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Hexerwege

GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Geralt von Riva Vesemir
13.05.2015
05.04.2016
7
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15.03.2016 2.835
 
„Keine Sorge, hab schon schlimmeres überstanden,“  versicherte der Hexer mit zusammengebissenen Zähnen. Der Speichel von Gabelschwänzen sorgte dafür, dass Wunden nicht aufhörten zu bluten, die Verletzung war also alles andere als harmlos. Er versuchte, sich auf die Seite zu drehen, tastete mit der rechten Hand nach der linken Schulter. „Oben auf dem Wagen, unter dem Kutschbock ist eine braune Tasche, die brauche ich. Außerdem meinen Gehstock. Und hinten, unter er Plane, da wo du gesessen bist, da ist noch ....“ Der Hexer hielt in seinen Anweisungen inne. Junge zitterte am ganzen Körper und starrte auf das Blut, das durch die zerfetzte Jacke des Hexers sickerte, dann schweifte sein glasiger Blick zu dem Gabelschwanz. „Ah. Das war alles ein bisschen viel, was?“ Der Hexer griff mit der Rechten seinen Arm. „Schau mich an!“ Nach einigem Zögern tat der Junge, wie geheißen. „Dass mich der Gabelschwanz nicht umgebracht hat, das verdanke ich nur deinem Mut.“

„Und was mach ich, wenn noch einer kommt?“, fragte er mit mit vor Panik piepsiger Stimme.

„Das wird nicht passieren. Die leben entweder alleine oder als Paar. Zwei sind tot, Problem beseitigt.“

Der Junge nickte. Hemd und Hose waren nass, er zitterte nicht nur vor Angst sondern auch vor Kälte.

„Wir müssen jetzt nur noch den Weg rauf zur Burg schaffen und ich könnte da nochmal deine Hilfe gebrauchen.“ Nicht ohne Ironie bemerkte er, dass er jetzt tot wäre, hätte er Mohnsaft dabei gehabt und das Kind für die Fahrt damit betäubt.

„Was soll ich machen?“, fragte er leise.

„Bist ein tapferer Bursche. Kletter auf den Wagen und schau unter dem Kutschbock, da ist meine braune Tasche, die brauche ich, und unter der Plane, hinter dem Kutschbock, da wo du gesessen bist, da ist die andere braune Tasche, in der ist ein sauberes Hemd. Und den Wasserschlauch. Bring die Sachen her“, wies er ihn mit vom Schmerz rauer Stimme an. Er zog sich in eine sitzende Position und drehte den Kopf, um den Schaden an seiner Schulter in Augenschein zu nehmen.

„Hilf mir, die Jacke und das Hemd auszuziehen“,wies er den Jungen an, als er die Gegenstände neben ihm ins nasse Gras gelegt und sich in ängstlicher Erwartung neben ihm hingekauert hatte. Es dauerte etwas, bis er mit seinen nassen Fingern alle Knöpfe geöffnet hatte. „Erst die gute Seite.“ Er biss die Zähne zusammen als er ihm die gepolsterte Jacke, gemeinsam mit dem Hemd von der verletzten Schulter zog. Dort, und an seinem Oberarm fand er in einem Halbkreis Bisswunden, die auf seinem Rücken ihr Gegenstück hatten. Blut, das nicht mehr in die Kleidung sickern konnte vermischte mit dicken Regentropfen und rann auf seine Brust. Er atmete mehrmals tief durch. „In meiner Tasche ist ein Holzkästchen, das brauch ich.“

Der Junge kramte es heraus und hielt es ihm hin. Mit Mühe öffnete er einhändig den Verschluss, zog eine Glasphiole mit purpurfarbigem Siegel heraus. Er brach mit dem Daumen das Siegel, trank den Inhalt und und spülte ihn mit einem großen Schluck aus dem Wasserschlauch herunter. Dann nahm er ein anderes Fläschchen heraus, betrachtete es prüfend.

Die betäubende, euphorisierende Wirkung des Elixiers setzte zum Glück schnell ein, der brennende Schmerz begann sich in ein dumpfes Pochen zu verwandeln. „Zieh das alte Hemd aus der Jacke und gib es mir. Und dann schau genau zu, was ich mache.“ Er rutschte etwas nach hinten, sodass er sich mit dem Rücken an das Wagenrad lehnen konnte. Dann wischte er mit dem Hemd das Blut ab, so gut es ging, öffnete das Fläschchen und tropfte etwas von der dunklen Flüssigkeit in jeder der Wunden. Er kniff die Augen zusammen und atmete hörbar aus, als die Flüssigkeit sich mit dem Blut vermischte und zu schäumen begann, dankbar für die Wirkung des Schmerzmittels. Er verkorkte rasch  das Fläschchen und wartete ab, bis die Reaktion nachließ.

„Jetzt nimm das alte Hemd und mach mit den Wunden auf meinem Rücke genau das selbe wie ich eben“,  wies er den Jungen an, als er sich wieder halbweges gefangen hatte. „Wisch das Blut weg, dann gibst du, ein paar Tropfen von der Flüssigkeit hier in jede der Wunden. Nur ein paar Tropfen. Das stoppt die Blutung. Meinst du, du schaffst das, ohne das zu verschütten?“

Der Junge betrachtete das kleine Glasgefäß. „Glaub schon“, erklärte er tapfer, obwohl sein Gesichtsausdruck etwas anderes verriet. Dem Jungen zitterten die Hände, sodass er die Phiole kaum halten konnte, als der Hexer sie ihm vorsichtig reichte. Er umschloss die kleine Hand mit der Seinen. „Beruhig dich. Keine Eile.“ Wenn er ihn  jetzt hetzte und er die Flüssigkeit verschüttete standen seine Chancen, die Burg lebend zu erreichen nicht mehr so gut. „Ich weiß, das schäumt und schaut scheußlich aus. Das gehört so, lass dich davon nicht erschrecken.“ Er wartete geduldig, bis er den Eindruck hatte, dass der Junge sich einigermassen gefangen hatte. „Verschütte es nicht, das ist alles was ich davon habe.“ Er drehte sich so zur Seite, sodass er mit den Wunden am Rücken beginnen konnte. „Erst alles Blut gut wegwischen, dann ein paar Tropfen in jede von den Zahnwunden“, erinnerte er ihn. Der Junge tat wie aufgetragen, so gut er es zustandebrachte, und den Schmerzen nach zu urteilen hatte er es leidlich hinbekommen. Er wartete, bis die Reaktion abgeklungen war, dann  setzte er sich wieder auf und hob probeweise den linken Arm.

„Jetzt wickel das saubere Hemd lose um die Schulter und dann hilf mir wieder in die Jacke.“

Er zog sich am Wagenrad auf die Füße, obwohl die Schmerzen jetzt ganz brauchbar betäubt waren vermied er es, den linken Arm zu benutzen. Er betrachtete die Pferde, die immer noch vom Zeichen betäubt stumpf vor sich hinglotzten.

„Ich brauch meinen Dolch. Der steckt im Hals von dem Gabelschwanz da. Kannst du ihn rausziehen, und ihn mir bringen?“

Fragend sah der Junge ihn an.

„Ist nicht anders, als wenn der Bauer ein Schwein abgestochen hat. Das ist einfach nur ein totes Tier, das kann dir nichts tun.“

Das schien den Jungen nicht sonderlich zu ermutigen.

„Der Gabelschwanz ist hässlicher als ein Schwein, das stimmt schon“, bemerkte er mit einem schiefen Grinsen. „Ich brauche den Dolch, sonst kommen wir von hier nicht weg und ich kann mein kaputtes Bein noch meinen linken Arm nicht zu viel benutzen. Aber wenn du magst kann ich dir aus dem Flügelknochen eine Flöte schnitzen.“

Ungläubig sah der Junge zu ihm hoch, dann wandte er sich um, und näherte sich dem Ungeheuer langsam. Ganz offensichtlich mischte sich nun doch Neugier auf die geflügelte Kreatur in seine Abscheu. Zufrieden wandte sich der Hexer den Pferden zu und begann, die Zugketten auszuhaken. Während der Junge sich abmühte, den Dolch aus dem Gabelschwanz herauszuziehen humpelte er zum Kopfende des Gespanns und begann lauthals zu fluchen. Die Stute hatte sich in ihrer Panik an einem abgebrochenen Baumstumpf verletzt, Blut tropfte von ihrer Schulter. Der Hexer nahm die Wunden näher in Augenschein. „Kannst ihn mir im Gras abwischen?“, wies er den Jungen an als er ihm den Dolch hinhielt. Er tat wie aufgetragen und der Hexer begann, die Zügel des Wallachs in passender Länge durchzusschneiden. „Und jetzt hopp, auf den Wagen mit dir.“ rief er ihm zu. Er machte die Stute vom Wagen los, damit sie sich Wasser und Futter suchen konnte, bis die Jungs von der Burg sie holen kamen. Dann verknotete er bei dem Wallach die abgeschnittenen Zügel über dem Hals, schob den Dolch in die Scheide an seinem Gürtel. Er humpelte, das Pferd hinter sich herziehend zum Wagen, und kletterte dann mit etwas Mühe auf den Kutschbock. Dort zog er mit Hilfe des Jungen den Mantel an. Dann schwang er sich auf das Pferd. „Reich mir den Stock, und dann komm.“ Er streckte die Hand aus um dem Jungen vor sich auf das Pferd zu helfen. Die Wirkung des Elixiers würde nicht ewig anhalten und er hatte nicht den Eindruck, als wären die Blutungen völlig gestillt. Keine Zeit zu verlieren.
Der Hexer benutzte den Stock, um das Pferd zu einem flotten Schritt anzutreiben. Die Stute humpelte hinter ihrem Kollegen her, blieb dann aber zurück. Der Regen prasselte jetzt nur so auf sie herunter. Der Hexer zog den Mantel um den Jungen, der sich dankbar für die Wärme an ihn lehnte.  Sie kamen flott voran, auf der Straße durch die Klamm, die die Zwerge in den Felsen getrieben hatten, wo die steilen Hänge natürlicherweise nicht ausreichend Platz boten.

Nach einer ganzen Weile weitete sich die Klamm mit dem rauschenden Fluss zu ihrer Rechten zu einem dicht bewaldeten Tal. Sie passierten eine Stelle wo geräumter Windbruch vom letzten Winter die Sicht auf die Landschaft freigab. „Da, Kaer Morhan.“ Der Hexer deutete auf eine kleine Anhöhe zu ihrer Linken. In der Ferne zwischen Wolkenfetzen und Regenschleiern, thronte unterhalb eines Felsmassivs die alte Festung.

„Hat da früher mal ein König gewohnt?“ fragte der Junge beeindruckt.

„Keine Ahnung. Ursprünglich haben die Zwerge Kaer Morhan gebaut, es gibt alte Stollen unter der Burg aus der Zeit. Und dann sind die Elfen gekommen, die meisten heutigen Gebäude stammen von denen. Menschliche Könige waren nie an Kaer Morhan interessiert. Zu abgelegen, zu schlecht zu versorgen, und die alten Bergwerke im Tal sind alle erschöpft.

Schweigend ritten sie weiter durch den Regen. Nässe kroch dem Hexer durch den Kragen in die Kleidung. Nach einer Weile begann er zu frösteln. Er steckte seine rechte Hand in die Jacke und zog sie blutverschmiert wieder hervor. „Gottverdammte Scheiße!“ Die betäubende Wirkung und die Hochstimmung durch das Elixier ließen langsam nach und er verlor mehr Blut als er erwartet hatte. Er trieb das Pferd zu größerer Eile an, die einsetzenden Schmerzen und den Schwindel ignorierend. Was ihm eine ganze Weile ganz gut gelang, bis sein Puls sich beschleunigte und das Schwächegefühl ihn zu überwältigen drohte.

„Was ist los mit dir?“, fragte der Junge, alarmiert davon, wie der Hexer schwankte, nach vorne sackte.

„Wenn man Blut verliert wird man schwach und kann nicht mehr klar denken. Alles fängt an sich zu drehen“, erklärte er mit rauher Stimme.

„Was kann ich machen?“, fragte der Junge alarmiert.

„Nichts. Irgendwann wird man ohmächtig“, bemerkte der Hexer geistesabwesend. Das kaputte Bein schmerzte höllisch, er ließ den Stock auf die Flanke des Pferdes fahren, um es in Bewegung zu halten. Der Stock glitt dem Hexer aus der Hand und bald blieb blieb der Wallach einfach mit gesenktem Kopf stehen und schwer atmend stehen. Dem Hexer fehlte die Kraft ihn anzutreiben. Er schwankte, stützte sich mit dem Ellenbogen auf dem Hals des Pferdes ab.  „Ich kann nicht weiter.“

„Aber wir können nicht hierbleiben. Du brauchst einen Arzt.“ Der Junge rutschte von dem Pferd herunter und kam neben dessen Hals zu Stehen.

„Du folgst immer der Straße, hörst du, und an dem großen Felsen, da nimm die Abzweigung nach Links“, murmelte der Hexer. „An dem Felsen. Nach links.“

Der Junge nahm das Pferd beim Zügel und marschierte los. Das Pferd stand unbeeindruckt. Er versuchte erneut, das Pferd in Bewegung zu setzen, zog verzweifelt an den Zügeln, umsonst.

„Der ist fertig. Lauf alleine“, kommentierte der Hexer matt.

„Alleine?“ fragte der Junge zögerlich. „Und was ist mit dir?“

„Lauf so schnell du kannst. Sag was passiert ist. Die schicken jemanden.“

„Aber du blutest immer weiter.“

„Ja.“

„Daran kann man sterben, oder?“

Der Hexer verzog das Gesicht. „Die kommen schon rechtzeitig. Ist nicht mehr weit.“

Der Junge glaubte ihm kein Wort. Er packte mit dem Mut der Verzweiflung die Zügel, zog daran, ohne Erfolg Er griff sich einen Ast vom Wegesrand und zog ihn dem Wallach über die Hinterbacke. „Lauf, Pferd!“

Zum Glück für den Hexer  setzte sich das Pferd nur träge in Bewegung. Er sackte mit einem gepeinigten Stöhnen auf den Hals des Pferdes und umschlang ihn mit dem rechten Arm.
Der Junge lief, so schnell ihn seine bloßen Füße auf dem steinigen Weg trugen, blanke Angst war das was ihn vorantrieb. Zuerst murmelte der Hexer noch von Zeit zu Zeit irgendwelchen Unsinn, dann war nur noch sein gelegentliches Stöhnen zu vernehmen, das den Jungen davon überzeugte, dass er noch am Leben war. Das Pferd trottete lustlos hinter ihm her aber er wagte es nicht, es mit dem Ast zu sehr zu schrecken, nicht dass es noch die Last auf seinem Rücken abwarf.
Die Zeit bis er endlich der Felsen, von dem der Hexer gesprochen hatte erreichte kam ihm endlos vor.

Er folgte der Abzweigung, da sprang vor ihm aus dem Unterholz eine menschliche Gestalt, bekleidet nur mit einer knielangen Hose, das Gesicht gerötet vor Anstrengung. Mit grazilen Bewegungen kam der blonde junge Mann vor ihm zum Stehen, starrte ihn und das Pferd für einen Moment verblüfft an. Dann drängte er sich ohne ein Wort an dem Jungen vorbei, fasste dem Hexer an den Hals um den Puls zu fühlen. Er fuhr er mit den Fingern über den dunklen Blutfleck am Hals des Pferdes.

„Hey, Odray, wir haben hier ein Problem“, rief er über seine Schulter in den Wald. Einen Moment später kam eine zweite spärlich bekleidete Gestalt neben ihm zum Stehen. „Wir müssen Vesemir zur Burg schaffen, und zwar schnell. Er zog rasch die Zügel des Wallachs über dessen Kopf und drückte sie dem Neuankömmling in die Hand,. Der setzte das Pferd in Bewegung , trieb es zu einem strammen Tempo an, während er den Hexer auf seinem Rücken stützte. Der Junge Mann beugte er sich zu dem Jungen hinunter. „Was ist passiert?“

Ein heftiges Zittern befiel den Jungen. „So fliegende Viecher“, stammelte er, von Angst und Anstrengung überwältigt. Mehr war aus ihm nicht herauszubekommen. Er schwankte, als der junge Mann ihn bei der Schulter nahm um ihn hinter dem Pferd den Weg hinaufzuführen. „Ich nehm dich wohl besser huckepack.“

Die Straße wand sich in Serpentinen den Hügel hoch. Sie schlugen ein eiliges Tempo an und bald passierten sie die Brücke über einen Graben und das Tor zum äußeren Burghof, dann ein weiteres Tor. Das Hufgeklapper auf den gepflasterten Hof erregte die Aufmerksamkeit der Bewohner. Aus mehreren Eingängen kamen Gestalten herbeigelaufen, die sich hastig Mäntel und Umhänge überwarfen.

„Wir brauchen eine Bahre! Holt Wilgard ins Lazarett! Vezemir hat es böse erwischt!“, rief der junge Mann und setzte den Jungen ab.

Ein Mann mit der Bahre eilte herbei, gemeinsam mit Odray zog er den bewusstlosen Hexer vom Pferd. Bibbernd vor Kälte beobachtete der Junge, wie sie ihn gemeinsam forttrugen.

„Muss er sterben?“, fragte er den jungen Mann, der sich nun wieder ihm zuwandte.

„Was? Vesimir? Nah. Wilgard wird die alte Krähe schon wieder zusammenflicken“, erwiderte der junge Mann. „Dann komm mal mit,“ Er führte den Jungen über den Hof und in einen niedrigen Eingang in einen großen Raum, aus dem ihm Wärme und der Geruch nach Essen entgegenschlug. Eine dralle Matrone, aus deren strohblonden Haaren seltsam spitze, pelzige Ohren ragten wuchtete mit Hilfe eines jungen Burschen leere Kessel auf einen Herd. Sie sah von ihrer Arbeit auf als sie die Neuankömmlinge bemerkte.“

„Was bringst du uns denn da?“, fragte sie.

„Vesemir hat ihn mitgebracht. Naja, eigentlich ist es anders herum, er hat Vesimir heimgebracht.“

„Was sagst du?“

„Er ist mit dem Pferd am Strick, mit Vesimir drauf den Weg hochgekommen. Sie bringen ihn gerade ins Lazarett. Irgendwas fliegendes hat ihn böse erwischt, er ist halb verblutet.“

„Was?“

„Mehr weiß ich auch nicht, mehr war nicht aus dem Kleinen rauszukriegen.“

Die Frau mit den pelzigen Ohren wandte sich dem Jungen zu. „Du bist ja völlig durchgefroren.“ Sie mustere die verschüchterte, tropfnasse kleine Gestalt von Kopf bis Fuß. „Und entlausen müssen wir dich auch.“

„Jupp, das ist wohl nötig“, stimmte der Lehrling zu.

„Und dich gleich mit“, erklärte sie. „Ein Bad würde dir auch mal gut tun, bei Regen im Wald rumlaufen langt einfach nicht.“

„Sehr lustig“, murmelte der Lehrling säuerlich. „Das ist Jadwiga“, erklärte er. „Sie ist hier die Haushälterin. Mach was sie sagt und du wirst keinen Ärger haben. Wenn nicht, die hat was von einer alten Verfluchung zurückbehalten und wird auch mit kleinen Möchtegernhexern ohne Probleme fertig.“

Der Junge starrte die Frau entsetzt an. Jadwiga begann leise zu knurren und funkelte den Lehrling böse an.

„Das war nur ein Scherz“, ruderte der Junge zurück.

„Auf deinen Humor hat die Welt nicht gewartet, junger Mann! Du holst mir jetzt sofort den großen Zuber her, und einen Eimer.“ Sie nestelte nach dem Schlüsselbund an ihrem Gürtel und drückte ihn dem Lehrling noch einen Schlüssel in die Hand.“Und dann gehst du ins Magazin und besorgst Hemd und Hose für ihn. Und wehe, ich finde da hinterher einen Saustall.“

Sie half dem Jungen aus den nassen Kleidern. Dankbar für jedes Bisschen Wärme kauerte er sich auf den Hocker neben dem gemauerten Herd. Wie in Trance ließ er es über sich ergehen, in den Zuber gesetzt und mit warmem Wasser von Dreck befreit, dann mit einem Leintuch trockenfrottiert und in saubere Kleider gesteckt zu werden. Sie flößte ihm noch einen Becher Suppe ein, dann brachte sie ihn in eine Kammer, steckte ihn dort in ein vorgewärmtes Bett. Ein wohlig-schläfriges Gefühl begann ihn zu durchfluten und die ganzen Befürchtungen und Fragen, die ihn gepeinigt hatten schienen ihm auf einmal weit weg und unwichtig.
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