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Wenn zwei Wege sich vereinen

von Ilarie
GeschichteLiebesgeschichte / P12 / Gen
14.05.2015
14.05.2015
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Auch von mir hört man in diesem Fandom wieder. Dieses Mal entstand der Text im Zuge einer Challenge, die mir Nairalin gestellt hat und der dieser Text im Übrigen auch gewidmet ist. Und auch wenn ich das Minimum von 1500 Wörtern weit überschritten habe, hoffe ich doch, dass dir der Text gefällt und ich den Wunsch nach Romantik zumindest annähernd erfüllen konnte (was gar nicht so leicht war, wie man vielleicht denken könnte. Diese Geschichte war in vielerlei Hinsicht eine echte Herausforderung).

Ansonsten, und auch wenn ich Disclaimer im Grunde genommen unnötig finde: Nichts meins, alles von Heitz, ausgenommen Ormelaïnor, der gehört Nairalin und mir. Und natürlich der gesamte HC zu Caphalors und Enoïlas Kennenlernen.

Und nun wünsche ich allen geneigten Lesern viel Spaß mit dieser Geschichte!


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Caphalor folgte dem Geruch der schwelenden Pajoorikräuter, neugierig, wer zu dieser späten Stunde noch den Unauslöschlichen opferte. Der Strahlarm Shiimāl mit seinen Feldern und Gebäuden breitete sich ruhig vor ihm aus, hingegen würde in Dsôn noch bis spät in die Nacht hinein rege Betriebsamkeit herrschen. Besonders in den nächsten Momenten der Unendlichkeit würde auf den Straßen lange Aufruhr herrschen, so vermutete er zumindest. Bis sich die Aufregung um die Segnungen, die einige wenige ausgewählte Albae beim Empfang der Tapfersten erhalten hatten, wieder gelegt hatte. Er gehörte zu denjenigen, die nun die Rune der Unauslöschlichen auf der Stirn trugen, doch er hatte es bevorzugt, sich aus dem Tumult in den Strahlarm zurückzuziehen. Die Ruhe war nach all dem Lärm angenehm und er genoss sie nach den mehr oder minder überstürzten Ereignissen der letzten Zeit.
Caphalor überquerte die Straße und folgte einem schmalen Pfad, der hinein in einen Schwarzbuchenhain führte. Durch das Blätterdach fiel das silbrige Licht der Gestirne, doch in der Dunkelheit fand sich sein Volk auch ohne diese Helligkeit spendende Quelle hervorragend zurecht.
Er kannte den Hain nicht, doch er war auch viele Teile der Unendlichkeit nicht mehr hier gewesen und es war nicht die erste Veränderung in seiner Heimat, die ihm auffiel.
Schließlich sah er schwachen Feuerschein in der Dunkelheit, der Geruch der Kräuter wurde intensiver und beinahe unangenehm. Er trat an den Rand einer kleinen Lichtung, in deren Mitte ein hölzernes Konstrukt aufgebaut war, ähnlich einem Altar. Die Schnitzereien und Runen an den Seiten und auf der Platte priesen die Unauslöschlichen und ihre unvergleichliche Macht, während Nagsor und Nagsar Inàste selbst nicht abgebildet waren. Es wäre einer Respektlosigkeit gleichgekommen, zu versuchen, ihre Schönheit und Pracht einzufangen. In einer breiten steinernen Schale auf dem Altar loderten die Flammen und verbrannten die Kräuter.
Im ersten Moment sah Caphalor niemanden, bis er die Albin entdeckte, die neben dem Altar kniete und Zeichenblätter um sich herum auf dem Boden ausgebreitet hatte. Eine Kladde lag in ihrem Schoß, während sie konzentriert auf die schwelenden Pajoorikräuter blickte und ihre Eindrücke mit raschen Strichen und Skizzen festhielt. Sie hatte Caphalor nicht bemerkt, und so verharrte er im Schatten der Bäume und beobachtete sie. Ein eng anliegendes, schwarzes Gewand und ein darüber geworfener Mantel umhüllten ihren schlanken Körper, die Ärmel hatte sie hochgeschoben, damit sie ihre Zeichnungen nicht ruinierten und ihr im Weg waren. Ebenso schwarzes Haar floss ihren Rücken hinab, womit sie beinahe vollkommen mit der Umgebung, die nur vom schwachen Glimmen des Feuers erhellt wurde, verschmolz.
Die Flammen wurden stetig kleiner, bis bald darauf nur noch die Asche schwach glühte und Funken aufstoben, als ein Windhauch durch die Bäume strich und unvermittelt die Papierbögen der Albin verwehte. Ein unterdrückter Fluch erklang und kurz hielt Caphalor inne, fasziniert von der klaren, sanften Stimme der Albin, bevor er sich rasch bückte und das Blatt aufhob, dass ihm vor die Füße geweht worden war. Überrascht wanderten seine Augenbrauen in die Höhe, als er sich die Skizze besah. Es war kein Meisterwerk, und doch fing es den Anblick der schwelenden Kräuter erstaunlich gut ein.
Die Albin unterdessen hatte sich erhoben und sammelte rasch ihre Zeichnungen ein, bevor erneut Wind aufkommen und sie endgültig verloren gehen könnten. Caphalor zögerte, doch dann trat er auf die Lichtung, das Papier in der Hand.
»Das habt Ihr wohl verloren«, sprach er die Albin an. Sie fuhr zusammen und wandte sich zu ihm um, ihre Augen funkelten im Schein des verlöschenden Feuers und dem fernen Glanz der Gestirne. Augen von klarem, hellem Blau, die ihn unvermittelt in ihren Bann zogen, während die Überraschung deutlich aus ihrem Antlitz sprach. Caphalor unterdrückte ein amüsiertes Lächeln und streckte die Hand mit der Zeichnung aus.
Mit misstrauisch zusammengekniffenen Augen nahm die Albin sie entgegen und legte sie sorgfältig zu den übrigen Blättern in die Kladde.
»Meinen Dank«, erwiderte sie, ihn durchdringend musternd. »Und Ihr seid?«
»Caphalor«, stellte er sich vor und deutete eine leichte Verbeugung an. »Und mit wem habe ich das Vergnügen?«
Unvermittelt wurde ihre Haltung abweisend und sie trat einen Schritt zurück. »Nun mit niemandem mehr«, entgegnete sie kühl. »Ich interessiere mich nicht für politische Spielchen und die Ansehenskämpfe in Dsôn.«
Demonstrativ wanderte ihr Blick zu seiner Stirn, auf der die Segensrune der Unauslöschlichen prangte. Caphalor lächelte nur verhalten. »Tut Ihr das nicht? Dann seid versichert, dass es mir nicht anders geht. Politik lag mir noch nie.«
Die Albin schnaubte. »Natürlich nicht. Welcher Krieger wäre auch an Politik interessiert, wenn es doch viel einfacher ist, den Tod unbedacht zu bringen und sich über die Folgen keine Gedanken machen zu müssen?«
Caphalor zog eine Augenbraue in die Höhe, ließ sich jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Wenn sie es so wollte, konnte sie es haben. »Weshalb plötzlich so abweisend? Erschien ich Euch unbedacht?«
»Ihr«, sagte sie scharf, »scheint mir vor allem eines zu sein: dreist, arrogant und zunehmend unverschämt. Doch Ihr überrascht mich nicht. Anderes hätte ich von einem Krieger – noch dazu von einem Gesegneten – nicht erwartet.«
»Und wie kommt Ihr zu der Annahme, ich wäre arrogant?«
Die Albin schüttelte nur abfällig den Kopf und wandte sich ab. »Ich bezweifle, dass Ihr unter all den anderen eine Ausnahme bildet«, sagte sie über die Schulter.
»Wartet!«, hielt Caphalor sie zurück. Sie blickte ihn mit zusammengekniffenen Augen an. »Ansonsten was?« »Ansonsten würde ich es sehr bedauern, Euren Namen nicht erfahren zu haben«, erwiderte Caphalor, bemüht freundlich, um sie davon zu überzeugen, dass das übliche Verhalten der Krieger –deren überhebliches Auftreten tatsächlich weit verbreitet war, wie er zugeben musste – nicht auch auf ihn zutraf. »Enoïla«, antwortete sie mit kühler Höflichkeit und drehte sich nun endgültig um. »Auch wenn ich nicht wüsste, was Ihr mit meinem Namen anfangen könntet.«
Damit ging sie davon und verschmolz kurz darauf vollkommen mit der Dunkelheit, während Caphalor ihr mit nachdenklicher Miene nachsah, bevor er den Blick auf das Pergament in seiner Hand senkte. Die noch unfertige Skizze besaß ihre ganz eigene Schönheit – auch wenn er sich vielleicht nur an ihrem Anblick erfreute, da sie von Enoïla gefertigt worden war. Von Beginn an hatte sie eine sonderbare Anziehung auf ihn gehabt, die er sich nicht erklären konnte und dennoch blieb eine Leere in ihm zurück, nun, da sie gegangen war. Als wäre ein Band zwischen ihnen gewesen, das sie rascher durchtrennt hatte, als sie es überhaupt erkannt hatten.
Sorgfältig faltete er das Pergament und schob es unter seinen Mantel. Noch war es das einzige, das er von ihr besaß, doch so rasch würde er nicht aufgeben. Sie hatte etwas in ihm ausgelöst, das er schon lange nicht mehr gespürt hatte, viel zu intensiv, um es zu verdrängen. Und kurz hatte er das Aufflackern der Unsicherheit in ihren Augen erkannt, auch wenn sie es gut vor ihm zu verbergen versucht hatte.
Caphalor lächelte und sog den letzten Hauch des Aromas der Pajoorikräuter ein, der noch in der Luft lag. Er schwor sich, er würde Erfolg haben. Und mochte es noch so lange dauern.


~*~


Herumôn war an den meisten Momenten der Unendlichkeit eine ruhige Stadt, doch in der Marktzeit herrschte selbst hier reger Betrieb, auch wenn man es in keinem Fall mit Dsôn vergleichen konnte. Man grüßte Caphalor wie gewohnt, wenngleich er bemerkte, dass die Blicke immer wieder zu der Rune auf seiner Stirn wanderten. Er versuchte geflissentlich, diese Tatsache zu ignorieren. Die viele Aufmerksamkeit war ihm bereits in Dsôn unangenehm gewesen und in manchen Augenblicken wünschte er sich, er hätte diese Segnung nie erhalten. Andererseits war es selbstverständlich eine Ehre und zweifelsohne gab es nicht viele Albae, die von sich behaupten konnten, von den Unauslöschlichen gesegnet worden zu sein. Es erfüllte Caphalor auf der einen Seite mit Stolz, zu den wenigen Auserwählten zu gehören, andererseits stand er durch diesen Umstand zwangsläufig im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dem Tumult, den man in Dsôn veranstaltet hatte, konnte er nicht das Geringste abgewinnen und noch immer war er froh darüber, dem entkommen zu sein. Hier in Herumôn  und auch im gesamten Strahlarm Shiimāl stand man der Sache entspannt gegenüber, wofür Caphalor nur dankbar war. Er war der Glückwünsche und Fragen schon lange überdrüssig geworden.
Nachdenklich folgte er dem Verlauf der Straßen, seine Gedanken schweiften wie so oft zu dem Treffen mit Enoïla vor einigen Momenten der Unendlichkeit zurück. Ihre Reaktion konnte er noch immer nicht verstehen, aber er war entschlossen, die Meinung, die sie fälschlicherweise von ihm hatte, zu ändern. Erst als er beinahe durch einen nur auf Basalt aufgezeichneten Torbogen gehen wollte, wurde er zurück in die Wirklichkeit gerissen und hielt im letzten Augenblick inne.
»Zu Tion mit den Augentäuschungen!«, schimpfte er und schlug eine andere Richtung ein, nun eher auf seine Umgebung achtend. Es würde sicherlich keinen guten Eindruck machen, wenn ein Gesegneter mit einem blauen Auge oder einer anderweitigen Verletzung zu sehen war, die er nur durch den Zusammenstoß mit einer Mauer, die zu spät als solche identifiziert worden war, erklären konnte.
Bald jedoch erschien wieder das Bild Enoïlas vor seinem inneren Auge, so scharf und deutlich, als würde sie direkt vor ihm stehen, mit funkelnden, klaren Augen und der Kladde unter dem Arm.
Verärgert schüttelte er den Kopf, als könne er die Vorstellung dadurch vertreiben. Je mehr Zeit verstrich, desto ungeduldiger wurde er und desto mehr drängte es ihn danach, Enoïla wiederzusehen. Doch die Vernunft behielt die Oberhand. Enoïla hatte deutlich gemacht, wie wenig sie von ihm hielt. Wie er ihr begreiflich machen konnte, dass er nicht ihrer Vorstellung von einem Krieger und Gesegneten entsprach, wusste er noch immer nicht, doch durchdacht musste es sein. Ansonsten würde er erneut kläglich scheitern und womöglich keine dritte Möglichkeit bekommen, sich ihr zu nähern.
Caphalor erreichte den Marktplatz und fand sich unvermittelt im Gedränge wieder. Im Vergleich zu dem, was er in Dsôn hatte erleben müssen, war es beinahe noch angenehm, auch wenn er sich zwischen den vielen Albae und ihren Sklaven eingeengt fühlte. Rasch überquerte er den Platz und atmete auf, als er in einen ruhigeren Bereich gelangte. Trotz der vielen Leute herrschte eine ruhige Atmosphäre und keinesfalls Hektik, wie man es womöglich erwarten würde. Der wöchentliche Markt war angenehm und Caphalor besuchte ihn gerne; weniger, weil er etwas benötigte, sondern vielmehr, da man hier bisweilen Personen antraf, von denen man es niemals erwartet hätte.
Eine solche Überraschung erlebte er auch nun, als er zwischen den Ständen hindurchging und mit mehr oder weniger mäßigem Interesse die Auslagen der Händler betrachtete.
Bis er an einem der Stände Enoïla erkannte. Dieses Mal trug sie ein rot-schwarzes Gewand, das ihre schlanke Figur perfekt betonte, das schwarze Haar war hochgesteckt, nur einige Strähnen hatten sich gelöst.
Er spürte eine seltsame Verbundenheit zu ihr, auch wenn er sie erst wenige Momente der Unendlichkeit lang kannte. Es ging tiefer als herkömmliche Gefühle, auch wenn er nicht genau bestimmen konnte, was er empfand.
Caphalor blinzelte und trat rasch zur Seite, um nicht im Weg zu stehen, dann richtete er den Blick möglichst unauffällig erneut auf Enoïla. Sie unterhielt sich angeregt mit dem Händler und unvermittelt durchzuckte Caphalor Eifersucht, auch wenn es sich vermutlich um ein rein freundschaftliches oder gar geschäftliches Gespräch handelte.
Er zögerte. Womöglich war es nicht klug, nun zu Enoïla zu gehen, andererseits würde sie es wohl kaum wagen, ihn in der Öffentlichkeit und vor aller Augen gleich zu Beginn abzuweisen – die Segensrune hatte demnach doch noch einen Vorteil.
Schließlich überwand er sich und ging zu dem Stand hinüber. Mit einem Anflug von Amüsement sah er, dass sie ihn wieder nicht bemerkte und fühlte sich in die Nacht vor einigen Momenten der Unendlichkeit zurückversetzt, in der ihr Treffen ähnlich begonnen hatte.
»Enoïla«, sprach er sie an und dieses Mal zuckte sie nicht zusammen, sondern wandte sich betont langsam zu ihm um. Ihr Blick war stechend, doch die Abneigung – wenn sie denn vorhanden war, was er nicht hoffte – verbarg sie gut hinter einer Maske der Neutralität. »Caphalor«, erwiderte sie mit distanzierte Höflichkeit, ihre Augenbrauen zogen sich unmerklich zusammen. »Euch hätte ich nicht hier erwartet.«
Caphalor lächelte unmerklich. »Der Markt bietet stets Gelegenheit auf ein interessantes Gespräch und alte sowie neue Bekanntschaften. Doch sagt, was führt Euch hierher? Ihr scheint mir an mehr als nur an einem Schwatz interessiert zu sein.«
»Ich suche nach geeigneten Farben«, antwortete sie und deutete mit einer vagen Geste auf die Auslage, die Caphalor sich erst in diesem Augenblick genauer ansah. Zahllose Gefäße mit Beschriftungen in albischen Runen waren fein säuberlich aufgestellt und wiesen die verschiedenen Blutarten aus, die zum Malen verwendet werden konnten. Selbst ein Fläschchen mit wertvollem und teurem Pirogand-Gelb erkannte er und diverse andere Farbstoffe, doch die meisten der Fachbegriffe sagten ihm nichts. Sein Talent war nicht das eines Malers, auch wenn er sich schon an Zeichnungen versucht hatte. Er war kläglich gescheitert.
»Ihr seid Künstlerin?«, fragte Caphalor mit leichter Verwunderung. Er hatte angenommen, dass sie dieser Beschäftigung nur in der Freizeit, keinesfalls jedoch beruflich nachging.
Enoïla nickte knapp. »Durchaus.«
»Weshalb lebt Ihr dann nicht in Riphâlgis?«, konnte er die verwunderte Frage nicht zurückhalten. »Wäre es nicht der bessere Ort, um Eurer Tätigkeit nachzukommen?«
Ihr Gesichtsausdruck sagte ihm, dass er die falsche Thematik gewählt hatte, ihre Haltung versteifte.
»Meine Familie ist über beinahe alle Strahlarme verstreut«, antwortete sie kühl. »Mein Elternhaus befindet sich in Shiimāl und ich sehe keinerlei Anlass, von hier fortzuziehen. Mir gefällt dieser Strahlarm sehr gut. Kunst kann ich auch hier ausüben. Die Landschaft bietet mir genügend Inspiration und um Unterhalt brauche ich mich nicht zu sorgen.« Ihr Blick wurde herausfordernd. »Ihr als Krieger und Gesegneter, weshalb lebt Ihr hier? Gewiss nicht der vielen Feinde wegen, die es zu besiegen gilt oder der Grenzen, die Ihr schützen sollt. So zumindest seht Ihr mir nicht aus.«
In diesem Punkt musste Caphalor ihr Recht geben; er gehörte nicht zu den Albae, die ihre Rüstung auch außerhalb des Schlachtfeldes trugen und mit ihren Erfolgen prahlten. Bis auf einen schmalen Dolch am Gürtel trug er nicht einmal eine Waffe bei sich.
»Ich bevorzuge die Ruhe und entspannte Atmosphäre Shiimāls gegenüber den Akademien in Kashagòn oder gar der Hektik Dsôns«, antwortet er ehrlich. »Zumal auch mein Elternhaus sich hier befindet. Der Heimat bleibt man nicht selten treu, scheint mir.«
Enoïla kniff die Augen zusammen. »Ein Krieger möchte mir weismachen, dass er die Ruhe liebt?«, sagte sie ungläubig. »Treibt mit Anderen Eure Scherze! Ich habe Besseres zu tun.«
Caphalor unterdrückte eine verärgerte Bemerkung und lächelte nur. »Ich treibe keine Scherze mit Euch. Meine Zeiten als Krieger sind vorüber, zumindest für die nächsten Teile der Unendlichkeit. Ich strebe weder danach, in naher Zukunft erneut auf einem Schlachtfeld, noch an der Spitze eines Heeres zu stehen. Zudem gebe ich Euch Recht; die Landschaft ist tatsächlich sehr inspirierend.«
»Ihr malt?«, fragte sie misstrauisch und strich sich eine Strähne ihres dunklen Haares aus dem Gesicht. Die Bewegung nahm kurze Zeit Caphalors Aufmerksamkeit in Anspruch, dann räusperte er sich verlegen und schüttelte den Kopf. »Ich schnitze an Gebeinen«, erklärte er, ein schiefes Lächeln glitt für einen kurzen Augenblick über sein Antlitz. »Das ist einer der wenigen Bereiche der Kunst, in dem ich nicht vollkommen versage.«
Enoïla schnaubte. »Das dachte ich mir«, murmelte sie mit Missbilligung im Blick. »Ihr seid doch weitaus mehr Krieger als Künstler, wie mir scheint.«
»Ach, erscheint Euch dies so?« Caphalor konnte den spitzen Unterton in seiner Stimme nicht mehr unterdrücken. Sie reizte ihn absichtlich und schien nicht gewillt, mehr in ihm zu sehen als einen arroganten Krieger, dem der Erfolg zu Kopfe gestiegen sein musste. Diese Ignoranz ärgerte ihn zusehends.
Enoïla hob eine Augenbraue. »Ihr langweilt mich«, sagte sie mit leichtem Seufzen. »Was könnte ich schon von einem Krieger wollen? Noch dazu von einem Komet! Eure Ziele werden sich niemals erfüllen. Ihr gefährdet unser gesamtes Reich mit eurem Ehrgeiz und eurem Gier nach neuen Länder! Länder, die wir nicht benötigen. Dsôn Faïmon ist von beachtlicher Größe und wir haben nicht genügend Krieger, um ein noch größeres Reich zu schützen. Die Unauslöschlichen werden dem nicht zustimmen – und ich hoffe sehr, dass auch die Kometen letztendlich zur Vernunft kommen. Besonders Ihr. Eure Gesellschaft ist unerträglich!«
Damit wandte sie sich abrupt ab und ging ohne ein Wort des Abschieds davon, ihr Gewand bauschte sich hinter ihr, bis sie schließlich in der Menge verschwand.
Wieder stand Caphalor allein da, wieder war sie gegangen, ohne ihm auch nur eine einzige Möglichkeit der Erklärung zu geben.
Sie hält mich für einen Kometen, dachte er verwundert und zugleich verletzt von ihrer letzten Aussage. Wie kommt sie zu dieser Annahme?
Seufzend schloss er für einige Herzschläge die Augen und meinte, einen letzten Hauch ihres Duftwassers wahrzunehmen, der in der Luft lag. Dieses Treffen war nicht so verlaufen, wie er es sich erhofft hatte, als er Enoïla am Stand erblickt hatte. Ganz und gar nicht. Sie schien ihm nicht einmal zuhören zu wollen, sondern hielt stur an ihren Vorurteilen fest, auch wenn sie haltlos waren und er ihr keinerlei Anlass gegeben hatte, so abweisend zu sein.
Es kann nicht nur an der Segensrune und meinen Auszeichnungen liegen. Das ist absurd! Sie kennt mich nicht, und zeigt doch keinerlei Interesse, dies nachzuholen.
»Wer war das?«, fragte in diesem Augenblick überraschend eine Stimme neben ihm und Caphalor wurde aus seinen düsteren Überlegungen gerissen. Aïsolon blickte zu der Stelle, an der Enoïla verschwunden war, dann zog er eine Augenbraue in die Höhe und drehte sich zu Caphalor um. »Oder viel eher: weshalb ging sie so rasch und anscheinend aufgebracht?«
Caphalor verzog den Mund. Manchmal verwünschte er Aïsolon für sein untrügliches Gefühl, stets als erster zu wissen, was vor sich ging – nicht nur, aber vor allem in Caphalor, der unter diesem Feingefühl bereits mehr als einmal zu leiden gehabt hatte. Nicht minder hatte es ihm bereits das Leben bewahrt.
»Ihr Name ist Enoïla«, murmelte Caphalor schließlich abwesend und sah noch immer ihr glattes, schimmerndes Haar vor sich und ihre Augen, die trotz der Schwärze funkelten und einen ganz eigenen Glanz verströmten. »Ich begegnete ihr vor einigen Momenten der Unendlichkeit, als sie den Unauslöschlichen in einem nahen Hain opferte und den Anblick der schwellenden Kräuter festhielt.«
»Eine Künsterin also?«, fragte Aïsolon mit unverhohlener Überraschung in der Stimme.
»So scheint es.«
Aïsolon lachte unvermittelt auf. »Ich hätte niemals gedacht, jemals ein solches Gespräch mit dir zu führen, Caphalor«, meinte er schmunzelnd. »Gerade mit dir, von dem ich nicht erwartet hätte, dass es ihn einmal so viel Mühe kosten könnte, das Herz einer Albin zu erobern.«
Caphalor schnaubte, doch seine Mundwinkel zuckten. »Sie ist wohl rundum etwas Besonderes«, murmelte er halblaut und mehr zu sich selbst als zu seinem Freund.
Aïsolon lächelte nur. »Komm mit«, forderte er Caphalor auf, als gerade ein Fuhrwerk neben ihnen durch den schmalen, freien Bereich rollte, der sich zwischen den Reihen der Stände befand. Dementsprechend laut wurde es, besonders, als in einigen Schritten Entfernung die Menschensklaven begannen, die Güter aus – und einzuladen, sodass es beinahe unmöglich war, das Wort des jeweils anderen zu verstehen. So nickte er nur und folgte Aïsolon, als dieser sich einen Weg durch die Menge bahnte.

Ungläubig schüttelte Aïsolon den Kopf, als Caphalor geendet hatte und gedankenverloren auf die Tischplatte hinabblickte.
»Ich muss sagen, ich bin überrascht«, bemerkte er. »Solcherlei Sorgen haben die Helden also in den Momenten der Unendlichkeit nach den Schlachten.«
»Ich nehme an, solcherlei Sorgen wird jeder eines Moments der Unendlichkeit haben. Selbst du, Aïsolon.«
»Darauf wirst du warten können«, widersprach Aïsolon und zwinkerte ihm zu. »Ich werde mich hüten, es mir schwerer zu machen, als es ohnehin schon ist.«
»Sehr klug«, meinte Caphalor sarkastisch, dann seufzte er. »Auch wenn das kein allzu hilfreicher Rat ist.«
Aïsolon lehnte sich zurück und runzelte nachdenklich die Stirn. »Enoïla heißt sie, sagtest du?«, fragte er. Caphalor bejahte mit einem knappen Nicken. »Dann kann Ranôria dir unter Umständen weiterhelfen«, meinte Aïsolon.
Caphalor zog fragend eine Augenbraue in die Höhe. »Wer ist Ranôria?«
»Berichtete ich dir nicht davon?« Aïsolon klang überrascht. »Eine Sängerin, die ich vor einigen Monden kennenlernte. Du bist nicht der Einzige, der oft auf dem Markt anzutreffen ist.«
»Und inwiefern sollte sie mir weiterhelfen können?«
»Sofern ich mich recht erinnere, kennt sie Enoïla. Womöglich kann sie einiges für dich herausfinden, das dir helfen könnte. Ich nehme an, du weißt nicht sonderlich viel über sie?«
Caphalors nickte nachdenklich. »Das ist wahr«, meinte er abwesend. »Danke, Aïsolon.«
Aïsolon lachte leise. »Danke mir nicht zu früh, Caphalor. Wer weiß, was noch daraus erwachsen wird.«


~*~


Caphalor blickte auf die kleine Knochenskulptur in seinen Händen hinab und fuhr die Konturen mit den Fingerspitzen nach. In seinen Augen war sie gelungen, doch sie reichte nicht an die Vollkommenheit Enoïlas heran. Unzählige Knochen hatte er verbraucht und verworfen, bis er nun endlich annähernd mit seinem Werk zufrieden war. Es war wohl seine letzte Chance.
Über Monde hinweg hatte er immer wieder versucht, sich Enoïla zu nähern, doch sie wies ihn ab, jedes Mal erneut. Aufgeben wollte er dennoch nicht.
Durch Aïsolon – oder viel mehr durch Ranôria, die sich als erstaunlich hilfsbereit erwiesen hatte – wusste er nun, wo sich ihr Elternhaus befand, von den Informationen über ihre Familie ganz abgesehen.
Seufzend strich er sich das Haar zurück und zögerte weiterhin. Dieses Mal durfte sie ihn nicht abweisen. Es war seine letzte Möglichkeit, zumindest ihre Vorurteile zu zerstreuen, denn nach allem, was er von Ranôria über Enoïlas Vater erfahren hatte, wäre es das erste und letzte Mal, dass er die Gelegenheit bekam, sie zu sprechen, wenn sie ihn vor ihrem Elternhaus zurückwies. Zwar waren sie beide im Grunde genommen alt genug, diesbezüglich eigene Entscheidungen zu treffen, doch Ormelaïnor hatte in dieser Hinsicht einen gewissen Ruf. Es war gemeinhin bekannt, dass er jedem, der versuchte, sich seiner Tochter zu nähern, misstrauisch und aus Prinzip ablehnend gegenüberstand. Caphalor bildete bei den Ansichten dieser Familie sicherlich keine Ausnahme. Kometen waren nicht gerne gesehen und er nahm an, nicht nur Enoïla hatte ihre Vermutungen über seine politische Gesinnung. Das alles machte es ihm nicht unbedingt einfach.
Gedankenverloren drehte er die Skulptur in den Händen. Ob er Enoïla mit diesem Geschenk beeindrucken konnte, wusste er nicht. Sein Talent für andere Künste war allerdings nicht sonderlich ausgeprägt, womit die Knochenschnitzerei seine einzige Möglichkeit blieb, bei der er sich zutraute, etwas halbwegs Annehmbares zu schaffen. Ob ihm dies gelungen war, würde er vermutlich deutlich zu spüren bekommen.
Dann schloss er die Finger um die Skulptur und erhob sich. Wenn er noch länger zögerte, würde er niemals zu Enoïla gehen. Das wiederum würde er sich nie verzeihen können. Diesen letzten Versuch musste er wagen. Eine Albin wie Enoïla würde er nicht noch einmal treffen, dessen war er sich sicher.

»Verschwinde, Caphalor!«, fauchte Enoïla und funkelte ihn an. »Ich habe dir oft genug gesagt, dass ich nichts von dir möchte! Was erlaubst du dir?«
Caphalor unterdrückte ein Seufzen. »Und ich habe dir oft genug gesagt, dass du dich in mir täuschen musst«, entgegnete er bedächtig. »Ich gehöre nicht den Kometen an, zumindest so viel sollte dir inzwischen bewusst geworden sein.«
Verächtlich blickte sie ihn an. »Das ist mir durchaus bewusst geworden und es ändert nicht das Geringste an meiner Meinung von dir. Komet oder Gestirn, es ist gleich. Die Arroganz scheint unter allen Kriegern gleichermaßen verbreitet zu sein.«
»Ich fürchte, du täuschst dich. Sind es vielleicht nur Vorurteile, die dich an dieser Vorstellung festhalten lassen? Möchtest du mir nicht wenigstens die Chance geben, dir Gegenteiliges zu beweisen?«
»Eine vergeudete Chance!«, unterbrach Enoïla ihn und wollte die Tür schließen, doch Caphalor war schneller und stellte den Fuß in den Spalt. So rasch würde er dieses Mal nicht gehen. »Keineswegs«, widersprach er. »Vergeudung ist es nur, wenn du mich erneut abweist, ohne auch nur einen Augenblick innegehalten und nachgedacht zu haben.«
»So, der Held unterstellt mir also auch noch Unbedachtheit«, spottete sie eisig. »Ich wüsste nicht, was ich noch von dir wollen könnte, Caphalor. Dein unverzügliches Gehen ausgeschlossen. Ich habe es dir schon einmal gesagt: du langweilst mich und du verschwendest meine Zeit.«
»Ich glaube nicht.« Caphalor stützte den Ellbogen gegen das dunkle Holz des Türrahmens und hielt dem Druck, den sie auf die Tür ausübte, mit Leichtigkeit stand. Enoïlas Augen blickten ihn zornig an, doch er ließ sich von ihr nicht einschüchtern. Nicht noch einmal.
»Es ist mir gleich, was du glaubst oder nicht glaubst, Caphalor«, sagte Enoïla, mühsam beherrscht. »Dies hier ist mein Grundstück. Ich verlange von dir, dass du es verlässt. Sofort.«
»So?« Caphalor lächelte süffisant. »Ich nahm an, es ist das Grundstück deiner Eltern. Oder hast du mich auf dem Markt damals belogen?«
Enoïlas Augen verengten sich. »Geh, Caphalor. Ich möchte dich nicht-« »Ich gehe nicht«, unterbrach er sie und musterte sie durchdringend. »Ich bin bereits einmal zu oft gegangen. Dieses Mal begehe ich diesen Fehler nicht.«
»So düster heute, Caphalor?« Enoïla schnaubte und lehnte sich mit ihrem gesamten Gewicht gegen die Tür, was freilich ein vergeblicher Versuch war. Seine Zeit als Krieger hatte ihn gestählt und seine Kraft überstieg die ihre bei Weitem. Amüsiert beobachtete er ihre Bemühungen, dann lachte er leise. »Gib es auf, meine Schöne«, sagte er mit leicht spöttischem Unterton. »Du verbrauchst nur unnötig deine Kraft. Für nichts, wohlgemerkt.«
Tatsächlich richtete Enoïla sich auf, doch ihr Blick war noch immer kalt und ablehnend. »Sag, was du zu sagen hast, Caphalor«, seufzte sie. »Dann geh.«
Caphalors Lippen hoben sich zu einem schwachen Lächeln. »Sehe ich da den Widerstand brechen?«, fragte er. »Ich kann nur erneut versuchen dir deutlich zu machen, dass du dich in mir täuschst. Sehr täuschst. Ich bin ein Krieger und ein Gesegneter, das ist wahr. Allerdings sagte mir noch niemand Arroganz oder das Streben nach Macht und Erfolgen nach, noch, dass mir meine Auszeichnungen zu Kopfe gestiegen seien. Man vermittelt wohl falsche Vorstellungen von mir. Woher sie kommen, weiß ich allerdings auch nicht.«
Er beobachtete Enoïlas Reaktion genau, und so entging ihm ihr kurzes Zögern nicht, doch der abweisende Ausdruck kehrte rasch auf ihr Gesicht zurück. »Ist das alles?«, fragte sie kühl.
Caphalor seufzte erneut. »Das ist alles, was ich dir mit Worten ausdrücken kann. Wenn du sie nicht glauben willst… Nun, dann vermag ich nichts an dieser Tatsache zu ändern. Ich würde es dennoch-«
»Enoïla!«, erklang in diesem Augenblick eine weitere Stimme und Enoïla fuhr unwillkürlich zusammen. »Wer ist dort an der Tür?«
»Bei den Infamen«, murmelte Enoïla und ein Hauch von Bestürzung zeigte sich für einen Herzschlag in ihren Augen. »Mein Vater wird nicht mehr an sich halten können, wenn er erfährt, was du hier tust…«
Caphalor blickte mit plötzlicher Anspannung an ihr vorüber in den Hausflur. Ormelaïnors Schritte waren auf der Treppe zu hören.
Enoïla zögerte erneut, dann verzog sie den Mund und öffnete ihm nun doch die Tür, während sie sich mit einem Lächeln zu ihrem Vater umdrehte. »Ein Bekannter, Vater«, antwortete sie und Caphalor bewunderte ihre Schauspielkunst. »Wir unterhielten uns gerade.«
»An der Tür«, bemerkte Ormelaïnor vom Treppenabsatz aus und warf Caphalor einen misstrauischen und zugleich warnenden Blick zu.
Enoïla hob die Schultern und lachte verlegen. »So mag es kommen, wenn sich ein interessantes Gespräch entwickelt«, überspielte sie die Situation gekonnt. »Du weißt, wie sehr ich mich für Kunst interessiere, Vater.«
»Und dies ist ein Künstler?« Ormelaïnors stechender Blick richtete sich mit neuer Intensität auf Caphalor. Dieser neigte andeutungsweise den Kopf und lächelte.
»Ein Knochenschnitzer«, präzisierte er. »Auch wenn man mich früher zu den Kriegern zählte. Diesen Beruf jedoch lehne ich inzwischen ab. Meine Zeit auf dem Schlachtfeld ist vorüber.«
»Er gehört zu den Gestirnen«, beeilte Enoïla sich hinzuzufügen, bevor Ormenlaïnor seine eigenen Schlüsse ziehen konnte. »Und ich wäre dir dankbar, wenn du uns nun allein lassen würdest, Vater. Gespräche über Kunst können viel Zeit in Anspruch nehmen und ich weiß, dass sie dich langweilen.«
Ormelaïnor warf Caphalor noch einen letzten, prüfenden Blick zu, bevor er sich von ihnen abwandte und im Haus verschwand.
»Komm«, bedeutete Enoïla ihm knapp und stieg die Stufen in das zweite Stockwerk hinauf, wo sich die Gemächer der Familie befanden. Caphalor betrachtete die Gemälde an den Wänden und strich geistesabwesend über das knöcherne Geländer der geschwungenen Treppe, bevor er den Blick wieder auf Enoïla richtete. Ihre Gewänder waren in hellen Farbtönen gehalten, das Haar fiel ihr offen und in sanften Wellen den Rücken hinab, tiefschwarz und seidig glänzend. Den Weg, den sie durch die verwinkelten Flure des Hauses nahmen, merkte er sich nicht; ihr Anblick fesselte ihn zu sehr und er hätte nicht sagen können, wie viel Zeit verging, bis Enoïla eine der Türen öffnete und den dahinterliegenden Raum betrat.
Erst in diesem Herzschlag riss er sich von ihr los und sah sich stattdessen in dem großen Zimmer um. Goldene Fragmente verzierten die Wände, die dunkle, rote Farbtöne aufwiesen, Skizzenblätter teilten sich den Platz mit Leinwänden aus verschiedenen Häuten und Phiolen mit Farben. Von dem großen Fenster und dem anschließenden Balkon hatte man einen wundervollen Ausblick über Shiimāl und seine Felder.
Enoïla setzte sich auf einen der Stühle an ihrem Arbeitstisch und bedeutete ihm, dasselbe zu tun. Sie war noch immer distanziert, doch wenn die Einbildung ihn nicht täuschte, so war die Ablehnung zumindest zu Teilen aus ihrem Antlitz gewichen, was ihn erleichterte.
»Nun«, sagte er schließlich leise, als sich das Schweigen in die Länge zog und unangenehm wurde. »Wenn ich bereits hier bin, möchte ich nicht noch länger zögern. Vermutlich wird sich mir eine solche Gelegenheit nicht noch einmal bieten.«
Ein wenig verunsichert und doch ermutigt von der plötzlichen Neugier in ihrem Blick griff er in seine Tasche und nahm die Knochenskulptur hervor, an der er so lange gearbeitet hatte. Im Anbetracht von Enoïlas Vollkommenheit schien sie ihm unvollständig und mangelhaft, doch er gestattete sich kein weiteres Zögern und streckte den Arm aus.
Enoïla sah ihn einen Herzschlag lang mit unergründlichem Blick an, dann griff sie nach der Skulptur, flüchtig seine Finger berührend, was ihm angenehme Schauer den Rücken hinab sandte. Erwartungsvoll und gespannt auf ihre Reaktion beobachtete er, wie sie die Skulptur ihrerselbst in den Händen drehte und wendete, dann ins Licht hob und mit den Fingerkuppen die Konturen nachfuhr, wie er selbst es auch getan hatte, als er seinem Werk den letzten Feinschliff verlieh. Die Augen hatte er in heller blauer Farbe gehalten, die ihm ein Händler einzig für diesen Zweck angefertigt hatte und sie trafen den Ton ihrer Iriden beinahe exakt. Ansonsten hatte er auf Prunk verzichtet und die Schlichtheit bevorzugt. Er vermutete, dies sagte ihr weitaus mehr zu und dem Anschein nach hatte sein Gefühl ihn in dieser Hinsicht nicht getäuscht.
Enoïla blickte auf und unvermittelt lächelte sie, auch wenn sie sich zu überwinden schien.
»Danke, Caphalor«, sagte sie leise und schloss die Finger um die Skulptur. »Das ist ein sehr schönes Werk.«
»Schön für einen Krieger, meinst du«, konnte er sich die Bemerkung nicht verkneifen und verfluchte Tion dafür, dass er den Augenblick zerstören musste.
Doch Enoïla lachte nur und die Wärme ihrer Stimme ließ Glücksgefühle in ihm hochkommen. »Nein, nicht nur für einen Krieger«, widersprach sie mit leichtem Amüsement und zwinkerte ihm zu. »Auch wenn ich solche Kunstfertigkeit nicht erwartet hätte. Am allerwenigsten von dir.«
»Es freut mich, dass ich dich überraschen konnte«, murmelte er und konnte sich nicht vom Anblick ihrer klaren Augen losreißen. Wie dieser Farbton entstehen konnte, diese Tiefe, in der er schier zu ertrinken drohte, war ihm unbegreiflich.
Sein Herz jubilierte, als Enoïla sich plötzlich vorbeugte und ihre abweisende Art von einem Augenblick auf den anderen wie fortgeblasen war, ausgelöscht und einer Sanftheit weichend, wie er sie sich bei ihrem Temperament kaum hatte vorzustellen vermochte. Flüchtig spürte er ihre Lippen auf seiner Stirn, ihr warmer Atem, der über seine Wange strich und schauderte erneut. Die Spannung in der Luft war beinahe greifbar. »Vielleicht habe ich mich tatsächlich in dir geirrt«, murmelte Enoïla nahe an seinem Ohr. »Welcher arrogante Krieger könnte schon die Geduld zu solch einem präzisen und doch so schlichten Werk haben? Welcher Krieger würde einen Kampf kämpfen, der von vorneherein aussichtslos erscheint, anstatt sich leichtere Ziele für seine Eroberungen zu finden? Ich habe mich in dir getäuscht, Caphalor. Das muss ich. Ansonsten werde ich meine Ansichten noch einmal gründlich überdenken müssen.«
Caphalor lachte leise und sah das amüsierte Funkeln in ihren Augen und das Lächeln auf ihren Lippen, das in diesem Augenblick nur ihm galt. Langsam und nicht wissend, ob er bereits zu weit ging beugte er sich vor und konnte sein Glück kaum fassen, als sie sich ihm entgegenstreckte und die Unterarme auf seine Schultern legte.
Dann schwand auch sein letztes Denken mit der Berührung, die sie ihm gewährte und die all die Mühen und die schiere Verzweiflung der letzten Monde mehr als einmal entlohnte und ihm versicherte, dass er gut daran getan hatte, nicht aufzugeben.
Dieser Kampf hatte sich gelohnt. Vielleicht mehr als alle anderen Kämpfe, die er in seinem Leben ausgetragen hatte. Dies war ein Erfolg, der ihm wertvoller war und mehr bedeutete, als all seine anderen Erfolge gemeinsam.
Und vielleicht, ganz vielleicht war er doch zu einem Teil wie all die arroganten und hochmütigen Krieger dort draußen: auf Erfolg aus und nicht gewillt, aufzugeben und sich etwas Geringeres zu nehmen.
Doch wenn dem so war, dann war er es auf eine gute Weise. Einen anderen Gedanken konnte er nicht zulassen, als Enoïla sich an ihn lehnte und er ihre weiches Haar an seiner Wange spürte, sie ihn aus klaren, blauen Augen ansah und ein Lächeln auf ihren Lippen lag, wunderschön, verführerisch. Und unwiderstehlich.


~*~


Enoïla schmiegte sich lächelnd an ihn und Caphalor legte die Arme um sie, um sie enger an sich zu ziehen. Zärtlich strich er durch ihr Haar und bewunderte die beiden gelben Strähnen, die sich durch die ansonsten schwarze Mähne zogen. Bald würde eine dritte Strähne dazukommen, sofern ihnen das Glück ein weiteres Mal beschieden und ihr Kind gesund und wohlbehalten geboren werden würde. Die Sterblichkeitsrate ihres Volkes war sehr hoch und es wäre nicht die erste Fehlgeburt, die Enoïla erlitt. Doch noch ließ er sich die Stimmung nicht durch solcherlei Gedanken trüben und genoss Enoïlas Nähe. Amüsiert dachte er daran zurück, wie schwer es ihm gefallen war und wie lange es gedauert hatte, bis es ihm endlich gelungen war, sie davon zu überzeugen, dass er nicht wie die arroganten Krieger Dsôns war, stolz und nur an Erfolgen interessiert.
»Was ist so amüsant?«, murmelte Enoïla und wandte den Kopf, um ihn ansehen zu könne. Lächelnd hob Caphalor die Hand und strich über ihre Wange, bewunderte wie so oft die Vollkommenheit ihres Antlitzes und den hellen Farbton ihrer Augen. »Ich dachte daran zurück, wie lange es gedauert hat, bis du auch nur annähernd dazu bereit warst, deine Vorurteile mir gegenüber zu überdenken. Deine Sturheit war legendär«, neckte er und Enoïla lachte. »Und die deine nicht?«, entgegnete sie und lehnte sich leicht an ihn. »Du warst es immerhin, der nicht aufgegeben hat, egal wie oft ich dich zurückgewiesen habe, egal wie beleidigend und abweisend ich mich verhalten habe. Und ich soll stur gewesen sein?«
Caphalor lachte leise. »Es war eine gute Entscheidung, nicht aufzugeben«, murmelte er und küsste sie auf die Stirn. »Und ich bereue sie nicht.«
Enoïla lächelte nur und lehnte den Kopf an seine Schulter. Caphalor blickte über Shiimāl mit seinen weiten, nun im Dunkel der Nacht daliegenden Feldern und Wiesen und genoss den leichten Wind auf seinem Gesicht. Sie hatten dieses Haus absichtlich weit entfernt von Tumult und Gedränge erbaut, nicht lange nach der Geburt ihres ersten Kindes. Die Ruhe sagte ihnen beiden zu und nach Dsôn zu ziehen, hatte niemals zur Debatte gestanden, auch wenn Caphalor die Möglichkeit dazu gehabt hätte.
»Erinnerst du dich noch an unser erstes Treffen?«, fragte Enoïla unvermittelt und folgte nachdenklich seinem Blick.
»Natürlich. Wie könnte ich diese Begegnung vergessen? Auch wenn es von äußerst kurzer Dauer war.«
Enoïla verzog den Mund. »Ich konnte nicht wissen, dass du nicht der arrogante Krieger bist, wie er mir immer vermittelt wurde«, entgegnete sie seufzend. »Du hast dich allerdings auch nicht vom Gegenteil überzeugen lassen wollen.« Caphalor lächelte amüsiert. Die Erinnerungen erheiterten ihn im Nachhinein.
»Falsch.« Enoïla Augen funkelten nicht minder belustigt als die Seinen. »Das habe ich – wenn auch erst nach langer Zeit. Und mit größtem Widerstreben.« Caphalor lachte und legte die Arme um sie. »Widerstreben ist ein milder Ausdruck für dein Verhalten«, murmelte er in ihr Ohr und küsste zärtlich ihre Schläfe. »Ein jeder, dem wir die Geschichte unseres Kennenlernens erzählen, wird sich fragen, wie wir jemals zueinander gefunden haben können.«
»Das habe ich mich damals nicht minder gefragt«, spöttelte Enoïla.
»Und nun fragst du es dich nicht mehr?«
»Nun weiß ich, dass ich mich damals gehörig in dir getäuscht habe«, erwiderte sie. »Es war ein Fehler, auf Vorurteilen zu beharren und dir nicht einmal eine Chance zu geben, mir Anderes zu beweisen. Auch wenn es wahrlich lange genug gedauert hat.«
»Wohl wahr«, murmelte Caphalor. »Auch wenn du nicht lange davor zurückgeschreckt bist, mich und meine Gefühle schamlos auszunutzen.«
»Viel Zeit, um mich zu durchschauen, hast du allerdings auch nicht benötigt«, konterte Enoïla. »Auch wenn es mir beinahe zu leicht fiel, dich auszunutzen. Zumindest für einige Momente er Unendlichkeit.«
Caphalor schnaubte. »Es hätte mir auffallen müssen, dass deine Zuneigung ein wenig zu plötzlich kam«, bemerkte er trocken. »Und ich nahm an, es lag an der Skulptur, durch die du mich endlich weniger als arroganten Krieger denn als Künstler sahst.«
Enoïla schmunzelte. »Oh, die Skulptur gelang dir durchaus hervorragend. Auch wenn du es mir damit nur noch einfacher gemacht hast.« Sie zwinkerte ihm zu und Caphalor lachte. »Ich grub mir selbst eine Grube, auch wenn es dir ähnlich erging.«
»Oh nein.« Enoïla schüttelte lachend den Kopf. »Es ist keineswegs so, dass ich nur den Krieger in dir sah, als ich … mir durch dich zu einigen Vorteilen verhalf. Ich wusste wohl, dass ich mich in dir getäuscht hatte, das sagte ich dir bereits.«
»Zu dieser Erkenntnis bist du wann gekommen?«, meinte Caphalor amüsiert. »Bevor oder nachdem ich vor deiner Tür stand und einen letzten, verzweifelten Versuch unternahm, dich umzustimmen?« »Zuvor. Auch wenn mich dein Kommen in dieser Erkenntnis bestärkte – allerdings auch nicht mehr.«
»Wie beruhigend«, murmelte Caphalor. »Dann muss ich also nicht befürchten, dass du mich nur hereingebeten hast um mich vor deinem Vater zu schützen?« Enoïla gab ein Geräusch, halb Schnauben, halb Lachen von sich und schüttelte den Kopf. »Das mag ein Grund gewesen sein. Der viel wichtigere Grund war, dass du mein Interesse geweckt hattest und ich der Versuchung nicht länger widerstehen konnte.«
»Der Versuchung, mich auszunutzen, meinst du wohl«, bemerkte er trocken und Enoïla konnte sich ein Lachen erneut nicht verkneifen. »Dem kann ich leider nicht widersprechen«, sagte sie gespielt bedauernd und lächelte ihn an. Caphalor schüttelte nur den Kopf, während Enoïla den Blick nun selbst auf Shiimāl richtete, ihr Gesicht war nachdenklich.
»Vielleicht habe ich meine alten Zeichnungen der Pajoorikräuter noch«, murmelte sie wie zu sich selbst. »Sie haben mich lange an unsere Begegnung erinnert.« Sie seufzte. »Ich befürchte, ich verlor sie.«
»Keinesfalls alle«, widersprach Caphalor. »Eine von ihnen besitze ich zweifelsohne noch.«
Überrascht wandte sie den Kopf. »Du?«, fragte sie ungläubig. »Wie kommst du-«
»Der Wind verwehte damals die Skizzen«, unterbrach Caphalor sie. »Diese Gelegenheit konnte ich nicht ungenutzt lassen. Zumal ich ansonsten nichts hatte, das mich an dich erinnerte…«
Empörung zeichnete sich auf Enoïlas Gesicht ab. »Ich nahm an, du hättest zumindest die Ehrlichkeit besessen, mir alle meine Skizzen zurückzugeben«, sagte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Vielleicht täuschte ich mich doch in dir…«
»Gewiss nicht«, lachte Caphalor. »Die Skizzen waren nicht minder schön als du es bist – wie konnte ich es mir da entgehen lassen, eine von ihnen zu behalten, um sie immer, wenn ich dich nicht sehen konnte, betrachten zu können?«
»Du bist unmöglich!«, murmelte Enoïla. »Du-«
Doch Caphalor verschloss ihr den Mund mit einem Kuss und mit einem Seufzen gab sie sich seinen Berührungen hin.
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