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Hexerwege

GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Geralt von Riva Vesemir
13.05.2015
05.04.2016
7
14.427
 
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21.02.2016 1.141
 
Mit etwas Glück hatte nur ein Bär die Pferde beunruhigt. Aber darauf konnte er sich nicht verlassen, nicht nachdem nur drei Tagesreisen entfernt verschiedene Ungeheuer aufgetaucht waren. Er schälte sich aus dem behindernden Mantel und verfluchte das Regenwetter. Seine Sinne halfen ihm nur wenig, wenn Wolken den Himmel verdeckten und der Regen die Geräusche von im Wald herumschleichendem Getier verschluckte. Ein hungriger Angreifer war vielleicht von den Pferden angelockt worden, ein Angreifer mit einer persönlichen Abneigung gegen Hexer würde sich auf ihn stürzen. Er saß still, brachte seine Gedanken zum Schweigen und richtete seine Aufmerksamkeit auf die Umgebung.

Das langgezogene Trompeten, das kaum vernehmbar von Norden her erklang war von einer melodischen Schönheit, die der Hässlichkeit der Kreatur, die es ausstieß spottete. Gabelschwanz. Der Hexer fluchte leise. Dass das Vieh gesprächig war deutete darauf hin, dass er es mit einem Paar der geflügelten Drakoniden zu tun hatte. Er warf sich den Gurt des Silberschwerts über die Schulter und sprang vom Wagen. Genug Zeit, um die Pferde auszuspannen und in den dichten Wald zu treiben, hoffte er. „Geralt, vom Wagen runter und in den Wald, versteck dich im dichten Gestrüpp, dahin werden sie dir nicht folgen!“ rief er dem Jungen zu.

Erneut erklang das Trompeten. Nah. Zu nah. Der Hexer ließ von dem Pferd ab und riss das Schwert aus der Scheide. Aus den Wolken schoss mit halb angelegten Flügeln ein braungrüner Schatten herab. Der Hexer trat einige Schritte von den Pferden weg, vor das Gespann und duckte sich, das Schwert in beiden Händen. Gabelschwänze waren aggressiv, aber zum Glück nicht besonders intelligent.
Dieser war, der Farbe und Größe nach noch jung, maß von der Schnauze bis zur Schwanzspitze vielleicht acht Fuß. Wie ein Falke, Hinterkrallen voraus, das breite Maul aufgerissen stürzte er auf die Pferde zu. Der Hexer hob das Zeichen auf, in blinder Panik zerrten die Pferden den Wagen vorwärts, kamen von der Straße ab. Der Hexer machte einen Ausfall und trieb dem angreifenden Gabelschwanz das Schwert in die Eingeweide.
Der Gabelschwanz krachte in die Kante des Wagens, der mit dem linken Vorderrad in den Bäumen hängen geblieben war. Das verwundete Bein des Hexers gab nach als die Flugechse sich abrupt drehte, er verlor das Gleichgewicht, schaffte es nicht, das Schwert aus der Kreatur herauszuziehen, musste es loslassen.
Fluchend zog er den Dolch, sprang, das Gleichgewicht mit dem gesunden Bein haltend, zurück, wich den schnappenden Kiefern des Drakoniden auf der Straße nach hinten aus. Er duckte sich, als die Kreatur erneut nach vorne schnellte. Die Kiefer schnappten über seinem Kopf zusammen. Der Hexer rammte den Dolch von unten bis zum Heft in den kurzen, gedrungenen Hals.
Der Gabelschwanz röchelte, taumelte. Blut strömte über die Hand des Hexers.
Er hatte keine Zeit, dem Vieh beim Verbluten zuzusehen, ein wütender Schrei zerriss die Luft, die Pferde schlugen nun in blinder Panik um sich. In rasender Hast erneuerte der Hexer das Zeichen, dann packte er den Griff des Schwertes. Schwarzes Blut quoll aus der Wunde, als er es aus dem Bauch des zuckenden Gabelschwanzes zog.

Der zweite Gabelschwanz stürzte aus den Wolken. Der Hexer wich zurück, wieder gab das Bein nach beim Versuch das Gleichgewicht zu halten, als er über den zuckenden Flügel des sterbenden Drakoniden stolperte. Das Zeichen, in der Hast nicht sauber ausgeführt, versagte, der Wallach trat in blinder Panik um sich. Der Hexer schrie auf vor Schmerz als der Huf ihn am kaputten Bein am Oberschenkel traf, stolperte vorwärts. Er packte das Schwert in beiden Händen, schaffte es gerade noch sich zu drehen und bohrte es dem angreifenden Gabelschwanz zwischen die Rippen. Er ging er zu Boden, begraben unter dem gedrungenen Körper der Echse. Sie schnappte nach seinem Kopf. Er wand sich  zur Seite, unterdrückte einen Aufschrei, als sich die Zähne in seine linke Schulter bohrten. Der Hexer griff reflexartig nach dem Dolch an seinem Gürtel, umsonst, er steckte in dem anderen Gabelschwanz. Der  Atem des Viehs kam  in gurgelnden Stößen, sein fauliger Gestank trieb dem Hexer die Tränen in die Augen. Er würde an dem Stich krepieren, ganz sicher, aber davor hatte er noch jede Menge Zeit. Zeit genug, ihm den Rest zu geben.
Der Gabelschwanz hatte keine Eile, hielt seine Beute fest und betrachtete den Kopf des Hexers aus seinem großen, gelben Reptilienauge, so als wüsste auch er, dass sie hier und heute gemeinsam den Tod finden würden.

„He,“ kreischte plötzlich eine dünne Kinderstimme. „He, du Scheissvieh!“

Eine Gestalt tauchte neben dem Wagen, hinter dem Gabelschwanz, auf, einen langen Ast in der Hand und begannwie von Sinnen auf den Schwanz des Drakoniden einzuschlagen. Beute die sich bewegte! Die große Pupille  zog sich zusammen. Der Jadginstinkt des Gabelschwanzes erwachte. Der Hexer  unterdrückte einen Schmerzensschrei, als er losließ. Mit einem kehligen Grollen drehte er den eckigen, gehörnten Kopf in die Richtung des Aufruhrs und fixierte sein neues Opfer. Der Hexer hielt das Heft des Schwerts fest umklammert als der Gabelschwanz sich erhob, mit einem schmatzenden Geräusch glitt es aus der Wunde. Mit letzter Kraft holte aus und gab dem Gabelschwanz einen Hieb an den Halsansatz mit als er herumfuhr. Blut quoll aus der Wunde, rann über die fahlgrünen Schuppen, der Gabelschwanz schien es nicht zu bemerken. Ein panischer Schrei entfuhr dem Jungen als er, die ledrigen Flügel an den Körper gepresst, zum Sprung über seinen gefallenen Partner ansetzte, um die neue Beute zu verfolgen. In hektischer Eile kroch der Junge unter den Wagen, wie eine Maus auf der Flucht vor der Katze. Der Hexer lag schwer atmend da erwog seine Optionen. Er spürte wie das Blut ihm warm an Brust und Rücken in die Kleidung sickerte, aber noch war er nicht tot. Er musste dem Vieh den Rest geben, bevor der den Jungen erwischte, und wenn es das letzte war, was er tat. Irgendetwas in seinem Bein hatte durch den Tritt Schaden genommen, schmerzte höllisch, der linke Arm war auch kaum zu gebrauchen. Er robbte zum Wagen, hörte mit an wie das Vieh frustriert grollte und zischte.

Der Gabelschwanz angelte mit den Vorderklauen unter der Kutsche nach seinem Opfer, aber seine Bewegungen wirkten jetzt schwerfälliger als zuvor, sein Atem kam als stoßweises Röcheln, Blut lief ihm aus den Nüstern. Er musste beim Herausziehen des Schwerts irgendein lebenswichtiges Blutgefäß erwischt haben. Erleichtert atmete er auf und lag still. Das Grollen und Fauchen verebbte, machte einem gurgelnden Schnaufen Platz, dann krampfhaftes Stöhnen. Er erneuerte mit Mühe das Zeichen um die Pferde zu beruhigen, dann lag er einfach nur da, wartete minutenlang, bis auch dieses Geräusch verging. Stille. Kein Laut von dem Jungen.

„Geralt, kannst rauskommen, er ist tot“, rief er matt. Zuerst nichts, dann lugte ein roter Haarschopf unter dem Wagen hervor, er kroch heraus, stieg über das Hinterbein des Gabelschwanzes und fiel neben dem Hexer im Matsch auf die Knie.

„Bitte stirb nicht!“ Blass wie ein Gespenst und zitternd. sah der Junge auf ihn hinunter, sein Blick unstet vor Panik.
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