit Ihnen besprechen würde. Wenn Sie jedoch zuerst in Ihr Quartier gehen möchten, um sich frisch zu machen ...?“

„Wenn unsere Gegenwart ohne eine Dusche Euer Frühstück nicht verdirbt, werden wir gerne jetzt mit Euch sprechen.“ Seine Augen zwinkerten charmant, und Kira ahnte, was Elgin vorhin gemeint hatte. Admair war groß und kräftig, er trug ein scharfes Schwert auf dem Rücken und sie hatte gesehen, dass er damit ausgezeichnet umgehen konnte, darüber hinaus war sie sich keineswegs sicher über die Beweggründe, die ihn auf die Station gebracht hatten – und dennoch fühlte sie sich nicht einen Augenblick von ihm bedroht. Sie würde mit ihm einen dunklen, abgelegenen Sektor der Station entlang laufen und sich dabei sicher sein, dass er keine Gefahr war. Nicht, weil sie sich auf ihr eigenes kämpferisches Geschick verließ, sondern weil sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wusste, dass er ihr nichts tun würde. Sie las Respekt in seinen Augen und sie glaubte ihm.

„Dann bitte ich Sie, sich uns anzuschließen.“

Admair winkte den beiden Soldaten zu, ihnen zu folgen, dann ließen sich die drei Männer den Weg zum Besprechungsraum zeigen.

Dort war schon ein reichhaltiges Frühstücksbuffet aufgebaut worden, und die Soldaten schafften es erneut, die Stationsoffizierinnen zu verblüffen. Admair blieb neben dem ihm zugewiesenen Stuhl stehen, während Chailleach und Elgin die Stühle der beiden Frauen zurechtrückten. Erst als diese sich gesetzt hatten, ließ sich auch der Kommandant nieder, als letztes die beiden Soldaten.

Kira bedeutete mit der Hand, dass sie sich bedienen sollten. „Eines muss ich Ihnen wirklich lassen, Sie haben ausgezeichnete Umgangsformen“, bemerkte sie, während sie sich eine Tasse Raktajino einschenkte. „Ich hoffe, wir erscheinen Ihnen nicht als unhöflich. Doch bei vielen Rassen, die diese Station bevölkern, existieren keine geschlechterspezifischen Verhaltensnormen oder, wenn sie bestanden haben, sind sie vor Jahrhunderten abgeschafft worden.“

Admair nickte. Er sah sich interessiert in dem Angebot auf dem Tisch um. „Das haben wir in unserer relativ kurzen Zeit der Weltraumerforschung schon bemerkt, dass wir andere Rassen niemals mit den Maßstäben messen dürfen, mit denen wir uns selbst messen.“ Er hob seinen Blick von der Frühstücksauswahl. „Jedoch versuchen wir unsere sozialen Strukturen auch auf längeren Missionen beizubehalten, wenn wir andere damit nicht in deren Schicklichkeitsempfinden stören.“ Seine Augen suchten ihren Blick, ein Anflug von Unsicherheit trübte das dunkle Blau. „Wir verletzen doch nicht etwa einen Kodex Eurer Rassen?“

Die Bajoranerin schenkte ihm ein offenes Lächeln. Sie merkte, dass es ihr schwer fiel, in seiner Gegenwart nicht zu lächeln. „Nein, da müssen Sie keine Angst haben. Mir würde im Augenblick keine Rasse hier auf der Station einfallen, deren weibliche Angehörige sich nicht von Ihrer Aufmerksamkeit geschmeichelt fühlen würden. Oder wie sehen Sie das, Commander?“ wandte sie sich an Benteen.

Die Terranerin setzte ihre Tasse ab. „Wenn von mir nicht verlangt wird, dass ich mich wie ein unterdrücktes Frauchen verhalte, habe ich keine Einwände.“  

Admair blickte sie entsetzt an. „Das würde uns im Traum nicht einfallen.“

Benteen lachte – Kira erinnerte sich nicht daran, ihren ersten Offizier schon einmal in Gesellschaft lachen gesehen zu haben – und machte eine beschwichtigende Geste. „Das denke ich auch nicht. Aber Sie müssen verzeihen, Ihr Erscheinen, Ihre Kleidung, Ihre Waffen und Ihr Verhalten erinnern mich an eine sehr patriarchalisch geprägte Epoche meines eigenen Volkes, in welcher Frauen zwar geehrt und besungen wurden, aber sonst nirgendwo großes Mitspracherecht hatten.“

Neben ihr ertönte leises Lachen. Elgin prostete ihr mit seiner Kaffeetasse zu. „Darüber müsst Ihr Euch keine Sorgen machen, Commander. Wir ehren die Frauen nicht nur, wir hören auch auf sie.“

Kira konnte sich nicht zurückhalten, Benteen zuzuzwinkern. „Klingt nach Utopia.“

Die andere Frau nickte, dann wechselte sie das Thema. „Aber das war eigentlich nicht das, worüber wir sprechen wollten.“

„In der Tat.“ Kira war froh, dass Benteen sie daran erinnerte. Es war zu leicht, sich in der charmanten Gesellschaft zu verlieren. Sie dachte kurzzeitig an Jadzia Dax zurück. Dies hier wäre ihr Spielfeld gewesen. Die lebenslustige Trill hätte wahrscheinlich keinen der drei Männer wieder von ihrer Seite gelassen.

„Mein Sicherheitschef hat die gesamte Station auf der Frequenz gescannt, mit welcher ich den Schutzschild Ihres Angreifers auf der Promenade durchdringen konnte. Er hat soweit nichts Verdächtiges entdeckt.“

Admair nickte nachdenklich. „Danke, dass Ihr das getan habt.“

„Es ging nicht nur um Ihre Sicherheit, sondern auch um die meiner Station.“

„Richtig. Doch ich bin mir sicher, dass sie ihre Schildfrequenz ebenfalls ändern, wenn sie herausbekommen, dass Ihr es geschafft habt, sie mit einer Energiewaffe zu enttarnen.“

„Sie denken, dass sich noch weitere Unsichtbare auf Deep Space Nine aufhalten?“ wollte Benteen wissen.

Der Kommandant schüttelte den Kopf. „Wenn ich ehrlich bin, habe ich nicht einmal damit gerechnet, dass der Eine sich hier her wagen würde. Andernfalls hätte ich nicht so schnell zugestimmt, dass Ihr uns unsere Waffen abnehmt.“

„Richtig, die Schwerter.“ Kira runzelte die Stirn. „Wieso können Sie mit einer so – verzeihen Sie, wenn ich das sage – primitiven Waffe gegen einen Schutzschild angehen? Nach dem, was Elgin mir gesagt hat, und von dem Umstand, dass Sie Überlichtgeschwindigkeit in der Raumfahrt beherrschen, gehe ich davon aus, dass Ihre Rasse ebenfalls über Energiewaffen verfügt.“

„Das tun wir in der Tat“, bestätigte Admair. „Doch so wie Ihr mit Eurer Waffe die Frequenzen moduliert habt, das können wir nicht, und daher sind diese Waffen für uns nutzlos. Unsere Schwerter, die Ihr als primitiv bezeichnet, hingegen sind wesentlich elegantere Waffen ...“

Kira machte ein wenig überzeugtes Gesicht. „Ich habe die ersten fünfundzwanzig Jahre um mein Leben und die Freiheit meines Volkes kämpfen müssen. Glauben Sie mir, Eleganz ist eine Eigenschaft, die sehr schnell bedeutungslos wird.“

Admair tauschte bei ihren letzten Worten rasch einen Blick mit Elgin aus. Es lag etwas Undefinierbares darin: Wehmut, aber auch Hoffnung. „Es tut mir sehr leid, dass Ihr eine solch grausame Jugend durchleben musstet, Colonel.“

Sie tat die Angelegenheit mit einer Handbewegung ab. „Das liegt hinter mir und mein Planet ist seit Jahren frei. Zurück zu Ihren Schwertern – warum können Sie damit den Schutzschild durchdringen?“

„Die Klingen sind im Stande, die Energie abzuleiten, die Griffe sind aus isolierendem Material. Im Prinzip ziehen wir punktweise Energie ab und schwächen damit den Schild, bis er die Schläge durchlässt.“

Benteen hörte interessiert zu. „Aber Sie müssen doch die aufgeladenen Klingen entladen, damit sie einen Sinn haben.“

Admair nickte. „Unsere Kampftechnik benötigt sowohl Berührung mit dem Feind als auch mit dem Boden, um die Energie abzuleiten.“ Er lächelte leicht. „Das Kunststück ist, beides im richtigen Moment zu tun, um nicht verletzbar zu sein.“

„Und das alles, während Sie Ihren Gegner nicht einmal sehen können?“, wollte Benteen skeptisch wissen.

„Nun, Ihr habt gesehen, was passiert, wenn einer alleine gegen einen von ihnen antritt“, bemerkte er schulterzuckend. „Wir sind realistisch genug zu wissen, dass wir ihnen nicht im Mann-zu-Mann-Kampf gewachsen sind.“ Er wandte sich zu dem jungen Soldaten um, der auf seiner anderen Seite saß. „Wenn Chailleach nicht eingesprungen wäre, hätte ich vielleicht keine Chance gehabt. Daher greifen wir nie alleine an.“

„Gut, die Erklärung leuchtet mir ein“, bemerkte Kira. Sie fixierte Admair und zwang ihn so, ihr bei ihrer nächsten Frage ins Gesicht zu sehen. „Jetzt möchte ich aber endlich wissen, wer das war. Da er leider getötet wurde, können wir ihn nicht selbst danach fragen.“

Der Kommandant hielt ihrem Blick stand, nur kurz zuckten seine Augen zu Elgin hinüber, bevor er ruhig antwortete: „Wir werden von Sklavenjägern verfolgt. Ich glaube, Elgin hat Euch das schon berichtet.“

„Das hat er.“ Sie sah misstrauisch von einem Mann zum anderen. „Doch leider hat er vergessen zu erklären, woher der Mann kam, weswegen er Sie verfolgt, warum ein Sklavenjäger mit einem Schwert und eindeutigen Tötungsabsichten auf jemanden losgeht, den er doch als Sklaven fangen möchte, und warum Sie mich angelogen haben, als ich Sie an der Schleuse gefragt habe, ob Sie eine bestimmte Bedrohung hier erwarteten!“

Das Geräusch eines rückenden Stuhls war zu hören. Aller Augen wandten sich Chailleach zu, der aufgestanden war und die Bajoranerin anfunkelte. Kira maß ihn abschätzend. Sie glaubte den Männern gerne, dass sie Frauen achteten und auf sie hörten, doch bei dem blonden Soldaten lag die Grenze der Achtung eindeutig an seiner Loyalität dem Kommandanten gegenüber. Kira würde ihn im Auge behalten. Sie fühlte sich von den beiden älteren Männern nicht bedroht, doch sie schätzte den jungen Mann als gefährlich ein.

Admair berührte ihn am Arm und veranlasste ihn damit, sich wieder zu setzen. „Vergebt ihm, Colonel. Seine Liebe zu mir lässt ihn manchmal etwas übereilt reagieren.“

Chailleach wandte sich ärgerlich zu ihm um, aber das Lächeln, das Admair ihm schenkte, ließ seine Züge wieder weich werden.

„Es lag nicht in meiner Absicht, Euch zu belügen, Colonel. Wie ich zuvor schon ausgeführt habe, habe ich nicht wirklich daran geglaubt, dass uns jemand auf diese bevölkerte Station folgen würde. Warum ich nicht darüber gesprochen habe ...? Nun, wir besitzen eine lange Tradition in der Kampfeskunst, wir sind stolz darauf, sowohl mit als auch ohne Waffen Körper und Geist jederzeit unter Kontrolle zu haben. Wir sind Soldaten. Es ist uns eingestandenermaßen unangenehm ... ja, wahrscheinlich sogar peinlich ... dass wir in die Aufmerksamkeit von Sklavenhändlern geraten sind. Das ist ein Umstand, den wir unter uns selbst nicht oft ansprechen – umso weniger gegenüber Fremden. Vielleicht ist es falsch verstandener Stolz, das kann schon sein.

Die Verfolgungen fingen ein paar Jahre, nachdem wir den Überlichtflug gemeistert hatten, an. Die Bewohner eines nahen Sonnensystems müssen dadurch auf uns aufmerksam geworden sein. Und als sie das erste kleine Forschungsschiff geentert hatten, müssen sie uns wohl als benutzbar eingestuft haben.“ Es war ihm anzusehen, dass ihm nicht wohl dabei war, über diese Dinge zu sprechen. Er zwang sich zu Blickkontakt mit Kira, seine Augen wanderten aber immer wieder auf die Tischplatte hinunter, wo sie seine verschränkten Finger betrachteten. „Seitdem treffen wir immer wieder auf sie, wenn wir uns nur weit genug von unserem Planeten entfernen.“ Er sah wieder auf. „Doch davon werden wir uns nicht einschüchtern lassen. Wir sind ihnen gewachsen.“

„Das mag sein“, entgegnete Kira nachdenklich. „Ich möchte Ihnen nicht noch einmal zu nahe treten, aber weswegen hat ein Sklavenjäger versucht, Sie umzubringen?“

„Das ist doch einsichtig“, kam Chailleach dem anderen zuvor. Ihm war deutlich anzusehen, dass er es nicht zulassen wollte, dass sein Kommandant noch weiter in ein Kreuzverhör genommen wurde. In Anbetracht der Bitte Admairs zügelte er jedoch sein Temperament. „Es war ein Missgeschick, dass er überhaupt entdeckt wurde. Er befand sich auf der Promenade, um uns zu beobachten, und er hätte wahrscheinlich überhaupt nicht angegriffen, wenn nicht ein kleiner Junge aus Versehen gegen ihn gerannt wäre. Das hat ihn seiner Deckung beraubt und uns alarmiert. Er hatte keine andere Chance als zu kämpfen.“

Kira wog die Erklärung ab. Die Worte des jungen Mannes stimmten mit dem überein, was ihr Lieutenant Nog gestern Nacht von der Aussage Fähnrich Mondals berichtet hatte. Es schien in der Tat alles nur ein Zufall gewesen zu sein, dass der Mann mit dem Tarnschild entdeckt worden war.

Schließlich nickte sie. „Ihre Erklärung klingt vernünftig, Chailleach.“ Nach einer kurzen Pause fügte sie hinzu: „Dann bräuchte ich nur noch eine gute Antwort auf die Frage, warum der Getötete genetisch nahezu mit Ihrer Rasse übereinstimmt.“



* * *




Nachdem sie ihre Schicht begonnen hatten, traf sich Colonel Kira mit ihrem ersten Offizier in ihrem Büro wieder. Sie hatten das Frühstück auf einer einigermaßen freundlichen Basis beendet. Admair hatte auch die letzte Frage der Bajoranerin so beantwortet, dass sie ihm keinen Strick daraus drehen konnte. Er gab offen zu, dass er keine Ahnung hatte, warum andere Planeten mit Rassen bevölkert waren, die ihnen glichen. Er hatte Benteen als Beispiel herangezogen, dass sogar in zwei Quadranten, die über 70.000 Lichtjahre voneinander entfernt waren, verblüffende Ähnlichkeiten auftraten. Dem hatte Kira nichts entgegenzusetzen gehabt.

Falls dies eine Schlacht der versteckten Absichten gewesen war, hatten Admair und seine Soldaten die erste Runde gewonnen, doch sie waren gewarnt, dass Kira nicht jede Ungereimtheit einfach hinnehmen würde.

„Was ist Ihr Eindruck, Benteen?“ Sie ließ sich in den Sessel hinter ihrem Schreibtisch fallen.

Die Terranerin stand vor dem Aussichtsfenster und betrachtete die Sterne. „Ich bin mir nicht sicher“, gestand sie. „Der Jüngere scheint mir gefährlich zu sein. Ich würde ihm zutrauen, jemanden hinterrücks zu beseitigen, wenn er denkt, damit seinem Hauptmann dienen zu können.“

Kira nickte. „Das ist auch mein Eindruck. Ich habe ihn beim Kämpfen gesehen. Er wirkt nicht wie jemand, der schlaflose Nächte verbringt, wenn er tötet. Und die anderen?“

Benteen wandte sich um. Sie lehnte sich gegen das breite Sims des Aussichtsfensters, ihre Hände stützte sie hinter sich ab, während ihr Blick keinen bestimmten Fleck in der Raumluft betrachtete. „Ich denke, da geht es mir ähnlich wie Ihnen, Colonel. Etwas in mir möchte ihnen unbedingt glauben, weil ich mich in ihrer Gesellschaft gut fühle. Doch gleichzeitig schrillt eine Alarmglocke, dass das alles doch auch eine wunderbare Täuschung ist, um uns in Ahnungslosigkeit zu lullen. Man wünscht sich, dass sie real wären, weil doch irgendwie in jedem die Sehnsucht nach dem Ritter schlummert.“

Kira betrachtete die Commander grinsend. Die Terranerin mit ihren streng zurückgeflochtenen dunklen Haaren ließ selten Verwundbarkeit erkennen. Ihr schönes Gesicht wirkte meist so emotionslos wie das einer Vulkanierin und nur an ihren oft sarkastischen Bemerkungen konnte man erahnen, wie viel Wut und Unzufriedenheit dahinter verborgen lagen. Im Augenblick wirkte sie jedoch beinahe zugänglich. Die Gesellschaft der Soldaten veränderte sie tatsächlich.

„Ich hätte nicht gedacht, dass in Ihnen eine Romantikerin schlummert, Benteen.“

Die Terranerin wandte ihr das Gesicht zu. Sie schnitt eine zynische Grimasse. „Da gibt es vieles, was Sie von mir nicht wissen, Colonel. Und sicherlich auch nicht wissen wollen.“ Dabei warf sie Kira einen Blick zu, welcher der Bajoranerin unter die Haut fuhr. Benteen hatte recht, sie wollte es nicht wissen!

Rasch bemerkte sie: „Was ich vorhin nicht erwähnt habe, um die Atmosphäre nicht noch weiter aufzuheizen, war eine Beobachtung, die Fähnrich Mondal gegenüber Lieutenant Nog geäußert hat. Mondal hat gesehen, wie der Kampf auf der Promenade angefangen hat. Und nach seiner Aussage war es Admair, der zuerst angegriffen hat, nicht der unsichtbare Gegner.“

Benteen hob die Augenbrauen. „Interessant, dass der Kommandant vergessen hat, uns das mitzuteilen.“
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