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Hexerwege

GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Geralt von Riva Vesemir
13.05.2015
05.04.2016
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Er lag auf dem Rücken, als er das Bewusstsein wiedererlangte. Ihm war nicht mehr kalt, stellte er fast verwundert fest. Ein dumpfes Pochen in Schulter und dem kaputten Bein ließen Erinnerungen wach werden. Die Fahrt. Gabelschwänze. Der Kampf gegen Schmerzen und Ohnmacht auf dem Weg zurück zur Burg. Dann Hände, die ihn packten, schemenhaft, wie eine Vision im Delirium das Gesicht des Apothekers über ihm, Angst, mehr Schmerzen, dann Schwärze.

Er öffnete die Augen und erblickte er die vertraute Holzdecke seiner Kammer. Er versuchte, den linken Arm zu bewegen, was von einer straffen Bandage um seinen Oberkörper verhindert wurde.

„Na, du weilst ja doch noch unter den Lebenden.“ Mit Mühe wandte den Kopf. Die schlacksige Gestalt mit wildem Haar und Vollbart saß auf dem grob gezimmerten Stuhl, blickte mit einem breiten Grinsen auf ihn herab.

„Und es war klar, welcher Geier als erstes an meinem Krankenbett eintrudelt um sich an meinem Elend zu laben,“ bemerkte er leise und schloss die Augen.

„Nah, die pure Sorge um einen alten Freund,“ entgegnete Adalbert, der Hexer, der nun schon seit über hundert Jahren der Schmiedemeister von Kaer Morhen war.

„Wie lange?“, fragte der Hexer matt.

„Wie lange du ohnmächtig warst? Seit gestern Nachmittag. Wilgard hat dir ein Schlafmittel gegeben. Heute früh hat er wohl versucht, dich wachzukriegen. Der Verwalter wollte rausfinden, was genau mit dem Wagen und der Stute passiert ist, aber scheinbar war da nix zu machen.“

„Der Wagen hängt vor der Klamm. Die Stute ist verletzt.“

„Tja, das  hilft jetzt auch nicht mehr. Es ist Mittag. Er dürfte mit den Jungs bereits dort sein und sich um den Schlamassel kümmern.“

„Das ist… gut“, erwiderte der Hexer und langte mit der rechten Hand, die auf der Decke lag zum Gesicht, fühlte nach dem Fremdkörper in seiner Nase und  versuchte zu schlucken. Er verspürte nicht den charakteristischen Durst bei Blutverlust. Der Apotheker hatte ihm, als er bewusstlos war, durch die Nase einen Schlauch eingeführt, um ihm Flüssigkeit und Medizin einzuflößen stellte er mit einem vagen Gefühl von Ekel und Horror fest.

„Hast du Durst? Hunger? Schmerzen?“

„Geht so. Hab nur einen widerlichen Geschmack im Mund.“

Der Schmied beugte sich vor, hob seinen Kopf an und hielt ihm wortlos einen Becher Wasser an die Lippen. Er trank einige Schlucke, fühlte sich schwach, zitterig. „Ich hab wohl viel Blut verloren.“

„Fast zu viel,“ bemerkte der Schmied. „Viel hätte nicht gefehlt, und du wärst uns hoppsgegangen. Du musstest dich ja auch ausgerechnet von einem Gabelschwanz beißen lassen wie ich höre. Dich verfolgt wirklich das Pech, dieses Jahr,“ frotzelte er.

„Beißen lassen! Das Vieh hat mich angegriffen“, entgegnete er, versuchte sich aufzurichten, gab den Versuch aber sofort auf und sank mit einem Anfall von Schwindel in die Kissen zurück.

Der Schmied legte ihm die Hand auf die Brust. „Bleib bloß brav im Bett liegen. Niemand hier hat Lust, dich vom Boden aufzusammeln, wenn du bei einem hirnlosen Versuch, aufzustehen aus dem Bett fällst und die Wunden wieder aufreißen. Erzähl lieber, was passiert ist.“

„Da waren zwei von den Viechern.“

„Ein Paar gleich?“

„Jepp. Noch jung.“

Angewidert verzog der Schmied das Gesicht. „Auf der Suche nach einem Revier. Ausgerechnet hier!“

„Dumme Idee,“ stimmte der Hexer zu. Er begann sich langsam etwas wacher zu fühlen. So lange er nicht versuchte, sich zu bewegen, ging es ihm besser. „Was… was ist mit dem Jungen?“, fragte er zögerlich.

„Der, den du mitgebracht hast? Jadwiga hat sich anscheinend um ihn gekümmert. Das Übliche.“

Dem Hexer zog sich bei dem Gedanken der Magen zusammen. Das Übliche bedeutete, dass er betäubt und in eine Kammer gesperrt wurde, bis er in ein paar Tagen für die Kräuterprobe bereit war. Die Mittel, die sie ihm gaben sorgten immerhin dafür, dass er sich nicht ängstigen würde, was dem Hexer kein großer Trost war.

„Die Burg summt jedenfalls seit gestern Abend vor wilden Gerüchten,“ fuhr der Schmied fort, die Anspannung auf dem Gesicht des Freundes als das Resultat von Schmerzen missdeutend. „Vor der Klamm, sagst du. Dann werden die so schnell nicht zurück sein.“

„Glaube ich auch nicht. Der Wagen hängt im Graben, ein Rad gebrochen, die Stute hab ich laufen lassen,“ antwortete der Hexer leise.

„Schöne Scheiße. Dann ist an den Geschichten, dass letztes Jahr im Norden Gabelschwänze erfolgreich gebrütet haben was dran.“

„Scheint so. Ich dachte schon, die wären ausgestorben, so lange hat niemand mehr welche gesehen.“

„Und du musst dich natürlich gleich mit ihnen einlassen, trotz deinem Bein.“

„Die hatten gute Deckung in den Wolken, und ich konnte ihnen ja nicht die Pferde überlassen. Den ersten habe ich glatt erwischt. Beim zweiten, hat das Zeichen irgendwie nicht mehr gewirkt. Der Wallach hat plötzlich in Panik um sich getreten, gerade als ich ihr das Vieh vom Leib halten wollte. Hat mich mit dem Hinterhuf erwischt. Der Gabler hat das ausgenutzt und hat mich angefallen. Hab ihn durchbohrt, ausweichen konnte ich auf einem Bein nicht, hab aber nicht das Herz erwischt, nur die Lunge. Hat mich zu Boden gedrückt, sodass ich das Schwert nicht mehr rausziehen konnte und hat zugebissen. Wenn der Junge nicht gewesen wäre, hätte er mich fertiggemacht.“

„Was ist passiert?“

„Der Kleine hat von hinten mit einem Ast auf ihn eingeschlagen, hat geschrien wie am Spieß. Da hat das Vieh sich aufgerichtet. Ich hab das Schwert aus seiner Brust gezogen, ihm noch einen Hieb in den Hals verpassen. Er hat dann den Jungen verfolgt, der ist unter den Wagen gekrochen. Da ist er dann langsam ausgeblutet. Er hat mir dann die Wunden behandelt und mit den Pferden geholfen. Als ich vom Blutverlust halb ohnmächtig war hat er das Pferd gepackt und heimgeführt. Stell dir vor, ich lebe nur, weil ich keinen Mohnsaft dabei hatte um ihn zu betäuben. In den zwei Tagen hat er anscheinend so einen Narren an mir gefressen hat, dass er mich nicht sterben lassen wollte.“ Erschöpft von der Anstrengung, die ihn das Sprechen gekostet hatte und von dem Eindruck des Erlebten schwieg der Hexer.

„Wie alt ist er“

„Sechs, sieben Jahre.“

„Ziemliche Geschichte, das. Die Beste seit einer ganzen Weile.“

„Allerdings. Er hat mir das Leben gerettet. Zwei Mal. Und dafür wird er jetzt dann…. Verdammt!“ Er schaffte es nicht, den Satz zu beenden. „Adalbert?“

„Was?“

Der Hexer zögerte, aber die Worte wollten ihm nicht über die Zunge kommen. „Nichts. Es ist, wie es ist.“

„Das ganze hat dich ziemlich mitgenommen, und nicht nur körperlich.“

„Wie kommst du auf die Idee,“ erwiderte der Hexer gereizt.

„Die Jungs nennen dich nur `die alte Krähe`, aber so ein harter Hund bist du nicht. Bist du nie gewesen, auch wenn du gerne so tust.“

„Was du nicht alles weißt.“

„Ich kenn dich lang genug.“ Der Schmied machte ein nachdenkliches Gesicht und seufzte. „Na, ich muss dann mal gehen, hab noch jede Menge zu tun heute. Und Wilgard ist nicht begeistert, wenn ich seine beinahe hoppsgegangenen Patienten belagere. Ruh dich aus.“ Der Schmied erhob sich von dem Stuhl, wollte sich schon zum Gehen abwenden.

Der Hexer verspürte den plötzlichen Drang, sich seinem besten Freund, genauer genommen dem einzigen wirklichen Freund, den er auf der Burg hatte anzuvertrauen. „Warte.“

„Ja?“

„Was wir mit den Kandidaten machen. Hast du schon mal dran gedacht, dass es …. unmoralisch ist?“

„Du hast also genauso einen Narren an dem Jungen gefressen, wie er an dir. Du wünschst, du könntest ihm die Mutation ersparen,“ stellte der Schmied sachlich fest. „Jetzt hat es dich also erwischt. Ausgerechnet dich, der mit den Jungen nie wirklich was anfangen konnte, außer den älteren von ihnen auf dem Übungsplatz blaue Flecken zu verpassen, wenn du mal wieder hier überwinterst?“

„Weil er mir aus irgendwelchen Gründen vertraut, ich weiß nicht warum,….. ich fühle mich, als hätte ich ihn zur Schlachtbank geführt. Vier von Zehn. Du kennst doch die Quote, und was man dabei durchmacht.“

„Wenn wir das nicht alle wüssten, würden Hexer dann noch für wenig Geld irgendwelche wehrlose Bauern vor Ungeheuern retten? Würden dann nicht mehr Hexer ihren Unterhalt als Söldner oder gedungene Mörder verdienen? Ist einfacher und bringt mehr ein,“ erwiderte der Schmied sanft, nach einer ganzen Weile Bedenkzeit. Du wusstest das schon immer, darum hast du um die jüngeren Lehrlinge immer so einen Bogen gemacht und meidest den Turm wie die Striege das Silber.“

„Du meinst, das schlechte Gewissen macht uns zu besseren Mutanten?“

„Das ist eine Möglichkeit, es zu sehen. Die Lehrlinge, die uns Probleme bereitet haben waren doch immer die, die den Respekt vor einem Menschenleben verloren haben. Kannst du dich noch an Vaclav erinnern? Der hatte keine Skrupel davor, andere Menschen leiden zu lassen.“

Der Hexer schauderte bei dem Gedanken an das Blut im Schnee, an den Lehrling, der mit zehn, elf Jahren angefangen hatte zum Spaß die kleineren Jungen zu misshandeln. Er war ein Mitschüler von Adalbert gewesen. „Inarin hat ihn hingerichtet.“

„Inarin hat ihn zum Duell auf Leben und Tod gefordert. Und der elende Feigling hat einfach das Schwert weggeworfen und um Gnade gewinselt. Nachdem Inarin sich Jahrelang um ihn gekümmert hat, versucht hat, ihn auf den Weg der Besserung zu bringen, Vaclav ihn nur belogen hat. Kannst du dich an den Vortrag erinnern, den er an dem Abend gehalten hat?“

„Darüber, dass wir alle Opfer bringen müssen, um andere Menschen vor den Übeln dieser Welt zu schützen und dass es nicht einfach ist. Das hat er immer gesagt, auch schon damals, als er noch mein Lehrer war“

„Was sorgt dafür, dass Hexer nicht, so wie Vaclav, zu tollwütigen Hunden werden? Das Wissen um die Leiden der Unschuldigen. Wir sind der wandelnde Widerspruch, Vesimir. Geschaffen und ausgebildet um zu töten, aber wie ein Kriegshund an der Kette des Mitgefühls für die, die zu schwach sind, sich selbst zu helfen. Den Widerspruch zwischen Töten als Handwerk und Mitgefühl für die, die unsere Hilfe brauchen müssen wir aushalten. Wenn es uns egal wird, dann ist es besser, ein Inarin kann es aushalten und tut seine Pflicht an uns.“

Nachdenklich betrachtete der Hexer eine Weile die Maserung der vom Alter dunklen Holzdecke. „Was hat das mit dem Jungen zu tun?“

„Du bist ein Hexer. Aber wenn du nicht fühlen könntest, was du fühlst, dann wärst du ein Ungeheuer, genauso ein eine Gefahr für die Menschen wie Vaclav es war.“

„Ich wusste garnicht, dass an dir so ein Philosoph verlorengegangen ist“, bemerkte der Hexer sarkastisch.

„Tja, du hast mich ja bisher nie gefragt. Wenn man lange genug auf dieser Burg hockt, die Lehrlinge und Hexer kommen und gehen sieht, am Amboss steht und Zeit hat, sich Gedanken zu machen.“ Er streckte den mit einem Holzbein versehenen Unterschenkel. „Wie ich sehe ist dein Bein ist noch dran. Ich hatte schon gedacht, ich könnte dir eine Stelle in meiner Werkstatt anbieten.“

Der Hexer bewegte probehalber die Zehen. „Die Göttin bewahre! Ich glaube die nächsten Jahrhunderte könnte ich nicht jeden Tag deine Lebensweisheiten ertragen,“ entgegnete er säuerlich.

Der Hexer-Schmied lachte laut auf.

„Und du alte Klatschbase hockst den ganzen Tag hier rum um als Erster an die guten Geschichten zu kommen.“

„Nah, ich hocke nicht hier rum. Ich mache gerade meine ehrlich verdiente Mittagspause. Hab heute Vormittag schon den Stahlkern für Wenzels Silberschwert fertiggemacht. Muss dann auch mal gehen, die Gussform für den Silbermantel braucht ihre Zeit.“

„Adalbert? Das was wir hier besprochen haben brauchen nicht die Runde zu machen.“

„Ja. Geht klar.“

„Die Gabelschwänze, wenn die Jungs sie herbringen, ich will von einem den dünnen Flügelknochen und einen Eckzahn.“

„Ich wette, die Skelette wollen sie präparieren, für die Sammlung. Was willst du damit? Du bist doch sonst kein Andenkensammler.“

„Stimmt. Das ist eine Ausnahme.“

Der Schmied zog eine Augenbraue hoch, erhob sich dann von dem Stuhl wandte sich zum Gehen.

„Adalbert?“

„Ja?“

„Danke.“

„Da gibt es nichts zu danken. Ich kann das Problem ja nicht lösen. Ich kann dir höchstens zuhören.“

„Man könnte diesen elenden Beruf aufgeben. Sich irgendwo niederlassen und den ganzen Mist hinter sich lassen“, schlug der Hexer in einer plötzlichen Aufwallung von Widerwillen gegen die ganze Hexerei vor.

„Die Leute würden es schnell rausfinden,“ entgegnete der Schmied. „Niemand sonst hat in der Nacht reflektierende Augen und altert nicht so wie alle anderen. Sie mögen uns nur so lange, wie sie Arbeit für uns haben oder wir in einer Wirtschaft bei einem Bier fantastische Geschichten erzählen. Wenn du dich irgendwo niederlässt und in der Gegend bekannt wirst kämen ständig irgendwelche Anfragen nach Arbeiten, die du nicht machen willst. Beseitigung irgendwelcher unliebsamer Leute und so. Oder irgendwann kreuzt ein aufgebrachter Mob vor deiner Tür auf, weil irgendwer glaubt, du hättest seine Kühe behext. Und bei jedem Toten, der nachts mit einem Messer im Rücken gefunden wird, wärst du der Erste den sie verdächtigen. Und als Schwiegersohn will einen Hexer schon dreimal niemand. Du kennst das ja. Es gab doch schon den Einen oder Anderen, der es probiert hat.“

„Du hast ja Recht“, erwiderte der Hexer deprimiert.

„Wir haben alle mal unsere moralischen Durchhänger. Die Welt ist einfach beschissen, wie sie ist, nicht nur für uns, da beißt die Maus keinen Faden ab. Machen wir das Beste draus und hoffen wir, dass der Kleine die Mutation übersteht. Dann kannst du dich kümmern, dass ein anständiger Hexer aus ihm wird. Er scheint ja wirklich geeignet zu sein für den Beruf.“

„Das ist er.“

„Dann ruh dich jetzt aus, grübeln kannst du später immer noch. Und sprich ein paar Gebete.“

„Du und deine Götter.“

„Mir haben sie in der Not geholfen“, entgegnete der Schmied ernst.

„Du hast zu viel Zeit bei den Zwergen verbracht“, stellte der Hexer fest. „Wenn ich mal wirklich nicht mehr mag, kann ich dann auf dein Angebot mit der Schmiede zurückkommen?“, fragte er halb im Ernst.

„Aber klar. Wenn du hundert Jahre lang jeden Tag meine Lebensweisheiten und den Schrein in der Ecke der Werkstatt erträgst?“

Der Hexer verzog das Gesicht. „Geh deine Form bauen.“

„Mach ich. Ich schau heute Abend wieder vorbei. Sonst stirbst du uns nicht an dem Gabelschwanzbiss, sondern, die Götter bewahre, aus purer Langeweile und weil du in dem Bett zu viel Zeit für trübe Gedanken hast. Ich sag Wilgard bescheid, dass du wach bist.
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