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Hexerwege

GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Geralt von Riva Vesemir
13.05.2015
05.04.2016
7
14.427
 
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14.09.2015 1.582
 
Der Hexer ließ den Jungen schlafen, als er beim ersten Morgengrauen aufstand. Die Bäuerin, die im Hof schon begonnen hatte, die Ziegen zu melken, winkte zum Gruß. Über Nacht war das Wetter umgeschlagen, Wolken hatten sich über den Bergen zusammengeballt. Er konnte nur hoffen, dass es trocken blieb, bis sie die Burg erreichten, auf dem Weg gab es einige Stellen, die bei Nässe mit einem Gespann unangenehm werden konnten. So rasch es sein Bein erlaubte sammelte er die Pferde ein, die sich über Nacht eine Stelle mit besonders üppigem Gras gesucht hatten, band sie vor der Scheune an und begann sie grob von dem Dreck zu befreien, in dem sie sich über Nacht gewälzt hatten.

„Na, doch schon ausgeschlafen?“, fragte er, als die hagere, barfüßige Gestalt des Jungen im Torbogen auftauchte. Er nickte nur verlegen und trottete dann zur Latrine, wusch sich anschließend an dem vollen Eimer beim Brunnen. Unschlüssig was er tun sollte blieb er in einiger Entfernung stehen.

Der Hexer hatte inzwischen die Pferde fast fertig angeschirrt. „Kannst mir aus der Scheune das Zaumzeug holen.“

Der Junge gehorchte wortlos.

„Ein gutes Pferd ist eine bessere Gesellschaft als so manche Menschen“, erklärte er ihm, während er dem Wallach den Genickriemen über die Ohren zog, den Mähnenschopf richtete und dann die Schnallen schloss. Der Junge beobachtete ihn mit einem Ausdruck reservierter Neugier als er rasch die Stute aufzäumte. Er entschloss sich, ihn zu beschäftigen, um ihm keine Zeit zu geben, trübseligen Gedanken nachzuhängen.

„Schon mal auf einem draufgesessen?“

„Nein.“

„Hast du Angst davor?“

„Weiß nicht“, antwortete er scheu.

„Na, gleich wirst du es wissen.“  Der Junge quiekte überrascht auf, als er ihn packte und mit Schwung auf den Rücken des Wallachs beförderte. „Festhalten“, ordnete er an. Er griff die beiden Pferde bei den Zügeln, führte sie zum Wagen und manövrierte sie zu ihren Plätzen an der Deichsel.

„Sitzt sich gut, da oben?“, fragte er, während er die Zugleinen festmachte..

Das zaghafte Lächeln auf dem Gesicht des Jungen sagte ihm alles was er wissen musste. Eine Abneigung gegen Pferde würde ihn nicht an an der Ausübung des Berufs hindern.

Der Hexer unterdrückte den Reflex, die Pferde zur Eile anzutreiben, als er von der Zufahrt zu der Schäferei auf die Straße bog. Ein höheres Tempo würde sie nur schnell ermüden, da es es ab jetzt fast die ganze Strecke langsam, aber stetig bergauf ging. Mit dem Wetterwechsel waren die schon fast sommerlichen Temperaturen der letzten Tage dahin. Dem Hexer machte das wenig aus, er hatte sich, für den Fall, dass es zu regnen begann in seinen weiten, schwarzen Öltuchmantel gehüllt, der Junge hatte sich bibbernd in eine Wolldecke gewickelt.

„Herr Hexer?“

„Was?“

„In Kaer Morhan. Wenn wir da hinkommen, heute abend, was …. was werden die mit mir machen?“, fragte er so leise, dass der Hexer ihn nur aufgrund seines ausgezeichneten Gehörs verstehen konnte.

„Was meinst du denn, das dort gemacht wird?“

Der Junge druckste herum, verlegen den Blick gesenkt.

„Nun rück damit heraus, sonst hättest du nicht damit anfangen sollen.“

„So böse Zauberei. Die meisten, die da hinkommen, die sterben davon, sagen sie“, antwortete er schließlich, eingeschüchtert von dem Befehlston, den der Hexer aus purer Gewohnheit angenommen hatte.

Er stieß einen frustrierten Seufzer aus und der Junge warf ihm als Belohnung dafür einen panischen Blick zu. Der Hexer hatte gehofft, dass der Junge dieses elende Thema nicht wieder aufgreifen würde. Hätte er seinen Eid ignorieren, den Kleinen in der Obhut von Gwynn und ihrem Mann lassen sollen damit er dort als Hirtenjunge aufwachsen konnte? Er mochte das Leben in der Wildnis, heute hier, morgen dort, die Jagd auf ganz spezielles Wild. Im Großen und Ganzen haderte er nicht mit dem Lebenswandel, der ihm auferlegt war. Aber in Momenten wie diesen, konfrontiert mit der Angst eines Kindes, kamen ungebeten Erinnerungen an seine eigenen Zeit im Turm, und das, was er dort erlebt und überlebt hatte hoch. Er sah zu dem Jungen hinunter. Einem Lehrling konnte er einfach einen Befehl erteilen und Gehorsam erwarten. Das war er gewohnt. Nur war dieser Junge noch kein Lehrling, er war einfach ein Kind, verängstigt und halb krank vor Sehnsucht nach seiner Mutter, und er war ein verdammt schlechter Schauspieler und Lügner, das wusste er.

Er räusperte sich geräuschvoll. „Dass uns Jungen sterben, ja, das stimmt,“ erwiderte er schließlich. „Aber dein Stiefvater und deine Schwester hat auch der Tod geholt, ohne das Zutun der Hexer. Und Gwynns Mann hatte neun Geschwister, nur drei sind erwachsen geworden. Kinder sind so anfällig für allerlei Krankheiten und Unfälle. Es sterben bei uns genauso welche wie anderswo, nur sterben sie an anderen Dingen, nicht an den Blattern oder der Ruhr“, antwortete er schließlich.

Der Junge schwieg.

„Hab ich dir jetzt noch mehr verschreckt? Tut mir Leid. Verdammt! Ich bin nur ein alter Hexer, hab nie gelernt, was man sagen muss, um Kinder zu trösten“. Er hoffte inständig, dass er nicht aus Verzweiflung auf die Idee kam ihm stiften zu gehen, mit seinem Knie würde er in unwegsamem Gelände ernsthafte Probleme haben, ihn wieder einzufangen und er hatte auch keine Lust, ihn den Rest der Fahrt mit dem Zeichen gefügig zu halten. „Du bist gestern brav mit mir mitgegangen, weil du deiner Mutter keinen Kummer machen wolltest“, stellte er fest.

Ein leises Wimmern und Schniefen war alles was er zur Antwort bekam.

Der Junge würde sich, wenn er die Mutation überlebte, sowieso nicht an die Fahrt erinnern, das nahm ihm die Hemmungen offen zu sprechen. „Weißt du, wir haben alle Angst. Ich auch. Vor dem Tod, davor, dass die sterben, die uns nahe stehen. Vor Schmerzen und vor Verlust. Glaub bloß nicht, dass ein Hexer nie im Leben Angst hat. Wenn ich die Möglichkeit dazu hätte, dann würde ich dir diesen Weg ersparen, deiner Mutter eine Anstellung verschaffen, dir das Lehrgeld bei einem Händler zahlen. Wenn ich das könnte würde ich auch dafür sorgen, dass sie die Elfen, die einfach nur in Frieden ihr Leben leben wollen in Ruhe lassen. Aber das einzige das ich tun kann ist Leute, die mich dafür bezahlen vor allerlei Ungeheuern beschützen und neue Hexer ausbilden. Und die einzige Heimat die ich habe, ist Kaer Morhan.“

„Können wir nicht woanders hingehen? Bitte?“

Der Hexer lächelte traurig. Kinder stellten sich die Welt so einfach vor. „Ich fürchte, das ist nicht möglich“, erwiderte er.

„Ich will aber nicht sterben, so wie Gertrud“, brach es aus ihm heraus.

„Das war deine Schwester?“

„Mhm.“

„Ich bin leider kein allmächtiger Magier. Ich kann nicht sagen, was die Zukunft für dich bringen wird. Manche Priester glauben, dass der Zeitpunkt, wann ein Mensch sterben wird schon bei seiner Geburt festgelegt ist. Ob das wahr ist, ich hab keine Ahnung. Wir können nur leben, und bis der Moment gekommen ist versuchen, unser Bestes tun“, erwiderte der Hexer leise. Er hatte schon viele Menschen sterben gesehen, einige davon auf sehr hässliche Weise und er war auch schon einige Male dem Tode näher gewesen als dem Leben. Normalerweise hatte er keine Probleme, dem Tod gegenüber die professionelle Distanz zu wahren, er war immerhin sein Handwerk und die Mutation tat dabei gute Dienste. Der Kummer dieses Kindes, mit dem er sich so plötzlich und unerwartet konfrontiert sah, rührte an dieser Seite in ihm, von der nicht einmal gewusst hatte, dass er sie überhaupt noch besaß.

„Ich will nach Hause!“, murmelte der Junge schließlich, und erstarrte, als der Hexer die Zügel in eine Hand nahm, den Arm auf die Rückenlehne des Kutschbocks und um seine Schulter legte.

„Ist schon schlimm, wenn man so jung von der Mutter weg muss. Ich weiß. Bist nicht der Erste, dem es so geht. Kaer Morhan wird ab jetzt dein Zuhause sein, genau so wie es mein Zuhause ist.“ Stille tränen rannen dem Jungen nun über die Wangen. „Na, na. Da wartet eine warme Suppe, ein Bett und ein paar saubere Sachen zum Anziehen.“ Und wenn du in ein paar Tagen soweit gut genug beieinander bist eine giftige Kräutermixtur und die Mutagene. Und dann vielleicht ein namenloses Grab hinter der Burg dachte er bei sich, den Jungen von der Seite musternd.

„Kann ich meine Mama wenigstens wiedersehen?“

„Erst wenn du die Ausbildung abgeschlossen hast und als Hexer Kaer Morhan verlässt. So ist die Regel. Deine Mutter ist unterwegs in ein fernes Land, um da zu lernen und eine Heilerin zu werden. Die nächsten Jahre wird sie keine Zeit für dich haben.“

Bedrückt ließ der Junge den Kopf hängen. „Hast du deine Mutter wiedergesehen?“

„Meine Eltern waren schon tot, als ich die Ausbildung begonnen habe. Da gab es einen Krieg. Sie waren bitter arme Flüchtlinge, und dann war ich alleine. Genaueres habe ich nicht herausgefunden.“

„Tut mir leid.“

„Muss dir nicht. Das ist schon lange her. Ich hab fast keine Erinnerungen an die Zeit. Ich weiß nur, dass Kaer Morhan besser war, als das Flüchtlingslager, aus dem sie mich rausgeholt haben, um aus mir einen Hexer zu machen.“

„Weil du genug zu Essen bekommen hast?“

„Und keine Ratten, die nachts kommen und Kinder anknabbern“, fügte er mit einem Schaudern hinzu.  Heutzutage machte ihm irgendwelches Getier, auch erheblich größeres, absolut keine Angst mehr, egal ob bei Tag oder bei Nacht, aber die Erlebnisse damals hatten bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Angst vor den Ratten war eine der wenigen klaren Erinnerungen, die er aus dieser Zeit hatte. Im Grunde war seine ganze Freude an der Jagd auf Ungeheuer ein Akt der Rache an den heimtückisch lauernden Kreaturen dieser Welt. Er fischte den  Beutel unter dem Kutschbock hervor und reichte ihn dem Jungen. „Hier, Frühstück.“
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