Hexerwege

GeschichteFantasy, Freundschaft / P12
Geralt von Riva Vesemir
13.05.2015
05.04.2016
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Die Aussicht auf ein kühles Bier im Goldenen Fuchs war das einzige, was den Hexer bei diesem Auftrag einigermaßen bei Laune hielt.

Er war nicht etwa unterwegs um einen Basilisken oder ähnliches zu erlegen. Nein. Er war auf dem Weg von der Provinzhauptstadt Aendwyn zurück nach Kaer Morhen. Dort hatte er sich mit dem Stadtmagistraten wegen Tributen und Abgaben herumschlagen müssen. Tagelang hatte der Verwalter von Kaer Morhan auf ihn eingeredet, um ihn zu diesem Besuch zu bewegen. Er war der Meinung, dass es mehr Eindruck machte, wenn einer der ranghöheren Hexer anstatt Seiner dort aufkreuzte und für Klarheit sorgte. Und als ob das nicht schon genug gewesen wäre, hatten sie ihn auch noch dazu überredet auf dem Rückweg, wie ein gemeiner Fuhrmann, einiges an bestellten Gütern von einem Händler abzuholen.

Er lenkte die beiden stämmigen Braunen, die den Wagen zogen auf den matschigen Platz neben dem Wirtshaus, das strategisch günstig am Rand der Ortschaft an der Wegkreuzung lag. Es war die letzte größere Ortschaft, bevor die Straße nach Kaer Morhan abzweigte. Er war am Vormittag aufgebrochen und wenn er die Strecke Wegs schaffen wollte, die er sich für heute vorgenommen hatte, dann brauchten die Pferde eine Pause. Ganz abgesehen davon, dass der Wirt des Goldenen Fuchs das beste Bier in der ganzen Gegend braute.

Wie er es geschafft hatte, sich in diesen elenden Verwaltungskram hineinziehen zu lassen war ihm immer noch ein Rätsel. Zwar hielt ihn sein verletztes Knie immer noch davon ab, frei wie ein Vogel durch die Lande zu ziehen, oder sonst etwas in seinen Augen sinnvolles zu tun, aber ein Federkielspitzer oder Amtsstubenhocker würde würde aus ihm in diesem Leben nicht mehr werden, so viel stand fest. Der verdammte Apotheker hing ihm in den Ohren, dass er es langsam angehen musste, wenn er das Bein irgendwann wieder voll belasten wollte. Dummerweise war die Langeweile schon nach einem Monat unerträglich geworden. Das musste wohl seinen Verstand getrübt haben.

Er ließ sich also auf der Bank vor der Gaststube nieder und nachdem er ein paar freundliche Worte mit ihr gewechselt hatte stellte die dralle Frau des Wirts einen großen Becher des schäumenden Gebräus vor ihn hin. Die wenigen anderen Gäste hielten Abstand, beachteten ihn aber nicht weiter, hier in der Gegend waren durchreisende Hexer ein häufiger Anblick, der keine besondere Aufmerksamkeit erregte. Das war eine Tatsache, die er zu schätzen wusste. Er hatte kaum den zweiten Becher halb geleert, da näherte sich eine Frau. Sie war hochgewachsen, rothaarig, nicht hässlich, aber aus der Nähe betrachtet war sie, obwohl sie noch recht jung, doch durch ein entbehrungsreiches Leben gezeichnet.

„Herr?“

„Hast du ein Problem, bei dem meine Expertise behilflich sein kann?“

„Ich.... Ja, Herr,“ stammelte sie, sichtlich um Fassung ringend. „Mein Sohn.“

„Vermutest du einen Fluch?“ Der Hexer zog verwundert eine Augenbraue hoch. In der Gegend um die Burg traute sich eigentlich niemand, unliebsame Leute zu verfluchen. Obwohl eine Verfluchung natürlich auch halb-absichtlich, einfach durch starke, gebündelte negative Wünsche passieren konnte.

„N...nein. Das ist es nicht.“

Der Hexer wartete geduldig, obwohl er schon ahnte, was nun kommen würde.

„Es ist so, dass, ich …. ich kann den Jungen einfach nicht behalten“, stieß sie schließlich unter Aufbietung all ihrer Willenskraft hervor.

„Ah. Das ist es also“, erwiderte der Hexer ruhig, sein Verdacht bestätigt.

„Seht ihr, mein Mann hat als Tagelöhner gearbeitet, aber dann kam die Seuche und hat innerhalb von ein einer Woche ihn und unsere kleine Tochter geholt“, fuhr die junge Frau fort.

Das war immer so, wann immer irgendwelche Krankeiten umgingen bekamen sie auf der Burg besonders viele Kandidaten. „Ja, ja, die Blattern“, sinnierte der Hexer vor sich hin. „Das war wohl übel diesen Winter. Tut mir Leid zu hören.“

„Und jetzt, was bleibt mir? Ich hab ein bisschen magisches Talent, das hat ein Druide mir mal gesagt, als ich noch ein kleines Mädchen war. Aber das hat mir auch nichts geholfen, als mein Mann und mein Kind im Sterben lagen. Ich würde gerne heilen lernen, aber zur Ausbildung müsste ich in den Süden. Arbeit bei einem Bauern gibt es für mich hier, jetzt nach der Aussaat, bis zum Herbst auch nicht mehr. Hier bleibt mir nur das Hurenhaus in der Stadt. Bei bei alledem kann ich kein Kind gebrauchen.“

„Ja, hier in Kaedwen wirst du keine Schule finden, die sich aufs Heilen spezialisiert hat. In Thanedd wird zwar auch Heilkunst unterrichtet, aber die Studiengebühren dort sind üppig und die nehmen nur Mädchen, keine Erwachsenen Frauen. Und die Druiden nehmen nur Männer. Da ist eines der Heiligtümer weiter im Süden wirklich die bessere Wahl für dich, wenn du die Reise auf dich nehmen willst. Du bist aber schon recht alt für eine Ausbildung.“

„Aber es ist nicht unmöglich.“

„Nein, das wohl nicht“, stimmte er zu. „Und da willst du deinen Jungen bei uns unterbringen?“

„Ja.“

„Na, dann lass uns mal schauen“, erwiderte er , trank seinen Becher leer und kramte ein paar Münzen aus seinem Wams die auf den Tisch legte. Er erhob sich, schlang sich den Riemen des Schwertes, das er neben sich an die Bank gelehnt hatte über die rechte Schulter, griff sich dann den verhassten Gehstock.

„Wie heißt du“, fragte er sie, als er ihr durch die matschigen Gassen der Ansiedlung folgte.

„Visenna, Herr.“

Sie zog die abgetragene Jacke enger um ihre Schultern , führte ihn bis an den Rand der Siedlung, wo sie auf eine ärmliche, halbverfallene Holzhütte zusteuerte. Da hielt der Hexer inne.

„Warum gibst du ihn denn nicht zu einem Bauern oder Handwerker? Du kennst doch sicher unseren Ruf und unseren Lebenswandel“, fragte er sie.

„Ich kann das Lehrgeld nicht zahlen, und bei einem Bauern wäre er doch nur ein besserer Arbeitssklave“, antwortete sie leise. „Ich habe ihn ganz jung bekommen, er … war nicht von meinem Mann, er ist unehelich geboren. Ihr wisst ja wie die Leute so sind. Selbst mein Mann war nicht immer freundlich mit ihm.“ Die Frau ließ müde den Kopf hängen, der Hexer seufzte. Er wusste ziemlich genau wie `die Leute` so waren. Er erlebte es jeden Tag. „Die Jungen bei euch bekommen, was sie zum Leben brauchen und eine Ausbildung. Euch ist es egal wer sie sind und wo sie herkommen. Und wenn viele die Hexer auch nicht mögen, die Leute haben genug Respekt vor euch, dass sie es nicht wagen, sich mit einem anzulegen.“

„Damit eins klar ist, du gibst alle Rechte an ihm auf, wenn du es dir anders überlegst, nach Kaer Morhen kommst, um ihn zu suchen, dann können wir dich nicht am Leben lassen. Das ist die Regel.“

„Ja.“

„Und, die Geschichten, die über die Mutation und die Ausbildung die Runde machen, die sind übertrieben, aber nicht gänzlich erfunden“, merkte er an.

Sie nickte. „Das habe ich mir schon gedacht. Aber bei einem Bauern müsste er ja auch von Früh bis Spät schuften, mit wenig zu essen,und noch weniger Zuwendung, und dann im Winter die Kälte und die Nässe.“

Er beobachtete, wie die junge Frau  mit den Tränen rang. Die Hexerburg rekrutierte ihren Nachwuchs in der Regel aus der Verzweiflung der Menschen am untersten Rand der Gesellschaft. Natürlich gab es das Märchen, dass die Hexer Kinder der Vorsehung waren. Was in einigen Fällen stimmte. Das hinderte sie aber nicht daran, es mit  Waisen, Findelkindern oder überzähligen hungrigen Mäulern, die sonst keiner mehr wollte, zu versuchen, da es einfach zu wenige Kinder der Vorsehung gab. Da die Mutation die Erinnerungen in Mitleidenschaft zog konnte er nur mutmaßen, aber er hatte eine Ahnung, dass er aus ähnlichen Verhältnissen stammte. Immerhin schien diese Frau ehrlich zu sein. Immer wieder kam es vor, dass Leute versuchten den Hexern Lahme und Blöde anzudrehen, um sie vom Hals zu haben. Was sie ebenfalls nicht brauchen konnten waren kleine Diebe, Tierquäler und Brandstifter. Der Ärger, den es machte einem Jungen solche üblen Gewohnheiten später wieder auszutreiben war es nicht wert. Es gab auf der Welt bereits mehr als genug an Waffen ausgebildete Männer, denen es an grundlegendem Anstand mangelte. Hexer sollten die Leute vor Ungeheuern schützen, nicht zur Population der Ungeheuer beitragen.

„Wie alt ist er denn?“, fragte er.

„Er wird diesen Herbst sieben.“

Der Hexer nickte. Das passte soweit. Die Regel war, dass die Mutation vor Einsetzen der Pubertät vorgenommen werden musste. Aber zu jung sank die Überlebensrate, zu alt war das Ergebnis weniger gut. Außerdem waren zu junge Lehrlinge auf der Burg eine Last, während zu alte schon zu viele Gewohnheiten mitbrachten, sich schlechter an ihr neues Leben anpassten.

„Weiß er denn Bescheid, was du für ihn geplant hast?“

„Ja.“

Das überraschte ihn nun doch. Die Mutter schien einigermaßen Verstand zu haben. Einen Jungen, der keine Ahnung hatte, was mit ihm geschah, von seinen Eltern wegzuholen artete nicht selten in eine sehr hässliche Angelegenheit aus, etwas auf das er nicht die geringste Lust verspürte. Seiner Erfahrung nach war es sinnvoll zumindest zu versuchen, die kleinen Kandidaten nicht mehr in Angst und Schrecken zu versetzen als sowieso unvermeidbar war. Man ersparte damit nur sich und ihnen unnötigen Ärger.

„Na, dann wollen wir mal.“

Der feuchte Muff nach alten Lumpen und unangenehmeren Dingen, der seinem verfeinerten Geruchssinn entgegenschlug, als sie die ärmliche Hütte betraten raubte ihm für einen Moment den Atem. Der Hexer wandte sich der zerlumpten kleinen Gestalt zu die auf dem Strohsack in der Ecke gespielt hatte und bei seinem Eintreten erstarrt war.

Er ging hinüber zu dem jämmerlichen Ersatz für ein Bett und ließ sich am anderen Ende darauf nieder. „Wie heißt du?“, fragte er ihn.

„Geralt“, murmelte der magere, rotblonde Junge mit tonloser Stimme.

„Und du weißt, warum ich hier bin, nicht?“

Das vernarbte Gesicht des Hexers anstarrend wich er langsam zurück bis er mit dem Rücken zur Wand dasaß. „Du bist einer von der Hexerburg. Mama will, dass ich da hingehe“, murmelte er.  

Der Hexer nickte bedächtig. „He, ich weiß ja nicht, was sie dir so aller über uns erzählt haben, aber in Kaer Morhen essen wir keine kleinen Kinder. Könnte sogar sein, dass es dir da ganz gut gefallen wird, wenn du dich erst mal eingelebt hast“, antwortete er beschwichtigend, das Gesicht zu einem schiefen Lächeln verziehend, wohl wissend was für einen Eindruck er wohl auf das Kind machen musste.

Der Junge betrachtete ihn für eine Weile schweigend und deutete schließlich auf sein Gesicht „Wo hast du das her?“, fragte er leise.

Dass er den Mut hatte überhaupt mit ihm zu reden, und dann noch Neugier zeigte, überraschte  ihn. „Die?“ Er fasste sich an die vernarbte Wange. „Da war ich eine Bruxa jagen, eine Blutsaugerin. Ist schon lange her.“ Der Hexer beugte sich vor, blickte ihn erwartungsvoll an und streckte die Hände aus. Vorsichtig, zögernd ergriff der Junge sie. Er nahm ihn bei den mageren Ärmchen und drehte sie in seinen Händen. Gesund.

„Steh auf und lauf da rüber und wieder zurück.“

Er tat wie geheißen und stand schließlich vor dem Hexer, der ihn abschätzend musterte. „Hast du den Blutsauger fertiggemacht?“ fragte der Junge scheu.

„Ja, hab ich“, antwortete der Hexer bedächtig.

Der Junge schaute ihn eine Weile aus großen Augen an, so als überlege er was er als nächstes sagen sollte. „Und …. und glaubst du, dass ich sowas auch mal kann? Meinst du, dass die anderen mich dann nicht mehr ärgern und mit Steinen beschmeissen und mir schlimme Sachen nachrufen?“, fragte er schließlich.

„Das können die dann immer noch, da kann man nichts machen“, antwortete der Hexer nachdenklich. „Viele Leute mögen uns auch nicht besonders. Aber drei Fuß guter Stahl hält die meisten dann doch davon ab, einem auf den Pelz zu rücken. Und die, die es trotzdem probieren schauen hinterher meistens nicht mehr so gut aus“, fügte er mit einem bösen Grinsen hinzu.

„Dann …. dann möchte ich auch mal ein Hexer werden“, erklärte der Junge mit dünner, aber erstaunlich fester Stimme.

Der Hexer blickte hinüber zu der Mutter, die ihnen den Rücken zugedreht hatte, dann zurück zu dem Kind. Er zog das silberne Medaillon, das er an einer Kette um den Hals trug aus seinem Wams, nahm die Hand des Jungen. Behutsam legte er es ihm auf die Handfläche und schloss seine Hände um die des Jungen.

„Genug Talent um Zeichen zu wirken hast du“, murmelte er, schob das Medaillon zurück unter das schwarze Wams und erhob sich von dem Strohlager. „Dann komm mal mit. Wir müssen heute noch eine ganze Strecke Wegs hinter uns bringen.“

„Jetzt gleich?“, fragte der Junge furchtsam, so als ob der Mut von gerade eben ihn nun doch verließ.

„Ja, jetzt. Komm“, sagte er freundlich. „Ich hab nicht den ganzen Tag Zeit.“

Sie liefen durch die paar engen Gassen bis sie wieder an der Schänke angekommen waren, wo er das Fuhrwerk gelassen hatte.

Der Hexer tränkte nochmal die Pferde, beobachtete dabei, wie die Mutter ihren Sohn umarmte. „Sei tapfer und werde mir ein guter Hexer, tu brav alles was der Herr dir sagt, dann wird die Melitele immer über dich wachen,“, hörte er sie sagen. Melitele, das war die Göttin der Schwangeren, der Mütter, der Fruchtbarkeit, er hatte so seine Zweifel ob ausgerechnet diese Göttin einem Hexer beistehen würde. Aus den Augenwinkeln beobachtete er, wie sie sie dem Jungen ein letztes Mal übers Haar strich, ihm dann dabei half, auf den Kutschbock zu klettern.
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