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Alle Wege führen nach London

von Miki
GeschichteHumor, Romanze / P12
10.05.2015
27.12.2015
34
64.035
35
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12.05.2015 2.002
 
Kapitel 2: In dem mir jeder sagt, dass ich nicht alles planen kann.

Sprachlos starrte ich ihn an. Seit wann war London ein Dorf?

Hier lebten fast 14 Millionen Menschen. Da traf man nicht einfach so Menschen wieder. Und trotzdem saß er jetzt hier. „Sie hier?“ Die geistfreie Frage konnte ich mir dann auch nicht verkneifen. „Ja, ich hier“, äffte Dominic Darcy (So war doch sein Name gewesen?) mich auch prompt  nach.

„So ein – äh- Zufall.“

„Wo haben Sie denn Ihre Klasse gelassen?“ Er schlug die Beine übereinander und lächelte mich verschmitzt an.
„Im Hostel. Das ist hier gleich um die Ecke. Und eigentlich handelt es sich nicht um eine Klasse, sondern um zwei Kurse.“ Wenn ich nervös werde, dann tendiere ich dazu, relativ viel zu reden.
„Ah ha. Also zwei Kurse. Was unterrichten Sie denn?“ „Englisch und Geschichte.“ Über meinen  Beruf wollte ich allerdings weniger gern reden und versuchte das Thema zu wechseln: „Wie geht es Ihrem Wagen?“  Leider ließ er sich darauf nicht ein. „Der geht in die Reparatur. Und macht Ihnen das Unterrichten Spaß?“ Er stibitzte sich eine Praline. „Sie haben doch nichts dagegen?“ Damit wanderte sie schon in seinen Mund, bevor ich überhaupt irgendeine Form von Protest hätte anmelden können.
Hätte ich aber vermutlich sowieso nicht getan, weil ich gerade ein wenig mit Anstarren beschäftig war. Ohne seine Sonnenbrille fiel mir erst auf, dass er wirklich attraktiv war. „Und?“
„Hm?“
„Macht Ihnen das Unterrichten Spaß?“, wiederholte er seine Frage. „Äh, meistens schon.“  Mah, ich wirkte heute so eloquent wie ein Teebeutel. „Nur meistens?“ Er klaute sich noch eine Praline. „Na ja, arbeiten Sie mit Teenagern?“ Huh, ich bekam doch noch vollständige Sätze heraus. Vielleicht schaffte ich auch noch den Sprung von den reinen Hauptsätzen zu einem hypotaktischen Satzbau. Man wusste ja nie.  Er tat bei meinen Worten so, als würde er erschaudern. „Nein, zum Glück nicht. Ich arbeite im Bankensektor und vermeide den Kontakt zu Jugendlichen, wenn es geht. Allerdings habe ich einen jüngeren Bruder, den man noch getrost als Teenager betrachten kann.“ „Dann wissen Sie doch, was ich meine.“ „Touché, mein Liebe.“  „Wie alt ist hier Bruder denn?“ Es war nur höflich, Interesse zu heucheln. Und um ehrlich zu sein, ich war wirklich neugierig. „Er ist neunzehn, aber er benimmt sich wie sechzehn und hat den Verstand eines Vierzehnjährigen. Deswegen habe ich auch wirklich Mitleid mit Ihnen, so mit Ihrer pubertierenden Meute.“ Er streckte die Beine aus und schien es sich jetzt so richtig bequem machen zu wollen. Mich machte er aber damit etwas (eigentlich noch) nervös (nervöser), also beschloss ich den Rückweg ins Hostel anzutreten. „Hm, ich sollte langsam mal zurück zur Meute.“ Ich klappte die Packung zu, bevor er noch auf die Idee kam, sich eine dritte Praline zu klauen. Er musterte mich von der Seite und lächelte leicht. „Da uns das Schicksal hier wiederzusammengeführt hat, wäre es vermutlich gar nicht so schlecht, noch eine Sache zu klären. Ich habe vorhin mit der Versicherung telefoniert und es wäre gut, wenn Sie mir Ihre Handynummer geben würden, dann kann ich Sie auf dem Laufenden halten oder nachfragen, falls es noch irgendetwas wegen des Unfalls zu klären gibt.“ Das kam überraschend. Ich zögerte einen Moment. Eigentlich sollte das alles strikt über die Polizei und die Versicherungen laufen, aber ich wollte nicht unhöflich sein und was sollte er schon großartig damit machen. Wahrscheinlich würde er sich nie melden. Es ging hier nur um eine Formalia. Ich hätte bei einem Unfall in Deutschland auch die Telefonnummer mit dem Unfallgegner ausgetauscht.  Also gab ich ihm die Nummer, verabschiedete mich artig und ging dann zurück zum Hostel.

*


Eingekuschelt in meinen Schlafsack starrte ich die Decke an. Es erübrigt sich der Hinweis, dass ich nicht einschlafen konnte, weil ich ansonsten wohl kaum die wenig pittoreske Decke des Zimmers angestarrt hätte. (Hatte was von surrealistischer Kunst… Ode an einen Fleck… Studien der Fleckigkeit…)  Hoffentlich ging Morgen alles glatt. Die Standrundfahrt würden wir noch mit dem Bus machen, was mir Sorgen machte. Die M20 war gegen die Londoner City gähnend leer gewesen, aber danach bewegten wir uns nur mit der Tube vorwärts. Das Unfallrisiko sollte sich also ständig minimieren. Wir mussten Morgen nur die Standrundfahrt überstehen. Danach würden wir an der Themse zum Globe Theatre spazieren. Solange es keiner schaffte, in die Themse zu fallen, sollte auch dabei alles glatt gehen….

Mein Handy piepte. Ein Blick auf das Display offenbarte eine Nachricht von meiner besten Freundin Theo.

„Wie? Ihr habt gleich einen Unfall gebaut? Hast du etwa den Bus gefahren? Dich kann man auch nicht allein weglassen.“

Schmunzelnd tippte ich als Antwort:

„Nein, natürlich bin nicht ich gefahren. Ich fahre noch nicht mal gerne ein Auto, da übernehme ich doch nicht gleich einen Bus voller Schüler. Zum Glück ist bis auf etwas Blechschaden aber nichts weiter passiert.“


Die Reaktion kam prompt.

„Ihr habt noch ein paar Tage, um London in Schutt und Asche zu legen. Ich habe Vertrauen in dich.

Das erforderte eine Antwort, die es zu lange gedauert hätte, sie zu tippen.
„Freddy! Was für ein Überraschung.“ Theo kicherte vergnügt, sie hatte genau gewusst, dass ich nach der Nachricht direkt zurückrufen würde.

„Pff, was heißt hier, dass wir London in Schutt und Asche legen? Ich LIEBE diese Stadt rein zufällig und ich habe alles PERFEKT geplant.“ Das musste an dieser Stelle noch einmal gesagt werden.
„Den Autounfall auch?“ Grr, sie musste auch immer das letzte Wort haben. So schnell gab ich aber nicht auf.
„Ich habe keinen Einfluss auf den Busfahrer!“ „Wenn du könntest, so mit Telekinese oder so, dann würdest du das auch noch in die Hand nehmen. Aber zum Glück ist ja nicht alles planbar.“ Was war daran ein Glück? Ich fühlte mich sehr viel sicherer, wenn alles vernünftig geplant war.
„Wie ist der Unfall eigentlich genau passiert?“ Theo war von Natur aus eine sehr neugierige Existenz. Also schilderte ich ihr den Verlauf des Unfalls samt der zweiten Begegnung mit unserem Unfallgegner Mr. Darcy.
„Ihr rammt einen BMW und der Fahrer heißt Dary? Mr. Darcy?“ Theo klang ungläubig. „Ich glaube, ich muss mich erst mal setzen.“ „Ist aber so. Dominic Darcy. Hört sich irgendwie schräg an.“
„Schräg? Eine Untertreibung. Wenn dein Leben ein Film wäre, würde ich mir den glatt anschauen. Mr. Darcy…. Das ist doch schon eine Ironie des Schicksals.“ Irgendwie entging mir da etwas und ich schwieg. Zum Glück redete Theo auch gern für zwei. „FREDDY! Mr. Darcy? Klingelt da langsam etwas? So wie in Mr. Darcy aus Stolz und Vorurteil? MR. Darcy-ich-habe-einen-Stock-im-Hintern-und-spring-in-einen-Teich? Der Mr. Darcy.“ Das ging es mir endlich auf. Aber im Gegensatz zu Theo hatte ich den Roman auch nicht bestimmt 500 Mal inhaliert. Ich war eher der Krimi- und Fantasyromanfan.
„Das tut er nur in der BBC-Verfilmung mit Colin Firth.“ So viel wusste ich. „Trotzdem. Mr. Darcy“, Theo seufzte schwärmerisch. „Was hättest du nur gemacht, wenn es Mr. Rochester wäre?“ Unerklärlicher Weiser schwärmte Theo ausgesprochen für die Werke der Brontë-Schwestern, was ich dann wirklich nicht so ganz nachvollziehen konnte. „Den gibt es in Realität nicht, Freddy. Also bitte…“ Ja klar, aber dafür einen Mr. Darcy.
Prompt wechselte sie das Thema. An ihren Mr. Darcy wollte sie einfach glauben. „Ich soll dich von Aristoteles grüßen. Im gefällte es mit Tante Theo ganz gut. Es war nur ein bisschen wütend über deinen Abreise und hat auch nur dein Legolas-Poster in der Küche zerlegt.“ „Er hat was?“ „Na ja, wenn er verstimmt ist, weil du weg bist, dann sorgt er dafür, dass du das auch weißt.“  „Hmpf.“ „Okay, ich muss ins Bettchen. Wir sind schließlich schon eine Stunde weiter. Schlaf gut.“ „Du auch.“ Damit legte ich auf, konnte aber nach diesem kleinen Austausch noch weniger schlafen, also tippte ich den Namen Dominic Darcy in die Suchmaschine meines Vertrauens ein. Sie spuckte ein paar Treffer aus, aber davon sah keiner diesem speziellen Dominic ähnlich. Schade, ich hätte gern gewusst, ob er wirklich aus der Gegend um Kensington stammte und womit er sein Geld verdiente. Für solche Nachforschungen waren diese Social Media-Seiten ja in der Regel recht ergiebig. In diesem Fall aber leider nicht.

*


Der nächste Tag brachte zwei Erkenntnisse. Er fing zu früh an und das Frühstück im Hostel war eine Katastrophe. Das verdiente noch nicht mal die 40 Prozent, die es bei der Internet-Bewertung gehabt hatte, sondern maximal zehn.  Dieser Umstand wiederum verstimmte die Schüler, die vermehrt Sehnsucht nach einem Nutellabutterbrot und einer Tasse Kaffee anmeldeten. (Ich konnte sie verstehen…. Aber wenigstens wusste ich, wo der nächste Costa war und konnte mir wenigstens nachher noch einen großen Capuccino besorgen.)
Nach diesem also eher minderwertigen Frühstück machten wir uns auf den Weg zu unserer Standrundfahrt, die mehr zum Stadtrundstau wurde. Wir standen mindestens eine halbe Stunde auf der Tower Bridge herum. Doch wenigstens war der Ausblick nett und die Laune insgesamt wurde wieder besser. Thorsten rammte nur fast einen Aston Martin, als er auf eine Abbiegespur wollte, was Enis zu Feststellung veranlasste, dass er doch eine Vorliebe für relativ teure Autos habe, was aber im Fall eines Unfalls doch eher unpraktisch sei, seiner bescheidenen und unwichtigen Schülermeinung nach. Es erübrigt sich zu sagen, dass Thorsten von dieser Aussage nicht sehr begeistert war und Enis für einen vorlauten Rotzlöffel hielt. Dabei hatte er nur laut ausgesprochen, was alle (bis auf Celeste Mariella) dachten.

Im Endeffekt waren wir alle froh, als wir den Bus verlassen konnten. Wir stiegen in der Nähe des Towers aus und machten uns dann zu Fuß auf dem Weg zum Globe Theatre. Das Wetter war gut und es macht immer Spaß, an der Themse entlang zu schlendern. Selbst mit 36 Schülerinnen und Schülern im Schlepptau.

Wir hatten sogar unseren eigenen Hirtenhund Raphaela (die Referendarin), der zwischen ihnen hin und her wuselte, um die Gruppendynamik noch zu verbessern und sie so, wie der beste Shepard Collie, zusammenhielt.

Also konnten Klaus und ich uns in Ruhe unterhalten.

„Ich weiß nicht, meinst du wirklich, dass wir sie heute Abend alleine in Kensington rumlaufen lassen können?“ Ich war da ehrlich skeptisch. Nicht, dass ich den Schülern nicht vertraute, aber was war, wenn sich einer verlief oder entführt oder verprügelt oder sonst was wurde? „Franzi“, eigentlich war Klaus der Einzige, der mich so nannte, musste noch so ein Relikt der Achtziger Jahre sein, „wenn du sie im Hostel einsperrst, gehst du den Problemen nicht aus dem Weg, sondern schaffst nur neue. Die Zimmer sind wie erwartet mies, der Gemeinschaftsraum ein Witz… Was glaubst du, was sie dann machen? Sich heimlich betrinken, knutschen oder streiten.“ „Hmpf.“ „Glaube es mir einfach. Ich mache das nicht zum ersten Mal. Du kannst nicht alles vorplanen.“ Er war jetzt schon der Zweite, der mir das in kurzer Zeit sagte. „Jaaa, das weiß ich.“ „Also machen wir ihnen klar, dass es verboten ist, mit der Tube irgendwo anders hinzufahren, dass sie aber bis 22 Uhr Ausgang haben und sich in Kensington zu Fuß bewegen dürfen. Alkohol ist tabu. Wer sich nicht daran hält, der fährt nach Hause.“ Bei ihm klang das alles so vernünftig. „Aber was ist, wenn sie überfallen werden?“, warf ich ein. „Unser Hostel befindet sich in Kensington“, erklärte Klaus geduldig, „und ehrlich, in dem Schuppen ist es wahrscheinlicher, dass ihnen einer mit der Klobürste eins über den Schädel zieht.“ Er schmunzelte über meine entgleisten Gesichtszüge. „Ehrlich, du musst ein bisschen entspannter werden.“
„Entspannung ist ja gut und schö….“ Weiter kam ich nicht, dafür sorgte Celeste Mariella, die zusammen mit Tuba auf der Mauer stand und laut rief: „Frau Schuhmaaaaacher. Können wir eine Pause machen?“ Sie und Tuba posierten wie für einen drittklassigen Modelwettbewerb, während Hendrik Fotos von ihnen machte. Klaus klopfte mir auf die Schulter. „Du kannst wirklich nicht alles planen, Franzi. Das Leben und Schüler haben eine Sache gemeinsam. Sie sind einfach unberechenbar.“ Dann marschierte er zu den beiden, um sie von der Mauer zu holen. (Celeste Mariella war bereits gestolpert und krallte sich an an Karl-Oskars Hals fest, sodass er schon bedenklich rot anlief…)
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