Alle Wege führen nach London

von Miki
GeschichteHumor, Romanze / P12
10.05.2015
27.12.2015
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Kapitel 1: In dem ich feststelle, dass mein Leben manchmal erschreckende Parallelen zu
                einem schlechten Film aufweist


Fehlentwicklungen offenbaren ihren hässlichen Charakter meistens erst dann, wenn schon alles zu spät ist. Wüsste man, dass das Kind sprichwörtlich in den Brunnen fällt, dann würde man von einigen Sachen gleich die Finger lassen. Da man es aber vorher nicht weiß, auch keine Kristallkugel besitzt oder Tarotkarten vertraut, rennt man manchmal wirklich blindlings in sein Verderben. Okay, Verderben ist in diesem Fall dann doch eine Spur übertrieben, aber das Wort Fiasko trifft es ganz gut.
Und nein, ich hatte kein Vorstellungsgespräch bei einem perversen Milliardär oder wollte zu einem Vorsprechen für einen großen Kinofilm. Die ganze Wahrheit war viel schnöder. Ich hatte irgendwann mal aus Ermanglung besserer Ideen nach dem Abitur beschlossen, Lehramt zu studieren, hatte das auch durchgezogen, mein Referendariat hinter mich gebracht und hörte nun seit ein paar Jahren auf die schöne Berufsbezeichnung Studienrätin. Und zu der Jobbeschreibung gehörten nun auch einmal Klassen- und Studienfahrten, von denen die meisten Menschen glauben, dass sie Spaß machen oder so etwas wie Urlaub sind.
Falsch…
Sie machen schon gelegentlich Spaß, wenn man nicht gerade dreißig Flaschen Wodka konfiszieren darf oder blutende Sechsklässler, die ihr Hochbett zum Klettergerüst umfunktioniert haben, zum Krankenhaus bringen muss, nur sind sie in der Regel eine sehr stressige und schlafarme Angelegenheit.
„Aristoteles, was meinst du?“ Mit gerunzelter Stirn starrte ich auf den Berg aus Kleidung und Notfallstudienfahrtequipment auf meinem Bett an. Mein Kater hockte missmutig neben besagten Berg und funkelte mich böse an. Er sah gar nicht ein, warum ich ihn zehn Tag lang allein lassen wollte. Ich verstand sein Problem. Schließlich wäre ich auch lieber Zuhause geblieben.
Das Notfallequipment für die Studienfahrt hatte definitiv den größeren Anteil am Berg und musste dringend reduziert werden. Schließlich mussten meine Habseligkeiten in eine Reisetaschen passen, die leider nicht das Format eines Kleinwagens hatte.

Okay, es ging nach England. Also konnte ich doch die Zeckenkarte und das Mückenspray Zuhause lassen, oder? Leider waren die beiden Dinge auch eher klein. Seufzend packte ich  die Taschenlampe ebenfalls weg. Nach und nach schrumpfte der Berg. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich mich langsam beeilen musste. Es war schon kurz nach sieben und um 8.30 Uhr trafen wir uns auf dem Parkplatz vor unserem schönen, altehrwürdigen Goethe-Gymnasium, um mit ca. 36 mehr oder weniger pubertierenden Schülerinnen und Schülern sowie drei Lehrkräften die Reise in die Weltmetropole London anzutreten.

*

„Frauuuu Schuhmacher! Frauuuu Schuhmaaaaaacher!“ Es war mir ein Rätsel, wie Celeste Mariella es immer schaffte, meinen Namen wie das Meckern einer Ziege klingen zu lassen, aber die Ähnlichkeit zwischen „Frau Schuhmacher“ und „Mäh“ war frappierend. „Ja?“ „Der Busfahrer sagt, dass meine Tasche zu schwer ist! Das kann aber gar nicht sein, ich habe doch nur ein paar Kleidungsstücke dabei!“ An dieser Stelle muss man anmerken, dass Celeste Mariella als Lebensplan hat, entweder mal Topmodel zu werden oder einen reichen Mann zu heiraten. Dem Englischleistungskurs und der Schule insgesamt steht sie eher skeptisch bis geringschätzig gegenüber.
„Du weißt schon, dass ein paar Kleidungsstücke für die sechs Jeans und vier Röcke ein toller Euphemismus ist, oder?“, mit diesen Worten schob sich Kira an ihr vorbei, um selbst dem Busfahrer ihre deutlich kleinere Reisetasche zu reichen.
„Ein was?“ Celeste Mariella sah Kira verwirrt an.
„Ganz ehrlich, Frau Schuhmacher“, Kiras Blick wanderte erst zu Celeste Mariella und dann zu mir, „das Niveau dieser Schule hat deutlich nachgelassen.“ Ich unterdrückte ein Seufzen. Ein neunmalkluges Gör war das. „Celeste Mariella, packe bitte drei Jeans aus, dann ist der Busfahrer glücklich.“ „ABER ich BRAUCHE sie!“ Zum Glück rette mich Hendrik davor, antworten zu müssen. „Celi, die Engländer mögen doch lieber Frauen in Röcken.“ „Bist du sicher?“ Der Kleinmädchentonfall, den Celeste Mariella gegenüber Hendrik verwendete, ließ sowohl Kira als auch mich sichtlich erschaudern. Er widersprach definitiv unserer feministischen Ader. „Klar“, mische sich nun auch Enis ein. „Kate rennt doch auch immer in Kleidern rum.“ „Welche Kate?“  Celeste Mariella setzte einen verwunderten Blick auf, der sie wie ein Hamster im Drogenrausch aussehen ließ, woraufhin alle in schallendes Gelächter ausbrachen.


*


Gegen neun Uhr waren sowohl Gepäck als auch Schüler endlich im Reisebus verstaut und ich konnte einen Moment Luft schnappen. Auf unserer Reise waren eine Referendarin, die alles noch „Ganz toll!“ fand, und  mein Kollege Klaus mit dabei, der seit dreißig Jahren in diesem Beruf überlebte und damit inzwischen eigentlich als Sinnbild des Stoizismus gelten sollte. Bei unserer Referendarin Raphaela war ich mir nicht sicher, ob sie solange in diesem Beruf überleben würde. Der ungebremste Optimismus von der Lernbegierigkeit und dem Vertrauen in die Vernunft der Schüler vertrug sich des Öfteren nicht so wirklich mit der Wirklichkeit. Schüler und Lehrer sind nun einmal in der Regel nicht die besten Freunde, sondern stehen sich als Kontrahenten auf einem Schlachtfeld gegenüber, das man Schule nennt.

Der Bus ruckelte also endlich vom Parkplatz und ich ging in Gedanken noch einmal den Plan für diesen Tag durch. Es stand eigentlich nur die Ankunft  in London auf dem Plan. Den nächsten Tag würden wir dann mit einer kurzen Standrundfahrt und einen Besuch des Globe Theatres beginnen. Es konnte doch eigentlich nichts Großartiges schief gehen. Ich hatte alles perfekt geplant, mein Englischleistungskurs war sehr nett, wenn auch nicht unbedingt sehr intelligent (siehe Mariella Celeste), und ebenso verhielt es sich mit dem Geschichtsleistungskurs von Klaus. Wir hatten keine absolut anstrengenden oder schwierigen Schüler dabei. Es musste einfach alles glatt gehen.
Und an dieser Stelle trat der gute alte Murphy in Erscheinung.

*


Bis zu unserer Fahrt  nach Calais und  durch den Eurotunnel ging alles glatt. Wir standen nicht im Stau, wir verloren an keiner Raststätte einen Schüler und alle Schüler hatten sogar wirklich gute Laune, obwohl sie in einem Bus eingesperrt waren. Langsam bekam also auch ich das Gefühl, dass die Studienfahrt wirklich gut werden könnte. Ja gut, so euphorisch war ich dann nicht, aber ich hatte das Gefühl, dass alles ohne größere Katastrophen ablaufen könnte und in dem Punkt irrte ich mich gewaltig.
Dabei lief zunächst wirklich alles wie am Schnürchen. Die Dinge, bei denen ich Sorge gehabt hatte, funktionierten wunderbar. Unser Busfahrer Thorsten schaffte es zum Beispiel ohne Probleme, den Bus in den Zug zu lenken und auch kein Schüler (oder ich) bekam ein akutes Gefühl von Platzangst während der Fahrt unter dem Meer.
Unser Glück kippte, als wir uns auf der M20 Richtung London befanden. Auf Deutsche wirken englische Autobahnen gerne wie sehr breite Bundesstraßen, weil die Engländer in der Regel sehr manierlich auf der Autobahn unterwegs sind. Unser Busfahrer passte sich den hiesigen Verhältnissen an und so zuckelten wir fröhlich vorwärts. Bis er für eine Sekunde nicht mehr an den Linksverkehr dachte und auch nicht den englischen Gewohnheiten, nämlich dass man immer artig auf seiner Spur bleibt und gefälligst lange im Voraus ankündigt, wenn man die Spur wechseln will, treu blieb.
Ich weiß noch, dass ich aus dem Fenster sah und mich wunderte, ob wir die Abfahrt nicht hätten nehmen müsste, an der wir gerade vorbeifuhren, als Thorsten auf dieselbe Idee kam und das Steuer nach rechts riss. Das nächste was ich dann mitbekam war das widerliche Geräusch, wenn Metall aneinander reibt. Nachher sollte sich herausstellen, dass Thorsten bei seinem Manöver leider den Blick in den Spiegel vergessen hatte. Leider war ihm dadurch ein BMW entgangen, der sich dann bei seinem Manöver komplett im toten Winkel befand.  Zum Glück war der Fahrer von eben jenem BMW recht geistesgegenwärtig gewesen und hatte abgebremst. So war der Schaden insgesamt relativ gering. Die Stoßstange und eine Tür des BMWs wiesen saftige Kratzer auf und unser Bus hatte ebenfalls ein paar Kratzer abbekommen. Personenschaden gab es aber keinen, auch wenn Celeste Mariella so laut aufgeschrieen hatte, dass sogar Enis die Kopfhörer vom Kopf geflogen waren und dabei hatte er gerade lautstark Tsjuder, ein einziges lautes Brüllen, gehört. „So ein Scheiß“, das entfuhr Klaus, dem bekennenden Stoiker. Er eilte nach vorne. Auch ich sortierte mich zusammen und aus dem Fenster. Wir mussten ganz dringend die Polizei anrufen und ein Warndreieck aufstellen und… Stellte man in England Warndreiecke auf? Bestimmt. Und wir mussten… Der Fahrer des BMW stieg aus und auch Thorsten erwachte aus seiner Erstarrung. „Shit, ich spreche doch so schlecht Englisch.“ Damit war dann klar, wer den Job bekam, mit dem BMW-Fahrer zu sprechen. Diesmal konnte ich mir kein Seufzen verkneifen, als ich mich aus meinem Sitz schälte. „Bitte bleibt ruhig! Und bleibt sitzen!“ Thorben machte schon anschalten, die Bustür hinten mit dem Notschalter zu öffnen. „Es geht allen gut?“ Ein einhelliges Nicken war die Antwort. „Okay. Ihr bleibt hier!“ Karl-Oskar hing schon am Handy und telefonierte mit seiner Mutter. Das konnte ja heiter werden. Falls wir an diesem Tag noch London erreichten, durfte ich nachher bestimmt eine Stunde mit Frau Kleinschmitt telefonieren und sie beruhigen. Sie hatte ihren Augenstern sowieso schon so ungern mitfahren lassen, da er ja so sensibel war und die anderen immer so gemein zu ihm waren.
Ich nahm noch mein Handy mit und stieg dann aus dem Bus. Der BMW-Fahrer lehnte an der Leitplanke und deutete mir, einen Moment zu warten, während er telefonierte. Wie es schien, hatte er schon die Polizei an der Strippe. Ein Blick auf den BMW zeigte, dass Thorsten gleich noch eine Nobelkarosse demoliert hatte. Na ja, wenigstens war der Unfall dadurch vermutlich recht glimpflich verlaufen. Schluckend sah ich zu dem Fahrer des Wagens, der vermutlich nicht so glücklich darüber war, von einem deutschen Reisebus fast von der Straße geschubst worden zu sein.
Es hatte eine Sonnenbrille auf der prägnanten Nase, trug Hemd und Jeans und schrie Upper Class. Na toll…
Endlich beendete er das Gespräch. „Die Polizei ist auf dem Weg.“ Ich nickte schwach. „Es tut mir leid“, rutschte mir heraus. „Unser Busfahrer hat leider etwas Probleme mit dem Linksverkehr.“ „Das habe ich gemerkt“, kam es trocken von ihm. Sein Blick wanderte hoch zum Bus, in dem die Schüler an den Fenstern klebten und zu uns runterstarrten. Kristin macht gerade ein Selfie von sich vor der Unfallkulisse. Vermutlich wanderte es direkt online. Ich zucke innerlich zusammen. „Klassenfahrt?“ „Ja.“ Ich holte tief Luft. „Äh, mein Name ist übrigens Franziska Schuhmacher. Ich bin die begleitende Lehrerin.“ „Angenehm, auch wenn die Umstände gerade nicht so erfreulich sind.“ Er reichte mir die Hand. „Dominic Darcy.“ Sein Händedruck war relativ fest. „Und Sie sind auf dem Weg nach London?“ „Ja, wenn wir heute noch da ankommen.“ „Bestimmt. So schlimm war der Unfall ja jetzt nicht.“ Zum Glück schien er das Ganze mit Humor zu nehmen. Ich wäre nicht so fröhlich gewesen, wenn meine 150 000 Euro solche Schrammen davon getragen hätten.
Wir führten noch artig etwas Small Talk, bis endlich die Polizei kam, die Unfallstelle richtig abriegelte und alles zu Protokoll nahm. Mit zwei Stunden Verzögerung und dem schicken neuen Schrammenlook unseres Busses konnten wir dann schließlich die Weiterreise antreten. Als wir in London ankamen, war es kurz nach 19 Uhr und die Stimmung im Bus war inzwischen grundlegend schlecht. Sie sollte auch beim Anblick des Hostels, das ich gebucht hatte, nicht besser werden.

„FRAU SCHUHMACHER! MEIN BETT HAT OMINÖSE FLECKEN!“ (Celeste Mariella) „Frau Schuhmacher, meine Mutter will sie sprechen.“ (Karl Oskar) „Frau Schuhmacher, hier sind ein paar kesse Französinnen, können die auf unser Zimmer?“ (Hendrik und Enis) „Unser Zimmer stinkt, Frau Schuhmacher. Das ist bestimmt einer drin gestorben. Das würde auch die Flecken an der Wand erklären.“ (Kira)
„Hui, Franziska, das Hostel war aber ein Griff ins Klo.“ (Klaus, Kollege) „Das wird alles ganz super. Es gibt so einen Gemeinschaftsraum. Wir können die Gruppendynamik ganz toll verstärken.“ (Raphaela, Referendarin)
Das alles führte dazu, dass ich, nachdem alle Schüler in ihren Zimmer verstaut waren, erst einmal den Sainsbury um die Ecke ansteuerte und mir ein großes Cadbury Milk Tray kaufte. Hey, das war immer noch besser als Alkohol oder Zigaretten.

Das Schlimme war, ich musste den Schülern ja Recht geben, das Hostel war eine Katastrophe. Nur war durch unser beschränktes Budget nicht viel möglich gewesen. Und so dreckig, wie Kira behauptete, war es nun auch nicht. Ich hatte mir schon vorher die Bewertungen im Internet angeschaut und im Punkte Sauberkeit waren die bei 80 Prozent gewesen. Zum Glück hatte ich meinen leichten Baumwollschlafsack dabei…

Wenigstens lag es idyllisch. Unweit von den Kensington Gardens an der Bayswater Road. Müde ließ ich mich auf eine Parkbank sinken und riss die Verpackung meines Milk Trays auf. Gleich würde ich zurückgehen, aber nach dem Telefonat mit Frau Kleinschmitt (Ja, Karl-Oskar geht es wunderbar. Nein, Hendrik hat ihn noch nie kopfüber in eine Toilette gesteckt. Wirklich? Aber das war doch in der sechsten Klasse. Hendrik ist jetzt viel reifer.) hatte ich mir eine Auszeit verdient. Und hey, ich saß praktisch vor dem Haupteingang, wenn einer versuchte zu türmen, dann sah ich das zumindest von hier. Raphaela hatte sich bereits in ihr Privatzimmer zurückgezogen und Klaus hatte sich vorhin auch erst mal beim Sainsbury eingedeckt. Er hatte aber statt auf Schokolade auf Bier gesetzt. Ich schob mir ein Stück Schokolade in den Mund. Das war der Himmel in Schokoladenform. Ich liebte London, aber ohne meine eigenen Schüler mochte ich es noch viel lieber. Dann wäre ich nun in meinem üblichen Hotel, würde wahrscheinlich einen Rotwein trinken….
Plötzlich setzte sich jemand neben mich.
„Müssen Sie nicht Schüler hüten?


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