Metro 2033 - Die Sonne der Nacht

von DrWoggle
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12
13.05.2015
21.05.2015
4
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13.05.2015 3.115
 
„Das ist langsam nicht mehr lustig!“ brüllte der Junge. „Lasst mich endlich raus, ihr verdammten...“ das letzte Wort ging in dem Schlaghagel unter, den der Zehntklässler auf die Tür der Abstellkammer niedergehen ließ. Keine Antwort. Seit etwa fünf Minuten war das Gelächter seiner Widersacher verstummt und den üblichen Geräuschen gewichen, die muffige Keller von Jugendherbergen für gewöhnlich ausspucken – ein Knarzen hier, ein rauschendes Abflussrohr dort und ab und an das Summen eines alten Boilers. Wütend trat der Teenager ein letztes Mal gegen die Holztür und ließ sich auf den Boden rutschen. Es gab wirklich spannendere Möglichkeiten den programmfreien Tag einer Klassenfahrt zu erleben. Aber er musste ja hier unten festsitzen! Super!

Hoffnungsvoll warf er einen weiteren Blick auf sein Smartphone und hätte es am liebsten augenblicklich gegen die Wand geschleudert. Mühsam beherrschte er sich. Das Ding war zwar nicht von einem teuren Hersteller, aber so viel Taschengeld bekam er nun auch wieder nicht, dass er sich solch einen Wutanfall hätte leisten können. Der Empfang war momentan so dermaßen miserabel, dass er seinen Klassenlehrer nicht über den Internet-Messenger erreichen konnte. Für eine SMS hätte es gereicht, wenn er denn Guthaben auf seiner Karte gehabt hätte.
Eigentlich sollte dieser Tag der beste der ganzen Fahrt werden. Einen ganzen Tag in Berlin, ohne dieses nervige Programm mit einem Museumsbesuch nach dem anderen und dann auch noch diese langweilige Mauer. OK, die Aussicht vom Alexander (1) gestern war schon cool, aber trotzdem gab es Spannenderes. Mit etwas Glück und Überredungskunst hätte er Fat Toni und Ingo Pickelfresse – jedenfalls nannten die sechs coolen Jungs seiner Klasse die beiden so – dazu überreden können, mit ihm los zu ziehen. Die Zwei waren ja mit sonst niemandem befreundet und bestimmt hätte ihnen der Mittelaltermarkt auch gefallen. Seine Lieblingsband, Die Streuner (2), würden heute um 16 Uhr ihre Songs spielen. Vielleicht hätte er sogar Nele gefragt, ob sie auch mit kommen möchte. Vielleicht hätte sie sogar „Ja“ gesagt und vielleicht wären sie sich ja auf dem Konzert näher gekommen und...
Ach, sein wir doch mal ehrlich. Nele und er? Freunde? Oder sogar zusammen? Niemals! Nicht in tausend Jahren! Nele, das schönste, netteste und einfach nur tollste Mädchen der gesamten Schule mit ihm zusammen? Einem zu kurz geratenen, schwächlichen Streber, einem Computer-Freak mit Brille, einem kindischen Comic-Nerd, der auf Rittermärkte steht. Nein, das konnte er sich abschminken. Dazu würde es niemals kommen, so dachte der Junge. Wahrscheinlicher wäre es mit Deryck und seiner Bande von Rowdys Blutsbrüderschaft zu schließen.

Diese Möchtegernprollos ärgerten ihn seit der fünften Klasse. Sie ließen keine Gelegenheit aus auf ihm herum zu hacken. Immer und immer wieder. Warum eigentlich? Was hatte er ihnen denn getan? Er ging doch niemandem auf die Nerven. Jedenfalls versuchte er das. Er blieb immer still und versuchte ihnen aus dem Weg zu gehen. Was konnte er denn dafür, dass er gute Noten schrieb? Selbst seine nerdigen Hobbys – wie es so schön heißt – ließ er außen vor und belästigte niemanden damit. Was machte er denn falsch? Immerhin hatten die Prügeleien aufgehört, seit Lorenz wegen einer anderen Sache von der Schule geflogen war. Der Junge zwang sich ein schwaches Lächeln bei dem Gedanken ab, dass er in ein paar Jahren in der IT-Branche arbeiten, ja vielleicht sogar Videospiele programmieren würde, während dieser stumpfe Idiot bloß Laub harkt oder Müll von der Straße pickt. Irgendeine Art von Gerech-tigkeit musste es doch geben! Oder nicht? Aber was half einem dieser Gedanke, wenn man gerade in einer dunklen Abstellkammer eingesperrt war, während alle anderen eine wunderbare Zeit unter der warmen Sonne Berlins verbrachten? Eigentlich konnte dieser Tag gar nicht mehr schlimmer werden.

Noch während er diesen Gedanken zu Ende führte, hörte er plötzlich das gedämpfte Heulen einer Sirene. Ein paar Atemzüge später vernahm er die Echos entfernterer Alarmsignale. Dazu mischte sich der mechanische Klang einer unverständlichen, monotonen Lautsprecherdurchsage. Was zur Hölle war das? Für gewöhnlich testet die Feuerwehr ihre Sirenen doch nur Samstags. Vielleicht ein Feuer? Aber warum dann dieser Aufwand mit den Durchsagen, die ständig wiederholt wurden? Es ärgerte ihn, dass er kein Einziges Wort davon verstehen konnte, egal wie sehr er sich auch anstrengte zu lauschen.
Das Display seines Smartphones leuchtete auf und zeigte das Symbol einer eingehenden Textnachricht an. „Komm schon!“ feuerte der Jugendliche das Gerät an, auch wenn er wusste, dass dies nicht helfen würde. Das kleine Briefsymbol blinkte tapfer weiter, während der einsame Verbindungsbalken nur ab und zu kläglich auftauchte, als wäre er ein im Polarmeer ertrinkender Schiffbrüchiger. Nach mehreren Minuten, die dem Jungen wie Stunden vor kamen, verkündete sein Handy schließlich surrend und eine Melodie spielend, dass eine anonyme Nachricht eingegangen war.

WARNUNG! NUKLEARANGRIFF NICHT AUSGESCHLOSSEN! DIES IST KEINE ÜBUNG!

„Ha, ha... Sehr witzig ihr Penner.“ maulte der Junge gelangweilt, auch wenn Deryck und seine Kumpanen gerade nicht anwesend waren, „Als ob ich darauf reinfalle.“ Trotzdem las er weiter.

WIR BEDAUERN ZU TIEFST, IHNEN MITTEILEN ZU MÜSSEN, DASS JEGLICHE DIPLOMATISCHE VERHANDLUNGEN IM AKTUELLEN KONFLIKT GESCHEITERT SIND. ZU IHRER EIGENEN SICHERHEIT: BEWAHREN SIE RUHE UND FOLGEN SIE DEN LAUTSPRECHERDURCHSAGEN! SUCHEN SIE UMGEHEND DEN NÄCHSTEN SCHUTZBUNKER ODER DIE NÄCHSTE U-BAHNSTATION AUF!
GOTT STEHE IHNEN BEI
DAS VERTEIDIGUNGSMINISTERIUM


Verdutzt starrte der Junge auf sein Mobiltelefon. Im Hintergrund der Nachricht war der Bundesadler zu sehen. Wenn das ein Scherz von Deryck und den anderen war, dann hatten sie sich diesmal selbst übertroffen. Diese unverständlichen Ansagen, die draußen zu hören waren, hatten sie bestimmt in mühseliger Kleinarbeit am Computer zusammengeschnitten. Aber wie hatten sie dieses Wasserzeichen in eine SMS bekommen? Der Außenseiter fühlte sich auf eine merkwürdige Art geschmeichelt. Dass die sich so viel mühe machten, um ihn nach Strich und Faden zu leimen, brachte ihm das ungewohnte Gefühl beachtet zu werden.
Ein Poltern auf der Kellertreppe ließ ihn hochschrecken. Der Hausmeister der Jugendherberge stammelte einige Flüche und trat dann zornig gegen einen Plastikeimer – jedenfalls klangen die Geräusche danach. Wie hieß der Typ noch gleich? Egal!
„Hallo? Herr Hausmeister, hallo?“ rief der Junge und trommelte gegen die Tür, „Können Sie mich bitte rausholen? So ein paar Idioten haben mich hier eingeschlossen.“
„Vergiss es!“ schnauzte der grauhaarige Alte und machte sich mit seinem Schlüsselbund an einer anderen Tür zu schaffen. „Keine Zeit!“
„Was?“ entfuhr es dem Jungen. „Aber warum? Können Sie nicht bitte ganz kurz...“ versuchte er es, doch der Alte unterbrach ihn: „Ist nicht mein Problem, wenn du Rotzlöffel dich da hast einschließen lassen!“ Der Hausmeister hatte die andere Tür nun aufgeschlossen und es klang so, als stopfte er sich hastig einige Konserven in die Taschen. „Für dich gehe ich nicht drauf!“
Der Jugendliche war nun komplett verwirrt. „Wieso draufgehen? Was ist hier eigentlich los?“
Der Greis lachte hämisch, „Du bist echt schwer von Begriff, was? Der Dritte Weltkrieg! Das ist los! Die atomare Apokalypse!“ Wieder lachte der Mann dreckig und einige Konserven schepperten zu Boden.
„Aber...“
„Viel Glück, Jungchen!“
Der Teenager hatte die Hände gegen die Tür gestützt und konnte hören, wie der Hausmeister die Kellertreppe hinauf eilte. Er brauchte einige Augenblicke um überhaupt zu verstehen, was gerade passierte. Der Dritte Weltkrieg? Atombomben? Das konnte doch nicht sein! Das durfte nicht sein! Andererseits machten diese schweren Metalltore, die überall an den U-Bahnstationen errichtet worden waren, jetzt einen Sinn. Damals, als er als kleines Kind mit seinen Eltern in Berlin gewesen war, hatte es sie noch nicht gegeben. Ja und überhaupt! Was würde aus seinen Eltern? In seiner Heimatstadt gab es keine U-Bahnen! Gab es zu Hause überhaupt Bunker?
In seiner Verzweiflung wählte er die Handynummer seines Vaters. Verdammt! Kein Guthaben! Abgesehen davon, du Idiot, wie soll Papa dir hier jetzt raus helfen, wo er doch gut 200 Kilometer weit weg ist?
Einige Verwünschungen keifend rannte er vor aufkommender Panik in dem engen Raum hin und her, wie ein Raubtier im Käfig und schlug dabei mehrfach, sowie sinnlos gegen die stabile Tür. Sein Puls hämmerte wie ein Maschinengewehr, ihm wurde übel und langsam aber stetig zerschmolzen seine Beine zu Pudding.
Das war's, dachte er, jetzt ist es aus. Du bist tot, Mann! Tot! Hörst du? Gleich wirst du gegrillt!
„Reiß dich zusammen!“ rief er.
Seine Stirn pochte. Erst jetzt realisierte er, dass er seinen Kopf gegen die Tür geschlagen und sich selbst angeschrien hatte. Ruhe bewahren, so einfach ist das. In den Horrorfilmen sterben immer die zuerst, die entweder dumm oder panisch sind. Dumm war er nicht, das wusste er, aber die Angst lähmte seine Gedanken. Er musste sich beruhigen, sonst würde er drauf gehen. Ruhig atmen – ein und aus – ganz easy. Ein und aus. Langsam kam der Teenager zur Besinnung, doch es kam ihm vor als bräuchte er Tage dafür.
OK, denk nach! Was in diesem Raum kann dir Helfen? Putzeimer? Nein! Bodenreiniger? Blödsinn! Konzentrier' dich! Der Wischmop? Hebelkraft? Kein Ansatzpunkt, vergiss es! In seinem Strudel voller unnützer Lösungsansätze tauchte irgendwann sein unfähiger Physiklehrer auf. „Solange die Fläche groß genug ist, kann der Druck fast beliebig erhöht werden.“ erklärte er mit erhobenem Zeigefinger und stützte sich zum Abschluss des Experiments auf die mit Gewichten beladene Holzplatte. Man, das war vielleicht lustig, als das Teil zusammenklappe und er...
Man, Junge! Konzentrier' dich! Druck ist gleich Kraft geteilt durch Fläche. Geringere Fläche bei gleicher Kraft ergibt mehr Druck. Was spitzes schweres muss her! Das Regal!
Mit einem quietschenden Schaben stellte der Junge das schwere Metallgestell schief und zwängte sich dahinter. Wie viel Zeit hat man eigentlich von der ersten Warnung bis zum Aufschlag der Bomben? Wen interessiert das jetzt eigentlich? Du kannst ja noch etwas trödeln, um es heraus zu finden, sagte er gedanklich zu sich selbst.
Er atmete tief durch, um Kraft zu sammeln, während er das eiserne Regal auf seinem schmalen Ende balancierte. Er hatte das Möbelstück bereits so zurecht gerückt, dass die scharfe Kante die Tür kurz hinter dem Schloss treffen würde. Niemals hätte er gedacht, dass ihm die Wissenssendungen, die er gelegentlich aus Langeweile schaute, oder sein inkompetenter Physiklehrer jemals im wahren Leben weiter helfen würden. Obwohl... Das musste ja erst noch bewiesen werden.
Mit aller Kraft warf sich der Jugendliche samt dem massigen Metallgestell gegen die Tür. Es schepperte tierisch, doch das Holz schien bis auf eine kleine Macke nichts abbekommen zu haben. Dafür hatten seine Hüfte und die rechte Schulter schmerzhafte Bekanntschaft mit dem Regal gemacht. Egal, bloß nicht aufgeben. Er war nicht der Loser, für den ihn alle hielten. Er hatte noch nie aufgegeben. Oh, nein! Nicht mal, als ihm Lorenz fast die Nase gebrochen hatte. Er hatte öfter im Dreck gelegen, als er zählen konnte und war jedes mal wieder aufgestanden. Auch jetzt würde er nicht aufgeben – Ende der Welt hin oder her!
Der Junge fasste die Träger des Metallgestells fester und fing an zu murmeln:

Steh auf, wenn du am Boden bist!
Steh auf, auch wenn du unten liegst!
Steh auf, es wird schon irgendwie weitergeh'n!
“ (3)

Unermüdlich hämmerte er mit dem improvisierten Rammbock einen Schlag nach dem anderen gegen die hartnäckige Platte, die ihn von den sicheren Bunkern der Metro fernzuhalten versuchte, bis er die weiteren Strophen schließlich aus voller Lunge brüllte.
Irgendwann hörte er dann das sehnlich erhoffte Knacken von Holz und keine zwei Rammstöße später eröffnete ein krummer Riss dem Jungen den Weg in die Freiheit. Fluchtartig hechtete er den Gang zur Treppe entlang. Noch war es nicht zu spät. Er hatte es geschafft! Der Hausmeister hatte sogar das Licht angelassen. Jetzt musste er nur noch zum Ende des Flures, die Stufen rauf und danach ab in die Metro. Ein Kinderspiel, fertig aus! Wenn er über die Wiese abkürzte – und das hatte er garantiert vor – würde er keine vier Minuten bis zur Station brauchen.
Als der Jugendliche etwa zwei Meter vom Fuß der Treppe entfernt war, erloschen die Kellerleuchten. Ein verdrecktes Kellerfenster ließ nur widerwillig ein paar Sonnenstrahlen ins Innere. Er stockte. Ging es etwa schon los? Wenn ja, dann konnte er jetzt nicht mehr nach oben, das wäre sein sicherer Tod! Aber was wäre, wenn er sich irrte und die Regierung lediglich den Strom abgedreht hatte? Warum zum Teufel sollten die den Strom abstellen? Das macht doch keinen Sinn, du Rindvieh! Schwing endlich die Hufe!
Bei seinem nächsten Schritt bildete er sich ein, einen leisen Knall gehört und ein Vibrieren gespürt zu haben. „Alles gut... Du hast nur weiche Knie.“ versuchte er sich selbst ein zu reden. Staub rieselte nun herab, während die feinsten Körnchen bereits anfingen auf dem Fußboden zu tanzen. Es ging wirklich los. Er hatte zu lange gebraucht. Der Junge war wie gelähmt. Nicht ein mal denken konnte er. Er war nur noch dazu im Stande das Wort „Nein.“ immer und immer wieder vor sich hin zumurmeln.
Der nächste Knall war lauter und fast augenblicklich vibrierte der Boden. Einen Moment später ging ein Ruck durch das Haus und er verspürte einen heftigen Luftzug. Das war jetzt die Zweite, die in seiner Nähe hochgegangen war. Auf ein mal wurde der dunkle Kellergang taghell. Sogar der Schatten des Jungen, der eigentlich vor ihm auf der Treppe hätte sein müssen, fehlte. Ein Beben ließ den Boden erzittern und steigerte sich von Sekunde zu Sekunde. Gleichzeitig wurde der Kall den er gehört hatte, immer lauter und lauter, ja wuchs sogar zu einem ohrenbetäubenden Donnern. Das wäre dann Bombe Nummer drei. Der Teenager wagte es nicht sich um zu drehen. Es heißt ja immer so schön, dass kurz vor dem Tod das Leben des dahinscheidenden an ihm vorbei zieht, doch in seinem Kopf herrschte nichts als Leere. Das Fenster zersplitterte und eine Welle von Hitze überkam ihn.

Stöhnend wachte die Gestalt aus ihrem Alptraum auf. Er keuchte und atmete schwer. Kleine Tropfen standen auf seiner narbigen Stirn und rannen die furchigen Wangen herab. Er saß auf seinem schweißdurchnässten Nachtlager und blickte durch den stockfinsteren Raum. Das Fehlen von Licht störte ihn nicht im geringsten. Seine Augen lieferten ihm trotz der Schwärze ein gestochen scharfes Bild – wenn auch nur in Grautönen.
Immer wieder der gleiche Traum. Kopfschüttelnd fasste er sich an die Stirn und wischte sich den Schweiß weg. Warum konnte er nicht einfach vergessen. Vielleicht hätte er damals auch sterben sollen. Was hielt ihn eigentlich noch in dieser verkorksten, toten Welt? Die Zivilisation lag in Trümmern, doch er stand noch. Welches Recht hatte er eigentlich noch am Leben zu sein? Wieso hatte er eigentlich überlebt? Das widersprach allen Gesetzen der Physik und in was er sich verwandelt hatte widerstrebte erst recht allen Gesetzen der Biologie! Anderseits, was entsprach heute noch Gesetzen der alten Welt? Die Wissenschaft oder das soziale Gefüge von damals existierte nicht mehr.
Ein langgezogenes Fiepen holte ihn aus seinen Gedanken. Rechts von ihm saß ein rattenähnliches Wesen von der Größe eines Steffordshires (4) in einem kleinen Körbchen und blickte die Gestalt fragend an.

„Ja, schon wieder ein Alptraum.“ sagte er zu dem Tier. Das zottige Wesen quiekte erneut, huschte zu einem Regal herüber und fischte die letzte verbliebene Konserve heraus. Die kleine Hundsratte hopste zu der Gestalt zurück und hielt ihr die Dose hin. Dabei stützte sie sich auf ihr zweites rechtes Vorderbein. „Du alter Vielfraß!“ ein Schmunzeln umspielte die rissigen Lippen der Gestalt, „So tröstest du dein Herrchen, wenn er schlecht geschlafen hat?“ Die Ratte ignorierte die Gestalt und fing an sich mit den drei vorderen Pfoten über die Schnauze zu fahren. Es schien so, als sei sie Linkshänder, obwohl zwei Extremitäten aus ihrer rechten Schulter wuchsen.
Kopfschüttelnd hob die Gestalt die Dose vom Boden auf und blickte auf das Etikett. Haltbar bis mindestens: 17.05.17 stand dort. Gut dass seinem Mädchen das egal war. Aber wie lange war dieses Katzenfutter eigentlich abgelaufen? Achtzehn Jahre? Zwanzig? Vierundzwanzig? In Wirklichkeit war das unwichtig. Die Gestalt beließ es bei zwanzig. Das konnte man sich gut merken.

Während das Tier genüsslich die saftigen Brocken aus der stinkenden Konserve holte überprüfte die Gestalt ihre P6 (5), die sie kurz nach der Katastrophe von einem verstorbenen Polizisten erbeutet hatte. Ein volles Magazin und fünf einzelne Patronen waren noch übrig. Nicht viel für eine Shoppingtour, dachte die Gestalt. So ein Abstecher zu den verfallenen Ruinen der an der Oberfläche gelegenen Geschäfte war noch nie ein Spaziergang.
Nach dem Tag X wimmelte es dort nur so von plündernden Überlebenden. Jeder kämpfte für sich. Dachte an niemand anderen. Sie brachten sich sogar für einen halben Schokoriegel gegenseitig um. Doch diese sterbenden Strahlenkranken, die ihr Ende nur herauszögerten, waren nur ein vorübergehendes Problem und im Vergleich zu dem, was heute dort oben lauerte, etwa so bedrohlich, wie eine Gruppe Rentner beim Einkaufsbummel im Ring-Center(6).
Sein Medikamentenvorrat ging zu Ende und ein paar Kugeln wären auch nicht schlecht. Und vielleicht auch mal wieder etwas anderes als Ratte. Er war zwar nicht wählerisch und selbst Quinky störte es nicht, dass sie öfters ihre weniger friedlichen Artgenossen fressen durfte, doch als Geschäftsmann konnte man schließlich seinen Preis fordern. Wie nannten ihn die Menschen noch gleich? Der Schattenhändler. Irgendwie lustig. So sind sie eben, die Menschen – erschaffen ständig mysteriöse Namen für etwas, dass sie nicht verstehen.
Wie lange würde er hier noch bleiben können, bis er wieder vor ihnen fliehen musste? Das Versteck war eigentlich perfekt. Gut verborgen im Keller eines Wohnhauses auf der Lichtenberger Straße Nummer 13. Er hatte sogar einen Schlüssel! Außerdem war es durch ein Labyrinth aus verstrahlten Versorgungstunneln und Kanalschächten mit der U5 verbunden. Außerdem streifen auf dieser Linie keine Wesen umher, mit denen man ihn verwechseln könnte. Andererseits war der Bunker der Bruderschaft gefährlich nahe. Er durfte sich also auf keinen Fall sehen lassen. Nur gut, dass sich niemand durch den halb überfluteten Kanal traute. Jedes mal musste er bei dem Gedanken schmunzeln. Wenn die Menschen wüssten, das sein Keller hier intakt und dazu auch noch frei von Strahlung war, hätte er längst unerwünschten Besuch bekommen.

„Na komm Quinky!“ sagte er zu seinem ungewöhnlichen Schoßtier und nickte in Richtung Tür, „Lass uns mal Sträßchen gehen.“


Anmerkungen:
(1)
Alexander
Der Berliner Fernsehturm steht im Zentrum Berlins nahe dem Alexanderplatz und ist mit 368 Metern das höchste Bauwerk Deutschlands sowie das vierthöchste freistehende Gebäude Europas. Er war im Jahr der Fertigstellung 1969 der zweithöchste Fernsehturm der Welt und zählt mit über einer Million Besuchern jährlich zu den zehn beliebtesten Sehenswürdigkeiten in Deutschland.

(2)
Die Streuner
Eine seit etwa 1995 bestehende Mittelalterband aus Bonn, die auf Mittelaltermärkten, Burgfesten und Ritterspielen auftritt.

(3)
"Steh auf, wenn du am Boden bist"
Passage des gleichnamigen Songs der Toten Hosen, welcher 2002 veröffentlicht wurde.

(4)
Steffordshire Bullterrier
Hunderasse mit bis zu 40cm Schulterhöhe und einem Gewicht von bis zu 17kg.

(5)
P6
Diese seit 1978 produzierte halbautomatische Pistole ist die Dienstwaffe der Berliner Polizei und eine Variante der SIG Sauer P225. Sie fasst ein Magazin mit acht Schuss des Kalibers 9x19mm.

(6)
Ring-Center
1995 eröffnetes Einkaufszentrum im Osten der Berliner Innenstadt, in dem ca. 120 Ladenge-schäfte untergebracht waren.
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