Die Folgen einer Entscheidung

GeschichteDrama, Romanze / P18
Christine Daaé Erik - das Phantom der Oper
10.05.2015
18.10.2017
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Hallo!

Hm, manchmal glaube ich, ich schreibe zu viele Geschichten auf einmal... Aber najaaa, was raus muss muss raus. ;)
Schön, dass ihr hier gelandet seit! Diese Geschichte existiert schon eine ganze Weile auf meinem Pc und ist auch schon recht fortgeschritten - und ich dachte, ich lade sie jetzt mal hoch. ^^
Als Anmerkung: Das hier wird definitiv eine ErikxChristine Geschichte (die beiden sind wohl mein Traumpaar) auch wenn es noch nicht wirklich so beginnt... Lasst euch also überraschen! ;)
Und bevor jemand fragt: Ich richte mich nach dem Musical und nach Susan Kay - es wird also eher ein Mischmasch aus beidem. Elemente aus beiden Versionen werden zu finden sein. Ich hoffe, das ist in Ordnung :)
So, genug gelabert! Die Geschichte beginnt gegen Ende des Final Lairs...  Ich hoffe es gefällt euch! Und hinterlasst mir doch einen ersten Eindruck in Form eines Reviews - Ich würd mich freuen!

Liebe Grüße <3
Jojo



Christine konnte sich nicht länger auf den Beinen halten. Ihr war, als würde der schwere Stoff ihres Kleides sie nach unten ziehen. Das kostbare Weiß breitete sich um sie herum aus, als sie auf die Knie fiel. Die Stimmen der beiden Männer hallten noch in der Dunkelheit wieder, doch sie schienen weit fort. Beide redeten gleichzeitig auf sie ein, beide zwangen sie zu einer Wahl... Sie wusste nicht mehr, was hier gerade geschah. Es kam ihr alles vor wie ein dunkler Albtraum. Sie spürte, dass sie weinte, die Tränen tropften auf ihr weißes Kleid. Sie konnte nur geradeaus sehen. Sie konnte den leblosen Körper des Mannes erkennen, mit dem ihr Verlobter hergekommen war. Ein älterer, orientalisch aussehender Herr mit eigenartige Akzent. Sie dachte daran, wie Erik ihn mit einem Schlag zu Boden gebracht hatte. Sie saß da und dachte darüber nach, ob dieser Mann tot oder lebendig war, während Raoul hinter ihr mit dem Lasso rang, um sein Leben kämpfte, und vor ihr der Mann tobte, dem sie alles zu verdanken hatte. Sie hob den Blick und blinzelte die Tränen fort. Eine Welle von Gefühlen überkam sie, als sie sein entstelltes Gesicht sah. Kein Ekel, keine Abscheu... Nur Wut, Angst und Enttäuschung... Sie war verraten worden.
„Engel“, flüsterte sie. Ihre Stimme war schwer und heiser. „Blindlings habe ich dir vertraut...“
Plötzlich herrschte Stille um sie herum. Der Mann vor ihr sah auf sie hinunter. Einen Moment wirkte er erschrocken. Sie wusste, wie verzweifelt er war, doch das waren die Taten eines Wahnsinnigen. Das war nicht ihr Engel!
Ihren Engel hatte es nie gegeben. Das war nur ein Mann. Nur Erik. Das hatte sie schon lange begriffen, und doch tat es immer noch weh. Wie sehr hatte sie einen Freund gebraucht, und wie naiv war sie gewesen! Sie hatte zugelassen, dass er ihre Trauer schamlos ausnutzte, hatte sich nicht gewehrt. Sie war schuld. All das war ihre Schuld. Niemand von ihnen hatte das verdient.
Christine schluchzte auf. Hinter ihr rief Raoul ihren Namen. Sie schloss die Augen, um seine Qualen, die er nur wegen ihr durch litt, aus ihren Gedanken zu verbannen. Doch es wollte ihr nicht gelingen.
„Meine Geduld ist am Ende“, erklang da die Stimme, die sie so gut kannte. Die sie verehrt und geliebt hatte, die sie gebraucht hatte. Und jetzt? Was war aus dieser Stimme geworden? Sie öffnete die Augen und sah ihn an, der einmal ihr Engel und Freund gewesen war. Er war näher als erwartet. Hätte er eine gehabt, hätte seine Nase fast die ihre berührt. Christine konnte nicht anders, sie zuckte zurück. Sofort blitzten Eriks seltsame, ungleiche Augen verletzt auf, doch seine Stimme war hart und kalt.
„Entscheide dich.“
Gott bewahre! Er verlangte tatsächlich eine Entscheidung. Egal wie sehr sie bitten, egal wie sehr sie flehe und weinen würde, er würde nicht nachgeben, das wusste sie. Die Tränen flossen weiter.  „Das kannst du nicht von mir verlangen“, flüsterte sie.
„Entscheide dich!“, wiederholte er. Seine Stimme, deren melodischer Klang ihr trotz der Situation einen wohligen Schauer den Rücken hinunter jagte, klang in den Katakomben wie tosender Donner. Beeindruckend, beängstigend, aber doch auf eine seltsame Weise schön...
Sie verstand, dass er nicht bei sich war, dass er vielleicht den Verstand verloren hatte und gar nichts für seine Taten konnte, doch das machte es nicht besser. Wie könnte sie jetzt eine Wahl treffen? Wie könnte sie, ausgerechnet sie, diese Bürde auf sich nehmen? Sie war nur ein junges, dummes Chormädchen, sie wusste nichts von der Welt! Wie könnte sie über ein Leben entscheiden? Über Raouls Leben!
Raoul, der augenscheinlich seine Stimme wiedergefunden hatte.
„Christine! Christine! Ich flehe dich an, sag nein!“ Der verzweifelte Ruf wurde gefolgt von einem Husten.
Nein sagen? Die Wahl treffen? Die Freiheit wählen - und Raouls Tod in Kauf nehmen! Raoul, den sie liebte, der sie liebte und immer beschützt hatte... der wehrlos gewesen war gegen den Wahnsinn des Phantoms. Wie könnte sie ihn so verdammen? Nichts auf der Welt war seinen Tod wert, noch nicht einmal ihre Freiheit, ihr eigenes Leben. Er hatte versucht, sie zu retten, und hatte versagt. Jetzt war sie an der Reihe.
Sie suchte eine Möglichkeit, eine Rettung, doch ihr Kopf war leer. Es waren nur drei Wörter, die sie sagen müsste, und Raoul wäre gerettet. Sie wusste, Erik hielt seine Versprechen. Es gab keinen anderen Weg für Raoul. Keinen anderen Weg für sie alle. Christine graute es davor, diesen Weg zu gehen, doch hatte sie eine Wahl? All die Monate schwebend in der Musik, all die Monate in Furcht, alles war auf diesen einen Moment hinaus gelaufen. Christine hatte nie eine Wahl gehabt.
Sie hob den Blick, um Erik anzusehen. Er hatte sich von ihr abgewandt, wartete auf ihre Entscheidung. Wartete auf sie. Christine traf ihre Wahl und sie zerbrach innerlich in tausend Stücke.   Ihr Leben war vorbei. Es sollte sie nicht kümmern, doch das tat es. Sie hatte fürchterliche Angst. Doch sie müsste nur diese drei Worte über die Lippen bringen und Raoul wäre frei. Ihr armer, lieber Raoul. Sie liebte den jungen Vicomte, doch sie würde ihm das Herz brechen müssen. Er würde leiden müssen, um zu leben. Ohne sie zu leben.
War sie zu nichts anderem gut? Erik hatte sie schon das Herz gebrochen, wegen ihr hatte er getötet und gemordet, und was hatte sie getan? Hätte sie doch schon viel früher nach gegeben! Was war schon ihr Leben gegen die Leben all der Menschen, die Erik getötet hatte. Für sie, wie er immer wieder gesagt hatte. Für sie... Raoul hatte immer bedingungslos zu ihr gehalten, hatte alles getan um sie aus den Fängen dieses Mannes zu befreien. Und wohin hatte das geführt? Zu noch mehr Leid, und noch mehr Schmerz, und noch mehr Tod. Jetzt lag es an ihr, das alles zu beenden. Vielleicht könnte sie es ein wenig wieder gut machen.
Aber diese drei verfluchten Worte standen ihr im Weg. Ihr eigener Wille stand ihr im Weg. Alles stand ihr im Weg. Doch sie müsste es nur übers Herz bringen, die Wahl auszusprechen, die sie schon getroffen hatte... Viel fehlte dazu nicht mehr. Es war nicht schwierig. Alles, was danach kam, würde schwierig werden, aber diese Worte auszusprechen war beinahe erschreckend leicht, solange sie ihre Bedeutung weg sperrte und nicht an sich heran ließ.
Also tat sie es.
„Ich liebe dich“, sagte sie. Ihre Stimme klang leblos in ihren Ohren. Erik hob den Kopf, sah sie aber nicht an. Doch sie sah, wie er bei ihren Worten zu zittern begann. Und sie wusste, dass er ihr glaubte, wenigstens in diesem Moment. Er glaubte ihr wirklich. Was für ein grausames Spiel trieb sie hier! Raoul schrie hinter ihr verzweifelt auf. „Und ich verspreche, ich bleibe bei dir“, sagte sie. Ihr wurde übel, wenn sie daran dachte, was das bedeutete.
Erik wandte sich um und sah sie an. Seine Augen schienen groß und leuchtend in ihren Höhlen. Sie erkannte, dass er andere Worte von ihr erwartet hätte. Zorn durchströmte sie. Er hatte gedacht, sie würde ihm Raoul aus liefern, um sich selbst zu retten. Da zeigte sich, wie wenig er von Liebe verstand.
„Mach ihn bitte los“, sagte sie zu ihm. Sie bemühte sich um Ruhe, doch ihre Stimme zitterte dennoch.
Erik blieb eine ganze Weile reglos stehen. Sie konnte förmlich sehen, wie er versuchte, ihre Worte zu begreifen. Fast konnte sie Rauch von seinem Kopf aufsteigen sehen. Am liebsten hätte sie gelacht und sich auf dem Boden zusammengerollt, umgeben von dem weißen Hochzeitskleid. Doch stattdessen wurde ihr nur schlecht und weitere Tränen stiegen in ihr auf.
Sie fing Eriks Blick auf, der offenbar mit sich haderte, und er schien zu verstehen. Mit schnellen, ruckartigen Schritten ging er an ihr vorbei zu Raoul hinüber und durchtrennte das Lasso. Der Vicomte ging zu Boden. Christine zwang sich dazu aufzustehen und stolperte zu ihm hinüber. Erik entfernte sich von ihnen, als sie neben ihrem Verlobten ebenfalls auf die Knie fiel, als wollte er ihnen einen Augenblick des Abschieds gewähren.
„Oh, Raoul“, wisperte sie und strich durch sein Haar. Raoul, der langsam wieder zu Atem kam, sah sie entsetzt und erschrocken an.
„Christine... Noch ist es nicht zu spät, noch kannst du.. Du musst...“ Er hustete wieder, packte sie aber an den Schultern und sah sie eindringlich an. „Geh“, bat er sie inständig. „Kümmer dich nicht um mich...“
Sie schüttelte den Kopf. „Du gehst“, sagte sie leise. „Du musst gehen. Es ist schon gut...“
„Du verlangst, dass ich dich allein lasse? Allein mit diesem Monster?“
„Er wird mir nichts tun.“ Sie klang überzeugter, als sie sich fühlte.
Raoul sah über ihre Schulter hinweg Erik an, und plötzlich stand er auf und wollte sich auf ihn stürzen. Doch Christine hielt ihn mit aller Kraft, die sie aufbringen konnte, zurück. „Nein! Mach es nicht noch schlimmer. Lass ihn. Geh!“
„Sie hören, was sie sagt, Monsieur“, erklang Eriks bedrohliche Stimme. Christine versuchte, seine Anwesenheit zu vergessen, und küsste Raoul ein letztes Mal. Der Kuss war viel zu schnell vorbei, doch Raoul schien danach nachgegeben zu haben. Resignierend und traurig blickte er sie an und sie sah die Angst in seinem Blick.
„Geh“, sagte sie noch einmal.
„Es wird alles gut“, sagte Raoul leise. „Ich verspreche es dir.“ Er hob ihre Hand an die Lippen und küsste fest ihre Fingerspitzen.
„Das hast du schon einmal gesagt“, hauchte Christine.
Es schien, als würde Raoul innerlich zerreißen, jedenfalls sagte das sein Blick. Doch er löste sich von ihr. Und plötzlich war er fort.
Als Raouls Schritte verhallten, wurde Christine bewusst, dass es vorbei war. Raoul war frei. Und sie war...
Wieder wurden ihre Knie weich und knickten ein. Sie sank zu Boden und vergrub das Gesicht in den Händen. Etwas in ihr wollte nicht glauben, dass Raoul wirklich gegangen war. Hatte er sie wirklich allein gelassen, einfach so? Würde sie ihn je wieder sehen? Vielleicht würde sie niemanden je wieder sehen. Womöglich wäre der einzige Mensch, den sie je wieder zu Gesicht bekommen würde, Erik. In was für einen Albtraum war sie da nur geraten?
Sie hatte ihr Leben verspielt, um Raoul zu retten. Raoul war gerettet worden. Nun musste sie mit den Folgen ihrer Entscheidung leben. Oder aber mit den Folgen sterben. Das lag jetzt allein in Eriks Hand.
Sie kannte diesen Mann nicht mehr. Sie fragte sich, ob sie das je getan hatte. Sie wusste, wie weit er im Stande war zu gehen für das, was er wollte. Aber er hatte doch bekommen, was er gewollt hatte, er hatte sie bekommen. Letztendlich. Doch was würde er jetzt mit ihr anstellen? Würde er sie tatsächlich heiraten?
Heiraten! Christine würde Erik heiraten müssen. Seine Frau werden. Sie fürchtete sich vor nichts so sehr wie vor dem, was eine Ehe mit ihm mit sich ziehen würde. Sie war nicht sicher, ob er so weit gehen könnte. Sie wusste nur, dass sie ihm nichts entgegen zu setzen hätte, so schwach und hilflos wie sie war. Er könnte ihr ohne Schwierigkeiten seinen Willen aufzwingen. Es würde nicht all zu lange dauern, bis er ihren Willen gebrochen hatte. Genaugenommen hatte er das ja schon getan. Doch wie weit würde er tatsächlich gehen? Würde er sich rücksichtslos nehmen, was er begehrte?
Sie glaubte es fast.
Christine schluchzte auf. Es war vorbei. Doch sie hatte das Gefühl, dass von nun alles noch viel schlimmer werden würde, jedenfalls für sie. Doch vielleicht könnte sie wenigstens dafür sorgen, dass die restliche Welt Ruhe vor dem Phantom der Oper hatte.
Plötzlich spürte sie eine Hand an ihrer Schulter. „Christine... Du solltest nicht auf dem kalten Boden sitzen bleiben, du erkältest dich noch...“
Christine schlug Eriks Hand weg und wich vor ihm zurück. Erik sah sie händeringend an und sie blickte – immer noch weinend – zu ihm auf. Begriff er denn nicht, dass eine Erkältung gerade ihre letzte Sorge war? Als sein Blick dem ihren begegnete, sah sie wieder all das Leid der Welt in seinen Augen. Doch ihr Mitgefühl war fürs Erste verstummt.
„Ich hoffe, du hast bekommen, was du wolltest“, sagte sie tonlos. Erik öffnete den Mund, sah dann aber nur stumm zu Boden. Er wirkte wie ein Junge, der nach einem Streich seine Strafe erwartete.
„Bist du jetzt glücklich?“, fragte sie. Sie wusste, dass sie sich in Gefahr brachte, doch es war ihr gleich. Sie wurde wütend. „Jetzt, wo du mich gewonnen hast als wäre ich ein Preis? Jetzt, wo mein Schicksal endgültig in deinen Händen liegt?“ Er reagierte nicht und wich weiterhin ihrem Blick aus. „Erik! Ich spreche mit dir.“ Vermutlich machte sie sich lächerlich mit ihrer kindischen Wut, doch es brachte ihr eine eigenartige Genugtuung ihn so zu sehen.
Er hob den Blick. Sie sah, dass seine Augen feucht waren. Oh nein! Sie könnte es nicht ertragen, ihn weinen zu sehen. Tränen über seinen Totenschädel laufen zu sehen. Nicht jetzt! Mitleid war nichts, was ihr hier helfen konnte, und er hatte es nicht verdient... Also sperrte sie es wieder fort.
„Was willst du hören, Christine?“, fragte er. Seine schöne Stimme hatte noch nie so traurig geklungen.
„Sag du es mir“, erwiderte sie leise. Nach einer Weile wandte Erik den Blick wieder ab. Christine raffte die weißen Wellen aus Stoff um sich herum zusammen und erhob sich. Erik wollte ihr auf helfen, doch wieder wich sie seinem Griff aus. „Fass mich nicht an“, fauchte sie. Erik schreckte erschrocken von ihr zurück.
Christine schluchzte erneut und wischte sich über die Augen. Doch sie glaubte inzwischen nicht mehr, dass ihre Tränen je versiegen würden.
Sie wollte nur noch fort. Fort von diesem Ort, fort von Erik, der sie ansah wie ein geprügelter Hund. Am liebsten hätte sie ihn an den schmalen Schultern gepackt und wach gerüttelt, bis ihm klar würde, was er getan hatte. Was er ihr angetan hatte. Doch sein Anblick verriet ihr, dass er das schon lange wusste.
„Wir müssen uns verstecken“, sagte Erik schließlich.
Auch Christine hörte die Rufe des Mobs, der unter die Erde gestiegen war, um das Phantom zu finden und zu töten. Plötzlich kamen Gedanken in ihr auf, die sie selbst erschreckten. Sie könnte schreien, könnte ihren und Eriks Aufenthaltsort verraten und sich retten. Doch sie konnte ihn nicht ausliefern. Sie wollte nicht zu lassen, dass die aufgebrachten Leute ihn in ihrer Wut töteten, die seinem Wahnsinn gleich kam. Sie wollte sich nicht mit seinem Tod retten, sie konnte es nicht. Genauso wenig wie sie sich mit Raouls Tod hatte retten können.
Plötzlich war sie einfach nur noch müde. Ihr Wille und ihre Wut verließen sie und ließen sie als schwaches Kind zurück. Es war zwecklos, sich zu wehren. Zwecklos, sich noch einmal aufzubäumen. Sie hatte verloren, hatte ihr Leben verloren, und sie konnte nichts dagegen tun. Sie schloss die Augen und nickte.
Und wieder umschloss Eriks kalte Hand ihr Handgelenk. Er zog sie mit sich. Sanfter jetzt, nicht so wild und schmerzhaft wie vor wenigen Stunden, als er sie hier hinunter gebracht hatte. Sie wusste, er ging vorsichtig mit ihr um. Christine stolperte fast über den fremden Mann, der versucht hatte, Raoul und ihr zu helfen. Sie versuchte über die Schulter noch einen Blick auf ihn zu erhaschen, zu erkennen, ob er atmete... Doch es gelang ihr nicht. Erik führte sie schnell in sein Haus.
Christine kannte sein Haus. Sie wusste, wo die Küche war und sein Schlafzimmer und der Salon. Sie war oft genug hier unten bei ihm gewesen und hatte sich seine Geschichten erzählen lassen oder mit ihm gemeinsam gesungen. Sie trauerte diesen Tagen nach. Wäre sie nur nicht so dumm gewesen! Sie hätte alles viel früher beenden können. Raoul wäre nie da hineingezogen worden.
Jetzt ließ sie sich blindlings führen, bis sie in den Schatten verschwanden. Sie begriff gerade noch, dass Erik sie in einen Geheimraum geführt hatte. Sie hörte, wie er die schwere Tür, die sich vermutlich nicht von der restlichen steinernen Mauer unterschied, hinter ihnen schloss. Einen Moment stand sie im Dunkeln, doch dann erhellte eine Kerzenflamme Eriks entstelltes Gesicht. Er sah sie nicht an, Christine war noch nicht einmal sicher, ob er sich ihrer Anwesenheit überhaupt noch bewusst war. Er entfernte sich. Eine Kerze nach der anderen entbrannte in der Dunkelheit. Bald erhellte Kerzenlicht den Raum, den Christine bald als Schlafzimmer erkannte.
Sie erschrak und wich zurück bis an die Wand. Was hatte er nur vor? Wollte er es etwa jetzt schon tun? Sie glaubte, sterben zu müssen vor Angst.
„Die Tür führt zu einem Bad“, sagte Erik tonlos. Er hatte anscheinend ihre Angst bemerkt. Unterschwellige Wut klang in seiner Stimme mit. Jetzt erst bemerkte Christine die Tür, als er auf sie deutete. „Benutze es, wenn du magst, und ruh dich aus. Ich komme später wieder, wenn sie weg sind.“
Damit ging er auf sie zu. Christine trat sofort mehrere Schritte zur Seite. Erik öffnete die Tür, indem er einen für sie unsichtbaren Mechanismus betätigte, und dann war er verschwunden. Ohne sie noch einmal anzusehen. Die Wand schloss sich wieder.
Christine begriff, dass das kein Versteck war. Es war ein Gefängnis, eigens für sie geschaffen. Sie sank auf das Bett und starrte mit aufgerissenen Augen ins Nichts.
Sie spielte mit dem Gedanken, es tatsächlich zu tun. Ein Ende machen. Im Bad würde sie gewiss etwas finden, womit sie es tun könnte. Dann könnte sie all dem Leid, das unweigerlich auf sie wartete, entgehen. Erik würde zurück kommen, um sie mit sich zu nehmen, und würde nur ihren Körper vor finden. Denn wollte er das nicht? Ihren Körper? Sie glaubte nicht mehr, dass er sie tatsächlich liebte. Er begehrte sie nur, war besessen von ihr. Das war ein himmelweiter Unterschied.
Sie könnte es tun. Der Tod wäre vermutlich eine Erlösung. Doch die Angst hielt sie davon ab. Selbstmord war für sie immer etwas gewesen, das nicht in Frage kam. Etwas Furchtbares, Unaussprechliches war es, sein eigenes Leben zu beenden. Genauso schlimm wie Mord, und Christine hatte nie einen Mord begehen wollen.
Wenn sie hier unten sterben würde, dann wohl nur durch Eriks Hand. Diese Möglichkeit bestand tatsächlich, was ihr furchtbare Angst bereitete.
Sie wusste, sie würde kein Auge zu tun, wenn sie sich jetzt schlafen legte. Doch sonst gab es nichts zu tun. Sie musste warten. Warten, bis Erik wieder kam und zeigte, was er mit ihr vor hatte. Bis dahin konnte sie nur hier bleiben und die Angst aushalten.
Christine stand auf und zog das Kleid aus. Das war reichlich schwierig. Sie erinnerte sich daran, wie Erik ihr vor Stunden beinahe mit Gewalt das Kleid zugeschnürt hatte. Ein wenig zu fest hatte es gewesen, weshalb ihr das Atmen immer noch schwer fiel. Jetzt den Knoten zu lösen, den Erik gebunden hatte, war nicht einfach. Doch als das Kleid schließlich zu Boden glitt, ging das mit einer unglaublichen Erleichterung einher. Christine trat zitternd aus dem Kleid heraus. Sie machte sich nicht die Mühe, im Badezimmer Toilette zu machen, sondern kroch direkt in das große Bett. Sie wickelte die Decke um sich und rollte sich darunter zusammen. Die Flammen der Kerzen malten grausame Schattenspiele an die Wände. Christine sah Bilder darin, die sie nicht sehen wollte. Sie wusste, wenn sie jetzt einschlief, würden sie Albträume jagen. Doch damit würde sie wohl leben müssen.
Sie wusste nicht, was jetzt zu tun war. Wie sollte sie mit Erik umgehen, wie auf ihn reagieren? Er war unberechenbar. Jeder Schritt, jedes Wort von ihr könnte ihren Untergang bedeuten. Sie würde sich seinem Willen beugen müssen, wie sie es immer getan hatte.
Ihre Gedanken wanderten zu Raoul. Wo er jetzt wohl war? Was tat und dachte er jetzt? Hoffentlich war er in Sicherheit. Würde er jemandem sagen, wo Christine war, wo Erik war? Wahrscheinlich nicht, denn sollte Erik das erfahren, wäre Christine in höchster Gefahr. Aber Raoul würde kommen und sie retten. Früher oder später. Er hatte es schließlich versprochen.
Das Spiel war noch nicht vorbei. Doch Christine wusste bereits, wer als Gewinner daraus hervor gehen würde. Und das war weder sie noch Raoul.

͏҉      ͏҉      ͏҉


Auf der anderen Seite der Wand stand Erik noch in dem dunklen Gang. Sein Atem ging schwer und seine Augen waren weit aufgerissen. Das schwarze Haar fiel ihm ins Gesicht.
Was hatte er getan?
Er wusste es nicht. Ihm war, als wäre er in den letzten Stunden ein anderer gewesen. Als hätte er keine Kontrolle über das gehabt, was er getan hatte. Er erinnerte sich noch, wie er mit seinem Engel auf der Bühne gestanden hatte... Und er erinnerte sich, wie sie ihm die Maske abgerissen hatte.... Doch danach? Danach war nur Schmerz und Leid und Qualen, die er er verursacht hatte. Er wusste genau, was geschehen war, doch es schien ihm, als hätte er es nur aus der Ferne betrachtet. Dabei war er es gewesen, er selbst, der heute ein weiteres Mal dem Wahnsinn verfallen war.
Er hatte Christine – Christine... Der Name hallte in seinen Gedanken wieder. Er legte seine Hand auf den kühlen Stein vor ihm. Da hinter war sie. So nah... Und doch so weit entfernt wie nie.
Erik wich zurück. Er hatte sie zu einer Wahl gezwungen. Hatte ihr mit dem Tod ihres Verlobten gedroht und sie so ins Verderben getrieben. Er hatte sie zu einer Lüge gezwungen. Ja, er wusste, dass es eine Lüge gewesen war... Sie liebte ihn nicht. Warum sollte sie auch? Aber diese Worte aus ihrem Mund zu hören, mit ihrer süßen Stimme, an ihn gerichtet... War das nicht mehr als er sich je erhofft hatte? Mehr als er verdient hatte war es allemal.
Er hätte sie gehen lassen sollen. Er hätte sie fortschicken sollen. Mit ihrem Geliebten hätte sie fliehen und glücklich werden sollen... Ohne ihn...
Doch nein, Erik hatte es nicht getan. Wieder einmal hatte er die falsche Entscheidung getroffen. Und jetzt war es zu spät... Erst einmal. Das redete er sich ein. Ein wenig Zeit, ein paar Tage in Hoffnung würde er sich gewähren. Ihr würde es an nichts fehlen. Er würde dafür sorgen, dass es ihr gut ging. Und wenn er sie ab und zu ansehen dürfte in den nächsten Tagen, dann wäre das genug für ihn.
Die Rufe der Männer, die ihn jagten, rissen ihn aus seinen Gedanken. Es fiel ihm schwer, sich von dieser Wand zu entfernen, hinter der Christine sich befand und atmete und lebte. Doch er tat es und verschwand mit schnellen Schritten in den Schatten seines Reiches. Von einem Versteck in der Nähe des Seeufers sah er zu, wie seine Verfolger sein Haus entdeckten. Er sah zu, wie zwei von ihnen seinen Fallen zum Opfer fielen. Einer trat die Tür zu seinem Haus ein und sie strömten hinein wie Ratten, die ein neues Heim bezogen.
Heiße Wut kochte in Eriks Brust, doch er verharrte in seinem Versteck und rührte sich nicht. Und die Männer fanden nichts. Fanden ihn nicht und fanden Christine nicht. Doch sie fanden Nadir, den Daroga, den er einmal seinen Freund genannt hatte. Dieses Recht hatte er jetzt wohl verloren. Einer der Männer trug ihn auf der Schulter hinaus. Erik wusste, dass er noch lebte. Er hoffte, er würde ihn nie wieder sehen. Hoffte es für den Perser.
Die Männer tobten eine Weile in seinem Haus herum, richteten wahrscheinlich eine Menge Unordnung an, doch schließlich gingen sie wieder. Resignierend und doch hastig stiegen sie wieder in ihre Boote und fuhren über den See davon. Bald war es wieder still in den Katakomben. Sofort verließ Erik sein Versteck und ging ins Haus. Er sah sich wütend um. Er würde später aufräumen müssen. Christine sollte dieses Chaos nicht zu Gesicht bekommen.
Christine...
Er ging in den dunklen Gang, der zu dem Zimmer führte, das er eigens für sie hergerichtet hatte. Er wusste, sie könnte nicht dort bleiben, doch ein sicheres Versteck war auch für sie nötig gewesen. Natürlich könnte sie später in das Zimmer ziehen, in dem sie schon mehrere Male genächtigt hatte. Er würde sie gewiss nicht immer hinter der Geheimtür wegsperren wie ein Tier. Bald stand er vor dieser Tür. Er zögerte noch, doch dann schob er den schmalen, vermutlich für jedes andere Auge unsichtbaren Riegel beiseite. Es klackte und er konnte die Tür öffnen. Leise betrat er das Zimmer, in dem immer noch die Kerzen brannten, die er für Christine angezündet hatte.
Er ließ die Tür hinter sich offen. Er konnte sich nicht rühren, als er Christine auf dem Bett liegen sah. In die Decke gewickelt, zusammengerollt wie ein Kind lag sie da. Die dunklen Haare hatten sich auf dem Kissen ausgebreitet, ihre Brust und Schultern hoben sich in tiefen, gleichmäßigen Atemzügen. Wie paralysiert stand er da, bis er sich ihr schließlich langsam näherte. Er sah auf sie hinunter. Ihr Anblick ließ sein Herz in seiner Brust höher und schneller schlagen. Wie schön sie war! In der Tat wie ein Engel... Sein Engel...
Er konnte nicht anders, er streckte die Hand aus und berührte ihre Wange. Sanft streichelte er über die weiche Haut. Wie sehr er sie doch liebte! „Oh, Christine...“, flüsterte er. „Verzeih mir...“ Er entschuldigte sich für alles, was er ihr angetan hatte, obwohl er doch wusste, dass das nie genug sein würde. Seine Hand zuckte zurück, als ihm bewusst wurde, dass sie diese Berührung in wachem Zustand niemals zulassen würde. Er zwang sich dazu den Blick von ihr abzuwenden. Schamesröte stieg ihm in die eingefallenen Wangen. Er wusste nicht, was er hier tat. Wie konnte er ihr das antun? Er war es nicht wert, sich ihr auf diese Weise zu nähern. Er war sie nicht wert.
Erik trat vom Bett zurück. Er bemerkte das Hochzeitskleid, das neben dem Bett auf dem Boden lag. Vorsichtig hob er es auf und hängte es ordentlich in den Schrank. Er sah Christine nicht noch einmal an, bevor er den Raum verließ und die Tür wieder hinter sich schloss.
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