Mephalas Aufstieg

von Scrima
GeschichteAbenteuer / P18
11.05.2015
23.12.2018
51
333291
28
Alle Kapitel
167 Reviews
Dieses Kapitel
18 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
Mit unsicheren Bewegungen knöpfte Merowe sich ihren Mantel zu und zog ihren Schal über Mund und Nase. Es hatte Wochen gedauert, bis sie sich an das ständige Jucken auf der Haut von Sand und Hitze gewöhnt hatte und ihre Beine und Arme hatten rote Striemen vom vielen Kratzen. Es war erstaunlich, wie sehr sich die Temperaturen in diesem eigentümlichen Land tags und nachts unterschieden, wenigstens dann, wenn man sich in den Wüstenregionen aufhielt. So, wie sie. Langsam und vorsichtig trat Merowe einen Schritt hervor, um zwischen den Zelten des kleinen Dorfes besser hindurchspähen zu können, wurde aber dann von einer Pranke, die sie an der Schulter fasste, zurückgehalten.
„Nicht näher, Fälscherin. Sie können dich riechen, wenn du weiter vordringst.“
Merowe nickte und sah zu, wie die Clanmutter des Dorfes einige sandzerfressene Briefe verlas und die umstehenden Khajiiti aufmerksam zuhörten. Sie trugen helle, meist weiße Kleidung, doch die Kinder liefen für gewöhnlich nackt herum. Sie standen und saßen in kleinen Gruppen, Cathay, Senche, Ohmen und all die anderen Arten, die Merowe in diesem Moment nicht einfallen wollten. Die raue Stimme der Clanmutter erfüllte die Nacht und niemand wagte es, sie zu unterbrechen oder den Blick von ihren Lefzen abzuwenden. Das Schweigen war schwerer als in jeder Kathedrale, nur der Wind, begleitet vom leisen Rauschen des Sandes, wehte sanft im Hintergrund.
Dann sah sie es den Grund, weshalb sie eigentlich hier waren: Eine sandfarbene Ohm trat näher und schaute beschämt auf die Erde hinab. Ihre Kleidung war zerrissen, ihre Ohren an den Spitzen zerfetzt und entzündet. Sie hatte die gleichen Augen, wie Sarmadan, die gleichen türkisen und schwarzen Perlen im Haar, wie jeder hier im Dorf sie trug. Die Clanmutter sagte etwas und die Ohm schaute hoffnungsvoll auf. Fröstelnd beobachtete Merowe, wie die Khajiiti die Ohm in ihrer Mitte aufnahmen und jeder von ihnen ihr sandfarbenes Fell berührte. Worte wurden gemurmelt, Worte, die Merowe nicht verstand, dann brach die Ohm in Tränen aus und viele der Umstehenden taten es mit ihr. Merowe atmete erleichtert aus. Es hatte funktioniert. Und schuld daran war ein Bündel an Briefen, welches die Clanälteste in ihren Pfoten hielt.
„Siehst du das, Fälscherin?“ Sarmadans leuchtende Augen schauten hinter den Kisten hervor und nahmen jedes Detail der Szene in sich auf. „Siehst du sie? Meine Mutter… oh, wie sehr ich diese Nacht herbeigesehnt habe!“
„Ich weiß“, murmelte Merowe abwesend, während die Khajiiti, die geweint hatten, nunmehr lachten und die Ohm in ihrer Mitte umarmten und küssten. Offensichtlich hatte es sich um Freudentränen gehandelt.
Ein paar der Khajiiti bildeten einen Kreis und stimmten mit ihren rauen Stimmen ein Lied an, welches eine seltsame, doch eigentümlich schöne Melodie hatte. Trotz der Kälte der Nacht gefiel Merowe der Rhythmus und ohne dass sie es wollte, wiegte sich ihr Körper schon bald im Takt.
„Sie wird wieder von ihnen aufgenommen“, erklärte Sarmadan, der seine einstmalig verstoßende Mutter wohlwollend betrachtete. „Ihre Schuld wurde von ihr genommen. Sie wird wieder bei ihnen leben dürfen.“
Merowe verkniff sich ein ‚Das will ich auch hoffen‘ und sah entsetzt zu, wie die Briefe, die Sarmadan eigens gefälscht hatte im Feuer in ihrer Mitte landeten. Khajiiti hielten sich nicht mit unnötigen Besitztümern auf. Sie hatten sie gelesen, wenigstens diejenigen unter ihnen, die die Schrift lesen konnten und sie hatten geglaubt, was in den Zeilen gestanden hatte. Sarmadans Mutter war unschuldig. Was auch immer man ihr vorgeworfen hatte, nun war es nichtig und vergessen.
„Shir“, sagten die Khajiiti immer wieder und danach noch ein anderes Wort, das Merowe nicht so recht heraushören konnte. „Shir epako.“
Unähnlich den westlichen Gesellschaften Tamriels war es Khajiiti nicht möglich, eine neue Identität anzunehmen, sobald sie einmal verstoßen worden waren. Man erkannte sie an Geruch und Fellfarbe, an besonderen Merkmalen, wie nur Khajiiti sie sehen konnten und sie blieben Kriminelle und Aussätzige, ihr Leben lang. Viele von ihnen flohen deshalb in andere Länder, Länder, in denen man nur das Aussehen verändern und die Stimme verstellen musste, um langfristig jemand anderes zu sein. Doch Sarmadans Mutter war nicht gegangen. Sie hatte auf ihre Unschuld beharrt und war geblieben. Jahrelang. Bis zu diesem einen Augenblick.
„Es war meine Schuld“, murmelte Sarmadan nachdenklich und grinste, als seine Mutter von den anderen nach oben gezogen und zum Tanz umringt wurde. Noch immer weinte die Ohm ungläubig und lachte gleichzeitig, überwältigt von der ungewohnten, beinahe vergessenen Freundlichkeit, die man ihr nun entgegenbrachte. „Sie hat sich meinetwillen mit ihm eingelassen. Wir brauchten Gold, um zu essen. Sie konnte es nicht verhindern, dass er das Kind stahl und mitnahm. Armer kleiner Bruder… was wohl aus ihm geworden ist? Wir haben ihn nie finden können.“
Mit weit aufgerissenen Augen starrte Merowe ihn an und schluckte einen ganzen Wust an Fragen hinunter. Sarmadan schien erst jetzt zu bemerken, was er da gesagt hatte und schüttelte reuevoll seinen Kopf.
„Tu so, als wenn du das nicht gehört hättest, Fälscherin. Es gibt Dinge, die sollte niemand über mich wissen.“
Sie nickte stumm und wandte sich dann zitternd von der Szenerie ab.
„Können wir gehen?“, fragte sie leise und rieb sich ihre dünnen Finger. „Ich frier mir den Arsch ab!“
Sarmadan nickte langsam und führte sie im Dunkeln zu ihren Pferden, die weiter entfernt an einem der Palmenbäume angebunden waren. Sie brauchten einige Minuten, bis sie sie erreicht hatten, denn die Pferde hatten nicht in Hörweite des kleinen Dorfes sein dürfen, um ihre Anwesenheit geheim zu halten. Und Khajiiti hatten verdammt gute Ohren!
Leto schnaubte, als sie ihn erreicht hatten und verlangte mit einem sanften Stupser eine Entschädigung für das lange warten. Merowe steckte ihm ein Karottenstück zu.
„Wir sollten zur Zuflucht zurückkehren“, bestimmte Sarmadan und ließ sich elegant in den Sattel seines Pferdes gleiten. Er schnalzte mit der Zunge und der Hengst drehte sich herum. Dann nahm er auch Letos Zügel, da weder Merowe noch ihr Pferd sonderlich gut in der Dunkelheit sehen konnten und führte sie durch den feinen Sand. Merowe war eingeschlafen, ehe sie es wirklich gemerkt hatte.
Als sie hochschreckte, fand sie sich am Stadtrand von Corinthe wieder. Der Stallgeruch hatte sie aufgeweckt und sofort war ihre Nase tödlich beleidigt, nun, da sie die Aufmerksamkeit ihrer Trägerin hatte. Merowe verzog verstimmt das Gesicht und rümpfte ihr überfordertes Riechorgan, als sie sich müde auf den Boden plumpsen ließ und mehr schlecht als Recht Leto den Sattel abnahm. Lediglich die Macht der Gewohnheit ließ sie alle richtigen Stellen und Schlaufen finden und so dauerte es nicht allzu lange, bis Leto frei und dampfend in seiner Box stand. Der Stallmeister streckte ihnen fordernd seine Tatze hin.
„Velk jer!“, sagte er bestimmt und bewegte dabei spielerisch seine Finger.
Merowe seufzte und kramte ein paar Münzen aus ihrem Beutel heraus. Sie zitterten noch immer vor Kälte und es fiel ihr schwer einen Fuß vor den anderen zu setzen.
„Was auch immer“, murmelte sie müde und gähnte ausgiebig.
„Trajir jaji“, erwiderte Sarmadan freundlich und deutete eine Verbeugung an. Erfreut erwiderte der Stallmeister diese und stellte seine schwarzfelligen Ohren auf.
„Können wir dann gehen?“
Merowe fühlte sich nicht zu höflichen Konversationen aufgelegt, vor allem dann nicht, wenn sie die Worte, die in ihr fielen, nicht verstand. Sarmadan nickte lächelnd und packte sie an der Schulter, sein neu geschmiedeter Stachel aus Ebenerz glänzte in der Nacht.
„Aber ja, Fälscherin. Wir sollten.“
Dann hob er sie hoch und drückte sie entschieden zu kräftig an sich, dankbar schnurrend und mit dem breitesten Grinsen, das  Merowe jemals bei ihm gesehen hatte.
„Was…?“
„Danke, kleine Fälscherin! Danke!“
Er leckte ihr mit seiner rauen Zunge über die Wange, was bei den Khajiiti einem Kuss gleichkam, schließlich hatten sie keine Lippen, wie die Menschen.
„Oh… bei allen Göttern, Sarmadan, lass mich los!“
Sarmadan jedoch dachte nicht daran, sondern drückte sie, während er weiterging, noch fester an sich und rieb seine Wange an der ihren.
„Nein, Fälscherin. Dies ist ein Moment zum Feiern. Wir haben unser Wort gehalten, alle beide. Ein gerechter Handel, Geheimnis für Wissen. Sri kor und pur durrar! Hahaha, ich kann es nicht erwarten, den anderen davon zu erzählen!“
Er setzte sie ab, umfasste ihre Hand und zog sie mit sich. Merowe rieb sich schmerzverzerrt die Rippen.
Mit steifen Gliedern ließ sie sich von Sarmadan durch die Straßen voll mit feiernden, trinkenden und lachenden Khajiiti führen. Das Wüstenvolk war eher nachtaktiv und genoss es, in den späten Stunden Wein und Brandy hervorzuholen und den allseits beliebten Mondzucker zu teilen, den hierzulande irgendwie jeder zu besitzen schien. Ein paar Mal wurden sie angehalten und aufgefordert, mitzufeiern, doch immer, wenn Sarmadan ein Glas entgegennehmen oder eine Prise Mondzucker auf seine raue Zunge streuen wollte, trat ihn Merowe bestimmt gegen das Schienbein und der Cathay-rath zog sie widerstrebend weiter. Es war eine der vielen Eigenschaften, die Merowe an diesem Volk verwirrte. Khajiiti brauchten keinen Grund, um zu feiern. Für sie reichte es, wenn die Hitze des Tages erträglich wurde. Es war ihr schleierhaft, dass jemand wie Ra‘ Zadir sich so sehr von diesen Gepflogenheiten hatte lossagen können.
„Du bist so ernsthaft, Fälscherin! Heute ist ein guter Tag!“
„Ich wünsche dir ebenfalls eine gute Nacht, lieber Bruder. Sobald ich im Bett liege und meine Decke hochgezogen habe.“
Sarmadan lachte ausgiebig und klopfte ihr auf den Rücken, sodass Merowe beinahe hingefallen wäre. Der Umstand, dass es in der Stadt weitaus wärmer war als am Rande irgendeines x-beliebigen Dorfes, steigerte ihre Müdigkeit nur noch und Merowes Sicht verklärte sich mit jedem Schritt ein wenig mehr.
„Renrij intenurr“, murmelte Sarmadan gutgelaunt, als sie an einer Gruppe spielerisch raufender Jünglinge vorbeiliefen, welche im nächsten Moment lachend nebeneinander saßen und ein spontanes Picknick im Sand veranstalteten. Zwar gab es Straßenpflaster, doch achtete man hierzulande darauf, dass es auch in den Städten Plätze mit freiem Sand gab. Nichts schien den Khajiiti wichtiger zu sein, als Sand unter ihren Pfoten und glaubte man den Kaiserlichen, dann gab es die Straßenpflaster nur deshalb, weil sie nach der Eroberung von Elsweyr darauf bestanden hatten.
Nachdem sie zwanzig Minuten nach Osten gewandert waren, befanden sie sich in einer breiten Gasse, die hellerleuchtet von den vielen bunten Papierlampen an den Eingängen der Häuser war. Die Feiernden hatte es in die Stadtmitte, von der sie sich stetig entfernt hatten, getrieben, sodass sie relativ unbeobachtet waren. Lediglich eine Straßenkatze kreuzte ihren Weg, doch sie buckelte, als Merowe sie entdeckte.
„Balini hat aratataami.“
„Was hat Balini?“, fragte Merowe perplex.
Sarmadan schüttelte amüsiert den Kopf.
„Ich sagte: Ihr seid alle gleich. Die Katze, die du gesehen hast, ist ein Neffe von mir.“
Merowe blinzelte, ehe sie die Antwort verstanden hatte, dann blickte sie ungläubig der Katze hinterher.
„Im Ernst?!“
Sarmadan nickte und zog sie zwischen zwei Häuser, von denen das eine ein paar Treppenstufen aufwies, die an der linken recht steil nach unten führten.
„Ja. Ich habe seinen Namen vergessen. Meine Brüder waren fleißig.“
Er lachte erneut und schloss die Holztür auf. Merowe stakste ungelenk hindurch. Als Sarmadan die Tür wieder verschlossen hatte, holte sie eine Kerze hervor, welche sie mithilfe einer weiteren, die nahe bei der Tür brannte, entzündete. Sie brannte immer dort, ein geheimes Zeichen, dass die Luft rein war und man die Zuflucht gefahrlos betreten konnte. Sarmadan seufzte, als er sah, was Merowe tat und verschränkte vorwurfsvoll seine Arme ineinander.
„Du brauchst kein Licht, Fälscherin. Ich kann für sich sehen.“
„Du weißt, dass es mir so lieber ist“, erwiderte Merowe schlicht und hielt die Kerze so weit von sich entfernt wie möglich, um den Lichtkegel zu vergrößern.
„Du vertraust mir noch immer nicht, nach allem, was wir zusammen erlebt haben?“
Er spöttelte und führte sie weiter nach unten.
„Ich vertraue meinen Augen nicht, wenn es dunkel ist, Khajiit. Schließlich bin ich nicht mit deinen Gaben gesegnet.“
„Bedauerlich“, bemerkte der Cathay-rath und lächelte zufrieden schnurrend.
Ihr Weg führte sie durch alte Kellergewölbe, welche ohne Zweifel vor vielen Jahrhunderten von den Kaiserlichen angelegt worden waren. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war hier einmal eine Garnison gewesen, in welcher der Kommandant Wein eingelagert hatte, um die Soldaten einigermaßen bei Laune zu halten. Normalerweise, das wusste sie aus ihrem Heimatland, waren alkoholische Getränke während der Dienstzeit streng verboten, doch Elsweyrs Soldaten hatten eine geradezu verschwenderischen Bedarf an Wein, um die Männer und Frauen vom Mondzucker abzuhalten. Im Gegensatz zu den Khajiiti, für die die Substanz nicht gefährlicher war, als ein gelegentlicher Tabakstängel, entwickelten Kaiserliche wie die meisten Völker Tamriels schon nach kurzer Zeit eine Abhängigkeit zu Mondzucker, welche nicht selten im Skoomakonsum endete. Und skooma-abhängige Soldaten waren alles andere als bekannt für ihre herausragenden Leistungen im Feld. Mittlerweile waren die zurückgelassenen Fässer freilich leer und selbst der typische Weingeruch war im Laufe der Jahrzehnte verflogen. Das Haus selbst wurde mittlerweile von einer kleinen Händlerfamilie bewohnt, welche durch gelegentliche Besuche von Babette schnell davon zu überzeugen gewesen waren, ihre heimlichen Untermieter zu vergessen, ein kleiner Umstand, der ihnen nicht gänzlich zum Nachteil gereichte. Spätestens, als man die Schläger eines bekannten Konkurrenzunternehmens, verschlagene Dunmer, die den Silberhandel an sich reißen wollten, vorbeischickte, lernte ihre unfreiwillige Tarnung die geheimnisvollen Träger der eingehüllten Rüstungen zu schätzen und waren mehr als froh, sie stets in ihrer Nähe zu wissen. Die Dunkle Bruderschaft beschützte jene, die ihr unterstanden. Und das Wissen, vor jedwedem Auftrag, der gegen sie eingereicht wurde, sicher zu sein, hatte den Umsatz der Khajiiti sehr bald verdoppelt.
Vorbei an leeren Weinfässern und grob zusammengezimmerten Tischen, welche längst vergessen auf ihren letzten Einsatz im Kaminfeuer warteten wanderten Merowe und Sarmadan stetig hinab, hinein ins Dunkel, wo es merklich kühler wurde. Merowe gähnte fortwährend und wurde nur vom ihre Finger herunterlaufenden Wachs wach gehalten.
Dann kam der Gang, der elendig lange Gang, der sie mindestens fünf weitere Minuten auf den Beinen halten würde, denn der Eingang, den sie tagsüber nutzen konnten, war in der Nacht stets verschlossen, um keinen Verdacht durch aus- und eingehende Gestalten zu erwecken. Merowe hatte gewusst, dass sie diesen Umweg hätten gehen müssen, doch das änderte nichts an der Tatsache, dass es ihrer durch die Müdigkeit bedingten Laune noch einmal einen kräftigen Dämpfer versetzte. Sarmadan kicherte und pustete, die Augen verdrehend, ihre Kerze aus.
„Hey, was soll…?!“
Merowe spürte, wie große Pranken sie packten und schnelle Schritte sie in eine Richtung trugen. Viel zu erschöpft, um wirklich wütend darüber zu sein, schloss sie für einen Moment die Augen und schreckte erst hoch, als Sarmadan – nach weitaus weniger als fünf Minuten – vor einer anderen Tür anhielt. Hinter ihr verbarg sich der eigentliche Eingang, der ihnen, wie bei jeder Zuflucht, eine sinnentleerte Frage stellen würde. Sarmadan schloss auf und ließ Merowe den Vortritt.
Ein rot leuchtender Schädel starrte sie an und entblößte eine steinerne Tür, auf der sich seltsame Motive befanden. Sie waren Merowe nur allzu vertraut, doch das raubte ihnen nicht ihren irrsinnigen Schrecken: eine liebevoll schauende Frau, vielleicht Mutter, die fünf Kinder für den fürchterlichen Vater Sithis erstach. Es gruselte Merowe jedes einzelne Mal, wenn sie es sah, hatte sie doch mit Sarmadan zusammen vor wenig mehr als sieben Monaten eben jene Kinder, oder vielmehr ihre Leichname, aus ihrem ewigen Grab in Bravil befreit. Sie bekam eine Gänsehaut, wenn sie an die Dunkelheit in der uralten Gruft dachte und an die Schatten, die nach ihr gegriffen hatten. Dennoch, es war ein Handel, der sie zufriedengestellt hatte, denn Galen saß nach wie vor auf seinem Thron, frisch verheiratet mit einer Frau, deren Namen sich Merowe ums Verrecken nicht merken konnte.
„Welcher Gott tötet das Licht?“
Der regungslose Schädel hatte gesprochen.
„Boah, was weiß ich?!“, rief Merowe genervt und kickte einen kleinen Stein gegen die Tür. „Lass mich raten: Es ist Sithis?!“
„Willkommen zu Hause“, antwortete der Schädel und die Tür schwang lautlos zur Seite.
„Du entwickelst langsam ein Gefühl dafür, Fälscherin!“, machte sich Sarmadan über sie lustig, wohl wissend, dass Merowe ihre Schwierigkeiten mit diesen Fragen hatte.
Ohne darauf einzugehen stieg die Bretonin gähnend über die Schwelle und schlurfte über die roten Teppiche, deren Muster ihr in diesem Moment so egal waren, wie einer Mücke der Erzhaufen, unter dem sie sich befanden. Dankbar darüber, dass niemand mehr wach war, wanderte Merowe durch die Eingangshalle, die einem Gewölbe gleichkam und wandte sich nach rechts, wo die Gästemitglieder, die in der Zuflucht übernachteten, untergebracht waren. Stöhnend lehnte sie sich gegen ihre Tür, welche augenblicklich nachgab. Im Dunkeln tapsend suchte sie vorsichtig nach ihrem Bett und fand es nach einer geschlagenen Minute. Gerade noch schaffte Merowe es, sich die Stiefel auszuziehen, dann ließ sie sich nach hinten fallen und schloss ihre Augen.
Es dauerte Sekunden, bis sie eingeschlafen war.

„FRÜHSTÜCK!“, krähte jemand fröhlich und ließ Merowe erschrocken nach oben fahren. Mit klopfendem Herzen sah sie sich um und entdeckte am Fußende ihres Bettes Babette, welche ihr grinsend zuwinkte.
„Frühstück?“, murmelte Merowe verwirrt und wischte sich den Schlaf aus den Augen. „Wieso Frühstück?“
„Weil ich dir welches gemacht habe, Schlafmütze!“, verkündete Babette gewichtig und stellte ihr ungefragt ein Tablett auf die Beine. „Spiegelei, geröstete Tomaten, Datteln und ein Stück gebratener Fisch. Oh, und Orangensaft. Der schmeckt hervorragend, sage ich dir!“
Merowe blinzelte verwirrt und rieb sich über das Gesicht. Sie war noch entschieden zu müde für derartig gute Laune.
„Woher willst du wissen, wie er schmeckt?“, fragte sie dann und zwang sich, das Glas an die Lippen zu setzen. „Du bist ein Vampir.“
Babette zuckte leicht mit den Schultern.
„Na und?“
„Na und Vampire trinken Blut. Keinen Orangensaft. Oder hast du deine Gewohnheiten etwa geändert.“
Babette schüttelte belehrend den Kopf.
„Nein. Das habe ich nicht, Aber diejenigen, die ihn trinken, haben süßeres Blut.“
Merowe verschluckte sich und sah Babette entgeistert an. Sie brachte es nicht fertig, etwas darauf zu erwidern, sodass eine kurze, unangenehme Stille entstand.
„Bei… bei Akatosh, Babette, ich wollte nicht… ich hätte das nicht sagen sollen. Tut mir leid.“
Babette presste die Lippen zusammen und räusperte sich.
„Äh… ich lass dich dann erst mal allein“, sagte das Vampirmädchen peinlich berührt und rutschte von ihrer Bettkannte. „Nazir möchte dich noch sprechen, doch er sagte, dass es Zeit hat, also… ja. Bis nachher.“
Sie nickte entschieden und machte die Tür hinter ihr zu. Merowe seufzte und sah auf ihren Teller hinab.
Süßeres Blut. Wie hatte sie nur so taktlos sein können?! Sie wusste seit nunmehr fast einem Jahr, dass Babette ein Vampir war und dennoch brachte es sie gelegentlich aus dem Konzept. Vermutlich war es die Niedlichkeit, mit der Babette jeden Tag der Welt begegnete. Es gehörte sich einfach nicht, so niedlich zu sein, wenn man in Wirklichkeit eine Menschen und Mer reißende Bestie war!
Langsam kauend sah Merowe sich in ihrem Zimmer um. Es war ziemlich klein und nur ein schmales Bett und eine Kommode fanden darin Platz. Normalerweise hätte ihr ein größeres Zimmer zugestanden, da sie innerhalb der Dunklen Bruderschaft immerhin den Rang einer Assassinin einnahm, doch sie hatte mit Kusshand auf dieses Recht verzichtet. Der Vorzug an ihrem Zimmer war, dass es weit weg von den anderen war und sie kannte die nächtlichen Aktivitäten der Khajiiti nur zu gut.
Fusozay Var Var wurde hierzulande fast immer sexuell ausgelegt und nicht selten hörte sie eben diese Aktivitäten, wenn sie sich auf dem Weg zu den Waschräumen oder zum Speisesaal befand. Allen voran Sarmadan, der sich sowohl mit seinen dunklen Geschwistern vergnügte, als auch des Öfteren im Nachtleben untertauchte, um käuflichen Kurtisanen seine Aufwartung zu machen. Nicht, dass dies bedeutet hätte, dass Sarmadans Interesse an Cadomai verflogen wäre. Ganz im Gegenteil, seine Avancen gegenüber der Schattenschuppe waren nur noch gestiegen, mit bisweilen erstaunlichen Resultaten. Beispielsweise erinnerte sich Merowe daran, wie Sarmadan es eines Tages im Keller – sie hatten dort einen Übungsraum – geschafft hatte, Cadomai während eines Kampfes am Boden festzunageln, zweifelsohne mit dem Ziel, sich anschließend über ihn herzumachen. Durch das Tragen seiner schweren Rüstung war Cadomai allerdings zu einer beachtlichen Beinmuskulatur gelangt und hatte es geschafft, selbst am Boden liegend Sarmadan von sich zu stoßen und unsichtbar den Raum zu verlassen. Längst hatte er es aufgegeben, in dieser Hinsicht auf Morganas Hilfe zu hoffen und die einzige, die Sarmadan in dieser Hinsicht hatte Einhalt gebieten können, war sie, Merowe selbst, gewesen. Nun, da der Cathay-rath bekommen hatte, was er wollte, denn immerhin hatte er sein Ziel endlich erreicht, würde sich dieser Umstand allerdings ändern. Zumindest ging Merowe davon aus. Es war stets die Aussicht gewesen, seine Mutter innerhalb ihrer Gemeinde wieder zu integrieren, die seine Rolle als Diener ihr gegenüber aufrechterhalten hatte. Nun, Cadomai war andererseits nicht ihr Problem. Die Schattenschuppe würde sich etwas einfallen lassen müssen.
Als sie aufgegessen hatte, machte Merowe sich auf zu den Waschräumen und ließ sich genüsslich ein kühles Bad ein. Die heiße Luft war hier in der Zuflucht zwar relativ erträglich, doch Merowes Forschungsdrang trieb sie im Laufe des Tages meistens in die Stadt Corinthe, wo sie sich in kleinen Läden und Tavernen liebend gerne die Zeit vertrieb. Zu ihrer Überraschung hatte sich entgegen der nordwestlichen Literatur das  heimlich geflüsterte Gerücht bestätigt, dass Khajiiti ein enormes Wissen über Magie besaßen. Zwar gab es hierzulande keinerlei Magiergilden oder Universitäten, doch verschiedene Stammesmütter, die innerhalb der Viertel lebten und ihre Geheimnisse nur ungern mit Fremden teilten. Merowe hatte allerdings schon bald festgestellt, dass Geheimnisse eins zu eins gegen Mondzucker verhandelbar waren und bei der Menge an Gold, die sie in letzter Zeit verdient hatte, war es ein leichtes gewesen, einige Bücher zu erwerben, für die so mancher Scholar in Hochfels getötet hätte. Beispielsweise waren die Khajiiti geschult in der Kunst der Zerstörung und geradezu brillant darin, Flammen ihrem Willen zu unterwerfen. Doch es gab noch eine andere Art des Zauberns, von der Merowe bisher nur gehört, sie jedoch niemals zuvor in Aktion gesehen hatte. Sogenannte Anfälligkeitsmagie war zum Einsatz gekommen, als am westlichen Stadtrand eine Reihe an Häusern hatte abgerissen werden mussten. Mehr als 30 Khajiiti hatten diesen seltsamen, ihr fremden Zauberspruch gewirkt und die Häuser empfindlich gegen Magie gemacht. Danach hatte ein kleiner Junge einfach paar Funken versprüht und die Gebäude waren sauber bis auf die Grundmauern abgebrannt. Ein paar der Bücher erzählten von dieser Technik und von einer Schule, die in Himmelsrand offensichtlich in Vergessenheit geraten war: Mystik.
Seit sie hier war hatte Merowe sich selbst in dieser Disziplin versucht, bisher allerdings eher mit mäßigem Erfolg. Es gab einige Zauber, die mit der Veränderung verwandt waren, beispielsweise die Telekinese, welche sie nun anwandte, um eines der Handtücher herbeischweben zu lassen. Es war jedoch eine andere Methode, welche die Clanmütter benutzten und zu oft war Merowe darin versucht, es weiterhin auf ihre Weise zu tun.
Auch die Fähigkeit, Lebewesen durch Wände und im Dunkeln zu erkennen, vermochte Merowe nicht. Hin und wieder schien es ihr beinahe zu gelingen und sie glaubte, einfache Schemen im Augenwinkel zu erkennen, doch es waren nicht die definitiven Linien, von denen in den Büchern die Rede war. Neues Material für ihre wundervolle Bibliothek in Balfiera waren sie aber allemal und vielleicht gab es ja jemand anderen, der seinen Nutzen aus ihnen ziehen konnte.
Merowe stieg aus der Badewanne und rubbelte sich kräftig ab. Seit sie hier war, hatte sie 12 Morde im Namen der Dunklen Bruderschaft begangen und ihren Goldbeutel sorgsam aufgefüllt. Ra‘ Zadirs Warnung, dass ihre Untätigkeit Unzufriedenheit innerhalb der unheiligen Familie auslösen könnte, hatte sich endgültig zerstreut, spätestens, seit sie in Wegesruh ein wahres Massaker unter den Skoomadealern veranstaltet hatte. Bezeichnenderweise hatte es sich bei den Aufträgen in Elsweyr aber ausschließlich um Kaiserliche gehandelt, die, ähnlich Scipios Vorgesetzten, ihre Rechte als Besatzungsmacht überschritten hatten. Die hiesige Bevölkerung hatte immer wieder mit schwachsinnigen Verboten oder Auflagen ihren Glauben betreffend zu kämpfen. Wann immer Merowe einen Auftrag von Nazir entgegengenommen hatte – sie war schon seit einer ganzen Weile hier – hatte der Sprecher stets einen verlockenden Bonus bereitgehalten. Die Clanmütter nannten die Dunkle Bruderschaft in der Tat einen Segen und auch ihre Bücher waren ihnen hier und da nicht zu schade, um die Eliminierung des Zieles auf bestimmte Art und Weise inszenieren zu lassen. So hatte Merowe erst letzte Woche einen Offizier mit den Füßen nach oben von der Decke baumeln lassen, die Gedärme nach unten hängend und die abgeschnittenen Krallen des ganzen Clans darin versenkt. Es hatte Spaß gemacht, auf seine Weise, obwohl es ewig gedauert hatte, die Krallen durch das blutig triefende Organ zu bohren. Auch, wenn ihr das Morden mittlerweile leichter fiel, als sie es wollte, war Merowe das Töten fürs Erste satt.  Es war ihr gleichgültig, was Nazir zu sagen hatte, sie plante, am Morgen des nächsten Tages zurück nach Balfiera aufzubrechen. Mit oder ohne Sarmadan!
Als sie sich fertig angekleidet hatte, kämmte Merowe sich die Haare und flocht sie sich zu einem eleganten Zopf zusammen. Morgana hatte nach einigen Wochen in der neuen Zuflucht den unhaltbaren Zustand ihrer Haarpracht bemängelt und darauf bestanden, es sie so lange üben zu lassen, bis Merowe es tadellos beherrschte.
„Du musst etwas mit deiner Mähne anstellen, meine Liebe! Es wäre eine schreckliche Verschwendung, sieh nur, wie herrlich lang sie sind!“
Dabei hatte die Dunmer wieder und wieder ihre Finger durch Merowes Haar gleiten lassen und ihr anschließend erneut gezeigt, wie es ging. Merowe hatte es für eine fürchterliche Zeitverschwendung und eine Vergeudung ihrer Talente gehalten, sich dem Befehl der Sprecherin aber doch seufzend gebeugt. Morgana war jemand, den man wohlweißlich bei Laune halten musste, wusste man doch nie, wann man einmal darauf angewiesen war!
Als sie das Badezimmer verließ, flitzen Mazaiq und Jobassar an ihr vorbei, dicht gefolgt von Skrivva, die ihnen irgendetwas auf khajiitisch hinterherbrüllte (es war offensichtlich, dass sie ihr etwas geklaut hatten). Merowe folgte ihnen bis zur großen Haupthalle, die eine erstaunlich niedrige Decke besaß und machte sich auf zum Quartier des Sprechers, in welchem sie Nazir vermutete. Der Rothwardone hatte sich schnell an den neuen Luxus gewöhnt, der ihm durch die neuen Aufträge und Mitglieder zur Verfügung stand und war mittlerweile stolzer Besitzer von 25.000 Septimen Privatvermögen, neben einer Eliminatorin, zwei Schlächtern und sage und schreibe sieben neuen Mördern. Nun, abgesehen von Babette selbst, natürlich. Die Ruhigstellerin hatte sich zu ihm gesellt und nähte auf einem gepolsterten Hocker sitzend an etwas Undefinierbaren, während Nazir es sich auf einem Berg aus Kissen gemütlich gemacht hatte und sich einen riesigen Zweig an Trauben schmecken ließ. Als er Merowe erblickte, erhob er sich grinsend.
„Ah, die Archivarin! Wie geht es meinem Lieblingsgast an diesem wunder-, wunderschönen Tag?“
Sein Spott war genauso offensichtlich wie seine gute Laune, doch Merowe hatte gelernt, nicht weiter darauf einzugehen. Stattdessen deutete sie eine Verbeugung an und ließ sich auf eines der zahlreichen Kissen senken. Nazir bot ihr einen Kelch mit Wasser an, welchen Merowe dankend entgegennahm.
„Und…? Hat sich euer nächtlicher Ausflug gestern gelohnt?“
Nazir setzte sich zu ihr und strich sich durch seinen Bart.
„Ja. Das hat er. Dein Versprechen wurde eingehalten.“
Merowe erinnerte sich an die vielen Male, in denen sie Sarmadan eine weitere Maske hatte anfertigen müssen, damit er andere Cathay-rath hatte personifizieren können. Immer wieder hatte er als jemand anderes Zeugenaussagen über seine Mutter getätigt, um die Dinge, die sie um ihrer Kinder willen getan hatte, zu negieren. Es hatte Nazir mehr als 6.000 Septime gekostet, um für die Aufwendungen dieser Verwandlungen aufzukommen.
„Nun, das freut mich zu hören. Wie hat der Stamm reagiert?“
„Emotional“, sagte Merowe zögernd und nahm einen Schluck. „Aber sie haben es geschluckt. Allesamt. Keine Sorge“, fügte sie hinzu.
Nazir nickte zufrieden.
„Gut. Sehr gut. Ah, ich schulde dir meinen Dank, Archivarin. Ich war mir nicht sicher, ob du mein Wort würdest halten können.“
„Dank? Wie wäre es stattdessen mit Gold?“, erwiderte Merowe unverblümt. Sie mochte es nicht, wenn man ihre Fähigkeiten unterschätzte, vor allem nicht, wenn es sich dabei um Nazir handelte. Der Rothwardone hatte ihren besonderen Talenten von Anfang an skeptisch gegenüber gestanden, obwohl sie andere längst überzeugt hatte und genoss es bis heute, sich hin und wieder über sie lustig zu machen.
So auch jetzt.
Nazir lachte.
„Nein, kein Gold. Mich hat dieser Firlefanz genug gekostet.“
„Stimmt“, kommentierte Babette mit hochgezogenen Augenbrauen.
Sie hatte Sarmadan in den vergangenen Wochen wissen lassen, dass es sich bei seinem Treiben in ihren Augen um eine unverantwortliche Geldverschwendung handelte, doch den Khajiit schien ihre Meinung eher kalt zu lassen. Das wiederum hatte Babette verärgert und einige horrende Rechnungen zutage gefördert, die dafür gesorgt hatten, dass Nazir sich an einer Dattel verschluckt hatte. Fast schmeichelhaft hatte er Merowe darum gebeten, Sarmadans Wünschen so schnell wie möglich zu entsprechen und die Bretonin hatte ihr Möglichstes gegeben, ihn zu verwandeln und ihn das Fälschen zu lehren. Seine Ausbildung war nun abgeschlossen, auch, wenn er längst nicht alles wusste, was Merowe zu tun vermochte. Mehr als sieben Mal war er in verschiedenen Gestalten aufgetreten und hatte für seine Mutter gebürgt und Merowe hatte nicht im Traum daran gedacht für auch nur einen Septim der Kosten selbst aufzukommen.
„Während er hier war, hat er kaum das eingebracht, was er gekostet hat“, fuhr Babette ihre Schimpfrede fort. Das undefinierbare Etwas in ihren Händen nahm allmählich Formen an. „Er muss seine Bilanz dringend aufbessern, wenn er nicht seinen Rang verlieren will.“ Merowe schwieg abwartend.
„Es steht mir nicht zu, über seinen Rang zu bestimmen, mein Mädchen. Stattdessen“, fuhr Nazir fort, der offenbar nicht vorhatte, auf Babettes Worte weiter einzugehen, „habe ich beschlossen, dir mein altes Zaumzeug zu überlassen. Als kleines Dankeschön für deine Dienste.“
Merowe sah ihn skeptisch an.
„Dein… dein Zaumzeug. Für mein Pferd?“
„Nein, für deine Kuh! Natürlich für dein Pferd, Bücherwurm! Es wird dir gefallen! Es hat mir jahrelang treue Dienste geleistet und ist, wenn ich das behaupten darf, ziemlich wertvoll. Es stammt aus meinem Heimatland. Die stolzesten Reiter des gesamten Kontinents! Doch leider erlauben mir meine alten Knochen nicht mehr, so oft zu reiten, wie ich es gerne möchte. Ich habe beschlossen, es jemandem zu geben, der es öfter benutzen wird, als ich.“
Er gab Babette ein Zeichen, die genervt aufstöhnte, ihr Nähzeug beiseitelegte – eine Puppe, wie Merowe nun erkannte – und aufstand, um einen Holzkasten aus einem von Nazirs Schränken zu holen.
„Hier“, sagte Nazir, als das Vampirmädchen es ihm übergeben hatte und reichte den Kasten an Merowe weiter. „Das ist für dich. Öffne ihn noch nicht, schließlich ist es ein Geschenk für dein Pferd!“ Er kicherte albern und zog dann ein Buch unter einem der Kissen hervor. „Aber das hier… das ist für dich.“
Merowes Augen weiteten sich kaum merklich und ehrfürchtig strich sie über den blassroten Einband.
„Was ist das?“, fragte sie neugierig. Nazir bedachte sie mit einem wissend-amüsierten Blick.
„Es sind die Aufzeichnungen unserer vorletzten Zuhörerin, Alisanne Dupree. Trickler erzählte mir vor ein paar Monaten von deiner Vorliebe für Tagebücher und –“
„Hat er?!“, fragte Merowe mit hoher Stimme und sah Nazir erschrocken an.
Nazir bejahte.
„Ich dachte, es könnte seinen neuen Platz in deinem Archiv finden. Schließlich wäre es dort am besten aufgehoben. Ganz davon abgesehen, dass dich der Inhalt brennend interessieren dürfte. Aber ich will dir nicht zu viel verraten.“
Merowe blinzelte ein paar Male verwirrt und versuchte vergeblich, ihre Überraschung zu verbergen. Es kam selten genug vor, dass Nazir wahrhaft nett zu ihr war.
„Danke, Nazir. Das…“ Merowe nahm das Buch genauer in Augenschein und befühlte probehalber die Seiten. „Das ist wundervoll. Und in einem überraschend guten Zustand dazu!“
Nazir steckte sich eine Traube in den Mund und zuckte mit den Schultern. Anscheinend interessierte er sich nicht sonderlich für derlei Dinge. „Wenn du es sagst, Archivarin. Ich werde dir ebenfalls die Berichte der anderen mitgeben, wo du schon einmal hier bist.“ Er räusperte sich und machte eine auffordernde Geste in Babettes Richtung. Das kleine Vampirmädchen räusperte sich gewichtig.
„Äh, ja. Ich hätte eine Bitte an dich.“
Babette war vor ihr stehen geblieben und hatte die Hände auf den Rücken gelegt. Sie sah aus wie das süßeste kleine Mädchen auf der Welt, wären da nicht ihre schwarzen, gelb leuchtenden Augen gewesen.
„Was immer es ist“, sagte Merowe lächelnd. Das Tagebuch würde sie regelrecht verschlingen!
„Oh, nichts großes, eigentlich. Ich möchte lediglich Morgana besuchen und mir Balfiera einmal selbst ansehen. Ich kann allerdings nicht alleine reisen, da mein Zustand“, sie machte einen entschuldigenden Knicks, „nun ja, wenn ich schlafe, bin ich gewissermaßen wehrlos.“
„Wie wir alle“, tröstete sie Nazir.
„Ja. Ich wäre hilflos dem Licht ausgesetzt und brauche jemanden, der in dieser Hinsicht auf mich aufpasst… nun, und Nazir möchte eine so lange Reise nicht mehr auf sich nehmen. Nicht einfach so“, äffte sie ihn nach und schnitt dem Sprecher eine Grimasse.
„Nana, Babette, mein Mädchen! Du wirst doch deinem ehrwürdigen Sprecher ob seines hohen Alters keine Vorwürfe machen! Immerhin bin ich bereits über 60…“
Es entbrannte eine hitzige Diskussion darüber, ob und wenn ja, warum Nazir zu alt war oder nicht, aus der Merowe sich sorgsam heraushielt und, ohne dass einer der beiden es merkte, schamlos an Nazirs Trauben vergriff.
„Wenn ihr beiden dann fertig seid“, sagte sie laut, nachdem sie den gesamten Zweig alleine leergefuttert hatte, „würde ich mich gerne auf meine Heimreise vorbereiten.“
Sie lächelte geziert und stand auf, Nazir und Babette peinlich berührt zurücklassend.
„Äh, kann ich jetzt mitkommen?“, fragte Babette unschlüssig und folgte ihr ein paar Schritte.
„Klar“, antwortete Merowe leichthin. „Jeder von euch ist mir herzlich willkommen.“
Sie würde einen Teufel tun, ihre kostbare Lesezeit mit Diskussionen zu vergeuden!
Review schreiben