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Metro 2033 - Die Sonne der Nacht

von DrWoggle
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12 / Gen
13.05.2015
21.05.2015
4
17.383
 
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Dieses Kapitel
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15.05.2015 4.133
 
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Auf dem Hermannplatz herrschte an diesem Morgen bereits ein reges Treiben. Nichts ungewöhnliches für einen dieser sogenannten Metro-Märkte, die sich nach der Katastrophe an vielen wichtigen Knotenpunkten der Berliner U-Bahn gebildet hatten. Die an der Kreuzung der Linien U7 und U8 gelegene Doppelstation lebte in verhältnismäßigem Wohlstand. Mit dem Reichtum der Stadtmitte oder dem Alexanderplatz konnte sie natürlich nicht mithalten, doch der strategisch günstige Standort brachte gewisse Vorzüge mit sich.
Im Süden der U8 hatten sich eifrige Pilzbauern und Viehzüchter angesiedelt, was eine konstante Lebensmittelversorgung des Handelspostens ermöglichte. Der Süd-Westen der U7 war zwar arm, doch von hier aus waren es ganze drei Haltestellen bis zum schwer befestigten Bollwerk Neuköln, das die Linie vor den Degenerierten schützte. Richtung Norden konnte man den Alexanderplatz über die U8 erreichen und mit einem Hermann-Pass war dies so leicht, wie es ein Spaziergang durch den Park vor der Katastrophe gewesen war. Nur drei Stationen westlich lag der Metro-Markt Mehringdamm, mit dem die Bewohner ein Handelsabkommen pflegten. Von dort aus war es auch nicht mehr weit bis zur Metro Post GmbH und den Schmieden der Harpago-Gilde. Im Übrigen verband ein Regierungstunnel die U8 im Nord-Westen mit der U5, wodurch weiterer Handel mit den ortsansässigen Siedlungen, sowie der schwer bewaffneten Aquila Bruderschaft möglich war.

Ernsthafte Gefahren hatte der Hermannplatz nicht zu befürchten. Durch den von der Stationsregierung vor einem Jahr eingeführten Wehrdienst, an dem sich auch die umliegenden Stationen beteiligten, hatte das Bollwerk Neuköln einen kontinuierlichen Nachschub an Wachmännern.
Die Kommunisten der Deutschen Demokratischen Konföderation im Norden hatten vor rund einem Jahrzehnt ihre Überwachungs- und Kontrollpolitik ändern müssen, da ihre Bewohner ständig über die Mauern der verbarrikadierten Tunnel flohen, so dass die Stationen drohten auszusterben. Heute waren sie etwa so gefährlich wie eine lahme Hundsratte mit Maulkorb.
Vom sogenannten Wilden Westen, in dem sich verschiedene Verbrecherbanden tummelten, bekam man aufgrund der Entfernung so gut wie nichts mit. Und seit man vor gut sieben Jahren den Tunnel zwischen der Blissestraße und dem Fehrbelliner Platz (7) gesprengt hatte, hörte man nur noch Gerüchte über die beiden rechtsextremen Gruppen, die dort weit im Westen ihren blutigen Krieg ausfochten.
Kurz um, die Bewohner vom Hermann, wie die Station von den Überlebenden der Metro genannt wurde, waren zufrieden. Ihrer demokratisch geführten Regierung saß ein Stationsvorsteher vor, welcher alle drei Jahre neu gewählt wurde. Außerdem gab es eine strikte Trennung der drei Gewalten: Das Parlament, die Wachmänner und die Richter. Weiteren Luxus boten eine Bibliothek und eine Schule.

Und in selbige wäre Hannes am liebsten auch gegangen. Etwas wehmütig blickte der Zwölfjährige den anderen Kindern nach, die aus ihren Hütten und Zelten kamen, um pünktlich zum Unterricht zu erscheinen. Lesen und Schreiben konnte der Junge bereits ganz gut, doch in der Schule lernte man auch viele andere Interessante Dinge – zum Beispiel etwas über das Leben vor dem Krieg und das faszinierte ihn sehr. Es musste damals eine unheimlich schöne Zeit gewesen sein, überlegte er, so sorglos und frei. Die Sonne und die Wolken kannte er nur aus Erzählungen und das strahlende Blau des Himmels, das sich bis ins Unendliche über einem erstreckte, war jenseits seiner Vorstellungskraft.
Würde er in die Schule gehen, dann könnte er auch noch mehr über die Metro erfahren. Vielleicht etwas nützliches, dass ihm dabei half, sein Versprechen zu erfüllen, oder vielleicht sogar etwas über den sagenumwobenen Schattenhändler.

Hannes legte die Stirn in Falten und schüttelte den Kopf. Jetzt sei doch nicht kindisch. Erstens würde dieser ach so ominöse Schattenhändler – dabei verdrehte er die Augen – ihm wohl kaum bei der Erfüllung seiner Aufgabe helfen und zweitens war die Schule wohl der letzte Ort an dem man etwas über ihn erfahren konnte. In der Kneipe und den Imbissbuden wurde man da eher fündig. Er hatte schon die wildesten Gerüchte über diesen Maskierten gehört.
Es hieß, er habe kein Gesicht und würde deshalb immer eine Sturmhaube tragen. Aber woher wussten das die Händler, die das erzählten, überhaupt? Schließlich hatte noch niemand den Schattenhändler ohne seine Maske gesehen und zum anderen war es laut den Erzählungen der Leute strikt verboten, Taschenlampen in seiner Nähe zu benutzen. Ja selbst Nachtsichtgeräte erlaubte er nicht!
Aber wie konnte er dann etwas in dieser absoluten Finsternis erkennen? Hatte er selber ein Nachtsichtgerät? Wenn ja, warum erhandelte er dann niemals Batterien? Ja sowieso! Das was der Schattenhändler zum Tausch anbot und was er dafür verlangte war völlig extravagant. Dieser Mann musste unheimlich reich sein, bei dem was er verkaufte. Und dazu war er auch noch ziemlich mutig oder verrückt – oder beides.

Der Schattenhändler verkaufte nagelneue Kleidung. Ja sogar richtige Socken und Schuhe! Ohne Löcher! Wie gern hätte Hannes etwas davon besessen. Um seine Füße hatte der Junge lediglich ein paar alte Lappen gewickelt, um sich gegen den kalten Steinboden zu schützen. Seine eigenen Schuhe und Socken hatte er damals eingetauscht, um Einlass in den Hermann zu bekommen. Und jetzt saß er hier fest. Toll...
Der Schattenhändler verkaufte auch andere wunderliche Dinge. Töpfe, Pfannen, Werkzeuge und was nicht noch alles für Vorkriegszeug. Schreibutensilien, ja sogar Seife, Shampoo, Zahnpasta und so komische, kleine Watteröllchen mit Faden dran, die nur von Frauen gekauft wurden, zählten zu seinen Gütern. Hannes hatte absolut keine Ahnung wozu Letztere gut sein sollten, aber dem Preis nach zu urteilen, waren die Dinger wohl zu irgendwas nütze.
Das, was der Schattenhändler im Tausch für seine Wahren verlangte, war ziemlich ungewöhnlich. Niemand hatte ihm jemals einen Filter für eine Gasmaske verkaufen können. Batterien und Wasser lehnte er auch immer ab. Das einzig normale, das er verlangte, waren Munition und ab und an etwas zu Essen – am liebsten stark gewürzt. Gute Deals konnte man bei ihm jedoch mit Wundheilsalbe, Hautcreme und Ähnlichem erzielen. Wozu brauchte er all den Kram nur? Wenn er doch so ein eitler Schönling war, warum zeigte er sich dann niemandem?
Den besten Preis zahlte der Schattenhändler jedoch für eine Droge Namens Schmarrn. Vor etwa acht Jahren hatte ein Reisender aus Russland diesen Giftpilz in die Metro gebracht. Dur (8) hatte er dazu gesagt, doch dies hatte sich aus unerfindlichen Gründen nicht bei den Berlinern einbürgern können. Hannes musste bei diesem Gedanken unweigerlich den Kopf schütteln. Ein armseliger Drogenheini, nichts wei...
Plötzlich stellten sich seine Nackenhaare auf und ein Schauer rann ihm den Rücken herab. Keinen Augenblick später wurde Hannes hart nach vorn geworfen und spürte ein Brennen an seinem Hinterkopf.

„Au!“
„Jetzt steh nicht da und halt Maulaffenpfeil!“ schimpfte Herr Wolf, „Dafür bezahle ich dich nicht! Hör auf rumzustehen und mach weiter, oder es setzt noch eine!“
„Ja, ja, schon gut...“ gab Hannes genervt zurück und warf dem Ladenbesitzer, bei dem er Schuften musste, einen grimmigen Blick zu.
„''Ja, ja'' heißt: leck...“ donnerte der Händler und holte zu einer weiteren Ohrfeige aus.
„Nein, also ich meinte natürlich: Ja, Meister.“ der Junge duckte sich hinter der Ladentheke zusammen.
„So ist's recht.“ der Mittfünfziger grinste zufrieden, wodurch seine faulen Zähne sichtbar wurden, „Der Herr befielt und der Hund gehorcht. Denk dran, so ein Hermann-Pass ist ganz schön teuer und wenn du nicht arbeitest, bekommst du nie einen.“ Der Mann wedelte altklug mit seinem Zeigefinger.
„Ja, Meister...“ antwortete Hannes resigniert und machte sich wieder an die Arbeit.

Leider entsprach das, was Wolf gesagt hatte, der Wahrheit. So ein Hermann-Pass war wirklich sehr teuer – 30 Patronen für jemanden der nicht an der Station geboren worden war. Wie sollte er das jemals zusammenbekommen?
Als er vor knapp zehn Monaten bei dem Budenbesitzer zu arbeiten angefangen hatte, klang das Angebot nur all zu verlockend – drei Patronen pro Tag und das nur dafür, dass er ein paar Tiere ausnehmen und den Laden sauber halten sollte. Nach zehn Tagen hätte er dann den Pass bekommen und sich zu den Stationen des Roten Kreuzes aufmachen können. Woher hätte er denn wissen sollen, dass Wolf alles erdenkliche von seinem Lohn abzog? Essen, Unterkunft und sogar Wasser kosteten bei ihm etwas. Der Name passte wirklich zu diesem gemeinen Halsabschneider. Immerhin hatte es der Junge fast geschafft, seine Schulden ab zu zahlen, die sich in einigen harten Wochen angesammelt hatten.
Wenn das so weiter ging, würde er sein Auftrag niemals erfüllen. Er hatte es Mama und Papa doch versprochen. Er musste es einfach schaffen! Es war doch ihr letzter Wille. Der Tod seiner Eltern war nun schon über ein Jahr her. Was wäre, wenn er ihre Nachricht zu spät überbrachte? Was wäre, wenn er diesen ominösen Dr. Seidel nicht finden würde? Mama hatte gesagt, dass er sich um ihn kümmern würde. Aber was wäre, wenn er hier für immer festsäße? Hier bei diesem gewalttätigen Grillfuzzi...
Lustlos rupfte er eine Hand voll Innereien aus dem Vogel vor sich und wischte sich erschöpft mit dem Ärmel seines löchrigen Pullis über die verschwitzte Stirn. Die Kiste voller toter Tauben und Ratten auf dem Boden der Imbissbude deutete auf einen langen Arbeitstag hin. Heute war gleich ein gutes Dutzend Karawanen zum Hermann gekommen und diese Wanderhändler hatten schließlich Hunger. Die meisten von ihnen waren auf der Durchreise, da man Gerüchte gehört hatte, dass der Schattenhändler bald wieder tauschen würde.
Hannes war bereits seit 4 Uhr auf den Beinen. Jetzt war es kurz vor acht. Müde schaute er dem Gewusel des Hermanns zu. Überall tummelten sich die Händler auf dem dunkelgrauen Beton des Marktplatzes und boten ihre Wahren feil. Hier und da schallten ihre Rufe von den gelbgefliesten, rußgeschwärzten Wänden zurück. Ein paar Wachen die sich scheinbar verquatscht hatten kehrten verspätet von ihrer Schicht am hermetischen Tor zurück. Ein Betrunkener schlief auf dem Boden vor der Kneipe seinen Rausch aus und störte sich nicht an der Triangel einer jungen Frau, mit der sie den Beginn der Schulstunden einläutete. Fast wie zu Hause...

Zu Hause... Ihm kam das Wort irgendwie fremd vor. Wie das schon klingt! Fast wie eine andere Sprache. Andererseits verband er mit diesem Wort auch die schönen Zeiten von damals. Da, wo alles noch in Ordnung war. Damals, als die Blaschkoallee noch ein friedlicher Außenposten war.
Hannes erinnerte sich an den Ort zurück, an dem er seine früh endende Kindheit verbracht hatte. Seine Freunde, mit denen er in den Tunneln Verstecken spielte. Die Schule mit Frau Klein, die so gut erklären konnte und die so viel über die Welt dort oben wusste. Und Opa, der erst recht noch viel, viel mehr Geschichten kannte. All das endete an dem Morgen nach seinem elften Geburtstag.
Er konnte sich noch genau daran erinnern. Damals wohnte er mit Mama, Papa und Opa in einer echten Hütte aus Blech. Seine Eltern waren sehr wohlhabend, da sie im Auftrag des Roten Kreuzes der Metro arbeiteten. Papa ging damals oft an die Oberfläche und arbeitete dort an einer geheimen Sache. Oh ja, sein Vater war nicht nur ein echter Stalker, sondern auch ein... wie hatte Opa immer gesagt? Ja, ein echter Geheimagent.
Seine Mutter war hingegen nur sehr selten oben. Schließlich hatte sie einen kleinen Sohn und ihren alten Vater um die sie sich kümmern musste, doch sie war es immer, die diese mysteriösen Briefe annahm und verschickte. Hannes hatte ein mal zufällig einen Blick darauf geworfen, doch was dort stand konnte er nicht lesen. Es schien irgendwie verschlüsselt zu sein.
Als er an seinem Geburtstag von der Schule Heim kam, duftete es bereits nach Mamas unbeschreiblich leckerem Pilzkuchen. Sie umarmte ihn zur Begrüßung, gab ihm einen Kuss auf den Schopf und nahm ihm seine Schulhefte ab. Papa und Opa saßen bereits am Tisch und hatten beide diesen verschmitzten Blick aufgesetzt, den Hannes so an ihnen mochte. Er wusste genau, dass die beiden irgendeine Überraschung ausgeheckt hatten.
Hannes wollte jedoch kein Spielverderber sein und versuchte sich nichts anmerken zu lassen. Stattdessen setzte er sich neben seinen Großvater an den Tisch auf seinen Platz und erzählte den beiden von seinem Tag: „Wir haben heute über so ein Spiel von früher gesprochen. Fußball heißt das und...“
„Oh ja, wie ich das vermisse...“ unterbrach ihn sein Großvater.
Und drei mal sind wir Weltmeister geworden!“ (9) ergänzte sein Vater, „Schade, dass ich da noch nicht geboren war.“
„Hey! Ich erzähle grade und ich habe Geburtstag!“
„Entschuldigung, mein Großer. Fahr doch bitte fort.“ sagte sein Großvater beschwichtigend und tippte dem Jungen auf die Hand.
„Tim musste vorlesen und hat sich dabei voll verplappert. Er stand so da,“ Hannes erhob sich grinsend und imitierte seinen Mitschüler, „und hat dann ganz ernst vorgelesen: „Der Spieler...“ kichernd fasst er er sich an den Mund und brauchte einen Augenblick, bis er fortfahren konnte, „Der Spieler scheißt den Ball ins Tor!“

Schon komisch, an was für Kleinigkeiten er sich noch erinnerte. Selbst was sie an dem Tag an hatten. Sein Vater trug den grauen Stalkeroverall, den er fast immer an hatte. Opa hatte ein grün-weiß kariertes Hemd unter einem roten, ärmellosen Pullover an. Dazu kam wie immer eine grüne Cordhose. Seine Mutter trug ihr Lieblingskleid. Weiß, mit vielen blauen und türkiesfarbenden Blumen drauf. Und gegen die Kälte des Untergrunds eine Strumpfhose und eine Strickjacke.

Dann kam auch schon Mama und stellte den Kuchen auf den Tisch. Zwei Kerzen brannten darauf. „Weist du in Amerika, da schreiben die Leute eine Elf so.“ hatte sie erklärt. Danach sangen die drei Erwachsenen ein Geburtstagslied für den Jungen. Papa und Opa wurden dann immer ungeduldiger. Sie wollten Hannes das Geschenk überreichen, aber Mama bestand darauf, dass zuerst der Kuchen gegessen werden musste. Tja, so war sie eben. Zur Feier des Tages hatte sie sogar Süßstofftabletten besorgt – weiß der Geier wo her.
Dann war es endlich Zeit für das Geschenk. Bis über beide Ohren lächelnd hatte sein Vater ihm ein kleines, in braunes Papier verpacktes Etwas herüber geschoben. Als Hannes endlich die Kordel gelöst und dieses Etwas ausgewickelt hatte blieb ihm vor Begeisterung fast das Herz stehen. Er blickte aufgeregt zwischen den Erwachsenen hin und her, als wollte er fragen: „Ist das wirklich für mich?“
„Nun nimm es schon, Hannes, bevor Mama es sich wieder anders überlegt. Ich habe drei Wochen gebraucht, um sie zu überreden.“
„Tja, ja... Meine Kleine war schon immer ein richtiger Dickkopf und immer so besorgt.“
„Vater!“ Hannes Mutter gab dem alten Mann einen leichten Klaps auf die Schulter.
Hannes hielt inzwischen ehrfürchtig ein Taschenmesser in den Händen. Strahlend rot war es, fast neu und es hatte eine weiße Verzierung, die aussah wie das Schild eines Kreuzritters aus dem Mittelalter.
„Ein echtes 91er Huntsman.“ (10) sagte Papa und erklärte Hannes dann die unzähligen Funktionen.

Hannes schreckte aus seinen Erinnerungen hoch und schaute sich um. Gut dass sein Meister nicht gemerkt hatte, dass er schon wieder geträumt hatte. Er hatte absolut keine Lust auf noch einen Denkzettel, wie Wolf es gern nannte, wenn er ihm eine verpasste.
Wie zum Test, ob er seinen Schatz noch besaß, fasste Hannes von außen an seine rechte Hosentasche. Dass er sich dabei völlig mit den Resten der zerlegten Tiere einsaute, die noch an seinen Händen klebten, störte ihn nicht. Erstens waren seine Sachen sowieso schon vollkommen verdreckt und zweitens gab es hier nichts, um sich die Hände ab zu wischen.

Hannes fing wieder an zu tagträumen: Den Rest des Abends hatten sie damals vor dem Ofen verbracht und sich Geschichten von früher erzählt. Der Junge hatte dabei nur geschwiegen und zugehört, da er ja erst nach dem Krieg geboren wurde und deshalb keine eigenen Erlebnisse der alten Welt zu berichten hatte. Trotzdem, oder gerade deshalb gefiel es ihm so sehr diesen Geschichten zu lauschen.
Am nächsten Morgen wachte er sehr früh auf. Die Stationslicher waren noch nicht an, doch Hannes war sich sicher, dass ein neuer Tag begonnen hatte. Etwas hatte ihn geweckt. Ein beunruhigendes Gefühl schwebte in ihm, doch irgendwie fühlte es sich nicht wie Angst an. Es war etwas anderes, mehr eine Ahnung, eine Vermutung, ein Verdacht, dass etwas schlimmes passieren würde.
Damals hatte er dieses merkwürdige – ja was war es eigentlich? – zum  ersten mal wahrgenommen. Er konnte es damals auch noch nicht deuten und für sich nutzen. Was wäre, wenn er es damals schon hätte kontrollieren können? Er hätte seine Familie retten können! Nicht selten machte er sich deswegen Vorwürfe.
Als er dieses Gefühl zum ersten mal spürte war er verwirrt und hatte Angst. Ja, warum auch nicht? Er war damals ja ein noch kleines Kind – nicht so wie heute – das nicht verstehen konnte, was ihm dieses Was-Auch-Immer zu sagen versuchte.
Dabei war das ja eigentlich ganz einfach: Eine Gänsehaut auf den Armen und ein Stein im Magen bedeutete, dass Gefahr von vorn drohte und ein Schauer im Rücken und aufgestellte Nackenhaare bedeuteten... Oh, Mist! Hannes zog im im letzten Moment den Kopf ein, so dass die Hand des Fleischverkäufers ihn nur knapp verfehlte.

„Elendiger Faulpelz! Dir werd' ich helfen, du faules Stück Dreck!“ keifte Wolf und baute sich bedrohlich vor dem Jungen auf.
„Meister, ich träume nicht, ich...“ stammelte Hannes. Jetzt musste ihm schnell etwas einfallen. Wo rannten all diese Leute hin? Bingo! „Da war ein Kunde, aber er ist plötzlich los gelaufen, so wie alle anderen. Sehen Sie, Meister.“ log der Junge und deutete auf die Menschenmenge, die sich unruhig Richtung hermetisches Tor bewegte.
Wolf knurrte den Jungen wie ein Tier an und atmete schnaubend durch seine Nase. Sein Mund war dabei zu einer Fratze verzogen. „Du bleibst hier und drehst den Kram da durch den Fleischwolf. Wehe du bist nicht da, wenn ich zurück komme und es setzt erst recht was, wenn du schon wieder am Träumen bist!“

Am liebsten hätte Hannes auch nachgesehen, warum die Leute plötzlich so aufgescheucht waren. Sie ließen alles stehen und liegen und liefen in Windeseile zum Tor. Alle murmelten sie aufgeregt und neugierig. Was war da los? Ein paar Kinder rannten auch durch die Menge und ignorierten ihre schimpfende Lehrerin, die noch am Schulzelt stand und versuchte ihre Schüler zusammen zu halten, doch es sah eher danach aus, als versuchte sie einen Sack Flöhe zu hüten.
„Die Stalker sind zurück! Kommt schon, sie kann uns nicht alle aufhalten!“ rief ein Mädchen, dass etwa in Hannes Alter war, den anderen Kindern zu und tauchte dann in der Menge unter.
Die Stalker? Jetzt erst? Er blickte auf die Stationsuhr. Es war etwa viertel nach acht. Das war ganz schön spät. Jetzt wo es Sommer war, ging die Sonne etwa gegen 5 Uhr auf und das bedeutete, dass die Stalker ganze drei Stunden den Gefahren des Tageslichts ausgesetzt waren. Klar, dass nun jeder in heller Aufregung war.
Hannes lehnte sich gegen einen der Stützpfeiler des mit Planen umspannten Gerüsts und schloss müde gähnend seine Augen. Wie gerne wäre er jetzt auch am Tor. Als er die Lider wieder aufschlug und sich seine Sicht schärfte, stellte er etwas Beunruhigendes fest.
„Nein, nein, nein!“ murmelte er und betrachtete seine Fingernägel. War es etwa schon so weit? Als wolle eine höhere Macht ihm dies beweisen, zuckte sein linkes Augenlid kurz. Der Junge kniff die Augen zusammen und schüttelte den Kopf. Das war doch bestimmt nur weil er müde war. Verdammt! Müdigkeit war auch ein Symptom! Außerdem war er oft unkonzentriert und sein Was-Auch-Immer funktionierte nicht mehr so gut wie früher.
Verstohlen schielte Hannes zu dem Stand herüber, an dem er die Tablettendöschen gesehen hatte. Wie lange war es her, dass er eine davon genommen hatte? Er wusste es nicht! Wenn er wieder krank würde, dann würde er Dr. Seibels niemals finden. Und erst recht nicht auszudenken, wenn er wieder die Pockenkrätze bekäme. Mama hatte gesagt, dass man sie bekommt, wenn man zu wenig Vitamin D zu sich nimmt.
Und wenn jemand herausfände, dass er sich schon mal damit infiziert hatte, dann wäre es sowieso aus mit ihm. Man würde ihn umbringen! Mama sagte ihm zwar immer, dass die Krankheit ungefährlich sei, aber dass die Leute dumm wären und Angst hätten. Woher wusste Mama das eigentlich so genau, obwohl sie doch keine Ärztin war?

Hannes überlegte. Er war bisher immer ein ehrlicher Mensch gewesen. Niemals hatte er gestohlen, egal wie viel Hunger er hatte. Doch jetzt war das etwas anderes. So eine Dose mit den Vitamin-D-Pillen kostete ganze zehn Patronen und die Gelegenheit war mehr als günstig. Zehn Patronen waren ein Vermögen, dass er niemals zusammenbekommen würde! Und selbst wenn, dann würde ihm diese immense Summe einen weiteren Stein in den Weg legen.
Der Junge blickte sich um. Niemand war hier. Alle waren am hermetischen Tor und hatten dort eine Traube gebildet. Komm schon, dachte er, das merkt doch keiner. Bei all den Dosen, die da rumstehen. Aber was wenn man ihn erwischte? Diebstahl wurde schwer bestraft. Wie genau, das wusste Hannes nicht, aber es war kein Kavaliersdelikt, da war er sich sicher. Doch was wäre die andere Option? Pockenkrätze. Die Entscheidung fiel ihm also nicht schwer.

Fast beiläufig, doch trotzdem vorsichtig schlenderte Hannes zu dem Stand herüber. Er schaute sich abermals um. Niemand war zu sehen. Auch sein Was-Auch-Immer schlug nicht an. Keine Gänsehaut, kein Schauer, kein Nichts. Sollte er es wirklich versuchen? Er war doch kein Dieb!
Ach egal! Hannes warf einen letzten Blick über die Schulter und schnappte sich dann geschwind eines der Pillendöschen. Scheinbar hatte es niemand bemerkt. Glück gehabt!
Auf seinem Weg zurück zu Wolfs Imbissbude dachte er an den Händler, den er soeben um ein Vermögen gebracht hatte. Der Mann versuchte doch auch nur über die Runden zu kommen. Bestimmt hatte er eine Familie, die er ernähren musste. Hannes überlegte gerade, ob er sich eine Hand voll Tabletten nehmen und die Dose zurückbringen sollte, als es ihm kalt wie Eiswasser den Rücken herunter lief. Seine Haare sträubten sich wie das Fell einer zornigen Katze. Nein!

„Nicht so hastig...“ dröhnte eine tiefe Stimme hinter ihm und eine starke Hand packte ihn beim Genick. Hannes hörte vor Schreck auf zu atmen. Ein riesiger Kerl hielt ihn fest und nahm ihm die Pillendose ab. Das schlimmste aber war die schwarze Uniform, die dieser Bär von Mann trug. Die aufgenähten braunen Greifvögel auf dem Anzug ließen keinen Zweifel zu: Ein Stalker der Aquila Bruderschaft hatte ihn erwischt.
Der Mann zerrte ihn grob hinter sich her und schleifte ihn mitten auf den Marktplatz. Dabei klemmte er sich eine große Plastikbox mit Deckel unter den Arm. Hannes versuchte verzweifelt sich zu befreien und beteuerte immer wieder, dass es ihm leid täte, doch der kräftige Kerl ignorierte ihn einfach. Im Zentrum angekommen streckte der Mann das Kind von sich weg, als wäre es radioaktiv verstrahlt und rief die Leute zusammen:
„Was ist aus dieser Station nur geworden? Diebespack wo hin man auch schaut!“ Einige Leute wurden aufmerksam.
„Und nicht nur das! Der hier hat sogar die Dreistigkeit besessen eure teuren und lebenswichtigen Medikamente zu stehlen!“ Mehr Leute wandten sich von dem Tor ab.
„Denkt an eure Kinder! Ohne diese Vitamine hier,“ der Stalker hielt die Pillendose empor, „werden ihre Knochen weich wie Butter!“ Zustimmendes Gemurmel erfüllte die Menge.
„Ich sage: dieser Egoismus muss hart bestraft werden! So ein Handeln gefährdet uns alle!“
Hannes vernahm einige bestätigende Zurufe aus der Menge. Was würde man jetzt mit ihm anstellen? Sein Was-Auch-Immer schlug Alarm, wie die Glocke eines Weckers, den man an einen Dieselmotor angeschlossen hatte.
„Bitte!“ flehte er, „Es tut mir leid! Ich gebe alles zurück, versprochen! Ich mache das nie wieder!“
„Oh ja, ganz recht!“ grinste der Stalker und der Blick in seinen Augen kam dem Jungen vor, als stünde er dem Teufel persönlich gegenüber.
„Ich sorge schon dafür, dass du das nie wieder machst...“ Der Riese drückte Hannes Hand auf die Kiste und klemmte seine Beine um den Arm des Jungen. Dann zog er seine Machete, die er links am Gürtel trug und holte zum Schlag aus.

Nackte Angst hatte den Jungen erfasst. Panisch zog und zerrte er an seinem Arm, doch der Griff des kräftigen Stalkers war wie ein Schraubstock. Hannes versuchte sich mit den Füßen ab zu stoßen und schlug dem Mann mit seiner freien Hand auf den Rücken, aber auch das blieb erfolglos. Seine Augen wurden feucht. Der Kerl würde ihm die Hand abhacken!
Was hatte er sich da nur eingebrockt? Warum war er nur so dumm gewesen? Das hatte er nun davon! Warum war er nur auf diese idiotische Idee gekommen? Was hatte er sich dabei gedacht all seine Prinzipien über Bord zu werfen? Dass ein einziger Fehler solch einen schlimmen Preis fordern würde, hätte er niemals geglaubt.


Anmerkungen:
(7)
Blissestraße und Fehrbelliner Platz
Stationen die über die U7 mit einander verbunden sind.

(8)
dur
Ein in Dmitry Glukhovsky's Metro 2033 Universum vorkommender Giftpilz. Andrej Djakow, Die Reise ins Licht, Seite 413: „Das russische Wort >>dur.“

(9)
Drei mal Weltmeister:
In Dmitry Glukhovsky's Metro 2033 Universum fand der Atomkrieg vor ca. 20 Jahren statt, wodurch man auf 2013 kommt. Deutschland hat den Pokal von 2014 in dieser Welt also nie geholt.

(10)
91er Huntsman
Gemeint ist das 91mm große Offizierstaschenmesser der Firma Victorinox. Zusätzlich zu den zwei Klingen und einer Schere hat es noch zwölf weitere Werkzeuge.
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