Komm wir tanzen

GeschichteRomanze / P12
10.05.2015
10.05.2015
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„Ich werde dich immer lieben!“, flüsterte er, während er über die Haare strich. Sie lag in einem Bett und hatte die Augen geschlossen, das Gesicht eingefallen, die Haut runzlig und gelb von einer langen Krankheit. Sie hatte gerade erst aufgehört zu atmen und auf seinem Gesicht spiegelten sich gleichzeitig Freude, Trauer und Erleichterung wider. Er dachte an 50 gute Jahre, die sie zusammen hatten. An ihre erste Verabredung, an die vielen Nächte in seiner oder ihrer WG, an die Geburt ihrer Kinder, die jetzt neben ihm saßen und jeder eine Hand auf seine Schultern gelegt hatten, an ihre Hochzeit, an den Einzug in ihr Haus, die Reisen, die Festivals, an alle guten Momente, die sie hatten. An die Hochzeiten ihrer Kinder, doch wie immer wanderten seine Gedanken zurück zu dem Tag an dem sie sich kennenlernten. Tränen flossen ihm Damals über das Gesicht.
„Papa, sollen wir dich alleine lassen?“, fragte Sid auf der rechten Seite.
Er stand auf und drehte sich zu seinen Söhnen um und schüttelte den Kopf: „Nein, kommt mit.“
Er ging aus dem Krankenzimmer und seine Söhne, Sid und Dirk folgten ihm. Er ging runter in die Küche, nahm drei Bier aus dem Kühlschrank und stellte sie auf den Küchentisch.
„Alles in Ordnung Papa?“, fragte Dirk und machte die Bierflaschen auf.
„Ja, Marie muss nicht mehr leiden. Egal was nach dem Tod kommt ist besser als die letzten anderthalb Jahre. Auf Marie!“, sagte er und hob sein Bier, seine Söhne stießen mit ihm an und alle nahmen einen Schluck.
„Habe ich euch mal erzählt, wie ich eure Mutter kennengelernt habe?“
„Nein, du nicht, das hat immer Mama gemacht. Es war ihre Lieblingsgeschichte“, antwortete Sid, Dirk nickte nur bei den letzten Worten seines Bruders.
„Ich weiß, ich habe ihr dabei auch immer gerne zugehört“, er nahm eine Zigarette und nach dem ersten Zug fing er an: „Es war damals, in den Zehnern. Meine Freundin vorher hatte ich rausgeschmissen, im wahrsten Sinne des Wortes, nachdem sie mit nem anderen gepennt hatte. Ich erinnere mich weder an ihren Namen, noch an den ihres späteren Freundes, ich weiß nur noch, dass ich wirklich sauer war. Also war ich auf dem Weg zu dieser Demo, in den Foren hieß es, dass dort die Bullen richtig scharf drauf wären, uns zusammen zu schlagen, der perfekte Ort, um seine Wut raus zulassen. Unterwegs hatte ich einige Dosen Bier getrunken und Musik gehört.
Am Treffpunkt angekommen an dem die Demonstration beginnen sollte, sah ich schon einige, die sich vermummt hatten und an ihren Rucksäcken herum fummelten. Ich trug eine Motorradkombi, aus Lederjacke und Lederhose. Das trugen damals viele, so könnten Elektroschocker einem nicht so viel anhaben, wenn man auch Krawall aus war. Meine Haare trug ich zwar Lang aber zusammengebunden, das die auch weniger Angriffsfläche bieten. Es ging los und an den Straßenrändern standen immer wieder Polizisten, die aufpassen sollten, damit es nicht zu irgendwelchen Unruhen kommt. Es war eine Gegendemo, gegen irgend einen Naziaufmarsch. So langsam kamen wir ans Ziel, ans inoffizielle, wo wir zwangsläufig mit diesen Arschlöchern zusammenstoßen würden. Dort standen einige Hundertschaften Bullen und die Stimmung heizte sich auf. Ich weiß nicht von wo der erste Stein Flog, oder wer anfing loszustürmen, aber Plötzlich waren aus den zwei Demonstrationen und der Linie von Polizisten dazwischen, eine einzige Schlacht geworden. Steine Flogen in Richtung der Nazis, die prügelten auf die Polizisten ein und die Prügelten auf alles ein, was sich in Reichweite der Schlagstöcke befand.
Ich hielt mich etwas im Hintergrund und hoffte, das bald eine Bresche zu den Nazis geschlagen würde, damit die richtigen aufs Maul bekommen, und ich mitwirken konnte. Ich zündete mir eine Kippe an und neben mir fragte einer, ob ich ihm mein Feuerzeug leihen könnte. Er bekam es und fing sofort an, aus seinem Rucksack Molotowcocktails zu ziehen und gegen die Polizeiautos zu schleudern. Jeder Wurf war ein Treffer und er Himmel verdunkelte sich von schwarzem Rauch. Auch andere warfen solche Dinger und einige Idioten haben auch Feuerwehrwagen angesteckt. Damals war es mir reichlich egal. Ich drehte mich um und wollte sehen, ob Polizisten von hinten anrücken, doch die wenigen, die hinter uns waren, waren schon damit beschäftigt, auf uns einzuschlagen. Dann sah ich eure Mutter und wusste, dass sie eine Frau zum Behalten ist. Sie kniete über einer verletzten Demonstrantin und drückte ihr ein Tuch auf die Stirn. Ein Polizist kam und wollte sie von der Verletzten wegziehen, um die am Boden verhaften zu können. Ich warf meine Kippe weg und sah, wie er seinen Schlagstock zog, um eure Mutter damit zu schlagen, da sie sich wehrte. Ich rannte los, doch der Polizist beendete seinen Schlag und traf sie an der Schulter. Durch ihren Schrei beschleunigte nochmal und rammte ihm meine Schulter in den Magen. Er ging sofort zu Boden und ich trat ihm nochmal in die Nieren. Dann drehte ich mich zu ihr um. Zwischenzeitig kümmerten sich andere um die Verletzte. Sie sah mich dankbar an und ich zog sie mit ins Getümmel, bis wir außer Sicht waren.
'Danke, du hast mich gerettet, obwohl du mich gar nicht kennst', sagte sie und ich lächelte nur. 'Wie heißt mein Retter denn eigentlich?'
'Ich heiße Mike, und du?'
Auch sie stellte sich vor, plötzlich war alles vergessen. Ich lächelte sie an und ignorierte auch, dass die Polizei Ihre Wasserwerfer in die Menge richtete, in unsere nähe.
'Sollen wir verschwinden und was trinken gehen?', fragte sie mich, aber ich fing an zu singen:

'Komm wir tanzen zusammen im Wasserwerferregen
dann ist das Feuer unser Bühnenlicht
und das Tränengas der Nebel.'

Aus dem Lied 'Traum von Freiheit' von Betontod. Sie lachte und schüttelte den Kopf, wie immer, wenn ich etwas machte, was sie dumm und liebenswert zugleich fand und nahm meine Hände. So tanzten wir wirklich, irgendwo brannten Polizei- und Feuerwehrautos, das Tränengas brannte in unseren Augen und Leute wurden über den Haufen gespritzt, doch wir tanzten. Für uns schien die Welt still zu stehen, doch irgendwann sahen wir die Bullen an uns vorbeirennen, das war für uns das Signal zum Aufbruch. Am Bahnhof tauschten wir dann die Nummern und sobald ich im Zug war, bekam ich von ihr eine SMS“
Er trank leer und ging ins Wohnzimmer. Seine Söhne sahen ihm nach, kurz darauf kam er zurück, aus dem Wohnzimmer kam das Lied und er brachte einen alten Zeitungsausschnitt mit, den er auf den Tisch legte. Auf ihm sah man einen Langhaarigen in Lederkleidern und eine Punkerin miteinander tanzen.
„Das Bild habe ich am nächsten Tag in der Zeitung gesehen, und sofort ausgeschnitten und eingerahmt. Sie hatte es auch gesehen und auch ausgeschnitten. Bei unserem ersten Date wollte sie es mir schenken.“
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