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Hexerwege

GeschichteFantasy, Freundschaft / P12 / Gen
Geralt von Riva Vesemir
13.05.2015
05.04.2016
7
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Der Hexer wollte ebenfalls aufsteigen, doch dann hielt er noch einen Moment inne. „Ist zwar schon eine Weile her, dass ich dort war, aber der Heilertempel in Surabol, das könnte was sein für dich. Die machen gute Arbeit. Der Tempel ist zwar klein, aber alt und die nehmen so weit ich weiß nicht nur Kinder. Hat auch im Winter ein schönes, mildes Klima. Du könntest es aber auch in Cintra versuchen. Da gibt es eine Heilergilde, die was taugt, die Weißen Schwestern. Aber ob die einfach jeden als Lehrling nehmen, der ankommt und ein bisschen Talent mitbringt, das kann ich nicht sagen. Am bessten fragst du in einem der Druidentempel, wohin du dich am besten wenden solltest. Die sind allen Leuten, die die Heilkunst ausüben wohlgesonnen.“

Er grub einen Moment unter dem Kutschbock in seinen Sachen, beförderte eine kleine Holzschatulle zu Tage und unterdrückte einen Fluch, als er ihren Inhalt prüfte. Er hatte über sein verletztes Bein völlig vergessen, in der Apotheke seine Vorräte an Elixieren und Tinkturen aufzufüllen. Er hatte keine Mohntinktur dabei um den Jungen auf der Fahrt zu betäuben. Das verkomplizierte die Sache erheblich. Aber es war, wie es war, er würde das Beste daraus machen müssen. Er durchsuchte die Sachen weiter und zog schließlich einen Dolch in einer abgewetzten Lederscheide hervor.

„Hier“, er reichte der Frau die Waffe. „Es ist zwar eine Regel, dass wir für Kandidaten nichts bezahlen, aber ich denke das da könnte dir noch nützlich sein, wenn du unterwegs bist. Bessere Klingen als die, die in Kaer Morhan geschmiedet wurden wirst du kaum irgendwo finden. Du scheinst eine verständige Frau zu sein. Ich wünsch dir wirklich, dass du es schaffst. Heilerinnen kann die Welt immer und überall gebrauchen, viel mehr, als Leute die nichts anderes können, als andere Leute totschlagen.“

„Danke“, murmelte die Frau, nun nur mühsam das Schluchzen unterdrückend.

„In deiner Lage gibt es jemandem wie mir wirklich nichts zu danken. Und vielleicht hilfst du ja auch mal einem Hexer, wenn du erst eine Heilerin bist. Wer weiß das schon.“

„Das werde ich. Herr Hexer?“

„Ja?“

„Er... er ist ein guter Junge. Bitte, passt auf ihn auf“

Der Hexer hatte keine Ahnung, was er darauf erwidern sollte, nickte nur grummelnd, um die Sache möglichst schnell hinter sich zu bringen. Er stieg ebenfalls auf und mit einem Zungenschnalzen setzte er das Gespann in Bewegung.

„Ich werde dich nie vergessen, Geralt. Hörst du? Immer werd ich an dich denken!“, war das letzte was er die Frau noch rufen hörte, als der Wagen um eine Häuserecke bog.

Der Junge blickte noch lange zurück, um endlich wie ein kleines Häufchen Elend neben ihm zusammenzusacken. Tränen rannen ihm über die Wangen und er schniefte leise vor sich hin als der schwer beladene Wagen aus der Ortschaft rollte.

„Wird schon werden, Junge.“ Der Hexer, der diese Art von Elend einfach schon zu oft gesehen hatte, strich ihm sachte über den struppigen Haarschopf, wunderte sich, was die Mutter ihm wohl alles erzählt hatte. Wenn es auch nötig war auf der Fahrt ein wachsames Auge auf ihn werfen, war er doch froh, dass er diesen hier offenbar nicht festbinden musste, um ihn am Wegrennen zu hindern, dass er auch kein großes Geschrei anstimmte. Er kramte wiederum unter dem Kutschbock und beförderte einen Beutel hervor, aus dem er einen großen Kanten Brot und ein Steingutgefäß herauszog. Er reichte sie dem Jungen. „Hier, schlag zu. Hungerhaken können wir in Kaer Morhen nicht brauchen.“

Die Wahrheit war, Hungerhaken hatte eher schlechte Aussichten die Kräuterprobe zu überstehen, bevor die Mutationen vorgenommen werden konnten. Der hier musste vor der elenden Prozedur noch ein bisschen aufgefüttert werden. Er zwang sich, nicht zu viel Sympathie für den kleinen Kerl zu entwickeln, tapfer wie er war, überlebte die Mehrheit der Kandidaten ja doch nicht.

Überrascht, zaghaft nahm der Junge das Essen. Er riss erst zögerlich, dann mit mehr und mehr Gier Stücke von dem Brot ab und schlang sie hinunter, so als wäre es seit drei Tagen seine erste anständige Mahlzeit. Vielleicht war es das ja auch, vermutete er. Furchtsam beobachtete er den Hexer dabei aus den Augenwinkeln.

„Iss so viel du willst, und nimm auch von der Butter. Für einen gesunden Appetit hat bei uns noch nie jemand Prügel bezogen,“ ermunterte er ihn.

Der Junge entspannte sich bei den Worten etwas und schlang mehr von dem Brot in sich hinein. Keinem von beiden stand der Sinn nach einem Gespräch, so fuhren sie eine lange Zeit schweigend durch Weiden und frisch ausgesäte Gerstenfeldern, der Junge in seinem Kummer gefangen, der Hexer einfach nur, weil es nicht in seiner Natur lag, viele Worte zu machen. Es wäre auch sinnlos gewesen, dem Jungen jetzt viel über sein neues Leben zu erzählen, er würde sich nach der Mutation sehr wahrscheinlich an nichts davon erinnern können.

Es ging vorbei an Wäldchen und über den kleinen Fluss, dem die Straße folgte. Bald wurden die Weiler am Wegesrand seltener, die Landschaft karger, hügeliger, in der Ferne glitzerten die schneebedeckten Gipfel in der Nachmittagssonne. Sie kamen mit ihrem gemächlichen Tempo gegen Abend zu einer kleinen Ansiedlung, der letzten permanenten Siedlung bevor sie in die Berge fahren würden.

„Hallo Gwyn“, grüßte er die Frau, die, gefolgt von einer Schar kleinerer Kinder und einem imposanten Hirtenhund aus dem niedrigen Steinhaus getreten war. Der Hund stimmte ein feindseliges Knurren an.

„Still, Reißzahn“, herrschte die Bäuerin den Hund an und wandte sich dann den Besuchern zu. „Wollt ihr mal wieder in der Scheune übernachten, bevor es morgen nach Hause geht?“, fragte die Frau in dem kehligen Akzent der Bergbewohner.

„Immer gerne“, erwiderte der Hexer.

Die Frau betrachtete nachdenklich den Jungen der neben ihm saß, sagte aber nichts. „Ich spann euch die Pferde aus, Herr Vesemir.“

„Nah, so ein Krüppel bin ich dann auch noch nicht.“ Der Hexer hatte, als er selbst noch als junger Lehrling die Gegend unsicher gemacht hatte schon die Vorväter des derzeitigen Schafzüchters gekannt. Die Familie lebte schon seit Generationen auf dem Land, das zu Kaer Morhan gehörte und kümmerte sich mit ihren eigenen Tieren um einen Teil der Schaf- und Ziegenherden, die zur Burg gehörten, sowie die zottigen Bergrinder und Ponies, die im Sommer halbwild auf den Almen und in den Bergen verstreut weideten. Wo er gerade mal die ersten grauen Strähnen an den Schläfen angesetzt hatte, waren auf dem Hof die Generationen gekommen und gegangen.

Gemeinsam machten sie sich daran, sich um die Pferde zu kümmern, fütterten sie, ließen sie dann mit Fußfesseln versehen frei, damit sie über Nacht grasen und ausruhen konnten. Dann breitete der Hexer in der Scheune etwas Heu aus, um für sich und den Jungen in dem um diese Jahreszeit nahezu leeren Bau ein bescheidenes Nachtlager aufzuschlagen.

Gefolgt von dem Hund, der ihr misstrauisch wie ein Schatten hinterherschlich trat die Bäuerin neben ihn, in der einen Hand ein Krug, in der anderen eine Schüssel.

„Lass mich raten, frische Ziegenmilch?“, fragte der Hexer.

„Davon haben wir jetzt, wo die Kitze da sind mehr als reichlich. Das gibt dann auch wieder schönen Käse für den Winter.“

„Den wir stets zu schätzen wissen.“

„Eine Hand wäscht die andere. Ihr haltet den Hirten, Imkern, Jägern, Bergmännern in der Gegend immerhin die Plagen vom Hals. Auf dem letzten Markt hat meine Nichte, die, die im Dorf verheiratet ist, erzählt, dass bei Uloch,Räuber Höfe geplündert haben. Das hat dann hordenweise Leichenfresser und sogar so ein fliegendes Scheusal angelockt.“

„Mmh, ja. Hab ich gehört. Wir haben ein paar von den älteren Lehrlingen hingeschickt, um da aufzuräumen, die müssen auch ein bisschen üben. Die waren aber ,als ich aufgebrochen bin, noch nicht wieder zurück.“

„Die Tiefländer sind wirklich verrückt, dass sie euch hassen, wenn sie selbst da Burgvogte hocken haben, die außer fressen, saufen und gottlos rumhuren nichts zuwege bringen. Nicht mal das Gesindel in Schach halten können die, aber dafür lassen sie die einfachen Leute mit Steuern ausbluten“, schimpfte sie.

„Findest du denn, dass es schlimmer geworden ist, in letzter Zeit?“

„Zumindest schlimmer, als in meiner Jugend“, erwiderte die Bäuerin mit Nachdruck.

Der Hexer seufzte. „Ist wohl unübersehbar, nicht. Die Elfen und Zwerge haben auch immer weniger zu lachen.“

„Aye. Da braut sich was ganz unschönes zusammen, das sag ich euch, Herr Vesemir.“

„Da magst du Recht haben.“, erwiderte der Hexer nachdenklich. „Aber du bist eine einfache Bäuerin, ich bin ein einfacher Hexer. Was können wir schon daran ändern.“

„Aye“, erwiderte sie nachdenklich, stellte Krug und Schüssel ab und wandte sich zu dem Jungen, der mit vom Weinen roten Augen an der Wand kauerte. „Und du, junger Mann, du schaust arg zerzaust aus. Magst du dich nicht am Brunnen ein bisschen waschen?“, fragte sie ihn mit aufmunternder Stimme. Schüchtern druckste er herum, bis die Bäuerin ihn an der Hand nahm und aus der Scheune führte.

Als sie ihn nach einer Weile zurückbrachte hielt der Hexer ihm die Schüssel mit dem Frischkäse und den Eiern hin. Er griff sich eines der Eier.

„Herr Hexer?“, fragte er schließlich zaghaft, nachdem er einen großen Bissen von dem Ei heruntergeschluckt hatte.

„Mmh?“

„Was ist eigentlich ein Mutant?“

„So nennt man Leute, die verändert worden sind. Manche benützen es als Schimpfwort.“

„Du bist ein Mutant, oder?“, fragte er. Der nächste Bissen von dem Ei verschwand in seinem Mund.

„Ja.“

„Du bist aber nicht ….so schlimm wie manche sagen, du hast nur ein paar Narben, und wenn man genau hinschaut komische Augen. Sonst bist du ganz normal“, nuschelte er mit vollem Mund

Der Hexer konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. „Die sind nützlich, damit kann ich auch bei Dunkelheit gut sehen. Weißt du, die meisten Leute kennen überhaupt keinen Mutanten persönlich, woher wollen sie also wissen, wie schlimm sie sind?

„Das stimmt“, antwortete der Junge nach kurzem Überlegen.

„Außerdem sind Mutanten ja auch verschieden. So wie normale Leute. Da sind ja auch ein paar schlimm, und andere nicht“,erklärte der Hexer weiter.

Der Junge schwieg eine Weile, zupfte gedankenverloren an der Wolldecke, in die er sich gegen die Abendkälte eingewickelt hatte. „Was muss man denn machen, damit man ein Mutant wird, so wie du? Da drüber sagen die Leute auch so Sachen“, fragte er schließlich.

„Darüber mach dir jetzt mal keine Gedanken“. Die Stimmung des Hexer verfinsterte sich. Der Junge war ein aufgewecktes Kerlchen. Er bereute es nun doch, dass er keine Mohntinktur dabei hatte, um sich und dem Kind diese Fahrt etwas unkomplizierter zu gestalten. „Leg dich hin, geh schlafen. Es ist schon spät“, wies er ihn an.

Der Junge rollte sich zusammen und begann nach einer Weile leise zu schluchzen. Der Hexer rutschte etwas näher, zog die Decke zurecht, legte ihm dann sacht eine Hand auf die Schulter, leistete ihm Gesellschaft, bis er endlich, völlig erschöpft von den Ereignissen des Tages eingeschlafen war. Noch lange saß er da und starrte durch das Scheunentor hinauf zum Himmel, wo die Sterne zu funkeln begannen.
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