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Missing Mike

von Borin
Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Sci-Fi / P12 / Gen
11.05.2015
24.07.2015
2
4.736
 
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2 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
11.05.2015 1.640
 
»Missing Mike« ist mein Beitrag zum Wettbewerb Medusas Garten.
http://forum.fanfiktion.de/t/31572/1
Meine Vorgaben waren:
Gruppe 3
Figur: Hübsches Mädchen im Teenageralter (etwa 16)
Eigenschaft: Klug/ Schlau
Vorgegebene Wörter: magisch, rot, Schuh, tanzen
Situation: nach Streit trotzig in Wald gelaufen, es ist komplett dunkel
*Zusatz: hört ein unheimliches Rascheln


Missing Mike

Prolog: Riddles in the Dark

»Blöde Ziege.«, hörte sie ihren Bruder dicht hinter sich grummeln, als die beiden eine schmale Schleuse betraten. Die massive Stahltür schloss sich mit einem beinahe belustigt kommentierenden "pfft!" luftdicht hinter ihnen. Im gleichen Moment strömte mechanisch zischend sauerstoffhaltigere Luft in den kleinen Raum.

In einer routinierten Bewegung löste Fiva die Atemmaske, die etwa handtellergroß ihren Mund bedeckt hatte, und schob sich die Ledermütze vom Hinterkopf. Zum Vorschein kam ein Mädchen im mittleren Teenageralter, das man durchaus als ungewöhnlich hübsch bezeichnet hätte, wenn es sich denn um solcherlei Dinge gekümmert hätte. Fiva war jedoch ein eher praktisch veranlagtes Exemplar und allem voran der Wissenschaft und Kultur verschrieben. Damit stand sie ganz im Gegensatz zu ihrem älteren Bruder, der Bücher nur Allzugerne als Baumaterial oder Zunder verramschte.

»Ich hab mich doch schon zweimal entschuldigt.« Fiva zuckte mit den Schultern. »Du weißt, es ist alles nur wegen -«

»Hör mir bloß mit Mike auf!«, unterbrach ihr Bruder sie mit auslandenden Gesten. »Ich will nie wieder was davon hören. Schlimm genug, dass unsere Eltern dir diesen Schwachsinn nicht austreiben.« Er stürmte an ihr vorbei und stieß die Tür zu einer der wenigen kuppelartigen Behausungen auf, die hier auf Phan bereits während der Frühbesiedlung errichtet worden waren. Der größtenteils ausgetrocknete Planet lag abseits der belebten Handelsrouten und forderte aufgrund seiner sauerstoffarmen Atmosphäre eine sogenannte alternative Lebensweise. Fiva war hier geboren und kannte nichts anderes. Doch oft verlor sie sich gedanklich in Büchern, die fremde Welten beschrieben,  in denen von Wüsten aus gefrorenem Wasser und von "Pflanzen" genannten, grünen Lebewesen die Rede war, die angeblich ganze Landstriche bevölkerten.

»Ricks, was ist dir denn passiert?«, vernahm Fiva die besorgte Stimme ihrer Mutter und betrat, während ihr Bruder im Mittelpunkt bei Geschwistern und Eltern stand, völlig unbeachtet die Wohnstätte ihrer Familie.
Ricks offenbarte seine verbrühten Hände und Arme. »Die Heißwasserpumpe ist quasi unter meinen Händen in alle Einzelteile zerfallen. Und das bloß weil Fiva in letzter Zeit so unglaublich unkonzentriert ist.« Er warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

»Das ist es nicht.« Fiva schüttelte energisch den Kopf. Das Mädchen zögerte einen kurzen Augenblick, bevor sie schließlich doch äußerte, was ihr auf der Seele lag. »Mike ist verschwunden. Er war derjenige mit all den klugen Ideen; ich hab sie nur umgesetzt.  Und deswegen bin ich jetzt -«

Eine winzige Geste ihres Vaters, ließ das Mädchen sofort verstummen. »Fiva, wenn du mit offenen Augen träumst, bringst du Andere in Gefahr. Wir müssen uns vollkommen auf dich verlassen können. Du trägst viel Verantwortung und musst ein gutes Beispiel für die Jüngeren sein.«

Fiva presste beschämt die Lippen aufeinander und nickte knapp. Ihr guter Vorsatz hielt allerdings nur für einige Sekunden. »Er ist wie vom Erdboden verschluckt seit -«

»ES GIBT KEINEN MIKE!«, fuhr Ricks ihr zornig über den Mund.

»Doch.« Fivas Stimme war leise, wenn auch beharrlich. Ihr Blick richtete sich starr gen Fußboden.

»Und es hat ihn auch nie gegeben. Krieg das endlich mal in deinen Schädel.« Ricks sah seine Eltern mit einer auffordernden Geste nahezu ebenso vorwurfsvoll an. Diese wollten sich jedoch an der Diskussion nicht beteiligen und warfen sich lediglich bedauernde, stumme Blicke zu.

»Wer ist Mike?«, mischte sich nun Fivas fünfjährige, kleine Schwester in das Gespräch ein und schaute neugierig von einem zum anderen. Allerdings ging niemand darauf ein. Ricks und Fiva schienen damit beschäftigt sich gegenseitig in Grund und Boden zu starren. Das Mädchen wand sich jedoch nach einigen Sekunden ab, griff nach einem breiten Bauchbeutel und der Atemmaske, die sie beim Hereinkommen an die Wand neben der Tür gehängt hatte.

»Ich werde ihn jetzt jedenfalls suchen gehen. Vielleicht ist er in Schwierigkeiten. Immerhin ist er nicht der Erste aus der Kolonie, der auf merkwürdige Weise ganz plötzlich verschwunden ist. Von Jekaterina hat man schließlich nur noch -«

»- einen Schuh gefunden.«, fiel Ricks ihr ins Wort. »Alles nur Blabla. Der ganze Ort weiß, dass sie bloß zu ihrem Geliebten nach Mhera abgehauen ist. Allein ihr Vater will das natürlich nicht wahrhaben.«

Fiva ging darauf nicht weiter ein. »Wartet nicht mit dem Abendessen auf mich. Könnte spät werden.«, murmelte sie über die Schulter hinweg und wandte sich zum Gehen. Abrupt hielt sie dann jedoch mitten in der Bewegung inne, als sich schmale Finger um ihre Hand schlossen.

»Darf ich auch suchen helfen?«

Lächelnd ging Fiva vor ihrer kleinen Schwester in die Hocke. »Weißt du Nena, mein Freund Mike ist sehr scheu. Ich habe ihm schon oft gesagt, dass er keine Angst zu haben braucht. Aber er traut sich nur heraus, wenn ich allein mit ihm bin. Deswegen kann auch nur ich ihn finden. Verstehst du?«
Nena legte überlegend den Kopf schief, nickte aber dann.

»Blöde Ziege. Steck sie nicht auch noch an mit deinem Unsinn.«, maulte Ricks und ließ sich auf die lange Steinbank neben der Feuerstelle sinken.

»Und wirf du nicht mit Begriffen um dich, deren Bedeutung du gar nicht kennst.«, erwiderte Fiva und zog mit überlegener Miene die Augenbrauen hoch, während sie aufstand.

»Ich weiß, dass es ein Schimpfwort ist. Das reicht mir.«, wehrte sich ihr Bruder und verzog das Gesicht.

»Eine Ziege ist ein Tier mit zwei -« Die Geschwister verstummten augenblicklich, als ihr Vater erneut das Wort ergriff.
»Fiva. Wenn du rausgehst, nimmst du den Tracker mit. Wir wollen nicht, dass du verloren gehst.« Fivas Vater warf ihr eine Art kleine rot angestrichene Metallbox zu, die sie ohne zu zögern an ihrem Gürtel befestigte. Dann verließ Fiva eiligen Schrittes die Behausung ihrer Familie.

Sie hatte nicht die geringste Idee wo sie eigentlich nach Mike suchen sollte. Normalerweise war er es nämlich der sie fand. Langsam verflog die trotzige Haltung den Worten ihres Bruders gegenüber, die sie überhaupt erst hinausgetrieben hatte. Fiva blieb stehen.
Erst jetzt als sie direkt davor stand, bemerkte sie, dass ihre Schritte sie unbewusst zum Wald hinter dem Sandsteinbruch gelenkt hatten. Genaugenommen handelte es sich um eine ungewöhnliche Ansammlung von mehr als 200 Straßenlaternen, die Fiva liebevoll nach einem ihrer Bücher den Laternenwald getauft hatte. Abgesehen davon, dass niemand mehr genau sagen konnte, wer die Metallpfeiler dort aufgestellt hatte und welchem Zweck sie dienten, war ihre eigentliche Besonderheit die Tatsache, dass die Lichtkegel um die Laternen herum aus schwarzen Lichtpartikeln bestanden, die jegliche Helligkeit zu verschlucken schienen. Den meisten Einwohnern der Siedlung war dieser Ort deshalb nicht ganz geheuer und sie mieden ihn. Einige glaubten sogar, er sei verflucht. Fiva hingegen empfand das Phänomen der Schwarzlichtlaternen als faszinierend, nahezu magisch.

Kurzentschlossen machte das Mädchen einen mutigen Schritt nach vorn und tauchte in die sonderbare Dunkelheit ein. Für einige Sekunden blieb Fiva verschwunden.
Dann trat sie rückwärts wieder aus dem Schwarzlichtkegel heraus, löste in mehreren Umrundungen ein breites Stoffband, das um ihre Hüfte gewickelt war, und knotete das Ende um die äußerste Laterne.
Das andere Ende fest in der Hand haltend, trat sie in die vollkommende Finsternis und tastete sich langsam Stück für Stück, von Laternenpfahl zu Laternenpfahl, voran. Alle paar Meter blieb sie stehen, horchte in die Dunkelheit hinein.
Zuerst war nichts als Stille zu hören. Dann vernahm Fiva weit entfernte Stimmen und unzusammenhängende Wortfetzen. Auch wenn sie sich ziemlich sicher war, dass es eigentlich nur der leise flüsternde Wind war, der ihr einen Streich spielte, überlegte sie kurz, ob es nicht besser war umzukehren. Doch von Neugier getrieben, schob sie sich vorsichtig weiter durch das nicht endende Dunkel vor ihren Augen, bis sie schließlich nur noch, den äußersten Zipfel des breiten Stoffbandes in den Fingern hielt.

Endstation.

Ernüchtert blieb Fiva stehen und seufzte enttäuscht. Sie hatte sich erhoff, wenigstens irgendetwas Interessantes oder Unbekanntes im Laternenwald vorzufinden, wenn schon nicht ihren Freund Mike. Doch stattdessen stand sie hier mitten im schwarzen Nichts. Allein der Wind, der ihre Haarspitzen sanft über ihr Gesicht und den Nacken tanzen ließ, gab ihr das Gefühl, tatsächlich hier zu stehen, nicht bloß zu träumen.

Missmutig begann Fiva damit sich nach und nach das Stoffband auf die Hand zu wickeln und machte sich, ihrer selbsterdachten Markierung folgend, auf den Rückweg. Sie war noch keine fünf Schritte gegangen, als nicht besonders weit entfernt knatternd ein Motor gestartet wurde, der jedoch wenige Sekunden später röchelnd den Geist aufgab. Fiva hielt inne und starrte ins dichte Dunkel.

»Mike?«, flüsterte das Mädchen heftig blinzelnd, obwohl sie doch Nichts sehen konnte. Sie erhielt keine Antwort. Stattdessen heulte der Motor erneut auf, verstummte dann allerdings endgültig.

Immerhin war dort Jemand, oder Etwas.

Fivas Neugier war erneut geweckt. Sie lenkte ihre Schritte in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war, befand sich jedoch schnell erneut am Ende ihres Orientierungsbandes. Kurzentschlossen löste Fiva die Riemen ihrer Stiefel und knotete sie an das Stoffband, was ihr einige Meter mehr verschaffte und  plötzlich den Schritt heraus aus der Schwärze ermöglichte.
Vollkommen unerwartet stand Fiva nun auf einer Art Lichtung inmitten der Laternen. In einem Umkreis von etwa fünfzig Schritten, waren alle Laternen entweder abgeknickt oder eingeschlagen, sodass von ihnen kein Schwarzlicht mehr ausgehen konnte, was diese Lichtung überhaupt erst möglich machte. Fiva, die halb abwesend das Schuhband an einer der Laternen in ihrer Nähe befestigte, hatte jedoch nur Augen für den offenkundigen Grund dieser Verwüstung: Ein beinahe dreißig Meter langes, tellerartiges Raumschiff, das sich am anderen Ende der Lichtung befand und hier ganz offensichtlich eine Bruchlandung gemacht hatte.

Das Mädchen hatte gerade die Zeit einen recht flüchtigen Blick darauf zu werfen, als dicht neben ihr ein unheimliches Rascheln schnell lauter wurde. Fiva reagierte viel zu spät auf den schemenhaften Schatten, der sie wie aus dem Nichts mit einem gezielten Schlag gegen die Schläfe zu Boden schickte und ihr das Bewusstsein raubte.
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