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Zwölf zarte Zeichen

von Wayfarer
GeschichteAbenteuer / P12 / Gen
OC (Own Character)
10.05.2015
19.07.2015
8
10.669
 
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10.05.2015 924
 


Praios - Adelsherrschaft


aus dem Bornischen übertragen und aufgezeichnet von Harkin Oygenthan, 992 BF

Unser Bronnjar war nicht so schlimm. Ehrlich, viele hatten es da ganz anders getroffen, die vom Aljonow Sergej zum Beispiel. Der hackte denen nen Finger ab für jede verfehlte Abgabe, erst dem Vater, beim nächsten Mal der Mutter und dann den Kindern. Irgendwann hatten alle nurnoch 9 Finger und wer dann immernoch nicht alle Abgaben machte, bei dem ging die Runde von vorne los. Bei uns gabs nix dergleichen. Unser Bronnjar liebte die Jagd und die Pferdezucht, oh, und Windhunde hatte er auch. Ziemlich ungewöhnlich für Sewerien. Du hattest keine unmenschlichen Abgaben und er ließ dich in Ruhe deine kleine Scholle bewirtschaften und deinen Meskinnes trinken.
Außer, es ging um Heirat. Dann kuppelte er, wies ihm so passte, verpaarte eine Köchin mit nem Grobschmied und nen Stallknecht mit der Magd, wenn er dachte, dass da gute Kinder rauskommen. Bis ich 16 war, hatte ich davor Ruhe, dann wollte er mich auch verkuppeln. Da bin ich abgehauen.

Eigentlich wusste ich schon immer, dass ich zu Großem bestimmt bin, ich hatte das im Gefühl. Weißt du, dieses Gefühl, nicht ganz hierher zu passen, hier zu versauern und es weit bringen zu können, wenn du nur die Gelegenheit hättest. So eine Unruhe und Sehnsucht, die dich von innen heraus auffrisst. Du sehnst dich einfach danach, abzuhauen.

Es war das erste Mal seit ich mich erinnern konnte, dass überhaupt jemand vor ihm abgehauen ist. Bei den andern gabs solche Geschichten zuhauf. Meistens wurden die armen Leute wieder eingefangen, und beim Aljonow Sergej kamen dann gleich nochmal zwei Finger weg. Ein Wunder dass die da überhaupt noch arbeiten konnten, so ohne Finger. Bei uns war das Leben eigentlich gut, daher blieben immer alle.
War ziemlich einfach, also das Weglaufen. Ich kannte mich gut mit Kräutern und Pflanzen und so aus, darum haben sie mich oft in den Wald geschickt zum Suchen. Diesmal bin ich einfach nicht wiedergekommen. Ich mein, ich musste nicht packen – hatte ja eh nix, das ich hätte mitnehmen können – und wenn ich Kräuter suchen war, dann rechneten meine Eltern schon damit, dass ich erst am Abend zurückkomme. Wenn man früh morgens losläuft, kann man es im Laufe eines Sommertages schon echt weit bringen.
Einfach nach Süden, denn da, so viel wusste ich nämlich, lag Festum. Die große Stadt, das Ziel, das es sich anzustreben lohnte. Wer ein Jahr und einen Tag dort lebte, war frei. Festum, das war meine Bestimmung, dort konnte ich es zu was bringen.

Eigentlich fühlte es sich gar nicht so besonders an, wegzulaufen. Die Sonne schien und der Wald grünte, alles duftete und ich hörte die Vögel, als ich so da lang lief, nicht auf den Wegen, sondern quer durch den Wald. Diesen Teil des Waldes kannte ich noch gut, da war ich häufig unterwegs. Mittags machte ich an nem kleinen Bach halt, trank und suchte mir ein paar Pflanzen zum essen. Beeren gab es um diese Jahreszeit auch schon reichlich. Die nächste Jagd war, soweit ich wusste, erst für in ner Woche geplant, daher musste ich noch nichtmal Angst haben, dem Bronnjaren oder seinen Leuten zu begegnen.

Ich ging einfach weiter nach Süden und sang ein paar Lieder, vor allem Abschiedslieder. Natürlich habe ich meinen Eltern und Geschwistern nicht Lebwohl gesagt. Sonst hätten sie ja gewusst, dass ich gehen wollte, und das hätten sie verhindern wollen. Daher bin ich einfach so gegangen und ich fragte mich, wie sie es aufnehmen würden. Papa war sowieso resigniert. Bestimmt war er heut Abend wieder zu besoffen um zu merken, dass ich weg war. Mama merkte es natürlich und machte sich Sorgen, ob mir was passiert war. Oh, ich hätte meinen Tod vortäuschen können... Egal, zu spät. Die besten Ideen kamen immer erst nachher. Wenn ich in drei Tagen noch nicht wieder da war weinte sie vielleicht ein bisschen und passte sich dann schnell daran an, nurnoch vier statt fünf Mäuler zu stopfen zu haben. Meine Geschwister am Bronnjarenhof bekamen es sowieso erst in ein paar Tagen mit, und die andern beiden, die noch auf unsrer Scholle lebten, waren immer zu alt gewesen, um was mit mir, Nachkömmling, was anfangen zu können. Also, keine großen Probleme zu erwarten. Daher sang ich munter Abschiedslieder vor mich hin, während ich weiter lief, immer weiter.
Irgendwann kannte ich das Gelände nicht mehr, schließlich blieb ich sonst innerhalb von einer halben Tagesreise. Da war dann schon so ein bisschen das Gefühl von Aufregung, Abenteuer dabei, aber ich glaube, das redete ich mir nur ein, weil ich mir eine Flucht irgendwie ...ereignisreicher vorgestellt hatte. Andererseits war es ja gut, dass sie mich nicht verfolgten, oder noch nicht. Die Richtung einfach beizubehalten war jetzt nicht so ein Problem für mich, also ging ich weiter.

Als die Praiosscheibe schließlich untergegangen war und es im Wald schon richtig dunkel wurde, richtete ich mir mir Tannenzweigen ein bequemes Bett, geschützt von einem umgefallenen Baum. Als ich so die nächtlichen Geräusche – das Rauschen der Bäume, und vor allem die Tiere: Wildschweine und was da sonst noch so grunzte und schmatzte und rumlief und schrie – hörte, wurde mir zum ersten Mal richtig bewusst:
Jetzt war ich frei. Oder naja, auf dem Weg dorthin, wo ich frei werden konnte. Aber ich war auf dem Weg, mich von der Herrschaft zu befreien, mein eigener Herr (meine eigene Frau, wie auch immer) zu werden. Weg vom Bronnjaren, fort von der Herrschaft und Unterdrückung! Auf dem Weg in ein freies Leben.
Ein Waldkauz schrie, und ich schlief ein.





Beitrag zum Projekt Im Zeichen der Zwölfe.
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